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Die sieben Weiber des Blaubart

Ludwig Tieck: Die sieben Weiber des Blaubart - Kapitel 22
Quellenangabe
typenarrative
booktitleSchriften, Achter Band
authorLudwig Tieck
year1828
firstpub1797
publisherG. Reimer
addressBerlin
titleDie sieben Weiber des Blaubart
pages160
created20130527
sendergerd.bouillon@t-online.de
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Ein und zwanzigstes Kapitel.

Peter geht auf Abenteuer aus.

Es war nun der Tag gekommen, an welchem Adelheid mit ihrem Bräutigam, dem Ritter Löwenheim, verheirathet werden sollte. Es war ein großes Fest in den Dörfern angestellt, und Löwenheim wollte mit einem fröhlichen Zuge die Braut von ihrem Landsitze abholen, und sie so dem seinigen zuführen, der nicht weit davon lag. Bernard hatte alle Anstalten und die Gelegenheiten auskundschaftet, und gab von Allem seinem Freunde, dem Blaubart, sichere Nachricht.

Peter zog mit einer gerüsteten Mannschaft aus und legte sie in den Hinterhalt, er selbst kletterte auf einen hohen Baum, der die Gegend übersah, um das Brautpaar zu erwarten.

Hier sitze ich nun wie ein Vogel in den hohen Lüften, sagte Peter, wie ein Jäger, der auf Raub ausgeht, und nachher mit seiner Beute fröhlich nach Hause kehrt. Ich wiege mich in den Wipfeln, und warte auf ein Abenteuer. Wahrlich, Bernard hat Recht, wenn er sagt, daß ein solches Leben mehr werth ist, als jenes andere ruhige. Wie schön ist es, wenn man so hoch sitzt und über viele Sachen 201 hinwegsehn kann, die einem sonst im Wege sind. Mich wundert, daß die Vögel nicht deswegen eine sehr stolze Nation werden, weil sie in ihrem Fluge gar nicht die Irrthümer begehn können, in denen wir auf unsern Reisen immer leben.

Ueber solche Gedanken schlief Peter oben ein und merkte es nicht, daß sich der Zug der Neuvermählten näherte.

Es war ein heller, warmer Frühlingstag, und Löwenheim zog jetzt mit seiner Braut durch den sonnenbeglänzten Wald, in dem Nachtigallen lieblich sangen und Finken aus ihren Nestern schrieen. Voran gingen Spielleute mit fröhlichen Schalmeien, Flöten und Waldhörnern, geputzte Dorfleute folgten mit Tänzen und einigen geschmückten Gästen. Die Heiterkeit leuchtete auf allen Gesichtern, und Alle überließen sich der Fröhlichkeit, als plötzlich Peters Hinterhalt hervorbrach und unter die musicirenden und singenden Hochzeitleute hineinstürzte. Alle waren erschrocken, Alle kamen in Verwirrung, es entstand ein großes Geschrei, Viele entflohen, Löwenheim setzte sich zur Wehr. Ueber das Getöse erwachte Peter oben im Baum, er kletterte schnell hinunter, da er den Krieg wahrnahm, und sprang und fiel in das Gefecht hinein, wo es am hitzigsten war. Peter bemächtigte sich sogleich der Adelheid, und eilte mit ihr fort, er setzte sie auf ein Pferd und nahm den Weg nach seinem Schlosse. Löwenheim bemerkte anfangs im Gewirre den Verlust seiner Braut nicht; aber kaum vermißte er sie, als er einen Knecht vom Pferde stieß und dem Räuber nacheilte. Peter hatte sich auf einer Wiese, nicht weit von einer Schäferhütte gelagert, um die ermüdete und 202 aus ihren Sinnen geschreckte Adelheid rasten zu lassen. Löwenheim stürzte auf den Blaubart zu und es entstand ein hartnäckiger Kampf, in dem anfangs der Bräutigam zu unterliegen schien; aber dieser raffte alle seine Kräfte zusammen und überwältigte endlich Petern, dieser fiel unter einem heftigen Blutverlust zur Erde. Löwenheim nahm seine Geliebte und führte sie zurück; unterwegs aber traf er auf einige von Berners Knechten, mit denen er kämpfen mußte. Plötzlich senkte sich während des Getümmels ein dunkler Schatten vom Himmel nieder und schwebte wie eine leichte Wolke immer näher und näher zur Erde hinab, wickelte sich um Adelheid wie ein Gewand, und sie verschwand darin in dem blauen Himmel.


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