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Die sieben Weiber des Blaubart

Ludwig Tieck: Die sieben Weiber des Blaubart - Kapitel 18
Quellenangabe
typenarrative
booktitleSchriften, Achter Band
authorLudwig Tieck
year1828
firstpub1797
publisherG. Reimer
addressBerlin
titleDie sieben Weiber des Blaubart
pages160
created20130527
sendergerd.bouillon@t-online.de
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Siebenzehntes Kapitel.

Peters Gespräch mit Bernard.

Nach meinem Urtheil ist es in vielen Rücksichten ein übles Gewerbe, Schriftsteller oder Schallspieler zu seyn. Kein Mensch fragt nach der Stimmung, in der sich der spielende oder schreibende Mensch befindet; 185 sondern er muß den Gang fortgehn, der ihm vorgeschrieben ist, die traurigsten Sachen darstellen, wenn er fröhlich, die lustigsten, wenn er schwermüthig seyn möchte. Wenn ein Romanenschreiber in dem genau berechneten Plane seines Werkes eingespannt liegt, und sich, wie ehemals Trenk aus dem Magdeburger Gefängnisse, schon zur Hälfte durchgearbeitet hat, und nun nicht weiter kann; wenn er fortfahren muß witzig zu seyn, und es ist ihm ein Unglück begegnet, oder er hat sich gerade an Witz erschöpft, oder er möchte gern einen pathetischen Schriftsteller nachahmen; man denke sich die schreckliche Lage eines solchen Mannes, der nun weder vor-, noch rückwärts kann! Er hat Alles motivirt und begründet, er hat sich alle Mühe gegeben, die Ver- und Entwickelung zu präpariren, er hat zu seiner eigenen Qual einen höchst scharfsinnigen und durchdachten Plan ersonnen, von dem er nun nicht abweichen darf, ohne sein vortreffliches Werk zu verderben – und doch kann er die Stimmung, die Lust, den Muth nicht wiederfinden, mit dem er es bis dahin geführt hatte. So wie der Mensch einer Situation überdrüßig werden kann, die sonst sein höchster Wunsch gewesen war, so kann ihm auch ein Buch fatal werden, das er mit dem größten Eifer zu schreiben angefangen hatte.

Sind deswegen wohl jene liebenswürdigen Schriftsteller zu verachten, die sich niedersetzen und schreiben, um ganz Deutschland zu unterhalten, und dabei nicht ein Jota eines Plans im Kopfe haben? Sie machen sich aus ihrer Arbeit einen Spatziergang durch Blumen, durch schattige Wälder und sonnige Ebenen, sie amüsiren sich selbst über ihre Schreiberei, und 186 verwundern sich mehr, als der Leser, über die eintretenden Vorfälle. Ihre Erfindungen gehn unmittelbar vom Kopfe auf's Papier, sie machen vorher keine Skizzen ihres Werks, keine Studien, die sie nachher ausführen, sondern ein Wort giebt das andre, ein Held lockt den andern hervor, und der deutsche Leser liest es und freut sich, er kümmert sich eben so wenig um die regelgerechte Pedanterie, als der Verfasser, genießt eben so ohne Nachdenken, das ihn nur stören würde, und ist mit sich und dem Dichter sehr zufrieden.

Ist es einem Menschen, der sich bilden möchte, daher wohl zu verdenken, wenn er sich diese Leute als Muster vor die Augen stellt, und ihnen ohne weitere Umstände nachahmt? Ich bin aufrichtig genug, zu erklären, daß ich es so gemacht habe, und darum habe ich mir eben unter so vielen tausend Geschichten, die ich nehmen konnte, gegenwärtige ausgesucht, weil sie meinem Humor am besten zusagte. Charaktere treten auf und verschwinden wieder schnell, ohne daß sie die närrische und lästige Prätension machen, daß man sie genau beibehalten und durchführen soll; denn der scharfsinnige Leser wird es ohne Zweifel wohl von selbst verstanden haben, daß Jakobine nunmehr auch umgekommen ist; und wenn ich nicht über jeden Todesfall die Glocken läuten lasse und den Leser dadurch zu einer viel zu großen Rührung und Theilnahme zwinge, so muß der Leser mir eben darum manchmal auf mein Wort, ohne weitere Umstände glauben, daß der und jener gestorben sey. Denn so sind auch schon manche Leute, die ich nicht namhaft gemacht habe, in den Fehden umgekommen, die Peter immer glücklich zu Ende führt.

187 Ich muß den Leser versichern, daß mir wirklich die Geschichte an manchen Stellen zu grausam wird; denn ich habe auch so ein närrisches Ding von weichgeschaffenem, edelmüthigem Herzen in mir. Aber ich stecke nun einmal in der Erzählung, die zwar mannigfaltig genug ist, dabei aber doch immer Mord und Todtschlag zur Hauptsache macht. Wenn man sich niedersetzt, ein solches Buch auszufertigen, so interessirt den Schreiber der Gegenstand, ohne daß er es sich deutlich denkt, was eigentlich das Umkommen seiner Personen alles auf sich habe; jetzt ist es zu spät, und ich muß mich nun schon gefaßt machen, alle die Rührungen zu überstehn, die ich in diesem Buche noch zu erleben habe. Wenn ich es nur dahin bringe, daß der Leser sich Exempel nimmt, spiegelt und in diesem oder jenem Puncte bessert, so will ich meine Haut gerne dran setzen und alle die Erschütterungen nicht achten, die etwa noch vorfallen dürften. Der Leser hat es darum sehr gut und bequem, weil ich das Wichtigste immer auf mich nehme und den besten Theil des Pathetischen vertusche: solches geschieht aus bloßer Liebe gegen den Leser, damit auch schwächliche und nervenkranke Personen ohne Nachtheil ihrer Gesundheit diese Geschichte lesen und verstehen mögen.

Peter war sehr verdrüßlich und ging im Walde auf und ab, als ihm nach langer Zeit wieder einmal der alte Zauberer Bernard begegnete. Bernard freute sich, ihn zu sehn, und fragte ihn dann, ob er zufrieden sey.

Gar nicht, antwortete Peter.

Ihr seyd selber Schuld, sagte Bernard, ich betrübe mich, so oft ich an Euch denke. Eure 188 Lebenszeit vergeht, es geschieht nichts, und ich hatte so große, so übergroße Dinge mit Euch vor. Ich hatte Euch zum Helden einer wunderbaren, fast unglaublichen Geschichte auserlesen; Alles, was Alexandern, Cäsarn, Hannibaln und die übrigen schon einzeln groß machte, hatte ich in Euch vereinigt, daneben war Euer Leben mit den interessantesten Verwickelungen angefüllt, Eure Liebe ging mit Euren großen Thaten immer Hand in Hand, und in Eurer Geliebten hatte sich die höchste Schönheit und der größte Geist vereinigt. Ich wollte Euch dann Episoden interessanter Nebenpersonen herbeischaffen, die Euch als Hauptperson noch mehr emporhöben; ich habe auch aus dieser Ursach mit einigen Rittern Bekanntschaft gemacht, die dazu gut genug taugen, aber nun habt Ihr mir das ganze Concept verdorben, und ich möchte darüber in Verzweiflung fallen.

1) Seyd Ihr an Euch selbst ein uninteressanter Charakter, der keine hervorstechende Seiten hat und keinen Leser besonders anziehn kann. Doch davon kann man mir die meiste Schuld beimessen, denn ich hätte in der Wahl des Helden etwas vorsichtiger seyn sollen.

2) Habt Ihr Euch mit Eurer Beschützerin erzürnt, und Ihr habt nun gleichsam keinen festen Grund, auf dem Ihr fußen könnt. Eure Geschichte wird nimmermehr einen recht brillanten Schluß bekommen können. Daran seyd Ihr selber Schuld.

3) Seyd Ihr einfältig und habt gar einen blauen Bart. Ich frage Euch um's Himmels willen, wo Ihr dergleichen in Eurem Leben gehört, oder auch nur gelesen habt. Ihr dürft mir Friedrich mit der gebissenen Wange nicht anführen, denn ein Biß in 189 der Wange ist von einem blauen Barte immer noch sehr verschieden, und dient nur dazu, jenen Mann individuell, nicht aber komisch zu machen. Er ist auch außerdem bei weitem nicht so dumm, als Ihr es seyd. Das sind sehr wichtige Unterschiede, mein Freund, auf die Ihr etwas mehr Acht geben müßt. Auch den Dummkopf Hasper a Spada könnt Ihr mir nicht einwerfen, denn es kommt bei der Gelegenheit doch viel vor von den Brückenketten, vom Burgverließ und so weiter, wovon aber bei Euch nimmermehr die Rede ist.

4) Nehmt Ihr gar nichts Merkwürdiges vor, Fehden und immer Fehden, lauter unbedeutende Kleinigkeiten, um die sich kein Mensch bekümmern möchte. Ihr thut nichts Großes, Ihr rettet Niemand das Leben, Ihr besteht keine große Gefahr, Ihr begeht nichts Eigenthümliches, Ihr seyd nicht im mindesten originell.

5) Ist gar keine Einheit in Eurer Geschichte, und das ist einer der schlimmsten Vorwürfe, die man Euch machen kann. Ihr werdet mir einwenden, daß man dasselbe von vielen Helden des Alterthums sagen könne, wie z. B. von dem unbekannten Buche: Hiero und seine Familie. Ihr müßt aber so gut seyn, zu bemerken, daß hier im Titel schon die ganze Entschuldigung liegt, daß man den Verfasser eben so wenig, wie eine alte Muhme anklagen könne, die nicht bei Einer Person stehn bleiben können, wenn sie uns versprechen, von einer ganzen Verwandtschaft Nachrichten zuzutragen. Dabei müßt Ihr nicht vergessen, daß dieses Buch mehr geschrieben ist, daß Fürsten sich darnach bekehren und bessern, als daß es von 190 unfürstlichen Lesern gelesen und verstanden werden soll. Eine gleiche Absicht hat die Bibliothek, die uns der Verfasser des Marc-Aurel mitgetheilt hat, und Ihr dürft daher diesen Helden so wenig als den Theodot oder Gelon anführen, um mir beweisen zu wollen, daß der Hauptheld ein Dummkopf seyn dürfe. Steift Euch auch nicht auf den Joseph in den Pyramiden, denn dieses Buch enthält eine geheime Geschichte und so viele Anspielungen, daß man es schwerlich verstehn wird; dieser Joseph kann kaum von seinen Brüdern wieder erkannt werden. Wenn Ihr mir aber einige Personen des Veit Weber einwenden wollt, so weiß ich Euch darauf freilich nicht zu antworten; nur halte ich es immer für gefährlich, wenn Ihr Euch nach denen bilden wollt. – Also, mir ist es gar nicht recht, daß Eure Weiber kommen und verschwinden, man weiß nicht wie; das müßt Ihr Euch abgewöhnen.

6) Seyd Ihr ein grausamer, roher Mensch, ein unmoralischer Charakter. Legt diese Untugenden ab; denn ich will Euch nur zu bedenken geben, in welche Gefahren Ihr Euch dadurch muthwillig stürzt. Ich will gar nicht einmal davon sprechen, daß Ihr als ein edlerer Mensch zufriedner leben würdet und bei andern mehr Interesse erregen, sondern ich will Euch nur auf die bekannte poetische Gerechtigkeit aufmerksam machen, die es gewiß am Ende erfordern und verlangen wird, daß Ihr zum Nutzen der Moralität auch umkommt. Vor dem Tribunal gilt kein Apelliren, und selbst ich, ja sogar Eure ehemalige Beschützerin, könnten Euch davon nicht erretten; denn thäte ich es auch, so fiele die ganze Schmach der verletzten poetischen Gerechtigkeit auf mich, und es wäre ein 191 Glück für mich, wenn ich selber der Todesstrafe entginge. Bessert Euch, bessert Euch, es ist die höchste Zeit. –

Ihr kommt mir fast närrisch vor, erwiederte Peter verdrüßlich, laßt mich mit meinem Lebenslaufe in Ruhe.

Mit nichten, sagte Bernard hitzig, denn Ihr müßt wissen, daß Ihr kein gewöhnlicher Mensch seyd; Ihr seyd gleichsam ein abstracter Begriff, eine Vereinigung und Mixtur, aus allem dem zusammengesetzt, was man an den übrigen Menschen wahrnimmt. Denkt Ihr denn, mein Freund, daß Ihr ein unidealisches Leben führen dürft? Ihr werdet mich am Ende dahin bringen, daß ich Euch mit Gewalt zum Anders- und Besserseyn zwinge, so wie es dem Attila ergangen ist, der auch so ein Starrkopf war, wie Ihr seyd; derselbe ist in seinem eigenen, fast ganz dialogisirten Leben in ein reines Vernunftprinzip verwandelt, zum Warnungsexempel und Schrecken für alle ähnliche eigensinnige Bösewichter.

Haltet Ruhe mit Eurem Geschwätz, sagte Peter erzürnt, ich weiß so nicht, wo mir der Kopf steht.

7) Fuhr Bernard ungestört fort, taugt das Zauberwesen in Eurem Leben gar nichts, es grenzt gar zu sehr an's Kindische und Abgeschmackte. Aber Ihr seyd Schuld daran, weil Ihr die Fee böse gemacht habt, so daß nun gewiß keine interessante Geistererscheinung weiter auftritt.

Peter wandte sich stillschweigend um, und wollte nach Hause gehn, aber Bernard hielt ihn mit Gewalt zurück. – Nun, was hattet Ihr mir denn zu sagen? fragte er freundlich.

192 Herr Bernard, sagte Peter, ich höre alle Tage, daß alle Menschen sterben müssen; ist das wahr?

Nichts ist so sehr wahr, sagte der Alte. Alle sind bis jetzt gestorben, und es wird uns auch so ergehn.

Aber wir sind doch noch nicht todt, fuhr Peter fort, wir können ja also nicht wissen, ob mit uns nicht eine Ausnahme gemacht wird.

Verlaßt Euch darauf nicht, rief Bernard aus, denn es ist äußerst unwahrscheinlich.

Also Ihr meint nicht, daß unser eins davon käme?

O, das ist ja eine Narrenhoffnung.

Es ist aber doch schrecklich, so zu sterben. Nicht sowohl, weil ich mich vor dem Tode fürchte, als daß ich es gerade seyn soll, der sterben muß, es thut mir nur um meine Person leid.

Ihr fangt an, toll zu werden, sagte der Alte ergrimmt, so daß freilich meine Warnung sehr unnöthig war, daß Ihr Euch vor den Tollen hüten solltet.

Nein, versteht mich nur recht, sagte Peter, versteht's nur so, wie ich es meine, so ist es ein ganz verständiges Ding. Seht, man sagt das Wort Tod oft, man spricht oft vom Sterben, und giebt den ganzen Satz zu; aber man denkt nie daran, was, was er eigentlich zu bedeuten hat. Wenn ich in der Nacht allein bin, und mir fällt es auf's Herz, daß das Wesen, das so dicht an mir im Bette liegt, das eben Niemand, Niemand anders ist, als ich, daß dieses in die feuchte, kalte Erde soll eingegraben werden, von Wandrern zerstampft, von Würmern zernagt; daß ich da liegen soll, wo keine Sonne zu mir kömmt, wo ich keine Trompete und kein Siegsgeschrei mehr 193 höre; wo Menschen über mir sind, die mich nicht kennen, und von denen ich nichts weiß, – bedenkt einmal, ob mir dann nicht Alles soll jämmerlich und verächtlich vorkommen, was ich jetzt thue und worüber ich mich freue. Wenn ich denn doch einmal sterben muß, warum sterb' ich nicht jetzt? Warum ward ich nur je geboren? Was wollen sie mit mir, daß ich so in die Welt hineinkam, und daß ich mich nun ablebe, und es denn doch irgend einmal aus und ganz vorbei ist? Seht, darin liegt eben kein Menschenverstand, und das macht mich so betrübt. Wenn Ihr es überlegt, daß im ganzen Menschenleben kein Zweck und Zusammenhang zu finden ist, so werdet Ihr es auch gern aufgeben, diese Dinge in meinen Lebenslauf hineinzubringen.

Wahrhaftig, Du hast Recht, sagte Bernard, und Du bist wirklich verständiger, als ich dachte.

Ich bin vielleicht klüger als Ihr, sagte Peter, ich lasse mir nur selten etwas merken.

So wäre also, sagte Bernard tiefsinnig, das ganze große Menschendaseyn nichts in sich Festes und Begründetes? Es führte vielleicht zu nichts, und hätte nichts zu bedeuten, Thorheit wäre es, hier historischen Zusammenhang und eine große poetische Composition zu suchen; eine Bambocchiade oder ein Wouvermanns drückten es vielleicht am richtigsten aus.

Das kann wohl seyn, sagte Peter, aber helft mir doch gegen meinen Gram. Gebt mir irgend eine Medicin, die mir das kalte Grauen vertreibt, wenn ich manchmal meinen Körper betrachte; macht, daß ich meine Sterblichkeit vergesse und so leben kann, als wenn Heute immer Heute bleiben würde, als wenn 194 kein Morgen dahinter stände, und wieder ein zweites Morgen und so ein Tag dem andern die Hand gäbe, und mich endlich als einen Gefangenen dem letzten gräßlichen Tage überlieferte.

Eine Medicin dagegen? fragte Bernard verwundert. Ich sage Euch ja, daß diese Gemüthsstimmung Euren Verstand ausmacht, Euren Werth.

Hol der Teufel den Verstand! sagte Peter, er ist mir äußerst ungelegen. Ich merke, man kann in dieser Welt nicht dumm genug seyn, um fortzukommen.

Aber wolltet Ihr denn ewig leben? fuhr der Alte heraus.

Warum nicht?

O pfui, über die Unverschämtheit! Immer wieder und immer von Neuem durch unendliche Zeiten das alte Spiel zu beginnen, und nie, nie ein Ende zu ersehn! Wie nichtswürdig müßte der Mensch werden, wenn er nicht endlich von sich selber erlöst würde! – Lebt wohl, es ist mit Euch nichts anzufangen.

Sie schieden verdrüßlich von einander.


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