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Die sieben Weiber des Blaubart

Ludwig Tieck: Die sieben Weiber des Blaubart - Kapitel 16
Quellenangabe
typenarrative
booktitleSchriften, Achter Band
authorLudwig Tieck
year1828
firstpub1797
publisherG. Reimer
addressBerlin
titleDie sieben Weiber des Blaubart
pages160
created20130527
sendergerd.bouillon@t-online.de
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Funfzehntes Kapitel.

Jakobine von Strahlheim.

Peter erwachte am folgenden Morgen mit einem sehr schweren Kopfe, und der gestrige Abend schwebte ihm nur noch dunkel vor dem Gedächtnisse.

Sieh, sieh, sagte er zu sich selber, nun kommt ja mein Weiberunglück in den allerbesten Gang; der gestrige Abend ist die beste Vorrede dazu geworden. Ja wohl hatte Mechthilde Recht, daß sie sagte, alle Weiber taugten nichts, und alle könnten die verfluchte Neugier nicht lassen. Ich habe es ihr damals nicht glauben wollen, aber es scheint sich doch nun wahrhaftig zu bestätigen. Dafür aber will ich auch keiner Einzigen trauen, sey es auch, welche es wolle. Das Beste bei der ganzen Sache ist, daß ich niemals außerordentlich verliebt zu werden scheine, und daß mir deswegen das Abstrafen immer noch so erträglich leicht wird. Ich darf mich auf kein Weib verlassen, das der Neugierde Raum giebt, denn ich weiß es schon, daß dieses Laster immer alle übrigen nach sich zieht; ein lasterhaftes Weib aber ist ein Abscheu in meinen Augen. Wenn ich dem Schicksale entgehn könnte, so möchte ich viel lieber gar nicht wieder heirathen; aber es würde nichts helfen, ich würde trotz dem mit meinen Weibern unglücklich seyn, und darum will ich dem Fatum lieber so seinen Gang lassen.

Was hab' ich denn aber gestern im Kopfe gehabt, als ich drüben im Zimmer war? Wahrhaftig, die Zauberwelt muß mit mir ganz etwas Eigenes vorhaben, daß mir so sehr besondere Zufälle begegnen. 173 Wozu das Alles nutzen soll? Denn ich nehme doch keinen Zusammenhang und Menschenverstand darinnen wahr. Wenn ich nicht wüßte, daß Alles Zauberei wäre, so würde ich Alles platterdings nur für dummes Zeug erklären. So aber läßt sich mit dem Hexenwesen kein Spaß treiben, diese unsichtbaren Gewalten verstehn keinen Spaß, und nehmen Alles im äussersten Grade ernsthaft.

Welch' ein wundersames Gelüste befiel mich gestern nach dem Helme des alten Kriegsknechtes! Als wenn ich nicht selber Helme genug hätte, und gewiß bessere. Da kommen die Leute nun und sprechen immer, es gäbe ganz und gar nichts Unbegreifliches. Begreift mir einmal dies Alles zusammen, und Ihr werdet gewiß eine tüchtige Arbeit vor Euch finden. Ich bin aber doch neugierig, die Tapeten bei'm hellen Tage wieder anzusehn.

Er ging wieder nach dem Zimmer hinüber und stellte sich mit verschränkten Armen und aufmerksamen Augen vor die Wand hin. Wunderlich, fuhr er fort, daß ich diese Tapeten schon so lange habe, und sie bis dato noch nicht auf ähnliche Streiche verfallen sind. Ich bin zu einer Art von Vexiermenschen gemacht, dem alles Wunderliche begegnen muß, was sich für die übrigen ordinären Sterblichen nicht schicken würde. Aber der König David hat sich seit gestern, seit der Anstrengung recht verfärbt, er ist viel blasser geworden, und hier vom Mantel ist die rothe Farbe abgesprungen, Wenn das noch öfter vorkömmt, so verderben mir die ganzen Tapeten. – Still! Ich gerathe auf einen Gedanken. Das Wesen und dieser Unfug ist vielleicht das, was die Maler immer das 174 Leben in einem Gemälde nennen. Ich habe oft einen Narren sagen hören: das Bild ist, als wenn es einen anspräche, als wenn es so eben vom Tuche heruntersteigen wollte. Nun so sind dies hier ganz deliciöse Stücke, denn sie steigen wirklich herunter, die Figuren treten so sehr heraus, wie ich noch bei keinem niederländischen oder italiänischen Künstler wahrgenommen habe. Und dann muß auch jeder Halbkenner zugeben, daß diese Gemälde viele Haltung, ja die größte Kontenance von der Welt haben, daß sie sich wieder an Ort und Stelle zurückverfügen, nachdem sie vorher in aller möglichen Freiheit herumgeschwärmt sind.

So philosophirte Peter vor seinen Tapeten, und ward nicht müde, alle einzelnen Figuren genau zu betrachten. Denn so bekannt sie ihm auch waren, so waren sie ihm doch durch den gestrigen seltsamen Zufall ganz neu geworden, und er machte immer neue Entdeckungen, die ihm ungemein wichtig waren.

Der Helm des Soldaten, der gestern seinen Neid erregt hatte, hatte eben nicht viel Besonderes. Es war ein gewöhnlicher Helm, der vorn mit einem Adler verziert war, die hintere Seite konnte man jetzt nicht sehn, weil sie dermalen im Gemälde steckte. Peter konnte immer noch nicht begreifen, was er an dem Helme so Sonderliches hatte finden können, und sagte endlich: Seht, so kann man wieder zum Kinde werden, wenn man es am wenigsten denkt; die Kleinen greifen auch nach gemalten Figuren, und ich bin seit der unendlich langen Zeit auch noch nicht klüger geworden. Weisheit hin, Weisheit her, die alte Fee hat Recht, der Verstand der Menschen steht auf gar schwachen Füßen. –

175 Peter, der die Ruhe nicht vertragen konnte, durchstreifte nach dem Tode seiner Frau das Land weit und breit, um Abentheuer aufzusuchen. Es stieß ihm aber nichts auf, das der Erzählung würdig wäre, als daß er sich an einem Abend verirrte und auf der Burg des Ritters Strahlheim einkehren mußte.

Strahlheim war einer von den äußerst seltenen Rittern, einer von denenjenigen, die vielleicht in keinem einzigen der zu häufigen Ritterromane vorkommen und dort beschrieben werden. Denn er war klein von Person und dick, und mußte sich in der Jugend als Liebhaber ungemein lächerlich ausgenommen haben; jetzt aber war er in denen Jahren, in denen die Leute von selbst ehrwürdig sind, denn er war Vater, und eine seiner Töchter hieß Jakobine. Die Hauswirthschaft war wunderlich genug beschaffen, denn der Vater glaubte Alles allein zu regieren; und doch kümmerte sich im Grunde Niemand um ihn; er tadelte sich in manchen Stunden selbst über seinen zu großen Despotismus, und nahm sich vor, sich zu bessern; und doch ward er beständig von seinen Töchtern tyrannisirt, er mußte thun, was sie haben wollten, und sie bekümmerten sich nie um seine Einwilligung. Vor allen übrigen war Jakobine herrschsüchtig, und hatte den meisten Willen im Hause. –

Der Verfasser bittet sich die Erlaubniß aus, hier nur eine ganz kleine Anmerkung zu machen.

Ich bin nämlich in Gefahr, daß mir hier viele Leser viel zu viel Verstand und Scharfsinn zutrauen und nach ihrem eigenen Scharfsinne den ganzen Pfiff zu merken und mich ungemein gut zu verstehen glauben. Sie meinen nämlich im Stillen, ich 176 vertappe mich hier in die Allegorie hinein, und werde das Ganze nachher äußerst witzig, aber für die Staaten auch eben so gefährlich enden. Das Mädchen heiße natürlicherweise nicht umsonst gerade Jakobine, und man werde nachher schon gewahr werden, daß ich (der Verfasser nämlich) zu den hellen Köpfen gehöre, die u. s. w. – Andre Schriftsteller führen häufige Klagen, daß sie einen Leser haben, von dem sie nicht verstanden werden; ich klage im Gegentheil darüber, daß ich von dem meinigen viel zu gut verstanden werde. Wo ich zu denken aufhöre, fängt er sein rechtes Denken erst an, und macht es mir vielleicht eben dadurch möglich, im ganzen Buche geistreich zu bleiben, was ich gar nicht einmal anfangs gewünscht habe. Denn einem Buche, wenn es gefallen soll, sind die schlechten Stellen, (wenn man die Sache genau nimmt) eben so nothwendig, wo nicht nothwendiger, als die guten. Der Beweis ist leicht zu führen: Wir sehn es alle Tage, daß Bücher von allen Lesern mit der größten Begierde gelesen werden, die kaum zwei bis drei erträgliche Stellen aufzuweisen haben; daß im Gegentheil unsere klassischen Autoren, die vortrefflich sind, nur daß sie den Fehler haben, daß sie so gar nicht auf schlechte Stellen ausgegangen sind, ungelesen bleiben. So oft ich über Göthe's Werke urtheilen höre, wird es mir deutlich, ja die Menschen sagen es mir fast mit dürren Worten, wie sie sehr schlecht damit zufrieden sind, daß es durchgängig gut ist. Noch weit schlimmer ergeht es Richtern, in dessen Mondschein- und Zauberbüchern die Leser gerade die schönsten Stellen überschlagen und blos deswegen behaupten, Vieles in ihm sey geschmacklos, damit 177 sie doch für sich selber einen hinreichenden Grund auffinden, warum sie ihn lesen.

Uebrigens, um wieder auf meine eigentliche Materie zu kommen, so bekenne ich hier frei und offen, daß ich bei diesem unschuldigen Buche gar nichts Gefährliches im Schilde führe, daß es überhaupt wohl endlich Zeit wäre, daß die Leser der witzigen und unwitzigen Anspielungen überdrüßig würden. Ich muß immer darüber lachen, wenn ein Schriftsteller viel auf sich selber hält, wenn er es durch Schimpfen und hinlängliche Demokratie in seinen Büchern dahin bringt, daß ihn die arme unschuldige Lesewelt für einen gefährlichen Menschen erklärt. Die Leser wollen dadurch blos ausdrücken, daß sie sein übermäßiges Winken verstanden haben; da aber unter den Lesern selbst Niemand, wie bekannt, gefährlich ist, wie steht es denn da um seine eigene Gefährlichkeit? –

Peter verliebte sich bald in Jakobinen und ward von ihr eben so heftig wieder geliebt. Sie hatte von je das Seltsame dem Gewöhnlichen, das Einfältige dem Verständigen vorgezogen; beides fand sie in Petern vereinigt, ihr Herz flog ihm daher sogleich bei'm ersten Anblick entgegen. Peter machte seinen Antrag bei'm Vater, der aber viel dagegen einzuwenden hatte, und ihm endlich die Tochter gänzlich abschlug. Peter ward zornig darüber und klagte Jakobinen sein Unglück; diese gestand ihm schnell ihre Liebe, und eine zärtliche Umarmung beschloß die Unterredung.

Jakobine ging sogleich zu ihrem Vater, der eben von einem kleinen Schlummer erwacht war, weil er die meiste Zeit damit zubrachte, sich zu erholen, so wie einige Schriftsteller fast nichts als Nebenstunden 178 geschrieben und dabei eben nichts anders vorgenommen haben. Der Vater fing an:

Mein Kind, der fremde Ritter da hat so eben bei mir um Dich angehalten, aber ich habe Dich abgeschlagen, und ich denke, Du wirst mit meinem Willen zufrieden seyn.

Warum nicht, lieber Vater? denn Sie wissen ja doch am besten, was wir dienlich ist.

Natürlich, mein Kind, denn ich bin alt, ich habe Erfahrung, ich liebe Dich. Sieh, da kömmt bei mir Alles zusammen, weswegen ich Dein Glück am besten verstehn muß.

Was haben Sie aber gegen den Fremden?

Ich weiß nicht. Er gefällt mir nicht.

Er ist aber reich.

Ja, darin magst Du wohl Recht haben, das kann ich Dir in der That nicht abstreiten.

Er sieht gut aus.

So ziemlich, er sieht in der That ziemlich gut aus, wie Du da so eben sehr richtig bemerkt hast. Er sieht gut aus, das ist wahr, aber ich weiß doch nicht –

Was meinen Sie?

So ein gewisses Wesen hat er doch; der Bart da steht ihm nicht ganz gut, er hat ihn sich zu künstlich verschneiden lassen, so im holländischen Geschmack, den ich gar nicht liebe. Er kann nicht dafür, das ist freilich wohl wahr.

Er liebt mich.

Richtig, das hat er mir auch gesagt; das war just sein nämlicher Ausdruck.

Eine solche Parthie findet sich nicht alle Tage.

179 Darin magst Du auch wohl Recht haben.

Und ich liebe ihn ebenfalls.

Nein, mein Kind, hör' auf, mich zu bitten, denn es ist vergebens, da kann nun und nimmermehr etwas daraus werden. Schlage Dir diese unnützen Gedanken aus dem Sinne, oder, es thut mir sehr leid, aber im entgegengesetzten Falle muß ich das Vergnügen haben, Dir zu sagen, daß ich Dir meinen väterlichen Fluch gebe.

Gleich sind Sie mit dem Fluch bei der Hand.

Ja, wie soll ich Euch denn sonst bezwingen?

Aber, liebster Vater, sollten Sie denn mein Unglück wollen?

Gewiß nicht, Kind, gewiß nicht, da müßt' ich ja ein sogenannter grausamer Vater seyn; aber was den Ritter betrifft – –

Ich sterbe, wenn er nicht mein Mann wird.

So wird mir Deine Beerdigung sehr viel Umstände machen; bis jetzt ist noch aus unsrer Familie Niemand als eine Jungfer gestorben, und da Du die Erste wärst, so müßte es sehr prächtig dabei zugehn.

Ich sage Ihnen ja aber, daß ich nicht sterben will, sondern ihn heirathen, und durchaus will ich es, durchaus!

Also gänzlich durchaus? Da hilft keine Widerrede? Nun, liebe Tochter, hätte ich gewußt, daß es Dein ernster Wille wäre, so hätte ich Dir gleich meine väterliche Einwilligung gegeben, ohne weitere Umstände. Gieb Dich also nur zufrieden, Du sollst ihn haben, und ich will Dir auch meinen Segen geben.

Er segnete sie hierauf und fuhr dann fort: Ja, Du hast Recht, er ist ein vortrefflicher Mann; 180 ich hatte diese Parthie auch schon im Stillen überlegt, und es freut mich, daß Du so ganz als eine gehorsame Tochter meinem Willen gehorchest.

Wie konnten Sie aber so grausam seyn, mir sogleich mit Ihrem Fluche zu drohn?

Ich sehe es freilich recht gut ein, ich muß Anstalten treffen, mir diese verdammte Hitze abzugewöhnen, die mich immer so unvermuthet überrascht. Man ist nicht immer Herr über sich, mein Kind, aber ich will mich bessern, Du kannst Dich darauf verlassen, vergieb mir nur diesmal.

Sie umarmten und versöhnten sich völlig; die Verlobung der beiden Verliebten ward noch an eben dem Abend vollzogen. Der alte Strahlenberg ging vergnügt zu Bette und schlief sehr ruhig.

Jakobine hörte bald nach der Hochzeit auf, den Blaubart zärtlich zu lieben, aber an die Stelle der Liebe trat die Eifersucht. Es ist gar nicht nothwendig, daß derjenige, der eifersüchtig ist, auch liebt, so wie der, der wirklich liebt, nicht immer eifersüchtig ist. Sie quälte daher den guten Ritter unaufhörlich mit den Fragen: ob er sie auch wirklich liebe? Ob er ihr nicht ungetreu sey, oder noch werden könnte? Petern fielen diese Besorgnisse sehr zur Last, und er kam ihr am Ende mit seinen Betheuerungen der ewigen Liebe immer schon entgegen. Sie aber fragte jedesmal von neuem: Liebst Du mich auch wirklich?

Peter sagte unwillig: Theuerste Gemahlin, ich liebe Dich unaussprechlich, aber eben deswegen laß mich in Ruh, weil es mir fatal ist, beständig davon zu reden.

181 Aber ist es nicht Dein Scherz? Liebst Du mich so, wie ich es verdiene?

Ich scherze fast niemals, mit der Liebe vollends nicht, und daß ich Dich wirklich liebe, siehst Du ja daraus, daß ich Dich wirklich geheirathet habe.

Das ist eine schlechte Versicherung. Man sollte in jeder Stunde sein Herz fragen, ob es auch etwa noch nicht im Begriff sey, zu erkalten, denn nichts ist in der Seele des Sterblichen so zart und eben darum auch so vergänglich, als die Empfindung der Liebe. Man glaubt oft noch diesen schönen Gast zu beherbergen, wenn die kalte Gleichgültigkeit in unserm Herzen ihr Lager aufgeschlagen hat. Darum, überlege wohl, was Du sagst.

Ich kenne mich und rede nicht in den Wind.

Nun so wirst Du mir auch meine Bitte nicht abschlagen, an der mir so viel liegt.

Nenne sie.

Schaff' die Haushälterin ab, schaff' Mechthilden fort; denn wenn sie auch älter ist, als ich und Du, so kann ich sie doch nicht mit ruhigem Auge betrachten.

Peter versprach es, gerieth aber mit seinen Gedanken in große Verlegenheit, denn er fürchtete die Macht Mechthildens, die er schon hatte kennen lernen. Er glaubte, Jakobine würde mit der Zeit wohl ihrer Bitte vergessen, und es hernach überdrüßig werden, ihn öfter daran zu erinnern.

Durch diesen Zufall aber kam Peter seit langer Zeit wieder zum ersten Male darauf, Mechthilden genauer zu betrachten. Er erinnerte sich bei der Gelegenheit, daß sie einst seine Geliebte gewesen sey, und sie 182 fing an, ihm von neuem zu gefallen. Er sprach öfter mit ihr, er erinnerte sie an die ehemaligen zärtlichen Empfindungen, die sie für einander gehegt hatten, und der scharfsichtigen Jakobine entging kein Gespräch, kein Blick. Ja, als sie an einem Abend wahrnahm, daß der Ritter die Haushälterin küßte, konnte sie unmöglich ihren Zorn länger zurückhalten; sie beschloß, sich an Mechthilden zu rächen.

Die Rache bestand in jenem barbarischen Zeitalter selten, wie bei uns, in einer Verläumdung oder in einem verächtlichen Gruß, oder darin, daß man gar nicht grüßte, sondern jene Menschen in dem sogenannten Mittelalter (das daher auch für Romanenskribenten an interessanten Situationen sehr reichhaltig ist,) trieben gewöhnlich eine etwas handfestere Rache. Jakobine war nämlich ohne weitere Umstände fest entschlossen, ihre Nebenbuhlerin aus der Welt zu schaffen. Sie hatte bemerkt, daß man den lästigen Fliegen und Ratten Gift zu streuen pflegte, und wollte diese Gewohnheit auf die Haushälterin anwenden.

Mechthilde merkte bei aller ihrer Weisheit nichts von diesem Vorsatze, und Jakobine war heimtückisch genug, sich freundlich gegen sie zu stellen, um ihr jeden Argwohn zu benehmen; als sie aber an einem heißen Nachmittage über ihre Weinflasche ging, um nach den Regeln der Diät sich durch ein hitziges Getränk etwas abzukühlen, empfand sie bald schreckliche Schmerzen in der Brust. Peter kam zu ihr, sie zu besuchen, und erstaunte, da er sie krank fand. Mechthilde war im Begriff, den Geist aufzugeben, als sie sich zum Glück noch plötzlich auf kräftige Gegengifte besann, und sie eben so schnell mit ihren geschickten 183 Händen zubereitete. Sie trank sie gierig ein und rettete dadurch ihr Leben; aber ein anderes, weit größeres Wunder ging nun vor Peters Augen vor. Durch die Gewalt des Giftes, das nicht ganz gedämpft werden konnte, verwandelten sich alle Züge im Angesicht der Haushälterin, ihr Auge fiel zurück und wurde matt, ihre Wangen sanken ein, die Arme wurden dünne, sie wurde eine kleine, alte zusammengebogene Figur, mit einem Höcker auf dem Rücken und einer langen Nase.

Peter schlug zu wiederholten Malen vor Erstaunen die Hände über den Kopf zusammen und konnte sich in der Begebenheit gar nicht zurecht finden; Mechthilde besah sich stillschweigend im Spiegel, und brach dann seufzend in die Worte aus: O wie gerecht ist das Schicksal!


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