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Die sieben Weiber des Blaubart

Ludwig Tieck: Die sieben Weiber des Blaubart - Kapitel 14
Quellenangabe
typenarrative
booktitleSchriften, Achter Band
authorLudwig Tieck
year1828
firstpub1797
publisherG. Reimer
addressBerlin
titleDie sieben Weiber des Blaubart
pages160
created20130527
sendergerd.bouillon@t-online.de
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Zwölftes Kapitel.

Das Verbot.

Die Klagen Friederikens ermüdeten die Haushälterin Mechthilde sehr; sie suchte sie daher zu trösten, und sagte zu ihr in guter Absicht: Mein Kind, Du mußt diese Welt, in der wir leben, gar nicht für eine ordentliche, fertige Welt ansehen, in der wir uns nun auf- und abtreiben, und in der unser Bleiben eigentlich seyn soll; sondern unser ganzes Leben gleicht der eingesperrten Nachtigall, es ist ein ewiges Streben nach Freiheit und nach dem Gute, das wir nicht zu beschreiben wissen, und das wir mit unserer groben, unbeholfenen Sprache Glück benennen. Es ist daher unverständig, dieses Glück in diesem Gefängnisse zu erwarten; wir können höchstens nur davon träumen, und das sind unsre seligen Augenblicke, die sich aber immer von uns in einer scheuen Entfernung halten. Der Mensch wird darum geboren, um sich in das Entsagen einzulernen; die Kinder wimmern, die Männer seufzen, weil ihnen nichts recht ist, und noch der abgelebte Greis sucht aus den entferntesten, dunkelsten Winkeln seines Gedächtnisses Trostgründe hervor, um sich über sein Leben zu beruhigen. Was wir Leben nennen, ist nur Wunsch nach dem Tode, nach dem wir innerlich streben und uns geheimnißvoll darnach sehnen; aber äußerlich erschrickt wieder der arme Mensch vor dem schrecklichen Bilde, das sich ihm aus der Finsterniß entgegenstreckt. Drum müssen wir uns über Alles beruhigen; unsre Wünsche sind blos deswegen in uns, daß sie uns in einer lebendigen Thätigkeit 155 erhalten sollen, sie erfüllen sich aber nie, denn es wäre gerade so viel, als wenn man einen Traum im wirklichen Leben fortsetzen wollte. Trockne also Deine Thränen und laß der alten, gleichgültigen Mutter Zeit, die durch keine Klage gerührt wird, ihren Lauf, denn sie sieht sich auf ihrem Wege doch nicht nach den jammernden Menschenkindern um. Deine Seufzer verfliegen, Deine Thränen werden vertrocknen, Deine Leiden werden in Dir ersterben.

Du hast wohl nie gelitten, sagte Friederike.

Meinst Du denn nicht, daß ich gelebt habe? antwortete Mechthilde verdrüßlich. Ich habe geliebt, ich habe geweint, und Alles ist nachher doch nur wie ein albernes Possenspiel, indem die oft wiederholten Späße unser Ohr beleidigen. Damals hielt ich die Welt und das Leben für etwas Wichtiges, weil in mir das zarte Morgenroth der Empfindungen aufging, aber nun ist Alles versunken; ich kenne mich selber, und sehe auf meine Jugend wie auf eine gestorbene Freundin hin, von der die Zeit selbst die Liebe und die Erinnerung ausgelöscht hat. Ich mag über nichts trauern, nichts kann mich erfreuen; ich zucke über das wunderliche Gaukelwesen die Schultern und sehe, wie in jedem Menschen sich das alte Spiel wiederholt, und Jeder glaubt, nur in ihm sey es etwas Neues, es nehme in ihm seinen Anfang. Drum fange nur an, mit mir zu lachen, füge Dich in Deine Bestimmung, und gieb der Nothwendigkeit nach; daß es so seyn muß, sollte Dich beruhigen.

Eben das muß mich um so mehr niederschlagen, rief Friederike laut schluchzend aus. So kann mich denn nichts über meinen Jammer trösten? So 156 versteht denn das unerbittliche Schicksal nicht das Herz des Menschen? So leb' ich allein in einer dürren, ausgestorbenen Wüste, meine Liebe giebt sich mit Steinen und verbrannten Gesträuchen ab, meine unbegreifliche Sehnsucht geht nach dem giftigen Unkraut. Kein Klang, kein Gefühl antwortet mir, und das unverständliche Gesause dreht sich um mich herum, es nimmt mich mit, und läßt mich niemals wieder los; ich strecke die Hände nach Freundschaft aus, und es steht kein solches Wesen da. – O so kann ich ja nicht laut genug klagen, so giebt es ja keine Gebehrden der Verzweiflung, die es gehörig ausdrücken könnten, so möcht' ich mir mit diesem Dolche Luft machen und den nichtswürdigen Kerker zersprengen, so möcht' ich in Thränen zerfließen, und Augen und Leben hinwegweinen.

Du würdest einschlafen, antwortete Mechthilde kaltblütig, und nachher wieder eine stille Sehnsucht nach dem Leben empfinden, die Du Dir gerne nicht gestehn möchtest, die aber doch einmal in jedem Busen wohnt. Am meisten sollten wir darüber klagen, daß wir Menschen sind, daß wir uns nicht selber beherrschen, daß die kalte, todte Natur uns tyrannisirt, ja daß wir am Ende so nichtswürdig sind, diese Tyrannei heimlich zu lieben.

Ich will nicht, rief Friederike wüthend aus, ich will frei seyn! Ich will, sag' ich Dir!

Es kann seyn, daß Du es jetzt willst, sagte die Haushälterin; aber jetzt ist nicht immerdar, und kein einziger Augenblick hängt mit dem folgenden zusammen. Unser Wille wechselt; was wir jetzt selber sind, ist im nächsten Momente unser ärgster Feind, den wir verachten und hassen, und dann kehrt jenes Selbst 157 wieder zurück, und so wanken wir hin und her, ein ewiger Aprilwechsel.

Du bist ruhig, antwortete Friederike gelassener, und ich leide unaussprechlich; und doch möcht' ich nicht Du seyn. Ich glaube an die unwandelbare Dauer meiner Gefühle, und möchte darum meinen Schmerz nicht gegen Dein bestes Glück austauschen. In der höchsten Seligkeit bist Du einsam und verloren, und ich finde im Unglücke doch Gott, die Tugend und die Liebe als Gesellschafter. Dein Lächeln ist Finsterniß, aus meinen Thränen lächelt noch Sonnenschein hervor; meine Klagen lobpreisen noch das Schicksal, wenn Dein Dankgebet den Himmel lästert. Nein, Mechthilde, wenn ich auch älter werde, so werde ich doch nie so seyn, wie Du; das fühl' ich so lebhaft, wie ich meine Seele fühle. – Sollte mir aber dieser letzte Trost auch noch entgehn, o, so will ich es hier auf meinen Knien demüthig und inbrünstig vom Himmel erflehen, daß er mich jetzt in der kindlichen Unschuld meines Herzens hinwegraffe, daß er mich niemals älter und klüger werden lasse, um mich zu verachten und eine schöne Welt zu verhöhnen. Laß mich an die Liebe glauben, gütiges Schicksal, und sollte der schreckliche Gedanke wahr seyn, wie es nicht möglich ist, daß einst mein Herz in mir vertrocknen müßte, noch ehe ich todt bin; sollt' ich mich einst so trösten können, wie diese hier, o so laß sogleich im ersten Augenblicke einen schrecklichen Mordgedanken über mich kommen, daß ich, ohne zu wissen, was ich thue, dieses nichtswürdige Herz durchbohre.

Du schwärmst, sagte Mechthilde.

Ich weiß wohl, daß Ihr es so nennt, antwortete 158 das begeisterte Mädchen. Ich will aber nicht kaltblütig seyn; ich will meine Phantasie und meine Gesundheit zerrütten, bis ich für den Tod reif bin; sieh, dicht und hell wie meine Erinnerung will ich mir das liebe Bild Ferdinands hinstellen, wenn ich untergehe, noch nach ihm zurücksehn, und im Tode in seine Arme stürzen, statt daß Dich die weite, trostlose Leere dann umgiebt und die Vernichtung alle ihre Hände nach Dir ausstreckt. Sieh, jetzt hast Du mich getröstet, aber so, wie Du mich gewiß nicht beruhigen wolltest; nun will ich ohne Zagen der Zukunft entgegensehn.

Nun, sagte Mechthilde, Ihr mögt es halten, wie Ihr wollt, aber Eure Hitze wird doch nicht lange währen; in Worte gebracht, nehmen sich dergleichen Empfindungen hübsch aus; wenn Ihr aber an der Seite Eures Gemahls liegt, so kommen sie Euch selber albern vor. Ich will Euch nächstens, wenn Ihr aufgelegt seyd, meine Geschichte erzählen.

Friederike blieb allein, und Peter kam sehr vergnügt aus dem Schlachtfelde zurück. Er erzählte, daß er Sieger sey, daß er viele Gefangene gemacht habe, aber vom Schicksale des jungen Ferdinands sagte er kein Wort. Friederike war in der peinlichsten Ungewißheit, sie mochte nicht fragen, um sich nicht vor der gewissen Nachricht seines Todes zu entsetzen; jeder Blick ihres Gemahls war ihr fürchterlich, sie hatte es noch nie so lebhaft empfunden, wie sehr sie ihn verabscheue.

Peter reiste am folgenden Morgen schon wieder ab, weil ihm ein andrer Nachbar Fehde angekündigt hatte. Er war sehr strenge gegen Friederike, übergab ihr die Schlüssel der Burg und auch den goldenen 159 Schlüssel, wobei er ihr sehr strenge verbot, das Gemach, das er eröffne, zu betreten. Er reiste fort.

Friederike weinte, als er fort war. O des Thoren, sagte sie, mit seinem albernen Verbote! Wenn ich an Ferdinand denke, soll mich da wohl die Neugier plagen, ein Zimmer zu betreten, in dem vielleicht alte Harnische liegen, oder bestäubte Familiendocumente aufbewahrt sind? Zu ihm möcht' ich fliegen, ihn an mein Herz drücken, und kein Verbot, keine Gefahr sollte mich zurückhalten. O es ist gut, daß die Menschen nicht das Herz des Leidenden verstehn, daß ihnen das Elend etwas so Fremdartiges ist, daß sie ihre Nichtswürdigkeiten so köstlich achten; denn sonst müßten die Engel selbst, wenn sie von oben herab den großen Haufen der Unglückseligen beachteten, in Seufzern vergehn und in Thränen zerschmelzen.

Sie sah aus dem Burgfenster, und trübe und schwermüthig floß der Strom ihren Blicken vorüber, alle Lust des Lebens erstarb in ihr, sie wollte sich hinunterstürzen, als sie ausrief: Sollt' ich ihn nicht noch einmal wiedersehn?

Plötzlich hielt sie inne. Dieser letzte Wunsch riß sie wie mit Riesenarmen wieder in's Leben zurück.

O Mechthilde hatte recht, dachte sie bei sich. Ich will es erdulden und gelassen erwarten, wie es mit mir werden will. 160


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