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Die sieben Weiber des Blaubart

Ludwig Tieck: Die sieben Weiber des Blaubart - Kapitel 12
Quellenangabe
typenarrative
booktitleSchriften, Achter Band
authorLudwig Tieck
year1828
firstpub1797
publisherG. Reimer
addressBerlin
titleDie sieben Weiber des Blaubart
pages160
created20130527
sendergerd.bouillon@t-online.de
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Zehntes Kapitel.

Bernards Schmerz.

Peter betrachtete sich am folgenden Morgen im Spiegel, und da sein Schicksal nun nicht mehr zu ändern war, so gab er sich auch darüber zufrieden. 145 Man weiß nicht, ob es aus Mangel an Eitelkeit, oder aus herzlicher Eitelkeit entstand, daß er glaubte, als er noch eine Weile in den Spiegel sah, daß ihm dieser Bart unaussprechlich gut stehe, und daß, so wie ein rother Bart ein Zeichen der Falschheit sey, so sey der seinige, im höchsten Grade blau, im Gegentheil der Beweis eines fast überflüssigen Edelmuths. Er ließ daher den Bart zierlich beschneiden, und eine gute Einrichtung mit ihm treffen, daß er schön und ordentlich wachsen sollte, kurz, er erklärte diesen Bastard für ein rechtmäßiges Kind, und behandelte ihn ganz so, wie andre Ritter mit ihren gewöhnlichen Bärten umzugehen pflegten.

Für seinen Rathgeber beschloß er jetzt bessere Sorge zu tragen. Er ließ ihm daher oben auf dem Dache seines Schlosses einen eigenen Pavillon bauen, da setzte er ihn hinein, und vertraute Niemand den Schlüssel dazu. Da der Rathgeber nunmehr in Acht genommen ward, auch nebenher von oben eine schöne freie Aussicht hatte, so wuchs sein Verstand und seine Erkenntniß mit jedem Tage, so daß es eine ordentliche Freude war, sich mit ihm in Conversation einzulassen. Wir wollen nur eine ganz kleine zur Probe hersetzen, damit sich der Leser einen Begriff von dem Witz des Mannes machen könne.

Peter hatte im Sinne, das Fräulein von Bergfeld zu heirathen; er ging daher zu seinem Freunde hinauf, und legte ihm mit Anlegung des goldenen Schlüssels folgende Frage vor:

Soll ich heirathen?

Antwort. Ich mag weder ja noch nein sagen.

Das Fräulein von Bergfeld. 146

Antwort. Mit dieser wirst Du nicht sonderlich glücklich seyn.

Ich weiß es wohl, denn es ist mein Destinée; aber ich bin verliebt.

Antwort. So wirst Du auf meinen Rath nicht achten.

Rathe besser!

Antwort. Bessern Rath würdest Du den nennen, der Deinen Leidenschaften schmeichelte; ein solcher ist aber eigentlich gar kein Rath zu nennen.

Du willst nur nicht.

Antwort. Mir fällt es stets bequem, Dein Freund zu seyn.

Sie ist aber schön.

Antwort. Nicht Alles was schön ist, ist gut, nicht alles Gute ist schön; fändest Du auch Schönheit und Güte vereinigt, so ist diese Güte und Schönheit doch deswegen noch nicht für Dich.

Du bist und bleibst ein Narr.

Antwort. Schwerlich kannst Du es beurtheilen, denn Du bist verliebt.

Du mußt immer das letzte Wort behalten.

Hiermit ging Peter wieder fort und warf die Thür stark hinter sich zu, denn die Antworten des Kopfs gefielen ihm gar nicht.

Nach einigen Wochen begegnete Bernard seinem Freunde Peter. Sie grüßten sich Beide freundlich, und indem Peter den Helm abnahm, bemerkte Bernard die Veränderung im Gesichte des Ritters. – Was ist das? fragte er erstaunt.

O die Weiber! die Weiber! rief Peter aus; das Otterngezücht ist an allem Unheil Schuld. Ich 147 verliere alle Geduld, wenn ich daran denke, was ich schon jetzt von ihnen gelitten habe; und wenn ich mich erinnere, daß ich noch mehr leiden soll, so möchte ich lieber gleich in Verzweiflung fallen. Eure Fee, oder wie das Weib heißt, ist nichts als eine alte Hexe, wenn ich die Wahrheit sagen soll, und das will ich auch vor jedem Gerichte beschwören. Erst habt Ihr mir das Maul nach ihrer Macht und Gewalt wässerig gemacht, und was ist es nun, das ich davon trage? Nichts als einen blauen Bart! Eure ganze Familie ist nicht den Henker werth, denn Euren Rathgeber, den möcht' ich auch nur gleich einschmelzen und Suppenlöffel aus ihm gießen, damit man doch nur etwas Gesundes von ihm in den Mund bekäme.

Peter ging verdrüßlich fort, und Bernard sah ihm lange mit einem betrübten Gesichte nach. Indem strich die holdselige Almida durch die Luft, und grüßte ihren Nachbar Bernard. Wie geht's? fragte dieser; was macht Deine Adelheid?

Sie wird sich bald verheirathen, antwortete die Fee; ich will eben hin zu ihr.

Sie zog weiter, und ließ einen weißen Lichtstreif hinter sich, in den die Lerchen hineinflogen und ihre fröhlichen Lieder sangen.

Was ist nun anzufangen? sagte Bernard in der Einsamkeit zu sich selber. Ich will jeden Menschen von Gefühl fragen, ob es wohl schon irgend einmal einen Helden einer Geschichte mit einem blauen Barte gegeben habe? So sehr ich auch mein Gedächtniß anstrenge, so kann ich mich doch keines ähnlichen Falls entsinnen. Ist dieser nun das Ideal, das sich meine trunkene Phantasie entwarf? Almida hat 148 sich gleich auf die Idylle gelegt, und sie hat wohl daran gethan. Das läßt sich leicht übersehn, das läßt sich bequem in Ordnung halten. Die schönsten Gedanken bleiben mir im Kopfe stecken und schämen sich, herauszutreten, wenn ich mich erinnere, daß Peter einen blauen Bart hat. Wenn es nur möglich wäre, so möcht' ich Alles umarbeiten, und aus dem ganzen Dinge eine Geschichte nach dem Leben, oder gar einen komischen Roman machen; aber dazu ist es zu spät, die Einleitung ist zu pathetisch.


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