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Die sieben Weiber des Blaubart

Ludwig Tieck: Die sieben Weiber des Blaubart - Kapitel 11
Quellenangabe
typenarrative
booktitleSchriften, Achter Band
authorLudwig Tieck
year1828
firstpub1797
publisherG. Reimer
addressBerlin
titleDie sieben Weiber des Blaubart
pages160
created20130527
sendergerd.bouillon@t-online.de
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Neuntes Kapitel.

Ein zweiter Besuch bei der Fee.

Peter war nun in der größten Unruhe, weil er durchaus nicht wußte, was er thun sollte, da sein Kopf ihm die Dienste aufgekündigt hatte. Er ging hin und her, bald durch die Zimmer des Schlosses, bald in den nahen Wald, und getraute sich nicht, irgend etwas zu unternehmen, weil ihm der gute Rath gänzlich mangelte. Er hoffte irgend einmal auf den alten Bernard zu stoßen; aber so oft er auch in die dunkeln, abgelegenen Büsche hineinging, kam dieser treue Freund doch niemals auf ihn zu. Bernard beschäftigte sich eben damit, den Plan recht zu überdenken, wie der Lebenslauf seines Lieblings verständig einzurichten wäre, und darüber vernachlässigte er den Ritter in dieser mißlichen Situation.

Peter lief oft verzweifelt nach jener Richtung, um den Felsenweg wieder zu finden, auf dem ihn Bernard zur unterirdischen Wohnung der Fee geführt hatte, aber er konnte auch keine Spur dieses Weges entdecken.

An einem heißen Nachmittage durchstrich er das Feld, und kam endlich an einen Wald. Er ging hinein, um der Hitze zu entfliehen und sich im Schatten abzukühlen. Er hatte den erschöpften und nunmehr unverständigen Kopf mitgenommen, und setzte sich unter einen Baum, indem er ihn genau betrachtete. Wie behende, sprach er dann wehklagend zu sich selber, ist nicht die Veränderung in dieser Welt? Worauf soll man sich noch verlassen, wenn selbst Klugheit 131 und Einsicht nichts Selbstbeständiges sind? Worauf soll sich der schwache, leicht veränderliche und Krankheiten unterworfene Mensch stützen, wenn es selbst dem Bleie nicht gegeben ist, die jugendliche Kraft der Phantasie, die frische Thätigkeit des Geistes zu behalten? Meinem Freunde hier waren nun die Nerven auf die Dauer gearbeitet, und doch muß er der Zerstörung der Zeit nachgeben; dennoch hat er sich überspannt, und muß vielleicht ein Bad und eine Stahlkur gebrauchen. O man tadle doch ja nicht mehr unsere alten abgelebten Dichter und Gelehrten, wenn es selbst den leblosen Dingen so geht. Es ist schlimm, daß die Vernunft sich eben so gut, wie jede andre Maschine, durch den Gebrauch abnutzt und der arme Mensch das Nachsehn hat; daß die Dummheit in uns wuchert und den Weizen gar zu leicht erstickt.

Solch Wehklagen trieb Ritter Peter, indem er seinen theuern Rathgeber mit heißen Thränen benetzte und die Augen gar nicht von ihm abwenden konnte. Er stand auf und irrte durch den Wald; bald wählte er diesen Fußsteig, bald jenen, und so geschah es endlich, daß er sich nicht wieder aus dem Labyrinthe der Eichen zurückfinden konnte.

Die Hitze war indessen vorüber, die kühlen Winde des Abends rauschten durch die Blätter. Peter verlor nun auch den Fußsteig, und mußte sich durch die dicht verwachsenen jungen Bäume drängen. Endlich erreichte er das Ende des Waldes, und die Sonne ging eben unter. Er stand auf einem Felsen, und vor ihm war eine tiefe, unabsehliche Bucht gerissen; die Strahlen des Abendroths fielen hinein auf die tausend Klippen und Felsenhügel, und dann auf die schroffe Wand, die 132 roth erglänzte und einen Wiederschein auf die dicht gegenüber stehende Felsenmauer warf. Der Wind ging in furchtbaren Tönen durch diese Kluft, und Peter setzte sich nieder und sah schwindelnd in den unermeßlichen Abgrund hinein.

Warum ist nun der alte Bernard nicht hier? dachte er bei sich selber. Nun schwindelt mir, so wie er es verlangt, und er würde mit mir zufrieden seyn.

Indem er noch hinuntersah, war es ihm, als wenn er die Gegend kennte, und nach einigem Nachdenken glaubte er, daß es die tiefe Schluft seyn müsse, in der die unterirdische Zauberin wohne. Je länger er den Abgrund betrachtete, je deutlicher ward ihm die Erinnerung, und er dankte endlich dem glücklichen Zufall und beschloß, in die Kluft hinabzusteigen. Wenn er die unermeßliche Höhe betrachtete, so grauete ihm innerlich, wenn er aber daran dachte, daß dadurch sein Kopf vielleicht wieder hergestellt werden könne, wenn er die alte Zauberin anträfe, so wurde sein Muth wieder fest, und er entschloß sich, den Versuch zu wagen.

Er fing also an, behutsam hinabzuklettern, indem er bald hinuntergleitete, bald von einer Klippe zur andern sprang, bald Fuß für Fuß auf den schlüpfrigen, steilen Abhang setzte. Als er schon eine Weile mit Gefahr seines Lebens geklettert war, hörte er Jemand oben, der aus vollem Halse schrie. Er sah hoch über sich, und Bernard stand auf der äußersten Klippe, und winkte ihn mit gewaltsamen Bewegungen zurück. Peter schüttelte stillschweigend mit dem Kopfe und senkte sich immer tiefer hinab, indeß Bernard oben ein Angstgeheul erhob, indem er seinen Liebling zwischen den Felsen hängen sah. Am Ende hörte Peter nicht 133 mehr die Stimme seines Lehrers, das Licht nahm ab, und in der Dämmerung konnte er seinen Weg kaum mehr sehn.

Er stand nun auf einem schmalen Steine still, und konnte nicht vorwärts und auch nicht zurück. Er wußte nicht, was er thun sollte, und bedachte sich lange, indem es noch finsterer wurde; nun erst vermißte er recht lebhaft seinen rathgebenden Kopf.

Er sah aber ein, daß er sich doch zu irgend etwas entschließen müsse, denn die Nacht ward immer finsterer, zurück konnte er nicht, folglich mußte er suchen, vorwärts zu gehen, so gut es sich wollte thun lassen. Er überließ sich also dem blinden Ohngefähr, gleitete hinab, und trat bald auf spitzige Steine, bald fuhr er wieder tiefer nieder, und so stand er endlich nach einer langen und unbequemen Reise unten auf dem Boden des Abgrunds.

Die finstre Nacht war indeß heraufgezogen, hell funkelten die Sterne am Himmel, und Peter stand unten und war in Verzweiflung, denn er wußte nicht, was er nun thun solle. Er sah die schroffen Felsenwände hinauf, und gab auf die Töne Acht, die in die verworrene Felsenwüstniß hinabfielen; ihm graute in der Einsamkeit und von den abenteuerlichsten Gestalten umgeben. Er wußte nicht, wo er die Wohnung der Fee suchen sollte, ja er wurde endlich ungewiß, ob er sich nicht gänzlich in seinen Muthmaßungen geirrt habe. Eulen und Fledermäuse flogen über seinem Haupte hinweg, und schwirrten mit traurigen Tönen durch die traurige Gegend. Peter tappte an den Felsen umher, um irgendwo einen Ausgang zu entdecken. Ein leiser Gesang erklang durch die Finsterniß: 134

        In Gärten, im Feld,
    Fernab in der Welt,
    Stehn Blumen und lächeln
    Und Westwinde fächeln
    Durch Rosen und Nelken,
    Die eilig verwelken,
    Und wieder entstehen,
    Und wieder vergehen.
    Das blumige Land
    Mir unbekannt.

So sitz' ich und spinne
Und webe und sinne,
Die Zukunft zu finden,
Die Nacht zu ergründen.
Im wüsten Felsenland
Von Niemand gekannt.

    Nacht und einsamer Wind
    Meine Gesellschafter sind.

Die wunderbaren Töne waren für den Ritter eine Erquickung; er ging dem Schalle nach. Er stieg einige Felsenstufen hinauf und wieder hinab, und stand nun wirklich vor der großen gläsernen Thür, die in das Gemach der Zauberin führte.

Er sah in die abenteuerliche Grotte hinein, die von einer kleinen schwachen Lampe erhellt wurde, welche in der Mitte des Gewölbes hing. Die Alte saß in einer Ecke des Gemachs in tiefen Gedanken, vor ihr stand ein Spinnrad, das sich von selbst drehte. Um den Schein des Lichtes sumsten in dichten Kreisen 135 Nachtschmetterlinge, und erfüllten mit ihrem Getöne das Gemach. Peter klopfte an die Thür und ging dann hinein. Die Alte wunderte sich anfänglich, ward aber bald wieder freundlich, indem sie den Ritter erkannte; er mußte sich niedersetzen und ihr die Ursach seines unerwarteten Besuchs erzählen.

Seht, sagte Peter, ich bin ein Mann, schlecht und recht, und Keiner soll mir nachsagen, daß ich krumme Wege gehe, den Weg ausgenommen, den ich heute zu Euch hieher gemacht habe. Doch was thut man nicht, um Euch nur wieder zu sehn? Euer Rathgeber aber, den Ihr mir so gütig mittheiltet, ist hin, völlig abgedankt ist er; er hat jetzt weit weniger Verstand, als ich, so daß ich ihn gewiß richtig beurtheilen kann.

Er erzählte ihr hierauf sein Unglück mit Mechthilden, und die Fee hatte großes Mitleiden mit ihm. Wir wollen sehn, antwortete sie, wie wir ihn wieder herstellen können, ruht indessen aus und nehmt mit dem vorlieb, was mein armes Haus vermag. Es ist jetzt gerade die schlimmste Jahreszeit, man kann hier nichts bekommen, Ihr müßt den Willen für die That nehmen.

Sogleich erschien ein Tisch, reichlich mit Speisen von aller Art besetzt, dazwischen standen Pokale mit dem besten Weine angefüllt. Peter aß und trank; bei dieser Beschäftigung vergaß er bald seine beschwerliche Reise, an den Rückweg dachte er gar nicht.

Als er sich mit Speise und Trank erquickt hatte, verschwand der Tisch wieder, und auf einen Wink der Fee erscholl eine äußerst liebliche Musik, die wie ein Wohlgeruch durch das Gemach zog, und leise an den 136 Felsenwänden klang. Euch zu Ehren, sagte die Alte. will ich Euch auch ein kleines Fest geben, Turnier und Ritterspiel, so gut es sich in der Eile veranstalten läßt; Ihr werdet selbst wissen, daß zu solchen Feierlichkeiten Zeit gehört.

In demselben Augenblick sah man Schranken und eine ebene Bahn, Alles wie zu einem Turniere zugerichtet. Etwas erhöht war ein prächtiger Söller, mit Teppichen behängt, für die vornehmsten Zuschauer. Auf den leisen, dröhnenden Schall einer Trompete entstand ein wunderbares Gewimmel, wie aus einem unkenntlichen Chaos entwickelten sich tausend und tausend Gestalten, die hieher und dorthin sprangen und ein verwirrtes Geschrei durch einander erhoben. Einzelne Haufen glichen den Heuschrecken, andre den Wieseln und Mäusen; dann erhob sich eine Katze, die mit aufgerecktem Buckel über die Andern hinwegsah; in der Mitte des Getümmels nahm man zuweilen kleine Figuren wahr, ohngefähr so wie Menschen gebaut, die über die Uebrigen lachten. Vögel flatterten durch die Luft und schrien alle zugleich ihre mannigfaltigen Gesänge durch einander, und Jeder schien sich zu bestreben, das letzte Wort zu erhalten. Dem Ritter schwindelte, als er in dieses lebendige Gewimmel sah, das keine feste Gestalt bekam, sondern sich unaufhörlich veränderte. Ihm war, als wenn sich alle lächerliche Traumgestalten aus seinen Kinderjahren ihm jetzt sichtbar vor die Augen drängten, um die Schauspiele nun wirklich vor ihm auszuführen, die sie sonst nur in seiner Phantasie begonnen hatten.

Ihr seht hier, sagte die Fee, die neugierigen 137 Zuschauer, aber sogleich wird das Fest selbst seinen Anfang nehmen.

Es erklang ein stärkerer Trompetenruf, und das Gewühl stand nun still; in den buntesten Reihen sah man die prunkvollste Versammlung, das ganze Thierreich und alle Insecten und Vögel standen geordnet neben einander. Viele sprachen mit einander, oder wiesen nach der Kampfbahn hin, noch Andre stritten, Einige waren ganz still und blos der Neugier ergeben.

Jetzt wurden die Schranken eröffnet, und auf einem stattlichen Hahn ritt ein rothgefleckter Papagei hinein, und stellte sich in die Mitte. Auf einem andern Streitroß kam ein blaugepanzerter Uhu, der seine Lanze gegen den muthigen Papagei schwenkte, sie trafen auf einander und der Uhu war aus dem Sattel gehoben. Trompeten und Pauken verkündigten den Sieg des schönen Ritters, und oben auf dem Altan sah man, wie sich die Versammlung der Prinzessinnen freute, lauter bunte Tauben, die gegen einander mit den Köpfen wackelten, und sich Bemerkungen über die kämpfenden Ritter mittheilten. Ein Specht ritt nun gegen den Papagei und ward ebenfalls überwunden, und so ging es eben auch einer Rohrdommel und zwei Rebhühnern; der rothe Papagei blieb unüberwindlich, und eine grünliche Taube oben vergoß häufige Freudenthränen.

Der Papagei blieb als Sieger übrig, und er erhielt den Dank des Turniers, der in einer schönen Schärpe bestand, aus hundert Schmetterlingsflügeln gewebt. Der Papagei senkte sich ehrfurchtsvoll auf ein Knie nieder, indeß ihm ein anderer Ritter dieses kostbare Geschenk um den Leib gürtete. Dann stand ein 138 Hahn auf, der ein guter Barde war, und besang sein Lob in folgenden feurigen Versen:

Wessen Lob ist es, das die Sterne singen,
Von wem sprechen die künftigen Jahre und alle Zeiten?
Auf den Flügeln des Sturmwinds rauscht's daher
Und alle Völker horchen ehrfurchtsvoll.
Deinen Ruhm, Unüberwindlicher, singen
Sterne, Zeiten, Zukunft und Gegenwart,
Erden, Sonnen und tausend mal tausend Völker
Sprechen nur von dir, du bist der Rede einziger Inhalt.
Fielen nicht, rasch von deinem Arm getroffen,
Selbst die tapfersten Uhu's, Specht' und Sperber nieder?
Niemals hat die uralte Zeit, die seit lange
Denken kann, einen Mann, einen Helden gesehen,
Dir nur ähnlich.

Peters Sinne waren bezaubert. Die Figuren bewegten sich unaufhörlich, schienen zu reden und alle einen vernünftigen Sinn auszudrücken, und wenn er sich nur ein wenig besann, so schien ihm wieder Alles so unmöglich und erlogen, so kindisch und furchtbar zugleich, daß er in seinem ganzen Leben noch nie eine ähnliche Empfindung gespürt hatte. Denn wie in einem muntern Tanz stand hier die ganze Welt vor ihm, seine höchsten Wünsche flogen hier wie leichte Gespenster umher, Alles war albern, und führte eine ernste Meinung in sich, er fühlte es, daß er noch ein Kind sey, ob er gleich an Jahren zugenommen hatte.

139 Plötzlich verlief sich Alles wieder in die Dämmerung der Luft, und es blieb keine Spur von dem vorigen Schauspiele zurück.

Siehe, sagte die Fee, Dir zu Gefallen habe ich ein solches Spiel angestellt. Betrachte die lebendige wirkliche Welt, und es ist nichts anders. Ruhm und Unsterblichkeit ist auch nur ein Hahnengeschrei, das früh oder spät verschallt, das die Winde mit sich nehmen, und das dann untergeht. Alles will klingen und tönen auf seine Weise und rührt sich mit übermäßiger Emsigkeit, dann ist es aber bald vorbei, und eine unkenntliche Form bleibt zurück, und verschwindet nach und nach gänzlich. Und so fallen auch Schlösser und Berge ein, und der Mensch und die Natur arbeiten immer nur für den Anfang, immer bleiben sie bei'm Anfang stehn, und so wird man nichts als Vorsatz gewahr. Die Zukunft streift einst mit plumper, unbarmherziger Hand über Alles hinweg, und wischt es aus, wie eine unbedeutende, unrichtige Rechnung von einer Tafel; dann ist das verschwunden, was im Grunde nie war, und der leere Raum treibt mit der Vergessenheit da sein Spiel, wo sonst die irdischen Träume standen.

Sehr wahr, antwortete Peter, sehr wahr, aber auch eben so unverständlich. Indessen schadet das Unverständliche den Wahrheiten niemals, je dunkler sie sind, je besser kommen sie fort; sie wohnen gleich den Nachtigallen am liebsten in der Finsterniß, und so muß es mir denn auch schon recht seyn. Aber mit der Zauberei ist es denn doch wahrlich ein ganz gutes Ding, sie nutzt zu Allem, und wenn man nicht wüßte, daß es Zauberei wäre, so sollte man Alles so was 140 kaum begreifen können. – Was fangen wir nun aber mit dem Kopfe an?

Wenn Ihr immer dankbar seyn wollt, antwortete die Fee, so will ich diesmal schon Rath schaffen. Wir müssen ihn vor's Erste trepaniren, damit es ihm nur wieder möglich gemacht wird, Verstand zu bekommen.

Sie bohrte darauf ein kleines Loch in den Kopf, dann holte sie ein Fläschchen aus einem Schranke, davon goß sie einen Tropfen hinein; ein kleiner blauer Funke erhob sich, und sank dann in den Kopf zurück, worauf die Alte die Oeffnung schnell mit etwas geschmolzenem Blei verschloß. Nun ist er wieder, sagte sie, so klug, als er nur je gewesen ist.

Ist es möglich? fragte Peter.

Sehr möglich, war die Antwort. Ihr glaubt gar nicht, welche Kleinigkeit der menschliche Verstand ist, und welche Nichtswürdigkeiten ihn veranlassen und zerstören. In dieser Flasche, die nur so groß ist, wie mein kleiner Finger, ist Verstand für zwanzig Collegien, für eben so viele Consistorien und funfzig naturforschende Gesellschaften. Ja, was sag' ich? dreihundert Generale mit ihren Auditeuren und Compagniefeldscheren, so wie eine halbe Welt voller Amtleute würden für Kinder und Kindeskinder daran genug haben.

So laßt es mich, sagte Peter, schnell austrinken, und König werden.

Nein, antwortete die bedächtige Fee, Ihr würdet Euch sehr schlecht darauf befinden, denn keinem Menschen ist so viel Verstand gesund. Behelft Euch lieber so, Ihr würdet Euch sonst nur bei einem Theologen, Philosophen und Doctor zugleich in die Cur verdingen müssen, um nur etwas wieder zu menschlichen 141 Kräften zu kommen, Ihr könntet nicht Journale genug lesen, um wieder hergestellt zu werden, ja kaum Theatercritiken könnten Euch wieder etwas auf den rechten Weg lenken. Glaubt nur, daß diese Krankheit, am Verstande zu laboriren, die gefährlichste und unheilbarste sey. Ihr führt ein bequemeres und tugendhafteres Leben, wenn Ihr Euch gar nicht damit befaßt.

Peter dankte ihr für den guten Rath und versprach ihn zu befolgen; aber, schloß er seine Rede, gnädigste Frau Fee, nun habe ich noch eine unterthänigste Bitte.

Ihr habt nur zu befehlen, antwortete die Alte.

Nun, so seyd so gut, sagte Peter, und schafft mir einen tüchtigen, anständigen Bart. Die ältern Ritter spotten oft über mich, daß ich noch so wie ein Knabe herumlaufe, und mir bei aller meiner Tapferkeit noch immer dies äußere Zeichen der Männlichkeit fehlt. Glaubt mir nur, daß alle meine Thaten dadurch ihren besten Glanz verlieren, darum gebt meiner Bitte Gehör.

Ihr seyd nicht ganz weise, sagte die Alte, wie ich das schon längst an Euch bemerkt habe, sonst würdet Ihr nicht darum bitten. Ihr solltet dem Himmel danken, daß es Euch noch vergönnt ist, jung zu seyn, daß der Frühling von Euch noch nicht Abschied nimmt; wie könnt Ihr Euch schämen, jung, das heißt, glücklich zu seyn?

Das ist ganz gut, sagte Peter, nur etwas zu schwärmerisch und poetisch. Man achtet dann doch das Alter mehr, man bekömmt doch dann Weisheit 142 und Verstand und das ist es, wonach ich jetzt unermüdet trachten will.

Dazu habt Ihr ja den Rathgeber, sagte die Fee mit einigem Unwillen, der wird für Euch denken, und Ihr braucht Euch daher nicht selbst mit einer so gemeinen Beschäftigung abzugeben. Seyd und bleibt noch einige Zeit ein Jüngling, das träge, langsame Alter schleicht doch heran, man weiß nicht wie. Ihr dürft ihm nicht noch muthwillig entgegengehn, darum ist es am besten, wenn Ihr meinen Rath befolgt.

Ich weiß nicht, rief Peter aus, was Ihr so sehr dagegen seyd, daß ich einen Bart tragen soll, es ist doch nun einmal mein Beruf, und je früher ich ihn antrete, je besser ist es für mich. Ich begreife überhaupt nicht, was Ihr am Alter auszusetzen findet, da Ihr doch selber so steinalt seyd.

Unverschämter Dummkopf! schrie die Fee mit einer kreischenden Stimme aus; ist es an Dir, mir meine Gebrechen vorzurücken? Ich finde ein Vergnügen daran, alt zu seyn, und folglich hat sich Niemand weiter darum zu bekümmern. Und wie alt bin ich denn? Immer noch nicht alt genug, um Dich wegen Deiner Lästerung umzubringen. Aber zur Strafe sollst Du doch nicht von mir gehn; Du hast einen Bart von mir verlangt, gut, Deine Bitte sey Dir gewährt.

Sie berührte hierauf mit ihren Fingern sein Kinn, und augenblicklich schoß ein langer spitziger Bart hervor, der sich unten in einer kleinen Welle endigte. Peter war schon im Begriff, mit dieser Strafe sehr zufrieden zu seyn, als er mit Erschrecken bemerkte, daß dieser Bart ganz blau sey, und er also 143 schloß, daß dadurch sein Gesicht ein sehr wunderliches Ansehn bekommen müsse. Die alte Fee lachte laut auf, als er in dieser Gestalt vor ihr stand.

Wollt Ihr nun so gefällig seyn, sagte sie mit einem höhnischen Tone, Euch nach Hause zu bemühen, denn Ihr fangt sehr an, mir zur Last zu fallen. Ihr habt nun Weisheit und Verstand, wohin Euer lobenswürdiges Trachten gestanden hat; mit diesem schönen Bart im Gesicht werdet Ihr wohl nicht mehr darauf fallen, Euch Unglück mit Weibern zu wünschen. Ihr werdet nun nicht mehr einer Haushälterin Euer Glück anvertrauen und Euch so plump mit Eurer mächtigsten Beschützerin benehmen. Wenn ich dächte, wie manche Feen, so könnt' ich Euch in ein Einhorn, oder in irgend ein andres Ungeheuer verwandeln; aber dazu bin ich zu sanftmüthig; Ihr seyd gestraft genug, und da ich Euch wohl schwerlich wieder sehen werde, so wünsche ich Euch wohl zu leben.

Peter stand in der dummsten Unbefangenheit vor ihr, und wußte nicht, was er antworten sollte; sie aber öffnete ganz leise die Thüre der Grotte, und rieth ihm, denselben Weg zurück nach Hause zu gehn, den er einst mit Bernard gekommen sey, weil der andere über die Felsenmauer hinweg doch gar zu viele Unbequemlichkeit habe. Peter ging stumm zur Thür hinaus, und wußte noch immer nicht, was er that; er tappte mit den Händen an den feuchten Felsenwänden umher. So kam er wie träumend in das klingende Gemach, und suchte von dort den Weg zur Oberwelt.

Er kam endlich an die verschlossene Pforte und klopfte an; der wachhabende Hund fragte: Wer da? Blaubart, antwortete Peter im höchsten Grimme, 144 und sogleich öffnete sich der Felsen, und der Hund trat ehrfurchtsvoll aus dem Wege, als wenn er sich in Demuth vor der vorübergehenden Gestalt neige. Peter ärgerte sich über den Hund, weil er diese Ergebenheit nur für Ironie hielt; er fragte daher: Warum gehst Du so von der Seite? Soll man nicht, antwortete der Pudel, seinen Respekt bezeigen, wenn man Weisheit und Verstand so handgreiflich wahrnimmt? Wahrlich, ein schöner Bart, fuhr er knurrend fort, und ein so vortreffliches ächtes Blau! wie einem das in die Augen funkelt! Wenn man auch sonst nicht neidisch ist, so könnte man es doch hier mit leichter Mühe werden. Tragt Ihr aber diesen kostbaren Bart für alle Tage? Nein, wahrlich, das wäre Schade, und nur eine unnütze Verschwendung.

Solche Spottreden hielt der Hund, und Peter verließ ihn, äußerst aufgebracht. Als er auf seinem Schlosse ankam, erschrak Mechthilde vor seiner Gestalt, einige Knechte lachten, keiner konnte aus dem Vorfalle klug werden.

Es geht mancher nach Wolle, und kommt geschoren wieder nach Hause, sagte Peter zu sich selber, und legte sich schlafen.


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