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Die Serényi

Otto Erich Hartleben: Die Serényi - Kapitel 6
Quellenangabe
typenarrative
authorOtto Erich Hartleben
titleDie Serényi
firstpub1887
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Der römische Maler

I

Er kommt nach Rom, hat die Taschen voller Geld und wird sich an deiner Eigenart freuen. – Mit diesen Worten hatte mich ein etwas schadenfroher Freund bei ihm, dem römischen Maler, angemeldet in einem Briefe, der mir vorausgeeilt war. Ich erfuhr diese Form der Empfehlung erst zwei Jahre später durch die Indiskretion eines zweiten schadenfrohen Freundes, nachdem ich inzwischen bereits sattsam Gelegenheit gehabt hatte, mich – an seiner Eigenart zu freuen und ihm schon lange nichts mehr pumpte.

Um gleich vorweg von seiner Kunst zu reden, so hat er damit entschieden Glück. Er ist nämlich Porträtmaler, und da sich seine Porträts sämtlich in dem Privatbesitz der Gemalten befinden, so ist es klar, daß fast nur günstige Urteile darüber gefällt werden, denn nur wenige Menschen sind so gemütsroh, einem gütigen Gastgeber die Laune dadurch zu verderben, daß sie seine ihm schließlich von Gott verliehene Visage, wenn auch nur in der Wiedergabe, scheußlich finden. Was mich betrifft, so bin ich außerdem so vorsichtig, das lebensgroße Bild meiner Frau, das er damals vor fünf Jahren gemalt hat, nur solchen Menschen zu zeigen, von deren reiner Herzensgüte ich untrügliche Beweise habe.

Jedoch ebensosehr, wie man Michelangelo Unrecht tun würde, wollte man ihn ausschließlich als Tafelmaler betrachten; ebenso falsch wäre es, in Ludovico, dem römischen Maler, lediglich den Porträtisten und bildenden Künstler zu schätzen. Zu allen Zeiten einer rege werdenden Kultur hat es Persönlichkeiten gegeben, deren Geist und Wesen mehr bedeuteten, als das Werk ihrer Kunst: die weit weniger durch ihre fertigen Schöpfungen als durch das Wollen, das in ihnen lebte, durch den ganzen Zauber ihrer Individualität auf andere wirkten. Ludovico, der Porträtmaler, wäre wohl kaum würdig, einen Geschichtsschreiber zu finden, Ludovico, der Mensch, verdient einen solchen im höchsten Grade.

Er besitzt ein ganz merkwürdiges Sprachtalent. Schon in seiner frühesten Jünglingszeit, als er noch in seiner ostpreußischen Heimat bei einem Rechtsanwalt Akten kopierte, lernte er heimlich auf eigene Faust Englisch, Französisch und Italienisch und bildete sich im geheimen durch Lektüre in diesen Sprachen fort. Kein Wunder also, daß er jetzt, wo er schon zehn Jahre in Italien lebt, die italienische Sprache in der vollendetsten Weise beherrscht und daher in der Lage ist, den nach Rom kommenden Fremden ein idealer Führer zu sein.

Sein psychologisches Interesse an dem ewig wandelbaren Menschenbilde ist so stark, daß es seinen Trieb nach eigener künstlerischer Betätigung fast stets überwiegt – so daß er weit lieber mit den immer wieder frisch ankommenden nordischen Fremden die Straßen und Plätze der ewigen Stadt durchwandert, oder auch wohl in kühlen Osterien die besten Quellen des Frascatanerweines mit ihnen aufsucht, als daß er daheim im dumpfen Atelier unbedeutende Menschenköpfe in Öl setzt. – Es bietet meiner künstlerischen Natur – so pflegt er etwa zu sagen – unendlich mehr künstlerische Anregung, wenn ich mit meinem unbefangenen Künstlerauge die verschiedenen Typen meiner Landsleute betrachten kann – weshalb immer gleich malen?

Es ist nicht mehr als recht und billig, daß die Fremden, denen er in solcher Weise seine Tage und oft auch seine Nächte weiht, sich hierfür in taktvoller Manier erkenntlich zeigen, seine Eigenart zu schätzen wissen und nicht durch mutwillige Verweigerung eines Darlehens das meist noch junge und schöne Verhältnis zerstören. Auch werden jüngere feurige Naturen kaum umhin können, mit ihm am zweiten Abend der Bekanntschaft und nach dem zweiten Fiasco Chianti Brüderschaft zu trinken: in diesem Punkte versteht er keinen Spaß, sondern ist, wenn man Miene macht, sich dem zu entziehen, sofort bis zu Tränen gekränkt.

Übrigens hat ihn die Natur zur Erfüllung seines Berufes entschieden mit bedeutenden äußeren Mitteln versehen. Zwar ist er nur klein von Statur, etwa von der Größe Napoleons oder Carl Bleibtreus, aber gewaltige buschige Augenbrauen, ein durchbohrender Blick und ein an persische Vorbilder gemahnender dunkler Vollbart geben seinem Kopfe mit der hohen, breiten Stirn etwas finster Majestätisches. Er spricht sehr wenig und fast nur in kurzen Sätzen, lapidaren Epigrammen, deren Sinn nicht immer jedem verständlich ist, die aber – wenigstens im Anfang der Bekanntschaft – sehr bedeutend klingen.

II

Als ich das zweitemal nach Rom kam, fand ich ihn in eine Aktiengesellschaft verwandelt. Ich traf in Gesellschaft des Rechtsanwalts Rosenthal aus München, den ich zufällig in Florenz getroffen hatte, mit dem Abendschnellzuge in Rom ein. Unterwegs hatte ich meinem Reisegefährten manches von Ludovico erzählt und in ihm den Wunsch zu erzeugen gewußt, sich unverzüglich an seiner Eigenart zu erfreuen. Es sollte ihm über Erwarten gelingen.

Vom Bahnhof fuhren wir ins Hotel und dann machten wir uns auf den Weg, die deutschen Brüder in den mir bekannten nächtlichen Lokalen aufzusuchen. Wir fanden sie bald in einem Café am nördlichen Corso, unweit der Chambre-garnie-Wohnung Goethes. Ludovico war nicht wenig erfreut, mich wiederzusehen, und auch den Rechtsanwalt, hinter dessen jovialer Beleibtheit er sofort den Aktionär wittern mochte, begrüßte er mit Herzlichkeit. Er war gerade dabei, Aktien auszuschreiben, und es dauerte noch keine Stunde, da war mein glücklicher Reisegefährte bereits im Besitze einer solchen.

Das Unternehmen war ebenso einfach wie sinnig erdacht und ruhte auf den solidesten Grundlagen.

Von der Erwägung ausgehend, daß Ludovico während der Zeit der Anwesenheit seiner Freunde und neugewonnener Gönner in Rom nicht dazu kommen konnte, etwaige Aufträge, die ihm diese zuteil werden ließen, auszuführen, weil – nun eben, weil die Freunde und Gönner anwesend waren und doch vor allem anderen seinen persönlichen Umgang genießen wollten, in der weiteren Erwägung jedoch, daß man das Eisen schmieden soll, solange es heiß ist und dem reisenden Kunstfreund ein Bild verkaufen, so lange man ihn da hat – verkaufte Ludovico Anteilscheine an den Ergebnissen seiner demnächstigen künstlerischen Tätigkeit – den Anteilschein zu 50 Lire – und verpflichtete sich, dafür dem Aktionär später, wenn dieser wieder daheim und er wieder Ruhe zum arbeiten haben würde, mindestens ein Tamburin mit einem Ciociarenknabenkopf zu schicken.

Die Folgen eines derartigen Gesellschaftsverhältnisses blieben nicht aus. Im Herbst – oder je nach dem Temperamente des Aktionärs schon im Hochsommer – entspann sich ein reger, anfänglich freundlicher Briefwechsel zwischen dem Aktionär und Ludovico, der in seinem weiteren Verlaufe, den römischen Maler fast immer zu der traurigen Überzeugung führte, daß der deutsche Philister doch keine Ahnung habe von den geheimnisvollen Bedingungen eines wahrhaft künstlerischen Schaffens. Er müßte doch einsehen, daß es ihm gerade jetzt bei dieser drückenden Hitze oder zur Zeit der Weinernte ganz unmöglich war, zu arbeiten ... und überhaupt: was bildete sich jener ein: womit begründete er seinen Anspruch, den andern vorgezogen zu werden – den andern, die doch auch noch kein Tamburin hatten.

Das Ende des Gesellschaftsverhältnisses war dann meist der Bruch des gesellschaftlichen Verkehrs und die Einstellung des Briefwechsels. Beide Teile sahen ein, daß sie sich ineinander getäuscht hatten. – –

Indessen, an jenem Abende unserer Ankunft in Rom wurde unsere Stimmung durch keine Wolke getrübt. Ludovico, gehoben durch den erfreulichen Fortschritt seines Unternehmens, war leutseliger und gesprächiger als sonst – und über uns kam der Zauber der Nächte Roms.

III

Rom ist eine Gemütskrankheit. Wenn man erst mal eine Reihe von Jahren im Frühling hinuntergefahren ist, wird man es nur mit schweren Schmerzen des Heimwehs bleiben lassen. Und hat man sichs im vorigen Sommer noch so fest vorgenommen, nicht wieder hinzugehen, – sondern seine Zeit nützlicher zu verwenden wenn der März zu Ende geht und der April wächst, überfällt es einen wie heiße Angst, und eines Abends sitzt man doch wieder in dem üblichen D-Zuge.

Als ich Tertianer war, mußte ich einen Aufsatz schreiben: »Was zog die deutschen Kaiser immer wieder nach Rom?« Ich erklärte diese Tatsache sehr einfach daraus, daß unsere Kaiser immer romantische Naturen gewesen seien und daß schon das Wort »romantisch« von Rom herkomme. Ich hielt das aber damals selber für – Schwindel und ahnte nicht, daß ich später einmal zwar Gott sei Dank kein deutscher Kaiser, aber ebenso romantisch werden würde.

Es ist wirklich wahr: den Mai sollte der Mensch, der es sich irgendwie leisten kann, in Rom zubringen. Der Mai ist dort etwas wie eine Erlösung; das Leben im Freien beginnt wieder. Mein Freund Peter Behrens will zwar auch dann nicht recht was wissen von Rom: es ist ihm nun einmal die Stadt der Archäologen. – Aber selbst zugegeben, daß man die Archäologen in Rom weniger leicht vermeiden kann als in anderen Großstädten, und daß einem die Nächstenliebe dadurch erschwert wird, so lernt ein leidlich geschickter und vorsichtiger Mensch diese Sandbänke bald umschiffen, zumal wenn ihm ein kundiger Lotse zur Seite steht.

Ludovico ist solch ein tüchtiger Lotse in Tiefen und Untiefen des römischen Lebens. Ich kann ihn jedem, dem es um einen archäologisch stubenreinen Aufenthalt in Rom zu tun ist, nur auf das wärmste empfehlen. Ein doppelter Instinkt leitet ihn sicher an all den Aufenthaltsorten vorbei, welche von deutschen Archäologen besucht werden. Einmal sein Instinkt als schaffender Künstler, dem eine Sorte von Menschen unmöglich ist, welche die Kunst für die Schule ausschlachten, und zweitens der Instinkt der Selbstachtung: denn es kann ihm unmöglich angenehm sein, Leuten zu begegnen, an deren frühere, wenn auch lose geschäftliche Beziehungen zu ihm er sich nur ungern erinnert.

Aber ich schwatze mal wieder, statt zu erzählen. – Was mich, je häufiger ich Ludovico wiedersah, immer stärker interessieren mußte, war die Frage, wie es zugegangen, daß dieser Sohn des Nordens nach Rom verschlagen wurde und welche Schicksale ihn zu der markanten Rolle, die er hier spielte, vorbereitet hatten.

Die Gelegenheit, ihn danach zu fragen, ergab sich erst im dritten Jahre unserer Bekanntschaft. Es war da eine neue Wandlung mit ihm geschehen. Er fühlte sich als »Weltauge« und sprach ein eigenes pantheistisches Idiom. Sor Rodolfo war daran schuld. Angeregt durch meine Herausgabe des alten Gottesdichters Angelus Silesius, hatte dieser es auch nicht unterlassen können. Er hatte ein »Pantheistisches Laienbrevier« drucken lassen, in dem derselbe Angelus Silesius, zum Katechismus der Zukunftsreligion zurechtgemacht, wiederum erschien. Nun brauchte Sor Rodolfo, während er die Korrekturen zu diesem, seinem Jungfernbuche las, jemanden, mit dem oder gegen den er mit seinem stark- und wohltönenden Organ über Mystik und andere letzte Dinge reden konnte. Ludovico war ihm da sehr willkommen: er widersprach ihm nie, saß unentwegt mit tiefernster Miene da und bestärkte ihn durch gelegentliches gewichtiges Nicken des Kopfes in seinen theosophischen Überzeugungen. Leider benahm sich Sor Rodolfo hiergegen recht undankbar, denn wenn er Ludovico auch schon mal einen Anzug schenkte, so ließ er ihn doch nicht entsprechend enger machen. Und Sor Rodolfo war wesentlich dicker als Ludovico.

In diesem Jahre nun, während der pantheistischen Lebensperiode des römischen Malers war es, daß ich Gelegenheit fand, ihn nach seiner Vergangenheit zu fragen. Er war damals noch ernster gestimmt als früher, und seine kurzen Worte klangen noch tiefsinniger als sonst.

Es geschah, daß ich ihn einmal allein in seinem Atelier draußen an der Via Flaminia antraf. Er saß gebückt auf einem Stuhl, hatte die Füße auf eine alte Kiste gestellt und ein Tamburin zwischen die Knie geklemmt. Auf das Tamburin malte er das Profil eines schönen Mädchens, wie es die Fremden, welche nach Rom kommen, so gern an den häuslichen Herd mitnehmen. Sie bringen es ihren Gattinnen mit und bemerken dabei schelmisch: Schmücke dein Heim!

Wenn man bedenkt, daß Ludovico in der geschilderten, unbequemen Stellung nicht nur Pinsel und Palette hielt, sondern auch ununterbrochen selbstgedrehte Zigaretten zu rauchen fertig brachte, so wird man wieder einsehen, daß man es in ihm mit keinem gewöhnlichen Maler zu tun hat, vor allem nicht mit einem von denen, die sich ihre Arbeit durch allerlei raffinierte Bequemlichkeiten zu erleichtern suchen. Der Schweiß lief ihm von der Stirn und er mußte ihn immer wieder mit dem Rockärmel abwischen.

– Bitte, setz dich, sagte er kurz, nachdem er mir gleichgültig geöffnet hatte, und ohne seine Miene zu verändern, setzte er sich wieder in Position und malte weiter. Manchmal liebte er es, seine angespannte künstlerische Tätigkeit ein wenig zur Schau zu stellen.

Ich setzte mich auf ein Möbel, das am Nachmittage den Namen Sofa trug, einen Teil der Nacht und vormittags dagegen dem Künstler als Bett diente. Es war mit etlichen Stücken schönfarbiger Stoffe bedeckt, die von den Malern Mittwochs auf dem Campo de' fiori so gern erworben werden, weil sie ihren schwelgerischen Augen wohl tun.

Nach einigen einleitenden knappen Worten der Alltäglichkeit äußerte Ludovico die Ansicht, das Schicksal jedes Menschen sei von Ewigkeit her mit Notwendigkeit in sich bedingt.

Mir kam das nicht überraschend, denn ich wußte, daß Sor Rodolfo seit einigen Wochen nachts in den tönenden Straßen Roms in seiner durch Strakosch gebildeten Vortragsweise die orphischen Urworte donnerte:

»Wie an dem Tag, der Dich der Welt verliehen,
Die Sonne stand zum Gruße der Planeten,
Bist alsobald und fort und fort gediehen
Nach dem Gesetz, wonach Du angetreten.«

Ich erinnerte ihn daran und er neigte bedeutend das Haupt, indem er seiner Römerin ein fesches Glanzlicht auf die feingeschwungene Nase setzte.

Die Gelegenheit war günstig: ich fand einen glücklichen Übergang und fragte ihn, wie es denn eigentlich mit seinem eigenen Schicksale bestellt sei und ob er auch bei diesem die bedingenden Notwendigkeiten begriffen habe.

– Was führte dich nach Rom?

Er drehte sich eine Zigarette, und als sie fertig war, antwortete er dumpfen Tones:

– Die Liebe.

– Ach! Pardon! Ich möchte nicht unzart sein, aber ... würdest du wohl ... könntest du mir das wohl erzählen?

Über sein Tamburin gebeugt, murmelte er: – Du rührst an meine bitterste Stelle.

Ich muß bemerken, daß es eine seiner Eigenarten war, die Adjektiva in besonders kühner Weise zu verwenden, wodurch seine Sprache fast immer außerordentlich originell wirkte.

– Du rührst an meine bitterste Stelle. Aber es sei. Schon zu lange trag ich es. Kein Mensch weiß darum. Nicht einmal Sor Rodolfo hab ich es erzählt. Er ist, wie du weißt, schwerhörig wie die Nacht und eine Geschichte wie die meinige ist nicht zu brüllen. – Aber komm! Fahren wir nach Trastevere hinüber, in die Cisterna, da gibt es jetzt den besten Frascati pastoso. Die Pupille des Weltauges dürstet.

Das Tamburin flog neben mir aufs Sofa. Auch mir wars lieber, daß wir gingen. Es hatte etwas Beängstigendes, Ludovico arbeiten zu sehen.

IV

Eine Würdigung der römischen Osterien, zu der unsere Fahrt zur Cisterna mich verführen könnte, will ich mir jetzt versagen und lieber auf ein anderes Mal verschieben, wenn ich auf Sor Rodolfo zurückkomme, an dessen Hand ich meine Erfahrungen gesammelt habe. Es genüge hier zu bemerken, daß die Cisterna in Trastevere – kein Bädeker nennt ihren Namen – ein fürstliches Lokal ist, dem ich zu unauslöschlichem Danke verpflichtet bin.

Ludovico hatte nach römischem Ritus die Gläser ausgeschwenkt, mir eingeschenkt und ich ihm. – Er begann:

– Ja, lieber Freund: es ist so. Eine Frau ist schuld daran. Eine Frau hat mich heruntergelockt: ihr verdank ich es, daß ich nun hier festsitze, daß meine Kunst versauert, daß nichts aus mir geworden ist ...

– Nichts geworden ist?

– Nun ja. Nichts – oder alles. Das ist dasselbe. Du weißt, wie Faust zu Mephisto sagt: In deinem Nichts hoff ich das All zu finden.

– Ich weiß es. Sor Rodolfo zitiert es ja täglich. Aber bitte, erzähle mir nun, wie ist das alles zugegangen.

– Ja, siehst du: Anton von Werner ... Ich zuckte zusammen.

– Was hast du? fragte er.

– O nichts. Ich erschrak nur etwas. Diesen Namen hört man sonst in Rom nicht nennen. – Ja, ich muß von der Zeit sprechen, als ich in Berlin auf der Akademie war. Damals stand ich mit einem Fuße auf dem Zenith meines Lebens. Anton von Werner – du gehörst vielleicht auch zu denen, die ihn verkennen – aber das geniert mich nicht. Ich halte ihn immer noch für einen unserer größten Künstler und werde ihm Treue und Dankbarkeit bewahren bis in die Nacht meines Lebens.

– Ja, ja, das ist sehr schön von dir. Aber ich ... mir ist er zu phantastisch. Ich kann mir nicht helfen.

– Streiten wir uns nicht über diesen Mann. Er steht zu hoch dazu. – Hör weiter: Ich habe sehr lange und sehr gründlich bei ihm studiert, hatte ein Maleratelier in der Akademie und war bereits so weit, daß er Aufträge, die ihm zuviel wurden, mir zuwandte. So hab ich damals zum Beispiel durch ihn den Auftrag bekommen, die Gattin des Inhabers einer der größten deutschen Glanzwichsefabriken zu malen. Der Mann hatte in seiner riesigen Verehrung für Werner beschlossen, sich, seine Frau und seine sämtlichen drei Töchter von des Meisters Hand malen zu lassen. Anton von Werner nahm den Mann und die Töchter – die Frau gab er mir. Sie wurde sehr schön.

Er schwieg, versunken in die Erinnerung an die schönen Zeiten der Vergangenheit und tat einen tiefen Schluck.

– Siehst du: so ging es mir schon! Und ich hätte nun bloß dazubleiben brauchen, hätte bloß noch 'ne Malschule für Damen aufzumachen brauchen, und ich könnte heute meine Bilder Stück für Stück mit 2000 Mark verkaufen. Na, 20 im Jahre bringt man leicht zustande – 20 mal 2000 macht 40000 – kurz, ich wäre heute so gut wie ein Millionär. Und statt dessen .... Hm! – Prost! – Also denk dir: Eines schönen Morgens brachte mir Werner einen Mann ins Atelier, der so aussah, wie er hieß. Er hieß Levkojowitz, alter, alter mesopotamischer Adel. Irgendwo in Asien hatte er sich kolossale Gelder verdient, niemand wußte, womit. Werner stellte ihn mir vor und sagte dann zu ihm: Hier, Herr von Levkojowitz, sehen Sie meinen hoffnungsvollsten, talentvollsten, tüchtigsten Schüler. Reden Sie mit ihm! Damit ließ er uns allein. – Wollen Sie malen meine Frau ? – Er hatte nicht mal seinen Hut abgesetzt. Ich hielt es für das einzig Würdige, schweigend zu überlegen. – Ich zahle Ihnen 1000 Mark. Wollen Sie? Nun könnt ich nicht mehr. Ich erhob mich und drückte ihm stumm die Hand. Als ich mich einigermaßen gesammelt hatte, sagte ich: Herr von Levkojowitz, es ist nicht meine Art, vorschnell zuzugreifen – indes, da mich der Meister Ihnen empfahl, will ich nicht zögern, zu versuchen usw. – Der Mann war glücklich. Er setzte seinen Hut ab und erzählte mir in aller Geschwindigkeit die Geschichte seiner Ehe. Er war erst vierzehn Tage verheiratet und erst vor sechs Wochen nach Berlin gekommen. Sein erster Gang war in Castans Panoptikum gewesen. Dort hatte er ein lebendes Bild »Haremszauber« gesehen, die junge Sultanin hatte es ihm angetan: er war mit ihr soupieren gegangen und hatte sie dann ohne Aufenthalt geheiratet.

– Ein verwegener Bursche! Nun – und sie?

– Anderen Tages brachte er sie. Es war an einem Donnerstage! Ich weiß es noch wie heute.

– Wie sah sie aus ?

– Wie sie aussah? Hm. Kennst du die Donna adultera vom Tintoretto? Weißt du: die mit der doppelten Haube, mit den hochgezogenen Augenbrauen ... ihre Augenlider sind müde, als hätte sie geweint, aber die großen dunklen Augen blicken gespannt auf Jesus, der sich abgewendet hat und den alten Herren etwas demonstriert ... ihr Mündchen verharrt dabei in alter Holdseligkeit ... sie weiß noch nicht genau: ist Er nun auch auf sie hereingefallen, wird Er die andern noch einmal herumkriegen ? Dann wäre alles gewonnen! – Ich habe das Bild erst später kennen gelernt, mir aber dann sofort eine Photographie davon verschafft, die ich bisher noch immer auch aus den traurigsten Mietsverhältnissen gerettet habe. Wenn die Dinge brenzlich wurden, rollte ich sie zusammen und steckte sie in die Brusttasche. Augenblicklich siehst du sie mit einigen besseren Stecknadeln an meine Tür geheftet.

– Ach, das zerknitterte Ding!

– Das zerknitterte Ding! Jawohl: das ist sie – so sah sie aus. Nun weißt du's ganz genau. – – Ja, also: ich fing nun an, sie zu malen. Wenn es nach ihrem Gatten gegangen wäre, hätte ich sie im Trikot malen müssen. So hatte er sie kennen gelernt, und so wollte er sie ursprünglich dargestellt sehen. Aber ich protestierte. Ich konnte ihm nicht auseinandersetzen, daß ich mich – ganz abgesehen von meiner privaten Schamhaftigkeit – einer solchen Aufgabe einfach physisch nicht gewachsen fühlte – ich erklärte ihm kurzweg, das sei wider die Kunst. Erstens wider die Kunst im allgemeinen, weil mir meine persönliche künstlerische Auffassung der gnädigen Frau – die damals einem religiösen Empfinden nahe kam – derartiges absolut verböte und zweitens wider die Berliner Kunst, die ich bei meinem Meister Anton von Werner mit heißem Bemühen studiert habe. – Nach langen, ernsten Debatten, die sie, ohne ein Wort zu sagen, lächelnd mit anhörte, gab Herr von Levkojowitz Schließlich nach. Auf zwei Punkten bestand er jedoch mit aller Entschiedenheit: auf den Armen und auf den Füßen. Sie sollte in einem weißen Morgenkleide in halbliegender Stellung dargestellt werden: mit entblößten Armen und nackten Füßen. Das letztere tat mir besonders leid, denn ich hatte es gerade in der Wiedergabe bekleideter Füße bereits zu einer nicht gewöhnlichen Geschicklichkeit gebracht.

Ludovico schwieg und sah mich mit seinem tiefen Blick durchdringend an. Ich wollte gar nichts sagen – trotzdem rief er: – Bitte, schweig! Ich weiß, was du sagen willst – aber ein für allemal: ich lasse nichts auf Anton von Werner kommen!– – Also: die Sitzungen begannen. Ich bin der Ansicht, daß man zu einem Porträt gar nicht lange genug sitzen kann. Die Frivolität gewisser Kollegen, die das Bildnis eines Menschen nach sechs, sieben Sitzungen zusammenstreichen, ist mir ganz unverständlich. In mir steckt Gott sei Dank noch die alte Solidität. Auch, mein ich, darf der echte Künstler sich nicht in Stunden zur Arbeit zwingen, wo er keine Lust hat, wo ihm alles zuwider ist. Wie sagt doch Rodolfo immer: »Hast in der bösen Stund geruht – ist dir die gute doppelt gut.« Kurz: es war etwa Weihnachten, als ich angefangen hatte, der April kam und ich war noch immer nicht fertig. Dies war jedoch zum großen Teil auch Schuld der gnädigen Frau. Anfänglich begleitete sie stets ihr Gemahl, aber als dieser später vielfach auf Geschäftsreisen abwesend war, erschien sie entweder in Begleitung anderer Herren, die sie mir vorstellte, oder auch gar nicht, und dann konnt ich mit dem seidenen Morgenkleide, das immer bei mir hing, allein auch nichts anfangen.

Nun hatten die Herrschaften sich aber eine längere Reise nach dem Süden vorgenommen, die sie Anfang April antreten wollten. Es wurde immer später und der Levkojowitz drängte. Mein Bild war fertig – bis auf die Füße. Vor diesen hatte ich eine unerklärliche Angst und suchte mich von Tag zu Tag drum herumzudrücken. Ich steckte mich schließlich hinter Werner und bat ihn, mir zu helfen. Er kam in eine Sitzung, in der auch der Gemahl zugegen war. Er lobte das Bild sehr und meinte schließlich, es würde koloristisch noch bedeutend gehoben werden, wenn unter dem weißen Kleide, gewissermaßen als Schlußpunkt, die beiden zierlichen, schwarzen Lackstiefeletten der Gnädigen zum Vorschein kämen. – Damit empfahl er sich.

Levkojowitz hatte schweigend zugehört, und ich atmete schon heimlich auf und glaubte gewonnenes Spiel zu haben. So ein paar Lackstiefeletten malte ich virtuos, mit Verve und Temperament in einer halben Stunde herunter. Statt sich jedoch zu äußern, lud mich Levko, wie ich ihn für mich und meinen Kollegen gegenüber zu nennen pflegte, zum Abendessen ein. Klopfenden Herzens, in dunkler Vorahnung einer wichtigen Entscheidung, ging ich zu ihm ins Hotel, und nach Tisch eröffnete er mir dann folgendes:

– Ihr Bild gefällt mir sehr. Es ist schön, meine Frau ist darauf getroffen. Aber es fehlen die Füß. Was der Herr Professor sagt, mag richtig sein für die Kunst. Aber will ich ein Bild für die Kunst – oder will ich ein Bild für mich ? Ich will ein Bild für mich. Ich will meine Frau mit die Füß. Sie haben übernommen zu malen mit Arme und mit Füß. Sie müssen noch malen die Füß.

Er hatte recht. Ich war gezwungen, die Füße noch zu malen – um so mehr, als er mir von dem ausgemachten Preise von 1000 Mark erst die Hälfte bezahlt hatte. Ich versprach also seufzend, seinen Wunsch zu erfüllen.

– Nu, bis wann werden Sie fertig? Können Sie's morgen machen?

– O nein! Einige Sitzungen brauch ich da noch. Er sprang auf:

– Das hab ich mir gedacht ... hab ich mir gedacht. Aber es geht nicht. Wir müssen reisen ... übermorgen müssen wir reisen ... bestimmt. Es wird mir sonst zu spät, es wird mir sonst zu heiß!

Mich packte eine tödliche Angst: die ganze Sache mit den Füßen war vielleicht nur ein Vorwand, um die restierenden 500 Mark zu sparen? Aber er beruhigte mich:

– Ich werd Ihnen einen Vorschlag machen. Was wollen Sie immer hier in Berlin? Ein Künstler wie Sie! Die ganze Welt müssen Sie kennen lernen, Italien, das Land der Schönheit, müssen Sie kennen lernen. Soll ich Ihnen was sagen – kommen Sie mit uns! Ich engagier Sie.

Ich war betäubt – wie vor den Kopf geschlagen. Zwar war es schon seit langem ein heißer Herzenswunsch von mir, einmal nach Italien zu kommen, aber ich hatte mir die Erfüllung dieses Wunsches immer als vorläufig unerreichbar gedacht: ich mußte mir ja zunächst erst in Berlin eine Position schaffen, einen Namen machen, Geld verdienen. Während mir das im Kopf herumging, redete Levko immer weiter auf mich ein. Er stellte mir folgende Bedingungen. Zunächst wollte er mir den Rest von 500 Mark zahlen, ja ich glaube sogar, er gab sie mir noch denselben Abend, sodann sollte ich während der ganzen Reise, die auf etwa ein Jahr berechnet war, sein Gast sein und außerdem ein Taschengeld von monatlich 200 Mark beziehen. Nach Ablauf der Reise würden wir dann alle drei wieder in Berlin eintreffen, wo ich, um so viele Eindrücke bereichert, meine Laufbahn mit verdoppelter Kraft wieder aufnehmen würde. Dagegen sollte ich mich verpflichten, von den landschaftlichen Punkten, die ihm besonders gefielen, Aquarelle oder Skizzen in Öl zu malen, und diese sollten ohne weiteres sein Eigentum sein. Vor allem aber sollte ich zunächst mal die Füße der gnädigen Frau vollenden.

Allen diesen Auseinandersetzungen hatte die gnädige Frau, die fast nie ein Wort sprach, von ihrer Sofaecke aus, in der sie, Zigaretten rauchend, mehr lag als saß, aufmerksam zugehört, und das Lächeln, mit dem sie mich immer ansah, verwirrte mich noch mehr. –

Du wirst es nur begreiflich finden, daß ich schließlich solchem Angebote nicht widerstehen konnte. Obwohl eine innere Stimme mir warnend zurief: Tu's nicht! – sagte ich schließlich doch zu allem Ja. Und so entschied sich noch in jener Stunde mein Schicksal. Ich habe Berlin, ich habe Deutschland seitdem nicht wiedergesehen. Flügellahm sitz ich seit zehn Jahren hier unten – und werde wohl so sitzen bleiben.

V

Ludovico war in ein düsteres Sinnen versunken, er paffte seine Zigarette und trank ein ganzes Glas auf einen Zug aus. Ich mochte ihn eine geraume Zeitlang nicht stören. Schließlich fragte ich ihn sanften Tones:

– Aber damals fühltest du dich doch jedenfalls zunächst sehr glücklich?

– O, und wie! Die Reise war herrlich. Wir fuhren von Genua nach Neapel mit dem Dampfer. Ich hatte einen ganz neuen Anzug an und die ganze Welt lag vor mir ... Aber schon bald trübte sich der Himmel. Noch auf dem Schiff war es. Die gnädige Frau war nicht wohl und hatte sich niedergelegt. Da nahm mich Levko beiseite: Mein lieber, junger Freund, sagte er, ich werd Ihnen was anvertrauen. Haben Sie was gemerkt? – Was soll ich gemerkt haben? – Nu, was macht meine Frau für ein Gesicht? Freut sie sich? Ist sie froh? Die ganze Welt soll sie sehen – ist sie vergnügt? Ist sie glücklich? Nichts ist sie! Seit wir fort sind von Berlin, ist ihr mies. Meinen Sie, ich hätt es nicht gemerkt? Mein lieber, junger Freund, ich werd Ihnen was sagen. Es war die höchste Zeit, daß wir abreisten von Berlin. Sie haben mir erzählt von den Freunden meiner Frau, mit denen sie zu Ihnen gekommen ist ins Atelier. Was heißt Freunde meiner Frau? Sind es meine Freunde? Wozu brauch ich Freunde meiner Frau? Lieber Freund – was ich Ihnen sage – es war die höchste Zeit.

Ich fragte mich vergeblich, warum Levko mir das alles verriet. Aber ich sollt es nur zu bald erfahren. Er fuhr fort: Sehen Sie, mein lieber, junger Freund: Marianne – so hieß nämlich die Gnädige – Marianne ist eine schöne Frau, eine kluge Frau, eine gute Frau ... ich lebe glücklich mit ihr. Warum? Weil sie mir niemals widerspricht ... und warum widerspricht sie nie ? Weil sie überhaupt nicht spricht. Man sollte glauben, sie war eine ruhige Natur. Aber ich weiß es besser: ich trau ihr nicht über den Weg.

Nun wurd es mir aber doch zu bunt, ich fragte ihn direkt: Sagen Sie mir, Herr von Levkojowitz: wozu sagen Sie mir das alles ? – Wozu soll ich es Ihnen nicht sagen? Sehen nicht vier Augen mehr als zwei Augen?

Jetzt ging mir ein Licht auf. Also ich sollte ... Mein Herr! fuhr ich ihn an – wenn Sie glauben, daß ich Ihnen als Ihr ehelicher Privatdetektiv dienen werde, dann haben Sie sich in mir getäuscht. Ich bin ein Künstler, verstehen Sie! Und kein Spion.

Er sah mich einen Augenblick verdutzt an, aber dann lächelte er sanft und milde: Reden Sie nicht, lieber junger Freund, reden Sie nicht. – Hab ich gesagt: Spion? Ich habe gesagt: Freund! Sind Sie nicht mein Freund? Ich weiß: Sie sind ein Ehrenmann, Sie sind ein Gentleman. Hab ich was anders gesagt? Wie? Oder sind Sie einer von den Freunden meiner Frau? – O nein! – Nu also!

Kurz, er beschwatzte mich nach allen Regeln der Kunst. Ich bin stets eine innerlich moralische Natur gewesen und da er doch nun mal der Ehemann war, so wurd es ihm auch nicht allzuschwer: ich gelobte ihm schließlich feierlich, in seiner Abwesenheit stets ein wachsames Auge auf die gnädige Frau zu haben und ihm sofort einen Wink zu geben, wenn mir die Ehre seines Hauses gefährdet schiene.

So kamen wir nach Neapel. Die wenigen Tage, die wir dort blieben, verliefen bei schlechtem Wetter still und friedlich. Marianne war sanft und melancholisch. Mit niedergeschlagenen Augen ging sie an Levkos Seite von Sehenswürdigkeit zu Sehenswürdigkeit.

Von Neapel ging es wiederum auf dem Seewege nach Palermo. Dort wollten wir den ersten längeren Aufenthalt nehmen, dorthin war das Gros unseres Gepäcks, unter anderem auch mein Bild, dirigiert.

Wir hatten etwas bewegte See, und die gnädige Frau wurde sofort seekrank. Wir beide hielten uns wacker auf Deck und wurden immer befreundeter. Levko schien mir ein lieber, braver Kerl, der auf die Welt gekommen war, um mich aus meinem engen, norddeutschen Gesichtskreise herauszureißen und mein Glück zu machen.

Ich neckte ihn mit seinen eifersüchtigen Sorgen. Ich hielt ihm vor, wie tadellos Marianne sich in Neapel geführt hatte, wie sie tatsächlich weder rechts noch links geschaut hatte. Und außerdem – so schloß ich meine neckische Rede: – Ihre Frau Gemahlin versteht ja kein Wort Italienisch – was kann sie denn da machen?

Er faßte mich unter den Arm und sagte gewichtig: Mein lieber, junger Freund – wie reden Sie zu mir? Wie ein junger Mensch. Unser Gott hat uns gegeben die Sprache. Sei er gedankt! Aber was hat er uns noch gegeben? Die Augen, die Hände und die Füß. Nu! Wenn wir nicht reden können mit der Sprache – womit werden wir reden? Mit den Augen, mit den Händen, mit die Füß. – Mein lieber, junger Freund: ich habe meine Frau kennen gelernt – was ist sie gewesen? Ein lebendes Bild! Was braucht ein lebendes Bild zu sprechen? Ich habe nicht gewußt: ist sie deutsch, ist sie französisch, ist sie englisch oder ist sie italienisch?

Wir kamen in Palermo an. Frühmorgens. Ich brauche dir nicht zu erzählen, wie wundervoll die Einfahrt in den Hafen von Palermo ist – du kennst sie. Als das Schiff stillstand, kam Marianne die Treppe herauf – schweigend wie immer sah sie sich um – und da war es nun ganz entzückend: wie auf ihrem hübschen Gesichte – das anfänglich noch ganz matt und schlaff erschien – die Größe und die Schönheit der Natur sich wiedergab – wie ein herrlicher Abglanz das süße, müde Köpfchen wieder aufleben ließ.

Und nun kehrte die bisherige Apathie überhaupt nicht mehr zurück. Es mag auch wohl das veränderte Wetter dabei mitgewirkt haben – die sizilianischen Offiziere wirkten wie ein Frühlingsregen ...

Sie war ganz anders wie in Neapel. Levko sagte: Nu sehen Sie: bis jetzt hat sie getrauert. Alle Achtung! Vierzehn Tage sind wir unterwegs ... Jetzt ist sie's los. Und nun passen Sie auf! Ich bitte Sie, lieber, junger Freund – ich bitte Sie um meinetwillen – passen Sie auf!

Dabei ließ er sie selber nicht aus den Augen. Wir hatten eine möblierte Etage gemietet, und mein Bild war angekommen. Ich zitterte! Drei Tage lang wußte ich es zu verhindern, daß die Kiste geöffnet wurde. Als ich eines Nachmittags heimkam, war es doch geschehen. Und nun fing Levko an zu drängen.

Ich erinnere mich eines gemeinschaftlichen Spazierganges zu dreien.

Ich war innerlich beschäftigt mit der schweren Aufgabe, die mir bevorstand, und neben Marianne gehend, blickte ich unwillkürlich auf ihre Füße. Sie merkte es – wir sahen uns auf einmal an – sie lächelte – o Gott, wenn ich dieses Lächeln malen könnte! – Die Mona Lisa ist dagegen ein Unteroffizier der Heilsarmee – sie lächelte mich an, und ich wurde rot, dunkelrot.

Lieber Otto Erich! Du bist kein Maler ... aber ich hoffe, du kannst es dir vorstellen ...

– Was?

– Was es heißt, einer solchen Frau die Füße zu – malen. Bleib ernst! Es ist die Klippe, an der mein Leben gescheitert ist. – Ich konnte mich schließlich vor Levko nicht mehr retten. Ich aquarellierte am Strande im Schweiße meines Angesichts – aber ich konnte machen, was ich wollte ... wenn ich heimkam, fragte mich Levko sicher: Nu, mein lieber, junger Freund, was machen die Füß?

Ich wurde sie nicht mehr los – weder aus den Gedanken bei Tage, noch aus den Träumen bei Nacht ...

Und schließlich ... Ja: wie es zugegangen ist, weiß ich dir wirklich nicht zu sagen ... Jedenfalls: am Morgen nach der ersten Sitzung – bei Füßen kann man wohl eigentlich nicht von Sitzungen reden – am nächsten Morgen sagte ich zu mir: Ludovico, du bist ein Schuft. Du hast das Vertrauen des Mannes, der dein Bestes gewollt hat, schmählich mißbraucht. Geh jetzt zu ihm, schlage dich an die Brust und bekenne ihm ... Na, ich hab es natürlich nicht getan.

Aber nun hatte ich doppelte Qualen zu ertragen. Ich war nun scharf wie ein bissiger Kettenhund: jeder Blick, den Marianne ihren sizilianischen Offizieren zuwarf, brannte in meiner Seele und nebenbei, wenn ich in das trauliche Antlitz Levkos sah, empfand ich die schmerzlichsten Gewissensbisse.

Das dauerte so etwa drei Monate. Ihre Füße hatte ich längst gemalt: es wird wohl das Beste gewesen sein, was ich je gemacht habe. Da, eines Tages – ertappte ich sie. – Er war Hauptmann. – Der Augenschein überzeugte mich. Und nun wurd ich ganz wild. Ich vergaß jede Vorsicht, stürmte zu Levko, Levko stürmte zu ihr, ich stürmte an den Strand und dort – nu ja – dort stürmte das Meer.

Ich ging die Nacht nicht heim. Erst am andern Mittag kam ich wieder in unsere Wohnung. Sie war leer. Ich trat in den Salon: da stand mein fertiges Bild. Aber es war nicht mehr fertig ... nur noch einige Fetzen hingen in dem Rahmen, der Rest lag in verschiedene Formate zerschnitten auf dem Boden des Hauses, ich meine auf dem Teppich.

In meinem Zimmer fand ich zwei Briefe, einen von ihm und einen von ihr.

Er schrieb ohne Überschrift: Ich hab mich überzeugt: Sie sind der gemeinste Lügner und Verleumder, und weil Sie selber ein Wollüstling sind, haben Sie meine Marianne bei mir in einen falschen Verdacht bringen wollen. Fertig. Ignaz von Levkojowitz.

Sie schrieb ... auch ohne Überschrift: Du bist ein Esel.

Die Kürze dieses Briefes entsprach durchaus ihrer sonstigen Schweigsamkeit. Das Wesentliche wußte sie trotzdem immer zum Ausdruck zu bringen. – –

Aber was war nun? Ich erfuhr, daß die Herrschaften am frühen Morgen nach Marsala gefahren waren und ihr Gepäck nach Tunis beordert hatten. Sie waren zweifellos bereits auf Deck nach Afrika.

Und ich saß da. Ich hatte zwar noch einiges Geld, etwa 50 Lire – die Skizzen, die ich gemalt hatte, waren vom tüchtigen Levko alle mitgenommen oder heimgeschickt, was weiß ich –

Ich machte ein paar verfehlte Selbstmordversuche – das heißt, Pardon: ich stieg gelegentlich auf einen Felsen am Meer und – die Welt ist eine ewige Einheit ... Alles lebt in Allem ... also, nicht wahr: da lohnt es sich gar nicht. Man bleibt lieber leben. –

Was soll ich dir noch sagen? Mein Geld reichte bis Rom. Und hier ... Nun ja: hier siehst du mich ja. Ich werde doch hier nicht wieder weggehen? Was? Wo's hier diesen wundervollen Frascati gibt? Wie? – – Na Prost!

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