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Die Serényi

Otto Erich Hartleben: Die Serényi - Kapitel 2
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typenarrative
authorOtto Erich Hartleben
titleDie Serényi
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Die Geschichte vom abgerissenen Knopfe

An Georg Engels

Hast Tausenden heiterste Freude gebracht,
Menschen ob Menschlichem lachen gemacht, –
So nimm einen Dank und dies Büchel dazu
Von einem, der's machen möchte wie Du.

I

Er ist jetzt Regierungsreferendar; ich weiß im Augenblick nicht einmal wo – irgendwo in der Provinz, im Westen, Holstein oder so. Damals, im Herbst Achtundachtzig, hatten wir uns beide gerade exmatrikulieren lassen. Ich wohnte derzeit in der Hollmannstraße, vis-à-vis vom Kammergericht, und grübelte über den ›Eigentumserwerb des Finders‹. Er aber ließ sich eine Arbeit aus dem Kirchenrecht geben! Damit imponierte er mir ganz ungeheuer. Mein Repetitor hatte mir gesagt: Kirchenrecht – ach, wissen Sie: Kirchenrecht sehen Sie sich überhaupt nur an, wenn Sie acht Tage vorher erfahren, daß Hinschius in der Prüfungskommission sitzt.

Wir nannten uns Vettern. Unsere Mütter waren auf jene raffinierte Art und Weise miteinander verwandt, die ernsteren und pietätvolleren Menschen immer neuen Anlaß zu angestrengtem Nachdenken und einen stets frisch bleibenden Stoff zu behaglicher Unterhaltung in Familienkreisen bietet. Auch wir beide hatten einmal in später Nachtstunde diese Frage ›angeschnitten‹, sie aber nicht eigentlich gelöst, sondern durch ein summarisches Verfahren – indem wir Brüderschaft tranken – ›erledigt‹.

Wir waren einander sehr unähnlich: fast in jeder Beziehung. Aber das konnte uns gerade so passen. Wir kamen immer gern zusammen und blieben dann gewöhnlich eine stattliche Reihe von glücklichen Stunden vereint. Nur hatte es seine Schwierigkeiten, daß man sich sah. Er wohnte draußen in Charlottenburg bei seinen Eltern, ich, wie gesagt, am Kammergericht: da mußte man immer einige Anstalten vorher treffen.

So hatte ich ihm denn eines Tages, anfangs September Achtundachtzig – – Gott, das sind jetzt erst fünf Jahre her! Mir ist, als läge ein ganzes Menschenalter dazwischen! – hatt ich ihm also eine Karte geschrieben und ihn gebeten, abends halb acht zu mir zu kommen, bei mir zu essen, und dann wollten wir – losgehn.

*

Bis zum Nachmittag hatte mir der Eigentumserwerb des Finders zu einigen beschaulichen Stunden in der Bibliothek des Kammergerichts verholfen, dann zog ich mich um und ging aus, um etwas zum Abendessen einzukaufen. Das hab ich nämlich immer mit Vorliebe selber getan. Bei Schischin kaufte ich Kaviar und ging dann quer über den Damm, nach der Behrenstraße zu. Da muß an der andern Seite irgendein Juwelierladen sein, oder so was. Vor dem Schaufenster stand ein Mädchen. Diese Figur ..? Ich trat neben sie –:

– Lore?

Sie wandte sich schnell um und – war es.

– Du ...? – rief sie, so erstaunt gedehnt, ungläubig fragend ...

– Ja – ich.

Sehr fest drückten und schüttelten wir uns dann die Hände. Freudig und herzlich sahen wir uns in die Augen. Ja, wahrhaftig! – Wir waren gute, alte Bekannte – die Lore und ich. Die liebe Lore ...

Damals, vor drei, vier Jahren, als ich zuerst in Berlin war, im ersten Semester – ach, wie war das doch so herrlich schön gewesen – damals!

Weißt du noch, mein süßes Herz, wie alles sich
Hold begeben zwischen dir und mir?

Was lebten da für Verse wieder auf! War es nicht, als ob man damals – nur so zur Abwechselung – wie in einer Spieloper – auch Prosa gesprochen hätte?

Die Tage gingen und die Tage kamen:
ich war so still – was fiebert heut mein Sinn?
Was weckt in meiner Brust den Strom der Lieder?
Ja du! Du liebe Lore kehrtest wieder!

Durch das Gedränge, durch den Lärm der Friedrichstraße – oft getrennt durch entgegeneilende, hastige Menschen – so gingen wir jetzt nebeneinander, ohne viel zu sprechen und sahen uns von Zeit zu Zeit so von der Seite an – so prüfend: bist du es auch noch ... wirklich?

Und wenn sich unsere Augen trafen, lächelten sie ...

– Wo wohnst du denn jetzt?

Sie fragte nicht, wohin wir gingen.

Wir bogen in die Markgrafenstraße ein.

*

Also pünktlich halb acht Uhr erschien der Vetter. Er verspätete sich nie. Lore war bereits die dicke Freundin meiner dicken Wirtin. Darin besaß sie eine unheimliche Routine – das kannt' ich schon. Sie half der guten Frau den Tisch decken und hielt gerade in beiden Händen Schüsseln und Teller, als der Vetter mit kurzem Klopfen a tempo in das Zimmer trat. Sie lachte ihm kordial – oder war es etwas frech? – entgegen. Er blieb stehn und sah sie an. – Er wunderte sich.

Ich mußte gleichfalls lachen, trat auf ihn zu und schüttelte ihm die Hand:

– Das hättest du wohl nicht vermutet? Weißt du, wer das ist? – Das ist die Lore!

Nämlich, als ein genauer Kenner meiner sämtlichen Werke, welche damals aus einer – aber was für einer! – Gedichtsammlung bestanden, wußte er ganz genau, wer Lore war – auch hatt' ich ihm des öfteren von ihr erzählt. So schüttelte er ihr denn nach dieser Aufklärung sofort freundschaftlichst die Hand und erklärte ihr in wohlgesetzten Worten seine Freude, eine so berühmte Dichterliebe kennen zu lernen. Er zog sich dabei die Glacés aus.

Sie wurde ganz verwirrt. Davon wußte sie nämlich gar nichts. Das heißt, von den Versen wohl, aber nicht, daß inzwischen ein guter, alter Herr in Zürich die Schwäche gehabt hatte, sie zu drucken. In den Stunden, die wir bisher wieder beisammen gewesen waren, hatte ich noch keine Gelegenheit gefunden, sie von diesem bemerkenswerten bibliographischen Ereignis in Kenntnis zu setzen.

Ach, in diesem Momente sah sie unbeschreiblich reizend aus! Ich klärte sie mit ein paar Worten auf – und da hatte sie eine rührende Freude. Sie wurde rot bis an ihre struppigen Locken und hielt in Gedanken immer noch die Fruchtschale mit den Weintrauben in der linken Hand. Mein Vetter stand vor ihr und war ganz verloren in ihren Anblick. Ich mußte lächeln ...

Dann saßen wir beim Abendbrot, Lore in der Mitte des Sofas, wir beide in den großen, altmodischen Mahagonisesseln. Wenn wir uns ein Butterbrot belegt hatten, lehnten wir uns zurück, es war zu unbequem, in den tiefen, weichen Sitzen vorgebeugt am Tisch zu bleiben. –

Es war das eine jener Situationen, die man nie im Leben wieder vergißt, eine jener Stimmungen, die sich einem späterhin, unter ganz veränderten Verhältnissen, in ganz anderen Zuständen, immer wieder – wie unfertige Erinnerungen – plötzlich ins Bewußtsein schieben. –

Das Zimmer, das ich damals bewohnte, war zweifenstrig und sehr tief. Das Meublement stammte aus den fünfziger, sechziger Jahren, war aber im Sinne dieser Zeit sehr elegant und solid. Es war alles dunkles Mahagoni: der Bücherschrank, der ›Silberschrank‹, der altmodische ›Sekretär‹ – selbst die Rahmen des großen sechsteiligen Bettschirmes – alles von demselben dunkelroten Holze. An der einen Langseite des Zimmers, flankiert von dem Sekretär und dem Silberschrank, stand das Sofa, auf dem jetzt die liebe Lore saß, gegenüber vor der verhängten Flügeltür das Bett, umstellt von dem gewaltigen, mit dunkelgrünem, vielgefaltenem Musseline bespannten Bettschirm. Dieser Bettschirm hatte mir gleich bei der ersten Besichtigung des Zimmers mächtig imponiert.

Nun wollte sie durchaus die gedruckten Verse sehn. Sie flüsterte mir ins Ohr: Ist auch das dabei:

O Lore! Kind! – Es rauschen die Pandekten –

– Bitte laut! – rief der Vetter.

Und sie sagte laut, pathetisch, aber ohne uns anzusehn:

O Lore! Kind! – Es rauschen die Pandekten –
Und du in deiner Sofaecke lachst?
O Gott, wenn sie zu Hause das entdeckten!
Kind, sei doch ernst! Du weißt nicht, was du machst!

– Hast ein gutes Gedächtnis! Ja, das ist auch dabei.

– Ja? Ach, du bist doch noch immer ein zu lieber Kerl, du ... Aber zeig mir – so zeig sie mir doch nun endlich mal!

Sie wies auf die Bücher hin. Es lagen nicht wenige umher.

– Ich hab sie nicht hier ... wirklich nicht!

– Unter all den vielen?

Es machte einige Schwierigkeiten, ihr klar zu machen, daß die Bibliotheksverwaltung des Kammergerichts bisher von einer Anschaffung meiner Lieder – Abstand genommen habe. Man wäre in der gerichtlichen Medizin noch nicht so weit, und auf die Phänomenologie pathologischer Zustände sei bis jetzt erst von einigen wenigen Kriminalisten irgendwelcher Wert gelegt. Ich nannte Lombroso ...

– Diese Matrosentaille, Fräulein Lore, steht Ihnen ganz reizend! – sagte mein Vetter plötzlich mit seiner schönen, tiefen Baßstimme. Er war mit Essen fertig, hatte sich eine Zigarette angezündet und hielt nun den Augenblick zur Anknüpfung einer liebenswürdigen Unterhaltung mit dem Mädchen für gekommen. Ich hatte in dem Augenblick den Eindruck, als ob mein Vetter eigentlich vorzüglich in dies alte, gediegene und vornehme Mobiliar hineinpasse ... Mahagoni!

Sie lachte über das Kompliment des Vetters ... mit diesem hellen Ton derber, sprühendster Lebensfreude – sie war vergnügt!

Und er fuhr fort:

– Das gefällt mir von Ihnen, Fräulein Lore, daß sie jetzt, wo alle Damen nach der Mode in turmhohen Stehkragen herumlaufen, daß Sie den Hals frei tragen ...

– Frei ist der Hals – frei – ist – der – Hals! – sang ich dazwischen.

– Ja, wissen Sie, mein Herr – sagte die Lore zum Vetter – ich bin durchaus der Ansicht der Frau Baronin von Suttner und anderer hochgestellter Damen, daß es die höchste Zeit ist, daß wir anfangen, uns freier zu bewegen und uns überhaupt dem Staate nützlich machen. Meinen Sie nicht auch?

Der Vetter fuhr bei dieser Frage ordentlich zusammen. Er hatte vornübergebeugt dagesessen und aufmerksam die Matrosentaille gemustert.

– Ja, ja – sagte er – gewiß, aber ... sehen Sie da ... da fehlt ein Knopf.

Und er sah sie vorwurfsvoll an, vorwurfsvoll trotz seines liebenswürdigen Lächelns. Das paßte ihm nicht.

Sie lachte sorglos auf. – Dann sagte sie, zu mir gewendet:

– Ich konnte doch nicht wissen, daß ich dir begegnen würde. Das ist meine schlechteste Taille, meine älteste – versicherte sie dem Vetter.

– Aber Graf Arnim sagt immer, jedesmal, wenn ich zu ihm komme: Gnädiges Fräulein, sagt er – die Matrosentaille – nur die Matrosentaille. Anders lad ich Sie gar nicht ein! – Und wenn ich zu Paul Thumann komme ...

Jetzt war sie in ihrem Fahrwasser. Ich kannte das. Und während sie so den unerschöpften Schwall ihrer Rede über den etwas verdutzten Vetter ausgoß und sich einmal wieder gründlich satt renommierte, betrachtete ich sie, in meinen Sessel zurückgelehnt, von der Seite – sah sie mir eigentlich jetzt erst mal wieder ordentlich an. Vorhin, unser Beisammensein zu zweien war dazu – na, wie soll ich sagen? – zu kritiklos gewesen.

Wie alt mußte sie denn eigentlich sein? Damals – damals war sie fünfzehn, sechzehn gewesen – ja, ja – damals. Hm ...

Da war man auch selber noch jung gewesen – ein Keilfuchs der Liebe.

Jetzt? – Lustig war sie ja immer noch, leicht ausgelassen, mit jener hinreißenden Vorliebe für Tätlichkeiten ... Aber – ja, wie alt mußte sie also jetzt sein? Neunzehn, sicher neunzehn, wenn nicht älter. Vielleicht hatte sie doch geschwindelt, die Geschichte mit der Konfirmation, die sie damals frisch erlebt haben wollte, lag weiter zurück. Wenn sie überhaupt wahr war: der Rittmeister, der sie in der Gepäckdroschke aus der Kirche abgeholt hatte, und so ... na!

Und während der ganzen letzten drei, vier Jahre war sie also nicht vom Berliner Straßenpflaster heruntergekommen. Bös! – Hm. Ja, ich hatte auch schon vorhin die Empfindung gehabt – vorhin, wie sie sich so burschikos auf das corpus juris setzte und mit den Beinen baumelte –: früher hatte das doch einen ganz anderen Anstrich gehabt. Oder lag es an mir? Kam es daher, daß ich früher, vor vier Jahren noch keine Ahnung gehabt hatte: was in dem corpus juris alles stand, und jetzt ... Aber nein! Das wußt ich ja immer noch nicht. Das hatte damit sicher nichts zu tun. An mir konnte es nicht liegen.

Sie trug jetzt Stirnlocken, Ponys. Und gerade ihre Stirn, und wie sich die braunen, spröden Haare so unregelmäßig, so kapriziös schief daran ansetzten – das war so drollig hübsch gewesen – früher.

Ach und dann hatte ihr da irgend so'n Pferdejude – als ›Künstlerin‹ verkehrte sie wahrscheinlich mit solchem Gesindel – der es sich nicht viel hatte kosten lassen wollen, ein Paar riesige silberne Steigbügel als Ohrringe verehrt. Pfui, wie gemein das aussah, darauf hatt' ich vorhin gar nicht geachtet. Und sie fühlte sich verpflichtet, die Dinger zu tragen! A!

Diese Ohrringe und diese Ponys – na: Geschmack war ja nie ihre starke Seite gewesen, und bummlich in ihrem Anzuge war sie immer noch.

Lore fuhr indes in ihrer Rede fort. Sie erzählte meinem Vetter gerade, wie liebenswürdig der Graf Perponcher gewesen sei, als er im letzten Winter ihren Kopf modelliert hatte ... aber nur den Kopf ...

Ich versank wieder in Gedanken. Ja, dieser Kopf! – Ein Bild kam mir in die Erinnerung, ein liebes, freundliches Bild – von damals. Das mußte in einem der Restaurationsgärten am Tiergarten gewesen sein – Charlottenhof oder so. Da waren wir hinausgegangen, am Wasser entlang, ganz langsam, nebeneinander ... Eine Stunde vorher hatten wir uns kennen gelernt. Da draußen waren wir fast allein, es war anfangs Mai und noch recht frisch. Aber die Sonne schien, und die Lore setzte ihren Winterhut ab. Da sah ich zum erstenmal, wie die Sonne in ihren braunen Haaren blinkte, und daß sie blaue Augen hatte. Und da bat ich mit gefalteten Händen:

– Bitte, sagen Sie mir nun Ihren Vornamen.

Und sie antwortete:

– Ich heiße Lore. – –

Das war natürlich eine Lüge. Sie hieß gar nicht Lore, sie hieß Berta. Aber der Name Lore gefiel ihr gerade. Im höheren Sinne sprach sie also doch die Wahrheit: hätte sie nicht ihr Wesen gefälscht, wenn sie mir auf meine Frage ihren richtigen Namen genannt hätte?

Für mich aber gehörte von diesem Augenblicke an jener Name zur Illusion. Lore! Wie bei dem Klange wieder alles lebendig wurde! Und doch – zum Teufel! – war ich denn nicht gerade dabei, mir diese ... Illusion kritisch zu zerstören?

Ich sah meinen Vetter an. Wie er vorgebeugt dasaß und sie mit fröhlichen Augen betrachtete, wie er lächelnd auf ihr närrisches Geplapper horchte ... Heiliges Kreuz: er hatte seine Zigarette ausgehen lassen! – Den hat's jetzt – dacht' ich.

Was erzählte sie denn eigentlich?

Gestern hatte sie der Graf – sie konnte den Namen nicht behalten, es war so'n französischer – zu Tisch gebeten und ihr fest versprochen, sie nachher Seiner Majestät vorzustellen. Dem sei sie neulich schon aufgefallen, wie sie bei einer Kavallerieübung auf dem Tempelhofer Felde immer vor ihm hergeritten wäre. Wer ist denn die schneidige Dame? – hätte er gefragt. Aber sie habe dem Grafen leider abschlägig antworten müssen. Denn, wissen Sie – fügte sie mit genialer Aufrichtigkeit hinzu – meine Toilette ist zurzeit wirklich nicht in dem Stande.

– Ach du – wandte sie sich plötzlich an mich – da muß ich dir wirklich eine Geschichte erzählen ... eine Geschichte! Denk dir folgendes. Ich sitze gestern nachmittag ganz harmlos bei Kranzler und trinke meinen Kaffee. Kommt ein großer, schwerfälliger Herr mit dunkelblondem Vollbart herein, und weil sonst kein Platz ist, setzt er sich an meinen Tisch. Na ... wir kommen ins Gespräch und natürlich auch auf die Politik. Da entwickelt der Mensch denn Ansichten ... Ansichten sag ich dir ... nicht zum Blasen! Eine Zeitlang hör' ich mir das ja mit an, schließlich aber wurd' es denn doch zu bunt! Ich stand auf und sagte: Mein Herr, bevor ich weiter mit Ihnen spreche, muß ich Sie doch bitten, sich mir vorzustellen. Da hätt'st du mal seine Verlegenheit sehen sollen. Er wurde ganz rot, stand auf und stammelte: Mein Name ist Richter, Eugen Richter ... Na ja – sag ich – das merkt man. – Zahlte und ging.

Alles dieses brachte sie mit einer unglaublichen Geschwindigkeit und in einem drolligen Tone blasierter Nachlässigkeit vor, als wolle sie andeuten, daß sie auf all das durchaus keinen besonderen Wert lege und weit davon entfernt sei, sich etwa darauf irgendwie etwas einzubilden.

Ich wußte von früher, daß sie unheilbar ungnädig wurde, sobald man das geringste ihrer Worte in Zweifel zog. Ich legte also die Stirn in Falten, hörte aufmerksam zu und fragte sie, als sie schließlich einmal inne hielt, nach dem Befinden Anton von Werners.

Die Antwort lautete zufriedenstellend. Besonders mein Vetter schwamm darob in Wonne. Er bewunderte sie einfach.

Die Wirtin klopfte und trat ein. Ob sie abräumen solle? Es war zehn Uhr geworden. Lore leistete ihr sofort bereitwilligst Hilfe.

Als die beiden mit Tellern und Schüsseln verschwunden waren, sprang mein Vetter auf.

– Mensch, das ist ja – er mußte aus vollem Herzen lachen – so etwas ist ja noch gar nicht dagewesen! Sag mal: und sie selber glaubt an all das ... wie?

– Welche Frage! Wenn sie sich morgen zur Hofdame ernannt fände, sie würde sich darüber keinen Augenblick wundern. Ich persönlich halte sie auch zu einem solchen Posten für hervorragend qualifiziert. Ihr Wuchs ist tadellos und ein redliches Streben nach dem Höheren nicht zu verkennen.

Mein Vetter war plötzlich ernst geworden. Nachdenklich steckte er sich eine neue Zigarette an:

– Ja, aber ... diese Unordentlichkeit in ihrer Kleidung? Weißt du, sowas gibt mir doch immer zu denken.

– So? Mir nicht.

II

Als wir eine Stunde später zu dreien im Löwenbräu saßen und der Vetter sich auf einen Augenblick entfernt hatte, beugte sich Lore zu mir herüber und fragte eifrig:

– Ist er dein richtiger Vetter?

Ich dachte nach und improvisierte à la Shakespeare:

Meist ist man ja vom Richtigen entfernt:
Drum laß uns das Entfernte richtig nennen
Und richtig – grade den entfernten Vetter!

– Aber du – er ist doch aus guter Familie?

– Aber Lore – ich bitte dich: wie würd' ich mir denn sonst erlauben, ihn mit dir zusammenzuführen! Er ist sogar Vizefeldwebel.

Das zog. Sie hatte es – mir eigentlich nie verzeihen können, daß ich trotz meiner Schulterbreite als Reichskrüppel durchs Leben irrte; als der Vetter jetzt mit seinen großen, strammen Schritten sich dem Tische wieder näherte, empfing ihn die Lore mit einem so hellen Blick offenherziger Bewunderung, daß er mit einer eckigen, unfreiwilligen Bewegung ihre Hand faßte und herzlich drückte. – Die Situation fing an, stumm sentimental zu werden. Ich hielt es für passend, den Herrschaften eine Geschichte aus dem Soldatenleben zum besten zu geben. Mein Freund Malmos, der neulich auch den Vizefeldwebel erklettert, hatte sie mir erst vor kurzem berichtet.

Zwischen Soldaten seines Regiments und Arbeitern war es zu einer Schlägerei gekommen, bei der ein Arbeiter totgestochen war. Der Herr Hauptmann von So und So nahm daraus am andern Morgen die Veranlassung zu einer kurzen Ansprache an die Soldaten. Dabei sagte er:

– Übrigens ist es mir einfach unverständlich, wie so etwas überhaupt passieren kann! Ein anständiger Mensch sollte sich doch mit diesen Viechkerlen von Zivilisten überhaupt nicht gemein machen. Wenn mir einer auf dem Trottoir entgegenkommt, mach' ich sofort einen weiten Bogen über den Fahrdamm.

Diese Geschichte amüsierte die liebe Lore ganz fabelhaft. In einem drolligen, phantastischen Leutnantsschnarrton wiederholte sie immer wieder: mit ›diesen Viechkerlen von Zivilisten‹ ... Entzückend fand sie das.

– Aber du – wandte sie sich dann zu mir – du solltest das lieber nicht erzählen – du verulkst dich ja selber!

Entweder sie war dem Vetter – oder er der Lore nähergerückt – so nahe, daß ihre Arme nicht mehr nebeneinander auf dem Tische Platz hatten und er ihre Finger bequem in der Hand behalten konnte. Ich hatte meinen Stuhl nach meiner Gewohnheit schräg an den Tisch gestellt – ihnen gegenüber – und zurückgelehnt betrachtete ich die beiden ›jungen Leute‹ wohlwollend von der Seite. Ich versuchte mich in jene bewußte Liebenswürdigkeit hineinzufühlen, die weiland König Marke – nur leider zu spät – für die Liebenden zu empfinden gelernt hatte. Es ging ganz gut...

– Aber recht hat sie – dacht ich bei mir – das Soldatische hätt ich nun doch schlauerweise aus dem Spiele lassen sollen. Ich Schaf.

Nach einiger Zeit kam die Reihe, sich ein Weniges zu entfernen, an die Lore. Mein Vetter legte die Stirn in Falten, und nach einer ernsten Pause ›zwischen zwei Männern‹ fragte er, mich gerade anblickend, gewichtig und korrekt:

– Oder legst du noch Wert darauf?

Drauf ich in düsterer Entschlossenheit:

– Nein. – Ne bis in idem. –

Ein stummer Händedruck, als wollte er mich in meiner Fassung bestärken – aber da stand ja die Lore schon! Sie hatte die letzten Worte gehört. Mißtrauisch fragte sie:

– Was heißt das: ne bis in idem?

– Das heißt – sagte ich schwermütig – des Lebens Mai blüht einmal und nicht wieder...

*

Wir standen auf dem Gensdarmenmarkt. Es war ein Uhr.

– Von der Bergstraße bis zur Hollmannstraße – nein, mein lieber Freund – das wäre ja nachher ein unmenschlicher Weg für dich. Abgesehen davon – dein Vetter ist ja so freundlich und ...

– Und einer genügt wohl – fügte dieser hinzu.

Ich unterdrückte die Bemerkung, daß von der Bergstraße nach Charlottenburg doch auch ein ganz tüchtiger Weg sei und schien mich der Ansicht meines logischeren Vetters zuzuneigen:

– Ja – wenn du wirklich meinst, daß einer genügt ...

– Gewiß, gewiß. Gute Nacht, gute Nacht.

Und indem sie lachend den Arm des Vizefeldwebels nahm, rief sie zurück:

– Überhaupt – ein anständiger Mensch soll sich mit diesen Viechkerlen von Zivilisten nicht gemein machen!

*

Fort waren sie. Ich ging allein nach Hause, die menschenleere Charlottenstraße entlang.

Und während ich so einsam heimwärts wanderte, macht' ich mir meine eigenen Gedanken über – na, vorzugsweise wohl über ›den Eigentumserwerb des Finders‹. Er fing an, mir problematisch zu werden.

III

Ungefähr acht Tage später – als ich vormittags auf der Königlichen Bibliothek saß – legte sich eine gewichtige Hand auf meine Schulter. Ich sah auf: es war mein Vetter, hoch, in vollendeter Haltung – wie immer.

– Guten Morgen – sagte er mit seiner gemessenen, formbewußten Liebenswürdigkeit – im tiefsten Baß.

– Was heischest du ... Mörder meines Glücks?

– Einen Frühschoppen mit dir.

Ich klappte die Bücher zu. Wir gingen.

An diesem Tage machte ich die Wahrnehmung, daß mein Vetter die Redewendung: ›nicht als ob – aber ...‹ mit einer besonderen Vorliebe gebrauchte; und seitdem – wenn ich mich seiner erinnere – geraten meine Gedanken leicht in jene Form: ich sage mir etwa –: nicht als ob er als Frosch geboren wäre, aber – – der Tragödiendichter und Redakteur am Magdeburger Generalanzeiger, Carl Wilhelm Geißler, singt von seiner Iphigenie so treffend:

Ihr ward die Größe zur Gewohnheit!

So dem Vetter Korrektheit und unbedingte Kontenance in allen Lebenslagen.

Also ... wir saßen beim Kännchen Lichtenhainer. Die uns bedienende Fürstin hatte sich hoheitsvoll lächelnd entfernt. Mein Vetter begann. Ich gewann den Eindruck, daß dieser Frühschoppen mit mir seinerseits das Resultat reiflichster Überlegung war.

– Ich muß dir sagen ...

Er glättete seine rotbraunen Glacéhandschuhe, legte sie genau aufeinander und faltete sie. Dann placierte er sie links neben sich auf den Tisch, lehnte sich zurück und schlug die Beine übereinander.

– Ich muß dir sagen ... Sieh mal ...

Er stockte wieder. Dann, mit einem plötzlichen Ruck:

– Nicht als ob ich prüde wäre und so – aber, wenn ich mich einmal dazu entschlossen habe, so ein ... Verhältnis anzufangen, dann nehme ich das auch ernst und will doch das Mädchen vor allen Dingen erst mal wirklich kennen lernen.

– Natürlich. Sicherlich.

– Ja, sieh mal: denn die physische Sache an sich ist doch schließlich nur eine Art Notbehelf.

Ich war erschrocken. Wollte aber um keinen Preis einen ethischen Defekt verraten und ... pflichtete ihm daher bei.

– Ja, ja: ein Notbehelf ... hm ... und dann bleibt es auch immer eine gewisse Roheit. Prosit Blume!

– Prosit! – Also ... Ich bin die letzte Woche jeden Tag mit ihr zusammengewesen. – Ich finde, daß man in solchen Fällen am besten Berliner Weiße trinkt. – Nein, tatsächlich! Das bekommt entschieden am besten.

– Mit Kümmel – oder ohne?

Er lächelte:

– Ohne natürlich. Ein Weib, das Schnaps trinkt – ich bitte dich! – – Also: ich habe ihr nun vor allen Dingen – nämlich – unter uns gesagt – sie war greulich abgerissen! Diese Matrosentaille – weißt du: an der hier der Knopf fehlte – das war das einzige Möbel derart, das sie überhaupt besaß! – Da hab' ich ihr nun eine ganz nette rote Seidenbluse gekauft, weißt du: so'n ganz loses Ding ... zwanzig Mark hat sie gekostet. – Dann vor allem einen anständigen Hut. Die Dinger sind übrigens riesig teuer. Na ... dann Handschuhe, einen Sonnenschirm ... und vorgestern ein Paar Stiefel ...

Er hielt inne und sah mich fragend an.

– Na – fragte ich – und wie steht es mit der Wäsche?

– Ich sagte dir wohl schon –: so weit bin ich noch nicht. Darüber bin ich noch nicht informiert.

– Hm. Ach so. – Nun ja: Du hast ganz recht. Es war das immer schon meine Überzeugung: die Lore brauchte bloß mal finanziert zu werden. Sie verdient das, sie bringt alles mit, was eine solche Finanzierung – und zwar nicht nur im Interesse des einzelnen, – zu einer wirklich lohnenden Sache macht!

Ich nahm einen tiefen Schluck und fuhr merklich wärmer fort:

– Und da muß ich dir wirklich persönlich von Herzen dankbar sein, Vetter. Ich fühl' es nämlich ganz deutlich: auf die Dauer hätt' ich doch nicht umhin gekonnt, selber in der ein oder anderen Weise – ich möchte sagen, als Gründer bei ihr tätig zu werden. Du hast mir das nun in so hochherziger Weise abgenommen ..

Mein Vetter glaubte einen Moment: ich spaße. Als er aber in mein treuherziges Antlitz schaute, schlug er in meine Rechte ein. Immerhin sah er ein wenig ungewiß und zerstreut beiseit. Dann sagte er:

– Mensch, sei offen! Ärgerst du dich auch wirklich nicht? Es war mir eben so, als ob du aus Neid sprächest. Du bist manchmal so ... so ironisch und so ...

– Aber lieber Vetter! Was soll ich dir darauf sagen? Ich gebe dir mein heiliges Bierwort, daß ich dich um dieses ... also um dieses Verhältnis mit der Lore nicht beneide. Prosit!

– Prosit, komme nach. Aber – er trank erst mal – aber was meintest du damit ... daß es nicht nur im Interesse des einzelnen läge, wenn ich ... oder was?

– Na, mein Gott, ich meine ... die Lore ist doch entschieden ein ungewöhnlich reizvolles, drolliges Geschöpf – nicht wahr?

– Aber sicher!

– Na, also! – Da ist es doch ... Pflicht, einfach ... einfach Menschenliebe, wenn man ... Ich weiß nicht, hast du denn das noch gar nicht beobachtet, wie das Mädel imstande ist, 'ne ganze Korona von zehn, zwölf Mann stundenlang ganz allein zu unterhalten? Ich meine ... das sind doch so hervorragende gesellige Tugenden ... man braucht wirklich noch gar nicht selber verliebt zu sein – das lohnt sich immer! Du sollst mal sehen: Du wirst noch deine helle Freude an ihr erleben. Ne, ne! Ohne Scherz!

Der Vetter schien meinen Ausführungen nicht gefolgt zu sein – er fragte unvermittelt:

– Sag mal: hat sie nun früher auch schon ... so gelogen?

– Immer!

Die Züge meines Vetters verklärten sich. Meine mit so großer Bestimmtheit abgegebene Versicherung versetzte ihn offenbar in Entzücken.

– Denn so was hab ich ja noch nie erlebt! – rief er begeistert aus und lachte aus vollem, heiterem Herzen. Auch ich stimmte lachend ein; wir waren beide freudig bewegt! Ich fragte:

– Hat sie dir schon die Geschichte von ihrer Freundin, der Palastdame, erzählt?

– Nein, ich glaube nicht. Welche Palastdame!

– Ja ... in der Benennung schwankt sie noch ... so zwischen Alvensleben und Wedell. Aber sie wird sich schon entscheiden. Das ist immer nur so im Anfang. Später, wenn die Geschichte erst sitzt, wenn es erst so weit ist, daß sie selber dran glaubt, dann hat alles Hand und Fuß, dann klappt alles ganz genau.

– Merkwürdig! Aber ob das nun nicht – damit zusammenhängt?

– Womit?

– Mit ihrer ... Schattenseite.

– Sicherlich – bemerkte ich sententiös – wo viel Licht ist, ist auch viel Schatten. Aber was nennst du ihre ... Schattenseite?

Mein Vetter schwieg und dachte nach. Er sah dabei auf seine Zigarre. Dann sagte er rasch:

– Nicht als ob ich ihr die ... ä ... gewohnheitsmäßige, zuverlässige Akkuratesse zumutete, die die Damen in unseren Kreisen ... Du weißt wohl, was ich meine ... Man spricht gar nicht davon.

– Hm. Du meinst jene ... funktionelle ... Redlichkeit der Toilette ...

– Ja, ja. – Das ... siehst du: das kann natürlich nur die Folge von Erziehung, von sehr viel Erziehung und sonstigen glücklichen Lebensbedingungen sein. Wie gesagt: das verlang' ich gar nicht von ihr – – – A – ber! – fuhr ich emphatisch fort.

Er schwieg jedoch einen Augenblick. Dann beugte er sich etwas über den Tisch und sprach mit jener gedämpften Stimme, mit der man sich Geheimnisse oder Majestätsbeleidigungen mitzuteilen pflegt:

Du erinnerst dich doch noch ihrer Matrosentaille ... daß daran hier vorn ein Knopf fehlte?

– Mich dünkt, du sprachest schon vorhin davon.

– Ach ja. Also denk dir: mindestens fünfmal hab ich sie nun im Laufe der letzten acht Tage gebeten – schließlich, muß ich sagen, schon mehr ersucht, dringend ersucht, sich doch den Knopf anzunähen – meinst du, daß sie's getan hätte?

– Höre du – sagte ich, und meine Stimme nahm unwillkürlich auch jenen Klang an, mit dem wir die Erwähnung von etwas Unheimlichem zu färben pflegen –: sollte das nicht ein Aberglaube von ihr sein?

– Ach Unsinn! – rief der Vetter laut. Dann, wieder leise:

– Bummelei ist es, nichts als Bummelei. Aber eine so schwere, eine so gravierende Bummelei ..

Meinem Vetter fehlte jeder Nachsatz. Da hörte eben einfach alles auf!

– Schließlich, nachdem ich sie noch einmal gründlich wegen ihrer Unordentlichkeit interpelliert hatte, da – also da kaufte ich ihr, wie gesagt, die rote Seidenbluse. Zwanzig Mark hat sie gekostet.

– Ja: ich weiß.

– Du weißt?

– Du sagtest es schon.

– So. – Na von dem Augenblick an trägt sie natürlich nur noch die.

– So. Na nu sei doch zufrieden!

– Nein! Nein! Das ist es ja eben! Jetzt werde ich den Gedanken an die alte nicht los! Unaufhörlich quält mich die Frage, ob sie denn nun jetzt wenigstens, wo sie doch nun den ganzen Tag über ... körperlich von der Matrosentaille getrennt ist, sie also objektiv beurteilen kann – ob sie nun jetzt wenigstens an eine Reparatur ... an eine generelle Auffrischung ... oder wie du es nennen willst ... gedacht hat. – Ich will es dir ganz offen gestehn: die letzte Nacht habe ich sogar davon geträumt.

– Hm. Hast du – entschuldige, aber das halt ich für wichtig – hast du von dem Ganzen geträumt? Ich meine: überhaupt von der Matrosentaille und ... ihren Pertinenzen ... oder ..

– Nur von dem abgerissenen Knopf.

– Du, das ist bedenklich. Das andere würde ich für natürlich gehalten haben, aber dies ist meines Erachtens ein ernster Fall. Aus solchen Kleinigkeiten entwickeln sich fixe Ideen. Du mußt etwas dagegen tun.

– – Ich war zu weit gegangen. Mein Vetter schwieg einen Augenblick und sagte dann sehr gemessen:

– Mein Lieber, ich verbitte mir jede Anulkung. Nicht, als ob ich nicht selbst gern lachte, wo es was zu lachen gibt – in diesem Falle aber zeugt es nur von ... von ... entschuldige das harte Wort ..

– Gewiß, lieber Vetter, gewiß! – Aber ich bitte dich! Es handelt sich doch bloß um eine reine Äußerlichkeit. Ich weiß nicht, aber, wenn mir das Mädel sonst gefiele ... ob sie da nun gerade so – hermetisch zugeknöpft wäre ... darauf würde ich, glaub ich, keinen so entscheidenden Wert legen. Wie ich mich kenne ..

– Erlaube mal! Die Sache liegt doch wesentlich anders. Es handelt sich hier meines Erachtens um ein Symptom, und zwar um ein sehr ernstes, um ein Symptom von nahezu absoluter Wichtigkeit. – Wenn sich ein junges Mädchen, ganz einerlei aus welcher Gesellschaftsklasse, schon in solchen Äußerlichkeiten so vernachlässigt, ja du lieber Gott, wer ... wer bürgt mir denn dafür, daß sie ... beispielsweise, daß sie sich auch nur wäscht!?

– Pfui!

– Ja, da sagst du nun Pfui, aber das eine ist doch so gut eine Äußerlichkeit wie das andere. Wenn sie sich in dem einen vernachlässigt, weshalb soll sie es nicht auch in dem andern tun? Siehst du: so liegt die Sache. – Und nun hör mal, wozu ich mich entschlossen habe. Also, ich muß vorausschicken, daß die Finanzierung Lores, wie du es vorhin im Scherze nanntest, mit der Beschaffung von Stiefeln, Sonnenschirm und so weiter ihren Abschluß noch nicht gefunden hat.

– Begreiflich.

– Vor allem handelt es sich darum, sie in eine menschenmögliche Umgebung zu bringen; die ›alte Dame von Adel‹, bei der sie da im Hinterhause wohnt, paßt mir gar nicht ..

– Ach, ist das die, von der sie neulich erzählte? Die vom Adelsverein unterhalten wird?

– Ja. Schrecklich! Ich hab sie nur einmal flüchtig im Dunkel des Treppenhauses gesehn – aber – na! – Ihr Zimmer hab ich zwar noch nicht betreten, aber ich würde das auch nie fertig bringen. Also da muß sie raus, wenigstens wenn aus uns beiden etwas werden soll. Ich werde ihr also eine Einrichtung kaufen, und sie soll sich zum Ersten zwei leere Zimmer mieten, in möglichst anständiger Gegend.

– Sehr brav von dir. Und sie verdient's auch. Ne, wirklich! – Na, und dann?

– Was dann?

– Dann würdest du ... ihr Zimmer betreten. Wie?

– Ja, eher nicht. Und auch das nur, wenn ... wenn sie ... wenn ich mich vorher überzeugt habe, daß sie ... also daß sie noch nicht in dem Maße verbummelt ist, daß ihr überhaupt nicht mehr zu helfen ist, denn sonst wäre das ja alles schließlich doch nur rausgeschmißnes Geld.

Es trat eine Pause ernsten Nachdenkens ein. Schließlich ergriff ich das Wort und sagte langsam:

– Hm. Ich glaube dich zu verstehen. Also nur, wenn sie inzwischen den Knopf angenäht hat ..

– Nur in diesem Falle – bestätigte mein Vetter mit allem Nachdruck. Er zog einen frankierten Brief aus der Tasche:

– Hier! Ein Brief an meinen Bruder. Du weißt: der das Rittergut in Holstein hat. – Ich hab ihn noch niemals angepumpt. Er wird sehr erstaunt sein, aber – um so besser. Er schickt's mir. – Tausend Mark. Damit wird sich die Sache machen lassen, denk ich. – Den Brief steck ich heut abend in den Kasten, wenn ... wie gesagt ..

– Wenn sie ihn angenäht hat, verstehe. Aber wie willst du das nun eruieren? Sie wird doch heute zweifelsohne in der roten Seidenbluse antanzen.

– Folgendermaßen. Gleichzeitig mit diesem Briefe habe ich heute früh einen an Lore geschrieben. Ich habe sie eingeladen, um sieben Uhr mit mir in die gewohnte Weißbierstube zu gehen. Und zwar hättest du mir geschrieben, ob wir nicht den Abend zusammen sein könnten, du würdest dich darüber sehr freuen. Ich hätte dich also auch in die Weißbierstube bestellt und sie möchte doch, um dir eine Freude zu machen, da sie doch deinen Geschmack kenne, heute abend die Matrosentaille anziehen, die doch nun wohl – hoffentlich repräsentabel wäre.

– Aha – sehr fein!

– Du wirst mir zugeben, daß diese Prüfung eine milde, eine sehr milde ist. Wenn sie nach alledem, nach all meinen Bitten und Ermahnungen, heute wiederum mit dem fehlenden Knopfe antritt, dann ... ja dann –

– Du hast recht. Dann ist sie eine Verlorene.

– Nun, so düster seh ich die Sache noch nicht mal an. Aber ... dann passen wir eben nicht zueinander: dann ist es eben das beste, ich lasse meine Hände davon. In dem Falle würde ich einfach diesen Brief nicht abschicken, sondern ihr morgen einen andern schreiben.

Meine Augen hingen die ganze Zeit an den Lippen des Vetters; der aber sah, während er die letzten Worte sprach, nicht auf mich, sondern blickte mit dem Ausdruck wilder Entschlossenheit geradeaus, ins Leere ..

Ich versank in ein tiefes Nachdenken. Plötzlich fiel mir etwas ein:

– Aber Vetter, die Sache hat doch einen Haken.

– Wieso? – O, ich würde es schon verwinden.

– Das glaub ich auch. Nein, ich meine etwas anderes. Wenn sie nun – aber das ist wohl kaum anzunehmen.

– Was denn?

– Wenn sie nun, ich setze nur den Fall, heut Abend doch nicht in der Matrosentaille, sondern in der roten Seidenbluse erschiene, in der für zwanzig Mark – was dann?

An diese Eventualität hatte mein Vetter offenbar noch nicht gedacht. Diese Frage überraschte ihn.

– Ja dann – er sah mich zweifelnd an – dann ist die Sache faul. Es würde das wohl von einer großen Verstocktheit zeugen. Wie? – Vielleicht will sie dir gerade die neue zeigen. Na, wir werden ja sehn.

– Qui vivra, verra!

Wir hoben den Frühschoppen auf.

IV

Präzise sieben Uhr saß ich in der Weißbierstube und erwartete das Pärchen.

Ich war schlechter Laune. Der Eigentumserwerb des Finders machte mir von Tag zu Tag weniger Freude. Ich fing an Sozialist zu werden und überhaupt jeden Eigentumserwerb zu perhorreszieren ..

Und dann diese Berliner Weiße, die ich auf den Tod nicht leiden konnte, die für mich der Inbegriff, das Symbol des spezifisch berlinischen Stumpfsinns war ... Die Ungemütlichkeit, die Nüchternheit dieses traurigen Stoffs teilt sich ordentlich den Lokalen mit, in denen es geschenkt wird!

Und dieses elende Gesöff hatte mein Vetter als das richtige Getränk für eine junge Liebe erklärt ... Pfui Teufel! Ein toller Sensualist, mein Vetter! –

Da waren sie.

Lore verließ seinen Arm und flog auf mich zu. Wir drückten uns warm die Hand, wir freuten uns ehrlich ... Ich dachte in den ersten Augenblicken gar nicht daran, wie sie angezogen war, die liebe Lore.

Erst als ich meinen Vetter begrüßte und dessen trockenernste Mienen sah, fiel es mir wieder ein, das mit dem vertrackten Knopf, und ich musterte sie.

– Setz dich dorthin, Berta.

Er nannte sie Berta, der Esel! In diesem Augenblick hatte ich eine wahre Wut auf ihn. Die Lore mit ihrem wirklichen Namen zu nennen, welche Profanation, welche Roheit!

Sie hatte die Matrosentaille an. Ach, wie hübsch sie war! Und gerade vorn vor der Brust – – hatte sie drei zarte weiße Rosen vorgesteckt. Es sah das sehr nett aus, sehr nett ..

Das fröhlichste Lächeln in dem freundlichen, ulkigen Gesichtchen ... Armes Kind, dacht ich, hätt ich ihr doch im Laufe des Nachmittags telegraphiert oder eine Rohrpostkarte geschickt, daß sie sich nur auf alle Fälle den albernen Knopf annähen möchte! So ahnungslos in ihr Verderben zu rennen, in diese ganz verdammte Falle – gräßlich! Wenn ihm wirklich so wahnsinnig viel daran lag, zum Teufel, warum nähte er ihn denn da nicht selber an, statt sich und ihr und mir das Leben schwer zu machen! Verrückt! Aber vielleicht, wer weiß, es war doch noch gar nicht gesagt ..

Noch ist die schöne, goldene Zeit,
Noch sind die Tage der Rosen ..

Während ich mit ihr plauderte, verwandte der Vetter kein Auge von dem Rosenbukett an ihrer Brust. Er scheute sich doch, den letzten Schritt zu tun. Er besaß doch nicht den traurigen Mut, mit eigener rauher Hand diese zarte Rosenlüge ..

Abscheulicher Gedanke! –

Er war äußerst nervös erregt und trommelte an seiner Weißen herum.

– Sag mal, Berta – unterbrach er uns – hast du die Rosen nicht meinem Vetter mitgebracht?

– Nein – sagte sie lachend – das verlangt der nicht. Wie?

– Nein, gewiß nicht, gewiß nicht! – rief ich ängstlich.

– Wo hast du sie denn her! – fragte der entmenschte Vetter weiter – darf ich mal riechen?

– Nein, nein. Du zerdrückst sie mir. Wie ich nämlich vorhin über die Linden ging, fuhr ein hochfeiner, offenbar fürstlicher Wagen vorbei und ein Herr, der raussah – grüßte mich und warf mir blitzschnell die Rosen zu. Fort war er. Ich konnte aber doch noch sehen, wie die Dame an seiner Seite ganz bleich wurde.

– Ach was! Das ist ja interessant! Wer mag denn das gewesen sein?

– Tja! Im ersten Moment dacht ich, es war der kleine Protziwill, wie wir ihn nennen – aber wie ich das Wappen sah – ich müßte mich sehr irren – nein –: es war sicher der König von Portugal! Sicher! Aber ich bitte die Herren, nicht darüber zu sprechen, ich möchte nicht, daß die Sache an die große Glocke gehängt würde.

– Nein, nein. Das würden wir ja schon im Interesse der armen Königin nicht tun.

Jetzt wagte der Vetter eine neue Attacke:

– Aber, sieh mal, Berta – sagte er – das sind nun gerade drei Rosen, und wir sind auch gerade drei. Möchtest du nicht jeden von uns beiden zum Glückseligsten der Sterblichen machen, indem du jedem eine abgibst?

– Mein lieber Freund! Erstens, wie gesagt, hab ich diese Rosen selber geschenkt bekommen – sozusagen von hoher Stelle. Zweitens dürfte es dir wohl bekannt sein, daß, in der guten Gesellschaft wenigstens, nur die Herren den Damen Blumen mitzubringen pflegen. Das Umgekehrte ist nicht üblich.

Der Vetter war um eine Kenntnis in Sachen des guten Tones reicher und schwieg betroffen.

Ich hoffte schon, daß die Gefahr nun gebannt sei und setzte in möglichst harmlosem Tone das Gespräch mit Lore fort.

Aber da nahte das Unheil!

Ein hausierender Blumenhändler trat in das Lokal. Mein Vetter winkte ihn eifrig heran und kaufte drei prachtvolle Marschall-Nielrosen. Unser Gespräch stockte. Ich ahnte die Katastrophe ...

– Mein liebes Kind – sagte mein Vetter sehr höflich zur Lore – gestatte mir, daß ich, deiner guten Belehrung folgend, dir diese Rosen zu Füßen lege ... Halt! Ich möchte eine Bitte daran knüpfen: tauschen wir! Schenk du mir die portugiesischen, ja? Bitte! Wenn das auch in der Gesellschaft nicht ganz üblich ist, so denke, daß wir ja hier in einer Weißbierstube sitzen, und daß es niemand erfährt ...

Es trat eine Pause ein. In Lores Zügen ging eine Veränderung vor. Das freudige, lustige Lächeln verschwand, der dumme und freche Trotz eines verprügelten Jungen erschien. Mit einer häßlichen, eckigen Gebärde riß sie die drei kleinen Rosen von ihrer Brust, warf sie auf den Boden und rief:

– Da! Du willst ja doch bloß wissen, ob ick mir den Knopf angenäht habe – da!

Zum ersten Male hörte ich, wie sie ick statt ich sagte. Es ging mir durch und durch. – Und auch sonst: ihre Stimme klang plötzlich so roh, so brutal, daß ich erschrak und ein lebhaftes Schmerzgefühl empfand. Armes Kind!

Der Knopf, der zweite von oben, fehlte nach wie vor.

Wir schwiegen alle drei, sehr beklommen. Es trat eine peinlich lange Pause ein. Dann rief mein Vetter den Kellner, wir zahlten. –

Als wir Abschied nahmen und die Lore, die ein Lächeln erzwingen wollte, sah, daß ich traurig war und mich nicht, wie sie wohl vermutete, über die Sache mokierte, glaubte ich zu bemerken, daß ihr ein paar Tränen in die Augen traten. Sie wandte sich schnell ab und nahm den Arm des Vetters.

Ich ging in tiefer Mißstimmung heim.

– Armes Kind! Aber warum näht sie sich auch den Knopf nicht an!

V

Zwei Tage später erhob ich mich morgens gegen Zehn mit dem festen Entschluß, dem Eigentumserwerb des Finders ein Ende zu machen und mir eine andere Arbeit geben zu lassen.

In das tiefste rechtsphilosophische Nachdenken versunken, knöpfte ich mir den Hemdkragen an:

– Fauler Zauber! Man mag sagen, was man will, es bleibt etwas Schmutziges dabei. Bestenfalls ein Widersinn, etwas Blitzdummes, was man glauben – einfach glauben – einfach glauben muß. Wie kann ein Finder jemals Eigentümer werden! Unsinn! Was heißt überhaupt Eigentümer werden. Mysterium! Gerade wie der Erbgang nach Lassalle! Ooch so'n mystischer Vorgang: Fortdauer der Persönlichkeit über den Tod hinaus ... na! Und überhaupt: das Eigentum ... und so ..

– Herein!

Die Lore!

– Guten Morgen!

Strahlend vor Freude kam sie auf mich zu.

– Entschuldige, wenn ich dich in der Toilette störe, aber du könntest wohl eigentlich schon damit fertig sein. Stehst noch immer so spät auf? Schäme dich! Kennst du nicht das Sprichwort: Morgenstunde hat – plombierte Zähne?

Sie lachte laut über diesen Witz, den sie jedenfalls schon recht oft gemacht hatte, und warf sich übermütig in einen Sessel. Sie war ganz außer sich vor Vergnügen und steckte mich mit ihrer fröhlichen Laune an.

– Ich habe mit dem Aufstehen so lang gewartet, liebe Lore, um mit dir zusammen das erste Frühstück einnehmen zu können. Meine ahnende Seele wußte, daß du zu ihr kommen würdest. Willst du bitte meiner Wirtin...

– Nei, nei, nei, nein! Ich danke dir sehr. Aber ich nehme schon in zwei Stunden den Lunch, und da – begreifst du...

Ich begriff.

Meine Wirtin brachte den Kaffee und fragte ebenfalls sehr freundlich, ob sie nicht ›Fräulein Lore‹ auch eine Tasse bringen dürfte. Lore erzählte ihr sofort ihre Tageseinteilung, und daß sie davon niemals abweiche, niemals – Herr Professor Leyden hätte ihr neulich erst gesagt, daß Regelmäßigkeit der Lebensweise die erste Bedingung der Gesundheit sei. Außerdem könne sie die Kaffëinbazillen nicht vertragen.

– Aber bitte, laß dich, ja nicht stören!

– Wenn du gestattest ..

Kaum war die Wirtin heraus, so sprang sie auf, kniete neben meinem Sessel nieder und zog mit einem langen, drolligen Pfiff ihr Portemonnaie, ein kleines Ding von blauem Plüsch, aus dem Kleide.

– Sieh mal hier!

Und mit einem neuen Pfiff zog sie einen vielgefalteten Hundertmarkschein aus dem Portemonnaie hervor, blätterte ihn auf und hielt ihn mit Daumen und Zeigefinger an der einen Ecke so hoch sie konnte in die Luft wie einen frischgefangenen Fisch.

Und zum dritten Male pfiff sie und lachte dann ganz unbändig.

– Na, Gott sei Dank – sagt' ich – hat sich der Vetter besonnen! Endlich diesen Unsinn mit dem Knopf aufgegeben – 's war ja auch zu dumm.

In diesem Augenblick bemerkte ich, daß Lore heute die rote Seidenbluse anhatte. Ob sie wohl – fuhr es mir durch den Kopf. Aber ich wies den Gedanken energisch ab. Teufel auch, sollte denn das auch bei mir zur fixen Idee werden?

Lore stand auf.

– Ach, der – sagte sie geringschätzig.

Dann stellte sie sich vor mir auf und sprach wie aus unsichtbarer Höhe herab:

– Weißt du, mein Lieber, ich möchte einen Verwandten deiner Familie nicht gern beleidigen, aber das muß ich dir doch sagen: dein Vetter ist in meinen Augen ein Stiesel.

– Ein Stiesel? ... Aber...

Doch ohne auf mich zu hören, fuhr sie mit lauter Stimme und in einem strengeren Tone fort:

– Allerdings ist es sehr richtig, wie du vermutest: der Vetter hat mir diesen elenden blauen Lappen zugeschickt. Er hat den Brief an mich, in dem er lag, nicht mal einschreiben lassen. Aber! Wenn er etwa gedacht hat, daß ich ihm das Geld entrüstet zurückschicken würde – dann hat er sich verrechnet, dann hat er sich ganz schmählich in mir getäuscht. Zum Spielzeug halte ich mich denn doch für zu gut. Das hab ich ihm schon geschrieben, du kannst es ihm aber auch noch mal sagen.

Die Glut einer ungeheuchelten sittlichen Entrüstung, eines natürlichen Stolzes leuchtete aus Lores schönen Augen. Ich reichte ihr die Hand.

– Brav, Lore: so ist es recht! Wenn doch erst alle Frauen so zum Bewußtsein ihrer sozialen Stellung gekommen wären – dann wäre solch frivoles Spiel mit dem Herzen eines Mädchens überhaupt nicht mehr möglich. Es freut mich, daß du so frei von aller falschen Sentimentalität bist! – Aber zeig mir doch mal den Brief vom Vetter!

Sie zauberte den Brief aus ihrer Bluse hervor und reichte ihn mir mit einer verächtlichen Handbewegung:

– Du kannst mir das ... noch mal vorlesen. – Dann wollen wir's wegwerfen.

Ich las:

›Liebe Berta!

Wir sind gestern ohne Aussprache voneinander gegangen, und ich versprach Dir, heute zu schreiben. Indem ich mich hierzu anschicke, fühle ich erst, wie schwer es mir fällt und wie schwer es überhaupt fallen wird, Dir das Nachfolgende begreiflich zu machen. Doch will ich es versuchen. Ich habe Dich bei meinem Freunde – wie Du weißt, nennen wir uns halb im Scherz Vettern...‹

– Da siehst du's nun! – fiel mir Lore ins Wort – aus reiner Pedanterie verleugnet er seine Verwandtschaft. Weiter!

– ›Kennen gelernt. – Seine leichte Einbildungskraft, die wohl in seinen ersten Semestern besonders rege gewesen sein mag...‹

– Frech! Was?

– Fabelhaft! – ›hatte Dich nicht nur ihm, sondern indirekt auch mir in den rosigsten Farben erscheinen lassen. Ich hatte gegen Dich, als ich Dich zuerst sah, ein vielleicht allzu günstiges Vorurteil.‹

– Hat der Mensch Worte? Und das will nun ein gesellschaftlich gebildeter junger Mann sein!

– ›Da war es denn kein Wunder, daß bei den vielen anziehenden Eigenschaften, die Du zweifelsohne aufzuweisen hast, gleich von Anfang an eine bedeutende Anziehungskraft von Dir auf mich ausging. Ich war – suggestiv prädisponiert.‹

– Quatsch! Was heißt denn das?

– So viel wie reingefallen, auf den Leim gekrochen.

– Aha! Da hat er nun gedacht, das würd' ich nicht verstehen! Weiter!

– ›Aber es war doch nicht das Richtige.‹

– Das wollt' ich meinen!

– ›Wär ich einer von denjenigen, welche jedem neuen Reize sofort bedingungslos nachgeben, so müßte ich jetzt alle etwaigen Enttäuschungen als anständiger Mensch mit in den Kauf nehmen und hätte kein Recht, mich zu beklagen. So aber – wo ich, meiner Natur folgend, den Zeitpunkt abgewartet habe, an dem die Besonnenheit wieder die Oberhand bei mir gewonnen hatte – bin ich glücklicherweise in der angenehmen Lage, noch rechtzeitig einzusehen, daß es, wie gesagt, nicht das Richtige war, und mir steht noch die Freiheit offen, ohne moralische Verantwortlichkeit dieser Erkenntnis gemäß zu handeln.‹

– Nu bitt ich dich –

Ich unterbrach sie:

– Laß mich erst mal zu Ende lesen. Also –: ›Ich meine nämlich, daß ich mich in Deiner Person doch einigermaßen getäuscht habe. Es liegt mir fern, Dir etwa einen Vorwurf zu machen, eher dürfte ich selber aus dieser Erfahrung eine Lehre für mich ziehen. Nicht als ob die Geschichte mit dem abgerissenen und niemals wieder angenähten Knopfe irgendwie selbständig in Betracht käme, oder daß ich etwa aus einem Eigensinn, weil Du meinem Wunsche nicht nachgekommen wärest, jetzt mit Dir bräche ..‹

– Bitte sehr: ich habe mit ihm gebrochen, du bist mein Zeuge!

– Gewiß. –: ›Da würdest Du mich doch für weit kleinlicher halten als ich bin. – Nein! Für mich ist dieser abgerissene Knopf lediglich der Prüfstein gewesen, auf dem ich mir Dein ganzes Wesen klar gemacht habe.‹ – Prüfstein! – Ach Gott, wenn ich doch den Knopp noch hätte! Das muß ja ein wunderbares Ding gewesen sein.

– Pst! – ›Ich will Dich nicht, ganz gewiß nicht beleidigen und nur von mir reden. Für mich, wie ich nun einmal bin, ist infolge meiner Erziehung und aller sonstigen Lebensbedingungen ein bestimmtes Maß von Sorgfalt und Aufmerksamkeit auf das Exterieur und alles, was drum und dran hängt, so zur vitalen Notwendigkeit –‹

– Soll wohl fatalen heißen.

– Wahrscheinlich. Also –: ›So zur fatalen Notwendigkeit geworden, daß ich einen Verstoß hiergegen oder gar den Mangel eines Gefühls hierfür fast wie einen sittlichen Defekt empfinde; denn für mich hängt diese äußerliche Ordentlichkeit so sehr mit der eigentlichen Gesittung und der Durchbildung des ganzen Menschen überhaupt zusammen, daß ich – aber hier breche ich lieber ab, da ich sicher bin, von Dir in keiner Weise mehr verstanden zu werden.‹ –

– Stimmt. Das erste vernünftige Wort.

– ›Daß wir indessen nicht zusammen passen und deshalb besser wieder auseinander gehn – das hat wohl auch Dir die Geschichte mit dem Knopf zur Evidenz erwiesen.

Darum sag ich Dir hiermit Lebewohl. Glaube nicht, daß es mir so leicht wird, wie Du nach diesem mit dem Verstande geschriebenen Briefe annehmen könntest.‹ – – –

Ich hatte erwartet, daß die Lore, wenn ich zu Ende war, losbrechen würde. Das trat nicht ein. Sie hatte sich ans Fenster gestellt und sah auf die Straße. Wir schwiegen beide.

Dann drehte sich die Lore langsam um und sagte nachdenklich:

– Ich werde mir keinen Hut kaufen, sondern ein Sammetbarett.

VI

Am andern Tage schickte mir der Vetter den Antwortsbrief Lores zu. Er lautete:

›Sehr geehrter Herr!

Sie schreiben mir in Ihrem letzten Briefe so vieles, was ich der Höflichkeit wegen nur mit deutlich benennen kann, daß es im eigentlichen Sinne gewissermaßen zwecklos ist, auf Ihren letzten Brief eine Erwiderung zu geben. Von dem Gelde will ich nicht sprechen, aber der Grundton, der für mich daraus hervortönte, war in erster Reihe etwas in jeder Weise Brüskes, höchst Unmotiviertes.

Und selbst daraufhin, daß ich in meiner Übereilung den Fehler beging, um einen Knopf, wovon man gar nicht reden sollte, Sie aber machen einen so großen Lärm davon, daß ich den nicht annähte, als ob ich nicht in meinem Leben schon viele hundert Knöpfe angenäht hätte, so ist es doch immer noch besser, ein Knopf ist los, als wie bei andern eine Schraube.

Denn nach meiner und wohl der allgemeinen gesellschaftlichen Meinung läßt ein feingebildeter Herr daraufhin einer jungen Dame noch lange nicht einen derartigen fragmenthältigen Brief respektive eine solche Verabschiedung zu teil werden.

Ich bin mir durchaus nicht bewußt, Sie mit Absicht in sittliche Unannehmlichkeiten bringen zu wollen, bloß Sie scheinen angenommen zu haben, daß ich als Spielzeug zu behandeln sei. Wie es eben den Kindern so gern beliebt, daß sie, wenn es ihnen über ist, einfach beiseite werfen.

Als so ein Spielzeug von einem Herrn behandelt zu werden, dafür halte ich mich aber doch zu Schade, und wenn Sie, geehrter Herr, glauben, sich in meiner Person geirrt zu haben und so, so bedaure ich Ihren Irrtum mit großer Lebendigkeit, ich zeige und gebe mich eben so, wie ich von Natur veranlagt bin, über weitergehende Beurteilung fühle ich mich erhaben und spreche wie jener weise Lateiner:

Pater-pec-cavi.

Hochachtungsvoll

B.H.

Sollten Sie, geehrter Herr, etwas hierauf zu erwidern haben? Dann unter postlagernd B.H. 16896 Postamt Nc.4 Stettiner Bahnhof.‹

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