Projekt Gutenberg

Textsuche bei Gutenberg-DE:
Autoren A-Z: A | B | C | D | E | F | G | H | I | J | K | L | M | N | O | P | Q | R | S | T | U | V | W | X | Y | Z | Alle
Gutenberg > E.T.A. Hoffmann >

Die Serapions-Brüder

E.T.A. Hoffmann: Die Serapions-Brüder - Kapitel 92
Quellenangabe
typenarrative
booktitleDie Serapions-Brüder
authorE. T. A. Hoffmann
year1976
publisherWinkler Verlag
addressMünchen
isbn3-538-05113-5
titleDie Serapions-Brüder
pages3-5
created20001223
sendergerd.bouillon@t-online.de
firstpub1821
Schließen

Navigation:

 
Euchars Rückkehr. Szenen einer durchaus glücklichen Ehe. Beschluß der Geschichte

Zwei Jahre mochten vergangen sein, als vor dem Goldnen Engel, dem vornehmsten Wirtshause in W., ein stattlicher, schwerbepackter Reisewagen hielt, aus dem ein junger Mann, eine verschleierte Dame und ein alter Herr stiegen. Ludwig kam gerade des Weges und konnte nicht unterlassen, stehenzubleiben und die Ankömmlinge mit der Lorgnette zu betrachten. In dem Augenblick drehte sich der junge Mann um und stürzte mit dem Ausruf: »Ludwig, mein Ludwig, sei mir tausendmal gegrüßt«, Ludwigen in die Arme. –

Der war aber nicht wenig verwundert, so ganz unerwartet seinen Freund Euchar wiederzusehen. Denn niemand anders, war der junge Mann, der aus dem Reisewagen gestiegen. »Bester«, sprach Ludwig, »wer ist denn die verschleierte Dame, wer der alte Herr, der mit dir gekommen? – Alles erscheint mir so seltsam und – da kommt ja noch ein Packwagen heran und auf ihm sitzt – hilf Himmel! – seh ich recht?« –

Euchar nahm Ludwigen unter den Arm, führte ihn einige Schritte über die Straße fort und sprach: »Du wirst alles zu seiner Zeit erfahren, geliebter Freund, aber für jetzt sage mir nur, was mit dir vorgegangen? – Du siehst leichenblaß aus, das Feuer deiner Augen ist erloschen, du bist, aufrichtig sag ich's dir, um zehn Jahre älter geworden. Hat dich eine schwere Krankheit heimgesucht? Drückt dich sonst ein böser Kummer?« »Ach nein«, erwiderte Ludwig, »ich bin vielmehr der glücklichste Mensch unter der Sonne und führe ein wahres Schlaraffenleben in lauter Liebe und Lust. Denn wisse, seit länger als einem Jahr hat mir die himmlische Viktorine ihre zarte liebe Hand gereicht. Dort das schöne Haus mit den hellen Spiegelfenstern ist meine Residenz, und du könntest nichts Gescheiteres tun, als gleich mit mir kommen, und mich besuchen in meinem irdischen Paradiese. Wie wird sich mein gutes Weib freuen, dich wiederzusehen. Überraschen wir sie!« Euchar bat nur um Frist, die Kleider zu wechseln, und versprach dann zu kommen, und zu vernehmen, wie sich alles zu Ludwigs Glück gefügt.

Ludwig empfing den Freund unten an der Treppe, und bat so leise als möglich aufzutreten, da Viktorine häufig, und jetzt eben stärker, an nervösen Kopfschmerzen leide, die sie in solch reizbaren Zustand versetzten, daß sie die leisesten Tritte im Hause vernehme, unerachtet ihre Gemächer im entferntesten Teile des Flügels befindlich. Beide schlichen nun sachte sachte über die mit Decken belegten Stufen durch den Korridor, und in Ludwigs Zimmer hinein. Nach herzlichen Ergießungen der Freude, des Wiedersehens zog Ludwig an der Schelle, rief aber auch gleich: »Gott! – Gott! was hab ich getan – ich Unglücklicher!« und hielt beide Hände vors Gesicht. Es dauerte auch nicht lange, so stürzte ein schnippisches Ding von Kammermädchen hinein, und schrie Ludwigen mit gemeinem kreischenden Ton an: »Herr Baron, was fangen Sie an? wollen Sie die arme Frau Baronin töten, die schon in Krämpfen liegt?« »Ach Gott«, lamentierte Ludwig, »bestes Nettchen, in der Freude hab ich nicht daran gedacht! Nun – hier der Herr Baron, mein bester Herzensfreund ist angekommen – seit Jahren haben wir uns nicht gesehen – ein alter intimer Freund deiner Frau – bitte sie, flehe sie an, daß sie vergönne ihn ihr vorzustellen. Tue das, bestes Nettchen!« Ludwig drückte ihr Geld in die Hand, und sie verließ mit einem schnippischen: »Ich will sehen, was zu machen ist«, das Zimmer.

Euchar, der hier einen Auftritt sah, wie er sich nur zu oft im Leben begibt, und daher in hundert Romanen und Komödien aufgetischt wird, hatte seine besonderen Gedanken über des Freundes häusliches Glück. Er fühlte mit Ludwig die Pein des Moments, und begann sich nach gleichgültigen Dingen zu erkundigen. Ludwig ließ sich aber gar nicht darauf ein, sondern meinte, es sei ihm doch gar zu merkwürdig in der Zwischenzeit ergangen, und das müsse er erzählen.

»Du erinnerst«, begann er, »du erinnerst dich gewiß jenes Abends bei der Präsidentin Veehs, als du die Geschichte aus dem Leben deines Freundes Edgar erzähltest. Du erinnerst dich auch, wie dann, als Viktorine in Eifersucht erglühte, und ihr von Liebe zu mir entflammtes Herz ganz und gar erschloß. Und ich Tor, ich gestand dir's ja, ich Tor verliebte mich sehr in die kleine spanische Tänzerin, und las wohl in ihren Blicken, daß ich nicht hoffnungslos liebe. Du wirst bemerkt haben, daß, als sie beim Schluß des Fandango die Eier in eine Pyramide zusammenschob, die Spitze dieser Pyramide mir, der ich gerade in der Mitte des Kreises hinter dem Stuhle der Veehs stand, zugerichtet war. Nun, konnte sie besser ausdrücken, wie sehr ich sie interessiere? Ich wollte den andern Tag das liebe Ding aufsuchen, aber es lag nicht im Zusammenhang der Dinge, daß es geschah. Ich hatte die Kleine beinahe ganz vergessen, als der Zufall –«

»Der Zusammenhang der Dinge«, fiel ihm Euchar ins Wort.

»Nun ja wohl«, sprach Ludwig weiter, »genug, ich ging einige Tage darauf durch unsern Park, vor dem Wirtshause vorüber, wo wir damals unsere kleine Spanierin zum erstenmal sahen. Da sprang die Wirtin – du glaubst gar nicht, was die gute Frau, die mir damals Essig und Wasser für mein wundes Knie reichte, für ein Interesse für mich gefaßt hatte – ja die Wirtin sprang auf mich zu, und fragte sehr angelegentlich, wo denn die Tänzerin mit ihrem Begleiter geblieben sei, die ihr so vielen Besuch verschafft, sie ließe sich schon seit mehreren Wochen gar nicht sehen. Ich wollte mir andern Tages alle Mühe geben zu erforschen, ob sie noch im Orte oder nicht, es lag aber nicht im Zusammenhang der Dinge, daß es geschah. Mein Herz bereute auch jetzt gar sehr die Torheit, die ich begehen wollen, und wandte sich wieder ganz der himmlischen Viktorine zu. In ihr nur zu reizbares Gemüt war aber mein Attentat der Untreue so tief eingedrungen, daß sie mich gar nicht sehen, nichts von mir hören wollte. Der liebe Cochenille versicherte, daß sie in tiefe Melancholie verfallen, daß sie oft in Tränen ersticken wolle, daß sie ganz trostlos rufe: ›Ich habe ihn verloren, ich habe ihn verloren!‹ Du kannst denken, welche Wirkung dies auf mich machte, wie ich ganz aufgelöst war in Schmerz über das unglückliche Mißverständnis. Cochenille bot mir seine Hülfe an, er wollte die Komtesse auf schlaue Weise von meiner wahren Gesinnung unterrichten, ihr meine Verzweiflung schildern, ihr sagen, daß ich nicht mehr derselbe sei, daß ich auf den Bällen höchstens viermal tanze, im Theater gedankenlos in die Kulissen hineinstarre, meinen Anzug vernachlässige u. s. f. Ich ließ ihm reichlich Goldstücke zufließen und er brachte mir dafür jeden Morgen eine neue Hoffnung. Endlich ließ sich Viktorine wieder sehen. Ach wie schön sie war! O Viktorine, mein holdes, liebes, süßes Weib die Anmut selbst und die Güte!« –

Nettchen trat herein und kündigte Ludwigen an, daß die Frau Baronin ganz erstaunt wären über die seltsamen Einfälle, die den Herrn Baron heute betörten. Erst klingelten Sie, als sei Feuer im Hause und dann verlangten Sie, daß die todkranke Frau Baronin von Besuchen belästigt werden solle. Sie könne heute niemanden sehen und ließe sich bei dem fremden Herrn entschuldigen. Nettchen sah Eucharn starr in die Augen, maß ihn von Kopf bis zu Fuß und verließ dann das Zimmer.

Ludwig sah schweigend vor sich nieder und fuhr dann etwas kleinlaut fort: »Du glaubst gar nicht, mit welcher beinahe verhöhnenden Kälte mir Viktorine begegnete. Hätten nicht die früheren Ausbrüche der glühendsten Liebe mich überzeugt, daß die Kälte erheuchelt um mich zu strafen, in der Tat, ich wäre in manche Zweifel geraten. Endlich wurde ihr die Verstellung zu schwer, ihr Betragen freundlicher und freundlicher, bis sie zuletzt auf einem Ball mir ihren Shawl anvertraute. Da war mein Triumph entschieden. Ich arrangierte jene verhängnisvolle Seize zum zweitenmal, tanzte göttlich mit ihr, mit ihr der Himmlischen, flüsterte ihr auf der rechten Fußspitze balancierend und die Holde umfangend zu: ›Göttliche, himmlische Komteß, ich liebe Sie unaussprechlich, ich bete Sie an – Sein Sie mein Engel des Lichts!‹ – Viktorine lachte mir ins Gesicht, das hielt mich aber nicht ab den andern Morgen zu schicklicher Zeit, das heißt um ein Uhr hinzugeben, mir durch meinen Freund Cochenille den Zutritt zu ihr zu verschaffen und sie anzuflehen um ihre Hand. Sie sah mir schweigend ins Gesicht, ich warf mich vor ihr nieder, faßte die Hand, die mein werden sollte, bedeckte sie mit glühenden Küssen. Sie ließ das geschehen, aber es wurde mir in der Tat seltsam zumute, als ihr ernster, starrer Blick mir wie ohne Sehkraft, als sei sie ein lebloses Bild, schien. Doch endlich traten ein paar große Tränen ihr in die Augen, sie drückte mir die Hand so heftig, daß ich, da ich gerade einen wunden Finger, hätte aufschreien mögen, stand auf, verließ, das Schnupftuch vor dem Gesicht, das Zimmer. – Mein Glück war mir nicht zweideutig, ich eilte zum Grafen und hielt um die Tochter an. ›Schön, sehr schön, allerliebst bester Baron‹, sprach der Graf wohlgefällig lächelnd, ›aber haben Sie der Gräfin schon etwas merken lassen, sind Sie geliebt? ich bin, als ein wahrer Tor, ungemein portiert für die Liebe!‹ Ich erzählte dem Grafen, wie es sich mit der Seize begeben. Seine Augen funkelten vor Freude. ›Das ist deliziös, das ist ganz deliziös‹, rief er ein Mal über das andere. ›Wie war die Tour, bester Baronetto?‹ fragte er mich dann. Ich tanzte die Tour und blieb stehen in der Stellung, wie ich sie erst beschrieben. ›Scharmant, englischer Freund, in der Tat ganz scharmant‹, rief der Graf voll Entzücken, schellte, schrie laut zur Tür hinaus: ›Cochenille, Cochenille!‹

Als Cochenille gekommen, mußte ich ihm die Musik zu meiner Seize vorsingen, die ich selbst komponiert. ›Nehmen Sie Ihr Flageolet zur Hand, Cochenille, und blasen Sie dasjenige, was der Herr Baron Ihnen vorgesungen.‹ So sprach der Graf. Cochenille führte gut genug aus, was ihm geboten, ich mußte mit dem Grafen tanzen, seine Dame vorstellen und, ich hätt es dem Alten nicht zugetraut, auf der rechten Fußspitze schwebend flüsterte er mir zu: ›Auserwähltester der Barone, meine Tochter Viktorine ist die Ihrige!‹

Die holde Viktorine zierte sich, wie das nun einmal Mädchen zu tun pflegen. Sie blieb stumm und starr, sagte nicht nein, nicht ja, und betrug sich überdem gegen mich so, daß aufs neue meine Hoffnungen sanken. Dazu kam, daß ich eben jetzt erfuhr, wie damals, als ich in der Seize die Kusine faßte statt Viktorinen, die Mädchen den heillosen Spaß verabredet hatten um mich auf entsetzliche Weise zu mystifizieren. In der Tat, ich wurde ganz betrübt und wollte beinahe meinen, daß es im Zusammenhang der Dinge läge mich bei der Nase herumführen zu lassen. – Unnütze Zweifel – ehe ich mir's versah – ganz unerwartet, gerade als ich in das tiefste Leid versunken, bebte das himmlische Ja! von den süßesten Lippen! – Nun wurde ich recht gewahr, welchen Zwang sich Viktorine angetan, denn sie war nun so ausgelassen lustig und heiter, wie man sie niemals gesehen. Daß sie mir die unschuldigste Liebkosung versagte, daß ich kaum ihre Hand zu küssen wagen durfte – nun das war wohl übertriebene Sprödigkeit. Manche von meinen Freunden wollten mir zwar allerlei dummes Zeug in den Kopf setzen, der Tag vor meiner Vermählung war aber dazu bestimmt die letzten Zweifel aus meiner Seele zu vertilgen. – Am frühen Morgen eilte ich zu meiner Braut. Ich fand sie nicht in ihrem Zimmer. Auf ihrem Arbeitstisch liegen Papiere. – Ich werfe einen Blick darauf, es ist Viktorinens saubere, niedliche Handschrift – ich lese – es ist ein Tagebuch – o Himmel – o all ihr Götter! jeder Tag gibt mir einen neuen Beweis, wie glühend, wie unaussprechlich mich Viktorine von jeher liebte – der kleinste Vorfall ist aufgezeichnet und immer heißt es: Du verstehst dies Herz nicht – Unempfindlicher! soll ich, im Wahnsinn der Verzweiflung alle Scham verleugnend, dir zu Füßen sinken, dir sagen, daß ohne deine Liebe mir das frische Leben Grabesnacht dünkt? – Und in diesem Ton ging es weiter fort! – Eben an dem Abende, als ich in Liebe entbrannte zur kleinen Spanierin, lese ich: Alles ist verloren – er liebt sie, nichts ist gewisser. Wahnsinniger, weißt du nicht, daß der Blick des liebenden Weibes das Innerste zu durchschauen vermag? – Ich lese das laut; in dem Augenblicke tritt Viktorine hinein, mit dem Tagebuch in der Hand stürze ich vor ihr nieder, schreie: ›Nein, nein, niemals liebte ich jenes seltsame Kind, du, du allein warst mein Abgott immerdar!‹ – Da starrt mich Viktorine an, ruft mit einer gellenden Stimme, die mir noch in die Ohren klingt: ›Unglückseliger, dich habe ich nicht gemeint!‹ verläßt mich schnell, in das andre Zimmer eilend. – Vermagst du dir es zu denken, daß weibliche Ziererei so weit gehen kann!« –

Nettchen kam in diesem Moment und erkundigte sich im Namen der Frau Baronin, woran es denn liege, daß der Herr Baron ihr nicht den Fremden zuführe, sie warte schon eine halbe Stunde vergebens auf den ihr zugedachten Besuch. »Ein herrliches, treffliches Weib«, sprach der Baron gerührt, »sie opfert sich für meine Wünsche.« Euchar verwunderte sich nicht wenig, die Baronin völlig angekleidet, beinahe geputzt, anzutreffen.

»Hier bringe ich dir unsern teuern Euchar, wir haben ihn wieder!« so rief Ludwig; als aber Euchar sich der Baronin näherte, ihre Hand faßte, überfiel sie ein heftiges Zittern, und mit einem leisen: »O Gott!« sank sie ohnmächtig in den Lehnsessel.

Euchar, der die Pein des Augenblicks nicht zu ertragen vermochte, entfernte sich schnell. »Unglückseliger«, sprach er zu sich selbst, »nein! du warst nicht gemeint!« Er übersah nun das grenzenlose Elend, in das Mißverständnisse der unbegreiflichen Eitelkeit den Freund gestürzt hatten, er wußte nun, wem Viktorinens Liebe gegolten, und fühlte sich auf seltsame Weise bewegt. Jetzt erst wurde ihm mancher Moment klar, den er in seiner unbefangenen Geradheit nicht beachtet, jetzt erst durchschaute er die leidenschaftliche Viktorine ganz und gar, und begriff selbst kaum, daß er ihre Liebe nicht geahnt. Jene Momente, in denen sich Viktorinens Liebe beinahe rücksichtslos offenbarte, gingen ihm hell in der Seele auf, und er empfand lebhaft, daß gerade dann ein seltsamer unerklärlicher Widerwille gegen das schöne holde Mädchen ihn in die unmutigste Stimmung versetzt hatte. Diesen bittern Unmut richtete er nun gegen sich selbst, indem ihn tiefes Mitleiden für die Arme, über die ein finstrer Geist gewaltet, durchdrang.

Gerade denselben Abend war die Gesellschaft bei der Präsidentin Veehs versammelt, der Euchar vor zwei Jahren von Edgars Abenteuern in Spanien erzählt hatte. Man empfing ihn mit dem fröhlichsten Jubel, doch wie ein elektrischer Schlag traf es ihn, als er Viktorinen erblickte, die er durchaus nicht vermutet. Keine Spur von Krankheit war an ihr zu bemerken, ihre Augen strahlten feurig wie sonst, und ein sorgfältig gewählter geschmackvoller Putz erhöhte ihre Schönheit und Anmut. Euchar, von ihrer Gegenwart gepeinigt, schien, wie es sonst gar nicht seine Art war, gedrückt, verlegen. Viktorine wußte geschickt sich ihm zu nähern, faßte plötzlich seine Hand, zog ihn beiseite, sprach ernst und ruhig: »Sie kennen meines Mannes System vom Zusammenhange der Dinge. Den wahren Zusammenhang unsers ganzen Seins bilden, denk ich, die Torheiten, die wir begehen, bereuen, und wieder begehen, so daß unser Leben ein toller Spuk scheint, der uns, unser eigenes Ich, rastlos verfolgt, bis er uns zu Tode neckt und hetzt! – Euchar! ich weiß alles, ich weiß, wen ich noch diesen Abend sehen werde – ich weiß, daß Sie erst heute mich verstanden haben. – Nicht Sie, nein, ein böser Geist nur brachte bittern hoffnungslosen Schmerz über mich! – Der Dämon ist gewichen in dem Augenblick, als ich Sie wiedersah! – Frieden und Ruhe über uns, Euchar!« – »Ja«, erwiderte Euchar gerührt, »ja Viktorine, Frieden und Ruhe über uns, die ewige Macht läßt kein mißverstandenes Leben ohne Hoffnung.« – »Es ist nun alles vorüber und gut«, sprach Viktorine, drückte eine Träne aus dem Auge und wandte sich zur Gesellschaft.

Die Präsidentin hatte das Paar beobachtet und flüsterte nun Eucharn zu: »Ich habe ihr alles gesagt, tat ich recht?« »Muß ich«, erwiderte Euchar, »muß ich mich denn nicht allem unterwerfen?«

Die Gesellschaft nahm nun, wie es wohl zu geschehen pflegt, einen neuen Anlauf zur Freude und Verwunderung über Euchars unverhoffte Rückkunft, und bestürmte ihn mit Fragen, wo er gewesen, was sich mit ihm unter der Zeit begeben.

»Eigentlich«, hob jetzt Euchar an, »bin ich nur gekommen, um das vor zwei Jahren gegebene Wort zu lösen, nämlich noch manches von meines Freundes Edgar Schicksalen zu erzählen, ja jene Erzählung ordentlich abzurunden und ihr einen Schlußstein zu geben, den der Herr Dichter dort damals vermißte. Darf ich nun noch versichern, daß keine finstere Gewölber, keine Mordtaten und dergleichen fürder vorkommen werden, ja daß dagegen nach dem Wunsche der Damen von hinlänglich romantischer Liebe die Rede sein wird, so kann ich wohl auf einigen gerechten Beifall hoffen.« Alle applaudierten sehr und rückten schnell in einen engen Kreis zusammen. Euchar nahm den Rednerstuhl ein und begann ohne weiteres.

»Die seltsamen, zum Teil märchenhaften Kriegesabenteuer, welche Edgar bestand, während er mit den Guerillas focht, übergehe ich, und bemerke nur, daß der Talisman, den ihm Don Rafaele Marchez bei dem Abschiede einhändigte, ein kleiner Ring mit geheimnisvollen Chiffern war, der ihn als einen, in die geheimsten Bündnisse Eingeweihten, bezeichnete, eben daher ihm aber überall bei den Kundigen das unbedingteste Vertrauen erwarb, und ferner eine Gefahr, der ähnlich, der er in Valencia ausgesetzt gewesen, unmöglich machte. Später begab er sich zu den englischen Truppen und focht unter Wellington. Keine feindliche Kugel traf ihn mehr, frisch und gesund kehrte er nach dem beendigten Feldzuge in sein Vaterland zurück. Den Don Rafaele Marchez hatte er weder selbst wiedergesehen, noch von seinen Schicksalen weiter etwas vernommen. Längst war Edgar in seiner Vaterstadt, als ihm eines Tages der kleine Ring des Don Rafaele, den er beständig am Finger trug, auf besondere Weise abhanden gekommen war. Den andern Morgen in aller Frühe trat ein kleiner seltsamer Mensch ins Zimmer, hielt ihm den verlornen Ring vor Augen, und fragte, ob es nicht der seinige sei. Sowie Edgar dies aber freundlich bejahte, rief der Mensch ganz außer sich auf spanisch: ›O Don Edgar, Ihr seid es – Ihr seid es, es ist gar kein Zweifel mehr!‹ Nun kamen Edgar des kleinen Menschen Gesichtszüge, seine Gestalt ins Gedächtnis zurück, es war Don Rafaeles treuer Diener, der mit dem Löwenmut der Verzweiflung Don Rafaeles Kind zu retten trachtete. ›Um aller Heiligen willen, Ihr seid der Diener des Don Rafaele Marchez! ich kenne Euch wieder – wo ist er? ha! eine seltsame Ahnung will sich bewähren!‹ So rief Edgar, doch der Kleine beschwor ihn nur gleich mit ihm zu gehen!

Der Kleine führte Edgarn in die entfernteste Vorstadt, stieg mit ihm herauf bis zur Bodenkammer eines elenden Hauses. Welch ein Anblick! Siech, abgezehrt, alle Spuren des tötenden Grams auf dem todbleichen Antlitz, lag Don Rafaele Marchez auf einem Strohlager, vor dem ein Mädchen – ein Kind des Himmels kniete! Sowie Edgar eintrat, stürzte das Mädchen auf ihn zu, riß ihn hin zu dem Alten, rief mit dem Ton des inbrünstigsten Entzückens: ›Vater – Vater, er ist es, nicht wahr, er ist es?‹ ›Ja‹, sprach der Alte, indem seine erloschenen Augen aufleuchteten, und er mühsam die gefalteten Hände zum Himmel erhob, ›ja er ist es, unser Retter! – O Don Edgar, wer hätt es gedacht, daß die Flamme die in mir aufglühte für Vaterland und Freiheit, sich verderblich gegen mich selbst richten sollte!‹ –

Nach den ersten Ausbrüchen des höchsten Entzückens, des tiefsten Schmerzes erfuhr Edgar, daß es der ausgedachtesten Bosheit der Feinde Don Rafaeles gelungen war, ihn nach hergestellter Ruhe der Regierung verdächtig zu machen, die das Verbannungsurteil über ihn aussprach und sein Vermögen konfiszierte. Er geriet in das tiefste Elend. Die fromme Tochter, der treue Diener ernährten ihn durch Gesang und Spiel.« »Das ist Emanuele, das ist Biagio Cubas«, rief Ludwig laut, und alle riefen ihm durcheinander nach: »Ja ja, das ist Emanuele – das ist Cubas!«

Die Präsidentin gebot Ruhe, indem der Redner, wenn sich auch manches nach und nach aufzuklären scheine, doch nicht unterbrochen werden dürfe, vielmehr zum völligen Schluß der Geschichte kommen müsse. Übrigens glaube sie zu erraten, daß Edgar, sowie er die holde Emanuele erblickt, in die glühendste Liebe gekommen. »So ist es«, nahm Euchar das Wort, indem eine leichte Röte sein Gesicht überflog, »so ist es in der Tat. Schon früher, als er das wunderbare Kind schaute, durchbebten süße Ahnungen seine Brust, und das noch nie gekannte Gefühl der inbrünstigsten Liebe entzündete sein ganzes Wesen! – Edgar mußte, konnte helfen. Er brachte den Don Rafaele, Emanuelen, sowie den treuen Cubas (ich selbst half das vermitteln) auf das Gut seines Oheims. Don Rafaeles Glücksstern schien nun wieder aufgehen zu wollen, denn bald darauf erhielt er einen Brief von dem frommen Vater Eusebio, in dem es hieß, daß die Brüder, bekannt mit den verborgenen Winkeln seines Hauses, den nicht unbeträchtlichen Schatz an Gold und Juwelen, den er vor seiner Flucht eingemauert, in das Kloster geborgen hätten, und daß es nur darauf ankäme, ihn durch eine sichere Person abholen zu lassen. Edgar entschloß sich augenblicklich mit dem treuen Cubas hinzureisen nach Valencia. Er sah seinen frommen Pfleger, den Vater Eusebio wieder, Don Rafaeles Schatz wurde ihm ausgehändigt. Doch er wußte, daß wohl mehr als aller Reichtum, dem Rafaele Marchez seine Ehre galt. Es gelang ihm in Madrid der Regierung die völlige Unschuld Don Rafaeles darzutun, der Bann wurde aufgehoben.«

Die Türen gingen auf, hinein trat eine prächtig gekleidete Dame, hinter ihr ein alter Mann, von hohem stolzen Ansehen. Die Präsidentin eilte ihnen entgegen, führte die Dame in den Kreis – alle waren von ihren Plätzen aufgestanden – und sprach: »Donna Emanuela Marchez, die Gemahlin unsers Euchar – Don Rafaele Marchez!«

»Ja«, sprach Euchar, indem die Seligkeit des gewonnenen Glücks aus seinen Augen leuchtete, auf seinen Wangen schimmerte in glühendem Rot: »ja es blieb wirklich nur noch übrig zu sagen, daß der, den ich Edgar nannte, niemand anders ist als ich selbst.« Viktorine schloß die in dem mächtigsten Liebreiz strahlende Emanuela in die Arme, drückte sie heftig an ihre Brust, beide schienen sich schon zu kennen, Ludwig sprach aber, indem er einen etwas trüben Blick auf die Gruppe warf: »Das alles lag im Zusammenhang der Dinge!«

 

Die Freunde waren mit Sylvesters Erzählung zufrieden und stimmten vorzüglich darin überein, daß Euchars Schicksale in Spanien während des Befreiungskrieges, so episodisch sie eingeflochten schienen, doch der Kern des Ganzen wären und deshalb von guter Wirkung, weil alles darin auf wahrhaft historischer Basis beruhe.

»Es ist«, nahm Lothar das Wort, »es ist gar nicht zu bezweifeln, daß die Geschichte Eigentümliches darbietet, das der ohne Halt im Leeren schwebende Geist zu schaffen sich vergebens bemüht. Ebenso gibt das geschickte Benutzen der historisch wahren Gebräuche, Sitten, herkömmlichen Gewohnheiten irgendeines Volkes oder einer besondern Klasse desselben der Dichtung eine besondere Lebensfarbe, die sonst schwer zu erlangen. Doch sag ich ausdrücklich, das geschickte Benutzen, denn in der Tat, das Erfassen des geschichtlich Wahren, der Wirklichkeit in einer Dichtung deren Begebnisse ganz der Fantasie angehören, ist nicht so leicht als mancher wohl denken möchte und erfordert allerdings ein gewisses Geschick, das nicht jedem eigen und ohne welches statt einer frischen Lebendigkeit nur ein mattes schielendes Scheinleben zutage gefördert wird. So kenne ich Dichtungen, vorzüglich von schriftstellerischen Frauen, in denen man jeden Augenblick gewahrt, wie in jenen Farbentopf getunkt und doch am Ende nichts herausgebracht wurde, als ein wirres Gemengsel von bunten Strichen, da, wo es abgesehen war auf ein recht lebendiges Bild.«

»Ich gebe«, sprach Ottmar, »dir vollkommen recht und nachdem ich flüchtig an einen gewissen Roman einer sonst genugsam geistreichen Frau gedacht, dem es trotz aller Pinselei aus jenem Farbentopfe durchaus an aller Lebendigkeit, an aller poetischen Wahrheit mangelt, und ihn schnell wieder vergessen, will ich dir nur sagen, daß gerade das Geschick die Wirklichkeit, das geschichtlich Wahre aufzufassen die Werke eines Dichters auszeichnen mag, der seit nicht gar langer Zeit unter uns bekannt worden. Ich meine den engländischen Walter Scott. Zwar las ich erst seinen Astrologen aber – ex ungue leonem. – Gleich die Exposition in diesem Roman ist gegründet auf schottische Sitten, dem Lande eigentümliche Einrichtungen, aber ohne diese zu kennen wird man von der frischen Lebendigkeit aller Gebilde ergriffen auf wunderbare Weise und um so mehr ist diese Exposition durchaus meisterhaft zu nennen, als man, wie durch einen Zauberschlag versetzt wird – ich bediene mich, da keine Frauen zugegen, eines zweiten lateinischen Ausspruchs – medias in res. Dabei besitzt Scott eine seltene Kraft mit wenigen starken Strichen seine Figuren so hinzustellen, daß sie alsbald lebendig herausschreiten aus dem Rahmen des Gemäldes und sich bewegen in dem eigentümlichsten Charakter. Scott ist eine herrliche Erscheinung in der englischen Literatur, er ist ebenso lebendig als Smollet, wiewohl viel klassischer und edler, doch fehlt ihm nach meiner Meinung das Brillantfeuer des tiefen Humors der aus Sternes und Swifts Werken hervorblitzt.«

»Mir«, begann Vinzenz, »mir geht es zur Zeit ebenso wie dir, Ottmar! Nur den Astrologen allein habe ich von Scotts Werken gelesen, aber auch mich hat der originelle Roman gar sehr angesprochen, der, in seinem methodischen Fortschreiten einem Knäuel zu vergleichen der ruhig abgewickelt wird und dessen festgesponnener Faden niemals reißt. Was mir zu tadeln aber recht aus der englischen Lebensweise hervorzugehen scheint ist, daß, außer der in der Tat erhaben grauenhaften Zigeunerin, die jedoch nicht sowohl ein Weib als eine gespenstische Erscheinung zu nennen, die Weiber flach und blaß gehalten sind. Die beiden Mädchen im Astrologen gemahnen mich an die Frauenzimmer auf den englischen kolorierten Kupferstichen in punktierter Manier, die sich alle ähnlich, das heißt ebenso hübsch als ganz bedeutungslos sind, und denen man es ansieht, daß aus dem kleinen zugespitzten Mündchen nichts weiter hervorzukommen wagt, als das unschuldigste: Ja Ja und Nein Nein, da alles übrige vom Übel. Hogarths Milchverkäuferin ist der Prototypus aller dieser Geschöpflein. Es fehlt jenen beiden Mädchen der eigentliche Geist, der göttlich belebende Atem.«

»Möchte man«, sprach Theodor, »nicht dagegen den Weibern eines unserer geistreichsten Dichter, vorzüglich wie sie in ältern Werken vorkommen, etwas mehr Körper wünschen, da sie oft im Anschaun zerfließen zu Nebelgebilden? – Nun wir wollen dennoch beide, diesen heimischen Dichter so wie jenen fremden, deshalb recht hoch ehren und lieben, weil sie Wahres und Herrliches schaffen.«

»Sehr merkwürdig«, nahm Sylvester das Wort, »ist es doch, daß, irre ich nicht, mit Walter Scott beinahe zu gleicher Zeit ein engländischer Dichter auftrat, der in ganz anderer Tendenz das Große, Herrliche leistet. Es ist Lord Byron den ich meine, und der mir kräftiger und gediegener scheint als Thomas Moore. Seine Belagerung von Korinth ist ein Meisterwerk voll der lebendigsten Bilder, der genialsten Gedanken. Vorherrschend soll sein Hang zum Düstern, ja Grauenhaften und Entsetzlichen sein, und seinen Vampir hab ich gar nicht lesen mögen, da mir die bloße Idee eines Vampirs, habe ich sie richtig aufgefaßt, schon eiskalte Schauer erregt. Soviel ich weiß, ist ein Vampir nämlich nichts anders als ein lebendiger Toter der Lebendigen das Blut aussaugt.«

»Hoho«, rief Lothar lachend, »ein Dichter wie du mein teurer Freund Sylvester, muß wohl bewandert sein in allen möglichen Zauber- und Hexengeschichten und andern Teufeleien, ja sich selbst was weniges auf das Zaubern und Hexen verstehen, da solches zu manchem Dichten und Trachten nützlich. Was nun insonderheit den Vampirismus betrifft, so will ich dir, damit du meine ungemeine Belesenheit in derlei Dingen erkennen mögest, gleich ein anmutiges Werklein anführen, aus dem du dich auf das vollständigste über diese dunkle Materie belehren kannst. Der vollständige Titel dieses Werkleins heißt: ›M. Michael Ranfts Diaconi zu Nebra, Traktat von dem Kauen und Schmatzen der Toten in Gräbern, worin die wahre Beschaffenheit derer Hungarischen Vampirs und Blutsauger gezeigt, auch alle von dieser Materie bisher zum Vorschein gekommene Schriften rezensiert werden.‹ – Schon dieser Titel wird dich von der Gründlichkeit des genannten Werks überzeugen, und du wirst daraus entnehmen, daß ein Vampir nichts anders ist, als ein verfluchter Kerl, der sich als Toter einscharren läßt, und demnächst aus dem Grabe aufsteigt und den Leuten im Schlafe das Blut aussaugt, die dann auch zu Vampirs werden, so daß nach den Berichten aus Ungarn, die der Magister beibringt, sich die Bewohner ganzer Dörfer umsetzten in schändliche Vampirs. Um einen solchen Vampir unschädlich zu machen, muß er ausgegraben, ihm ein Pfahl durchs Herz geschlagen, und der Körper zu Asche verbrannt werden. Diese scheußlichen Kreaturen erscheinen oft nicht in eigner Gestalt, sondern en masque. So heißt es, wie ich mich sehr lebhaft erinnere, in einem Briefe, den ein Offizier aus Belgrad an einen berühmten Doktor nach Leipzig schrieb, um sich nach der eigentlichen Natur des Vampirismus zu erkundigen, ungefähr: ›In dem Dorfe, Kinklina genannt, hat es sich zugetragen, daß zwei Brüder von einem Vampir geplaget worden, weswegen einer um den andern gewachet, da es denn wie ein Hund die Türe geöffnet, auf Anschreien aber gleich wieder davongelaufen, bis endlich einmal beide eingeschlafen, da es denn dem einen in einem Augenblick einen roten Fleck unter dem rechten Ohr gesauget, worauf er denn in drei Tagen davon gestorben.‹ Zum Schluß sagt der Offizier: ›Weil man nun hier ein ungemeines Wunder daraus machet, als unterstehe mich Dero Partikular-Meinung mir gehorsamst auszubitten, ob solches sympathetischer, teuflischer oder astralischer Geister Wirkung sei, der ich mit vieler Hochachtung verharre etc.‹ Nimm dir ein Beispiel an diesem wißbegierigen Offizier. – Jetzt fällt mir sogar sein Name ein; es war der Fähndrich des Prinz Alexandrinischen Regiments, Sigismund Alexander Friedrich von Kottwitz. Überhaupt beschäftigte sich damals das Militär ganz ungemein mit dem Vampirismus. Eben in Magister Ranfts Werk befindet sich nämlich ein in gerichtlicher Form von Regimentsärzten in Gegenwart zweier Offiziere eben jenes Alexandrinischen Regiments aufgenommener Akt über die Auffindung und Vernichtung eines Vampirs. Unter andern heißt es in diesem Akt: ›Weil sie nun daraus ersehen, daß er ein wirklicher Vampir sei, so haben sie demselben einen Pfahl durchs Herz geschlagen, wobei er einen wohlvernehmlichen Gächzer getan und häufiges Geblüte von sich gelassen.‹ – Ist das nicht merkwürdig und lehrreich zugleich?« »Es mag«, erwiderte Sylvester, »es mag sich das alles im Magister Ranft nur abenteuerlich oder vielmehr aberwitzig ausnehmen, indessen erscheint, hält man sich an die Sache selbst, ohne den Vortrag zu beachten, der Vampirismus als eine der furchtbar grauenhaftesten Ideen, ja das furchtbar Grauenhafte dieser Idee artet aus ins Entsetzliche, scheußlich Widerwärtige.«

»Und«, fiel Cyprian dem Freunde ins Wort, »und demunerachtet kann aus dieser Idee ein Stoff hervorgehen, der von einem fantasiereichen Dichter, dem poetischer Takt nicht fehlt, behandelt, die tiefen Schauer jenes geheimnisvollen Grauens erregt, das in unserer eigenen Brust wohnt, und berührt von den elektrischen Schlägen einer dunkeln Geisterwelt den Sinn erschüttert, ohne ihn zu verstören. Eben der richtige poetische Takt des Dichters wird es hindern, daß das Grauenhafte nicht ausarte ins Widerwärtige und Ekelhafte; das dann aber meistenteils zugleich aberwitzig genug erscheint, um auch die leiseste Wirkung auf unser Gemüt zu verfehlen. Warum sollte es dem Dichter nicht vergönnt sein, die Hebel der Furcht, des Grauens, des Entsetzens zu bewegen? Etwa weil hie und da ein schwaches Gemüt dergleichen nicht verträgt? Soll starke Kost gar nicht aufgetragen werden, weil einige am Tische sitzen, die schwächlicher Natur sind oder sich den Magen verdorben haben.«

»Es bedarf », nahm Theodor das Wort, »es bedarf deiner Apologie des Grauenhaften gar nicht, mein lieber fantastischer Cyprianus! Wir wissen ja alle, wie wunderbar die größten Dichter vermöge jener Hebel das menschliche Gemüt in seinem tiefsten Innern zu bewegen wußten. Man darf ja nur an Shakespeare denken! – Und wer verstand sich auch darauf besser, als unser herrliche Tieck in mancher seiner Erzählungen. Ich will nur des Liebeszaubers erwähnen. Die Idee dieses Märchens muß in jeder Brust eiskalte Todesschauer, ja der Schluß das tiefste Entsetzen erregen, und doch sind die Farben so glücklich gemischt, daß trotz alles Grauens und Entsetzens uns doch der geheimnisvolle Zauberreiz des Tragischen befängt, dem wir uns willig und gern hingeben. Wie wahr ist das, was Tieck seinem Manfred in den Mund legt, um die Einwürfe der Frauen gegen das Schauerliche in der Poesie zu widerlegen. Ja wohl ist das Entsetzliche, was sich in der alltäglichen Welt begibt, eigentlich dasjenige, was die Brust mit unverwindlichen Qualen foltert, zerreißt. Ja wohl gebärt die Grausamkeit der Menschen das Elend, was große und kleine Tyrannen schonungslos mit dem teuflischen Hohn der Hölle schaffen, die echten Gespenstergeschichten. Und wie schön sagt nun der Dichter: ›In dergleichen märchenhaften Erfindungen aber kann ja dieses Elend der Welt nur wie von muntern Farben gebrochen hineinspielen, und ich dächte, auch ein nicht starkes Auge müßte es auf diese Weise ertragen!‹« – »Oft schon«, sprach Lothar, »gedachten wir des tiefen genialen Dichters, dessen Anerkennung in seiner ganzen hohen Vortrefflichkeit der Nachwelt vorbehalten bleibt, während schnell aufflackernde Irrlichter, die mit erborgtem Glanz das Auge im Augenblick zu blenden vermochten, ebenso schnell wieder verlöschen. – Übrigens meine ich, daß die Fantasie durch sehr einfache Mittel aufgeregt werden könne, und daß das Grauenhafte oft mehr im Gedanken, als in der Erscheinung beruhe. Kleists Bettelweib von Locarno trägt für mich wenigstens das Entsetzlichste in sich, was es geben mag, und doch, wie einfach ist die Erfindung! – Ein Bettelweib das man mit Härte hinter den Ofen weiset, wie einen Hund, und das gestorben, nun jeden Tag über den Boden wegtappt, und sich hinter den Ofen ins Stroh legt, ohne daß man irgend etwas erblickt! – Doch ist es auch freilich die wunderbare Färbung des Ganzen, welche so kräftig wirkt. Kleist wußte in jenen Farbentopf nicht allein einzutunken, sondern auch die Farben mit der Kraft und Genialität des vollendeten Meisters auftragend ein lebendiges Bild zu schaffen wie keiner. Er durfte keinen Vampir aus dem Grabe steigen lassen, ihm genügte ein altes Bettelweib.« – »Es ist«, nahm Cyprian das Wort, »es ist mir bei dem Gespräch über den Vampirismus eine gräßliche Geschichte eingefallen, die ich vor langer Zeit entweder las oder hörte. Doch glaube ich beinahe das letztere, denn wie ich mich erinnere, setzte der Erzähler hinzu, daß die Geschichte sich wirklich zugetragen, und nannte die gräfliche Familie und das Stammhaus, wo sich alles begeben. Sollte die Geschichte dennoch gedruckt und euch bekannt sein, so fallt mir nur gleich in die Rede, denn es gibt nichts Langweiligeres, als sich längst bekannte Dinge auftischen zu lassen.« – »Ich merke«, sprach Ottmar, »daß du wieder etwas sehr Tolles und Greuliches zu Markte bringen wirst; denke wenigstens an den heiligen Serapion, sei so kurz als du nur vermagst, um unsern Vinzenz zu Worte kommen zu lassen, der, wie ich merke, schon ungeduldig darauf harrt, uns das längst versprochene Märchen mitzuteilen.«

»Still, still«, rief Vinzenz. »Nichts Besseres kann ich mir wünschen, als daß Cyprian einen rechten schwarzen Teppich als Hintergrund aufhänge, auf dem dann die mimisch-plastische Darstellung meiner bunten, und wie ich meine, genugsam bocksspringenden Figuren sich ganz hübsch ausnehmen muß. Darum beginne, o mein Cyprianus, und sei düster, schrecklich, ja entsetzlich, trotz dem vampirischen Lord Byron, den ich nicht gelesen.«

 << Kapitel 91  Kapitel 93 >> 






TOP
Die Homepage wurde aktualisiert. Jetzt aufrufen.
Hinweis nicht mehr anzeigen.