Projekt Gutenberg

Textsuche bei Gutenberg-DE:
Autoren A-Z: A | B | C | D | E | F | G | H | I | J | K | L | M | N | O | P | Q | R | S | T | U | V | W | X | Y | Z | Alle
Gutenberg > E.T.A. Hoffmann >

Die Serapions-Brüder

E.T.A. Hoffmann: Die Serapions-Brüder - Kapitel 90
Quellenangabe
typenarrative
booktitleDie Serapions-Brüder
authorE. T. A. Hoffmann
year1976
publisherWinkler Verlag
addressMünchen
isbn3-538-05113-5
titleDie Serapions-Brüder
pages3-5
created20001223
sendergerd.bouillon@t-online.de
firstpub1821
Schließen

Navigation:

 
Die Freunde Ludwig und Euchar. Böser Traum von dem Verlust eines schönen Paars Beine im Pikett. Leiden eines enthusiastischen Tänzers. Trost, Hoffnung und Monsieur Cochenille.

Es möchte nötig sein, dem geneigten Leser zuerst etwas mehr über die beiden Freunde zu sagen, damit derselbe von Haus aus wenigstens einigermaßen wisse, wie er mit ihnen daran ist, was er von jedem zu halten.

Beide hatten einen Stand, der eigentlich chimärisch zu nennen, da er keinem Sterblichen auf dieser Welt beschieden, sie waren Freiherren. Zusammen erzogen, in enger Freundschaft aufgewachsen, konnten sie sich auch dann nicht trennen, als mit dem Zunehmen der Jahre die ausgesprochenste Verschiedenheit der innern Gemütsart immer mehr und mehr hervortrat, die sich selbst im äußeren Wesen offenbarte. Euchar gehörte als Knabe zu den sogenannten artigen Kindern, die also genannt werden, weil sie in der Gesellschaft stundenlang auf einem Fleck stillsitzen, nichts fragen, begehren u. s. w. und dann sich herrlich ausbilden zu hölzernen Dummköpfen. Mit Euchar hatte es eine andere Bewandtnis. Wurde er, wenn er, ein artiges Kind mit niedergeschlagenen Augen, gebeugtem Haupt dasaß, angesprochen, so fuhr er erschrocken auf, stotterte, weinte manchmal gar, er schien aus tiefen Träumen zu erwachen. War er allein, so schien er ein ganz anderes Wesen. Man hatte ihn belauscht, als er heftig sprach, wie mit mehreren Personen, die zugegen, ja als er ganze Geschichten, die er gehört oder gelesen, wie ein Schauspiel aufführte, da mußten Tische, Schränke, Stühle, alles was sich eben im Zimmer vorfand, Städte, Wälder, Dörfer, Personen vorstellen. Eine besondere Begeisterung ergriff aber den Knaben, wenn es ihm vergönnt wurde, allein im Freien umherzustreifen. Dann sprang, jauchzte er durch den Wald, umarmte die Bäume, warf sich ins Gras, küßte die Blumen, u. s. w. In irgendein Spiel mit Knaben seines Alters ließ er sich ungern ein, und galt deshalb für furchtsam und träge, weil er irgendein gefährliches Unternehmen, einen gewaltigen Sprung, eine kühne Kletterei niemals mitmachen wollte. Aber auch hier war es besonders, daß, wenn es am Ende jedem an Mut gefehlt hatte, das Unternehmen wirklich zu wagen, Euchar still zurückblieb, und einsam mit Geschicklichkeit das vollbrachte, was die andern nur gewollt. Galt es z. B. einen hohen schlanken Baum zu erklettern, und hatte keiner hinauf gemocht, so saß Euchar gewiß im nächsten Augenblick, sowie er sich allein befand, oben auf der Spitze. Äußerlich kalt, teilnahmlos erscheinend, ergriff der Knabe alles mit ganzem Gemüt, mit einer Beharrlichkeit, wie sie nur starken Seelen eigen, und brach in manchen Momenten das im Inneren Empfundene hervor, so geschah es mit unwiderstehlich hinreißender Gewalt, so daß jeder Kundige über die Tiefe des Gefühls, das der Knabe in der verschlossenen Brust trug, erstaunen mußte. Mehrere grundgescheite Hofmeister konnten aus ihrem Zöglinge gar nicht klug werden, und nur ein einziger (der letzte) versicherte, der Knabe sei eine poetische Natur, worüber Euchars Papa gar sehr erschrak, indem er befürchten zu müssen glaubte, daß der Knabe am Ende das Naturell der Mutter haben werde, die bei den glänzendsten Couren Kopfschmerz und Ekel empfunden. Des Papas Intimus, ein hübscher glatter Kammerherr, versicherte jedoch, besagter Hofmeister täte ein Esel sein, in dem jungen Baron Euchar flösse echt adeliges Blut, mithin sei seine Natur freiherrlich, und nicht poetisch. Das beruhigte den Alten merklich. Man kann denken wie sich aus solchen Grundanlagen des Knaben der Jüngling entwickeln mußte. Auf Euchars Antlitz hatte die Natur die bedeutungsvolle Chiffer gedrückt, mit der sie ihre Lieblinge bezeichnet. Aber Lieblinge der Natur sind die, welche die unendliche Liebe der guten Mutter, ihr tiefstes Wesen ganz zu fassen vermögen, und diese Lieblinge werden nur von Lieblingen verstanden. So kam es denn auch, daß Euchar von der Menge nicht verstanden, für gleichgültig, kalt, keiner rechtschaffenen Ekstase über ein neues Trauerspiel fähig, und daher auch für prosaisch verschrien wurde. Vorzüglich konnten es ganze Zirkel der elegantesten scharfsinnigsten Damen, denen sonst dergleichen Kenntnis wohl zuzutrauen, durchaus nicht begreifen, wie es möglich sei, daß diese Apollo-Stirne, diese scharf gebogenen gebietenden Brauen, diese düstres Feuer sprühenden Augen, diese sanft aufgeworfenen Lippen, nur einem leblosen Bilde angehören sollten. Und doch schien es so, denn Euchar verstand durchaus nicht die Kunst, über nichts, nichts in nichtssagenden Worten mit schönen Weibern so zu reden, und so sich darzustellen, als sei er Rinaldo in Fesseln.

Ganz anders verhielt es sich mit Ludwig. Der gehörte zu den wilden, ausgelassenen Knaben, von denen man zu prophezeien pflegt, daß ihnen dereinst die Welt zu enge sein würde. Er war es, der immer den Gespielen die tollesten Streiche angab, man hätte denken sollen, daß der kühne Junge doch einmal Schaden leiden würde, er war es aber auch immer, der mit unverbrannter Nase davonkam, da er bei der Ausführung sich geschickt hintenanzustellen, oder ganz davonzumachen wußte. Er ergriff alles schnell mit großer Begeisterung, ließ es aber ebenso schnell wieder; so kam es, daß er vieles lernte, aber nicht viel. Zum Jüngling herangewachsen machte er ganz artige Verse, spielte passabel manches Instrument, malte ganz hübsch, sprach ziemlich fertig mehrere Sprachen, war daher ein wahrer Ausbund von Bildung. Über alles konnte er in die erstaunlichste Ekstase geraten, und diese in den mächtigsten Worten verkünden. Aber es war mit ihm, wie mit der Pauke, die angeschlagen desto stärker tönt, je größer der innere hohle Raum. Der Eindruck, den alles Schöne, Herrliche auf ihn machte, glich dem äußern Kitzel, der die Haut berührt, ohne die innern Fibern zu erfassen. Ludwig gehörte zu den Leuten, die man sehr oft sagen hört: »Ich wollte!« und die vor diesem wollenden Prinzip nie zum Handeln kommen. Da aber in dieser Welt diejenigen Menschen, welche sehr laut und breit verkündigen, was sie tun wollen, viel mehr gelten, als die, welche in aller Stille hingehen und es wirklich tun, so geschah es auch, daß man Ludwig jeder großen Handlung fähig hielt, und ihn deshalb höchlich bewunderte, ohne weiter darnach zu fragen, ob er denn wirklich das getan, was er so laut verkündet. Freilich gab es auch wohl Leute, die Ludwig durchschauten, und ihn festhaltend bei seinen Worten sich darnach emsig erkundigten, ob er dies oder jenes ausgeführt. Dies verdroß ihn aber um so mehr, als er in einsamen Stunden bisweilen selbst sich gestehen mußte, daß das ewige Wollen und Wollen ohne Tat miserabel sei. Da geriet er über ein verschollenes Buch, worin die mechanistische Lehre vom Zusammenhang der Dinge vorgetragen wurde. Begierig griff er diese Lehre auf, die sein Treiben, oder vielmehr sein Wollen, bei sich selbst und bei andern entschuldigte. Denn war nicht ausgeführt, was er versprochen, so trug nicht er die Schuld, sondern es hatte nur allein im Zusammenhang der Dinge gelegen, daß es nicht geschehen konnte.

Der geneigte Leser wird sich wenigstens von der großen Bequemlichkeit jener weisen Lehren überzeugen.

Da Ludwig übrigens ein ganz hübscher Jüngling mit roten blühenden Wangen war, so würde er, vermöge seiner Eigenschaften, der Abgott jedes eleganten Zirkels gewesen sein, hätte nicht sein kurzes Gesicht ihn manches seltsame Quidproquo begehen lassen, das ihm oft verdrießliche Folgen zuzog. Er tröstete sich jedoch mit dem unbeschreiblichen Eindruck, den er auf jedes weibliche Herz zu machen glaubte, und überdem galt die Gewohnheit, daß er, eben seines kurzen Gesichts halber, um nicht in der Person zu irren, mit der er sprach, welches ihm manchmal zu großem Ärger geschehen, selbst den Damen näher trat, als schicklich, für die unbefangne Dreistigkeit des genialen Menschen.

Tages darauf, als Ludwig auf dem Ball bei dem Grafen Walther Puck gewesen, in aller Frühe erhielt Euchar ein Billet von ihm, worin es hieß:

»Teurer! Geliebtester! Ich bin elend, geschlagen, verloren, herabgestürzt von dem blumichten Gipfel der schönsten Hoffnungen in den bodenlosen nächtlichen Abgrund der Verzweiflung. Das, was mein namenloses Glück bereiten sollte, ist mein Unglück! – Komme! eile, tröste mich, wenn du es vermagst!«

Euchar fand den Freund mit verbundenem Haupt auf dem Sofa ausgestreckt, blaß, übernächtig. »Kommst du«, rief Ludwig ihm mit matter Stimme entgegen, indem er den Arm nach ihm ausstreckte, »kommst du mein edler Freund? Ja, du hast doch gewiß einigen Sinn für meinen Schmerz, für meine Leiden! Laß dir wenigstens erzählen, was mir begegnet, und sprich das Urteil, wenn du glaubst, daß ich verloren bin total!« »Gewiß«, begann Euchar lächelnd, »gewiß ist es auf dem Ball nicht so gegangen, wie du gedachtest?« Ludwig seufzte tief auf. »Hat«, sprach Euchar weiter, »hat die holde Viktorine scheel gesehen, dich nicht beachtet?« »Ich habe sie«, erwiderte Ludwig mit tiefem Grabeston, »ich habe sie schwer, ich habe sie unversöhnlich beleidigt!« »Mein Gott«, rief Euchar, »wie hat sich das nur begeben können?« Ludwig holte nochmals einen tiefen Seufzer, ächzte was weniges, und begann leise, aber mit gehörigem Pathos:

»Wie sich der Sonne Scheinbild in dem Dunstkreis
Malt, eh sie kommt; so schreiten auch den großen
Geschicken ihre Geister schon voran.
Und in dem Heute wandelt schon das Morgen!

Ja«, fuhr er dann wehmütig fort, »ja, Euchar, wie das geheimnisvolle Schnurren des Räderwerks den Schlag der Uhr verkündet, so gehen warnende Ereignisse dem einbrechenden Malheur vorher. Schon in der Nacht vor dem Ball hatte ich einen schrecklichen, fürchterlichen Traum! Mir war es, als sei ich schon bei dem Grafen, und könne, eben im Begriff zu tanzen, plötzlich keinen Fuß von der Stelle rühren. Im Spiegel werde ich zu meinem Schrecken gewahr, daß ich statt des zierlichen Fußgestells, das mir die Natur verliehen, des alten Konsistorial-Präsidenten dick umwickelte podagristische Beine unter dem Leibe trage. Und während daß ich an den Boden festgebannt stehe, ländert der Konsistorial-Präsident, Viktorinen im Arm, leicht wie ein Vogel daher, lächelt mich hämisch an, und behauptet zuletzt, auf freche Weise, daß er mir meine Füße abgewonnen habe im Pikett. Ich erwachte, du kannst es denken, in Angstschweiß gebadet! Noch ganz tiefsinnig über das böse Nachtgesicht bringe ich die Tasse, in der glühende Schokolade dampft, an den Mund, und verbrenne mir dermaßen die Lippen, daß du trotz aller Pomade, die ich verbraucht, die Spuren davon noch sehen kannst. Nun ich weiß es ja, daß du nicht viel Anteil nimmst an fremden Leiden, ich übergehe daher alle die fatalen Ereignisse, womit mich das Schicksal den Tag über neckte, und sage dir nur, daß, als es endlich abends zum Anziehen kam, eine Masche des seidenen Strumpfs platzte, mir zwei Westenknöpfe sprangen, daß ich, im Begriff in den Wagen zu steigen, meinen Wellington in die Gosse warf, und endlich im Wagen selbst, als ich die Patentschnallen fester auf die Schuhe drücken wollte, zu meinem nicht geringen Entsetzen an der Fasson fühlte, daß der Esel von Kammerdiener mir ungleiche Schnallen aufgedrückt. Ich mußte umkehren, und verspätete mich wohl um eine gute halbe Stunde. Viktorine kam mir entgegen im vollsten Liebreiz – ich bat sie um den nächsten Tanz. Wir länderten – ich war im Himmel. Aber da fühlte ich plötzlich die Tücke des feindlichen Schicksals« – »Zusammenhanges der Dinge«, fiel ihm Euchar ins Wort. »Nenne es«, fuhr Ludwig fort, »nenne es wie du willst, heute ist mir alles gleich. Genug, es war ein tückisches Verhängnis, das mich vorgestern über die fatale Baumwurzel hinstürzte. Tanzend fühlte ich meinen Schmerz im Knie sich erneuern, und immer stärker und heftiger werden. Aber in demselben Augenblick spricht Viktorine so laut, daß es die andern Tänzer hören: ›Das geht ja zum Einschlafen!‹ Man winkt, man klatscht den Musikanten zu, und rascher und rascher wirbelt sich der Tanz! Mit Gewalt kämpfe ich die Höllenqual nieder, hüpfe zierlich, und mache ein freundliches Gesicht. Und doch raunt mir Viktorine ein Mal über das andere zu: ›Warum so schwerfällig heute, lieber Baron? Sie sind gar nicht mehr derselbe Tänzer wie sonst!‹ Glühende Dolchstiche in mein Herz hinein.« »Armer Freund«, sprach Euchar lächelnd, »ich fasse deine Leiden im ganzen Umfange.«

»Und doch«, fuhr Ludwig fort, »war dies alles nur Vorspiel des unseligsten Ereignisses! Du weißt, wie lange ich mich mit den Touren einer Seize herumgetragen, du weißt, wie ich vieles Glas und Porzellan, das ich, hier in meinem Zimmer mich in jenen Touren, in den kühnsten Wendungen und Sprüngen versuchend, von den Tischen warf, nicht geachtet habe, bloß um die geträumte Vollkommenheit zu erringen. Eine dieser Touren ist das Herrlichste, das jemals der menschliche Geist in dieser Art ersonnen. Vier Paare stehen in malerischer Stellung, der Tänzer auf der rechten Fußspitze balancierend, umfaßt seine Tänzerin mit dem rechten Arm, während er den linken graziös gekrümmt über das Haupt erhebt, die andern machen Ronde. Vestris und Gardel haben an so etwas nicht gedacht. Auf diese Seize hatte ich den höchsten Moment der Seligkeit gebaut! Zum Namenstag des Grafen Walther Puck hatte ich sie bestimmt – Viktorinen im Arm bei jener überirdischen Tour, wollte ich flistern: ›Göttliche – himmlische Komteß, ich liebe Sie unaussprechlich, ich bete Sie an! sein Sie mein, Engel des Lichts!‹ Daher, lieber Euchar, geriet ich in solch Entzücken, als ich nun wirklich zum Ball eingeladen wurde, woran ich beinahe zweifeln mußte, da Graf Puck kurz zuvor auf mich sehr erzürnt schien, als ich ihm die Lehre vom Zusammenhang der Dinge, vom Räderwerk des Makrokosmus, vortrug, die er seltsamerweise dahin verstand, als vergleiche ich ihn mit einem Perpendikel. Er nannte das eine maliziöse Anspielung, die er nur meiner Jugend verzeihe, und drehte mir den Rücken. Nun also! Der unglückliche Ländler war geendet, ich tanzte keinen Schritt mehr, entfernte mich in die Nebenzimmer, und wer mir auf dem Fuße folgte war der gute Cochenille, der mir sogleich Champagner kredenzte. Der Wein goß neue Lebenskraft mir in die Adern, ich fühlte keinen Schmerz mehr. Die Seize sollte beginnen, ich flog in den Saal zurück, stürzte hin zu Viktorinen, küßte ihr feurig die Hand, stellte mich in die Ronde. Jene Tour kommt, ich übertreffe mich selbst – ich schwebe – balanciere der Gott des Tanzes selbst – ich umschlinge meine Tänzerin, ich lispele: ›Göttliche, himmlische Komteß‹, wie ich's mir vorgenommen. Das Geständnis der Liebe ist meinen Lippen entflohen, ich schaue der Tänzerin tief in die Augen – Herr des Himmels! es ist nicht Viktorine, mit der ich getanzt, es ist eine ganz andere, mir völlig unbekannte Dame, nur gewachsen, gekleidet wie Viktorine! Du kannst denken, daß mir war, als träfe mich der Blitz! Alles um mich her schwamm chaotisch zusammen, ich hörte keine Musik mehr, sprang wild durch die Reihen, bald hier bald dort hört ich Schmerzensrufe, bis ich mich mit starken Armen festgehalten fühlte und eine dröhnende Stimme mir ins Ohr donnerte: ›Himmel tausend sapperment, ich glaube, Sie haben neun Teufel in den Beinen Baron!‹ Es war der verhängnisvolle Konsistorial-Präsident, den ich schon im Traum gesehen, der mich in einer ganz entfernten Ecke des Saals festhielt und also fortfuhr: ›Kaum bin ich vom Spieltisch aufgestanden und in den Saal getreten, als Sie wie das böse Wetter, aus der Mitte herausfahren und wie besessen auf meinen Füßen herumspringen, daß ich vor Schmerz brüllen möchte, wie ein Stier, wär ich nicht ein Mann von feiner Konduite. Sehen Sie nur, welche Verwirrung Sie angerichtet haben.‹ In der Tat hatte die Musik aufgehört, die ganze Seize war auseinander und ich bemerkte, wie mehrere Tänzer umherhinkten, Damen sich zu den Sesseln führen ließen und mit Odeurs bedient wurden. – Ich hatte die Tour der Verzweiflung über die Füße der Tanzenden genommen, bis der baumstarke Präsident dem tollen Lauf ein Ziel setzte. – Viktorine nahte sich mir mit zornfunkelnden Augen. ›In der Tat‹, sprach sie, ›eine Artigkeit ohnegleichen, Herr Baron! Sie fordern mich zum Tanz auf, tanzen dann mit einer andern Dame und verwirren den ganzen Ball.‹ Du kannst dir meine Beteurungen denken. ›Diese Mystifikationen‹, erwiderte Viktorine ganz außer sich, ›sind Ihnen eigen, Herr Baron, ich kenne Sie, aber ich bitte, mich nicht weiter zum Gegenstande Ihrer tiefen schneidenden Ironie zu wählen.‹ – So ließ sie mich stehen. Nun kam meine Tänzerin, die Artigkeit, ja ich möchte sagen die Zutulichkeit selbst! – Das arme Kind hat Feuer gefaßt, ich kann es ihr nicht verdenken, aber bin ich denn schuld? – O Viktorine, Viktorine! O Unglücks-Seize! – Furientanz, der mich in den Orkus hinabreißt!«

Ludwig schloß die Augen, und seufzte und ächzte, der Freund war aber gutmütig genug, nicht auszubrechen in lautes Gelächter. Er wußte überdem wohl, daß Unfälle der Art, wie sie den armen Ludwig bei dem Ball des Grafen Walther Puck betroffen, selbst auf Menschen von geringerer Geckenhaftigkeit die Wirkung spanischer Fliegen äußern in psychischem Sinn.

Nachdem Ludwig ein paar Tassen Schokolade eingeschlürft, ohne sich, wie tages zuvor, die Lippen zu verbrennen, schien er mehr Fassung zu gewinnen, sein ungeheures Schicksal mit größerem Mute zu tragen. »Höre«, begann er zu Euchar, der sich indessen in ein Buch vertieft, »höre Freund, du warst ja auch zum Ball eingeladen?« – »Allerdings«, entgegnete Euchar gleichgültig, kaum von den Blättern aufblickend. – »Und kamst nicht, und hast mir nicht einmal von der Einladung etwas gesagt«, sprach Ludwig weiter. – »Eine Angelegenheit«, erwiderte Euchar, »hielt mich fest, die mir wichtiger war, als jeder Ball in der Welt, und hätt ihn der Kaiser von Japan gegeben.« – »Gräfin Viktorine«, fuhr Ludwig fort, »erkundigte sich sehr angelegentlich, weshalb du wohl ausbliebest. Sie war so unruhig, blickte so oft nach der Türe. In der Tat, ich hätte eifersüchtig werden, ich hätte glauben können, dir wär's zum erstenmal gelungen, ein weibliches Herz zu rühren, wenn sich nicht alles aufgeklärt hätte. – Kaum mag ich's dir wiedererzählen, auf welche schonungslose Art sich die holde Viktorine über dich äußerte. – Nichts Geringeres behauptete sie, als daß du ein kalter, herzloser Sonderling seist, dessen Gegenwart sie oft mitten in der Lust ängstige; weshalb sie denn gefürchtet hätte, du würdest auch an dem Abend ihr Freudenstörer sein. Nun sei sie aber recht froh, daß du nicht gekommen. – Aufrichtig gesprochen, seh ich doch gar nicht ein, warum du, lieber Euchar, dem der Himmel doch so viel körperliche und geistige Vorzüge verliehen, solch entschiedenes Unglück bei den Damen hast, warum ich dir überall den Rang ablaufe! – Kalter Mensch! Kalter Mensch, ich glaube, du hast keinen Sinn für das hohe Glück der Liebe, und darum wirst du nicht geliebt. Ich dagegen! – Glaube mir, selbst Viktorines aufglühender Zorn, erzeugte er sich nicht aus den Liebesflammen, die in ihrem Innern lodern, für mich den Glücklichen, den Seligen?«

Die Türe öffnete sich, und es trat ein seltsames Männlein in das Zimmer, im roten Rock mit großen Stahlknöpfen, schwarzseidenen Unterkleidern, stark gepuderter hoher Frisur mit kleinem runden Haarbeutel! »Bester Cochenille«, rief ihm Ludwig entgegen, »bester Monsieur Cochenille, wie habe ich das seltne Vergnügen –«

Euchar versicherte, daß wichtige Angelegenheiten ihn fortriefen, und ließ den Freund mit dem Kammerdiener des Grafen Walther Puck allein.

Cochenille versicherte süß lächelnd mit niedergeschlagenen Augen, wie hochgräfliche Gnaden überzeugt wären, daß der verehrteste Herr Baron während der Seize von einer seltsamen Krankheit befallen, deren Namen im Lateinischen beinahe so klinge, wie Raptus, und wie er, Monsieur Cochenille, gekommen, Nachfrage zu halten, nach des verehrtesten Herrn Barons gnädigem Wohlbefinden. »Was Raptus, o Cochenille, was Raptus«, rief Ludwig, erzählte nun ausführlich, wie sich alles begeben und schloß damit, daß er den gewandten Kammerdiener des Grafen Walther Puck bat, die Sache möglichst ins Geleise zu bringen.

Ludwig erfuhr, daß seine Tänzerin eine Kusine der Gräfin Viktorine gewesen, die vom Lande hineingekommen, zum Namenfest des Grafen, daß sie und Gräfin Viktorine ein Herz und eine Seele wären, und sich, wie bei jungen Damen der Einklang der Gemüter wohl in Seide und Flor ans Licht zu treten pflege, öfters ganz gleich kleideten. Cochenille meinte ferner, daß es mit dem Zorn der Gräfin Viktorine doch nicht rechter Ernst sein müsse. Er habe ihr nämlich bei dem Schluß des Balls, gerade als sie mit der Kusine zusammengestanden, Gefrornes serviert, und dabei bemerkt, wie beide herzlich gekichert und gelacht, sowie gehört, wie sie beide mehrmals ganz deutlich den Namen des hochverehrtesten Herrn Barons genannt hätten. Freilich sei, wie er vernommen, die gräfliche Kusine ungemein verliebter Komplexion, und werde nun verlangen, daß der Herr Baron das fortsetze, was er begonnen, nämlich daß er der Kusine fortan erklecklich den Hof mache, und zuletzt Glacéhandschuhe anziehe, und sie zum Brautaltar führe, indessen wolle er das Seinige tun, daß sie davon abgebracht werde. Morgenden Tages wollte er hochgräfliche Gnaden, wenn er dieselbe zu frisieren die Ehre habe, gerade beim Lockenbau auf der linken Seite, die ganze Sache vortragen, und bitten, der Kusine unter eindringenden oheimlichen Ermahnungen vorzustellen, daß des Herrn Barons Liebeserklärung nichts anders gewesen sei, als was dergleichen Erklärungen gewöhnlich wären, nämlich ein angenehmer Tanzschnörkel der geraden Tour beigefügt, als liebenswürdiger Exzeß. Das werde helfen. Cochenille gab endlich dem Baron den Rat, Viktorinen sobald als nur möglich zu sehen, und dazu finde sich noch am heutigen Tage Gelegenheit. Die Konsistorial-Präsidentin Veehs gäbe nämlich abends ästhetischen Tee, den sie, wie er von dem Kammerdiener des russischen Gesandten erfahren, durch die russische Gesandtschaft direkt von der chinesischen Grenze kommen lasse, und der einen ungemein süßen Geruch verbreite. Dort werde er Viktorine finden, und alles retablieren können.

Ludwig sah ein, daß nur unwürdige Zweifel den Glauben an sein Liebesglück verstört haben konnten, und beschloß beim ästhetischen Tee der Konsistorial-Präsidentin so bezaubernd liebenswürdig zu sein, daß es Viktorinen nicht einfallen werde, auch nur was weniges zu schmollen.

 << Kapitel 89  Kapitel 91 >> 






TOP
Die Homepage wurde aktualisiert. Jetzt aufrufen.
Hinweis nicht mehr anzeigen.