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Die Serapions-Brüder

E.T.A. Hoffmann: Die Serapions-Brüder - Kapitel 89
Quellenangabe
typenarrative
booktitleDie Serapions-Brüder
authorE. T. A. Hoffmann
year1976
publisherWinkler Verlag
addressMünchen
isbn3-538-05113-5
titleDie Serapions-Brüder
pages3-5
created20001223
sendergerd.bouillon@t-online.de
firstpub1821
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Der Zusammenhang der Dinge

Im Weltsystem bedingter Fall über eine Baumwurzel. Mignon und der Zigeuner aus Lorca, nebst dem General Palafox. Erschlossenes Paradies bei dem Grafen Walther Puck.

»Nein«, sprach Ludwig zu seinem Freunde Euchar, »nein, es gibt gar keinen solchen ungeschlachten tölpischen Begleiter der holden Glücksgöttin, der radschlagend die Tische umwirft, die Tintenflaschen zerbricht, dem Präsidenten in den Wagen hineinpolternd, Kopf und Arm verletzt, wie Herr Tieck, der mit Vornamen so wie ich Ludwig geheißen, ihn in dem Prolog zum zweiten Teil des Fortunat aufzustellen beliebt hat. Nein es gibt keinen Zufall. Ich bleibe dabei, das ganze Weltsystem mit allem, was sich darin begibt, der ganze Makrokosmus gleicht einem großen künstlich zusammengefügten Uhrwerk, das augenblicklich stocken müßte, sobald es irgendeinem fremden willkürlosen Prinzip vergönnt wäre, auch nur das kleinste Rädchen feindlich zu berühren.« »Ich weiß nicht«, erwiderte Euchar lächelnd, »ich weiß nicht, Freund Ludwig! wie du auf einmal zu dieser fatalen, längst veralteten mechanistischen Idee kommst, und Goethes schönen Gedanken vom roten Faden, der sich durch unser Leben zieht, und an dem wir, ihn in lichten Augenblicken gewahrend, den über uns, in uns waltenden höheren Geist erkennen, so entstellen darfst.« »Das Gleichnis«, sprach Ludwig weiter, »das Gleichnis ist mir anstößig, weil es von der englischen Marine entnommen. Durch das kleinste Tau ihrer Schiffe, ich weiß es ja eben aus Goethes Wahlverwandtschaften, zieht sich ein roter Faden, der es als Staatseigentum bezeichnet. Nein, nein, mein lieber Freund! Alles was sich begibt, ist von Ursprung an als notwendig bedingt, eben weil es sich begibt, und das ist der Zusammenhang der Dinge, auf dem das Prinzip alles Seins, des ganzen Lebens beruht! – Da man nämlich –« In dem Moment –

Doch es ist nötig dem geneigten Leser zuvörderst zu sagen, daß beide, Ludwig und Euchar also miteinander redend, durch einen Laubgang des schönen Parks vor W. lustwandelten. Es war Sonntag. Die Dämmerung begann einzubrechen, der Abendwind strich säuselnd durch die Büsche, die sich von der Glut des Tages erholend, aufatmeten in leisen Seufzern; durch den ganzen Wald ertönten lustig die frohen Stimmen geputzter Bürgersleute, die sich hinausgemacht, und bald ins blumichte Gras hingelagert ein mäßiges Abendbrot verzehrten, bald in dieses, in jenes der zahlreichen Wirtshäuser eingekehrt, sich nach den Kräften des Gewinns der Woche etwas mehr zugute taten.

In dem Moment also, da Ludwig weiterreden wollte, über die tiefsinnigen Lehren vom Zusammenhang der Dinge, stolperte er über eine dicke Baumwurzel, die er, brillbewaffnet, wie er war, doch übersehen, und fiel der Länge nach zur Erde nieder. »Das lag im Zusammenhang der Dinge; schlugst du nicht schmählich hin, so ging die Welt unter im nächsten Augenblick.« So sprach Euchar ernsthaft und gelassen, hob Stock und Hut des Freundes auf, beides war ihm beim Fall entflogen, und reichte ihm die Hand zum Aufstehen. Ludwig fühlte aber das rechte Knie so verletzt, daß er zu hinken genötigt, und dabei blutete die Nase heftig genug. Dies bewog ihn dem Rate des Freundes zu folgen, und einzukehren in das nächste Wirtshaus, unerachtet er sonst dergleichen, vorzüglich an Sonntagen sorgfältig vermied, da ihm der Jubel der sonntäglichen Bürgerwelt eine seltsame innere Ängstlichkeit einflößte, als befinde er sich an einem Orte, der nicht recht geheuer, wenigstens für Leute seinesgleichen.

Auf dem mit Bäumen besetzten Rasen vor dem Hause hatten die Gäste einen dichten bunten Kreis geschlossen, aus dessen Mitte die Töne einer Chitarre und eines Tambourins erklangen. Das Schnupftuch vor dem Gesicht, vom Freunde geführt, hinkte Ludwig hinein in das Haus, und bat so kläglich um Wasser, und um ein geringes etwas von Weinessig, daß die erschrockene Wirtin ihn in den letzten Zügen glaubte. Während er mit dem Verlangten bedient wurde, schlich Euchar, auf den Chitarren- und Tambourin-Töne einen mächtigen unwiderstehlichen Zauber übten, man wird erfahren warum, hinaus, und suchte in den geschlossenen Kreis zu kommen. Euchar gehörte zu den wenigen hochbeglückten Lieblingen der Natur, denen ihr äußeres Ansehen, ihr ganzes Wesen überall freundliches Zuvorkommen verschafft, und so geschah es denn auch, daß einige Handwerksbursche, sonst eben nicht am Sonntage zu graziöser Höflichkeit aufgelegt, als er fragte, was sich in dem Kreise begebe, sogleich Platz machten, damit er nur auch das kleine närrische Ding schauen könne, das so hübsch und so künstlich spiele und tanze. Nun tat sich vor Euchar ein Schauspiel auf, das seltsam und anmutig zugleich, seinen ganzen Sinn gefangen nahm.

In der Mitte des Kreises tanzte ein Mädchen mit verbundenen Augen zwischen neun Eiern, die zu drei und drei hintereinander auf dem Boden lagen, den Fandango, indem sie das Tambourin dazu schlug. Zur Seite stand ein kleiner verwachsener Mensch mit einem häßlichen Zigeunergesicht, und spielte die Chitarre. Die Tänzerin schien höchstens fünfzehn Jahre alt, sie ging fremdartig gekleidet, im roten goldstaffierten Mieder, und kurzem weißen mit bunten Bändern besetzten Rock. Ihr Wuchs, jede ihrer Bewegungen war die Zierlichkeit, die Anmut selbst. Sie wußte dem Tambourin, das sie bald hoch über dem Kopfe, bald mit in malerischer Stellung ausgestreckten Armen seitwärts, bald vor sich hin, bald hinter dem Rücken hielt, wunderbar mannigfaltige Töne zu entlocken. Zuweilen glaubte man den dumpfen Ton einer in weiter Ferne angeschlagenen Pauke, dann das klagende Girren der Turteltauben, dann wieder das Brausen des nahenden Sturmes zu vernehmen; dazu erklangen die wohlgestimmten hellen Glöckchen gar lieblich. Der kleine Chitarrist gab dem Mädchen in der Virtuosität des Spiels nichts nach, denn auch er wußte sein Instrument auf ganz eigene Weise zu behandeln, indem er die eigentümliche Melodie des Tanzes bald klar und kräftig hervortreten, bald, indem er nach spanischer Weise mit der ganzen Hand über die Saiten fuhr, verrauschen ließ, bald volle helle Akkorde anschlug. Immer stärker und mächtiger sauste und brauste das Tambourin, rauschten die Saiten der Chitarre, immer kühner wurden die Wendungen, die Sprünge des Mädchens; haardicht bei den Eiern setzte sie zuweilen fest und bestimmt den Fuß auf, so daß die Zuschauer oft sich eines lauten Schreies nicht erwehren konnten, meinend, nun sei eines von den zerbrechlichen Dingern zerstoßen. Des Mädchens schwarze Locken hatten sich losgenestelt, und flogen im wilden Tanz um ihr Haupt, so daß sie beinahe einer Mänade glich. »Endige!« rief ihr der Kleine auf spanisch zu. Da berührte sie tanzend jedes der Eier, so daß sie in einen Haufen zusammenrollten; dann aber mit einem starken Schlag auf das Tambourin, mit einem mächtigen Akkord der Chitarre, blieb sie plötzlich stehen wie festgezaubert. Der Tanz war geendet.

Der Kleine trat hinzu und löste ihr das Tuch von den Augen, sie nestelte ihr Haar auf, nahm das Tambourin und ging mit niedergeschlagenen Augen im Kreise umher, um einzusammeln. Niemand hatte sich weggeschlichen, jeder legte mit vergnügter Miene ein Stück Geld auf das Tambourin. Bei Euchar ging sie vorüber, und als er sich hinzudrängte, um ihr auch etwas zu geben, lehnte sie es ab. »Warum willst du von mir nichts annehmen, Kleine?« fragte Euchar. Das Mädchen schaute auf, und durch die Nacht schwarzer seidener Wimper blitzte der glühende Blick der schönsten Augen. »Der Alte«, sprach sie ernst, beinahe feierlich, mit tiefer Stimme und fremdem Akzent, »der Alte hat mir gesagt, daß Sie, mein Herr, erst dann kamen, als die beste Hälfte meines Tanzes vorüber, und da darf ich nichts nehmen.« Damit machte sie dem Euchar eine zierliche Verbeugung, und wandte sich zu dem Kleinen, dem sie die Chitarre abnahm, und ihn an einen entfernten Tisch führte. Als Euchar hinblickte, gewahrte er Ludwig, der nicht weit davon zwischen zwei ehrsamen Bürgersleuten saß, ein großes Glas Bier vor sich stehen hatte, und ihm ängstlich zuwinkte. Euchar ging hinan und rief lachend: »Nun Ludwig, seit wann ergibst du dich denn dem schnöden Biertrinken?« Aber Ludwig winkte ihm zu, und sprach mit bedeutendem Ton: »Wie kannst du nur so etwas reden? das schöne Bier gehört zu den edelsten Getränken, und ich liebe es über alle Maßen, wenn es so vortrefflich gebraut wird als eben hier.«

Die Bürger standen auf, Ludwig begrüßte sie mit ungemeiner Höflichkeit, und zog ein süßsaures Gesicht, als sie ihm beim Weggehen, nochmals den gehabten Unfall bedaurend, treuherzig die Hände schüttelten. »Immer«, begann nun Ludwig, »immer bringst du mich mit deinem unbedachtsamen Wesen in unnütze Gefahr! Ließ ich mir nicht ein Glas Bier geben, würgte ich nicht das schnöde Getränk hinunter, konnten das nicht die handfesten Meister übelnehmen, grob werden, mich als einen Ungeweihten hinauswerfen? Und nun bringst du mich, nachdem ich so geschickt meine Rolle gespielt, doch in Verdacht!« »Ei«, erwiderte Euchar lachend, »wärst du hinausgeworfen, oder gar was weniges abgeprügelt worden, hätte das nicht im Zusammenhang der Dinge gelegen? Doch höre welch hübsches Schauspiel mir dein im Makrokosmus bedingter Sturz über die Baumwurzel verschafft hat.«

Euchar erzählte von dem anmutigen Eiertanz des kleinen spanischen Mädchens – »Mignon!« rief Ludwig begeistert, »himmlische, göttliche Mignon!«

Gar nicht weit von den Freunden saß der Chitarrist, und zählte emsig das eingenommene Geld, während das Mädchen vor dem Tische stand, und eine Apfelsine in ein Glas Wasser ausdrückte. Der Alte strich endlich das Geld zusammen, und nickte der Kleinen zu mit vor Freude funkelnden Blicken, die aber reichte dem Alten das bereitete Getränk hin, indem sie ihm die runzlichten Wangen streichelte. Ein widriges meckerndes Gelächter schlug der Alte auf, und schlürfte den Trank ein mit durstigen Zügen. Die Kleine setzte sich hin, und klimperte auf der Chitarre. – »O Mignon!« rief Ludwig von neuem, »göttliche, himmlische Mignon! – Ja ich rette sie, ein zweiter Wilhelm Meister, aus den Händen des heimtückischen Bösewichts, dem sie dienstbar!« – »Woher«, sprach Euchar ruhig und gelassen, »woher weißt du, daß jener kleine Buckelmann ein heimtückischer Bösewicht ist?« – »Kalter Mensch«, erwiderte Ludwig, »kalter Mensch, den nichts ergreift, der nichts auffaßt, der keinen Sinn hat für das Geniale, Fantastische. Siehst du, gewahrst du denn nicht, wie aller Hohn, aller Neid, alle Bosheit, der schmutzigste Geiz aus den kleinen grünen Katzenaugen der zigeunerischen Mißgeburt herausblitzt, sich aus den Runzeln des unheimlichen Antlitzes herausfältelt? – Ja ich rette es – ich rette es aus den satanischen Fäusten des braunen Unholds, das liebe Kind! – Könnt ich nur reden mit der kleinen Huldin!« »Nichts ist leichter ins Werk zu stellen als das«, sprach Euchar, und winkte das Mädchen herbei.

Sofort legte die Kleine das Instrument auf den Tisch, näherte und verbeugte sich dann mit züchtig niedergesenktem Blick. »Mignon!« rief Ludwig wie außer sich selbst, »Mignon, holde süße Mignon!« »Sie nennen mich Emanuela«, sprach das Mädchen. »Und der abscheuliche Kerl dort«, sprach Ludwig weiter, »wo hat er dich Ärmste geraubt, wo hat er dich in seine verfluchten Schlingen verlockt?« »Ich verstehe«, erwiderte die Kleine, indem sie die Augen aufschlug, und Ludwig mit ernstem Blick durchstrahlte, »ich verstehe Euch nicht, mein Herr, ich weiß nicht, was Ihr meint, warum Ihr mich so fragt.« »Du bist Spanierin mein Kind«, begann Euchar. »Ja wohl«, erwiderte das Mädchen mit zitternder Stimme, »ja wohl bin ich das, Ihr seht, Ihr hört mir's wohl an, und da mag ich es nicht leugnen.« »So«, sprach Euchar weiter, »so spielst du auch Chitarre, und vermagst ein Lied zu singen?« Das Mädchen hielt die Hand vor die Augen, und lispelte kaum hörbar: »Ach ich möcht euch, meine lieben Herren, wohl eins vorspielen und vorsingen, aber meine Lieder sind glühend heiß, und hier ist es so kalt – so kalt!« »Kennst du«, sprach nun Euchar auf spanisch mit erhöhter Stimme, »kennst du das Lied: Laure l'immortal?« Das Mädchen schlug die Hände zusammen, hob den Blick gen Himmel, Tränen perlten in ihren Augen, stürzte fort, riß die Chitarre vom Tisch, flog mehr, als sie ging, zu den Freunden zurück, stellte sich vor Euchar, und begann:

»Laure l'immortal al gran Palafox,
Gloria de España, de Francia terror!« etc.

In der Tat, unbeschreiblich zu nennen war der Ausdruck, mit dem die Kleine das Lied vortrug. Aus dem tiefsten Todesschmerz flammte glühende Begeisterung auf, jeder Ton schien ein Blitz, vor dem jede Eisdecke zerspringen mußte, die sich über die erkältete Brust gelegt. Ludwig wollte vor lauter Entzücken, wie man zu sagen pflegt, aus der Haut fahren. Er unterbrach den Gesang des Mädchens durch überlaute Bravas, Bravissimas, und hundert ähnliche Ausrufungen des Beifalls. »Habe«, sprach Euchar zu ihm, »habe die Gnade, mein Gönner, und halt jetzt ein wenig das Maul!« »Ich weiß es schon«, erwiderte Ludwig mürrisch, »daß Musik dich unempfindlichen Menschen ganz und gar nicht zu rühren vermag«, tat aber übrigens wie ihm Euchar geheißen.

Das Mädchen lehnte sich, als das Lied geendet, ermattet an einen nahe stehenden Baum, und indem sie die Akkorde fortsäuseln ließ, bis sie im Pianissimo verhauchten, fielen große Tränen auf das Instrument!

»Du bist«, sprach Euchar mit dem Tone, der nur aus tief bewegter Brust zu kommen pflegt, »du bist bedürftig, mein armes holdes Kind, habe ich nicht deinen Tanz von Anfang an gesehen, so hast du das jetzt durch deinen Gesang überreichlich ersetzt, und darfst dich nun nicht mehr weigern, etwas von mir anzunehmen.«

Euchar hatte ein kleines Beutelchen hervorgezogen, aus dem schöne Dukaten herausblinkten, das steckte er nun der Kleinen zu, als sie sich ihm genähert. Das Mädchen heftete den Blick auf Euchars Hand, faßte sie mit beiden Händen, bedeckte sie mit dem lauten Ausruf: »Oh Dios!« vor Euchar niederstürzend, mit tausend heißen Küssen. »Ja«, rief Ludwig begeistert, »ja nur Gold, nichts als Gold dürfen die süßen Händchen empfangen«, fragte aber dann, ob Euchar ihm nicht einen Taler wechseln könne, da er gerade kein kleines Geld bei sich führe.

Indessen war der Bucklichte hinangehinkt, hob die Chitarre auf, die Emanuela zu Boden fallen lassen, und verbeugte sich nun schmunzelnd ein Mal über das andere vor Euchar, der gewiß das Töchterlein reichlich beschenkt habe, da sie so gerührt danke.

»Bösewicht, Spitzbube«, grollte ihn Ludwig an. Erschrocken fuhr der Kleine zurück, und sprach weinerlich: »Ach Herr, warum seid Ihr denn so böse? Verdammt doch nicht den armen ehrlichen Biagio Cubas! kehrt Euch ja nicht an meine Farbe, an mein ich weiß es wohl, häßliches Gesicht! Ich bin in Lorca geboren, und ebensolch ein alter Christ, als Ihr es selbst nur irgend sein könnt.« Das Mädchen sprang schnell auf, rief dem Alten auf spanisch zu: »O fort – nur schnell fort, Väterchen!« und beide entfernten sich, indem Cubas noch allerlei wunderliche Bücklinge verführte, Emanuela aber dem Euchar den seelenvollsten Blick zuwarf, dessen die schönsten Augen mächtig.

Als der Wald schon das seltsame Paar verbarg, begann Euchar: »Siehst du wohl Ludwig, daß du dich mit deinem schlimmen Urteil, das du über den kleinen Kobold fälltest, übereilt hast? Es ist wahr, der Mensch hat etwas Zigeunerartiges, er ist, wie er selbst sagt, aus Lorca. Nun mußt du aber wissen, daß Lorca eine altmaurische Stadt ist, und daß die Lorcaner, sonst ganz hübsche Leute, die Spuren ihrer Abkunft nicht verleugnen können. Nichts nehmen sie jedoch übler auf, als wenn man ihnen das zu verstehen gibt, weshalb sie unaufhörlich versichern, daß sie alte Christen wären. So ging es dem Kleinen, in dessen Gesicht sich freilich der maurische Stamm in der Karikatur abspiegelt.« »Nein«, rief Ludwig, »ich bleibe dabei, der Kerl ist ein verruchter Spitzbube, und ich werde alles daransetzen, meine holde süße Mignon aus seinen Klauen zu retten.« »Hältst du«, sprach Euchar, »den Kleinen durchaus für einen Spitzbuben, so traue ich meinesteils, wieder nicht recht der holden süßen Mignon.« – »Was sagst du?« fuhr Ludwig auf, »was sagst du Euchar? dem lieben Himmelskinde nicht trauen, aus deren Augen die unschuldsvollste Holdseligkeit hervorleuchtet? Aber daran erkennt man den eiskalten Prosaiker, der für dergleichen keinen Sinn hat, und der mißtrauisch ist gegen alles, was nicht hineinpaßt, in seinen gewöhnlichen alltäglichen Kram!« »Nun«, erwiderte Euchar gelassen, »ereifere dich nur nicht so sehr, mein enthusiastischer Herzensfreund. Du wirst freilich sagen, daß das Mißtrauen gegen die süße Mignon keinen recht haltbaren Grund hat. Es entstand nur deshalb, weil ich eben jetzt gewahrte, daß die Kleine in eben dem Augenblick, als sie meine Hand faßte, mir den kleinen Ring mit dem seltenen Stein, den ich, wie du weißt, beständig trug, vom Finger gezogen. Ungern vermisse ich das teure Andenken aus einer verhängnisvollen Zeit.« »Was um des Himmels willen«, sprach Ludwig kleinlaut, »es ist wohl gar nicht möglich! Nein«, fuhr er dann heftig fort, »nein, es ist nicht möglich! Nicht täuschen kann ein solches Antlitz, ein solches Auge, ein solcher Blick! Du hast den Ring fallen lassen – verloren.« »Nun«, sprach Euchar, »wir wollen sehen, uns aber, da es stark zu dunkeln beginnt, nach der Stadt zurückbegeben!«

Unterwegs hörte Ludwig nicht auf von Emanuela zu sprechen, die er mit den süßesten Namen nannte, und versicherte, wie er deutlich an einem gewissen unbeschreiblichen Blick, den sie scheidend ihm zugeworfen, bemerkt, daß er einen tiefen Eindruck auf sie gemacht habe, welches ihm wohl in dergleichen Fällen, wenn nämlich die Romantik ins Leben trete, arriviere. Euchar unterbrach den Freund nicht mit einem Wort. Der exaltierte sich selbst aber immer mehr und mehr, bis er gerade unter dem Tore, als eben der Tambour der Wache den abendlichen Trommelschlag begann, dem Freunde um den Hals fiel, und Tränen in den Augen mit kreischender Stimme, um den dröhnenden Wirbel des militärischen Virtuosen zu überbieten, ins Ohr schrie, er sei ganz und gar in Liebe zur süßen Mignon, und er wolle sein Leben daransetzen, sie wieder aufzufinden, und der alten Mißgeburt zu entreißen.

Vor dem Hause, in welchem Ludwig wohnte, stand ein Diener in reicher Livree, der näherte sich ihm mit einer Karte. Kaum hatte Ludwig gelesen und den Diener abgefertigt, als er den Freund ebenso heftig umhalste, als es schon unter dem Tore geschehen, dann aber rief: »Nenne mich, o mein Euchar! aller Sterblichen glücklichsten, beneidenswertesten! Erschließe deine Brust – fasse meine Seligkeit, habe Sinn für Himmelswonne, Guter! Mische deine Freudenzähren mit den meinigen!« »Aber«, fragte Euchar, »was kann dir denn so Hochherrliches auf einer Karte verkündet werden?« »Erschrick nicht«, fuhr Ludwig murmelnd fort, »erschrick nicht, wenn ich dir das zauberisch strahlende Paradies von tausend Wonnen auftue, das sich mir auftun wird, mittelst dieser Karte!« »So möcht ich doch nur wissen«, sprach Euchar weiter, »welch ein hohes Glück dir beschieden!« »Wisse es«, rief Ludwig, »erfahr es, vernimm es! Staune – zweifle – rufe – schreie – brülle. Ich bin auf morgen eingeladen zum Souper und Ball bei dem Grafen Walther Puck! Viktorine – Viktorine – holde süße Viktorine!« »Und die holde süße Mignon?« So fragte Euchar, doch Ludwig ächzte gar weinerlich: »Viktorine, du mein Leben!« und stürzte hinein in das Haus.

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