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Die Serapions-Brüder

E.T.A. Hoffmann: Die Serapions-Brüder - Kapitel 84
Quellenangabe
typenarrative
booktitleDie Serapions-Brüder
authorE. T. A. Hoffmann
year1976
publisherWinkler Verlag
addressMünchen
isbn3-538-05113-5
titleDie Serapions-Brüder
pages3-5
created20001223
sendergerd.bouillon@t-online.de
firstpub1821
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Salvator Rosa verläßt Rom und begibt sich nach Florenz. Beschluß der Geschichte.

Alles hienieden unter der Sonne ist stetem Wechsel unterworfen; doch nichts mag wankelmütiger genannt werden, als die Gesinnung der Menschen, die sich in ewigem Kreise fortdreht, wie das Rad der Glücksgöttin. Bittrer Tadel trifft morgen den, der heute großes Lob einerntete, mit Füßen tritt man heute den, der morgen hoch erhoben wird! –

Wer war in Rom, der nicht den alten Pasquale Capuzzi, mit seinem schmutzigen Geiz, mit seiner närrischen Verliebtheit, mit seiner wahnsinnigen Eifersucht, verspottete und verhöhnte, der nicht der armen, gequälten Marianna die Freiheit wünschte. Und nun Antonio die Geliebte glücklich entführt hatte, wandte sich aller Hohn, aller Spott plötzlich um in Mitleid für den alten Toren, den man mit zur Erde gesenktem Haupte ganz trostlos durch die Straßen von Rom schleichen sah. Ein Unglück kommt selten allein: so begab es sich denn auch, daß Signor Pasquale bald darauf, als ihm Marianna entführt worden, seine besten Busenfreunde verlor. Der kleine Pitichinaccio erstickte nämlich an einem Mandelkern, den er unvorsichtigerweise verschlucken wollte, als er eben in einer Kadenz begriffen; dem Leben des berühmten Pyramiden-Doktors Signor Splendiano Accoramboni setzte aber das plötzliche Ziel ein Schreibfehler, dessen er sich selbst schuldig machte. Micheles Prügel waren ihm so schlecht bekommen, daß er in ein Fieber verfiel. Er beschloß, sich selbst durch ein Mittel zu heilen, das er erfunden zu haben glaubte, verlangte Feder und Dinte, und schrieb ein Rezept auf, in welchem er durch ein unrichtiges Zeichen die Dosis einer stark wirkenden Substanz auf unbillige Weise erhöhte. Kaum hatte er indessen die Arzenei verschluckt, als er in die Bettkissen zurücksank und dahinschied, so aber die Wirkung der letzten Tinktur, die er verordnete, durch den eignen Tod auf würdige, herrliche Weise bewährte.

Wie gesagt, nun waren alle, die sonst am ärgsten gelacht und tausendmal dem wackern Antonio das Gelingen seines Anschlags gewünscht hatten, ganz Mitleid für den Alten, und nicht sowohl den Antonio, als den Salvator Rosa, den sie freilich mit Recht für den Anstifter des ganzen Streichs hielten, traf der bitterste Tadel.

Salvators Feinde, deren es eine gute Anzahl gab, unterließen nicht das Feuer zu schüren, wie sie nur konnten. »Seht«, sprachen sie, »das ist Mas'Aniellos saubrer Spießgeselle, der zu allen schlechten Streichen, zu allen räuberischen Unternehmungen willig die Hand bietet, dessen bedrohlichen Aufenthalt in Rom wir nächstens schwer fühlen werden!«

In der Tat gelang es der neidischen Rotte, die sich wider Salvator verschworen, den kecken Flug, den sonst sein Ruhm genommen, zu hemmen. Ein Gemälde nach dem andern kühn erfunden, herrlich ausgeführt, ging aus seiner Werkstatt hervor; aber immer zuckten die sogenannten Kenner die Achseln, fanden bald die Berge zu blau, die Bäume zu grün, die Figuren bald zu lang, bald zu breit, tadelten alles, was nicht zu tadeln war, und suchten Salvators wohlerworbnes Verdienst auf jede Weise zu schmälern. Vorzüglich verfolgten ihn die Akademiker von San Luca, die ihm den Wundarzt nicht vergessen konnten, und gingen weiter, als es ihres Berufs schien, da sie selbst die artigen Verse, die Salvator damals aufschrieb, herabsetzten, ja sogar zu verstehen gaben, daß Salvator die Früchte nicht auf eignem Boden pflücke, sondern fremdes Gebiet plündere. Daher kam es denn auch, daß es Salvator durchaus nicht gelingen wollte, sich mit dem Glanz zu umgeben, wie es wohl ehemals in Rom geschehen. Statt der großen Werkstatt, in der ihn sonst die vornehmsten Römer aufsuchten, blieb er bei der Frau Caterina, bei seinem grünen Feigenbaum, und gerade in dieser Beschränktheit mochte er manchmal Trost finden und Beruhigung.

Mehr, als billig, ging dem Salvator das hämische Betragen seiner Feinde zu Herzen, ja er fühlte, wie eine schleichende Krankheit, von Ärger und Mißmut erzeugt, an seinem besten Lebensmark zehrte. In dieser bösen Stimmung entwarf und führte er zwei große Gemälde aus, die ganz Rom in Aufruhr setzten. Das eine dieser Gemälde stellte die Vergänglichkeit aller irdischen Dinge dar, und man erkannte in der Hauptfigur, einer leichtsinnigen Weibsperson, die alle Zeichen des niederträchtigen Gewerbes an sich trug, die Geliebte eines Kardinals. Auf dem andern Gemälde war die Glücksgöttin abgebildet, die ihre reichen Gaben verspendet. Doch Kardinalshüte, Bischofsmützen, goldne Münzen, Ehrenzeichen, fielen herab auf blökende Schafe, schreiende Esel und andere verachtete Tiere, während schön gestaltete Menschen in zerrissenen Kleidern vergebens hinaufblickten nach der geringsten Gabe. Salvator hatte ganz Raum gegeben seiner verbitterten Laune, und jene Tierköpfe trugen die ähnlichsten Züge dieser, jener vornehmen Person. Man kann denken, wie der Haß gegen ihn stieg, wie er ärger verfolgt wurde als jemals.

Frau Caterina warnte ihn mit Tränen in den Augen. Sie hatte es wohl bemerkt, daß, sobald es Nacht geworden, verdächtiges Gesindel um das Haus schlich, das jeden Schritt Salvators zu belauschen schien. Salvator sah ein, daß es Zeit sei, Rom zu verlassen, und Frau Caterina mit ihren herzlieben Töchtern waren die einzigen Personen, von denen er sich mit Schmerz trennte. Er begab sich, eingedenk der wiederholten Aufforderung des Herzogs von Toskana, nach Florenz. Hier war es nun, wo dem gekränkten Salvator aller Verdruß, der ihm in Rom zugefügt worden war, reichlich vergütigt, wo ihm alle Ehre, aller Ruhm, seinem Verdienst gemäß, in reichlichem Maß gespendet wurde. Die Geschenke des Herzogs, die hohen Preise, die er für seine Gemälde erhielt, setzten ihn bald in den Stand, ein großes Haus zu beziehen und auf das prächtigste einzurichten. Da versammelten sich um ihn her die berühmtesten Dichter und Gelehrten der Zeit; es ist genug, den Evangelista Toricelli, den Valerio Chimentelli, den Battista Ricciardi, den Andrea Cavalcanti, den Pietro Salvati, den Filippo Apolloni, den Volumnio Bandelli, den Francesco Rovai zu nennen, die sich darunter befanden. Man trieb Kunst und Wissenschaft im schönen Bunde vereinigt, und Salvator Rosa wußte den Zusammenkünften ein fantastisches Ansehen zu geben, das den Geist auf eigene Weise belebte und anfeuerte. So glich der Speisesaal einem schönen Lusthain mit duftenden Büschen und Blumen und plätschernden Springbrunnen, und selbst die Speisen, die von seltsam gekleideten Pagen aufgetragen wurden, sahen wunderbar aus, als kämen sie aus einem fernen Zauberlande. Diese Versammlungen der Dichter und Gelehrten in Salvator Rosas Hause nannte man damals die Academia de' Percossi.

Wandte nun auf diese Weise Salvator seinen Geist ganz zu der Kunst und Wissenschaft, so lebte sein innigstes Gemüt auf bei seinem Freunde Antonio Scacciati, der mit der holden Marianna ein anmutiges, sorgenfreies Künstlerleben führte. Sie gedachten des alten betrogenen Signor Pasquale, und wie sich alles im Theater des Nicolo Musso begeben. Antonio fragte den Salvator, wie er es denn angestellt, den Musso nicht allein, sondern auch den vortrefflichen Formica, den Agli, für seine, des Antonios, Sache zu beleben; Salvator meinte indessen, das sei ein leichtes gewesen, da eben Formica sein innigst verbundner Freund in Rom gewesen, so daß er alles mit Lust und Liebe auf dem Theater ausgeführt, was er, Salvator, ihm angegeben. Antonio versicherte dagegen, daß, sosehr er noch über jenen Auftritt lachen müsse, der sein Glück herbeigeführt, er doch von Herzen wünsche, den Alten zu versöhnen, wenn er übrigens auch nicht einen Quattrino von Mariannas Vermögen, das der Alte in Beschlag genommen, herausgeben wolle, da seine Kunst ihm Geld genug einbringe. Auch Marianna könne sich oft nicht der Tränen enthalten, wenn sie daran denke, daß der Bruder ihres Vaters ihr im Grabe den Streich nicht verzeihen werde, der ihm gespielt worden, und so werfe Pasquales Haß einen trüben Wolkenschatten in sein helles Leben. Salvator tröstete beide, Antonio und Marianna, damit, daß die Zeit noch viel ärgere Dinge ausgleichen, und daß der Zufall vielleicht auf weniger gefährliche Weise den Alten in ihre Nähe bringen werde, als es geschehen, wenn sie in Rom geblieben, oder jetzt nach Rom zurückkehren wollten.

Wir werden sehen, daß in dem Salvator ein weissagender Geist wohnte.

Mehrere Zeit war vergangen, als eines Tages Antonio atemlos, bleich wie der Tod in Salvators Werkstatt hereinstürzte. »Salvator«, rief er, »Salvator, mein Freund! – mein Beschützer! – ich bin verloren, wenn Ihr nicht helft! – Pasquale Capuzzi ist hier; er hat gegen mich, als den Entführer seiner Nichte, einen Verhaftsbefehl ausgewirkt!«

»Aber«, sprach Salvator, »was kann Signor Pasquale jetzt gegen Euch ausrichten? – Seid Ihr denn nicht durch die Kirche mit Eurer Marianna verbunden?«

»Ach«, erwiderte Antonio, ganz in Verzweiflung, »selbst der Segen der Kirche schützt mich nicht vor dem Verderben! – Weiß der Himmel, welchen Weg der Alte gefunden hat, sich dem Nepoten des Papstes zu nähern. Genug, der Nepote ist's, der den Alten in seinen Schutz genommen, der ihm Hoffnung gemacht hat, daß der Heilige Vater das Bündnis mit Marianna für nichtig erklären, noch mehr, daß er ihm, dem Alten, Dispensation geben werde, seine Nichte zu heiraten!«

»Halt«, rief Salvator, »nun verstehe ich alles! – Es ist der Haß des Nepoten gegen mich, der Euch, Antonio, zu verderben droht! – Wißt, daß der Nepote, dieser stolze, rohe, bäurische Tölpel sich unter jenen Tieren auf meinem Gemälde befand, die die Glücksgöttin mit ihren Gaben überschüttet! – Daß ich es war, der Euch zu Eurer Marianna, wenn auch mittelbar verhalf, das weiß nicht allein der Nepote, das weiß jedermann in Rom; Grund genug, Euch zu verfolgen, da sie mir selbst eben nichts anhaben können! – Liebte ich Euch auch nicht als meinen besten innigsten Freund, Antonio! doch müßte ich schon darum, weil ich den Unstern auf Euch herabgezogen, alle meine Kräfte aufbieten, Euch beizustehen! – Aber bei allen Heiligen, ich weiß nicht, auf welche Weise ich Euern Gegnern das Spiel verderben soll!«

Damit legte Salvator, der so lange, ohne sich zu unterbrechen an einem Gemälde gearbeitet, Pinsel, Palette, Malstock weg, stand auf von der Staffelei und ging, die Arme übereinandergeschlagen, im Zimmer einigemal auf und ab, während Antonio ganz in sich versunken, starren Blicks den Boden betrachtete.

Endlich blieb Salvator vor Antonio stehen und rief lächelnd: »Hört Antonio, ich kann nichts ausrichten gegen Eure mächtige Feinde, aber einer ist noch, der Euch helfen kann und helfen wird, und das ist – Signor Formica!«

»Ach«, sprach Antonio, »scherzt nicht mit einem Unglücklichen, für den es keine Rettung mehr gibt!«

»Wollt Ihr schon wieder verzweifeln?« rief Salvator, indem er, auf einmal in die heiterste Laune versetzt, laut auflachte; »ich sage Euch Antonio! – Freund Formica wird helfen in Florenz, wie er in Rom geholfen! – Geht fein nach Hause, tröstet Eure Marianna, und erwartet ruhig, wie sich alles fügen wird. Ich hoffe Ihr seid auf jeden Wink bereit das zu tun, was Signor Formica, der sich in der Tat eben hier befindet, von Euch verlangen wird!« Antonio versprach das mit vollem Herzen, indem aufs neue die Hoffnung in ihm aufdämmerte und das Vertrauen.

Signor Pasquale Capuzzi geriet nicht in geringes Erstaunen, als er eine feierliche Einladung von der Academia de' Percossi erhielt. »Ha«, rief er aus, »hier in Florenz ist es also, wo man Verdienste zu schätzen weiß, wo man den mit den vortrefflichsten Gaben ausgestatteten Pasquale Capuzzi di Senigaglia kennt und würdigt!« – So überwand der Gedanke an seine Wissenschaft, an seine Kunst, an die Ehre, die ihm deshalb erzeigt wurde, den Widerwillen, den er sonst gegen eine Versammlung hegen mußte, an deren Spitze Salvator Rosa stand. Das spanische Ehrenkleid wurde sorglicher ausgebürstet als jemals, der spitze Hut mit einer neuen Feder geschmückt, die Schuhe wurden mit neuen Bandschleifen versehen, und so erschien Signor Pasquale, glänzend wie ein Goldkäfer, vollen Sonnenschein im Antlitz, in Salvators Hause. Die Pracht, von der er sich umgeben sah, selbst Salvator, der ihn in reichern Kleidern angetan empfing, flößte ihm Ehrfurcht ein, und wie es bei kleinen Seelen zu geschehen pflegt, die erst stolz und aufgeblasen, sich gleich im Staube winden, sobald sie irgendeine Übermacht fühlen, Pasquale war ganz Demut und Ergebung gegen denselben Salvator, dem er in Rom kecklich zu Leibe gehen wollen.

Man erwies von allen Seiten dem Signor Pasquale so viel Aufmerksamkeit, man berief sich so unbedingt auf sein Urteil, man sprach so viel von seinen Verdiensten um die Kunst, daß er sich wie neu belebt fühlte, ja daß ein besonderer Geist in ihm wach wurde und er über manches viel gescheuter sprach, als man es hätte denken sollen. Kam noch hinzu, daß er in seinem Leben nicht herrlicher bewirtet worden, daß er niemals begeisterndern Wein getrunken, so konnte es nicht fehlen, daß seine Lust höher und höher stieg, und er alle Unbill vergaß, die ihm in Rom widerfahren, und die böse Angelegenheit, weshalb er sich in Florenz befand. Die Akademiker pflegten oft nach der Mahlzeit zu ihrer Lust kleine theatralische Darstellungen aus dem Stegreife zu geben, und so forderte denn auch heute der berühmte Schauspieldichter Filippo Apolloni diejenigen, die gewöhnlich daran teilnahmen, auf, das Fest mit einer solchen Darstellung zu beschließen. Salvator entfernte sich sogleich, um die nötigen Vorkehrungen zu treffen.

Nicht lange dauerte es, so regten sich am Ende des Speisesaals die Büsche, schlugen die belaubten Zweige auseinander und ein kleines Theater mit einigen Sitzen für die Zuschauer wurde sichtbar.

»Alle Heiligen«, rief Pasquale Capuzzi erschrocken, »wo bin ich! – das ist das Theater des Nicolo Musso!«

Ohne auf seinen Ausruf zu achten, faßten ihn Evangelista Toricelli und Andrea Cavalcanti, beides ernste Männer von würdigem, ehrfurchtgebietenden Ansehen bei den Armen, führten ihn zu einem Sitz dicht vor dem Theater, und nahmen von beiden Seiten neben ihm Platz.

Kaum war dies geschehen, so erschien – Formica auf dem Theater als Pasquarello! –

»Verruchter Formica!« schrie Pasquale, indem er aufsprang und mit geballter Faust nach dem Theater hindrohte. Toricellis und Cavalcantis ernste, strafende Blicke geboten ihm Ruhe und Stillschweigen.

Pasquarello schluchzte, weinte, fluchte auf das Schicksal, das ihm lauter Jammer und Herzeleid bereitet, versicherte, er wisse gar nicht mehr, wie er es anstellen solle, um zu lachen, und schloß damit, daß er sich in heller Verzweiflung ganz gewiß den Hals abschneiden, wenn er ohne ohnmächtig zu werden, Blut sehen, oder in die Tiber stürzen würde, wenn er nur im Wasser das verfluchte Schwimmen lassen könne.

Nun trat Doktor Graziano ein und fragte den Pasquarello nach der Ursache seiner Betrübnis.

Darauf Pasquarello: ob er nicht wisse, was sich alles im Hause seines Herrn, des Signor Pasquale Capuzzi di Senigaglia begeben, ob er nicht wisse, daß ein verruchter Bösewicht die holde Marianna, seines Herrn Nichte entführt?

»Ha«, murmelte Capuzzi, »ich merk es, Signor Formica, Ihr wollt Euch bei mir entschuldigen, Ihr wollt meine Verzeihung! – Nun wir wollen sehen!«

Doktor Graziano gab seine Teilnahme zu erkennen, und meinte, der Bösewicht müsse es sehr schlau angefangen haben, um allen Nachforschungen Capuzzis zu entgehen.

Hoho, erwiderte Pasquarello, das möge der Doktor sich nicht einbilden, daß es dem Bösewicht Antonio Scacciati gelungen, dem schlauen, von mächtigen Freunden unterstützten Signor Pasquale Capuzzi zu entkommen; Antonio sei verhaftet, seine Ehe mit der entführten Marianna für nichtig erklärt worden und Marianna wieder in Capuzzis Gewalt gekommen!

»Hat er sie wieder?« schrie Capuzzi außer sich, »hat er sie wieder, der gute Pasquale? hat er sein Täubchen wieder, seine Marianna? – Ist der Schurke Antonio verhaftet? – O gesegneter Formica!«

»Ihr nehmt«, sprach Cavalcanti sehr ernst, »Ihr nehmt zu lebhaften Anteil an dem Schauspiel, Signor Pasquale! – Laßt doch die Schauspieler reden, ohne sie auf störende Weise zu unterbrechen!«

Signor Pasquale ließ sich beschämt auf den Sitz nieder, von dem er sich erhoben.

Doktor Graziano fragte, was es denn weiter gegeben?

Hochzeit, fuhr Pasquarello fort, Hochzeit habe es gegeben. Marianna habe bereut, was sie getan, Signor Pasquale die gewünschte Dispensation von dem Heiligen Vater erhalten und seine Nichte geheiratet!

»Ja ja«, murmelte Pasquale Capuzzi vor sich hin, indem ihm die Augen glänzten vor Entzücken, »ja ja mein geliebtester Formica, er heiratet die süße Marianna, der glückliche Pasquale! – Er wußte ja, daß das Täubchen ihn liebte immerdar, daß nur der Satan sie verführte.«

So sei, sprach Doktor Graziano, ja alles in Ordnung und kein Grund zur Betrübnis vorhanden.

Da begann aber Pasquarello viel ärger zu schluchzen und zu weinen als vorher, und fiel endlich wie übermannt von dem entsetzlichen Schmerz in Ohnmacht.

Doktor Graziano lief ängstlich umher, bedauerte, kein Riechfläschchen bei sich zu tragen, suchte in allen Taschen, brachte endlich eine gebratene Kastanie hervor, und hielt sie dem ohnmächtigen Pasquarello unter die Nase. Dieser erholte sich sofort unter starkem Niesen, bat ihn, dies seinen schwachen Nerven zugute zu halten, und erzählte, wie Marianna gleich nach der Hochzeit in die tiefste Schwermut gefallen, beständig den Namen Antonio genannt und dem Alten mit Abscheu und Verachtung begegnet. Der Alte von Verliebtheit und Eifersucht ganz verblendet, habe aber nicht nachgelassen, sie mit seiner Tollheit auf die entsetzlichste Weise zu quälen. Nun führte Pasquarello eine Menge wahnsinniger Streiche an, die Pasquale begangen und die man sich in Rom wirklich von ihm erzählte. Signor Capuzzi rückte unruhig auf seinem Sitze hin und her, murmelte dazwischen: »Verfluchter Formica – du lügst – welcher Satan regiert dich!« – Nur Toricelli und Cavalcanti, die den Alten mit ernsten Blicken bewachten, hielten den wilden Ausbruch seines Zorns zurück.

Pasquarello schloß damit, daß die unglückliche Marianna endlich der ungestillten Liebessehnsucht, dem tiefen Gram, und den tausendfältigen Qualen, die ihr der fluchwürdige Alte bereitet, erlegen, und in der Blüte ihrer Jahre gestorben sei.

In dem Augenblicke vernahm man ein schauerliches de profundis, von dumpfen heiseren Kehlen angestimmt, und Männer in langen schwarzen Talaren erschienen auf der Bühne, die einen offnen Sarg trugen. In demselben erblickte man die Leiche der holden Marianna in weiße Totengewänder gehüllt. Signor Pasquale Capuzzi in der tiefsten Trauer wankte hinterher laut heulend, sich die Brust zerschlagend, in Verzweiflung rufend: »O Marianna, Marianna!«

Sowie der Capuzzi unten die Leiche seiner Nichte erblickte, brach er in ein lautes Jammern aus, und beide Capuzzis, der auf dem Theater und der unten, heulten und schrieen im herzzerschneidendsten Ton: »O Marianna – o Marianna! – O ich Unglückseliger! – Wehe mir! Wehe mir!«

Man denke sich den offnen Sarg mit der Leiche des holden Kindes, von den Trauermännern umgeben, ihr schauerliches krächzendes de profundis, dabei die närrischen Masken, den Pasquarello und den Doktor Graziano, die ihren Schmerz durch das lächerlichste Gebärdenspiel ausdrücken, und nun die beiden Capuzzis in Verzweiflung heulend und schreiend! – In der Tat alle, die das seltsamste Schauspiel ansahen, mußten selbst in dem tollsten Gelächter, in das sie über den wunderlichen Alten ausgebrochen, sich von tiefen, unheimlichen Schauern durchbebt fühlen.

Nun verfinsterte sich plötzlich das Theater mit Blitz und Donnerschlag, und aus der Tiefe stieg eine bleiche, gespenstische Gestalt hervor, welche die deutlichsten Züge von Capuzzis in Senigaglia verstorbenem Bruder, Pietro, dem Vater der Marianna trug.

»Verruchter Pasquale«, heulte die Gestalt in hohlem, gräßlichen Tone, »wo hast du meine Tochter, wo hast du meine Tochter? – Verzweifle, verdammter Mörder meines Kindes! – In der Hölle findest du deinen Lohn!«

Der Capuzzi oben sank, wie vom Blitze getroffen, nieder, aber in demselben Augenblicke stürzte auch der Capuzzi unten bewußtlos von seinem Sitze herab. Das Gebüsch rauschte ineinander und verschwunden war die Bühne, und Marianna und Capuzzi und das gräßliche Gespenst Pietros. Signor Pasquale Capuzzi lag in solch schwerer Ohnmacht, daß es Mühe kostete, ihn wieder zu sich selbst zu bringen.

Endlich erwachte er mit einem tiefen Seufzer, streckte beide Hände vor sich hin, als wolle er das Entsetzen von sich abwehren, das ihn erfaßt, und rief mit dumpfer Stimme: »Laß ab von mir, Pietro!« – Dann stürzte ein Tränenstrom aus seinen Augen und er weinte und schluchzte: »Ach Marianna – mein holdes liebes Kind! – meine Marianna!«

»Besinnt Euch«, sprach nun Cavalcanti, »besinnt Euch, Signor Pasquale, nur auf dem Theater habt Ihr ja Eure Nichte tot gesehen. Sie lebt, sie ist hier, um Verzeihung zu erflehen wegen des unbesonnenen Streichs, zu der sie Liebe und auch wohl Euer unüberlegtes Betragen trieb.«

Nun stürzte Marianna, und hinter ihr Antonio Scacciati hervor aus dem Hintergrunde des Saals dem Alten, den man in einen Polsterstuhl gesetzt, zu Füßen. Marianna in hohem Liebreiz prangend, küßte seine Hände, benetzte sie mit heißen Tränen, und flehte ihr und ihrem Antonio, mit dem sie durch den Segen der Kirche verbunden, zu verzeihen.

In des Alten todbleichem Gesicht schlugen plötzlich Feuerflammen auf, Wut blitzte aus seinen Augen, er rief mit halberstickter Stimme: »Ha Verruchter! – giftige Schlange, die ich im Busen nährte zu meinem Verderben!« – Da trat aber der alte ernste Toricelli in voller Würde vor Capuzzi hin und sprach: er, Capuzzi, habe im Bilde das Schicksal gesehen, das ihn unbedingt, rettungslos erfassen würde, wenn er es wage, seinen heillosen Anschlag gegen Mariannas und Antonios Ruhe und Glück auszuführen. Er schilderte mit grellen Farben die Torheit, den Wahnsinn verliebter Alten, die das verderblichste Unheil, welches der Himmel über einen Menschen verhängen könne, auf sich herabzögen, da alle Liebe, die ihnen noch zuteil werden könne, verlorenginge, Haß und Verachtung aber von allen Seiten die todbringenden Pfeile auf sie richte.

Und dazwischen rief die holde Marianna mit tief ins Herz dringender Stimme: »O mein Oheim, ich will Euch ja ehren und lieben wie meinen Vater, Ihr gebt mir den bittern Tod, wenn Ihr mir meinen Antonio raubt!« Und alle Dichter, von denen der Alte umgeben, riefen einstimmig, es sei unmöglich, daß ein Mann, wie Signor Pasquale Capuzzi di Senigaglia, der Kunst hold, selbst der vortrefflichste Künstler, nicht verzeihen, daß er, der Vaterstelle bei der holdesten der Frauen vertrete, nicht mit Freuden einen solchen Künstler, wie den Antonio Scacciati, der von ganz Italien hochgeschätzt, mit Ruhm und Ehre überhäuft werde, zu seinem Eidam annehmen solle.

Man merkte deutlich, wie es in dem Innersten des Alten arbeitete und wühlte. Er seufzte, er ächzte, er hielt die Hände vors Gesicht, er schaute, während Toricelli mit den eindringlichsten Reden fortfuhr, während Marianna auf das rührendste flehte, während die übrigen den Antonio Scacciati herausstrichen, wie sie nur konnten, bald auf seine Nichte, bald auf den Antonio herab, dessen glänzende Kleider und reiche Gnadenketten das bewährten, was dem Alten über den von ihm erlangten Künstlerruhm gesagt wurde.

Verschwunden war alle Wut aus Capuzzis Antlitz, er sprang auf mit leuchtenden Blicken, er drückte Marianna an seine Brust, er rief: »Ja ich verzeihe dir, mein geliebtes Kind; ich verzeihe Euch, Antonio! – Fern sei es von mir, Euer Glück zu stören. Ihr habt recht mein würdiger Signor Toricelli; im Bilde auf dem Theater, hat mir Formica alles Unheil, alles Verderben gezeigt, das mich getroffen, hätt ich meinen wahnsinnigen Anschlag ausgeführt. – Ich bin geheilt, ganz geheilt, von meiner Torheit! – Aber wo ist Signor Formica, wo ist mein würdiger Arzt, daß ich ihm tausendmal für meine Heilung danke, die nur er vollbracht. Das Entsetzen, das er über mich zu bringen wußte, hat mein ganzes Inneres umgewandelt!«

Pasquarello trat hervor. Antonio warf sich ihm an den Hals, indem er rief: »O Signor Formica, dem ich mein Leben, mein alles verdanke, werft sie ab, diese Euch entstellende Maske, daß ich Euer Gesicht schaue, daß nicht länger Formica für mich ein Geheimnis bleibe.«

Pasquarello zog die Kappe und die künstliche Larve, die ein natürliches Gesicht schien, da sie dem Gebärdenspiel keinen Eintrag tat, herab, und dieser Formica, dieser Pasquarello war verwandelt in – Salvator Rosa! –

»Salvator!« riefen voll Erstaunen Marianna, Antonio, Capuzzi.

»Ja«, sprach der wunderbare Mann, »Salvator Rosa ist es, den die Römer nicht anerkennen wollten, als Maler, als Dichter, und der sie, ohne daß sie es wußten, als Formica, auf dem kleinen erbärmlichen Theater des Nicolo Musso länger als ein Jahr beinahe jeden Abend zum lautesten, ungemessensten Beifall begeisterte, von dem sie jeden Spott, jede Verhöhnung des Schlechten, die sie in Salvators Gedichten und Gemälden nicht leiden wollten, willig hinnahmen! – Salvator Formica ist es, der dir, mein geliebter Antonio, geholfen!« –

»Salvator«, begann nun der alte Capuzzi, »Salvator Rosa, sosehr ich Euch für meinen schlimmsten Feind gehalten, so habe ich Eure Kunst doch immer hoch geehrt, aber jetzt liebe ich Euch als den würdigsten Freund, und darf Euch wohl bitten, Euch meiner anzunehmen!«

»Sprecht«, erwiderte Salvator, »sprecht mein würdiger Signor Pasquale, welchen Dienst ich Euch erzeigen kann, und seid im voraus versichert, daß ich alle meine Kräfte aufbieten werde, das zu erfüllen, was Ihr von mir verlangt.«

Nun dämmerte in Capuzzis Antlitz jenes süßliche Lächeln, das entschwunden, seitdem Marianna ihm entführt worden, wieder auf. Er nahm Salvators Hand und lispelte leise: »Mein bester Signor Salvator, Ihr vermöget alles über den wackern Antonio; flehet ihn in meinem Namen an, er solle erlauben, daß ich den kurzen Rest meiner Tage bei ihm und meiner lieben Tochter Marianna verlebe, und die mütterliche Erbschaft, der ich einen guten Brautschatz hinzuzufügen gedenke, von mir annehmen! – Dann solle er aber auch nicht scheel sehen, wenn ich dem holden süßen Kinde zuweilen die kleine weiße Hand küsse und – mir wenigstens jeden Sonntag, wenn ich in die Messe wandle, meinen verwilderten Zwickelbart aufstutzen, welches niemand auf der ganzen Erde so versteht, als er!«

Salvator hatte Mühe, das Lachen über den wunderlichen Alten zu unterdrücken; ehe er aber etwas erwidern konnte, versicherten Antonio und Marianna, den Alten umarmend, daß sie erst dann an seine völlige Versöhnung glauben und recht glücklich sein würden, wenn er als geliebter Vater in ihr Haus trete, und es nie wieder verlasse. Antonio setzte noch hinzu, daß er nicht nur sonntags, sondern jeden Tag Capuzzis Zwickelbart auf das zierlichste aufstutzen werde, und nun war der Alte ganz Wonne und Seligkeit. Unterdessen hatte man ein köstliches Nachtmahl bereitet, zu dem sich nun alle in der fröhlichsten Stimmung hinsetzten.

Indem ich von dir, vielgeliebter Leser, scheide, wünsche ich recht von Herzen, daß die Freudigkeit, welche nun den Salvator und alle seine Freunde begeisterte, in deinem eignen Gemüt, während du die Geschichte von dem wunderbaren Signor Formica lasest, recht hell aufgegangen sein möge.

 

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