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Die Serapions-Brüder

E.T.A. Hoffmann: Die Serapions-Brüder - Kapitel 82
Quellenangabe
typenarrative
booktitleDie Serapions-Brüder
authorE. T. A. Hoffmann
year1976
publisherWinkler Verlag
addressMünchen
isbn3-538-05113-5
titleDie Serapions-Brüder
pages3-5
created20001223
sendergerd.bouillon@t-online.de
firstpub1821
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Neuer Anschlag, den Salvator Rosa und Antonio Scacciati wider den Signor Pasquale Capuzzi und wider seine Gesellschaft ausführen, und was sich darauf weiter begibt.

Am andern Morgen kam Antonio zum Salvator, ganz Mißmut und Gram.

»Nun wie geht es«, rief Salvator ihm entgegen, »warum hängt Ihr so den Kopf? – was ist Euch Überglücklichen, der Ihr nun jeden Tag Euer Liebchen schauen, küssen und herzen könnt, denn widerfahren?«

»Ach Salvator«, rief Antonio, »mit meinem Glück ist es aus, rein aus; der Teufel hat sein Spiel mit mir! Gescheitert ist unsere List, und wir stehen nun mit dem verdammten Capuzzi in offner Fehde!«

»Desto besser«, sprach Salvator, »desto besser! Aber sprecht Antonio, was hat sich denn begeben?«

»Stellt Euch vor«, begann Antonio, »stellt Euch vor, Salvator, als ich gestern nach einer Abwesenheit von höchstens zwei Stunden mit allerlei Essenzen zurückkehre nach der Straße Ripetta, erblicke ich den Alten ganz angekleidet in der Türe seiner Wohnung. – Hinter ihm steht der Pyramiden-Doktor und der verfluchte Sbirre, und zwischen ihren Beinen zappelt noch etwas Buntes. Das war, glaub ich, die kleine Mißgeburt, der Pitichinaccio. Sowie der Alte mich ansichtig wurde, drohte er mit der Faust, stieß die grimmigsten Flüche und Verwünschungen aus, und schwur, daß er mir alle Glieder zerbrechen lassen würde, sowie ich nur vor seiner Tür erschiene. ›Schert Euch zu allen Teufeln, verruchter Bartkratzer‹ – kreischte er; ›mit Lug und Trug gedenkt Ihr mich zu überlisten; wie der leidige Satan selbst stellt Ihr meiner armen frommen Marianna nach, und gedenkt sie in Eure höllischen Schlingen zu locken – aber wartet! – meine letzten Dukaten wende ich dran, Euch, ehe Ihr's Euch verseht, das Lebenslicht ausblasen zu lassen! – Und Euer sauberer Patron, der Signor Salvator, der Mörder, der Räuber, der dem Strange entflohen, der soll zur Hölle fahren zu seinem Hauptmann Mas'Aniello, den schaffe ich fort aus Rom, das ist mir leichte Mühe!‹

So tobte der Alte, und da der verfluchte Sbirre, vom Pyramiden-Doktor angehetzt, Anstalt machte, auf mich loszugehen, da das neugierige Volk sich zu sammeln begann, was blieb mir übrig als in aller Schnelligkeit das Feld zu räumen? Ich mochte in meiner Verzweiflung gar nicht zu Euch gehen: denn ich weiß schon, Ihr hättet mich nur mit meinen trostlosen Klagen ausgelacht. Könnt Ihr doch jetzt kaum das Lachen unterdrücken!«

Sowie Antonio schwieg, lachte Salvator auch in der Tat hell auf.

»Jetzt«, rief er, »jetzt wird die Sache erst recht ergötzlich! Nun will ich aber Euch, mein wackerer Antonio, auch umständlich sagen, wie sich alles begab in Capuzzis Hause, als Ihr fortgegangen. Kaum wart Ihr nämlich aus dem Hause, als Signor Splendiano Accoramboni, der – Gott weiß auf welche Weise – erfahren, daß sein Busenfreund Capuzzi in der Nacht das rechte Bein gebrochen, feierlichst mit einem Wundarzt heranrückte. Euer Verband, die ganze Art, wie Signor Pasquale behandelt worden, mußte Verdacht erregen. Der Wundarzt nahm die Schienen, die Bandagen ab, und man fand, was wir beide wissen, daß nämlich an dem rechten Fuß des würdigen Capuzzi auch nicht ein Knöchelchen verrenkt, viel weniger zerbrochen war! – Das übrige ließ sich nun ohne sonderlichen Scharfsinn erklären.«

»Aber«, sprach Antonio voll Erstaunen, »aber mein bester Meister, aber sagt mir nur, wie Ihr das alles erfahren konntet, wie Ihr eindringt in Capuzzis Wohnung und alles wißt was sich dort begibt?«

»Ich habe Euch gesagt«, erwiderte Salvator, »daß in Capuzzis Hause, und zwar in demselben Stock, eine Bekannte der Frau Caterina wohnt. Diese Bekannte, die Witwe eines Weinhändlers, hat eine Tochter, zu der meine kleine Margarita öfters hingeht. Die Mädchen haben nun einen besondern Instinkt ihresgleichen aufzusuchen und zu finden, und so mittelten denn auch Rosa – so heißt die Tochter der Weinhändlerswitwe – und Margarita gar bald ein kleines Luftloch in der Speisekammer aus, das in eine finstere Kammer geht, die an Mariannas Gemach stößt. Mariannas Aufmerksamkeit entging keinesweges das Wispern und Flüstern der Mädchen, sowie das Luftloch, und so wurde dann bald der Weg gegenseitiger Mitteilung eröffnet und benutzt. Hält der Alte sein Mittagsschläfchen, so schwatzen sich die Mädchen recht nach Herzenslust aus. Ihr werdet bemerkt haben, daß die kleine Margarita, der Frau Caterina und mein Liebling, gar nicht so ernst und spröde, wie ihre ältere Schwester Anna, sondern ein drolliges, munteres, pfiffiges Ding ist. Ohne gerade von Eurer Liebschaft zu sprechen, habe ich sie unterrichtet, wie sie alles, was sich in Capuzzis Hause begibt, von Marianna sich erzählen lassen soll. Sie beweist sich dabei gar anstellig, und wenn ich vorhin über Euren Schmerz, über Eure Verzweiflung lachte, so geschah es, weil ich Euch zu trösten, Euch zu beweisen vermag, daß Eure Angelegenheiten jetzt erst in einen Gang kommen, der recht ersprießlich ist. – Ich habe einen ganzen Sack voll der trefflichsten Neuigkeiten für Euch –«

»Salvator«, rief Antonio, indem ihm die Augen vor Freude glänzten, »welche Hoffnungen gehen mir auf! – Gesegnet sei das Luftloch in der Speisekammer! – Ich schreibe an Marianna; – Margerita nimmt das Brieflein mit sich –«

»Nichts davon«, entgegnete Salvator, »nichts davon Antonio! Margerita soll uns nützlich werden, ohne gerade Eure Liebesbotin zu machen. Zudem könnte auch der Zufall, der oft sein wunderliches Spiel treibt, dem Alten Euer Liebesgeschwätz in die Hände bringen und der armen Marianna tausend neues Unheil bereiten, da sie in diesem Augenblick im Begriff steht, den alten verliebten Gecken ganz und gar unter ihr Samtpantöffelchen zu bringen. Denn hört nur an, wie sich ferner alles begeben. Die Art, wie Marianna den Alten, als wir ihn ins Haus brachten, empfing, hat ihn ganz und gar bekehrt. Er glaubt nichts Geringeres, als daß Marianna Euch nicht mehr liebt, sondern ihm wenigstens zur Hälfte ihr Herz geschenkt hat, so daß es nur darauf ankommt, noch die andere Hälfte zu erobern. Marianna ist, nachdem sie das Gift Eurer Küsse eingezogen, sogleich um drei Jahre klüger, schlauer, erfahrener geworden. Sie hat den Alten nicht allein überzeugt, daß sie gar keinen Anteil hatte an unserm Streich, sondern, daß sie unser Verfahren verabscheut, und mit tiefer Verachtung jede List, die Euch in ihre Nähe bringen könnte, zurückweisen wird. Der Alte hat im Übermaß des Entzückens sich übereilt und geschworen, daß wenn er seiner angebeteten Marianna eine Freude bereiten könne, es zur Stelle geschehen solle, sie möge nur irgendeinen Wunsch aussprechen. Da hat denn Marianna ganz bescheiden nichts weiter verlangt, als daß der Zio carissimo sie in das Theater vor der Porta del Popolo zum Signor Formica führen solle. Darüber ist der Alte etwas verdutzt worden; es hat Beratschlagungen gegeben mit dem Pyramiden-Doktor und dem Pitichinaccio; endlich haben beide, Signor Pasquale und Signor Splendiano, beschlossen, Marianna wirklich morgenden Tages in jenes Theater zu bringen. Pitichinaccio soll sie in Zofentracht begleiten, wozu er sich nur unter der Bedingung verstanden, daß Signor Pasquale außer der Plüschweste ihm noch eine Perücke schenken, in der Nacht ihn aber abwechselnd mit dem Pyramiden-Doktor nach Hause tragen solle. Darüber sind sie eins geworden und morgen wird sich das merkwürdige Kleeblatt mit der holden Marianna wirklich in das Theater vor der Porta del Popolo zum Signor Formica begeben.« – Es ist nötig zu sagen, was für eine Bewandtnis es mit dem Theater vor der Porta del Popolo und mit dem Signor Formica hatte.

Nichts ist betrübter, als wenn zur Zeit des Karnevals in Rom die Impressarien in der Wahl ihrer Compositori unglücklich waren, wenn der Primo Tenore in der Argentina seine Stimme unterwegs gelassen, wenn der Primo Uomo da Donna in dem Teatro Valle am Schnupfen darniederliegt, kurz wenn das Hauptvergnügen, das die Römer zu finden glaubten, fehlschlägt, und der Giovedi grasso alle Hoffnungen, die sich vielleicht noch auftun könnten, mit einem Male abschneidet. Gerade nach einem solchen betrübten Karneval – kaum waren die Fasten vorüber – eröffnete ein gewisser Nicolo Musso vor der Porta del Popolo ein Theater, auf dem er nichts darzustellen versprach, als kleine improvisierte Buffonaden. Die Ankündigung war in einem geistreichen, witzigen Stil abgefaßt, und dadurch bekamen die Römer ein günstiges Vorurteil für Mussos Unternehmen, hätten sie auch sonst nicht schon im ungestillten dramatischen Heißhunger begierig nach der geringsten Speise der Art gehascht. Die Einrichtung des Theaters, oder vielmehr der kleinen Bude, zeugte eben nicht von den glänzenden Umständen des Unternehmers. Es gab weder ein Orchester noch Logen. Statt derselben war im Hintergrunde eine Galerie angebracht, an der das Wappen des Hauses Colonna prangte, ein Zeichen, daß der Conte Colonna den Musso und sein Theater in besondern Schutz genommen. Eine mit Teppichen verkleidete Erhöhung, auf welcher rund umher einige bunte Tapeten gehängt waren, die nach dem Bedürfnisse des Stücks, Wald, Saal, Straße vorstellen mußten: das war die Bühne. Kam noch hinzu, daß die Zuschauer es sich gefallen lassen mußten, auf harten, unbequemen, hölzernen Bänken zu sitzen, so konnt es nicht fehlen, daß die Eintretenden ziemlich laut über Signor Musso murrten, der eine elende Bretterbude ein Theater nenne. Kaum hatten aber die beiden ersten Schauspieler, welche auftraten, einige Worte gesprochen, so wurden die Zuschauer aufmerksam; so wie das Stück fortging, stieg die Aufmerksamkeit zum Beifall, der Beifall zur Bewunderung, die Bewunderung zum höchsten Enthusiasmus, der sich durch das anhaltendste, wütendste Gelächter, Klatschen, Bravorufen Luft machte.

In der Tat konnte man auch nichts Vollkommneres sehen, als diese improvisierten Darstellungen des Nicolo Musso, die von Witz, Laune und Geist übersprudelten und die Torheiten des Tages mit scharfer Geißel züchtigten. Jeder Schauspieler gab seine Rolle mit unvergleichlicher Charakteristik, vorzüglich riß aber der Pasquarello, durch sein unnachahmliches Gebärdenspiel, durch das Talent in Stimme, Gang und Stellung bekannte Personen bis zur höchsten Täuschung nachzuahmen, durch seine unerschöpfliche Laune, durch das Schlagende seiner Einfälle, alle Zuschauer mit sich fort. Den Mann, der die Rolle des Pasquarello spielte, und der sich Signor Formica nannte, schien ein ganz besonderer, ungewöhnlicher Geist zu beseelen; oft war in Ton und Bewegung so etwas Seltsames, daß die Zuschauer, im tollsten Gelächter, sich von Schauern durchfröstelt fühlten. Ihm zur Seite stand würdig der Doktor Graziano mit einem Mienenspiel, mit einem Organ, mit einem Talent in dem anscheinend ungereimtesten Zeuge die ergötzlichsten Dinge zu sagen, dem nichts in der Welt zu vergleichen. Diesen Doktor Graziano spielte ein alter Bologneser Maria Agli mit Namen. Es konnte nicht fehlen, daß in kurzer Zeit die gebildete Welt von Rom unablässig hinströmte nach Nicolo Mussos kleinem Theater vor der Porta del Popolo, daß jeder den Namen Formica im Munde führte und auf der Straße wie im Theater in voller Begeistrung ausrief: »Oh Formica! – Formica benedetto! – oh Formicissimo!« – Man betrachtete den Formica als eine überirdische Erscheinung, und manche alte Frau, die im Theater sich vor Lachen ausgeschüttet, wurde, wagte ja einer nur das mindeste zu tadeln an Formicas Spiel, plötzlich ernsthaft und sprach feierlich: »Scherza coi fanti e lascia star i santi!« – Das kam daher, weil Signor Formica außer dem Theater ein unerforschliches Geheimnis blieb. Man sah ihn durchaus nirgends, und vergebens blieb alles Mühen ihm auf die Spur zu kommen. Nicolo Musso schwieg unerbittlich über Formicas Aufenthalt.

So war das Theater beschaffen, nachdem sich Marianna sehnte.

»Laßt uns«, sprach Salvator, »unsern Feinden geradezu auf den Hals gehen: der Gang aus dem Theater nach der Stadt bietet uns die bequemste Gelegenheit dazu dar.«

Er teilte jetzt dem Antonio einen Plan mit, der gar abenteuerlich und gewagt schien, den aber Antonio mit Freuden ergriff, weil er hoffte, dabei seine Marianna dem niederträchtigen Capuzzi zu entreißen. Auch war es ihm recht, daß Salvator es vorzüglich darauf angelegt, den Pyramiden-Doktor zu züchtigen.

Als es Nacht worden, nahmen beide, Salvator und Antonio, Chitarren, gingen nach der Straße Ripetta, und brachten, um den alten Capuzzi recht zu ärgern, der holden Marianna die schönste Serenata, die man nur hören konnte. Salvator spielte und sang nämlich meisterhaft und Antonio tat es, was einen schönen Tenor betrifft, beinahe dem Odoardo Ceccarelli gleich. Signor Pasquale erschien zwar auf dem Balkon, und wollte hinabschimpfend den Sängern Stillschweigen gebieten; die Nachbaren, die der schöne Gesang in die Fenster gelockt, riefen ihm aber zu: weil er mit seinen Gefährten so heule und schreie wie alle höllische Geister zusammen, wolle er wohl keine gute Musik in der Straße leiden? er möge sich hineinscheren und die Ohren verstopfen, wenn er den schönen Gesang nicht hören wolle. – So mußte Signor Pasquale zu seiner Marter dulden, daß Salvator und Antonio beinahe die ganze Nacht hindurch Lieder sangen, die bald die süßesten Liebesworte enthielten, bald die Torheit verliebter Alten verhöhnten. Sie gewahrten deutlich Marianna im Fenster, die Signor Pasquale vergebens mit den süßesten Worten und Beteurungen beschwor, sich doch nicht der bösen Nachtluft auszusetzen.

Am folgenden Abend wandelte dann die merkwürdigste Gesellschaft, die man jemals gesehen, durch die Straße Ripetta nach der Porta del Popolo. Sie zog aller Augen auf sich, und man fragte, ob denn der Karneval noch einen Rest toller Masken zurückgelassen. – Signor Pasquale Capuzzi in seinen bunten, spanischen, wohlgebürsteten Kleidern, mit einer neuen gelben Feder auf dem spitzen Hut prangend, geschniegelt und gebügelt, durch und durch Zierlichkeit und Grazie, in zu engen Schuhen wie auf Eiern dahertretend, führte am Arm die holde Marianna, deren schlanken Wuchs, viel weniger deren Antlitz man nicht erschauen konnte, weil sie auf ungewöhnliche Weise in Schleier verhüllt war. Auf der andern Seite schritt Signor Splendiano Accoramboni in seiner großen Perücke, die den ganzen Rücken bedeckte, so daß es von hinten anzusehen war, als wandle ein ungeheurer Kopf daher auf zwei kleinen Beinchen. Dicht hinter Marianna, sich beinahe an sie anklammernd, krebste das kleine Scheusal, der Pitichinaccio, nach, in feuerfarbnen Weiberkleidern, und den ganzen Kopf auf widerwärtige Art mit bunten Blumen besteckt.

Signor Formica übertraf sich den Abend selbst, und was noch nie geschehn, er mischte kleine Lieder ein, die er bald in dem Ton dieses, bald jenes bekannten Sängers vortrug. In dem alten Capuzzi erwachte alle Theaterlust, die früher in jungen Jahren beinahe ausartete in Wahnsinn. Er küßte in Entzücken der Marianna ein Mal über das andere die Hände und schwur, daß er keinen Abend versäumen werde, mit ihr Nicolo Mussos Theater zu besuchen. Er erhob den Signor Formica bis über die Sterne und stimmte mit aller Gewalt ein in den lärmenden Beifall der übrigen Zuschauer. Weniger zufrieden war der Signor Splendiano, der unablässig den Signor Capuzzi und die schöne Marianna ermahnte, nicht so übermäßig zu lachen. Er nannte in einem Atem etliche zwanzig Krankheiten, welche die zu große Erschütterung des Zwerchfells herbeiführen könne. Beide, Marianna und Capuzzi, kehrten sich aber daran ganz und gar nicht. Ganz unglücklich fühlte sich Pitichinaccio. Er hatte hinter dem Pyramiden-Doktor Platz nehmen müssen, der ihn mit seiner großen Perücke ganz und gar umschattete. Er sah auch nicht das mindeste von der Bühne und den spielenden Personen, und wurde überdem von zwei mutwilligen Weibern, die sich neben ihn gesetzt, unaufhörlich geängstigt und gequält. Sie nannten ihn eine artige liebe Signora, fragten, ob er, trotz seiner Jugend, schon verheiratet sei, und Kinderchen habe, die allerliebste Wesen sein müßten u. s. w. Dem armen Pitichinaccio standen die kalten Schweißtropfen auf der Stirne, er wimmerte und winselte, und verfluchte sein elendes Dasein.

Als die Vorstellung geendet, wartete Signor Pasquale, bis sich alle Zuschauer aus dem Hause entfernt hatten. Man löschte das letzte Licht aus, an dem Signor Splendiano noch eben ein Stückchen von einer Wachsfackel angezündet hatte, als Capuzzi mit seinen würdigen Freunden und der Marianna langsam und bedächtig den Rückweg antrat.

Pitichinaccio weinte und schrie; Capuzzi mußte ihn zu seiner Qual auf den linken Arm nehmen, mit dem rechten faßte er Marianna. Vorauf zog der Doktor Splendiano mit seinem Fackelstümpfchen, das mühsam und erbärmlich genug brannte, so daß sie bei dem matten Schein die dicke Finsternis der Nacht erst recht gewahr wurden.

Noch ziemlich weit entfernt waren sie von der Porta del Popolo, als sie sich urplötzlich von mehreren hohen, in Mäntel dicht verhüllten Gestalten umringt sahen. In dem Augenblick wurde dem Doktor die Fackel aus der Hand geschlagen, daß sie am Boden verlöschte. – Lautlos blieb Capuzzi, blieb der Doktor stehen. Da fiel, man wußte nicht woher er kam, ein blasser rötlicher Schimmer auf die Vermummten und vier bleiche Totengesichter starrten den Pyramiden-Doktor mit hohlen, gräßlichen Augen an. »Wehe – wehe – wehe dir Splendiano Accoramboni!« – So heulten die entsetzlichen Gespenster in tiefem, dumpfen Ton; dann wimmerte einer: »Kennst du mich, kennst du mich, Splendiano? – Ich bin Cordier, der französische Maler, der in voriger Woche begraben wurde, den du mit deiner Arznei unter die Erde brachtest!« Dann der zweite: »Kennst du mich, Splendiano? ich bin Küfner, der deutsche Maler, den du mit deinen höllischen Latwergen vergiftetest!« Dann der dritte: »Kennst du mich, Splendiano? Ich bin Liers, der Flamländer, den du mit deinen Pillen umbrachtest und seinen Bruder um die Gemälde betrogst.« Dann der vierte: »Kennst du mich, Splendiano? Ich bin Ghigi, der neapolitanische Maler, den du mit deinen Pulvern tötetest!« – Und nun alle vier zusammen: »Wehe, wehe – wehe dir, Splendiano Accoramboni, verfluchter Pyramiden-Doktor! – du mußt hinab – hinab zu uns unter die Erde – Fort – fort – fort mit dir! – Halloh – Halloh!« – und damit stürzten sie auf den unglücklichen Doktor, hoben ihn hoch in die Luft, und fuhren mit ihm ab wie der Sturmwind.

Sosehr das Entsetzen den Signor Pasquale übermannen wollte, so faßte er sich doch mit wunderbarem Mute, als er sah, daß es nur auf seinen Freund Accoramboni abgesehen war. Pitichinaccio hatte den Kopf samt dem Blumenbeet, das darauf befindlich, unter Capuzzis Mantel gesteckt, und sich so fest um seinen Hals geklammert, daß alle Mühe ihn abzuschütteln vergebens blieb.

»Erhole dich«, sprach Capuzzi zu Marianna, als nichts mehr zu schauen war von den Gespenstern und dem Pyramiden-Doktor, »erhole dich, komm zu mir, mein süßes, liebes Täubchen! – Mein würdiger Freund Splendiano, der ist nun hin; Sankt Bernardus, der selbst ein tüchtiger Doktor war und vielen zur Seligkeit verholfen, möge ihm beistehen, wenn ihm die rachsüchtigen Maler, die er zu rasch nach seiner Pyramide befördert hat, den Hals umdrehen! – Wer wird nun zu meinen Kanzonen den Baß singen? – Und der Bengel, der Pitichinaccio, drückt mir dermaßen die Kehle zu, daß ich den Schreck, den mir Splendianos Transport verursacht, mit eingerechnet, vielleicht binnen sechs Wochen keinen reinen Ton werde hervorbringen können! – Sei nur nicht bange, meine Marianna! mein süßes Hoffen! – es ist alles vorüber!«

Marianna versicherte, daß sie den Schreck ganz überwunden, und bat, sie nur allein, ohne Hülfe gehen zu lassen, damit Capuzzi sich von seinem lästigen Schoßkinde befreien könne. Signor Pasquale faßte aber das Mädchen nur noch fester, und meinte, daß er um keinen Preis der Welt sie in dieser bedrohlichen Finsternis auch nur einen Schritt von sich lassen würde.

In demselben Augenblicke, als nun Signor Pasquale ganz wohlgemütlich weiter fort wollte, tauchten dicht vor ihm, wie aus tiefer Erde, vier gräßliche Teufelsgestalten auf, in kurzen rotgleißenden Mänteln, die ihn mit funkelnden Augen anblitzten und ein abscheuliches Gekrächze und Gepfeife erhoben. »Hui, hui! – Pasquale Capuzzi, verfluchter Narr! – Alter verliebter Teufel! – Wir sind deine Kumpane, wir sind Liebesteufel, wir kommen dich zu holen in die Hölle, in die glühende Hölle, samt deinem Spießgesellen Pitichinaccio!« – So kreischten die Teufel und fielen über den Alten her. Capuzzi stürzte mit dem Pitichinaccio zu Boden, und beide erhoben ein gellendes, durchdringendes Jammergeschrei, wie eine ganze Herde geprügelter Esel.

Marianna hatte sich mit Gewalt vom Alten losgerissen, und war auf die Seite gesprungen. Da schloß sie einer von den Teufeln sanft in die Arme und sprach mit süßer lieblicher Stimme: »Ach Marianna! – meine Marianna! – endlich ist's gelungen! – Die Freunde tragen den Alten weit weit fort, während wir eine sichere Zuflucht finden!« – »Mein Antonio!« lispelte Marianna leise.

Aber plötzlich wurd es ringsumher hell von Fackeln, und Antonio fühlte einen Stich in das Schulterblatt. Mit Blitzesschnelle wandte er sich um, riß den Degen aus der Scheide und ging dem Kerl, der eben mit dem Stilett in der Hand den zweiten Stoß führen wollte, zu Leibe. Er gewahrte, wie seine drei Freunde sich gegen eine Überzahl von Sbirren verteidigten. Es gelang ihm, den Kerl, der ihn angegriffen, fortzutreiben, und sich zu den Freunden zu gesellen. So tapfer sie sich aber auch hielten, der Kampf war doch zu ungleich; die Sbirren mußten unfehlbar siegen, hätten sich nicht plötzlich mit lautem Geschrei zwei Männer in die Reihe der Jünglinge gestürzt, von denen der eine sogleich den Sbirren, der dem Antonio am härtesten zusetzte, niederstieß.

Der Kampf war nun in wenigen Augenblicken zum Nachteil der Sbirren entschieden. Wer von ihnen nicht hart verwundet auf dem Platze lag, floh mit lautem Geschrei der Porta del Popolo zu.

Salvator Rosa (niemand anders war der, der dem Antonio zu Hülfe eilte und den Sbirren niederstieß) wollte mit Antonio und den jungen Malern, die in den Teufelsmasken steckten, ohne weiteres hinter den Sbirren her, nach der Stadt.

Maria Agli, der mit ihm gekommen und, seines hohen Alters unerachtet den Sbirren zugesetzt hatte, trotz jedem andern, meinte indessen, dies sei nicht ratsam, da die Wache bei der Porta del Popolo von dem Vorfall unterrichtet, sie alle unbezweifelt verhaften würde. Sie begaben sich nun alle zum Nicolo Musso, der sie in seinem kleinen, engen Hause, unfern des Theaters, mit Freuden aufnahm. Die Maler legten ihre Teufelslarven und ihre mit Phosphor bestrichenen Mäntel ab, und Antonio, der außer dem unbedeutenden Stich im Schulterblatt gar nicht verwundet war, machte den Wundarzt geltend, indem er den Salvator, den Agli und die Jünglinge, welche alle Wunden davongetragen, mit denen es aber nicht die mindeste Gefahr hatte, verband.

Der Streich, so toll und keck angelegt, wäre gelungen, hätten Salvator und Antonio nicht eine Person außer acht gelassen, die ihnen alles verdarb. Michele der gewesene Bravo und Sbirre, der unten in Capuzzis Hause wohnte, und in gewisser Art seinen Hausknecht machte, war, wie es Capuzzi gewollt, hinter ihm hergegangen nach dem Theater, wiewohl in einiger Entfernung, da der Alte sich des zerlumpten Tagediebes schämte. Ebenso hatte Michele den Alten zurückbegleitet. Als nun die Gespenster erschienen, merkte Michele, der ganz eigentlich weder Tod noch Teufel fürchtete, gleich Unrat, lief in finstrer Nacht spornstreichs nach der Porta del Popolo, machte Lärm und kam mit den Sbirren, die sich zusammengefunden, wie wir wissen, gerade in dem Augenblick an, als die Teufel über den Signor Pasquale herfielen und ihn entführen wollten, wie die Toten den Pyramiden-Doktor.

In dem hitzigsten Gefecht hatte doch einer von den jungen Malern sehr deutlich wahrgenommen, daß ein Kerl, die ohnmächtige Marianna auf den Armen, fortlief nach dem Tore, und daß ihm Signor Pasquale mit unglaublicher Hast, als sei Quecksilber in seine Beine gefahren, nachrannte. Dabei hatte etwas im Fackelschein hell Aufgleißendes an seinem Mantel gehangen und gewimmert; das mochte wohl der Pitichinaccio gewesen sein.

Am andern Morgen wurde bei der Pyramide des Cestius der Doktor Splendiano gefunden, ganz zusammengekugelt und in seine Perücke hineingedrückt, fest eingeschlafen, wie in einem warmen, weichen Nest. Als man ihn weckte, redete er irre, und war schwer zu überzeugen, daß er sich noch auf der Oberwelt, und zwar in Rom befinde, und als man ihn endlich nach Hause gebracht, dankte er der Jungfrau und allen Heiligen für seine Errettung, warf alle seine Tinkturen, Essenzen, Latwergen und Pulver zum Fenster hinaus, verbrannte seine Rezepte und gelobte künftig seine Patienten nicht anders zu heilen, als durch Bestreichen und Auflegen der Hände, wie es einmal ein berühmter Arzt, der zugleich ein Heiliger war, dessen Namen mir aber nicht beifallen will, vor ihm mit vielem Erfolg getan. Denn seine Patienten starben ebensogut, wie die Patienten der andern, und sahen schon vor dem Tode den Himmel offen und alles was der Heilige nur wollte.

»Ich weiß nicht«, sprach Antonio andern Tages zum Salvator, »ich weiß nicht, welcher Grimm in mir entbrannt ist, seitdem mein Blut geflossen! – Tod und Verderben dem niederträchtigen Capuzzi! – Wißt Ihr Salvator, daß ich entschlossen bin, mit Gewalt einzudringen in Capuzzis Haus? – Ich stoße den Alten nieder, wenn er sich widersetzt, und entführe Marianna!«

»Herrlicher Anschlag«, rief Salvator lachend, »herrlicher Anschlag! – Vortrefflich ausgedacht! – Ich zweifle gar nicht, daß du auch das Mittel gefunden haben wirst, deine Marianna durch die Luft nach dem spanischen Platz zu bringen, damit sie dich nicht, ehe du diese Freistatt erreicht hast, greifen und aufhängen! – Nein, mein lieber Antonio! – mit Gewalt ist hier gar nichts auszurichten, und Ihr könnt es Euch wohl denken, daß Signor Pasquale jetzt jedem öffentlichen Angriff auszuweichen wissen wird. Zudem hat unser Streich gar gewaltiges Aufsehen gemacht, und gerade das unmäßige Gelächter der Leute über die tolle Art, wie wir den Splendiano und den Capuzzi gehetzt haben, weckte die Polizei aus dem sanften Schlummer, die uns nun, soviel sie es mit ihren schwächlichen Mitteln vermag, nachstellen wird. – Nein Antonio, laßt uns zur List unsre Zuflucht nehmen. Con arte e con inganno si vive mezzo l' anno, con inganno e con arte si vive l'altra parte. (Es bringen Trug und Künste des Sommers uns Gewinste, und schlaue Kunst, betrügen, schafft Winters uns Vergnügen!) – So spricht Frau Caterina und sie hat recht. – Überdem muß ich lachen, daß wir recht wie junge unbedachtsame Leute gehandelt haben, welches mir vorzüglich zur Last fällt, da ich ein gut Teil älter bin als Ihr. Sagt Antonio, wäre uns der Streich wirklich gelungen, hättet Ihr Marianna dem Alten wirklich entrissen, sagt, wohin mit ihr fliehen, wo sie verborgen halten, wie es anfangen, so rasch die Verbindung durch den Priester herbeizuführen, daß der Alte sie nicht mehr zu hintertreiben vermochte? – Ihr sollt in wenigen Tagen Eure Marianna wirklich entführen. Ich habe den Nicolo Musso, den Formica, in alles eingeweiht und mit ihnen gemeinschaftlich einen Streich ersonnen, der kaum fehlschlagen kann. Tröstet Euch nur Antonio! – Signor Formica wird Euch helfen!«

»Signor Formica?« sprach Antonio mit gleichgültigem, beinahe verächtlichem Ton, »Signor Formica? – Was kann mir der Spaßmacher nützen.«

»Hoho«, rief Salvator, »habt Ehrfurcht vor dem Signor Formica, das bitte ich mir aus! – Wißt Ihr denn nicht, daß Formica eine Art von Zaubrer ist, der ganz im Verborgnen über die wunderbarsten Künste gebietet? – Ich sage Euch, Signor Formica wird helfen! Auch der alte Maria Agli, der vortreffliche Doktor Graziano Bolognese, ist in unser Complot gezogen und wird dabei eine gar bedeutende Rolle spielen. Aus Mussos Theater, Antonio, sollt Ihr Eure Marianna entführen.«

»Salvator«, sprach Antonio, »Ihr schmeichelt mir mit trügerischen Hoffnungen! – Ihr sagtet selbst, daß Signor Pasquale jetzt sorglich jedem öffentlichen Angriff ausweichen wird. Wie ist es denn nun möglich, daß er sich entschließen könnte, nachdem ihm so Arges widerfahren, noch einmal Mussos Theater zu besuchen?«

»Den Alten dahin zu verlocken«, erwiderte Salvator, »ist so schwer nicht, als Ihr denken möget. Viel schwerer wird es halten, zu bewirken, daß er ohne seine Kumpanen in das Theater steigt. – Doch dem sei, wie ihm wolle, jetzt ist es nötig, daß Ihr, Antonio, Euch vorbereitet mit Marianna, sowie der günstige Moment da ist, aus Rom entfliehen zu können. – Ihr sollt nach Florenz, Ihr seid dort schon durch Eure Kunst empfohlen, und daß es Euch nach Eurer Ankunft nicht an Bekanntschaft, nicht an würdiger Unterstützung und Hülfe mangeln soll, dafür laßt mich sorgen! – Einige Tage müssen wir ruhen, dann wollen wir sehen, was sich weiter begibt. – Noch einmal, Antonio! – faßt Hoffnung; Formica wird helfen!«

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