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Die Serapions-Brüder

E.T.A. Hoffmann: Die Serapions-Brüder - Kapitel 81
Quellenangabe
typenarrative
booktitleDie Serapions-Brüder
authorE. T. A. Hoffmann
year1976
publisherWinkler Verlag
addressMünchen
isbn3-538-05113-5
titleDie Serapions-Brüder
pages3-5
created20001223
sendergerd.bouillon@t-online.de
firstpub1821
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Signor Pasquale Capuzzi erscheint in Salvator Rosas Wohnung. Was sich dabei begibt. Listiger Streich den Rosa und Scacciati ausführen und dessen Folgen.

Antonio verwunderte sich nicht wenig, als am andern Morgen Salvator ihm auf das genaueste Capuzzis ganze Lebensweise beschrieb, die er indessen erforscht. »Die arme Marianna«, sprach Salvator, »wird von dem wahnsinnigen Alten auf höllische Weise gequält. Er seufzt und liebelt den ganzen Tag, und was das Ärgste, singt, um ihr Herz zu rühren, ihr alle mögliche verliebte Arien vor, die er jemals komponiert hat oder komponieren wollen. Dabei ist er so bis zur Tollheit eifersüchtig, daß er dem bedauernswerten Mädchen sogar nicht einmal die gewöhnliche weibliche Bedienung verstattet, aus Furcht vor Liebesintrigen, zu denen die Zofe vielleicht verleitet werden könnte. Statt dessen erscheint jeden Morgen und jeden Abend ein kleines scheußliches Gespenst mit hohlen Augen und bleichen, schlotternden Wangen, das Zofendienste bei der holden Marianna verrichtet. Und dies Gespenst ist niemand anders, als der winzige Däumling, der Pitichinaccio, der sich in Weiberkleider werfen muß. Ist Capuzzi abwesend, so verschließt und verriegelt er sorgfältig alle Türen, und außerdem hält ein verfluchter Kerl Wache, der ehemals ein Bravo, dann aber Sbirre war, und der unten in Capuzzis Hause wohnt. In seine Wohnung einzudringen scheint daher unmöglich, und doch verspreche ich Euch, Antonio, daß Ihr schon in künftiger Nacht bei Capuzzi im Zimmer sein und Eure Marianna schauen sollt, wiewohl für diesmal nur in Capuzzis Gegenwart –«

»Was sagt Ihr«, rief Antonio ganz begeistert, »was sagt Ihr, Salvator, in künftiger Nacht sollte geschehen, was mir unmöglich dünkt?«

»Still«, fuhr Salvator fort, »still Antonio, laßt uns ruhig überlegen, wie wir den Plan mit Sicherheit ausführen, den ich entworfen! – Fürs erste muß ich Euch sagen, daß ich mit dem Signor Pasquale Capuzzi in Verbindung stehe, ohne daß ich es wußte. Jenes erbärmliche Spinett, das dort im Winkel steht, gehört dem Alten, und ich soll ihm den ungeheuern Preis von zehn Dukaten dafür bezahlen. – Als ich gesund geworden, sehnte ich mich nach der Musik, die mir Trost und Labsal ist; ich bat meine Wirtin mir solch ein Instrument, wie das Spinett dort, zu besorgen. Frau Caterina mittelte gleich aus, daß in der Straße Ripetta ein alter Herr wohne, der ein schönes Spinett verkaufen wolle. Das Instrument wurde hergeschafft. Ich kümmerte mich weder um den Preis, noch um den Besitzer. Erst gestern Abend, erfuhr ich ganz zufällig, daß es der ehrliche Signor Capuzzi sei, der mich mit seinem alten, gebrechlichen Spinett zu prellen beschlossen. Frau Caterina hatte sich an eine Bekannte gewendet, die im Hause des Capuzzi, und noch dazu in demselben Stockwerk wohnt, und nun könnt Ihr Euch wohl denken, wo ich alle meine schöne Nachrichten her habe!«

»Ha! »rief Antonio, »so ist der Zugang gefunden, Eure Wirtin –«

»Ich weiß«, fiel ihm Salvator ins Wort, »ich weiß Antonio, was Ihr sagen wollt; durch Frau Caterina meint Ihr den Weg zu finden zu Eurer Marianna. Damit ist es aber gar nichts; Frau Caterina ist viel zu geschwätzig, sie bewahrt nicht das kleinste Geheimnis und ist daher in unsern Angelegenheiten ganz und gar nicht zu brauchen. Hört mich nur ruhig an! – Jeden Abend in der Finsternis trägt Signor Pasquale, wird ihm das bei seiner Knickbeinigkeit auch blutsauer, seinen kleinen Kastraten, wenn sein Zofendienst beendigt ist, auf den Armen nach Hause. Nicht um die Welt würde der furchtsam Pitichinaccio um diese Zeit einen Fuß auf das Pflaster setzen. Nun also wenn –«

In diesem Augenblicke wurde an Salvators Tür geklopft, und zu nicht geringem Erstaunen beider trat Signor Pasquale Capuzzi herein in voller Pracht und Herrlichkeit. – Sowie er den Scacciati erblickte, blieb er, wie an allen Gliedern gelähmt, stehen, riß die Augen weit auf, und schnappte nach Luft, als wollte ihm der Atem vergehen. Doch Salvator sprang hastig auf ihn zu, faßte ihn bei beiden Händen und rief: »Mein bester Signor Pasquale, wie fühle ich mich beehrt durch Eure Gegenwart in meiner schlechten Wohnung! – Gewiß ist es die Liebe zur Kunst, die Euch zu mir führt – Ihr wollt sehen, was ich Neues geschaffen, vielleicht gar eine Arbeit auftragen – Sprecht, mein bester Signor Pasquale, worin kann ich Euch gefällig sein –«

»Ich habe«, stammelte Capuzzi mühsam, »ich habe mit Euch zu reden, bester Signor Salvator! aber – allein – wenn Ihr allein seid. Erlaubt, daß ich mich jetzt entferne und zu gelegnerer Zeit wiederkomme –«

»Mitnichten«, sprach Salvator, indem er den Alten festhielt, »mitnichten mein bester Signor! Ihr sollt nicht von der Stelle; Ihr konntet zu keiner gelegneren Stunde kommen, denn da Ihr ein großer Verehrer der edeln Malerkunst, der Freund aller tüchtigen Maler seid, so wird es Euch nicht wenig Freude machen, wenn ich Euch hier den Antonio Scacciati vorstelle, den ersten Maler unserer Zeit, dessen herrliches Gemälde, dessen wundervolle Magdalena zu des Heilands Füßen ganz Rom mit dem glühendsten Enthusiasmus bewundert. Gewiß seid auch Ihr ganz und gar von dem Bilde erfüllt, und habt wohl eifrig gewünscht, den wackern Meister selbst zu kennen!«

Den Alten überfiel ein heftiges Zittern, er schüttelte sich wie im Fieberfrost, während er glühende, wütende Blicke auf den armen Antonio schoß. Der trat aber auf den Alten zu, verbeugte sich mit freiem Anstande, versicherte, daß er sich glücklich schätze, den Signor Pasquale Capuzzi, dessen tiefe Kenntnisse in der Musik sowohl, als in der Malerei, nicht allein Rom, sondern ganz Italien bewundere, so unvermuteterweise anzutreffen, und empfahl sich seiner Protektion.

Daß Antonio so tat, als sähe er ihn zum erstenmal, daß er ihn mit so schmeichelhaften Worten anredete, das brachte den Alten auf einmal wieder zu sich selbst. Er zwang sich zum schmunzelnden Lächeln, strich sich, da nun Salvator seine Hände fahren lassen, zierlich den Zwickelbart in die Höhe, stotterte einige unverständliche Worte, und wandte sich dann zum Salvator, den er um die Zahlung der zehn Dukaten für das verkaufte Spinett anging.

»Wir wollen«, erwiderte Salvator, »die lumpige Kleinigkeit nachher abmachen, bester Signor! Erst laß es Euch gefallen, die Skizze eines Gemäldes zu betrachten, die ich entworfen, und dabei ein Glas edeln Syrakuser-Weines zu trinken.« Damit stellte Salvator seine Skizze auf die Staffelei, rückte dem Alten einen Stuhl hin und reichte ihm, als er sich niedergelassen, einen großen schönen Pokal, in dem der edle Syrakuser perlte.

Der Alte trank gar zu gern ein Glas guten Weins, wenn er kein Geld dafür ausgeben durfte; hatte er nun noch dazu die Hoffnung im Herzen, für ein abgelebtes morsches Spinett zehn Dukaten zu erhalten, und saß er vor einem herrlich und kühn entworfenen Gemälde, dessen wunderbare Schönheit er sehr gut zu schätzen verstand, so mußte ihm wohl ganz behaglich zumute werden. Diese Behaglichkeit äußerte er denn auch, indem er gar lieblich schmunzelte, die Äuglein halb zudrückte, sich fleißig Kinn und Zwickelbart strich, ein Mal über das andere lispelte: »Herrlich, köstlich!« ohne daß man wußte, was er meinte, das Gemälde oder den Wein! –

Sowie denn nun der Alte ganz fröhlich geworden, fing Salvator plötzlich an: »Sagt mir doch, mein bester Signor, Ihr sollt ja eine wunderschöne, wunderliebliche Nichte haben, Marianna geheißen? – Alle unsere jungen Herren rennen, vom verliebten Wahnsinn getrieben, unaufhörlich durch die Straße Ripetta, und renken sich, nach Eurem Balkon hinaufschauend, beinahe die Hälse aus, nur, um Eure holde Marianna zu sehen, um einen einzigen Blick ihrer Himmelsaugen zu erhaschen.«

Fort war aus dem Gesichte des Alten plötzlich alles liebliche Schmunzeln, alle Fröhlichkeit, die der gute Wein entzündet. Finster vor sich hinblickend, sprach er barsch: »Da sieht man das tiefe Verderbnis unserer sündigen Jugend. Auf Kinder richten sie ihre satanischen Blicke, die abscheulichen Verführer! – Denn ich sage Euch, mein bester Signor, ein pures Kind ist meine Nichte Marianna, ein pures Kind, kaum der Amme entwachsen.«

Salvator sprach von was anderm; der Alte erholte sich. Aber sowie er, neuen Sonnenschein im Antlitz, den vollgefüllten Pokal an die Lippen setzte, fing Salvator aufs neue an: »Sagt mir doch, mein bester Signor, hat Eure sechszehnjährige Nichte, die holde Marianna, wirklich solche wunderschöne kastanienbraune Haare und solche Augen voll Wonne und Seligkeit des Himmels, wie Antonios Magdalena? – Man will das allgemein behaupten!«

»Ich weiß das nicht«, erwiderte der Alte in noch barscherem Ton als vorher, »ich weiß das nicht, doch laßt uns von meiner Nichte schweigen, wir können ja bedeutendere Worte wechseln über die edle Kunst, wozu mich Euer schönes Gemälde von selbst auffordert!«

Als nun aber Salvator jedesmal, wenn der Alte den Pokal ansetzte, und einen tüchtigen Schluck tun wollte, aufs neue von der schönen Marianna zu sprechen anfing, sprang der Alte endlich in voller Wut vom Stuhle auf, stieß den Pokal heftig auf den Tisch nieder, daß er beinahe zerbrochen wäre, schrie mit gellender Stimme: »Beim schwarzen höllischen Pluto, bei allen Furien, zu Gift, zu Gift macht Ihr mir den Wein! Aber ich merk es, Ihr und der saubere Signor Antonio mit Euch, Ihr wollt mich foppen! – Das soll Euch aber schlecht gelingen. Zahlt mir sogleich die zehn Dukaten, die Ihr mir schuldig seid, und dann überlasse ich Euch samt Eurem Kumpan, dem Bartkratzer Antonio, allen Teufeln!«

Salvator schrie, als übermanne ihn der wütendste Zorn: »Was? – Ihr untersteht Euch, mir hier in meiner Wohnung so zu begegnen? – Zehn Dukaten soll ich Euch zahlen für jenen morschen Kasten, aus dem die Holzwürmer schon längst alles Mark, allen Ton, weggezehrt haben? – Nicht zehn – nicht fünf – nicht drei – nicht einen Dukaten sollt Ihr für das Spinett erhalten, das kaum einen Quattrino wert ist; – fort mit dem lahmen Dinge!« – Und damit stieß Salvator das kleine Spinett mit dem Fuße um und um, daß die Saiten einen lauten Jammerton von sich gaben.

»Ha«, kreischte Capuzzi, »noch gibt es Gesetze in Rom; – zur Haft – zur Haft laß ich Euch bringen, in den tiefesten Kerker werfen«, und wollte brausend, wie eine Hagelwolke, zur Türe hinausstürmen. Salvator umfaßte ihn aber fest mit beiden Armen, drückte ihn in den Lehnsessel nieder, und lispelte ihm mit süßer Stimme in die Ohren: »Mein bester Signor Pasquale, merkt Ihr denn nicht, daß ich nur Scherz treibe? – Nicht zehn, dreißig bare blanke Dukaten sollt Ihr für Euer Spinett haben!« – Und so lange wiederholte er: »dreißig blanke bare Dukaten«, bis Capuzzi mit matter, ohnmächtiger Stimme sprach: »Was sagt Ihr, bester Signor? – Dreißig Dukaten für das Spinett, ohne Reparatur?« Da ließ Salvator den Alten los, und versicherte, er setze seine Ehre zum Pfande, daß das Spinett binnen einer Stunde dreißig – vierzig Dukaten wert sein, und daß Signor Pasquale so viel dafür erhalten solle.

Der Alte mit einem tiefen Seufzer, neuen Atem schöpfend, murmelte: »– Dreißig – vierzig Dukaten?« Dann begann er: »Aber Ihr habt mich schwer geärgert, Signor Salvator!« – »Dreißig Dukaten«, wiederholte Salvator. – Der Alte schmunzelte, aber dann wieder: »Ihr habt mir ins Herz gegriffen, Signor Salvator!« – »Dreißig Dukaten«, fiel ihm Salvator ins Wort, und wiederholte immer: »Dreißig Dukaten, dreißig Dukaten«, solange der Alte noch schmollen wollte, bis er endlich ganz fröhlich sprach: »Kann ich für mein Spinett dreißig – vierzig Dukaten erhalten, so sei alles vergeben und vergessen, bester Signor!«

»Doch«, begann Salvator, »doch habe ich, ehe ich mein Versprechen erfülle, noch eine kleine Bedingung zu machen, die Ihr, mein würdigster Signor Pasquale Capuzzi di Senigaglia, sehr leicht erfüllen könnt. Ihr seid der erste Komponist in ganz Italien und dabei der vortrefflichste Sänger den es geben mag. Mit Entzücken habe ich die große Szene in der Oper Le nozze di Teti e Peleo gehört, die der verruchte Francesco Cavalli Euch diebischerweise entwandt hat, und für seine Arbeit ausgibt. – Wolltet Ihr, während ich hier das Spinett instand setze, mir diese Arie vorsingen, ich wüßte in der Tat nicht, was mir Angenehmeres erzeigt werden könnte.«

Der Alte verzog den Mund zu dem süßesten Lächeln, blinzelte mit den grauen Äugelein und sprach: »Man merkt es, daß Ihr selbst ein tüchtiger Musiker seid, bester Signor; denn Ihr habt Geschmack und wißt würdige Leute besser zu schätzen, als die undankbaren Römer. – Hört! – Hört! die Arie aller Arien!«

Damit stand der Alte auf, erhob sich auf den Fußspitzen, breitete die Arme aus, drückte beide Augen zu, daß er ganz einem Hahn zu vergleichen, der sich zum Krähen rüstet, und fing sogleich an, dermaßen zu kreischen, daß die Wände klangen, und alsbald Frau Caterina mit ihren beiden Töchtern hereinstürzte, nicht anders meinend, als daß das entsetzliche Jammergeschrei irgendein geschehenes Unheil verkünde. – Ganz erstaunt blieben sie in der Türe stehen, als sie den krähenden Alten erblickten und bildeten so das Publikum des unerhörten Virtuosen Capuzzi.

Währenddessen hatte aber Salvator das Spinett aufgerichtet, den Deckel zurückgeschlagen, die Palette zur Hand genommen, und mit kecker Faust in kräftigen Pinselstrichen auf eben dem Spinettdeckel die wunderbarste Malerei begonnen, die man nur sehen konnte. Der Hauptgedanke war eine Szene aus der Cavallischen Oper Le nozze di Teti, aber darunter mischten sich auf ganz fantastische Weise eine Menge anderer Personen. Unter ihnen Capuzzi, Antonio, Marianna treu nach Antonios Gemälde, Salvator, Frau Caterina und ihre beiden Töchter in kenntlichen Zügen, ja sogar der Pyramiden-Doktor fehlte nicht, und alles so verständig, sinnig, genial geordnet, daß Antonio sein Erstaunen über den Geist, über die Praktik des Meisters nicht bergen konnte.

Der Alte ließ es gar nicht bei der Szene bewenden, die Salvator hören wollte, sondern sang oder kreischte vielmehr, von dem musikalischen Wahnsinn fortgerissen, ohne Aufhören, indem er durch die greulichsten Rezitative sich von einer höllischen Arie zur andern durcharbeitete. Das mochte wohl beinahe zwei Stunden gedauert haben, da sank er, kirschbraun im Gesicht, atemlos in den Lehnsessel. In dem Augenblicke hatte aber auch Salvator seine Skizze so herausgearbeitet, daß alles lebendig geworden und in einiger Entfernung das Ganze einem vollendeten Gemälde glich.

»Ich habe Wort gehalten wegen des Spinetts, bester Signor Pasquale!« – so lispelte nun Salvator dem Alten in die Ohren. Der fuhr, wie aus tiefem Schlummer, in die Höhe. Sogleich fiel sein Blick auf das bemalte Spinett, das ihm geradeüber stand. Da riß er die Augen weit auf, als sähe er Wunder, stülpte den spitzen Hut auf die Perücke, nahm den Krückstock unter den Arm, sprang hin mit einem Satz ans Spinett, riß den Deckel aus den Scharnieren, hob ihn hoch über den Kopf und rannte so wie besessen zur Tür hinaus, die Treppe hinab, fort, fort aus dem Hause, indem Frau Caterina und ihre beiden Töchter laut hinter ihn her lachten.

»Der alte Geizhals weiß«, sprach Salvator, »daß er den bemalten Deckel nur zum Grafen Colonna, oder zu meinem Freunde Rossi tragen darf, um vierzig Dukaten, und auch wohl noch mehr, dafür zu erhalten.«

Beide, Salvator und Antonio, überlegten nun den Angriffsplan, der noch in kommender Nacht ausgeführt werden sollte. – Wir werden gleich sehen, was die beiden Abenteurer begannen, und wie ihnen der Anschlag glückte.

Als es Nacht geworden, trug Signor Pasquale, nachdem er seine Wohnung wohl verschlossen und verriegelt, wie gewöhnlich, das kleine Ungeheuer von Kastraten nach Hause. Den ganzen Weg über miaute und ächzte der Kleine, und klagte, daß, nicht genug, daß er sich an Capuzzis Arien die Schwindsucht an den Hals singen, und bei dem Makkaronikochen die Hände verbrennen müsse, er jetzt noch zu einem Dienst gebraucht werde, der ihm nichts einbringe, als tüchtige Ohrfeigen und derbe Fußtritte, die ihm Marianna, sowie er sich nur ihr nähere, in reichlichem Maß zuteile. Der Alte tröstete ihn, wie er nur konnte, versprach ihn besser mit Zuckerwerk zu versorgen, als es bisher geschehen, verpflichtete sich sogar, als der Kleine gar nicht aufhören wollte zu quäken und zu lamentieren, ihm aus einer alten schwarzen Plüschweste, die er, der Kleine, schon oft mit begehrlichen Blicken angeschaut, ein nettes Abbaten-Röcklein machen zu lassen. Der Kleine forderte noch eine Perücke und einen Degen. Darüber kapitulierend kamen sie in der Straße Bergognona an, denn ebenda wohnte Pitichinaccio und zwar nur vier Häuser von Salvators Wohnung.

Der Alte setzte den Kleinen behutsam nieder, öffnete die Haustür, und nun stiegen beide, der Kleine voran, der Alte hinterher, die schmale Treppe hinauf, die einer elenden Hühnerleiter zu vergleichen. Aber kaum hatten sie die Hälfte der Stiege erreicht, als oben auf dem Hausflur ein entsetzliches Gepolter entstand, und sich die rauhe Stimme eines wilden besoffenen Kerls vernehmen ließ, der alle Teufel der Hölle beschwor, ihm den Weg aus dem verwünschten Hause zu zeigen. Pitichinaccio drückte sich dicht an die Wand und bat den Capuzzi um aller Heiligen willen, vorauszugehen. Doch kaum hatte Capuzzi noch ein paar Stufen erstiegen, als der Kerl von oben die Treppe herunterstürzte, den Capuzzi wie ein Wirbelwind erfaßte, und sich mit ihm hinabschleuderte durch die offenstehende Haustüre bis mitten auf die Straße. Da blieben sie liegen; Capuzzi unten, der besoffene Kerl auf ihm wie ein schwerer Sack. – Capuzzi schrie erbärmlich um Hülfe, und alsbald fanden sich auch zwei Männer ein, die mit vieler Mühe den Signor Pasquale von seiner Last befreiten; der Kerl taumelte, als sie ihn aufgerichtet, fluchend fort.

»Jesus was ist Euch geschehen, Signor Pasquale – wie kommt Ihr zur Nachtzeit hieher – was habt Ihr für schlimme Händel gehabt in dem Hause?« – So fragten Antonio und Salvator; denn niemand anders waren die beiden Männer.

»Das ist mein Ende«, ächzte Capuzzi; »alle meine Glieder hat mir der Höllenhund zerschellt, ich kann mich nicht rühren.«

»Laßt doch sehen«, sprach Antonio, betastete den Alten am ganzen Leibe und kniff ihm dabei plötzlich so heftig ins rechte Bein, daß Capuzzi laut aufschrie –

»Alle Heiligen!« rief Antonio ganz erschrocken, »alle Heiligen! bester Signor Pasquale, Ihr habt das rechte Bein gebrochen an der gefährlichsten Stelle. Wird Euch nicht schleunige Hülfe geleistet, so seid Ihr binnen weniger Zeit des Todes, oder bleibt doch wenigstens auf immer lahm.«

Capuzzi stieß ein fürchterliches Geheul aus. »Beruhigt Euch nur, bester Signor«, fuhr Antonio fort; »unerachtet ich jetzt Maler bin, so habe ich doch den Wundarzt noch nicht vergessen. Wir tragen Euch nach Salvators Wohnung und ich verbinde Euch augenblicklich.«

»Mein bester Signor Antonio«, wimmerte Capuzzi, »Ihr seid mir feindlich gesinnt, ich weiß es –« »Ach«, fiel Salvator ihm ins Wort, »hier ist von keiner Feindschaft weiter die Rede; Ihr seid in Gefahr, und das ist dem ehrlichen Antonio genug, alle seine Kunst aufzubieten zu Eurer Hülfe – Faßt an, Freund Antonio!«

Beide hoben nun den Alten, der über die unsäglichsten Schmerzen schrie, die der gebrochene Fuß verursache, sanft und behutsam auf, und trugen ihn nach Salvators Wohnung.

Frau Caterina versicherte, daß sie irgendein Unheil geahnt und deswegen sich nicht zur Ruhe begeben. Sowie sie den Alten ansichtig wurde und hörte, wie es ihm ergangen, brach sie in Vorwürfe aus über sein Tun und Treiben. »Ich weiß es wohl«, sprach sie, »ich weiß es wohl, Signor Pasquale, wen Ihr wieder nach Hause gebracht habt! – Ihr denkt, ist gleich Eure schöne Nichte Marianna bei Euch im Hause, der weiblichen Bedienung gar nicht zu bedürfen, und mißbraucht recht schändlich und gotteslästerlich den armen Pitichinaccio, den Ihr in den Weiberrock steckt. Aber seht Ihr wohl: ogni carne ha il suo osso, jedes Fleisch hat seinen Knochen! – Wollt Ihr ein Mädchen bei Euch haben, so bedürft Ihr auch der Weiber! Fate il passo secondo la gamba, streckt Euch nach der Decke, und verlangt nicht mehr und nicht weniger, als was recht ist, von Eurer Marianna. Sperrt sie nicht ein wie eine Gefangene, macht Euer Haus nicht zum Kerker, asino punto convien che trotti, wer auf der Reise ist, muß fort; Ihr habt eine schöne Nichte und müßt Euer Leben darnach einrichten, das heißt, nur lediglich tun, was die schöne Nichte will. Aber Ihr seid ein ungalanter hartherziger Mann, und wohl gar, wie ich nicht hoffen will, in Eurem hohen Alter noch verliebt und eifersüchtig – Verzeiht, daß ich das alles Euch gerade heraussage, aber: chi ha nel petto fiele, non puo sputar miele, wessen das Herz voll ist, geht der Mund über! – Nun, wenn Ihr nicht, wie bei Eurem hohen Alter zu vermuten steht, an Eurem Beinbruch sterbt, so wird Euch das wohl zur Warnung dienen, und Ihr werdet Eurer Nichte die Freiheit lassen, zu tun, was sie will und den hübschen jungen Menschen zu heiraten, den ich wohl schon kenne –«

So ging es in einem Strome fort, während Salvator und Antonio den Alten behutsam entkleideten und aufs Bette legten. Der Frau Caterina Worte waren lauter Dolchstiche, die ihm tief in die Brust fuhren; aber sowie er etwas dazwischenreden wollte, bedeutete ihm Antonio, daß alles Sprechen ihm Gefahr bringe, er mußte daher alle bittere Galle in sich schlucken. Salvator schickte endlich Frau Caterina fort, um, wie Antonio geboten, Eiswasser zu besorgen.

Salvator und Antonio überzeugten sich, daß der in Pitichinaccios Wohnung abgesendete Kerl seine Sachen vortrefflich gemacht. Außer einigen blauen Flecken hatte Capuzzi nicht die mindeste Beschädigung davongetragen, so fürchterlich der Sturz auch dem Anscheine nach gewesen. Antonio schiente und schnürte dem Alten den rechten Fuß zusammen, daß er sich nicht regen konnte. Und dabei umwickelten sie ihn mit in Eiswasser genetzten Tüchern, angeblich um der Entzündung zu wehren, daß der Alte wie im Fieberfrost sich schüttelte.

»Mein guter Signor Antonio«, ächzte er leise, »sagt mir, ist es um mich geschehn? – muß ich sterben?«

»Beruhigt Euch nur«, erwiderte Antonio, »beruhigt Euch nur, Signor Pasquale, da Ihr den ersten Verband mit so vieler Standhaftigkeit, und ohne in Ohnmacht zu sinken, ausgehalten, so scheint die Gefahr vorüber; doch ist die sorgsamste Pflege nötig: Ihr dürft fürs erste nicht aus den Augen des Wundarztes kommen.«

»Ach Antonio«, wimmerte der Alte, »Ihr wißt, wie ich Euch liebhabe! – wie ich Eure Talente schätze! – Verlaßt mich nicht! – reicht mir Eure liebe Hand! – so! – Nicht wahr, mein guter, lieber Sohn, Ihr verlaßt mich nicht?«

»Bin ich«, sprach Antonio, »bin ich gleich nicht mehr Wundarzt, hab ich gleich das mir verhaßte Gewerbe ganz aufgegeben, so will ich doch bei Euch, Signor Pasquale, eine Ausnahme machen und mich Eurer Kur unterziehen, wofür ich nichts verlange, als daß Ihr mir wieder Eure Freundschaft, Euer Zutrauen schenkt – Ihr waret ein wenig barsch gegen mich –«

»Schweigt«, lispelte der Alte, »schweigt davon bester Antonio!«

»Eure Nichte«, sprach Antonio weiter, »wird sich, da Ihr nicht ins Haus zurückgekehrt seid, halbtot ängstigen! – Ihr seid für Euern Zustand munter und stark genug, wir wollen Euch daher, sowie der Tag anbricht in Eure Wohnung tragen. Dort sehe ich noch einmal nach dem Verbande, bereite Euch das Lager, wie es sein muß, und sage Eurer Nichte alles, was sie für Euch zu tun hat, damit Ihr recht bald geneset.«

Der Alte seufzte recht tief auf, schloß die Augen und blieb einige Augenblicke stumm. Dann streckte er die Hand aus nach Antonio, zog ihn dicht an sich und sprach ganz leise: »Nicht wahr, bester Signor, das mit Marianna, das war nur Euer Scherz, solch ein lustiger Einfall, wie ihn junge Leute haben –«

»Denkt doch«, erwiderte Antonio, »denkt doch jetzt nicht an so etwas, Signor Pasquale! Es ist wahr, Eure Nichte stach mir in die Augen; aber jetzt habe ich ganz andere Dinge im Kopfe, und bin – ich muß es Euch nur aufrichtig gestehen – recht sehr damit zufrieden, daß Ihr mich mit meinem törichten Antrage so kurz abgefertigt habt. Ich dachte in Eure Marianna verliebt zu sein, und erblickte in ihr doch nur ein schönes Modell zu meiner Magdalena. Daher mag es denn kommen, daß Marianna mir, nachdem ich das Gemälde vollendet, ganz gleichgültig geworden ist!«

»Antonio«, rief der Alte laut, »Antonio, Gesegneter des Himmels! Du bist mein Trost – meine Hülfe, mein Labsal! Da du Marianna nicht liebst, ist mir aller Schmerz entnommen!«

»In der Tat«, sprach Salvator, »in der Tat, Signor Pasquale, kennte man Euch nicht als einen ernsten, verständigen Mann, welcher wohl weiß, was seinen hohen Jahren ziemt, man sollte glauben, Ihr wäret wahnsinnigerweise selbst in Eure sechszehnjährige Nichte verliebt.«

Der Alte schloß aufs neue die Augen und ächzte und lamentierte über die gräßlichen Schmerzen, die mit verdoppelter Wut wiederkehrten.

Das Morgenrot dämmerte auf und strahlte durch das Fenster. Antonio sagte dem Alten, es sei nun Zeit, ihn in die Straße Ripetta nach seiner Wohnung zu schaffen. Signor Pasquale antwortete mit einem tiefen kläglichen Seufzer. Salvator und Antonio hoben ihn aus dem Bette und wickelten ihn in einen weiten Mantel, den Frau Caterinas Eheherr getragen, und den sie dazu hergab. Der Alte bat um aller Heiligen willen, doch nur die schändlichen Eistücher, womit sein kahles Haupt umwickelt, wegzunehmen, und ihm Perücke und Federhut aufzusetzen. Auch sollte Antonio ihm wo möglich den Zwickelbart in Ordnung richten, damit Marianna sich nicht so sehr vor seinem Anblick entsetze.

Zwei Träger mit einer Bahre standen bereits vor dem Hause. Frau Caterina, immerfort den Alten ausscheltend und unzählige Sprüchwörter einmischend, trug Betten herab, in die der Alte wohl eingepackt, und so von Salvator und Antonio begleitet, in sein Haus geschafft wurde.

Sowie Marianna den Oheim in dem erbärmlichen Zustande erblickte, schrie sie laut auf; ein Tränenstrom stürzte ihr aus den Augen; ohne auf den Geliebten, der mitgekommen, zu achten, faßte sie des Alten Hände, drückte sie an die Lippen, jammerte über das entsetzliche Unglück, das ihn betroffen. – So tiefes Mitleiden hatte das fromme Kind mit dem Alten, der sie mit seinem verliebten Wahnsinn marterte und quälte. Aber in demselben Augenblick tat sich auch die ihr angeborne innerste Natur des Weibes kund; denn ein paar bedeutende Blicke Salvators reichten hin, sie über das Ganze vollkommen zu verständigen. Nun erst schaute sie den glücklichen Antonio verstohlen an, indem sie hoch errötete, und es war wunderlieblich anzuschauen, wie durch die Tränen ein schalkhaftes Lächeln siegend hervorbrach. Überhaupt hatte Salvator sich die Kleine doch nicht so gar anmutig, so wunderbar hübsch gedacht, der Magdalena unerachtet, als er sie nun wirklich fand, und indem er den Antonio um sein Glück beinahe hätte beneiden mögen, fühlte er doppelt die Notwendigkeit, die arme Marianna dem verdammten Capuzzi zu entreißen, koste es was es wolle. –

Signor Pasquale, von seiner schönen Nichte so zärtlich empfangen, wie er es gar nicht verdiente, vergaß sein Ungemach. Er schmunzelte, er spitzte die Lippen, daß der Zwickelbart wackelte, und ächzte und winselte nicht vor Schmerz, sondern vor lauter Verliebtheit.

Antonio bereitete kunstmäßig das Lager, schnürte, als man den Capuzzi hineingelegt, den Verband noch fester, und umwickelte auch das linke Bein so, daß der Alte regunglos daliegen mußte, wie eine Holzpuppe. Salvator begab sich fort und überließ die Liebenden ihrem Glücke.

Der Alte lag in Kissen begraben, zum Überfluß hatte ihm aber noch Antonio ein dickes, mit starkem Wasser benetztes Tuch um den Kopf gebunden, so daß er das Geflüster der Liebenden nicht vernehmen konnte, die nun zum erstenmal ihr ganzes Herz ausströmen ließen und sich unter Tränen und süßen Küssen ewige Treue schwuren. Nicht ahnen mochte der Alte, was vorging, da Marianna dazwischen sich unaufhörlich nach seinem Befinden erkundigte, und es sogar zuließ, daß er ihre kleine weiße Hand an seine Lippen drückte.

Als der Tag hoch heraufgekommen, eilte Antonio fort, um, wie er sagte, die nötigen Mittel für den Alten herbeizuschaffen, eigentlich aber um zu ersinnen, wie er wenigstens auf einige Stunden den Alten in noch hülfloseren Zustand versetzen solle, und mit Salvator zu überlegen, was dann weiter anzufangen sei.

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