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Die Serapions-Brüder

E.T.A. Hoffmann: Die Serapions-Brüder - Kapitel 7
Quellenangabe
typenarrative
booktitleDie Serapions-Brüder
authorE. T. A. Hoffmann
year1976
publisherWinkler Verlag
addressMünchen
isbn3-538-05113-5
titleDie Serapions-Brüder
pages3-5
created20001223
sendergerd.bouillon@t-online.de
firstpub1821
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Während Theodor dies alles erzählte, bewies Lothar auf mancherlei Weise seine Ungeduld, ja seinen lebhaften Widerwillen. Bald stand er auf und schritt im Zimmer auf und ab, bald setzte er sich wieder hin ein Glas nach dem andern leerend und sich wieder einschenkend, dann trat er an Theodors Schreibtisch, wühlte unter den Papieren und Büchern und holte endlich nichts Geringeres hervor als Theodors großen mit weißem Papier durchschossenen Hauskalender, den er eifrig durchblätterte und endlich mit einer Miene, als habe er das Merkwürdigste Interessanteste darin gefunden, aufgeschlagen vor sich hin auf den Tisch legte.

»Nein das ist nicht auszuhalten«, rief nun, als Theodor schwieg, Lothar, »nein das ist nicht auszuhalten! – Du willst nichts zu tun haben mit dem gutmütigen Schwärmer, den uns unser Cyprianus vor Augen führte, du warnst vor Blicken in die schauerliche Tiefe der Natur, du magst von derlei Dingen nicht reden, nicht reden hören, und fällst selbst mit einer Geschichte hinein, die in ihrer kecken Tollheit mir wenigstens das Herz zerschneidet. Was ist der sanfte glückliche Serapion gegen den spleenischen, und in seinem Spleen grauenhaften Krespel! Du wolltest einen sanften Übergang vom Wahnsinn durch den Spleen zur gesunden Vernunft bewirken und stellst Bilder auf, über die man, faßt man sie recht scharf ins Auge, alle gesunde Vernunft verlieren könnte. Mag Cyprianus bei seiner Erzählung unbewußt von dem Seinigen hinzugefügt haben, du tatest das gewiß noch viel mehr, denn ich weiß es ja, sobald nur die Musik im Spiele ist, gerätst du in einen somnambulen Zustand und hast die seltsamsten Erscheinungen. Nach deiner gewöhnlichen Weise hast du dem Ganzen einen geheimnisvollen Anstrich zu geben gewußt, der wie alles Wunderbare, sei es auch noch so korrupt, unwiderstehlich fortreißt, aber Maß und Ziel muß jedes Ding haben und nicht ins Blaue hinein Verstand und Geist verwirren. Antoniens Zustand, ihre Sympathie mit jenem altertümlichen Instrument Krespels ist rührend, wer wird das nicht gestehen – aber auf eine Weise rührend, daß man heißes Herzblut rinnen fühlt und es liegt im Schluß ein Jammer, eine Trostlosigkeit die durchaus keine Beruhigung zuläßt und das ist abscheulich – abscheulich sage ich und kann das harte Wort nicht zurücknehmen.«

»Habe ich denn«, sprach Theodor lächelnd, »habe ich denn, lieber Lothar eine fingierte nach der Kunst geformte Erzählung euch vortragen wollen? War nicht bloß von einem seltsamen Mann die Rede an den ich durch den wahnsinnigen Serapion erinnert wurde? – Sprach ich nicht von einer Begebenheit, die ich wirklich erlebt, und sollte dir, lieber Lothar! manches unwahrscheinlich vorgekommen sein, so magst du bedenken daß das was sich wirklich begibt, beinahe immer das Unwahrscheinlichste ist.«

»Das alles«, erwiderte Lothar, »kann dich nicht entschuldigen, schweigen hättest du sollen von deinem fatalen Krespel, ganz schweigen oder vermöge der besonderen Kunst des Kolorits, die du wohl besitzest, dem barocken Mann aus dem Grauen heraus eine anmutigere Farbe geben. – Doch nur zu viel schon von dem Ruhe verstörenden Baumeister, Diplomatiker und Instrumentenmacher, den wir hiemit der Vergessenheit übergeben wollen. – Aber nun mein Cyprian, ich beuge meine Knie vor dir! – Nicht mehr nenne ich dich einen fantastischen Geisterseher – Du beweisest daß mit es Rückerinnerungen ein ganz eignes geheimnisvolles Ding ist. – Dir kommt heute der arme Serapion nicht aus Sinn und Gedanken. – Ich merke dir's an, daß nun, da du nur von ihm erzählt hast, du freier im Geiste geworden! – Schaue her in dieses merkwürdige Buch, in diesen herrlichen Hauskalender, der Aufschluß gibt über alles! – Haben wir denn nicht heute den vierzehnten November? – War es nicht am vierzehnten November als du deinen einsiedlerischen Freund tot in seiner Hütte fandest? Und wenn du ihn auch nicht, wie Ottmar vorhin meinte, mit Hülfe zweier Löwen begrubst und ebensowenig andere Wunder auf dich zutraten, so wurdest du doch gewiß bei dem Anblick deines sanft entschlafenen Freundes bis ins Innerste getroffen. Der Eindruck blieb unauslöschlich und wohl mag es sein daß der innere Geist mittelst einer geheimnisvollen dir selbst unbewußten Operation das Bild des verlorenen Freundes an seinem Todestage frischer gefärbt vorschiebt als sonst. – Tu mir den Gefallen Cyprianus und füge Serapions Tode noch einige wunderbare Erscheinungen hinzu, damit dem zu einfachen Schluß der Begebenheit etwas aufgeholten werde.«

»Als ich«, sprach Cyprian, »tief bewegt, ja erschüttert von dem Anblick des Toten aus der Hütte trat, sprang mir das zahme Reh, dessen ich früher gedachte, entgegen, helle Tränen perlten in seinen Augen und die wilden Tauben umschwirrten mich mit ängstlichem Geschrei, mit banger Todesklage. Da ich aber zum Dorfe hinabstieg, um den Tod des Einsiedlers kundzutun, kamen mir die Bauern schon mit einer Totenbahre entgegen. Sie sagten, an dem Anziehn der Glocke zur ungewöhnlichen Stunde hätten sie gemerkt, daß der fromme Herr sich hingelegt habe zum Sterben und wohl schon wirklich gestorben sei. – Dies ist alles, lieber Lothar, was ich dir auftischen kann, damit du deine Neckerei daran übest.«

»Was sprichst du«, rief Lothar mit lauter Stimme, indem er sich vom Stuhle erhob, »was sprichst du von Neckerei, was glaubst du von mir, o mein Cyprianus? – Bin ich nicht ein ehrliches Gemüt, ein rechtschaffner Charakter, fern von Lug und Trug – eine treuherzige Seele? – schwärme ich nicht mit den Schwärmern? fantasiere ich nicht mit den Fantasten? weine ich nicht mit den Weinenden, jubiliere ich nicht mit den Jubelnden ? – Aber schaue her, o mein Cyprianus, schaue nochmals in dies herrliche Werk voll unumstößlicher Wahrheit, in diesen sehr stattlichen Hauskalender. Bei dem vierzehnten November findest du zwar den schnöden Namen Levin verzeichnet, aber werfe deinen Blick in diese katholische Kolonne! – Da steht mit roten Buchstaben: Serapion Märtyrer! – Also an dem Tage des Heiligen für den er sich selbst hielt, starb dein Serapion! Heute ist Serapions-Tag! – Auf! – ich leere dieses Glas zum Gedächtnis des Einsiedlers Serapion; tut, meine Freunde! desgleichen!«

»Aus ganzer Seele«, rief Cyprian und die Gläser erklangen.

»Überhaupt«, fuhr nun Lothar fort, »bin ich jetzt, nachdem ich mich recht besonnen, oder vielmehr, nachdem mich Theodor mit dem häßlichen widrigen Krespel recht in Harnisch gebracht hat, mit Cyprians Serapion ganz ausgesöhnt. Noch mehr als das: ich verehre Serapions Wahnsinn deshalb, weil nur der Geist des vortrefflichsten oder vielmehr des wahren Dichters von ihm ergriffen werden kann. Ich will mich nicht darauf als auf etwas Altes zum Überdruß Wiederholtes beziehen daß sonst den Dichter und den Seher dasselbe Wort bezeichnete, aber gewiß ist es, daß man oft an der wirklichen Existenz der Dichter ebensosehr zweifeln möchte als an der Existenz verzückter Seher welche die Wunder eines höheren Reichs verkünden! – Woher kommt es denn, daß so manches Dichterwerk das keinesweges schlecht zu nennen, wenn von Form und Ausarbeitung die Rede, doch so ganz wirkungslos bleibt wie ein verbleichtes Bild, daß wir nicht davon hingerissen werden, daß die Pracht der Worte nur dazu dient den inneren Frost, der uns durchgleitet, zu vermehren. Woher kommt es anders, als daß der Dichter nicht das wirklich schaute wovon er spricht, daß die Tat, die Begebenheit vor seinen geistigen Augen sich darstellend mit aller Lust, mit allem Entsetzen, mit allem Jubel, mit allen Schauern, ihn nicht begeisterte, entzündete, so daß nur die inneren Flammen ausströmen durften in feurigen Worten: Vergebens ist das Mühen des Dichters uns dahin zu bringen, daß wir daran glauben sollen, woran er selbst nicht glaubt, nicht glauben kann, weil er es nicht erschaute. Was können die Gestalten eines solchen Dichters der jenem alten Wort zufolge nicht auch wahrhafter Seher ist, anderes sein als trügerische Puppen, mühsam zusammengeleimt aus fremdartigen Stoffen! –

Dein Einsiedler, mein Cyprianus, war ein wahrhafter Dichter, er hatte das wirklich geschaut was er verkündete, und deshalb ergriff seine Rede Herz und Gemüt. – Armer Serapion, worin bestand dein Wahnsinn anders, als daß irgendein feindlicher Stern dir die Erkenntnis der Duplizität geraubt hatte, von der eigentlich allein unser irdisches Sein bedingt ist. Es gibt eine innere Welt, und die geistige Kraft, sie in voller Klarheit, in dem vollendetsten Glanze des regesten Lebens zu schauen, aber es ist unser irdisches Erbteil, daß eben die Außenwelt in der wir eingeschachtet, als der Hebel wirkt, der jene Kraft in Bewegung setzt. Die innern Erscheinungen gehen auf in dem Kreise, den die äußeren um uns bilden und den der Geist nur zu überfliegen vermag in dunklen geheimnisvollen Ahnungen, die sich nie zum deutlichen Bilde gestalten. Aber du, o mein Einsiedler! statuiertest keine Außenwelt, du sahst den versteckten Hebel nicht, die auf dein Inneres einwirkende Kraft; und wenn du mit grauenhaftem Scharfsinn behauptetest, daß es nur der Geist sei, der sehe, höre, fühle, der Tat und Begebenheit fasse, und daß also auch sich wirklich das begeben was er dafür anerkenne, so vergaßest du, daß die Außenwelt den in den Körper gebannten Geist zu jenen Funktionen der Wahrnehmung zwingt nach Willkür. Dein Leben, lieber Anachoret, war ein steter Traum, aus dem du in dem Jenseits gewiß nicht schmerzlich erwachtest. – Auch dieses Glas sei noch deinem Gedächtnis dargebracht.«

»Findet ihr nicht«, sprach nun Ottmar, »daß Lothar seine Miene ganz verändert hat? Dank sei es deinem wohlbereiteten Getränk, Theodor! das alles sauertöpfische Wesen gänzlich niedergekämpft hat.«

»Schreibt nur nicht«, nahm Lothar wieder das Wort, »mein erheitertes Wesen lediglich dem begeisternden Inhalt jener Vase zu, ihr wißt ja, daß die bessere Stimmung mir kommen muß, ehe ich ein Glas anrühre. Aber in der Tat, erst jetzt fühle ich mich wieder wohl und heimisch unter euch. Die seltsame Spannung, in der ich mich, zugestanden sei es, erst befand, ist vorüber, und da ich unserm Cyprian den wahnsinnigen Serapion verziehen nicht allein, sondern diesen auch in der Tat liebgewonnen habe, so mag auch dem Freunde Theodor sein fataler Krespel hingehen. Aber nun habe ich noch mancherlei zu reden mit euch! – Mich bedünkt, es sei nun ausgemacht, daß, wie schon vorhin Theodor erwähnte, wir alle voneinander glauben, es sei etwas an uns daran, und jeder es wert hält mit dem andern die alte Verbindung zu erneuern. Aber das Gewühl der großen Stadt, die Entfernung unserer Wohnungen, unser verschiedenartiges Geschäft wird uns auseinandertreiben. Bestimmen wir daher heute Tag, Stunde und Ort wo wir uns wöchentlich zusammenfinden wollen. Noch mehr! – Es kann nicht fehlen, daß wir, einer dem andern nach alter Weise manches poetische Produktlein, das wir unter dem Herzen getragen mitteilen werden. Laßt uns nun dabei des Einsiedlers Serapion eingedenk sein! – jeder prüfe wohl, ob er auch wirklich das geschaut, was er zu verkünden unternommen, ehe er es wagt laut damit zu werden. Wenigstens strebe jeder recht ernstlich darnach, das Bild, das ihm im Innern aufgegangen recht zu erfassen mit allen seinen Gestalten, Farben, Lichtern und Schatten, und dann, wenn er sich recht entzündet davon fühlt, die Darstellung ins äußere Leben [zu] tragen. So muß unser Verein auf tüchtige Grundpfeiler gestützt dauern und für jeden von uns allen sich gar erquicklich gestalten. Der Einsiedler Serapion sei unser Schutzpatron, er lasse seine Sehergabe über uns walten, seiner Regel wollen wir folgen, als getreue Serapions-Brüder!« –

»Ist denn«, sprach Cyprian, »ist denn unser Lothar nicht der verwunderlichste von allen verwunderlichen Menschen? – Erst ist er es allein der gegen Ottmars ganz vernünftigen Vorschlag, uns wöchentlich an einem bestimmten Tage zusammenzufinden, wütet und tobt, der ohne Ursache in das Kapitel von Klubs und Ressourcen gerät sich über Gebühr ereifernd und nun ist er es wieder, der die verworfenen Zusammenkünfte nicht allein nötig und ersprießlich findet, sondern auch schon an die Tendenz unsers Vereins denkt und an seine Regel!«

»Mag es sein«, erwiderte Lothar, »daß ich mich erst gegen alles Förmliche oder nur Bestimmte unserer Zusammenkünfte auflehnte, es geschah in mißmutiger Stimmung die vorübergegangen. – Sollte denn bei uns poetischen Gemütern und gemütlichen Poeten jemals eine Art Philistrismus einbrechen können? – Einen gewissen Hang dazu tragen wir wohl in uns, streben wir nur wenigstens nach der sublimsten Sorte; ein kleiner Beischmack davon ist zuweilen nicht ganz übel! – Schweigen wir aber über alles Verfängliche unseres Vereins, das der Teufel schon von selbst hineintragen wird, bei guter Gelegenheit, und sprechen wir von dem Serapionischen Prinzip! Was haltet ihr davon?« –

Theodor, Ottmar und Cyprian waren darin einig, daß ohne alle weitere Abrede sich die literarische Tendenz von selbst bei ihren Zusammenkünften eingefunden haben würde und gaben sich das Wort der Regel des Einsiedlers Serapion, wie sie Lothar sehr richtig angegeben, nachzuleben, wie es nur in ihren Kräften stehe, welches dann, wie Theodor sehr richtig bemerkte, eben nichts weiter heißen wollte, als daß sie übereingekommen sich durchaus niemals mit schlechtem Machwerk zu quälen.

In voller Fröhlichkeit stießen sie die Gläser zusammen und umarmten sich als getreue Serapions-Brüder.

»Die Mitternachtsstunde«, sprach nun Ottmar, »ist noch lange, lange nicht herangekommen und es wäre in der Tat ganz hübsch, wenn jemand von uns noch irgend etwas Heiteres auftischen wollte, um all das Trübe ja Grauenhafte das über uns kam, in den Hintergrund zurückzustellen. Eigentlich wär es Theodors Pflicht seinen versprochenen Übergang zur gesunden Vernunft zu vollenden.«

»Ist es euch recht«, sprach Theodor, »so gebe ich euch eine kleine Erzählung zum besten, die ich vor einiger Zeit aufschrieb und zu der mich ein Bild anregte. Sowie ich nämlich dieses Bild anschaute, wurde mir eine Bedeutung klar an die der Künstler gewiß nicht gedacht hatte, nicht hatte denken können, da Rückerinnerungen aus meinem früheren Leben auf seltsame Weise aufgingen und eben erst jene Bedeutung schufen.«

»Ich hoffe«, sprach Lothar, »daß kein Wahnsinniger auftritt, dessen ich nun heute ein für allemal überhoben sein will und daß sich deine Erzählung vor unserm Schutzpatron verantworten lassen wird.«

»Für das erste stehe ich ein«, erwiderte Theodor, »was aber das letzte betrifft, so muß ich es auf das Urteil meiner würdigen Serapions-Brüder ankommen lassen, die ich aber im voraus bitte nicht zu strenge zu sein, da mein Werklein nur auf die Bedingnisse eines leichten, luftigen, scherzhaften Gebildes basiert ist und keine höhere Ansprüche macht als für den Moment zu belustigen.«

Die Freunde versprachen um so mehr Nachsicht, als die erst heute eingeführte Regel des Einsiedlers Serapion eigentlich nur auf künftige Produkte bezogen werden könne.

Theodor holte sein Manuskript hervor und begann in folgender Art:

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