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Die Serapions-Brüder

E.T.A. Hoffmann: Die Serapions-Brüder - Kapitel 52
Quellenangabe
typenarrative
booktitleDie Serapions-Brüder
authorE. T. A. Hoffmann
year1976
publisherWinkler Verlag
addressMünchen
isbn3-538-05113-5
titleDie Serapions-Brüder
pages3-5
created20001223
sendergerd.bouillon@t-online.de
firstpub1821
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»Im Jahr eintausendfünfhundertundeinundfünfzig ließ sich, zumal in der Abenddämmerung und des Nachts, auf den Gassen von Berlin ein Mann blicken, von feinem stattlichen Ansehen. Er trug ein schönes Wams mit Zobel verbrämt, weite Pluderhosen und geschlitzte Schuhe, auf dem Kopf aber ein bauschichtes Samtbarett mit einer roten Feder. Seine Gebärden waren angenehm und sittig, er grüßte höflich jedermann, vorzüglich aber die Frauen und Mädchen, pflegte auch wohl diese mit verbindlichen wohlgesetzten Reden auf anmutige Weise anzusprechen. ›Donna, gebietet doch nur über Euern untertänigen Diener, wenn Ihr in Euerm Herzen einen Wunsch traget, damit er seine geringen Kräfte dazu verwende, Euch ganz zu Willen zu sein!‹ So sprach er zu den vornehmen Weibern. Und dann zu den Jungfrauen: ›Der Himmel möge Euch doch einen Eheliebsten bescheren, der Eurer Schönheit und Tugend ganz würdig!‹ Ebenso artig bezeigte er sich gegen die Männer, und so war es kein Wunder, daß jeder den Fremden liebgewann und ihm gern zu Hülfe kam, wenn er verlegen an einer breiten Gosse stand und nicht wußte, wie hinüberkommen. Denn unerachtet er sonst groß und schön gewachsen, hatte er doch einen lahmen Fuß und mußte sich auf einen Krückstock stützen. Reichte ihm nun einer die Hand, so sprang er mit ihm wohl an die sechs Ellen hoch in die Luft, und kam über die Gosse hinweg zwölf Schritte davon auf die Erde nieder. Das verwunderte denn die Leute wohl ein wenig und mancher verstauchte sich hin und wieder auch wohl das Bein, der Fremde entschuldigte sich aber damit, daß er sonst, als noch sein Fuß nicht lahm, an dem Hofe des Königs von Ungarn Vortänzer gewesen, daß ihm daher, verhelfe man ihm nur zu einigem Springen, gleich die alte arge Lust anwandte, und daß er wider seinen Willen dann erklecklich in die Luft fahren müsse, als tanze er noch zu selbiger Zeit. Dabei beruhigten sich die Leute und ergötzten sich zuletzt daran, wenn bald ein Ratsherr, bald ein Pfaff, bald ein anderer ehrenwerter Mann mit dem Fremden hopste. So lustig und guter Laune aber auch der Fremde schien, so änderte sich doch sein Betragen manchmal auf ganz verwunderliche Weise. Denn es begab sich, daß er nachts umherging auf den Gassen und an die Türen klopfte. Und öffneten die Leute, so stand er vor ihnen in weißen Totenkleidern und erhob ein jämmerliches Geheul und Geschrei, worüber sie sich gar sehr entsetzten. Andern Tages entschuldigte er sich aber, und versicherte, er sei genötigt, das zu tun, um sich und die guten Bürger an den sterblichen Leib zu erinnern und an ihre unsterbliche Seele, zu deren Besten sie auf ihrer Hut sein müßten. Dabei pflegte er ein wenig zu weinen, welches die Leute ungemein rührte. Bei jedem Begräbnis fand sich der Fremde ein, folgte der Leiche mit ehrbaren Schritten und gebärdete sich gar traurig, so daß er vor lauter Wehklagen und Schluchzen nicht vermochte, in die geistlichen Lieder einzustimmen. So wie er sich aber bei solcher Gelegenheit ganz dem Mitleiden überließ und dem Gram, so war er auch ganz Vergnügen und Lust bei den Hochzeiten der Bürger, die damals gar stattlich auf dem Rathause ausgerichtet wurden. Da sang er mit lauter anmutiger Stimme die unterschiedlichsten Weisen, spielte auf der Zither, tanzte wohl stundenlang mit der Braut und den Jungfrauen auf dem gesunden Beine, das lahme geschickt an sich ziehend, und betrug sich dabei sehr ehrbar und sittig. Das beste und weshalb die Brautleute den Fremden gar gern sahen, war aber, daß er bei jeder Hochzeit dem Brautpaar die schönsten Verehrungen machte, von güldenen Ketten und Spangen und anderm köstlichen Gerät. Es konnte nicht fehlen, daß die Frömmigkeit, Tugend, Freigebigkeit, Sittlichkeit des Fremden in der ganzen Stadt Berlin bekannt wurde, und selbst dem Kurfürsten zu Ohren kam. Der meinte, ein solcher ehrenwerter Mann, wie der Fremde, müsse seinen Hof gar sehr schmücken, und ließ ihn fragen, ob er nicht eine Hofbedienung annehmen wolle. Der Fremde schrieb aber mit zinnoberroten Buchstaben auf einem Pergamentblättlein von anderthalb Ellen in der Breite und ebenso viel in der Länge zurück, er danke unterwürfig für die ihm angebotene Ehre, bitte aber den Hochwürdigen Durchlauchtigsten Herrn, ihn das ruhige Bürgerleben, welches seinem Gemüt ganz und gar zusage, in Frieden genießen zu lassen. Berlin habe er vor vielen andern Städten zu seinem Aufenthalt gewählt, weil er nirgends so liebe Menschen gefunden und so viel Treue und Aufrichtigkeit, so viel Sinn für feine anmutige Sitten, wie sie ganz in seiner eignen Art und Weise lägen. Der Kurfürst und mit ihm der ganze Hof bewunderte höchlich die schönen Redensarten, in denen das Schreiben des Fremden verfaßt, und dabei behielt es sein Bewenden.

Es begab sich, daß zur selben Zeit des Ratsherrn Walther Lütkens Ehefrau zum erstenmal gesegneten Leibes war. Die alte Wehmutter Barbara Roloffin prophezeite, daß die hübsche gesunde Frau gewiß eines holden Knäbleins genesen würde, und so war Herr Walther Lütkens ganz Freude und Hoffnung.

Der Fremde, der auf Herrn Lütkens Hochzeit gewesen, pflegte dann und wann bei ihm einzusprechen, und so kam es denn, daß er einmal in der Abenddämmerung unvermutet eintrat, als eben die Barbara Roloffin zugegen.

Sowie die alte Barbara den Fremden erblickte, erhob sie ein lautes helles Freudengeschrei, und es war, als wenn plötzlich die tiefen Runzeln ihres Angesichts sich ausglätteten, als wenn die weißen Lippen und Wangen sich röteten, kurz als wenn Jugend und Schönheit, der sie längst Valet gegeben, noch einmal wiederkehren wolle. ›Ach, ach, Herr Junker, seh ich Euch deren wirklich hier zur Stelle? Ei! – seid mir doch schönstens gegrüßt!‹ – so rief die Barbara Roloffin und wäre beinahe dem Fremden zu Füßen gesunken. Der fuhr sie aber an mit zornigen Worten, indem Feuerflammen aus seinen Augen sprühten. Doch niemand verstand, was er mit der Alten sprach, die bleich und runzlicht, wie vorher, sich leise wimmernd in ein Winkelchen zurückzog.

›Lieber Herr Lütkens‹, sprach nun der Fremde zu dem Ratsherrn, ›seht Euch wohl vor, daß in Eurem Hause nichts Böses geschehe, und daß zumal bei der Niederkunft Eurer lieben Hausfrau alles glücklich vonstatten gehe. Die alte Barbara Roloffin ist in ihrer Kunst gar nicht so geschickt, wie Ihr wohl vermeinen möget. Ich kenne sie schon lange und weiß es wohl, daß sie schon manchmal Wöchnerin und Kind verwahrloste.‹ Beiden, dem Herrn Lütkens und seiner Hausfrau, war bei dem ganzen Vorgange sehr ängstlich und unheimlich zumute geworden, und schöpften sie gegen die Barbara Roloffin, zumal wenn sie daran dachten, wie die Alte sich in Gegenwart des Fremden so seltsamlich verwandelt, nicht geringen Verdacht, daß sie wohl gar böse Künste treibe. Deshalb verboten sie ihr, wieder über die Schwelle des Hauses zu kommen, und sahen sich nach einer andern Wehmutter um.

Als dies geschah, wurde die alte Barbara Roloffin sehr zornig und rief: Herr Lütkens und seine Hausfrau sollten das Unrecht, das sie ihr antäten, noch schwer bereuen.

Alle Freude und Hoffnung des Herrn Lütkens wurde aber verwandelt in bittres Herzeleid und tiefen Gram, als seine Hausfrau statt des holden Knäbleins, das die Barbara Roloffin prophezeit, einen abscheulichen Wechselbalg zur Welt brachte. Das Ding war ganz kastanienbraun, hatte zwei Hörner, dicke große Augen, keine Nase, ein weites Maul, eine weiße verkehrte Zunge und keinen Hals. Der Kopf stand ihm zwischen den Schultern, der Leib war runzlicht und geschwollen, die Arme hingen an den Lenden, und es hatte lange dünne Schenkel.

Herr Lütkens klagte und lamentierte gar sehr. ›O du gerechter Himmel‹, rief er, ›was soll denn daraus werden! Kann mein Kleines wohl jemals in des Vaters würdige Fußstapfen treten? Hat man jemals einen kastanienbraunen Ratsherrn gesehen mit zwei Hörnern auf dem Kopfe?‹

Der Fremde tröstete den armen Herrn Lütkens, so gut es gehen wollte. Eine gute Erziehung, meinte er, vermöge viel. Unerachtet, was Form und Gestaltung beträfe, der neugeborne Knabe ein arger Schismatiker zu nennen, getraue er sich doch zu behaupten, daß er mit seinen dicken großen Augen gar verständig umherblicke, und auf der Stirn zwischen den Hörnern habe viel Weisheit geräumigen Platz. Wenn auch nicht Ratsherr, so könne doch der Junge ein großer Gelehrter werden, denen oft absonderliche Garstigkeit sehr wohl anstehe und ihnen tiefe Verehrung erwerbe.

Es konnte wohl nicht anders sein, Herr Lütkens mußte im Herzen sein Unglück der alten Barbara Roloffin zuschreiben, zumal als er vernahm, daß sie während der Niederkunft seiner Hausfrau vor der Türe auf der Schwelle gesessen, und Frau Lütkens unter vielen Tränen versicherte, daß sie während den Geburtsschmerzen das häßliche Gesicht der alten Barbara stets vor Augen gehabt und solches nicht loswerden können.

Zur gerichtlichen Anklage wollte zwar der Verdacht des Herrn Lütkens nicht hinreichen, der Himmel fügte es jedoch, daß bald darauf alle Schandtaten der alten Barbara Roloffin an das helle Tageslicht kamen.

Es begab sich nämlich, daß nach einiger Zeit sich um die Mittagsstunde ein grausames Wetter und ungestümer Wind erhob. Und die Leute auf den Straßen sahen, wie die Barbara Roloffin, die eben zu einer Kindbetterin gehen wollen, brausend durch die Lüfte über die Hausdächer und Türme hinweg geführt und auf einer Wiese vor Berlin unversehrt niedergesetzt wurde.

Nun war an den bösen Höllenkünsten der alten Barbara Roloffin nicht mehr zu zweifeln, Herr Lütkens trat mit seiner Anklage hervor und die Alte wurde zur gefänglichen Haft gebracht.

Sie leugnete hartnäckig alles, bis man mit der scharfen Frage wider sie verfuhr. Da vermochte sie nicht, die Schmerzen zu erdulden und gestand, daß sie im Bündnis mit dem leidigen Satan schon seit langer Zeit allerlei heillose Zauberkünste treibe. Sie hätte allerdings die arme Frau Lütkens verhext, und ihr die abscheuliche Mißgeburt untergeschoben, außerdem aber mit zwei andern Hexen aus Blumberg, denen vor einiger Zeit der teuflische Galan den Hals umgedreht, viele Christenkinder geschlachtet und gekocht, um Teurung im Lande zu erregen.

Nach dem Urteilsspruch, der bald erfolgte, sollte das alte Hexenweib auf dem Neumarkt lebendig verbrannt werden.

Als nun der Tag der Hinrichtung herangekommen, wurde die alte Barbara unter dem Zulauf einer unzähligen Menge Volks auf den Neumarkt und auf das daselbst erbaute Gerüst geführt. Man befahl ihr, den schönen Pelz, den sie angetan, abzulegen, das wollte sie aber durchaus nicht tun, sondern bestand darauf, daß die Henkersknechte sie, gekleidet wie sie war, an den Pfahl binden sollten, welches denn auch geschah.

Schon brannte der Scheiterhaufen an allen vier Ecken, da gewahrte man den Fremden, der riesengroß unter dem Volke hervorragte und mit funkelnden Blicken hinstarrte nach der Alten.

Hoch wirbelten die schwarzen Rauchwolken auf, die prasselnden Flammen ergriffen die Kleider des Weibes, da schrie sie mit gellender entsetzlicher Stimme: ›Satan – Satan! hältst du so den Pakt, den du mit mir geschlossen! – Hilf, Satan, hilf! meine Zeit ist noch nicht aus!‹

Und plötzlich war der Fremde verschwunden, und von dem Ort, wo er gestanden, rauschte eine große schwarze Fledermaus auf, fuhr in die Flammen hinein, erhob sich kreischend mit dem Pelz der Alten in die Lüfte, und krachend fiel der Scheiterhaufen in sich zusammen und verlöschte.

Grausen und Entsetzen hatte alles Volk erfaßt. Jeder wurde nun wohl inne, daß der stattliche Fremde kein anderer gewesen, als der Teufel selbst, der Arges gegen die guten Berliner im Schilde geführt haben mußte, da er sich so lange Zeit hindurch fromm und freundlich gebärdet, und mit höllischer Arglist den Ratsherrn Walther Lütkens und viele andere weise Männer und kluge Frauen betrogen.

So groß ist die Macht des Teufels, vor dessen Arglist uns alle der Himmel in Gnaden bewahren wolle!«

 

Als Lothar geendet, schaute er dem Ottmar ins Gesicht mit dem unbeschreiblich komischen süßsauern Blick, der ihm zu Gebote stand in reger Selbstironie.

»Nun was sagst du«, rief Theodor, als Ottmar schwieg, »nun was sagst du, Ottmar, zu Lothars artiger Teufelei, an der das Beste ist, daß sie sich nicht zu breit macht?«

Ottmar hatte, während Lothar las, recht aus dem Innern gelächelt, bei dem Schluß war er ganz still und ernst geworden. »Ich gestehe«, sprach er jetzt, »daß in Lothars Erzählung – Schwank – ich weiß recht, wie ich das Ding nennen soll – ein hin und wieder nicht ganz verfehltes Streben nach einer gewissen drolligen Naivetät vorherrscht, die eigentlich dem Charakter des deutschen Teufels ganz angemessen ist, daß ferner bei dem Hopsen des Teufels mit ehrenwerten Männern über die Gosse, bei dem kastanienbraunen Schismatiker, der nicht ein schöner glauer Ratsherr, wohl aber ein garstiger Gelehrter werden kann, u.s.w. dasselbe Pferdlein Kapriolen macht, das der würdige Lothar ritt, als er den Nußknacker schrieb, doch eben ein anders Pferdlein, mein ich, hätte er reiten sollen, und selbst kann ich nicht sagen, worin es liegt, daß immer mehr und mehr der gemütlich komische Eindruck, den vielleicht die ersten Zeilen hervorbringen könnten, hinschwindet in nichts, und aus diesem Nichts sich dann zuletzt etwas ganz Ungemütliches, Unbehagliches entwickelt, das die Schlußworte, welche wiederum zu jener Naivetät zurückführen sollen, nicht zu vertilgen vermögen.«

»O du aller weisen Kritiker allerweisester«, rief Lothar, »der du dem Unbedeutendsten, das ich jemals schrieb, die Ehre antust, es Brill auf der Nase sorglich zu sezieren, vernimm daß es mir selbst längst zum anatomischen Präparat gedient hat! – Nannte ich denn nicht selbst mein kleines Machwerk das Produkt einer schillernden Laune, habe ich nicht selbst das Anathem darüber ausgesprochen? – Doch es ist gut, daß ich es euch vorlas, denn es gibt mir Gelegenheit, über Geschichten der Art mich recht auszusprechen und ich hoffe euern Beifall einzuernten, ihr guten Serapions-Brüder! – Zuvörderst will ich dir also, geliebter Ottmar, recht genau den Keim des unbehaglichen oder besser unheimlichen Gefühls entwickeln, das dich ergriff, als du dich erst ergötzen wolltest daran, was du drollige Naivetät zu nennen beliebst. – Mag der ehrliche alte Hafftitz Anlaß gehabt haben, jenes seltsame Ereignis wie der Teufel in Berlin ein bürgerliches Leben geführt, anzumerken, welchen er will, genug, die Sache bleibt für uns rein fantastisch, und selbst das Unheimliche Spukhafte, das sonst dem ›furchtbar verneinenden Prinzip der Schöpfung‹ beiwohnt, kann, durch den komischen Kontrast in dem es erscheint, nur jenes seltsame Gefühl hervorbringen, das, eine eigentümliche Mischung des Grauenhaften und Ironischen, uns auf gar nicht unangenehme Weise spannt. Anders verhält es sich mit den leidigen Hexengeschichten. Hier tritt das wirkliche Leben ein mit allen seinen Schrecken. Mir war's als ich von der Hinrichtung der Barbara Roloffin las, als säh ich noch den Scheiterhaufen auf dem Neumarkt dampfen und alle Greuel der fürchterlichen Hexenprozesse traten mir vor die Seele. Ein paar rot funkelnde Augen, ein struppiges schwarzes oder graues Haar, ein ausgedörrter Knochenleib, das reichte hin, ein altes armes Weib für eine Hexe zu erklären, alles Unheil ihren Teufelskünsten zuzuschreiben, ihr in aller juristischen Form zu Leibe zu gehen und sie auf den Scheiterhaufen zu bringen. Die scharfe Frage (Tortur) bestätigte die unsinnigsten Anklagen und entschied alles.«

»Merkwürdig«, unterbrach Theodor den Lothar, »höchst merkwürdig bleibt es aber doch, daß viele angebliche Hexen ganz freimütig ohne allen Zwang ihr Bündnis mit dem Bösen eingestanden. Vor ein paar Jahren fielen mir über Hexerei verhandelte Originalakten in die Hände, und ich traute meinen Augen kaum als ich Geständnisse las, vor denen mir die Haut schauderte. Da war von Salben, deren Gebrauch den menschlichen Körper in irgendein Tier verwandelt, von Ritten auf dem Besenstiel, kurz von allen den Teufelskünsten, wie sie in alten Mären vorkommen, die Rede. Vorzüglich hatten aber immer die angeklagten Weiber ganz frei und frech das unzüchtige Verhältnis mit dem unsaubern höllischen Galan, zuweilen sogar unaufgefordert eingestanden. Sagt, wie konnte das geschehen?«

»Mit«, erwiderte Lothar, »mit dem Glauben an das teuflische Bündnis kam das Bündnis selbst.«

»Wie? – was sagst du?« riefen beide, Ottmar und Theodor.

»Versteht«, fuhr Lothar fort, »versteht mich nur recht. Gewiß ist es, daß in jener Zeit, als niemand an der unmittelbaren Einwirkung des Teufels, an seiner sichtbaren Erscheinung zweifelte, auch jene unglücklichen Wesen, die man so grausam mit Feuer und Schwert verfolgte, an allem dem wirklich glaubten, dessen man sie beschuldigte. Ja daß manche in bösem Sinn durch allerlei vermeintliche Hexenkünste nach dem Bündnisse mit dem Satan trachteten, Gewinstes halber oder um Unheil anzurichten, und dann im Zustande des Wahnsinns, den sinnverstörende Tränke, entsetzliche Beschwörungen erzeugt, den Bösen erblickten und jenes Bündnis wirklich schlossen, das ihnen übermenschliche Macht geben sollte, ist ebenso gewiß. Die tollsten Hirngespinste, wie sie jene Geständnisse enthalten, die auf innerer Überzeugung beruhten, erscheinen nicht zu toll, wenn man bedenkt, welche seltsame Einbildungen, ja welche grauenhafte Betörungen schon der Hysterismus der Weiber hervorzubringen vermag. So büßten jene vermeintlichen Hexen ihren boshaften Sinn, wiewohl zu hart, mit dem grausamsten Tode. Es ist unmöglich, jenen alten Hexenprozessen den Glauben abzusprechen, insofern sie durch Zeugen oder sonst ganz ins klare gesetzte Tatsachen enthalten, und da findet sich denn auch häufig, daß manche der Zauberei Angeklagte wirklich todeswürdige Verbrechen begingen. Erinnert euch der schauderhaften Erzählung unseres herrlichen Tieck, Liebeszauber benannt. Die grauenhafte fürchterliche Tat des entsetzlichen Weibes, die das unschuldige liebliche Kind schlachtet, kommt auch in jenen gerichtlichen Verhandlungen zur Sprache, und so war oft der Feuertod nur die gerechte Strafe des grausamsten Mordes.«

»Mir steigt«, nahm Theodor das Wort, »die Erinnerung auf an einen Moment, in dem mir eine solche fluchwürdige Tat recht dicht vor Augen gerückt wurde und mich mit dem tiefsten Entsetzen erfüllte! – Während meines Aufenthalts in W. besuchte ich das reizende Lustschloß L., von dem es irgendwo mit Recht heißt, es schwimme in dem spiegelhellen See, wie ein herrlicher stolzer Schwan. Man hatte mir schon erzählt, daß nach einem dunklen Gerücht der unglückliche Besitzer desselben, der nicht vor gar zu langer Zeit starb, mit Hülfe eines alten Weibes allerlei Zauberkünste getrieben haben solle, und daß der alte Kastellan, verstehe man sein Vertrauen zu gewinnen, manches darüber andeute. Gleich beim Eintritt war mir dieser Alte höchst merkwürdig. Denkt euch einen eisgrauen Mann, die Spuren des tiefsten Grams im Antlitz, ärmlich nach Art des gemeinen Volks gekleidet, dabei im Betragen ungewöhnliche Bildung verratend, denkt euch, daß dieser Mann, den ihr auf den ersten Blick für einen gemeinen Diener hieltet, mit euch, die ihr die Landessprache nicht versteht, wie ihr wollt, entweder das reinste eleganteste Französisch, oder ebenso italienisch redet! – Es gelang mir, da ich mit ihm allein die Säle durchwanderte, dadurch, daß ich der verworrenen Schicksale seines Herrn gedachte, und mich dabei in die Geschichte jener Zeit eingeweiht zeigte, ihn zu beleben. Er erklärte mir den tieferen Sinn mancher Gemälde, mancher Verzierung, die dem Nichteingeweihten nur als Schmuck erscheinen, und wurde immer wärmer und zutraulicher. Endlich schloß er ein kleines Kabinett auf, dessen Fußboden aus weißen Marmortafeln bestand und in dem nichts weiter als ein einfach gearbeiteter Kessel von Bronze befindlich. Die Wände schienen ihres vormaligen Schmuckes beraubt. Ich wußte, daß ich mich an dem Orte befand, wo der unglückliche Herr des Schlosses verblendet, betört durch die Lust an den üppigen Genüssen des Lebens, sich herabgewürdigt haben sollte zu höllischen Versuchen. Als ich einige Worte darüber fallen ließ, blickte der Alte mit dem Ausdruck der schmerzlichsten Wehmut gen Himmel, und sprach dann tief aufseufzend: ›O heilige Jungfrau, hast du denn verziehen?‹ – Dann wies er schweigend auf eine größere Marmorplatte, die in der Mitte des Fußbodens eingefugt lag. Ich betrachtete die Platte genau und wurde gewahr, daß sich einige rötliche Adern durch den Stein zogen. Als ich aber immer schärfer und schärfer hinblickte, hilf Himmel, da traten, wie aus einem deformierten Gemälde, dessen verstreute Lineamente sich nur einen, wenn man es durch ein besonders vorbereitetes Glas betrachtet, die Züge eines menschlichen Antlitzes hervor. Es war das Antlitz eines Kindes, das mich mit dem herzzerschneidenden Jammer des Todeskampfes aus dem Stein anschaute. Aus der Brust quollen Blutstropfen, der übrige Teil des Körpers verlor sich wie in ein Gewässer hinein. Mit Mühe überwand ich das Grauen, das Entsetzen, das mich übermannen wollte. Ich war keines Wortes mächtig, schweigend verließen wir den schauerlichen verhängnisvollen Ort. – Erst im Park lustwandelnd überwand ich das unheimliche Gefühl, das mir beinahe das ganze kleine Paradies verleidet hätte. Aus manchen Worten des alten Kastellans konnt ich schließen, daß jenes verruchte Wesen, das sich dem sonst großherzigen gemütvollen Herrn anzudrängen wußte, ihm den schönsten seiner Wünsche, unfehlbares dauerndes Glück in der Liebe, ewige Liebeslust zu erfüllen verhieß, mittelst schwarzer Künste, und ihn dadurch verlockte zum Entsetzlichen.«

»Das ist«, rief Ottmar, »das ist etwas für unsern Cyprian, der würde sich erfreuen an dem blutigen Kinde in Marmor gebildet, und nebenher den alten Kastellan sehr liebgewinnen.«

»Mag«, fuhr Theodor fort, »mag alles auf törichter Einbildung beruhen, mag alles eine im Volk verstreute Fabel sein, mag der besonders geaderte Stein das Kind so darstellen, wie eine lebendige Fantasie aus buntem Marmor allerlei Figuren und Bilder herausfindet, irgend etwas Unheimliches muß sich doch wirklich begeben haben, da sonst der alte treue Diener unmöglich die Schuld des Herrn so tief in der Seele getragen, ja jenem wunderbaren Stein solch eine gräßliche Bedeutung gegeben hätte.«

»Wir wollen«, sprach Ottmar, »wir wollen gelegentlich den heiligen Serapion darüber befragen, was es eigentlich für eine Bewandtnis mit der Sache hat, für jetzt aber die Hexen Hexen sein lassen, und uns nur noch einmal zum teutschen Teufel wenden, über den ich noch einiges beizubringen gedenke. – Ich meine nämlich, daß die wahrhafte teutsche Gemütlichkeit sich recht in der Art ausspricht, wie der leidige Satan dargestellt wird im menschlichen Leben hantierend. Er versteht sich auf alles Unheil, Grauen und Entsetzen, auf alle Verführungskünste, er vergißt nicht den frommen Seelen nachzustellen, um so viele als möglich für sein Reich zu gewinnen; aber dabei ist er doch ein ganz ehrlicher Mann, denn auf das genaueste, pünktlichste hält er sich an den geschlossenen Kontrakt, und so kommt es denn, daß er gar oft überlistet wird und wirklich als dummer Teufel erscheint, woher denn auch die Redensart kommen mag: das ist ein dummer Teufel! – Aber noch mehr, der Charakter des teutschen Satans hat eine wunderbare Beimischung des Burlesken, durch die das eigentlich sinnverstörende Grauen, das Entsetzen, das die Seele zermalmt, aufgelöst, verquickt wird. Die Kunst, den Teufel ganz auf diese deutsch gemütliche Weise darzustellen, scheint aber verloren, denn in den neuen Teufelsspukgeschichten ist jene Mischung niemals geraten. Entweder wird der Teufel zum gemeinen Hanswurst, oder das Grauenhafte, Unheimliche, zerreißt das Gemüt.«

»Du vergissest«, unterbrach Lothar den Ottmar, »du vergissest eine neue Erzählung, in der jene Mischung des wunderbar Gemütlichen, das wenigstens an das Komische anstreift, mit dem Grauenhaften gar herrlich geraten ist, und die Wirkung jener einfachen altertümlichen Teufelsspukgeschichten in ganzem Maß hervorbringt. Ich meine Fouqués meisterhafte Erzählung: Das Galgenmännlein, für dessen Brüderlein, könnt es noch geboren werden, ich gern einige Harnischmänner eintauschen möchte. Trotz des kleinen grauenhaft muntern Kerls in der Flasche, der in der Nacht herauswächst und sich rauhhaarig an die Backe des von fürchterlichen Träumen geängsteten Herrn legt, trotz des entsetzlichen Mannes in der Bergschlucht, dessen mächtiger Rappe wie eine Fliege die steile Felsenwand hinanklimmt, trotz alles Unheimlichen, das in der Geschichte gar reichlich vorhanden, ist die Spannung, die sie im Gemüt erzeugt, nichts weniger als verstörend. Die Wirkung gleicht der eines starken Getränks, das die Sinne heftig aufreizt, zugleich aber im Innern eine wohltuende Wärme verbreitet. In dem durchaus gehaltenen Ton, in der Lebenskraft der einzelnen Bilder liegt es, daß, ist man beim Schluß selbst von der Wonne des armen Teufels, der sich glücklich aus den Klauen des bösen Teufels gerettet, durchdrungen, nochmals all die Szenen, die in das Gebiet des gemütlich Komischen streifen, z. B. die Geschichte vom Halbheller, hell aufleuchten. Ich erinnere mich kaum, daß irgendeine Teufelsgeschichte mich auf so seltsam wohltuende Weise gespannt, aufgeregt hätte, als eben Fouqués Galgenmännlein.«

»Es ist«, nahm Theodor das Wort, »es ist gar nicht zu bezweifeln, daß Fouqué den Stoff seines Galgenmännleins aus irgendeinem alten Buch, aus irgendeiner alten Chronik entnommen.«

»Ich will«, erwiderte Lothar, »ich will nicht glauben, daß du, sollte das wirklich der Fall sein, deshalb das Verdienst des Dichters auch nur im mindesten geschmälert achtest, und so mit gewöhnlichen Rezensenten gleichen Sinnes bist, deren ganz eigentliche Praxis es erfordert gleich nachzuspüren, wo etwa der Grundstoff zu diesem und jenem poetischen Werk liegen könne. Den Fund verkündigen sie dann mit vielem Pomp, stolz auf den armen Dichter hinabsehend, der nichts tat, als die Figur kneten aus einem Teig, der schon vorhanden war. Als ob es darauf ankommen könnte, daß der Dichter den Keim, den er irgendwo fand, in sein Inneres aufnahm, als ob die Gestaltung des Stoffs nicht eben den wahrhaften Dichter bewähren müsse! – Doch wir wollen uns an unsern Schutzpatron, den heiligen Serapion erinnern, der selbst Geschichtliches so aus seinem Innern herauserzählte, wie er alles selbst mit eignen Augen lebendig erschaut und nicht wie er es gelesen.«

»Du tust«, sprach Theodor, »du tust mir großes Unrecht, Lothar, wenn du glaubst, ich sei andrer Meinung. Wie ein Stoff bearbeitet oder vielmehr lebendig gestaltet werden kann, hat niemand herrlicher bewiesen als Heinrich Kleist in seiner vortrefflichen klassisch gediegenen Erzählung von dem Roßhändler Kohlhaas.«

»Und«, unterbrach Lothar den Freund, »und um so mehr gehört der Kohlhaas ganz dem herrlichen Dichter, den ein düstres Verhängnis uns viel zu früh entriß, als die Nachrichten von jenem furchtbaren Menschen, so wie sie im Hafftitz stehen, ganz mager und ungenügend sind. Doch weil ich eben des Hafftitz gedenke, so will ich euch nur gleich eine Erzählung vorlesen, zu der ich manche Grundzüge eben aus dem Microchronicon entnahm, und die ich in dem Anfall einer durchaus bizarren Laune, der mehrere Tage anhielt, aufschrieb. Magst du, o mein Ottmar, daraus entnehmen, daß es mit dem Spleen, den mir Theodor andichten will, eben nicht so arg ist, als man wohl meinen möchte.«

Lothar zog ein Manuskript hervor und las.

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