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Die Serapions-Brüder

E.T.A. Hoffmann: Die Serapions-Brüder - Kapitel 37
Quellenangabe
typenarrative
booktitleDie Serapions-Brüder
authorE. T. A. Hoffmann
year1976
publisherWinkler Verlag
addressMünchen
isbn3-538-05113-5
titleDie Serapions-Brüder
pages3-5
created20001223
sendergerd.bouillon@t-online.de
firstpub1821
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Vierter Abschnitt

Vinzenz und Sylvester hatten sich eingefunden. Lothar hielt ihnen eine lange Rede, worin er auf höchst ergötzliche Weise sehr weitläuftig die Pflichten eines würdigen Serapions-Bruders entwickelte: »Und nun«, schloß er, »versprecht mir, teure würdige Novizen, mittelst feierlichen Handschlags der Regel des heiligen Serapion treu zu sein, d. h. euer ganzes Bestreben dahin zu richten, bei den Versammlungen des schönen Bundes euch so geistreich, lebendig, gemütlich, anregbar und witzig zu zeigen, als es nur in euern Kräften steht.«

»Ich«, nahm Vinzenz das Wort, »ich für mein Teil verspreche das mit voller Seele. Ich will meine ganze Habe an Geist und Gemüt zur Bundeskasse tragen, aus der ihr mich dann ernähren, ja ordentlicherweise mästen könnt. Ich will jedesmal, wenn ich bei euch einzutreten gedenke, wie man im Sprüchwort sagt, vorher meinem Affen reichlichen Zucker darbieten, damit er Lust bekomme zu allerlei zierlichen Kapriolen. Und da euer Schutzpatron allen Ruhm, alle Ehre erworben durch geziemlichen Wahnsinn, will ich mich vorzüglich bemühn ihm nachzueifern, so daß es dem Bunde nie an lobenswerter Tollheit fehlen soll. Ich kann, verlangst du es, mein würdiger Lothar, wünscht ihr es, meine geschätztesten Serapions-Brüder mit den saubersten fixen Ideen wechseln. Ich kann mir wie der Professor Titel einbilden, römischer Kaiser, oder wie der Pater Sgambari, Kardinal zu sein. Ich kann wie jene Frau des Trallianus glauben, das Weltall ruhe auf meinem linken Daumen oder meine Nase sei von Glas und leuchte in den schönsten Farben prismatisch hinauf, an Wand und Decke, oder mich wie der kleine Schotte Donald Monro, für einen Spiegel halten, und alle Blicke, Grimassen, Posituren dessen nachmachen, der mir ins Gesicht schaut. Ja ich kann überzeugt sein, meine anima sensitiva habe mir, wie dem Chevalier D'Epernay, den Kopf kahl geschoren und ich flöße euch nur Respekt ein durch die wenigen Haare, die ich noch auf den Zähnen behalten. – Ihr werdet als würdige Serapions-Brüder all diesen Wahnsinn zu ehren wissen! – Tut das Leute! und verfallt nicht etwa darauf mich kurieren und gar Mittel anwenden zu wollen nach der Methode des Börhave, des Merkurialis, des Antius von Amyda, des Friedrich Kraft, des Herrn Richter, welche sämtlich sattsames Prügeln anraten und sanftes Maulschellieren. Und doch wirken Prügel wohltätig auf Verstand und Herz und beleben den Körper zu den wichtigsten Funktionen. – Was wäre aus uns geworden, hätten wir eine einzige Vokabel in den Kopf gebracht in Quinta ohne nützliches Prügeln? – Ja! ich gedenke noch daß, wie ich in meinem zwölften Jahre Werthers Leiden gelesen hatte, ich mich stracks in ein dreißigjähriges Fräulein verliebte und mich totschießen wollte. Mein Vater heilte glücklich die zu große Reizbarkeit meines Herzens nach Rhases und Valuscus de Taranta, welche eine gute Tracht Schläge auf den H– als ein kräftiges Mittel wider die Liebe empfehlen. Zu gleicher Zeit weinte der Alte heiße Vatertränen vor Freude über die Entdeckung daß sein Söhnlein wirklich kein Esel sei, denn dieses Tier wird nach bekannter Erfahrung desto verliebter, je mehr und besser man es prügelt! – Und was den Körper anlangt und dessen Funktionen! – O ruft euch doch nur jenen venusinischen Prinzen ins Gedächtnis, dessen Campanella erwähnt! – Der gute Fürst konnte nicht anders zu Stuhle gehn als wenn er vorher von einem dazu ausdrücklich besoldeten Mann erklecklich abgeprügelt worden!«

»O aller Fabulanten ergötzlichster Fabulant«, rief Theodor, »du ganzes Geschwornengericht des skurrilen Spaßes, wie lustig verführst du deine Kapriolen und Kurbetten! Aber tue das immerhin – Blitze hinein, sollte es manchmal zu still und dunkel unter uns werden mit den absonderlichsten Redensarten und belebe vorzüglich unsern Sylvester, der nach seiner gewöhnlichen Art und Weise bis jetzt noch kein einziges Wort gesprochen.«

»Überhaupt«, sprach Ottmar, »habe ich mich kaum überzeugen können, daß es wirklich Sylvester ist der dort auf dem Stuhle sitzt und uns so freundlich anlächelt. Denn ganz unmöglich scheint es mir, daß er so bald seinen ländlichen Aufenthalt verlassen konnte, dessen Vorzüge vor unserer Stadt er so hoch pries und ich denke immer, am Ende ist es nur ein hübscher Spuk und Sylvester verschwindet uns plötzlich vor unsern sehenden Augen in den zierlichen Dampfwolken die er aus dem Zigarro bläst!«

»Gott behüte und bewahre«, rief Sylvester lachend, »glaubst du denn daß ich friedlicher ruhiger Mann mich umgesetzt habe in einen Hexenkerl, der ehrliche Leute neckt mit seiner werten Person? Glaubst du, daß ich die mindeste Anlage habe zu einem Philadelphia oder Svedenborg? – Beklagst du dich Theodor, über meine Wortkargheit, so wisse, daß ich gerade heute mit Bedacht den Atem spare, weil ich nichts Geringeres im Sinn trage, als euch eine ziemlich lange Erzählung vorzulegen, zu der mich ein sehr hübsches Bild unseres wackern Karl Kolbe entzündete und die ich während meines ländlichen Aufenthalts niederschrieb. – Wunderst du dich darüber, Ottmar, daß ich, unerachtet ich die Muße des Landlebens so hoch stelle, doch wieder hieherkam, so bedenke, daß, ist auch das ewige rastlose Gewühl, die leere Geschäftigkeit der großen Stadt meinem ganzen innern Wesen zuwider, ich doch auch dagegen, will ich als Dichter und Schriftsteller bestehen mancher Anregung bedarf, die ich nur hier finde. Jene Erzählung, die ich für gut halte, wäre nimmermehr entstanden, hätte ich nicht Kolbes Bild auf der Kunstausstellung geschaut, und hätte ich nachher mich nicht der Muße des Landlebens hingegeben.«

»Sylvester hat recht«, nahm Lothar das Wort, »wenn er als Schauspiel- als Romandichter die Anregungen in dem bunten Gewühl der großen Stadt sucht und dann dem Geist ruhige Muße gönnt das zu schaffen wozu er angeregt worden. Jenes Bild konnte Sylvester auch auf dem Lande schauen, aber nicht die lebendigen Personen, die sich darumher bewegten und in die hinein jene gemalten Personen des Bildes traten. Dichter jener Art dürfen sich nicht zurückziehen in die Einsamkeit, sie müssen in der Welt leben, in der buntesten Welt, um schauen und auffassen zu können ihre unendlich mannigfachen Erscheinungen!«

»Ha!« rief Vinzenz, »wie jauchzt der Herr von Jaques im Shakespeare, als er den Monsieur Probstein im Walde gefunden? – ›Ein Narr, ein Narr! – Ich traf 'nen Narrn im Walde, 'nen scheckigen Narrn – o jämmerliche Welt.‹ So jauchze ich: ›Ein Poet! – ein Poet! – ich traf einen Poeten!‹ – Der taumelte zu hoher Mittagszeit aus dem Dritten Weinhause, schaute hinauf mit den trunkfeuchten Augen zur Sonne, rief begeistert: ›O süßes mildes Mondenlicht, wie fallen deine Strahlen in mein Innres hinein und erleuchten sattsam die ganze Welt, die ich darin hege und pflege! – Wandle vor mir her, wackres Gestirn damit ich nach dem Ort hinsteure wo mir Lebenserfahrung, Menschenkenntnis zuströmt in Fülle zum nützlichen Gebrauch – Charakter! – lebendige Zeichnung ohne Studien nicht möglich – Herrliches Getränk, vortrefflicher Eifer der die Herzen erschließt und die Fantasie entzündet! – Ja er lebt in mir, der dort in jenem Zimmer Salami genießt. Es ist ein großer hagrer Mann, trägt einen blauen Frack mit gelben Knöpfen, englische Stiefel, schnupft Tabak aus einer schwarzlackierten Dose, spricht geläufig Deutsch und ist daher, unerachtet jener Stiefel und der italienischen Wurst ein deutscher herrlicher lebensvoller Charakter für meinen neuesten Roman! – Aber – mehr Menschenkenntnis – mehr Charaktere!‹ – Und damit lief mein Poet mit günstigem Winde ein, in die Bucht des Vierten Weinhauses!«

»Schweige«, rief Lothar, »schweige du Olivarius Textdreher! – So nenne ich dich, weil du mir in der Tat meinen ganzen Text verdrehst! – Ich weiß recht gut, was du mit deinem trunknen Poeten, der Lebenserfahrung in den Weinhäusern sammelt und mit seinem Mann im blauen Frack meinst, und mag über dieses Thema gar nichts mehr sagen. Aber ganz andere Leute glauben ebenfalls, daß sie, haben sie die Persönlichkeit dieses, jenes unbedeutenden Subjekts das ihnen in den Weg kam, genau abgeschrieben, ins Leben greifende Charaktere aufstellten. Mit dem besonderen Zopf, den dieser, jener alte Mann trägt, mit der Farbe, in die sich dieses, jenes Mädchen kleidet, ist es noch gar nicht getan. Es gehört ein eigner Sinn, ein durchdringender Blick dazu, die Gestalten des Lebens in ihrer tieferen Eigentümlichkeit zu erschauen und auch mit diesem Erschauen ist es noch nicht getan. All die aufgefaßten Bilder wie sie im ewigen bunten Wechsel sich ihm zeigten bringt der Geist, der in dem wahren Dichter wohnt, erst auf die Kapelle und wie aus dem Niederschlag des chemischen Prozesses gehen als Substrat die Gestalten hervor, die der Welt, dem Leben in seiner ganzen Extension angehören. Das sind die wunderbaren Personen, die ohne Rücksicht auf Ort, auf Zeit ein jeder kennt, mit denen ein jeder befreundet ist, die fort und fort unter uns lebendig wandeln! – Darf ich wohl des herrlichen Sancho Pansa, des Falstaff erwähnen? – Und weil du, Vinzenz, gerade vom blauen Frack sprachst, es ist wohl ein eigen Ding, daß die Gestalt, die der wahre Dichter auf jene Weise schuf, sich von selbst ganz artig und ihrem Charakter gemäß kleidet« – »Ei«, sprach Ottmar, »das ist im Leben auch nicht anders. Gewiß haben wir alle bei irgendeiner besondern Erscheinung, die uns in den Weg trat, sehr lebhaft gefühlt, daß der Mann vermöge seines ganzen Wesens nun ganz unmöglich eine andere Mütze, einen andern Hut, einen anderen Rock tragen dürfe als wie er ihn eben trägt. Daß dies geschieht ist eben nicht so wunderbar als daß wir es erkennen.«

»Liegt«, unterbrach Cyprian den Freund, »liegt es denn aber nicht bloß in unserer Erkenntnis daß es geschieht?« – »O Spitzfündigkeit ohnegleichen«, rief Vinzenz. »Und«, sprach Sylvester mit lebhafteren Ton als es sonst seine Art war, »und alles was Lothar behauptet ist doch so wahr, so recht aus meiner Seele genommen. – Vergeßt aber nicht, daß nächst unserm erquicklichen Zusammensein ich auch auf dem Lande einen Genuß entbehre, der mein ganzes Wesen, es ganz und gar durchdringend, hoch erhebt. Ich meine nichts anders als die mannigfachen musikalischen Produktionen, die Aufführungen der herrlichsten Meisterwerke des Gesanges. Erst heute hat mich Beethovens Messe, die, wie ihr wißt, in der katholischen Kirche aufgeführt wurde, wahrlich im höchsten Sinn des Worts ergriffen.«

»Und das«, sprach Cyprian mürrisch, »verwundert mich nur deshalb nicht, weil dir, Sylvester, die Entbehrung dergleichen Dinge im bessern Licht erscheinen läßt. Dem Hungrigen schmeckt die geringere Kost. Denn aufrichtig gesagt, Beethoven hat in seinem Hochamt eine gar hübsche auch wohl geniale Musik geliefert aber nur durchaus kein Hochamt. – Wo ist der strenge Kirchenstil geblieben!«

»Ich weiß es schon«, nahm Theodor das Wort, »du Cyprian! statuierst nur die alten Tonsetzer, erschrickst in der Kirchen-Partitur vor allen schwarzen Noten und treibst die Strenge gegen alles Neuere bis zur Ungerechtigkeit.«

»Wahr ist es indessen«, sprach Lothar, »daß in Beethovens Messe mir vieles zu jubilierend zu irdisch jauchzend klingt. Überhaupt möcht ich wissen worin die völlige miteinander kontrastierende Verschiedenheit des Geistes liegt in dem die Meister die einzelnen Sätze des Hochamts komponiert haben?«

»Ei«, rief Sylvester, »das ist es auch, was mir so oft als unerklärlich aufgefallen ist. Man sollte meinen, daß z. B. die Worte: Benedictus qui venit in nomine domini, nur auf gleiche fromme ruhige Weise gesetzt werden könnten und doch weiß ich nicht allein, daß diese Worte von den größten Meistern in ganz verschiedenem Charakter komponiert worden sind, sondern auch daß, von den verschiedensten Empfindungen durchdrungen, ich niemals die Komposition dieses, jenes großen Mannes, als verfehlt zu verwerfen vermochte. – Theodor könnte uns hierüber aufklären.«

»Das wollte ich wohl«, sprach Theodor, »so gut ich's vermag, aber ich müßte euch eine kleine Abhandlung vortragen, die mit ihrem Ernst sonderbar abstechen würde gegen die lustige Weise, in der heute unsere Versammlung begann.«

»Ist es«, erwiderte Ottmar, »ist es denn nicht eben recht serapionsmäßig, daß Ernst und Scherz wechsele? Sprich dich daher nur getrost aus Theodor, über einen Gegenstand, der uns alle, nehme ich etwa unsern Vinzenz aus, der nichts von der Musik versteht, höchlich interessiert. – Ich bitte auch den neuen Serapions-Bruder Vinzenz, daß er den skurrilen Spaß, der ihm eben auf den Lippen schwebt, verschlucke und unsern Redner nicht unterbreche!«

»O Serapion!« seufzte Vinzenz mit aufwärts gerichtetem Blick; Theodor begann aber ohne weiteres in folgender Art.

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