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Die Serapions-Brüder

E.T.A. Hoffmann: Die Serapions-Brüder - Kapitel 14
Quellenangabe
typenarrative
booktitleDie Serapions-Brüder
authorE. T. A. Hoffmann
year1976
publisherWinkler Verlag
addressMünchen
isbn3-538-05113-5
titleDie Serapions-Brüder
pages3-5
created20001223
sendergerd.bouillon@t-online.de
firstpub1821
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Zwei Jahre waren vergangen, als gerade am zweiten Pfingstfeiertage Marzell, der abermals den Kriegsdienst verlassen hatte und nach Berlin zurückgekehrt war, im Weberschen Zelt über die Barriere gelehnt, mancherlei Gedanken nachhängend, in die Spree hinabsah. Es klopfte ihm jemand leise auf die Schulter, und als er um sich blickte, standen Alexander und Severin vor ihm. »So muß man die Freunde suchen und finden«, rief Alexander indem er Marzell voll inniger Freude umarmte. »Mir«, fuhr Alexander fort, »mir nichts weniger träumend, als einen von euch gerade heute wiederzusehen, wandelte ich eines Geschäfts halber durch die Linden, dicht vor mir geht eine Gestalt – ich traue meinen Augen nicht – ja es ist Severin! – Ich rufe, er dreht sich um, der meinigen gleich ist seine Freude, ich lade ihn ein in meine Wohnung, er schlägt es mir rund ab, weil ihn ein unwiderstehlicher Trieb fortjagt nach dem Weberschen Zelt. Was kann ich anders tun, als mein Geschäft aufgeben und gleich mit ihm gehen. Seine Ahnung hat ihn nicht betrogen, er wußte im Geist, daß du hier sein würdest.« »In der Tat«, fiel Severin ein, »es war mir in der Seele ganz deutlich, daß ich Alexander sowohl, als dich hier treffen müsse, und nicht erwarten konnte ich das freudige Wiedersehen.« Die Freunde umarmten sich aufs neue. »Findest du nicht, Alexander«, sprach Marzell, »daß Severins kränkliche Blässe ganz verschwunden ist; er sieht wunderbar frisch und gesund aus, und die fatalen finsteren Wolkenschatten liegen gar nicht mehr auf der freien Stirne.« »Dasselbe«, erwiderte Severin, »möchte ich von dir behaupten, mein lieber Marzellus. Denn sahst du gleich nicht krank aus, wie ich, der ich es wirklich war an Leib und Gemüt, so beherrschte die eigene Verstimmung im Innern dich doch so ganz und gar, daß sie dein jugendliches munteres Gesicht schier in das eines grämlichen Alten verwandelte. Ich glaube, wir sind beide durchs Fegfeuer gegangen, und am Ende auch wohl Alexander. Hatte der nicht auch zuletzt all seine Heiterkeit verloren und machte solch ein verdammtes Arzeneigesicht, auf dem man hätte lesen mögen: Alle Stunde einen Eßlöffel voll? Mag ihn nun die selige Tante so geängstet, oder, wie ich beinahe glaube, etwas anderes geplagt haben, aber so wie wir, ist er erstanden.« »Du hast recht«, fiel Marzell ein, »aber je mehr ich den Burschen ansehe, desto klarer wird es mir, was Geld und Gut vermag auf dieser Erde. Hat der Mensch jemals solch rote Backen, solch rundliches Kinn gehabt? Glänzt er nicht vor Wohlbehaglichkeit? Sprechen nicht diese süß gezogenen Lippen: Der Rostbeef war delikat und der Burgunder von der feinsten Sorte!« Severin lachte. »Bemerke«, fuhr Marzell weiter fort, indem er Alexandern bei beiden Armen erfaßte und sanft herumdrehte, »bemerke gefälligst dies superfeine Tuch des modernen Fracks, diese blendendweiße, sauber gefältelte Wäsche, diese reiche Uhrkette mit siebenhundert goldenen Petschaften! – Nein sage, Junge! wie bist du zu dieser enormen, dir ganz fremden Eleganz gekommen? – Gott weiß, ich glaube gar, der üppige Mensch, von dem wir sonst, wie Falstaff vom Friedensrichter Schaal, sagten, daß er füglich in eine Aalhaut gepackt werden könne, fängt an sich ganz rundlich zu formen. – Sage, was ist mit dir vorgegangen?« »Ei«, erwiderte Alexander, indem eine leise Röte sein Gesicht überflog, »ei, was ist an meiner Gestalt weiter Verwunderliches. Seit einem Jahr habe ich dem königlichen Dienst entsagt, und lebe froh und heiter.« »Eigentlich«, fing Severin, der nicht viel auf Marzell gehört, sondern nachdenklich gestanden, jetzt wie erwachend an: »eigentlich verließen wir uns recht unfreundlich, gar nicht wie es alten Freunden ziemt.« »Du vorzüglich«, sprach Alexander: »denn du liefst davon ohne einem Menschen etwas zu sagen.« »Ach«, erwiderte Severin, »ich war damals in großer Narrheit befangen, so wie du und Marzell, denn –« er stockte plötzlich, und die Freunde sahen sich mit funkelndem Blick an, wie Leute, die derselbe Gedanke gleich einem elektrischen Schlage durchblitzt. Sie waren nämlich unter Severins Worten Arm in Arm vorgeschritten und standen gerade an dem Tisch, wo vor zwei Jahren am Pfingstfeiertage das schöne holde Himmelskind saß, das allen die Köpfe verrückte. Hier – hier saß sie, sprach es jedem aus den Augen, es war so, als wenn sie an demselben Tisch Platz nehmen wollten; Marzell rückte schon die Stühle ab, doch gingen sie schweigend weiter, und Alexander ließ einen Tisch gerade an die Stelle setzen, wo sie vor zwei Jahren saßen. Schon war der bestellte Kaffee da und noch sprach keiner ein Wort; Alexander schien der beklommenste von allen. Der Kellner, Zahlung erwartend, blieb stehen, er blickte bald den einen, bald den andern der stummen Gäste verwundert an, er rieb sich die Hände, er hüstelte, endlich frug er mit gedämpfter Stimme: »Befehlen Sie vielleicht Rum meine Herrn?« Da schauten sich die Freunde an, und brachen dann plötzlich in ein unmäßiges Gelächter aus. »Ach du meine Güte, mit denen ist es nicht recht!« rief der Kellner bestürzt zwei Schritte rückwärts springend. Alexander beschwichtigte den Erschrockenen durch Zahlung, und nachdem er sich wieder hingesetzt, fing Severin an: »Das, was ich erst weiter ausführen wollte, haben wir alle drei mimisch dargestellt, und der beruhigende Schluß nebst Nutzanwendung lag in unsern recht aus dem Innern herausströmenden Lachen! – Heute vor zwei Jahren fingen wir uns in großer Narrheit, wir schämen uns ihrer und sind davon totaliter geheilt.« »In der Tat«, sprach Marzell, »das freilich wunderhübsche Mädchen hatte uns allen die Köpfe sattsam verrückt.« »Wunderhübsch, ja wunderhübsch«, lächelte Alexander behaglich. »Aber«, fuhr er mit etwas ängstlich beklommenem Ton fort, »du behauptest Severin, daß wir alle von der Narrheit, das heißt, von dem tollen Verliebtsein in jenes uns unbekannt gebliebene Mädchen geheilt sind, aber ich setze den Fall, daß sie ebenso schön, ebenso anmutig im ganzen Wesen in diesem Augenblick wieder hier erschiene und sich dort an jenen Platz setzte, würden wir nicht aufs neue in die alte Torheit verfallen?« »Für mich«, nahm Severin das Wort, »kann ich wenigstens einstehen, denn ich bin auf eine sehr empfindliche Weise geheilt worden.« »Mir«, sprach Marzell, »ist es nicht besser gegangen, denn toller kann niemand in der Welt mystifiziert werden, als ich es wurde bei näherer Bekanntschaft mit der unvergleichlichen Dame.« »Unvergleichliche Dame, nähere Bekanntschaft!« – fiel Alexander ihm heftig ins Wort. »Nun ja, leugnen mag ich es nicht«, fuhr Marzell fort, »daß jenem Abenteuer hier – beinahe mag ich's so nennen – ein kleiner Roman in einem Bande, eine Posse in einem Akt folgte.« »Ist es mir denn besser gegangen«, sprach Severin, »hatte aber, o Marzellus! dein Roman einen Band, deine Posse einen Akt, so spielte ich nur ein Duodezbändchen, nur eine Szene durch!« Alexander war blutrot im Gesicht geworden, Schweißtropfen standen ihm auf der Stirne, er holte kurz Atem, wühlte in dem wohlgekräuselten Toupet, kurz aller Merkmale der heftigsten innern Erregung konnte er, sichtlichen Anstrengens unerachtet, so wenig Herr werden, daß Marzell fragte: »Aber sage mir nur, Bruder, was hast du? was geht in dir vor?« »Was wird es anders sein«, sprach Severin lachend, »als daß er in die Dame, der wir entsagt, noch bis über die Ohren verliebt ist, und uns nicht traut, oder wohl gar wunder denkt, wie unsere Romane beschaffen waren und plötzlich eifersüchtig wird, ohne im mindesten Ursache dazu zu haben, denn wenigstens ich bin garstig gemißhandelt worden.« »Ich auf gewisse Weise ebenfalls«, sprach Marzell, »und ich schwöre dir zu, Alexander, daß der Funke, der damals in meine Seele fiel, völlig zum Niewiederaufglimmen verlöscht ist, du kannst also getrost die Dame lieben, soviel du willst.« »Meinetwegen auch«, setzte Severin hinzu. Alexander, völlig aufgeheitert, lachte nun sehr, indem er sprach: »In gewisser Art habt ihr mich richtig beurteilt, aber dann seid ihr auch wieder auf ganz falschem Wege. Hört also: Leugnen mag ich es gar nicht, daß gedenkend des verhängnisvollen Nachmittags, jenes holde Mädchen in all ihrem wunderbaren Liebreiz mir so lebendig vor Augen stand, daß ich ihre anmutige Stimme zu hören, ihre weiße, zarte, nach mir ausgestreckte Hand erfassen zu können glaubte. Da war es, als könne ich nur sie mit der ganzen Gewalt der höchsten, im Innern brennenden Leidenschaft lieben, als könne ich nur in ihrem Besitz glücklich sein – und das wäre denn doch ein großes Unglück.« »Wieso? – warum?« riefen Marzell und Severin heftig. »Weil«, erwiderte Alexander gelassen, »weil ich seit einem Jahre verheiratet bin!« – »Du? verheiratet? seit einem Jahre?« – so schrieen die Freunde, indem sie die Hände zusammenschlugen und dann hell auflachten. »Wer ist deine Ehehälfte? – ist sie schön? – reich? – arm? – jung? – alt? – wie – wo – wann – was –« »Ich bitte euch«, fuhr Alexander kleinlaut fort, indem er, die linke Hand auf den Tisch gestützt, mit der rechten, an deren kleinem Finger neben einem Chrysopras der Trauring blitzte, den Löffel ergriff und den Kaffee, tief in die Tasse guckend, umrührte. – »Ich bitte euch, verschont mich mit allen Fragen, und wollt ihr mir obendrein einen recht herzlichen Gefallen erzeigen, so erzählt mir hübsch, was euch nach jenem Abenteuer mit der Dame geschah.« »Ei ei Bruder«, sprach Marzell: »mir scheint, als ob du übel angekommen seist. Sollte der Teufel dich geplagt haben, gar Falters goldgelbes Alräunchen –« »Hast du mich lieb«, fiel ihm Alexander ins Wort, »so quäle mich nicht mit Fragen, sondern erzähle mir deinen Roman.« »Da haben wir den Spuk«, rief Severin ganz verdrießlich, »zu seinen Tellern und Schüsseln, Kesseln und Kasserollen hat er eine Frau, gleichviel welche, stellen zu müssen geglaubt, blindlings zugegriffen, und nun sitzt er da, Reue und verbotene Liebe im Herzen – wozu nun freilich sein glattes Aussehen nicht recht passen will. Was sagt denn die selige Tante mit ihren Magentropfen dazu?« »Die ist sehr zufrieden mit mir«, sprach Alexander sehr ernsthaft, »aber«, fuhr er fort, »wollt ihr mir die Stunde des Wiedersehns nicht auf immer verbittern, wollt ihr mich nicht mit Gewalt von euch forttreiben, so hört auf mit Fragen und erzählt.«

Alexanders Betragen kam den Freunden ganz wunderlich vor, doch merkten sie wohl, daß sie den tief Verwundeten nicht mehr reizen dürften, Marzell fing daher den gewünschten Roman ohne weiteres in folgender Art an.

»Es steht fest, daß heute vor zwei Jahren ein hübsches Mädchen auf den ersten Blick uns allen dreien die Köpfe verrückte, daß wir uns wie junge verliebte Hasenfüße betrugen und den Wahnsinn, der uns befangen, nicht loswerden konnten. Nacht und Tag, wo ich ging und stand, verfolgte mich des Mädchens Gestalt, sie schritt mit mir zum Kriegsminister, sie trat mir aus dem Schreibpult des Präsidenten entgegen und verwirrte durch ihren holden Liebesblick meine wohlstudierten Reden, so daß man mitleidig fragte, ob ich noch an meiner Kopfwunde litte. Sie wiederzusehn, war all mein Ziel und rastloses Streben. Ich lief wie ein Briefträger, von Morgen bis Abend durch die Straßen, schaute nach allen Fenstern hübscher Leute, aber umsonst – umsonst. – jeden Nachmittag war ich im Tiergarten hier im Weberschen Zelt« – »Ich auch! ich auch!« – riefen Severin und Alexander. »Ich habe euch wohl gesehen, aber sorglich vermieden«, sprach Marzell. »Geradeso haben wir es auch gemacht«, riefen die Freunde und alle drei zusammen im Tutti: »O wir Esel!« – »Alles, alles war vergebens«, fuhr Marzell fort, »aber ich hatte keine Rast, keine Ruhe. Gerade die Überzeugung, daß die Unbekannte schon liebe, daß ich in hoffnungslosem Schmerz vergehen werde, wenn ich ihr nähergekommen, mein Unglück recht mit leiblichen Augen schauen würde, nämlich ihren trostlosen Jammer um den Verlornen, ihre Sehnsucht, ihre Treue, gerade das fachte das Feuer in mir erst recht an. Severins tragische Deutung jenes Moments hier im Tiergarten kam mir in den Sinn, und indem ich alles nur mögliche Liebesunglück auf das Mädchen häufte, war ich selbst immer der noch Unglücklichere. In den schlaflosen Nächten, ja selbst auf einsamen Spaziergängen spann ich die seltsamsten verwickeltsten Romane aus, in der natürlicherweise die Unbekannte, der Geliebte und ich die Hauptrollen spielten. Welche Szenen waren zu abenteuerlich, um sie nicht in meinen Roman zu bringen? – Ich gefiel mir erstaunlich als Heros in resignierter Liebesnot! – Wie gesagt, ich durchstrich unsinnigerweise ganz Berlin um sie, die meine Gedanken, mein ganzes Ich beherrschte, wiederzufinden. So bin ich auch eines Vormittags, es mochte schon 12 Uhr sein, in die Neue Grünstraße geraten, die ich in mir vertieft durchwandle, da tritt mir ein junger sauber gekleideter Mann in den Weg und frägt mich höflich den Hut rückend, ob ich nicht wisse, wo hier der Geheime Rat Asling wohne. Ich verneine es, doch der Name Asling fällt mir auf. Asling – Asling! Da fällt es mir mit einemmal schwer aufs Herz, daß ich ganz befangen von meiner romanesken Liebe eines Briefs an den Geheimen Rat Asling ganz vergessen habe, den mir sein im Hospital zu Deutz wundliegender Neffe mitgab, mich aufs dringendste bittend, ihn selbst zu besorgen. Ich beschließe den unverzeihlich verschobenen Auftrag zur Stelle auszurichten, sehe, daß der junge Mann von einem Diener aus dem nahen Laden zurechtgewiesen, in das ansehnliche Haus dicht vor mir hineingeht und folge ihm. Der Bediente führt mich ins Vorzimmer, und bittet mich einen Augenblick zu warten, da der Herr Geheime Rat soeben mit einem fremden Herrn spreche. Er läßt mich allein, ich betrachte gedankenlos die großen Kupferstiche an den Wänden, da öffnet sich die Tür hinter mir, ich drehe mich um und erblicke – sie! – sie selbst! das holde Himmelskind aus dem Tiergarten. Ich mag euch nun gar nicht beschreiben, wie mir zumute wurde, aber so viel ist gewiß, daß mir aller Lebensatem verging – daß ich keines Wortes mächtig war, daß ich glaubte, nun werde ich gleich leblos der Holden zu Füßen sinken.« »Ei ei«, rief Alexander etwas betreten, »da warst du ja wohl in der Tat gar arg verliebt, Bruder!« »Wenigstens«, fuhr Marzell fort, »konnte in diesem Augenblick das Gefühl der wahnsinnigsten Liebe nicht heftiger wirken. Meine Erstarrung muß deutlich auf meinem Gesicht, in meiner ganzen Stellung kennbar gewesen sein, denn Pauline schaute mich betroffen an, und da ich nun keine Silbe hervorbrachte und sie mein Betragen für Dummheit oder Tölpelei halten mußte, fragte sie endlich, indem ein leises ironisches Lächeln ihr Gesicht überflog: ›Sie warten gewiß auf meinen Vater?‹ Mit der tiefen Scham, die ich nun über mich selbst empfand, kam mir volles Bewußtsein wieder. Ich raffte mich mit aller Kraft zusammen, mit höflicher Verbeugung nannte ich meinen Namen und erwähnte des Auftrags, den ich an den Geheimen Rat auszurichten hatte. Da rief Pauline laut und freudig: ›O mein Gott – mein Gott, Nachrichten vom Vetter! – Sie waren bei ihm, Sie sprachen ihn? – Ich traue seinen Briefen nicht, immer schreibt er von völliger Herstellung ! – sagen Sie nur gleich das Schmerzhafteste heraus! Nicht wahr, er bleibt verkrüppelt, der Arme?‹ Ich versicherte dagegen, wie ich es mit Recht tun konnte, daß die Schußwunde, da beinahe die Kniescheibe zerschmettert, allerdings gefährlich gewesen sei, und man mit Amputation gedroht habe, alle Gefahr sei indessen nicht allein vorüber, sondern auch Hoffnung da, daß der junge vollkräftige Mann in einiger Zeit die Krücke würde wegwerfen können, die er jetzt wohl mehrere Monate hindurch werde brauchen müssen. An Paulinens Anblick, an den Zauber ihrer Nähe gewöhnt, durch das Erzählen jener Tatsachen ermutigt, gelang es mir, dem Bericht von dem Zustande des wunden Neffen, die Erzählung des Gefechts, das ich mit ihm in einem Bataillon dienend bestand, und in welchem er die Wunde erhielt, zuzufügen. Ihr wißt es wohl, daß in solcher Exaltation man der lebensvollsten, farbenreichsten Darstellung mächtig ist, ja wohl selbst mehr als nötig in jenen emphatischen Stil gerät, der seine volle Wirkung auf junge Mädchen niemals verfehlt. Ebenso werdet ihr wohl glauben, daß ich nicht gerade von der Stellung der Truppen, von dem kunstreichen Plan des Manövers, von maskierten Angriffen – versteckten Hinterhalten von Batterien – vom Debouchieren und Entwickeln der Kavalleriemassen u. s. w. sprach, sondern vielmehr all die kleinen, Herz und Gemüt ergreifenden Einzelnheiten, die im Felde so häufig sich darbieten, heraushob. Gestehen muß ich, daß manches Ereignis, das ich kaum beachtet, sich jetzt in der Erzählung als höchst wunderbar und rührend gestaltete, und so geschah es, daß Pauline bald vor Schauer und Schreck verblaßte, bald mild und fromm durch die Tränen, die ihr in den Augen standen, lächelte. ›Ach‹, sprach sie endlich, als ich einen Augenblick schwieg, ›Sie standen so regungslos, so in Gedanken vertieft da, als ich eintrat, gewiß weckte jenes Schlachtstück dort irgendeine sehr schmerzhafte Erinnerung!‹ – Wie ein glühender Pfeil durchfuhr es mein Inneres, ich muß blutrot geworden sein bei diesen Worten Paulinens. ›Ich gedachte‹, sprach ich mit einem wahrscheinlich recht kläglichen Seufzer, ›ich gedachte eines Augenblicks, der der seligste meines Lebens war, unerachtet ich auf den Tod verwundet wurde.‹ ›Aber doch wieder ganz geheilt‹, fragte Pauline, mit inniger Teilnahme; ›gewiß traf Sie eine böse Kugel im Augenblick, als der glorreichste Sieg entschieden?‹ Mir wurde etwas albern zumute, doch unterdrückte ich dies Gefühl, und ohne aufzublicken, sondern zur Erde schauend, wie ein gescholtener Bube, sprach ich sehr leise und dumpf: ›Ich hatte schon das Glück, Sie zu sehen, mein Fräulein!‹ Nun ging das Gespräch auf erbauliche Weise weiter, indem Pauline anfing: ›Ich wüßte doch in der Tat nicht –‹ ›Nur wenige Tage sind es her – der herrlichste Frühlingshauch ging über die Erde hin und erquickte Geist und Gemüt, ich feierte mit zwei meiner mir im Innersten verwandten Freunde das Fest des Wiedersehns nach langer Trennung!‹ – ›Das muß recht hübsch gewesen sein!‹ – ›Ich sah Sie, mein Fräulein!‹ – ›In der Tat? – ach! das war gewiß im Tiergarten!‹ – ›Am zweiten Pfingstfeiertage im Weberschen Zelt!‹ – ›Ja, ja, ganz recht, ich war da mit Vater und Mutter! Es gab viel Leute, ich amüsierte mich recht gut, aber Sie habe ich gar nicht gesehen!‹ – Die vorige Albernheit kam wieder mit aller Stärke, ihr gemäß war ich im Begriff, etwas sehr Abgeschmacktes zu sagen, als der Geheime Rat hereintrat, dem Pauline in voller Freude gleich verkündete, daß ich Briefe vom Vetter brächte. Der Alte schrie jubelnd auf: ›Was! Briefe von Leopold! – lebt er? – wie geht's mit der Wunde? – wann kann er reisen?‹ – Und damit packte er mich bei der Rockklappe und zog mich in sein Zimmer. Pauline folgte, er rief nach Frühstück, er hörte nicht auf mit Fragen. Kurz! zwei volle Stunden mußte ich bleiben, und als ich endlich in steigender Beklommenheit, da Pauline sich dicht neben mir gesetzt und mir fortwährend mit kindlicher Unbefangenheit in die Augen schaute, mich losriß, lud mich der Alte mit herzlicher Umarmung ein, nur so oft hinzukommen – vorzüglich zur Teestunde – als ich wollte. Nun war ich also, wie es oft in der Feldschlacht zu ergehen pflegt, unversehens mitten im Feuer. Wollt ich euch nun meine Qualen schildern, wie ich oft von unwiderstehlichem Zauber befangen nach dem Hause, das mir so verderblich schien, hineilte, wie ich die Klinke, die ich schon in der Hand hatte, wieder fahrenließ und nach Hause lief, wieder zurückkehrte, das Haus umkreiste und dann in einer Art von Verzweiflung hineinstürzte, dem Sommervogel gleich, der nicht lassen kann von der Lichtflamme, die ihm zuletzt den freiwillgen Tod gibt – wahrhaftig ihr würdet lachen, da ihr wohl das Geständnis erwartet, daß ich mich damals auf die ärgste Weise selbst mystifizierte. Beinahe jeden Abend, wenn ich den Geheimen Rat besuchte, fand ich mehrere Gesellschaft da, und ich muß gestehen, daß ich mich nirgends behaglicher gefühlt, als dort, unerachtet ich, mein eigener Dämon, mir geistige Rippenstöße gab und in die Ohren schrie: ›Du liebst ja unglücklich, du bist ja ein verlorner Mensch!‹ – Jedesmal kam ich verliebter und unglücklicher nach Hause. Aus Paulinens frohem unbefangenen Betragen merkt ich bald, daß von einem Liebesunglück nicht die Rede sein könne, und manche Anspielungen der Gäste deuteten offenbar dahin, daß sie versprochen sei und bald heiraten werde. Überhaupt herrschte in des Geheimen Rats Zirkel eine gar herrliche gemütliche Lustigkeit, die er selbst, ein lebenskräftiger jovialer Mann auf die ungezwungenste Weise zu entzünden wußte. Oft schienen größer angelegte Späße Stoff zum Lachen zu geben, die nur, da sie vielleicht auf Persönlichkeiten sich beziehend, mich als Fremden nicht ansprechen konnten, verschwiegen wurden. So erinnere ich mich, daß ich einst, als ich nach langem Kampfe sehr spät abends eintrat, den Alten und Paulinen von jungen Mädchen umgeben in der Ecke stehend erblickte. Der Alte las etwas vor, und ein schallendes Gelächter folgte, als er geendet. Zu meiner Verwunderung hatte er eine große weiße, mit einem ungeheuern Nelkenstrauß geschmückte Schlafmütze in der Hand, die setzte er, nachdem er noch einige Worte gesprochen, auf, und nickte seltsam mit dem Kopfe hin sind her, worauf alle aufs neue in ein unmäßiges Gelächter ausbrachen.« »Teufel – Teufel!« rief hier Severin, indem er sich heftig vor die Stirne schlug. »Was hast du? – was hast du, Herr Bruder«, riefen die Freunde besorgt. »Nichts, nichts – nicht das mindeste, fahr nur fort, lieber Bruder! – nachher, nachher! – jetzt nur weiter.« Dies erwiderte Severin nicht ohne bitter in sich hineinzulachen, Marzell erzählte weiter. »Sei es nun, daß die Kameradschaft mit dem Neffen, oder daß die aus meiner beständigen Exaltation sich erzeugende besondere Art meines ganzen Wesens, meiner Unterhaltung, mir selbst ein besonderes Interesse gab, kurz, der Alte gewann mich in kurzer Zeit sehr lieb, vorzüglich mußte ich aber ganz verblendet gewesen sein, hätte ich nicht merken sollen, daß Pauline mich vor allen andern jungen Männern, die sie umgaben, ganz besonders auszeichnete.« »Wirklich, wirklich«, fragte Alexander mit betrübtem Ton. »In der Tat war es so«, fuhr Marzell fort, »und ihr mußte ich ja schon deshalb nähergetreten sein, weil sie, wie jedes nur irgend sinnige Mädchen, mit einem feinen Takt aus allem, was ich sprach, was ich tat, den vollstimmigen Hymnus ihres wunderbaren Liebreizes heraushören, die tiefste Adoration ihres ganzen, mit glühender Liebe erfaßten Wesens, herausfühlen mußte. – Unbeachtet ließ sie oft ihre Hand minutenlang in der meinigen ruhen, sie erwiderte ihren leisen Druck, ja als einmal in fröhlichem Übermute nach den Tönen eines alten Flügels sich die Mädchen zu drehen anfingen, flog sie in meinen Arm, und ich fühlte ihren Busen glutvoll beben und ihren süßen Liebeshauch an meinen Wangen – Ich war außer mir! – Feuer brannte auf meinen Lippen – ich hatte sie geküßt –« »Donnerwetter!« schrie hier Alexander, wie besessen aufspringend und sich mit beiden Fäusten in die Haare fahrend. »Schäme dich, schäme dich, Ehemann«, sprach Severin, indem er ihn auf den Stuhl niederdrückte: »du bist, hol mich der Teufel, noch in Paulinen verliebt, schäme dich, schäme dich, Ehemann – armer, ins Joch gebeugter Ehemann.« »So fahre nur fort«, sprach Alexander wie trostlos, »es werden noch schöne Dinge kommen, merk ich schon.« »Ihr könnt euch, nach diesem allen«, sprach Marzell weiter, »meine Stimmung wohl denken. Ich wurde, so glaubt ich, von tausend Qualen zerrissen, ich steigerte mich herauf zum höchsten Heroismus, ich wollte mit einem Zuge den vollen verderblichen Giftbecher leeren und dann fern von der Geliebten mein Leben aushauchen. Das heißt mit andern Worten, ich wollte ihr meine Liebe gestehen und dann sie meiden – wenigstens bis zum Hochzeitstage, da konnt ich denn, wie es geschrieben steht in vielen Büchern, halb versteckt hinter einem Kirchenpfeiler die Trauung mit ansehen und nach dem unglücklichen ›Ja!‹ mit vielem Geräusch der Länge lang ohnmächtig zu Boden sinken, von mitleidigen Bürgersleuten herausgetragen werden u. s. w. Von diesen Ideen ganz erfüllt, ganz wahnsinnig lief ich eines Tages früher, als gewöhnlich zum Geheimen Rat. – Ich treffe Paulinen allein im Zimmer – noch ehe sie recht erschrecken kann über mein verstörtes Wesen, stürze ich ihr zu Füßen, ergreife ihre Hände, drücke sie an meine Brust – gestehe ihr, daß ich sie bis zur hellen Raserei liebe, und nenne mich, indem ich einen Strom von Tränen vergieße, den unglücklichsten, dem bittersten Tode geweihten Menschen, da sie nicht mein werden könne, da sie Herz und Hand dem glücklichen Nebenbuhler früher geschenkt. Pauline ließ mich austoben, hob mich dann auf, nötigte mich mit holdem Lächeln neben sich aufs Sofa und fragte mit rührend sanfter Stimme: ›Was ficht Sie an? lieber – lieber Marzell! beruhigen Sie sich doch nur, Sie sind in einer Stimmung, die mich ängstet!‹ – Ich wiederholte, wiewohl besonnener alles, was ich gesagt, da sprach Pauline: ›Aber wie kommt es Ihnen denn in den Sinn, daß ich schon liebe, ja daß ich schon versprochene Braut sein soll? – Es ist nicht das mindeste davon wahr, ich kann es versichern.‹ Als ich dagegen behauptete, daß ich schon seit dem ersten Augenblick, als ich sie sah, auf das klarste überzeugt worden sei, daß sie liebe, und sie immer mehr in mich drang, doch mich nur deutlicher zu erklären, so erzählte ich ihr ganz treuherzig unsere ganze famöse Geschichte vom Pfingstfeiertage im Weberschen Zelt. Kaum habe ich geendet, da springt Pauline auf und hüpft mit lautem Gelächter in der Stube umher und ruft: ›Nein, das ist zu arg! – nein, solche Träume – solche Einbildungen – nein, das ist zu arg!‹ – Ich bleibe ganz verdutzt sitzen; Pauline kehrt zu mir zurück, faßt meine beiden Hände und schüttelt sie, wie wenn man jemanden aus tiefem Traum wecken will. ›Nun horchen Sie wohl auf‹, fängt sie, kaum vermögend das Lachen zu unterdrücken, an: ›der junge Mensch, den Sie für den Liebesboten hielten, war ein Diener aus dem Bramigkschen Laden, das Billettchen, das er mir brachte, von Herrn Bramigk selbst. Er, der gefälligste, artigste Mann von der Welt, hatte mir versprochen, ein allerliebstes Pariser Hütchen, dessen Modell ich gesehen, zu verschreiben, und mir Nachricht zu geben, wenn es angekommen. Ich wollte es gerade den andern Tag, als Sie mich bei Weber sahen, zu einem Singetee – Sie wissen, daß hier so eine Abendgesellschaft heißt, bei der man Tee trinkt um zu singen und singt um Tee zu trinken – also da wollt ich ihn aufsetzen. Der Hut war wirklich angekommen, aber durch die Schuld des Versenders so übel zugerichtet, daß er ohne gänzliches Umarbeiten nicht getragen werden konnte. Das war die fatale Nachricht, die mir Tränen auspreßte. Ich mocht's dem Vater gar nicht merken lassen, aber er wußte den Grund meines tiefen Kummers bald auszuforschen, und lachte mich derb aus. Daß ich die Gewohnheit habe, in derlei Fällen mein Tuch an die Backe zu bringen, bemerkten Sie längst.‹ – Pauline lachte aufs neue, aber mir fröstelte es eiskalt durch Mark und Glieder, ein Glutstrom folgte, und es war, als riefe es im Innern: ›Alberne törichte, widrige Putznärrin!‹« – »Hoho, das ist zu grob und unwahr«, unterbrach Alexander den Erzähler ganz erzürnt, »doch nur weiter!« setzte er gelassener hinzu. »Nicht beschreiben«, fuhr Marzell fort, »nicht beschreiben kann ich euch mein Gefühl. Ich war aus dem Traum erwacht, in dem mich ein böser Geist geneckt, ich wußte es, daß niemals ich Paulinen liebte, und daß nur eine unbeschreibliche narrenhafte Täuschung der Spuk war, der mich so toll umhergetrieben. Kaum vermochte ich ein Wort zu sprechen, vor innerm Verdruß zitterte ich am ganzen Leibe, und als Pauline erschrocken fragte, was mir wäre, schützte ich eine plötzliche Kränklichkeit vor, die ich nicht zum Ausbruch kommen lassen dürfte, und rannte wie ein gehetztes Wild von dannen. Als ich über den Gensd'armesplatz kam, stellte sich gerade ein Trupp Freiwilliger zum Abmarsch, da stand es klar vor meiner Seele, was ich tun müsse, mich selbst zu beschwichtigen und die ärgerliche Geschichte zu vergessen. Statt nach Hause zu gehen lief ich augenblicklich zu der Behörde, die meine Wiedereinstellung bewirkte. In zwei Stunden war alles abgemacht, nun lief ich nach Hause, zog meine Uniform an, packte meinen Tornister, nahm mein Seitengewehr und meine Büchse und ging zur Wirtin, um ihr meinen Koffer in Verwahrung zu geben. Indem ich mit ihr sprach, ließ sich ein Geräusch auf der Treppe hören. ›Ach jetzt werden sie ihn bringen‹, sprach die Wirtin und öffnete die Türe. Da sah ich zwischen zwei Männern den wahnsinnigen Nettelmann herabkommen. Er hatte eine hohe Krone von Goldpapier aufgesetzt und trug ein langes Lineal, auf das er einen vergoldeten Apfel gespießt, als Szepter in der Hand. ›Er ist nun wieder König von Amboina geworden‹, flüsterte die Wirtin, ›und machte in der letzten Zeit solche tolle Streiche, daß ihn der Bruder nach der Charité bringen lassen muß.‹ Im Vorübergehen erkannte mich Nettelmann, lächelte mit gnädigem Stolz auf mich herab und sprach: ›Jetzt, nachdem die Bulgaren durch meinen Feldherrn, den vormaligen Hauptmann Tellheim, geschlagen, kehre ich zurück in meine beruhigte Staaten.‹ Ohne daß ich Miene machte zu sprechen, setzte er mit der Hand abwehrend hinzu: ›Schon gut – schon gut – ich weiß, was Er sagen will, mein Lieber! – Nichts weiter, ich war mit Ihm zufrieden, ich habe es gern getan! – Nehm Er die Wenigkeit als ein Zeichen meiner Gnade und Affektion!‹ – Mit diesen Worten drückte er mir ein paar Gewürznelken, die er aus der Westentasche hervorgesucht in die Hand. Nun hoben ihn die Männer in den Wagen, der unterdessen vorgefahren. Als er fortwollte, traten mir die Tränen in die Augen. ›Kommen Sie gesund, freudig und siegreich in unsere Stadt zurück‹, rief die Wirtin, mir treuherzig die Hand schüttelnd. Mit mannigfachen schmerzlichen Gefühlen in der aufgeregten Brust rannte ich fort in die Nacht hinein, und erreichte in weniger Zeit den Trupp der lustige Kriegslieder singenden Kameraden.« »Also bist du überzeugt, Bruder«, fragte Alexander: »daß deine Liebe zu Paulinen nur Selbsttäuschung war?« – »Wie von meinem Leben«, erwiderte Marzell, »und wenn du nur ein bißchen Menschenkenntnis zu Rate ziehst, wirst du auch finden, daß die plötzliche Sinnesänderung, als ich erfuhr, daß ich keinen Nebenbuhler hatte, sonst nicht möglich war. – Übrigens liebe ich jetzt ernstlich, und unerachtet ich über deinen Ehestand so gelacht Alexander, weil du mir, nimm's nicht übel, als Paterfamilias gar zu schnakisch vorkommst, so hoffe ich doch bald in einer schönern Gegend als die unsrige ein holdes Mädchen als Braut heimführen zu können.« »In der Tat«, rief Alexander ganz erfreut, »in der Tat! O du lieber charmanter Bruder!« Er umarmte den Marzell mit Heftigkeit. »Nun seht doch«, sprach Severin, »wie er sich freut, daß ein anderer ihm seine tollen Streiche nachmacht. Nein, was mich betrifft, so umfängt mich der Gedanke an den Ehestand mit unheimlichem Grauen. Doch nun will ich euch meine Geschichte mit Fräulein Paulinen auftischen zu eurer Ergötzlichkeit.« »Was hast du denn mit Paulinen vorgehabt?« fragte Alexander verdrießlich. »Nicht viel«, erwiderte Severin, »gegen Marzells ausführliche, mit psychologischer Ein- und Ansicht vorgetragene Geschichte ist die meinige nur ein dürftiger magerer Schwank. – Ihr wißt, daß ich mich vor zwei Jahren in einer ganz besonderen Stimmung befand. Wohl mochte es meine physische Kränklichkeit sein, die mich ganz und gar zum empfindelnden Geisterseher umschuf. Ich schwamm in einem bodenlosen Meer von Ahnungen und Träumen. Ich glaubte, wie ein persischer Magier, den Gesang der Vögel zu verstehen, ich hörte in dem Rauschen des Waldes bald tröstende, bald warnende Stimmen, ich sah mich selbst in den Wolken wandeln. So geschah es, daß ich einst in einer abgelegenen wilden Partie des Tiergartens, auf einer Moosbank sitzend, in einen Zustand geriet, den ich nur dem wunderbaren Delirieren, das dem Einschlafen vorherzugehen pflegt, vergleichen kann. Mir war es, als würde ich plötzlich von süßem Rosenduft umwallt, indessen erkannte ich bald, daß der Rosenduft ein holdes Wesen sei, das ich schon längst bewußtlos mit glühender inbrünstiger Liebe umfangen. Ich wollte sie mit leiblichen Augen erschauen, aber da legte es sich wie eine große dunkelrote Nelke über meine Stirn, und ihr Duft, wie mit brennenden Strahlen den Hauch der Rose wegsengend, betäubte meine Sinne, so daß ein bitter schmerzliches Gefühl mich durchdrang, welches laut werden wollte in tief klagenden Akzenten. Wie wenn der Abendwind mit leisem Fittich die Äolsharfe anschlägt und den Zauber löst, von dem bestrickt ihre Töne im Innern schliefen, so klang es durch den Wald, aber nicht meine Klage war das, sondern die Stimme jenes Wesens, das, wie ich, von der Nelke zum Sterben berührt worden. – Erlaßt es mir, mein Traumgesicht zum indischen Mythos zu formen und zu ründen, genug, Ros und Nelke wurden mir Leben und Tod, und all meine Tollheit, die ich heut vor zwei Jahren ausließ, kam hauptsächlich davon her, daß ich in dem Himmelskinde, das dort drüben saß und das sich leiblicherweise jetzt als Fräulein Pauline Asling gestaltet hat, das, ätherischem Rosenduft entkeimte Wesen zu erkennen glaubte, dessen Liebesglut sich mir erschlossen. Ihr erinnert euch, daß ich gleich im Tiergarten euch verließ, um nach meiner Wohnung zu eilen, aber eine ganz deutliche bestimmte Ahnung sagte mir, daß, wenn ich mit Anstrengung fort- und hineinliefe durch das Leipziger Tor und dann nach den Linden, ich die sehr langsam davonschreitende Familie am Ausgang derselben oder in der Nähe des Schlosses antreffen würde. Nun rannte ich fort und zwar nicht da, wo ich glaubte, wohl aber in der Breiten Straße, in die ich unwillkürlich hineingefahren, sah ich die Familie, sah ich das wunderbare Bild vor mir herwandeln. Ich folgte von weitem und erfuhr auf diese Weise noch denselben Abend die Wohnung der Geliebten. Ihr werdet wahrscheinlich sehr lachen, daß ich in der Grünstraße – ich sage in der Grünstraße einen geheimnisvollen Nelken- und Rosenduft zu verspüren glaubte. – Ja! so weit ging mein Wahnsinn! Übrigens gebärdete ich mich jetzt ganz, wie ein verliebter Knabe, der wider die Forstordnung die schönsten Bäume mit dem Einschneiden verschlungener Namenzüge ruiniert, ein verdorrtes Blumenblatt, das der Geliebten entfiel, in sieben Papiere gewickelt auf dem Herzen trägt u. s. w. Das heißt, ich fing, wie es jener allemal tut, damit an, des Tages zwölf-, funfzehn-, zwanzigmal vorbeizulaufen, und, stand sie am Fenster, ohne zu grüßen mit Blicken hinaufzustarren, die seltsam genug gewesen sein müssen. Sie bemerkte mich, und der Himmel mag wissen, wie ich dazu kam, mir einzubilden, daß sie mich verstehe, ja daß sie sich ihres psychischen Einwirkens auf mich in jener Blumenvision bewußt sei, und nun in mir den erkenne, über den die feindselige Nelke dunkle Schleier warf, als er sie, die ihm tief im Innern als Liebesstern aufgegangen, voll inbrünstiger Sehnsucht erfassen wollte. Selbigen Tages setzte ich mich hin und schrieb an sie. Ich erzählte ihr meine Vision, wie ich sie dann im Weberschen Zelt gesehen und als das Traumbild erkannt habe, wie ich wisse, daß sie schon zu lieben vermeine, daß aber in dieser Hinsicht irgend etwas Bedrohliches in ihr Leben getreten sei. Es könne, sagte ich ferner, kein Wahn sein, daß auch sie in gleichem Traumesahnen unsere psychische Verwandtschaft, unsere Liebe erkannt, doch vielleicht habe ihr nun erst meine Vision deutlich erschlossen, was tief in ihrem eigenen Innern geruht. Aber damit das froh und freudig ins Leben trete, damit ich mit freier Brust mich ihr nahen könne, flehe ich sie an, künftigen Tages in der zwölften Stunde am Fenster zu erscheinen, und als deutliches Wahrzeichen unsers Liebesglücks frisch blühende Rosen an der Brust zu tragen. Sei sie aber in feindlicher Täuschung von einem andern Wesen unwiderstehlich verlockt, wäre mein Sehnen hoffnungslos, verwerfe sie mich ganz und gar, so solle sie zur selbigen Stunde, statt die Rosen, Nelken an die Brust stecken. – Der Brief mag ein tolles, unsinniges Stück Arbeit gewesen sein, das kann ich mir jetzt wohl denken. Ich schickte ihn mit solch sicherer Botschaft ab, daß ich überzeugt sein konnte, er werde in die rechten Hände gelangen. – Voll innerer Angst und Beklemmung gehe ich den andern Tag nach der Grünstraße – ich nähere mich dem Hause des Geheimen Rats – ich sehe eine weiße Gestalt am Fenster – das Herz schlägt mir, als wolle es die Brust zersprangen – ich stehe dicht vor dem Hause – da öffnet der Alte – er war die weiße Gestalt – das Fenster – er hat eine hohe, weiße Nachtmütze auf, einen ungeheuren Nelkenstrauß daran befestigt – er nickt sehr freundlich heraus, so daß die Blumen seltsam schwanken und zittern – er wirft mir mit süßlich lächelnder Miene Kußhändchen zu. – In dem Augenblick werde ich auch Paulinen gewahr, wie sie verstohlen hinter der Gardine hervorsieht. – Sie lacht – sie lacht! – wie verzaubert war ich bewegungslos stehengeblieben, aber nun rannte ich fort – fort wie toll! – Nun! Ihr könnt denken! – zweifelt ihr wohl daran, daß ich durch diesen hämischen Spott gänzlich geheilt war? – Doch die Scham ließ mich nicht rasten. Wie Marzell es später tat, ging ich schon damals zur Armee, und nur ein böses Verhängnis hat es gewollt, daß wir niemals zusammentrafen.«

Alexander lachte unmäßig über den humoristischen Alten. »Also diese Geschichte war es«, sprach Marzell, »welche der Geheime Rat damals vortrug, und wahrscheinlich war das was er vorlas, dein exzentrischer Brief.« »Daran ist gar nicht zu zweifeln«, erwiderte Severin; »und unerachtet ich jetzt das Lächerliche meines Beginnens sehr wohl einsehe, unerachtet ich dem Alten recht gebe und ihm für die angewandte schneidende Arzenei danken muß, so erfüllt mich mein Abenteuer doch noch immer mit tiefem Verdruß und ich mag bis jetzt deshalb keine Nelken leiden.«

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