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Die Serapions-Brüder

E.T.A. Hoffmann: Die Serapions-Brüder - Kapitel 13
Quellenangabe
typenarrative
booktitleDie Serapions-Brüder
authorE. T. A. Hoffmann
year1976
publisherWinkler Verlag
addressMünchen
isbn3-538-05113-5
titleDie Serapions-Brüder
pages3-5
created20001223
sendergerd.bouillon@t-online.de
firstpub1821
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Ich erwachte mit dem Ruck des aus der Höhe Stürzens; diese gewöhnliche Traumerscheinung kennt ihr alle, aber das eigene Gefühl, das mich nun erfaßte, vermag ich kaum euch zu beschreiben. Ich mußte mich erst darauf besinnen, wo ich mich befand, dann war es mir, als sei etwas Entsetzliches mit mir vorgegangen, dessen Erinnerung ein langer tiefer Todesschlaf weggelöscht hätte. Endlich kam mir alles nach und nach in den Sinn, indessen hielt ich es für einen spukhaften Traum, der mich geneckt. Als ich nun aufstand, fiel mir zuerst das Bild der bräutlich geschmückten Jungfrau, ein lebensgroßes Kniestück ins Auge, und kalter Schauer fröstelte mir den Rücken herab, denn es war mir, als sei diese Gestalt mit lebhaften kennbaren Zügen in der Nacht auf und ab geschritten; doch der Umstand, daß sich in dem ganzen Zimmer kein einziger Schrank befand, bestätigte es mir aufs neue, daß ich nur geträumt habe. Jungfer Anna brachte den Kaffee, sie blickte mir länger und länger ins Gesicht und sprach dann: ›Ei du lieber Gott, wie sehen Sie doch so krank und blaß aus, es ist Ihnen doch nichts passiert?‹ – Weit entfernt, der Alten nur das mindeste von meinem Spuk merken zu lassen, gab ich vor, daß ein heftiges Brustdrücken mich nicht habe schlafen lassen. ›Ei‹, lispelte die Alte, ›das ist der Magen, das ist der Magen, ei, ei, dafür wissen wir Rat!‹ – Und damit schlarrte die Alte auf die Wand zu, öffnete eine von mir nicht bemerkte Tapetentür, und ich sah in einen Schrank, in welchem sich Gläser, kleine Flaschen und ein paar silberne Löffel befanden. Nun nahm die Alte klappernd und klirrend einen Löffel heraus, dann öffnete sie eine Flasche, tröpfelte etwas von dem darin enthaltenen Saft in den Löffel, setzte sie wieder in den Schrank und wankte auf mich zu. Ich schrie auf, vor Entsetzen, denn der vorigen Nacht spukhafte Erscheinungen traten ins Leben. ›Nun nun‹, schnarrte die Alte mit seltsam schmunzelndem Gesicht, ›nun nun, lieber junger Herr! es ist ja nur eine tüchtige Medizin; die selige Mamsell litt auch am Magen und nahm dergleichen öfters!‹ Ich ermannte mich und schluckte das kräftig brennende Magenelixier hinunter. Mein Blick war starr auf das Bild der Braut gerichtet, das gerade über dem Wandschrank hing. ›Wen stellt das Bild dort vor‹, fragte ich die Alte. ›Ei du mein lieber Gott, das ist ja die selige Mamsell Tante!‹ erwiderte die Alte, indem ihr die Tränen aus den Augen stürzten. Der Mops fing an zu winseln, wie in der Nacht, und mit Mühe das innere Erbeben beherrschend, mit Mühe Fassung erringend sprach ich: ›Jungfer Anna, ich glaube, die selige Tante war in voriger Nacht um zwölf Uhr an dem Wandschrank dort und nahm Tropfen?‹ Die Alte schien gar nicht verwundert, sondern sprach leise, indem eine seltsame Totenbleiche den letzten Lebensfunken aus dem verschrumpften Gesicht weglöschte: ›Haben wir denn heute wieder Kreuzes-Erfindungs-Tag? Der dritte Mai ist ja längst vorüber!‹ – Es war mir nicht möglich weiterzufragen; die Alte entfernte sich, ich zog mich schnell an, ließ das Frühstück unberührt stehen und rannte hinaus in das Freie, um nur den grauenhaften träumerischen Zustand, der sich meiner aufs neue bemächtigen wollte, loszuwerden. Ohne daß ich es befohlen, hatte die Alte am Abend mein Bett in ein freundliches Kabinett nach der Straße heraus getragen. Ich habe kein Wort weiter über den Spuk mit der Alten gesprochen, noch viel weniger dem Kriegsrat etwas davon erzählt, tut mir den Gefallen und schweigt auch darüber, sonst gäb es nur ein ärgerliches Geschwätz, ein Erkundigen und Fragen ohn End und Ziel, und wohl gar lästige Nachforschungen geisterkundiger Dilettanten. Selbst in meinem Kabinett glaub ich jede Nacht Punkt zwölf Uhr die Tritte und das Stöhnen zu hören, doch will ich noch einige Tage dem Grauen widerstehen und dann zusehen, wie ich ohne vielen Rumor das Haus verlassen und eine andere Wohnung finden kann.«

Alexander schwieg, und erst nach einigen Sekunden hob Marzell an: »Das mit der alten spukhaften Tante ist wunderbar und graulich genug, aber sosehr ich daran glaube, daß ein fremdes geistiges Prinzip sich uns auf diese oder jene Weise kundtun kann, so läuft mir doch deine Geschichte zu sehr ins Gemeinmaterielle; die Tritte, das Seufzen und Stöhnen, alles das lasse ich gelten, aber daß die Selige, wie im Leben, Magentropfen zu sich nimmt, das gemahnt mich an jene nach dem Tode wiederkehrende Frau, die, wie ein Kätzchen, am verschlossenen Fenster herumklirrte.« »Das ist nun«, sprach Severin, »wieder eine uns ganz eigene Mystifikation, daß wir, nachdem wir die mögliche Kundmachung des fremden geistigen Prinzips durch wenigstens scheinbares Einwirken auf unsere äußeren Sinne festgestellt, nun auch gleich diesem Prinzip eine gehörige Edukation geben und es darüber belehren wollen, was ihm anständig sei oder nicht. Nach deiner Theorie, lieber Marzell! darf ein Geist mit Pantoffeln einhergehen, seufzen, stöhnen, nur keine Flaschen öffnen oder gar ein Schlückchen nehmen. Hier ist nun zu bemerken, daß unser Geist im Traum an das höhere, nur in Ahnungen sich gestaltende Sein oft Gemeinplätze des befangenen Lebens hängt, dieses aber dadurch auf bittere Weise zu ironisieren weiß. Kann diese Ironie, die tief in der, ihrer Entartung sich bewußten Natur liegt, nicht auch der entpuppten, der Traumwelt entzogenen Psyche eigen sein, wenn ihr Rückblicke in den verlassenen Körper vergönnt sind? So würde das lebhafte Wollen und Einwirken des fremden geistigen Prinzips, welches den Wachenden im Wachen in die Traumwelt führt, jede Erscheinung bedingen, die er mit äußeren Sinnen wahrzunehmen glaubt, und es wäre doch komisch, wenn wir diesen Erscheinungen irgendeine sittliche Norm nach unserer Art geben wollten. Merkwürdig ist es, daß Nachtwandler, aktive Träumer, oft in den gemeinsten Funktionen des Lebens befangen sind; denkt nur an jenen, der in jeder Vollmondsnacht sein Pferd aus dem Stalle zog, es sattelte, wieder absattelte, in den Stall zurückführte, und dann das verlassene Bett suchte. – Alles was ich sage, sind nur membra disjecta, ich meine aber nur –« »Du glaubst also doch an die alte Tante?« unterbrach der ziemlich erblaßte Alexander den Freund. »Was wird er nicht glauben«, rief Marzell: »bin ich denn nicht auch ein Gläubiger, wiewohl kein so ausgemachter entschiedener Visionär, wie unser Severin? Nun will ich's auch aber länger nicht verhehlen, daß mich in meiner Wohnung ein beinahe noch ärgerer Spuk, als wie ihn Freund Alexander erfuhr, bis auf den Tod erschreckt hat.« »Ist es mir denn besser gegangen?« murmelte Severin. – »Gleich, nachdem ich angekommen«, fuhr Marzell fort, »mietete ich in der Friedrichsstraße ein nettes möbliertes Zimmer; wie Alexander warf ich mich todmüde aufs Lager; doch kaum mochte ich wohl eine Stunde geschlafen haben, als es mir wie ein heller Schein auf die geschlossenen Augenlider brannte. Ich öffne die Augen und – denkt euch mein Entsetzen! dicht vor meinem Bette steht eine lange hagere Figur, mit todbleichem, graulich verzogenem Gesicht, und starrt mich an mit hohlen gespenstischen Augen. Ein weißes Hemde hängt der Gestalt um die Schultern, so daß die Brust ganz entblößt ist, die mir blutig scheint; in der linken Hand trägt sie einen Armleuchter mit zwei angezündeten Kerzen, in der rechten ein großes, mit Wasser gefülltes Glas. – Sprachlos starrte ich das gespenstische Unwesen an, das Leuchter und Glas mit schauerlich winselnden Tönen in großen Kreisen zu schwingen begann. Wie es Alexander beschrieben, so packte auch mich die Gespensterfurcht. – Langsamer und langsamer schwang das Gespenst Leuchter und Glas, bis beides stillstand. Nun war es mir als flüstre ein leiser Gesang durch das Zimmer, da entfernte sich die Gestalt mit seltsam grinsenden Lächeln langsamen Schrittes durch die Türe. Lange dauerte es, bis ich mich ermannte, schnell aufsprang und die Türe, die ich, wie ich nun bemerkte, vor dem Schlafengehen zu verschließen vergessen, abriegelte. Wie oft war es mir im Felde geschehen, daß unvermutet ein fremder Mensch vor meinem Bette stand, wenn ich die Augen aufschloß; nie hatte mich das erschreckt; daß hier also etwas Außerordentliches und zwar Gespenstisches verwalten müsse, davon war ich fest überzeugt. Am andern Morgen wollte ich zu meiner Wirtin herab, um ihr zu erzählen, welch eine greuliche Erscheinung mir den Schlaf verstört habe. Indem ich zur Stube heraus in den Flur trat, öffnete sich die Tür mir gegenüber, und eine hagere große Gestalt, in einen weiten Schlafrock gewickelt, kam mir entgegen. Im ersten Augenblicke erkannte ich das totenbleiche Gesicht und die hohlen düstern Augen des Unholds von der vorigen Nacht her, und unerachtet ich nun wohl wußte, daß das Gespenst bei ähnlicher Gelegenheit geprügelt oder herausgeworfen werden könne, so fühlte ich doch die Schauer der Nacht in mir nachbeben, und ich wollte schnell die Treppe herabschlüpfen. Der Mann vertrat mir aber den Weg, faßte mich sanft bei der Hand und fragte, indem ein gutmütiges Lächeln sein Gesicht überflog, mit leisem freundlichen Ton: ›O mein sehr werter Herr Nachbar! wie haben Sie doch diese Nacht in der neuen Wohnung zu ruhen beliebt?‹ – Ich stand gar nicht an, ihm mein Abenteuer ausführlich zu erzählen und hinzuzufügen, daß ich glaube, er selbst sei die Gestalt gewesen, und daß ich mich nun freue, ihn nicht, im Wahn eines Überfalls in feindlicher Stadt, woran ich leicht denken können vom Feldzuge her, auf empfindliche Weise verjagt zu haben. In der Zukunft vermöge ich nicht dafür zu stehen. Während meiner Erzählung schüttelte der Mann lächelnd mit dem Kopf und sprach, als ich geendet, sehr sanft: ›O mein wertester Herr Nachbar, nehmen Sie es doch ja nur nicht übel! – Ei ei! – ja ich dachte gleich, daß es so kommen müßte, und ich wußte ja auch schon heute morgen, daß es so gekommen war, denn ich befand mich so wohl, so ins Innersten beruhigt. – Ich bin ein etwas ängstlicher Mann, wie sollte das aber auch anders sein! – Auch sagt man, daß übermorgen‹ – mit dieser Wendung ging er über zu gewöhnlichen Stadtneuigkeiten, denen andere Notizen folgten, die für den Fremden oder Angekommenen von Wert sein mußten, und die er lebendig und oft nicht ohne Würze feiner Ironie vorzutragen wußte. Ich kam, da mich nun der Mann recht zu interessieren anfing, jedoch wieder zurück auf die Begebenheit der Nacht und bat ihn, mir nur ohne weitere Umstände zu sagen, was ihn vermocht haben könne, auf so seltsame unheimliche Weise meinen Schlaf zu verstören. ›Ach nehmen Sie es doch nur ja nicht übel, wertester Herr Nachbar‹, so fing er aufs neue an, ›daß ich mich, ohne es einmal recht zu wissen, erdreistet. – Es war nur, um von Dero Gesinnungen gegen mich unterrichtet zu sein, ich bin ein ängstlicher Mann; eine neue Nachbarschaft kann mir hart zusetzen, ehe ich weiß, wie ich daran bin mit ihr.‹ – Ich versicherte dem sonderbaren Menschen, daß ich bis jetzt kein Wort von allem verstehe; da nahm er mich bei der Hand und führte mich in sein Zimmer. ›Warum soll ich es Ihnen verhehlen, lieber Herr Nachbar‹, sprach er, indem er mit mir in das Fenster trat, ›warum es ableugnen, welch eine sonderbare Gabe mir inwohnt. Gott ist mächtig in den Schwachen, und so wurde mir armen, jedem Pfeil der Widersacher bloßgestellten Mann, zum Schutz und Trutz, die wunderbare Kraft verliehen, unter gewissen Bedingungen in das innerste der Menschen zu schauen und ihre geheimsten Gedanken zu erraten. Ich ergreife nämlich dies reine sonnenhelle, mit destilliertem Wasser gefüllte Glas (er nahm einen Pokal von der Fensterbank herab, es war derselbe, den er vorige Nacht in der Hand trug) richte Sinn und Gedanken auf die Person, deren Inneres ich zu erraten strebe, und bewege das Glas in bestimmten, mir nur bewußten Schwingungen hin und her. Alsbald steigen kleine Bläschen im Glase auf und nieder, die sich wie die Folie eines Spiegels formen, und bald ist es, als wenn, indem ich hineinschaue, mein eigener innerer Geist sich vernehmbar und leserlich darin abspiegle, wiewohl ein höheres Bewußtsein Bild und Abspiegelung für jenes fremde Wesen, auf das der Sinn gerichtet war, anerkennt. Oft, wenn mich die Annäherung eines fremden, noch unerforschten Wesens zu sehr ängstigt, kommt es, daß ich zur Nachtzeit operiere, und dies ist wohl in voriger Nacht der Fall gewesen; denn gestehen muß ich offenherzig, daß Sie mir gestern Abend nicht wenig Unruhe verursachten.‹ Plötzlich schloß mich der wunderliche Mann in seine Arme, indem er wie begeistert ausrief: ›Aber welche Freude, daß ich so bald Ihre gütigen Gesinnungen für mich erkannte. O mein bester, wertester Herr Nachbar, sollte ich mich denn irren – nicht wahr? wir verlebten schon glückliche vergnügte Tage auf Ceylon; es kann kaum zweihundert Jahre her sein?‹ – Nun verwickelte sich der Mann in die wunderlichsten Kombinationen, ich wußte zur Gnüge, wen ich vor mir hatte, und war froh, als ich, nicht ohne Mühe, mich von ihm losgewunden. Auf nähere Nachfrage bei der Wirtin erfuhr ich dann, daß mein Nachbar, so lange als vielseitig ausgebildeter Gelehrter und tüchtiger Geschäftsmann geschätzt, vor kurzer Zeit in tiefe Melancholie verfiel, in der er wähnte, daß jeder feindliche Absichten gegen ihn in sich trage, und ihn auf diese oder jene Weise zu verderben suche, bis er mit einem Male das Mittel gefunden zu haben glaubte, seine Feinde zu erkennen und sich gegen sie sicher zu stellen, worauf er in den jetzigen heitern beruhigten Zustand des fixen Wahnsinns überging. Er sitzt beinahe den ganzen Tag am Fenster und experimentiert mit dem Glase; sein ursprünglich guter harmloser Charakter offenbart sich aber darin, daß er beinahe jedesmal gute Gesinnungen zu erkennen glaubt, und daß er, erscheint ihm irgendein Charakter zweifelhaft oder bedenklich, nicht zornig wird, sondern nur in sanfte Traurigkeit gerät. Daher ist sein Wahnsinn auch ganz unschädlich, und sein älterer Bruder, der ihn bevormundet, mag ihn ruhig ohne genauere Aufsicht für sich wohnen lassen, wo es ihm gefällt.« »Deine Erscheinung«, sprach Severin, »gehört also recht eigentlich in Wagners Gespensterbuch, da sich die Erklärung, wie alles natürlich zugegangen, und wie deine Fantasie das Beste dabei getan hat, sich ebenso wie in den gemeinen Geschichten jenes nüchternsten aller Bücher, langweilig nachschleppt.« »Willst du«, erwiderte Marzell, »durchaus nur Gespenster, so hast du recht, übrigens ist aber mein Wahnsinniger, mit dem ich jetzt auf dem besten Fuß von der Welt stehe, eine höchst interessante Erscheinung, und nur das einzige gefällt mir nicht, daß er anfängt auch andern fixen Ideen Raum zu geben, z. B. daß er König auf Amboina gewesen, in Gefangenschaft geraten und funfzig Jahre hindurch als Paradiesvogel für Geld gezeigt worden ist. So was kann zur Tollheit führen. Ich erinnere mich eines Menschen, der im ruhigen friedlichen Wahnsinn jede Nacht als Mond schien, sofort aber in Tollheit geriet, als er auch des Tages als Sonne aufgehen wollte.« »Aber ihr Leute!« rief Alexander, »was sind das heute für Gespräche hier mitten unter tausend geputzten Feiertagsgästen im hellen Sonnenschein? – Nun fehlte es noch, daß Severin, der mir auch zu düster und nachdenkend aussieht, noch viel Graulicheres, als wir, in diesen Tagen erlebt hätte, und es uns auftischte.« »In der Tat«, fing Severin an, »Gespenster habe ich nicht gesehen, aber wohl ist mir die unbekannte, unheimliche Macht so nahe getreten, daß ich schmerzlich die Bande gefühlt habe, womit sie mich und uns alle umstrickt hält.« »Hab ich's nicht gleich gedacht«, sprach Alexander zu Marzell, »daß Severins eigene Stimmung in irgend etwas Besonderem ihren Grund finden müsse?« – »Wir werden sogleich viel Fabelhaftes hören«, erwiderte Marzell lachend, worauf Severin bemerkte: »Hat Alexanders selige Tante Magentropfen eingenommen, hat der geheime Sekretär Nettelmann, denn das ist der Wahnsinnige, den ich längst kenne, Marzells gute Gesinnungen in einem Glase Wasser erblickt, so wird es mir doch erlaubt sein, einer seltsamen Ahnung zu erwähnen, die geheimnisvollerweise, als Blumenduft gestaltet, mir ins Leben trat. – Ihr wißt, daß ich in dem entfernteren Teil des Tiergartens dem Hofjäger nahe wohne. Gleich den ersten Tag, als ich angekommen« – – – In dem Augenblick wurde Severin durch einen alten, sehr wohlgekleideten Mann unterbrochen, der höflich bat, ihn doch durch weniges Vorrücken des Stuhls freien Durchgang zu verschaffen. Severin stand auf und der Alte führte freundlich grüßend eine ältliche Dame, die seine Frau schien, vorüber; ihnen folgte ein ungefähr zwölfjähriger Knabe. Severin wollte sich eben wieder hinsetzen, als Alexander leise rief: »Halt, das Mädchen dort scheint noch zur Familie zu gehören!« Die Freunde erblickten eine wunderherrliche Gestalt, die mit zögernden ungewissen Schritten, mit rückwärts gewandtem Kopf sich näherte. Augenscheinlich suchte sie jemanden wiederzufinden, den sie vielleicht vorübergehend bemerkt hatte. Gleich darauf schlüpfte auch ein junger Mann durch die Menge dicht an sie heran und drückte ein Zettelchen ihr in die Hand, das sie schnell im Busen verbarg. Der Alte hatte unterdessen nicht weit von den Freunden einen soeben verlassenen Tisch in Beschlag genommen, und demonstrierte dem flüchtigen Kellner, den er bei der Jacke festhielt, sehr weitläufig, was er alles herbeibringen solle; die Frau klopfte sorglich den Staub von den Stühlen und so gewahrten sie die Zögerung der Tochter nicht, die ohne Severins Artigkeit, der noch immer mit zurückgeschobenem Stuhl stehen geblieben, im mindesten zu beachten jetzt schnell sich zu ihnen gesellte. Sie setzte sich so, daß die Freunde ihr, trotz des tiefen Strohhuts, gerade in das wunderliebliche Gesicht, in die dunkel-sehnsüchtigen Augen blicken konnten. In ihrem ganzen Wesen, in jeder Bewegung lag etwas unendlich Anmutiges Reizendes; sie war nach der letzten Mode sehr geschmackvoll, für den Spaziergang beinahe zu elegant gekleidet, und doch war an irgendeine Ziererei, wie sie sonst sehr geputzten Mädchen wohl eigen, gar nicht zu denken. Die Mutter grüßte eine entfernt sitzende Dame, und beide standen auf, sich annähernd zum Gespräch; der Alte trat unterdessen an die Laterne und zündete sich die Pfeife an. Diesen Augenblick benutzte das Mädchen, das Papierchen aus dem Busen zu ziehen und den Inhalt schnell zu lesen. Da sahen die Freunde, wie das Blut der Armen in das Gesicht stieg, wie große Tränen in den schönen Augen perlten, wie der Busen vor innerer Beklemmung sich hob und senkte. Sie zerriß das kleine Papier in hundert kleine Stücke und gab eins nach dem andern langsam, als sei jedes eine schöne, schwer aufzugebende Hoffnung, dem Winde preis. Die Alten kehrten wieder. Der Vater sah dem Mädchen scharf in die verweinten Augen und schien zu fragen: Was hast du denn? das Mädchen sprach einige sanft klagende Worte, die die Freunde freilich nicht verstehen konnten, da sie aber gleich ein Tuch hervorzog und an die Backe hielt, so mußte sie wohl Zahnschmerzen vorschützen. Eben deshalb kam es aber den Freunden besonders vor, daß der Alte, der überhaupt ein etwas karikiert ironisches Gesicht hatte, possierliche Mienen schnitt und so laut lachte. Keiner, weder Alexander, Marzell noch Severin hatte bis jetzt ein Wort gesprochen, sondern unverwandt das holde Kind, das irgendeinen großen Schmerz erfahren, angeschaut. Der Knabe nahm jetzt auch Platz und die Schwester wechselte den Sitz so, daß sie jetzt den Freunden den Rücken zukehrte. Nun war der Zauber gelöst und Alexander fing an, indem er aufstand und Severin leise auf die Schulter klopfte: »Ei, Freund Severin, wo ist die Geschichte von der in Blumenduft sich gestalteten Ahnung? wo ist der geheime Sekretär Nettelmann – die selige Tante, wo sind unsere tiefen Gespräche geblieben? – Ei was ist uns denn jetzt allen erschienen, das uns die Zunge bindet und unsere Augen so verstarrt?« – »Ich sage so viel«, sprach Marzell mit einem dumpfen Seufzer, »daß das Mädchen dort das holdeste, wunderherrlichste Engelskind ist, das ich jemals sah.« »Ach!« fiel Severin noch tiefer und schmerzlicher seufzend ein, »ach, und dieses Himmelswesen in irdischem Leiden befangen und duldend!« – »Vielleicht«, sprach Marzell, »in diesem Augenblick unzart von roher Faust berührt!« – »Das meine ich auch«, versetzte Alexander, »und sehr würde es mich erlustigen und befriedigen, wenn ich jenen großen hasenfüßigen Lümmel prügeln könnte, der ihr den fatalen Zettel gab. Unstreitig war es nämlich der ersehnte Geliebte, der ihr statt der ungezwungenen Annäherung an die Familie irgendeiner abgeschmackten Eifersüchtelei, oder sonstiger dummer Liebesfehde halber, schnöde Worte brieflich einhändigte.« »Aber Alexander«, fiel Marzell ihm ungeduldig ins Wort, »wie kannst du nur so ohne alle Menschenkenntnis, so ganz erbärmlich beobachten? Deine Prügel würden den seiner Breite halber freilich einladenden Rücken eines höchst unschuldigen harmlosen Briefträgers treffen. Lasest du es denn nicht in dem dümmlich lächelnden Gesicht, sahst du es denn nicht an der ganzen Manier, ja selbst am Gange, daß der junge Mensch nur Überbringer, nicht Briefsteller war? – Man mag es nun anfangen, wie man will, gibt man eigne Worte im eignen Namen ab, so steht der Inhalt leserlich auf dem Gesicht! – Wenigstens ist das Gesicht allemal die kurze Inhaltsanzeige, die den offiziellen Berichten vorgesetzt wird, und die immer sagen muß, worauf es ankommt. Und es mußte dann die heilloseste auch leicht zu erkennende Ironie sein, wie wollte man sonst der Geliebten in solch gebückter Botenstellung ein Briefchen überreichen, wie der junge Mensch es tat. Es scheint gewiß, daß das Mädchen den heimlich Geliebten, den sie nicht sehen darf oder kann, hier anzutreffen hoffte. Er wurde unabwendbar verhindert, oder auch wie Alexander meint, irgendeine dumme Liebesfehde hielt ihn zurück. Er schickte den Freund mit dem Briefchen ab. Mag es nun aber sein, was es will, mir hat die Szene das Herz zerschnitten.« »Ach Freund Marzell«, nahm Severin das Wort, »und doch gibst du diesem tief in die Brust schneidenden Schmerz, wie ihn die Arme litt, solche gemeine Ursache? – Nein! – sie liebt heimlich – vielleicht wider den Willen des Vaters, alle Hoffnung war auf ein Ereignis gestellt, das heute – heute den Ausschlag geben sollte. Es ist fehlgeschlagen! – Alles vorbei – untergegangen der Hoffnungsstern – begraben alles Glück des Lebens! Saht ihr wohl, mit welchem in das Innerste dringenden Blick der hoffnungslosesten Wehmut das Mädchen den unglückseligen Brief, wie Ophelia die Strohblumen, wie Emilia Galotti die Rose in hundert Stückchen zerpflückte und in die Luft verstreute? – Ach ich hätte blutige Tränen weinen mögen, als, wie im entsetzlich höhnenden Spott, der Wind die Todesworte in luftigen Wellen fortkräuselte! Ist denn kein Trost auf Erden für das holde süße Himmelskind?« – »Nun Severin«, rief Alexander, »du bist wieder gut im Zuge. Das Trauerspiel ist fertig! Nein nein! wir wollen der Holden alle Hoffnungen, alles Lebensglück lassen, und ich glaube, sie zweifelt selbst noch nicht daran, da sie mir jetzt sehr gefaßt zu sein scheint. Seht nur, wie sorglich sie die neuen weißen Handschuhe auf das weiße Tuch bettet, und mit wie vieler Behaglichkeit sie den Kuchen in die Teetasse einstippt – wie sie dem Alten freundlich zunickt, der ihr einigen Rum in die Tasse tröpfelt – der Junge beißt recht bengelhaft in das große Butterbrot hinein! – Pump! da liegt es im Tee, der ihm ins Gesicht sprützt – die Alten lachen – seht, seht, wie sich das Mädchen vor Lachen schüttelt.« – »Ach«, unterbrach Severin den Beobachter, »ach das ist ja eben das Entsetzliche, daß die Arme den tiefen zerstörenden Schmerz im Innern, mit des Lebens gemeiner Außenseite verhüllen muß. Und dann! – ist es, im Innern verstört, nicht leichter zu lachen, als gleichgültig zu scheinen?« »Ich bitte dich Severin«, sprach Marzell, »schweige, denn wir regen unsere Gefühle, lassen wir das Mädchen nicht aus den Augen, nur auf eine uns verderbliche Weise auf.« Alexander stimmte der Äußerung Marzells ganz bei, und nun mühten sich die Freunde ein heiteres, von Gegenstand auf Gegenstand launicht springendes Gespräch zu beginnen. Dies gelang ihnen auch insofern, als mit vielem Geräusch die unbedeutendsten Dinge aufs Tapet gebracht und unendlich interessant gefunden wurden. Alles, was jeder sprach, hatte aber wirklich solch besondere Farbe, solch besondern Ton, der niemals zur Sache paßte, so daß die Worte nur ganz was anders bedeutende Chiffern schienen. Sie beschlossen den herrlichen Tag des Wiedersehens mit einem kalten Punsch zu feiern, und fielen schon bei dem dritten Glase einander weinend in die Arme. Das Mädchen stand auf, ging an die Barriere des Wassers und schaute hinübergelehnt mit recht wehmütigen Blicken den fliehenden Wolken nach. »Eilende Wolken, Segler der Lüfte!« – fing Marzell mit süßlich klagender Stimme an, aber Severin stürzte das Glas hinunter und, es hart auf den Tisch niederstoßend, erzählte er von einem Schlachtfelde, das er im hellen Mondschein durchwandelt, und wie ihn die bleichen Toten mit lebendig funkelnden Augen angestarrt hätten. »Gott behüte und bewahre«, schrie Alexander, »was ficht dich an, Bruder!« – Das Mädchen setzte sich eben wieder an den Tisch, mit einem Ruck sprangen die drei Freunde auf und hielten eine Art Wettlauf bis an die Barriere; durch einen gewagten Sprung über zwei Stühle kam aber Alexander den Freunden zuvor und lehnte sich richtig gerade an derselben Stelle an, wo das Mädchen gestanden, behauptete auch diesen Platz hartnäckig, unerachtet Marzell von der einen, Severin von der andern Seite, unter dem Vorwande freundschaftlicher Umarmungen, ihn wegzuziehen strebten. Severin sprach nun sehr feierlich und mystisch über die Wolken und ihren Zug, erklärte auch lauter, als gerade nötig, die Bilder, die sich formten; Marzell, ohne auf ihn zu hören, verglich Bellevue mit einer römischen Villa und fand, unerachtet er durch die Schweiz und durch Franken zurückgekommen, die öde Gegend mit den, gleich Kniegalgen hervorragenden Blitzableitern an den Pulverhäusern, die er funkelnde Sterne tragende Masten nannte, üppig reich und romantisch. Alexander begnügte sich damit, den schönen Abend und den reizenden Aufenthalt im Weberschen Zelt zu loben. Die Familie schien aufbrechen zu wollen, denn der Alte klopfte die Pfeife aus, die Frauenzimmer packten die Strickzeuge ein, und der Knabe suchte und rief nach seiner Mütze, die ihm endlich der muntere Hauspudel, der so lange damit gespielt, dienstfertig apportierte. Die Freunde wurden kleinlauter, die Familie grüßte freundlich, da fuhren sie, sich schnell und heftiger, als nötig, bückend, mit den Köpfen zusammen, daß es merklich krachte. Indem sie sich darüber wundern wollten, war die Familie auf und davon. Nun schlichen sie in mürrischem Schweigen zurück zum kalten Punsch, den sie miserabel fanden. Die bilderreichen Wolken verhauchten im gestaltlosen dunkeln Nebel, Bellevue wurde wieder Bellevue, jeder Blitzableiter ein Blitzableiter, und das Webersche Zelt eine ordinäre Kneipe. Da überdem beinahe kein Mensch mehr da war, eine unangenehme Kühle eintrat, und sogar die Pfeifen nicht mehr recht brennen wollten, schlichen die Freunde in einem Gespräch, das wie ein abgebranntes Licht nur hin und wieder einmal noch aufloderte, fort. Severin trennte sich schon im Tiergarten von ihnen, um seine Wohnung zu suchen, und Marzell ließ auch, in die Friedrichsstraße einbiegend, den Freund allein nach seinem weit entlegenen Hause zur seligen Tante wandeln. Eben dieser Entlegenheit ihrer Wohnungen halber hatten die Freunde einen öffentlichen Ort in der Stadt gewählt, wo sie sich an bestimmten Tagen und Stunden sehen wollten. Es geschah auch so; sie kamen aber mehr um das sich gegebene Wort zu halten, als aus innerm Antriebe. Vergebens blieb alles Mühen, den gemütlichen traulichen Ton, der sonst unter ihnen herrschte wiederzufinden. Es war, als trage jeder etwas im Innern, das alle Lust, alle Freiheit verstöre, und das er, wie ein düsteres verderbliches Geheimnis bewahren müsse. Nach weniger Zeit war Severin plötzlich aus Berlin verschwunden. Alexander klagte kurz darauf mit einer Art von Verzweiflung, daß er vergebens um Verlängerung seines Urlaubs gebeten; daß er, ohne mit der Regulierung der Erbschaft zustande gekommen zu sein, fortreisen und seine herrliche bequeme Wohnung verlassen müsse. »Aber«, fragte Marzell: »mich dünkt, du fandest ja deine Wohnung so unheimlich, ist es dir nicht lieb, wieder ins Freie zu kommen, und wie ist es mit dem alten Spuk der seligen Tante?« »Ach«, rief Alexander verdrießlich, »die spukt längst nicht mehr. – Ich kann dich versichern, daß ich mich recht nach häuslicher Ruhe sehne, und wahrscheinlich nehme ich bald meinen Abschied, um der Kunst und Literatur ungestört nachhängen zu können.« Alexander mußte auch in der Tat in wenigen Tagen fort. Bald darauf brach der Krieg aufs neue aus, und plötzlich war Marzell, der, statt den frühern Plan zu verfolgen, wieder Kriegsdienste genommen, auch fort zur Armee. So trennten sich die drei Freunde aufs neue, ehe sie sich noch im eigentlichen Sinne des Worts wiedergefunden hatten.

 

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