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Die Seherin von Prevorst

Justinus Kerner: Die Seherin von Prevorst - Kapitel 8
Quellenangabe
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authorJustinus Kerner
titleDie Seherin von Prevorst
publisherJ. F. Steinkopf Verlag
printrun2. Auflage
year1963
correctorJosef Muehlgassner
senderwww.gaga.net
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7. Bild dieser Frau

Frau H. war auch vor meiner magnetischen Behandlung in einem so tiefen somnambulen Leben, daß sie (wie man noch später zur Gewißheit erfuhr) nie im wachen Zustande war, wenn sie dies auch zu sein schien. Freilich war sie wacher als andre Menschen; denn es ist sonderbar, diesen Zustand, der gerade das hellste Wachen ist, nicht wach zu nennen, aber sie war im Zustande des Innern.

In diesem Zustande und dieser Beschaffenheit der Nerven fehlte es ihr ganz an eigener organischer Kraft, und sie erhielt nur noch durch das Ausströmen andrer stärkerer Nervengeister Kraft, durch Ausströmungen hauptsächlich aus Fingerspitzen und Augen. »Luft- und Nervenausströmung andrer«, sagte sie, »bringt mir noch das Leben, von diesen muß ich leben. Sie fühlen es nicht, es sind Ausströmungen, die sie sonst ohnedies verlieren würden, die aber meine Nerven an sich ziehen; nur so kann ich noch leben.«

Sie versicherte oft, daß andre dadurch keinen Verlust leiden, allein es ist doch nicht in Abrede zu ziehen, daß viele Menschen sich nach längerem Aufenthalte bei ihr geschwächt fühlen, ein Ziehen in den Gliedern, ein Zittern usw. empfanden. Sehr viele Menschen fühlten bei ihr bald eine Schwäche in den Augen und dann auf der Herzgrube, erhielten selbst Ohnmachten und sie sagte selbst auch, daß sie aus den Augen andrer stärkerer Menschen am meisten Kraft an sich ziehen könne.

Von ihr blutsverwandten Menschen vermochte sie mehr anzuziehen als von andern, und als sie schwächer wurde, nur von solchen, wahrscheinlich wegen eines zwischen Blutsverwandten stattfindenden natürlichen Rapports. Um nervenschwache und kranke Menschen, von denen sie nichts an sich ziehen konnte, konnte sie nicht sein, sie wurde durch diese schwächer. So bemerkt man, daß Blumen bei Kranken die Schönheit bald verlieren, so wie dieselben auch durch Berühren und Pflege gewisser Personen bald vergehen.

Auch aus der Luft schien sie einen besondern ätherischen Stoff als nährendes Lebensprinzip an sich zu ziehen. Ohne ein offenes Fenster konnte sie, auch nicht in der heftigsten Winterkälte, bleiben.

Der Geist aller Dinge, wovon wir in unserem Zustande keinen Begriff haben, war ihr fühlbar und von Einwirkung auf sie; besonders war dies der Fall beim Geist der Metalle, der Pflanzen, der Menschen und Tiere. Alle unwägbaren Materien, selbst die verschiedenen Farben des Lichtstrahles, äußerten auf sie besondere Einflüsse. Die elektrische Materie, wo sie für uns nicht mehr sichtbar und fühlbar war, war es für sie. Ja, was unglaublich ist, selbst das geschriebene Menschenwort war für sie fühlbar.

Alles dieses zeigte sich bei ihr immer in einem Zustande, der von jedem für wach gehalten werden konnte und den auch sie meistens dafür hielt; allein es war ein Zustand des Innern, aus dem sie nie mehr heraustrat, und in ihm eine Aufhebung aller Isolierung. Die besondern Erfahrungen und Versuche hierüber werden in diesen Blättern einzeln aufgeführt werden.

Aus ihren Augen ging ein ganz eigenes geistiges Licht, das jedem, der sie auch nur kurz sah, sogleich auffiel, und sie selbst war in jeder Beziehung mehr Geist als Mensch.

Will man sie mit einem Menschen vergleichen, so kann man sagen: sie war ein im Augenblicke des Sterbens, durch irgendeine Fixierung, zwischen Sterben und Leben zurückgehaltener Mensch, der schon mehr in die Welt, die nun vor ihm, als in die, die hinter ihm liegt, zu sehen fähig ist.

Sie war oft in Zuständen, wo Menschen, die wie sie die Fähigkeit Geister zu sehen gehabt hätten, ihren Geist außer seinem Körper, der sie nur noch als ein leichter Flor umschloß, erblickt haben würde. Sie selbst sah sich oft außer dem Körper, sah sich oft doppelt. Sie sagte oft: »Es kommt mir oft vor, als sei ich außer mir, ich schwebe dann über meinem Körper und denke dann auch über meinem Körper. Es ist mir aber dies kein behagliches Gefühl, weil ich meinen Körper doch immer noch weiß. Wenn nur meine Seele fester an den Nervengeist gebunden wäre, dann würde sie sich auch fester an die Nerven selbst binden, aber das Band meines Nervengeistes wird immer lockerer.«

Es schien ihr Nervengeist auch wirklich so locker mit den Nerven zusammenzuhängen, daß er bei jeder Bewegung leicht lose wurde und den Körper vollends verließ, worauf sie sich meistens auch außer dem Körper, oder wie man sagt, doppelt sah, auch kein Gefühl von Schwere ihres Körpers mehr hatte.

Künstliche Bildung oder Dressur hatte Frau H. nicht. Es war bei ihr bei dem geblieben, war ihr die Natur gab. Sie hatte keine fremde Sprache gelernt, weder etwas von Geschichte, noch Geographie, noch von Physik, noch von sonstigem Wissen, in dem man das weibliche Geschlecht jetzt in Instituten dressiert, war ihr geworden. Bibel und Gesangbuch waren, besonders in den langen Jahren ihrer Leiden, ihre einzige Lektüre geblieben. Ihr sittlicher Charakter war durchaus tadellos. Sie war fromm, ohne Frömmelei. Auch ihr langes Leiden und die Art ihres Leidens erkannte sie als Gnade Gottes, wie auch aus Versen, die sie im schlafwachen Zustande niederschrieb, hervorgeht.

Da ich schon Verse machte, so war es das nächste zu sagen: Frau H. habe dieses Talent durch meine magnetische Einwirkung. Da ist aber zu bemerken, daß Frau H., schon ehe sie in meine Behandlung kam, solche kleine Verse machte. Nicht ohne tiefere Bedeutung war Apollo der Gott der Dichter, der Seher und der Arzneikunde zugleich. Schlafwachen geht im Innern die Kraft zu dichten, zu sehen und zu heilen auf. Wie herrlich verstanden die Alten diesen Zustand des Innern, wie klar lag er wohl in ihren Mysterien aufgedeckt.

Der große Arzt Galen verdankt einen Teil seiner ärztlichen Erfahrungen nächtlichen Träumen.

Bekannt ist, daß das ärztliche Wissen Somnambuler fälschlich auch schon als vom behandelnden Arzte und Magnetiseur auf das Somnambule übergegangen, hergeleitet und erklärt wurde.

Die Lüge der Welt über Frau H. war groß! Das war ihr wohl bekannt. Als sie eines Tages viele Lästerungen der Menschen über sich hören mußte und davon endlich sehr angegriffen ward, stand zu erwarten, sie werde sich nun abends im magnetischen Schlafe darüber äußern, aber es geschah nicht, sie sagte nur: Sie greifen meinen Leib, aber nicht meinen Geist an. Ihr Geist, im Bewußtsein der Unschuld, erhaben über solches Gerede, blieb ruhig und entwickelte nur geistige Dinge.

Aber die unsinnigsten Lügen wurden über diese Frau in das Land hinaus verbreitet, und die verschiedensten Menschen drangen sich (zu meinem tiefen Kummer), in der Absicht, Wunder zu sehen, an ihr Krankenbett.

Viele, die man abwies, nahmen durch Lügen Rache, und durch keine Geschichte wurde mir die Lust der Welt an Lüge und Verleumdung so offenbar als durch diese.

Sie aber begegnete allen Menschen mit gleicher Freundlichkeit, kostete es auch ihrem Körper Opfer, und selbst die, die sie am meisten lästerten, wurden oft von ihr verteidigt. Es kamen böse und gute Menschen zu ihr. Sie fühlte das Schlechte im Menschen gar wohl, fällte aber nie Urteile, hob gegen keinen Sünder einen Stein auf, mochte aber in manchen Sündern, die sie um sich duldete, Glauben an ein geistiges Leben erweckt und sie gebessert haben.

Schon jahrelang, ehe Frau H. hierher gebracht wurde, war die ganze Erde mit ihrer Atmosphäre, und alles was um und auf ihr ist, die Menschen nicht ausgenommen, für sie nicht mehr. Sie bedurfte mehr als eines Magnetiseurs, sie bedurfte auch mehr als einer Liebe, eines Ernstes, einer Einsicht, wie sie wohl schwerlich in eines Menschen Vermögen gelegen haben mag – sie bedurfte, was kein Sterblicher ihr zu geben fähig war, eines andern Himmels, einer andern Luft, andrer Nahrungsmittel, als diese Erde zu geben vermag. Sie gehörte in eine Welt der Geister, sie selbst hier schon mehr als halber Geist; sie gehörte in den Zustand nach dem Tode, in dem sie schon hier oft mehr als halb war.

Daß Frau H. aus ihrem nicht in die Welt taugenden Zustande vielleicht noch im zweiten, dritten Jahre desselben hätte gebracht werden können, ist möglich: im fünften Jahre war es der aufopferndsten Fürsorge nicht mehr möglich. Aber zu einer größern innern Harmonie und Klarheit wurde sie durch solche Fürsorge gebracht, sie lebte zu Weinsberg, wie sie oft sagte, die genußreichsten Tage ihres geistigen Lebens, und es bleibt ihr Aufenthalt hier immer der erfreulichste Lichtpunkt in ihm, ob ihn gleich so manche Menschen mit giftigem Speichel und Tinte zu löschen bestrebten.

Ihren Körper noch betreffend, so umgab dieser (wie schon berührt) den Geist nur noch wie ein Flor. Sie war klein, ihre Gesichtszüge orientalisch, ihr Auge hatte den Stechblick eines Seherauges, der durch den Schatten langer, dunkler Wimpern und Augenbrauen noch gehoben wurde. Sie war eine Lichtblume, die nur noch von Strahlen lebte.

Eschenmayer schrieb von ihr in seinen Mysterien: »Ihr natürlicher Zustand war ein milder, freundlicher Ernst, immer gestimmt zur Andacht und zum Gebet, ihr Auge hatte etwas Geisterartiges und blieb ungeachtet der vielen Leiden immer rein und klar. Ihr Blick war durchdringend, schnell konnte er sich mitten im Gespräche verändern, wurde wie Funken sprühend und auf eine Stelle geheftet – immer ein Zeichen, daß eine fremde Erscheinung ihn fesselte – gleich nachher fuhr sie wieder im Gespräche fort.

Ihr leibliches Leben ließ, wie ich sie schon das erstemal sah, keine lange Dauer erwarten, und auf keinen Fall eine solche Restitution, daß sie alle die äußern Einflüsse hätte wieder ertragen lernen. Ohne sichtbare Mißverhältnisse in den Funktionen schien ihr Leben nur noch ein glimmender Docht zu sein. Sie war, wie Kerner sich sehr wahr ausdrückt, ein im Sterben begriffenes, aber durch magnetische Kraft an den Leib zurückgehaltenes Wesen. Geist und Seele schienen oft in andern Regionen zu weilen, während die Seele noch an den Leib gebunden war.«

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