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Die Seherin von Prevorst

Justinus Kerner: Die Seherin von Prevorst - Kapitel 7
Quellenangabe
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authorJustinus Kerner
titleDie Seherin von Prevorst
publisherJ. F. Steinkopf Verlag
printrun2. Auflage
year1963
correctorJosef Muehlgassner
senderwww.gaga.net
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6. Erscheinen in Weinsberg

Frau H. kam am 25. November 1826 hier an, ein Bild des Todes, völlig verzehrt, sich zu heben und zu legen unfähig. Alle drei bis vier Minuten mußte ihr ein Löffel Suppe gereicht werden, den sie oft nicht verschlingen konnte, sondern nur in den Mund nahm und wieder ausspie. Reichte man ihr ihn nicht, so verfiel sie in Ohnmacht und Starrkrampf. Ihr Zahnfleisch war dick skorbutisch geschwollen, immer blutend, ihre Zähne waren ihr in L. alle aus dem Mund gefallen. Krämpfe, somnambuler Zustand, wechselten mit einem mit Nachtschweißen und blutigen Durchfällen verbundenen Fieber. Jeden Abend um sieben Uhr verfiel sie in magnetischen Schlaf. Diesen fing sie immer mit stillen Gebeten an, in welchem sie die Arme auf der Brust gekreuzt hatte. Dann breitete sie die Arme in gerader Richtung nach außen aus und befand sich in diesem Moment im schauenden Zustande, und erst wenn sie dieselben wieder auf die Bettdecke zurückgebracht hatte, fing sie zu sprechen an. Ihre Augen waren dabei geschlossen, ihre Gesichtszüge ruhig und verklärt. Als sie am ersten Abend ihrer Ankunft in diesen Schlaf verfiel, begehrte sie nach mir, ich aber ließ ihr sagen, daß ich jetzt und in Zukunft mit ihr nur wach sprechen werde.

Als sie wach war, ging ich zu ihr und erklärte ihr kurz und ernst: daß ich auf das, was sie im Schlafe spreche, keine Rücksicht nehme, daß ich gar nicht wissen wolle, was sie da spreche, und daß ihr somnambules Wesen, das nun zum Jammer ihrer Verwandten schon so lange angedauert, endlich aufhören müsse. Diese Eröffnung begleitete ich noch mit einigen, allerdings ernsten Ausdrücken: denn es war mein Vorsatz, durch eine ernste psychische Behandlung und auch durch Hervorrufung eines festen Willens in ihr, vom Gehirne aus das vorwiegende Leben ihres Bauchsystems zu unterdrücken. In jedem ihrer schlafwachen Zustände wurde nun keine Frage mehr an sie, über sie oder andre gerichtet, man ließ sie in ihnen ganz unbeachtet liegen. Dagegen setzte ich ein rein ärztliches Heilverfahren homöopathischer Art fort. Allein auch die allerkleinsten Gaben von Arzneimitteln bewirkten in ihr immer das Gegenteil von dem, was man durch sie bezwecken wollte. Krämpfe und Somnambulismus stellten sich zwar weniger ein, dagegen aber erschien ein offenbares Gefäßleiden. Zehrfieber, Nachtschweiße, Durchfälle, völlige Erschöpfung und äußerste Abmagerung nahmen reißend zu, so daß das Ende ihrer Leiden in kurzer Zeit zu erwarten war, und ihre Verwandten auch darauf vorbereitet wurden. Es war zur Heilungsweise, die ich einschlagen wollte, zu spät. Durch die frühern magnetischen Einwirkungen so verschiedener Art war ihrem Nervenleben eine zu ungewöhnliche entgegengesetzte Richtung gegeben worden, sie hatte kein Leben mehr, das aus der Kraft der Organe geschöpft wurde; sie konnte nicht mehr anders als von entlehntem Leben, von der Lebenskraft andrer, von magnetischen Einflüssen leben, wie sie offenbar schon lange nur lebte. In ihren zwar nun seltener stattfindenden magnetischen Schläfen suchte sie immer noch die wahren Mittel zu ihrer Heilung zu erschauen, und es war oft rührend anzusehen, wie sie in ihr Innerstes zurückgeführt, dieselben zu finden sich abmühte. Der Arzt, der bis jetzt mit seiner Apotheke ihr so wenig zu helfen wußte, mußte oft sehr beschämt neben ihrem innern Arzte stehen, erkennend, daß jener innere Arzt noch immer zweckmäßigere Mittel als er für ihren verzweiflungsvollen Zustand entdeckte.

So fragte ich sie nun einmal, und das erstemal (nachdem ich viele Wochen lang eine rein ärztliche und psychische Behandlung ohne einen Erfolg, ja zu ihrem Schaden, versuchte) im magnetischen Schlafe: ob sie, wenn sie in ihr Inneres gehe, fühle, daß eine abermalige, aber geregelte magnetische Behandlung ihr noch Rettung bringen könne? Sie erwiderte, darüber könne sie erst Auskunft geben, wenn sie am anderen Abend um sieben Uhr sieben magnetische Striche erhalten habe.

Da ich allen magnetischen Verband noch geflissentlich vermeiden wollte, so gab ich ihr am andern Abend die Striche nicht selbst, sondern bat einen Freund um diese Gefälligkeit. Da erklärte sie schlafwach: daß eine ganz gelind magnetische Behandlung nach sieben Tagen alles zu ihrer Rettung beitragen werde.

Die sieben ihr gegebenen magnetischen Striche hatten auch schon die Folge, daß sie sich am andern Morgen zu ihrer großen Verwunderung, denn sie wußte selbst nicht, wie es geschah, wieder frei im Bette aufrichten konnte und sich weit kräftiger fühlte, als durch alle die bisher versuchten Mittel der Apotheke. So geschah nun, daß vom 22. Dezember an, siebenundzwanzig Tage lang eine regelmäßige magnetische Behandlung eingeleitet und die von ihrem Inneren ausgesprochenen Heilmittel, mit Unterlassung aller andern, angewendet wurden. Obgleich die vielen unabwendbaren Störungen von der Außenwelt eine Heilung (die wohl auch nicht mehr möglich gewesen wäre) verhinderten, und oft sehr verzweiflungsvolle Zustände herbeigeführt wurden, so kam Frau H. doch nach und nach auf diejenige Stufe der körperlichen Kraft, als wohl einem so viele Jahre lang in ungewöhnlichem Leben begriffen gewesenen Nervensysteme wieder zu erreichen möglich war. Aber der sie so tief erschütternde Tod ihres Vaters zernichtete nachher auch diese, und es blieb ihr nur noch das Leben einer Sylphe.

Was aus einem solchen körperlosen Leben nun hervorging (und was uns immer an die Zeit mahnt, wo auch unsre Psyche, der körperlichen Bande los, ohne Hemmung durch Raum und Zeit, frei ihre Flügel entfalten wird), manche Ahnungen an ein inneres Leben des Menschen und an ein Hereinragen einer Geisterwelt in die unsre – nicht ein Tagebuch über eine Krankheitsgeschichte – ist nun der fernere Inhalt dieser Blätter. Ich gebe hier reine Tatsachen und überlasse die Erklärung dem Belieben eines jeden.

Handbücher über den tierischen Magnetismus und andre Schriften haben für diese Erscheinungen schon Theorien genug aufgestellt. Sie sind mir alle bekannt. Es sei mir erlaubt, keiner zu erwähnen, sondern nur hie und da durch Beispiele ähnlicher Erscheinungen darzutun, daß das, was sich bei dieser schlafwachen Frau ergab, nichts Ungewöhnliches, sondern schon oft, auch in andern, selbst wachen Zuständen Vorgefallenes, in der Natur Gegründetes, durchaus Wunderloses ist. Aber – es können solche Erscheinungen nicht oft genug den Markt des gemeinen Lebens, wenn auch nur auf Augenblicke, als weckende Blitze aus höchster Region durchzucken.

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