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Die Seherin von Prevorst

Justinus Kerner: Die Seherin von Prevorst - Kapitel 4
Quellenangabe
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authorJustinus Kerner
titleDie Seherin von Prevorst
publisherJ. F. Steinkopf Verlag
printrun2. Auflage
year1963
correctorJosef Muehlgassner
senderwww.gaga.net
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3. Zurückziehen ins Innere

An der Grenze von Württemberg gegen Baden liegt der zum Teil Baden, zum Teil Hessen zugehörende Ort Kürnbach, von Bergen eingeschlossen in ziemlicher Niederung und Düsterheit, in seinen geognostischen und atmosphärischen Verhältnissen den Orten Prevorst und Oberstenfeld entgegengesetzt.

Menschen mit elektrometrischer Empfindlichkeit begabt, werden oft nur durch Veränderung des Wohnorts geheilt, wie andre, von gleicher Anlage, durch Beziehung neuer Wohnorte oft in Krankheiten verfallen, von denen die Ärzte keinen Grund anzugeben wissen.

Inwieweit nun ein Nervenleben von solchem Gefühl für siderische und imponderable Einflüsse, wie es nun einmal in Frau H. angefacht war (und wie es der Leser erst später noch in seiner unbegreiflichen Ausdehnung wird kennenlernen), durch Beziehung von einem von den vorigen in jeder Hinsicht so verschiedenen Aufenthaltsorte, auch mit zum Teil feindlich ergriffen werden konnte (und Kürnbach ward nach der Verheiratung der Frau H. am 27. August 1821 nun auch der Ort ihres neuen, ehelichen Lebens), läßt sich allerdings nicht berechnen. Später zeigte sich auch, daß Frau H., je tiefer sie von Berghöhen herabkam, je mehr Krämpfen unterworfen ward, auf den Berghöhen aber ihr magnetischer Zustand sich steigerte.

Aber auch psychische Einflüsse möchten von nun an feindlich in ihr Leben eingegriffen haben. Schon früher nicht mehr für die Außenwelt lebend, und doch nun so manchen Aufruf in dieselbe von außen als Gattin eines gewerbetreibenden Mannes wohl erkennend, mußte sie sich nun, an ihr Anteil zu nehmen, Zwang antun, sie mußte ihr Inneres (ihre Heimat) bedecken und dafür ein Äußeres hinstellen, das ihrem Innern (ihrer Heimat) durchaus widersprach. Und diese Verstellung, dieser Zwang, mußte ihr um so schwerer fallen und endlich auch zum körperlichen Leiden werden, als sie schon in einem Zustande war, der mehr der Zustand des Innern ist, wo jede äußere Verstellung um so schwerer fällt, wie beziehungsweise (um es nur durch einen Zug klarer zu bezeichnen) somnambule, in ihr inneres Leben zurückgeführte Menschen keinen Menschen, und wäre er ein König, anders als mit du anzusprechen fähig sind, und dürfen sie dieses nicht, lieber stillschweigen.

Aber sie war von jener Stunde an, wo sie auf jenem Grabe stund, wie jeder mehr auf das innere Leben zurückgeführte Mensch, schon mehr in dem Zustande, in welchen jedes auch nach Verschwindung der Außenwelt, nach dem Tode, wohl kommt, und in welchem natürlicherweise keine Verstellung mehr stattfinden kann.

Sieben Monate lang schien Frau H. mit dem gewöhnlichen Leben mitzuleben, sooft es aber die äußern Verhältnisse nur zuließen, floh sie, um in sich selbst sein zu können, in die Einsamkeit. Aber länger war es ihr nicht möglich, ihr Inneres zu bedecken, und dafür ein Äußeres, was nicht da war, zum Schein hinzustellen, der Körper unterlag solchem Zwange, und der Geist rettete sich in die innern Kreise.

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