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Die Seherin von Prevorst

Justinus Kerner: Die Seherin von Prevorst - Kapitel 34
Quellenangabe
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authorJustinus Kerner
titleDie Seherin von Prevorst
publisherJ. F. Steinkopf Verlag
printrun2. Auflage
year1963
correctorJosef Muehlgassner
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9. Letzte Lebenstage und Tod der Seherin

Schon nach der ersten Woche des Aufenthaltes der Seherin zu Löwenstein fühlte sie den ins Zentrum laufenden Strich des letzten Sonnenkreises ihrer am 2. Mai angetretenen sieben neuen Kreise auf den ersten zurückgesprungen und auf sich liegen und sich wieder in einem eingesperrten, beängstigenden Zustand. Damit war auch wieder mehr die Freiheit ihrer Seele verloren, und oft verfiel sie wieder in einen Zustand, der wie ein Sterben war.

Die so sehr vom Tale verschiedene scharfe Bergluft waren ihre Atmungsorgane nicht mehr gewohnt; dazu kam der Steinkohlendampf aus den Werkstätten naher Feuerarbeiter und die Ausdünstung von Vitriolwerken. Vergebens wünschte sie sich ins Tal zurück; es war zu spät, ihr Körper zu geschwächt, um noch einen Transport aushalten zu können. Das sie verzehrende Fieber nahm immer zu. Sie war nur unter großen Schmerzen zu schlingen fähig, daher sie beinahe gar nichts aß und wegen brennenden Durstes ihre Zunge nur oft in kühlendes Wasser tauchte. Es war dies vorauszusehen, aber vergebens strebte ich damals gegen jenen Wechsel, der ganz gegen meinen Rat dennoch geschah.

Drei Wochen vor ihrem Tode hatte sie dreimal ein zweites Gesicht, das ihr denselben zu verkünden schien, und über das sie sieben Tage vor ihrem Tode, bei meinem letzten Besuche, mit mir sprach. Sie sagte: »Schon dreimal erschien mir eine wunderfreundliche, in schwarze Gewänder gehüllte weibliche Gestalt. Diese stand mir gerade über, aber höher als ich. Es erschien mir diese Gestalt nur im Brustbilde: denn ihr übriger Körper war durch einen offenen Sarg, der unter ihr stand, und durch schwarze Tücher bedeckt, neben ihr war ein weißes Kreuz. Die Gestalt winkte mir zu, und ich fühlte von ihr einen kalten Hauch ausgehen. Diese Erscheinung war aber nicht die eines Geistes, sondern es war dies ein zweites, vorbedeutendes Gesicht, und wohl ahne ich seine Bedeutung.«

So sprach Frau H. dazumal wörtlich über diese Erscheinung, und ich bezog sie, in Wahrheit, nicht auf ihren Tod, indem ich mir denselben immer noch entfernter dachte; ich gab dem Bilde andre Auslegung.

So elend auch ihr Körper war, glaubte man ihren Tod nicht, weil sie schon oft im wirklichen Akte des Sterbens begriffen war und immer wieder durch magnetische oder andre ätherische Einflüsse ins Leben zurückkehrte.

Drei Tage vor ihrem Tode hob sie drei Finger wie zu einem Eide auf und beschwor: daß, so wahr Gott lebe, ihr Leben kaum noch drei Tage dauern werde. Ihr Wille war, zu sterben, und nur die Angst, die sie anwandelte, wenn sie in den Akt des Sterbens kam (in den sie so oft kam, ohne zu sterben), bei dem sie aber wohl das gleiche Gefühl hatte, das wohl jeder Mensch beim Sterben hat, preßte ihr Klagen und Zeichen von Kampf und Widerstand gegen den Tod aus. Um dieses öftere Sterben und doch nicht Sterbenkönnen war auch eine unsägliche Pein für dieses arme Geschöpf.

Ihr magnetischer Zustand dauerte, gegen mein Erwarten, auch als das Fieber immer mehr stieg, dennoch fort; sie blieb bis zum letzten Hauch ihres Lebens magnetisch. Auch ihr Schauen oder Übertreten ins Geisterreich vermehrte sich immer. Sie sagte mir, sie habe kürzlich zu zwei zu ihr gekommenen Geistern gesagt: »Warum kommt ihr denn zu mir?« worauf diese geantwortet: »Du bist ja bei uns!« –Sie fühlte sich immer mehr selbst unter und mit diesen Geistern. Sie sagte mir in ihren letzten Tagen: sie sehe in ihrem Fieberzustande nun auch oft Bilder, allerlei Gestalten vor ihren Augen, sie könne mir aber nicht genug ausdrücken, wie dieses Bildersehen so ganz was andres sei, als das Sehen von Geistern, und sie wünschte nur, daß auch noch andre Menschen als sie imstande sein könnten, dieses zweierlei Schauen miteinander zu vergleichen, um begreifen zu lernen, daß das erstere Phantasie, das letztere ein wirkliches Schauen sei, aber freilich ein Schauen, das sich von unserm gewöhnlichen Sehen auch wieder unterscheide, und daher nicht jedem Menschen gegeben sei. Auch das Schauen eines zweiten Gesichtes unterscheide sich vom Schauen der Geister und vom gewöhnlichen Sehen.

Sie wollte später, als sie aber schon zu schwach war, um zusammenhängend zu sprechen, noch manches mitteilen, vermochte es aber nicht mehr. So geschah es auch mit Mitteilungen, die sie noch über ihren letzten Sonnenkreis und über ihre innere Rechnung machen wollte; ihre Sprachorgane waren zu sehr gelähmt.

Am 5. August 1829 verfiel Frau H. teils in Delirien, teils kam sie in magnetischen Zustand, teils schien sie wieder wach zu sein, ihre Sprache war aber gebrochen. Mit sichtbarer Inbrunst hörte sie Gespräche über Leben und Leiden des Heilandes an, und deutete oft auf ihr Herz, indem sie mit gebrochener Rede zu erkennen gab, daß nur der ruhig sterben könne, der Jesum da innen trage. Sie forderte das Beten der Lieder: »Jesu, laß mich still«, und: »Jesu, Jesu, komm zu mir!« Öfters rief sie mit Heftigkeit meinen Namen (ich war nicht bei ihrem Tode), und als sie schon ganz tot zu sein schien und erstarrt war, und man meinen Namen nannte, trat sie wieder ins Leben und schien nicht sterben zu können. So schien das magnetische Band noch nicht zerrissen zu sein, überhaupt war sie noch magnetischer Einflüsse bis in den letzten Moment fähig; denn als sie schon ganz kalt und ihre Kinnbacken steif waren, machte ihre Mutter drei magnetische Striche über ihr Gesicht, und sie blickte wieder auf und bewegte die Lippen.

Der Geist ihres Vaters schien besonders zur Zeit ihres Todes bei ihr aus= und einzugehen, und wurde da auch von der Mutter und Schwester erblickt, und war dies das erstemal, daß der Mutter bei den vielen Geisterbesuchen ein Geist sichtbar wurde. Als diese des Vaters Geist sahen, sprachen sie vor der Sterbenden davon, und diese gab mit gebrochenen Worten zu verstehen, daß sie ihn mit ihnen auch gesehen habe, und daß sie sich nicht täuschen.

Um 10 Uhr sah die Schwester eine hohe lichte Gestalt ins Zimmer treten, und in dem gleichen Momente tat die Sterbende einen heftigen Schrei der Freude. Ihr Geist schien da die Hülle zu verlassen. Nach kurzen Momenten verließ sie auch die Seele, und die Hülle lag nun als etwas ganz Fremdes, ohne eine Spur von den früheren Gesichtszügen, da.

Das Gesicht dieser Frau war auch im Leben von der Art, daß es nur von Geist und Seele allein seine Form erhalten zu haben schien, daher wohl auch kein Künstler ihr Bild (es wurden mehrere vergebliche Versuche gemacht) wahrhaft zu treffen fähig war. Ihr Gesicht mußte beim Austritt von Geist und Seele nun ganz als ein fremdes erscheinen.

In der Nacht ihres Todes, ich vermutete ihren Tod noch nicht im mindesten, sah ich sie im Traume wie ganz genesen mit zwei andern weiblichen Gestalten gehen. Morgens ward mir die Kunde von ihrem Tode.

Am 7. nahm Herr Dr. Off zu Löwenstein die Sektion der Leiche vor. Der Körper war aufs äußerste verzehrt. Hauptsächliche krankhafte Veränderungen fand Herr Dr. Off in den Unterleibsdrüsen, die Verhärtungen zeigten; auch die Leber war krankhaft, und in der Gallenblase befand sich (was Frau H. öfters im Leben sagte) ein großer Gallenstein. In einem entzündlichen Zustande waren das Herz und seine Gefäße, und hauptsächlich die Atmungswerkzeuge, wahrscheinlich infolge jener Bergluft, die diese zarten Gewebe nicht mehr ertragen konnten. Den Schädel fand Herr Dr. Off bewundernswürdig schön gebaut und das Gehirn in allen seinen Teilen so gesund und vollkommen, daß er behauptete: noch nie ein gesunderes und schöner gebildetes Gehirn in einem Menschen getroffen zu haben. Auch an dem Rückenmarke, das seiner ganzen Länge nach untersucht wurde, und an den Nerven der Brust und des Unterleibes war nicht die mindeste krankhafte Veränderung sichtbar.

Am 8. wurde Frau H.s Hülle auf dem schön gelegenen Gottesacker zu Löwenstein zur Ruhe gebracht, dort, wo auch die Hülle ihres Großvaters, des alten, ehrsamen Schmidgall, und ihrer Führerin, seiner Hausfrau, ruht.

Leb wohl! was ich dir hab' zu danken,
Trag ich im Herzen immerdar.
Es schaut mein Innres ohne Wanken
In geist'ge Tiefen wunderklar.
Wo du auch weilst, im Licht, im Schatten,
Ein Geist bei Geistern weilest du.
O sende, will mein Glaub' ermatten,
Mir liebend einen Führer zu.
Und lebst du bald in höh'rem Bunde
Mit sel'gen Geistern leicht und licht.
Erschein in meiner Todesstunde,
Mir helfend, wenn mein Auge bricht.
Bald deinem stillen Grab entsteige
Die Blume, der du oft vertraut,
Des Mittlers Leiden stummer Zeuge,
Das heilige Johanniskraut!
Ja! wo ich diese Blum' erschaue,
Blut innen, außen goldner Schein,
In Waldes Nacht, auf lichter Aue,
Werd' ich auch denken deiner Pein.
Leb wohl! was auch die Menschen sagen,
Mich rühret nicht die Erde an,
Gar leicht kann ihre Schwere tragen,
Wer leicht ihr Nichts erfassen kann.
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