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Die Seherin von Prevorst

Justinus Kerner: Die Seherin von Prevorst - Kapitel 31
Quellenangabe
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authorJustinus Kerner
titleDie Seherin von Prevorst
publisherJ. F. Steinkopf Verlag
printrun2. Auflage
year1963
correctorJosef Muehlgassner
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6. Tatsachen in Oberstenfeld

1. Tatsache zu Oberstenfeld

Das Haus, das der Vater der Frau H. zu Oberstenfeld bewohnte, machte einen Teil des alten ehemaligen katholischen Stiftes aus. Von langer Zeit her (und die verschiedenen Bewohner desselben sind des Zeuge) hörte man in diesem Hause oft nächtlich ein unerklärliches Gehen, Klöpfeln an den Wänden und Fässern des Kellers, dann Töne, als würfe man mit Kieseln, oder rollte eine Kugel auf und ab. Oft auch hörte man melodische Metalltöne, fast wie von einem Triangel, auf welche von Frau H. und auch andern ihrer Familie, hie und da die Gestalt eines weiblichen Geistes erblickt wurde. In einem untern Zimmer des Hauses, das ihr Vater immer zum Schlafzimmer gebraucht hatte, ging es oft nächtlich hin und her, und der Vater wollte da nicht mehr arbeiten, weil ihm auf der Achsel oder den Füßen oft ein ihm unbekanntes Tier saß. In demselben Zimmer hörte man auch manchmal ein Klingeln, als säßen in ihm Leute bei einem Trinkgelage, die mit den Gläsern zusammenstießen. Die genauesten Nachforschungen gaben nie eine Ursache zu erkennen. Es war die Nacht des neuen Jahres 1825, da saß Frau H. unter ihrer Familie und spielte und sang ein geistliches Lied, als man auf einmal auf dem Hausflur den Ton vernahm, als fiele auf sie ein schweres Gewicht nieder. Sogleich untersuchte man, fand aber nichts. Man bekümmerte sich um den Vorfall nicht weiter, und Frau H. ging mit Schwester und Magd in einem untern Zimmer zu Bette. Als sie eine Viertelstunde zu Bette und noch wach war, bewegte sich der mitten in der Stube stehende und mit einem brennenden Lichte versehene Nachtleuchter immerwährend hin und her, so daß man seine Bewegung hörte und sah. Alles, hauptsächlich der Tisch, auf dem der Leuchter war, stand fest und stille. Dadurch aufmerksam, sah sie auf und sah vor ihrem Bette eine graue Gestalt stehen, wie in der Kleidung eines Ritters, aber wie ein Nebel, durch den sie vermeinte durchsehen zu können.

Diese Gestalt sprach ganz hohl und wie hinhauchend zu ihr: »Gehe mit mir, du kannst mir erleichtern die Bande, in denen ich bin.« Diese Stimme, die wie ein Hinhauchen, ein leises Wehen war, hatten ihre Geister immer, keine eigentliche Menschenstimme. Sie sagte: »Ich gehe nicht mit dir!« Aus Schrecken sprang sie aber sogleich in ihrer Schwester Bett und schrie dieser und der Magd zu: »Sehet ihr nichts?« Diese verneinten es, und sie schwieg, um sie nicht auch in Schrecken zu bringen. Sie ließ nun die Magd in ihr leeres Bett liegen, weil dieses vor den andern stand, und sie durch die Magd sicherer zu sein glaubte. Die Magd nahm ein Bettstück von den ihrigen mit, dieses wurde ihr aber von einer unsichtbaren Macht aus der Hand gezogen, und sie vermochte auch nicht, dasselbe wieder von dem Boden aufzuziehen, sie mußte es liegen lassen. Es erfolgte nun nichts mehr, und sie schlief mit den andern zwei Mädchen ruhig ein. Um sich von dieser Erscheinung, im Fall sie wiederkehren sollte, auch zu überzeugen, legte sich in der andern Nacht, nach dem Willen der Eltern, der erwachsene Bruder, ein beherzter Mensch, in dieselbe Stube auf ein paar Stühle. Punkt 12 Uhr, nachdem der Leuchter mit dem Lichte wieder auf dem Tische, sichtbar und hörbar von allen, hin und her schaukelte, erschien ihr die Gestalt wieder. Sie schrie: »Da ist er wieder!« Der Bruder und die zwei andern sahen und hörten wohl, wie sich der Leuchter wie von selbst auf die sonderbarste Art hin und her bewegte, sie sahen jedoch keine Gestalt. Diese aber (der Bruder rief sie vergeblich an) blieb ruhig vor ihrem Bette stehen, und sie konnte nun in ihr genauer ein Bild wie das eines Ritters erkennen, doch nicht wie ein natürlicher Mensch anzusehen, sondern wie ein Nebel, durch den man sehen konnte. Der Ausdruck des Gesichtes war zornig und der eines fünfzigjährigen Mannes. Nun fingen ihre und ihrer Schwester Bettstellen (auch dem Bruder sichtbar) an zu wanken, und die Gestalt hauchte zu ihr hin: »So du nicht mit mir gehest, stürze ich dich aus dem Fenster!« Sie sagte: »Im Namen Jesu tue das!« Da verschwand die Gestalt, erschien nach einigen Minuten wieder und hauchte zu ihr hin: »Ich werfe dich in den tiefen Keller!« Sie erwiderte: »Im Namen Jesu tue das!« Da verschwand sie abermals, kam aber nach einigen Minuten wieder, und drohte sie zu erstechen, sie aber sagte: »Dazu hast du nicht die Macht!« Die Gestalt verschwand, und kam drei Nächte nicht mehr.

In der dritten Nacht stellte sich die Gestalt wieder vor ihr Bett und sagte: »Du mußt mit mir gehen, ich habe einen Schreibzeug versteckt. Unter der Sandbüchse liegt etwas Schriftliches und wenige Münze. Diesen Schreibzeug muß ich dir geben, dann habe ich Ruhe.« Sie sagte: »Ich gehe nicht mit dir, dieses Schreibzeug kann dich nicht selig machen.« Da verschwand die Gestalt wieder. Diese Erscheinung griff sie sehr an, so daß sie wieder kränker wurde und das Bett nicht mehr verlassen konnte. Ihre Eltern ließen sie nun nicht mehr in dem untern Zimmer schlafen, sondern machten ihr das Bett in ein oberes, wo sie beide selbst schliefen, in der Hoffnung, daß nach Wechselung des Zimmers die Erscheinung vielleicht ausbliebe. Es war aber nicht der Fall: denn nun erschien ihr die Gestalt schon am Abend, und sie verfiel wieder in somnambulen Zustand, weil sie die Erscheinung aufs fürchterlichste angriff. Sieben Tage lang erschien ihr der Geist im wachen wie im somnambulen Zustand, bei hellem Tag, zwischen Licht und bei Nacht. Sie wies ihn in ihren Gesprächen mit ihm (die aber immer nur kurz waren) auf das Wort Gottes und dahin, daß nur der Heiland sein Erlöser sein könne, lehrte ihn sich zum Gebete wenden und betete oft stundenlang mit ihm, wo sie ihn immer kniend sah. Er eröffnete ihr auch, warum er nach seinem Tode in diese Lage gekommen sei: Er habe einen Mord an seinem Bruder begangen und sei aus der Familie der Weiler vom Lichtenberg. Er habe anfänglich immer den Wahn gehabt, wenn jenes Schreibzeug mit dem Papier von ihr erhoben werde, so sei er in einen bessern Zustand versetzt. Oft habe er ihr ein gewisses Gewölbe in der Kirche zu O. als ein besonderes bezeichnet, als wäre dort auch etwas von Wichtigkeit verborgen. Sie aber stellte ihm dagegen immer vor: daß nicht sie ihn erlösen könne, sondern nur der Erlöser: er müsse beten lernen, um sich zu diesem wenden zu können. So brachte sie ihn von dem Wahne mit dem Schreibzeug und dem Schriftlichen in demselben ab, und er sprach nun nach und nach bei seinen Erscheinungen nichts mehr von diesem, aber stets vom Gebete und der Kraft, die er nach und nach durch dasselbe in sich fühle.

In den ersten drei Nächten, als er ihr im obern Zimmer erschien, hörten auch ihre Eltern, jedesmal vor seinem Erscheinen, einen Knall am Fenster, und zersprang eine Fensterscheibe.

In der siebenten Nacht, 12 Uhr, wo sie völlig wach war, erschien ihr der Geist wieder, er dankte ihr, daß sie ihn zum Erlöser geführt, und kündigte ihr an: daß die Stunde seiner Befreiung komme. Er kniete nieder (so sah sie ihn) vor ihrem Bette und betete mit ihr zum letztenmal. Seine Gestalt war nun viel lichter und freundlicher anzusehen. Auf einmal erschienen sieben Kinder, weiß, freudig und licht, es waren seine Kinder, erwachsen, die schlossen einen Kreis um ihn und sangen, aber nur ihr hörbar, in unbeschreiblich schönen Tönen. Der Geist sang mit und sie auch. Durch diesen Gesang verfiel sie in Schlaf, in dem sie immer noch laut und äußerst schön fortsang, aber bald wieder in wachen Zustand kam und in demselben mit dem Geiste sprach, der ihr nun ein Zeichen in die Hand machen wollte, das sie aber nicht zugab. Er wich nicht eher von ihr, als bis ihre Führerin, ihre Großmutter, wie sie einst lebte, zwischen sie und den Geist trat. Da nahmen ihn zwei der Kinder bei der Hand und schwebten mit ihm und den andern davon.

Lange ging ihr die Entfernung des Geistes nach; es blieb lange in ihr ein gemischtes Gefühl von Freude und von Wehmut.

2. Tatsache zu Oberstenfeld

Frau H. hatte dazumal die Gewohnheit, ihr Gebet in einer untern verlassenen Küche allein, kniend zu verrichten. (Sie war immer noch im somnambulen Zustande.) Als dies eines Morgens 9 Uhr geschah, trat eine schwarze, mit einer dunklen Kutte bekleidete Gestalt mit einem runzlichten, alten Gesicht, klein und mit etwas vorwärts hängendem Kopfe, vor sie, blieb mehrere Minuten vor ihr stehen, sah sie starr an, was sie auch gegen die Gestalt tat. Aber es ergriff sie ein Schauer, sie sprang zu den Menschen ins obere Zimmer, sagte jedoch nichts von dieser Erscheinung.

Um die gleiche Zeit und an der gleichen Stelle trat die Gestalt am andern Tage wieder während des Gebetes vor sie und sprach: »Siehe, ich komme zu dir, daß ich den Erlöser kennenlerne.« – Nun erschien ihr dieser Geist ein ganzes Jahr durch zu den verschiedensten Zeiten des Tages im wachen und im somnambulen Zustande, regelmäßig aber immer, abends 7 Uhr, bei ihrem Gebete, und verlangte da immer, daß sie mit ihm beten solle. Er sagte zu ihr: »Du mußt mich wie ein Kind behandeln und auch in der Religion ganz von vornherein unterrichten.« Er eröffnete ihr, daß auf ihm die Schuld eines Mordes und vieles Wüste liege, und daß er schon lange Jahre irre, und sich bis jetzt noch nicht habe zum Gebet wenden können.

In den vielen Stunden, in denen er ihr erschien, gab sie ihm nun einen vollständigen Religionsunterricht, wie der Geistliche dem Kinde, und je länger er kam, desto heller und freundlicher wurde seine Gestalt. Ehe er ihr erschien, wurde jedesmal sein Nahekommen allen Anwesenden, auch den verschiedensten Menschen (und es sind dafür mehr als zwanzig völlig glaubwürdige Zeugen vorhanden), durch Klopfen und Klatschen, bald an dieser, bald an jener Wand, bald mitten in der Stube durch ein Geschnalz in der Luft und andere Töne, kund.

Die Treppe polterte es bei Tag und bei Nacht herauf, und suchte man aufs genaueste nach, so wurde doch kein Heraufgehendes bemerkt. Im Keller währte das gleiche Klopfen (das man schon früher, nur nicht in dem Maße, bemerkte) nun stärker fort. Sprang man im Momente, so es hinten an einem Faß klopfte, um nachzusehen, nach hinten, so klopfte es vorne, und war man vorne, so klopfte es hinten. So war es auch bei dem Klopfen an den Wänden des Zimmers der Fall. Klopfte es an der Wand außen, und man sprang nach außen, so klopfte es vor allen Anwesenden innen, und so umgekehrt.

Verschloß man abends die Küchentüre noch so fest, und band man sie sogar mit Stricken zu, so stand sie dennoch jeden Morgen offen, und oft hörte man sie laut auf- oder zuschlagen, und eilte man noch so schnell, um nachzusehen, so sah man doch nie jemand, der aus- oder eingegangen wäre. Oft tat es auch, als würfe man in der Küche alle Zinnteller durcheinander; sah man nach, war alles in Ordnung. Oft schien es morgens um 3, 4 Uhr, als zerbräche man Holz und schöbe es in den Ofen. Der Ofen knallte, wenn ein Feuer in ihm war, und sah man nach, bemerkte man nichts in ihm.

Sehr oft hörte man auch jene oben berührten Metalltöne wie von einem Triangel, nach welchem mehrmals von Frau H. und andern ihrer Familie (was auch schon früher geschah) eine geisterhafte Gestalt in weiblicher Tracht erblickt wurde.

Einmal fing nachts 11 Uhr ein solches Toben im Hause an, als würde es aus allen seinen Fugen gerissen und die schwersten Balken auf dem Boden und in den Zimmern hin und hergewälzt. Der Vater faßte da beinahe den Entschluß, aus diesem Hause den andern Tag zu ziehen. Aber auf dieses Toben verfiel die Kranke in magnetischen Schlaf und sagte: »Die bösen Geister wollen diesen halten, daß er sich nicht von ihnen wende.« Zwei Stunden lang blieb sie unter inbrünstigem Gebete in magnetischem Schlaf. Das Toben und Krachen im Hause wurde sogar auf der Straße gehört. Auch sonst vernahmen die stärkeren Töne im Hause und Keller Vorübergehende, die dann horchend stehenblieben. An dem Tage, wo jenes Toben stattfand, wach, wie in der Nacht, als sie somnambul war, erschien ihr der Geist, schwarz und in drohender Gestalt. Sie entsprang ihm und fiel über die Schwelle einer Türe. Sie wollte sich aufrichten, aber konnte nicht. Da fühlte sie an dem rechten Arme eine Hand, und sah eine weiße Gestalt, von der die Hand ausging, die sie aufhob.

Am andern Tage mittags war sie im Begriffe, die Treppe hinabzufallen, sie hatte schon einen Fuß falsch gesetzt, da hielt sie die gleiche weiße Gestalt aufrecht. Sie war beidemal in völlig wachem Zustande. Am Abend desselben Tages erschien ihr der Geist wieder zur gewöhnlichen Stunde und dankte ihr, daß sie im Gebet festgehalten, und betete wieder mit ihr. Einmal erschien er ihr zur Stunde des Gebetes in Begleitung einer Frau, die lang und abgezehrt war und ein erstgeborenes Kind in den Armen hielt; diese kniete mit ihm nieder und betete mit. Sie erkannte in ihr jene schon früher gesehene weibliche Geistergestalt, vor deren Erscheinung man meistens Töne wie von einem Triangel hörte.

Auch wenn sie auf dem Felde spazierenging, und es war 7 Uhr, so erschien der Geist. Dann lief er gewöhnlich gegen sie her und schwebte vor ihr voraus.

So ging sie einmal mittags mit ihren Eltern, ihrem Bruder und einer Freundin nach Bottwar. Als sie im Rückweg gegen den Garten des Stifts kamen, schlug es 7 Uhr. Da kam der Geist ihr entgegen, und sie war nun gezwungen, über die Maßen zu laufen. Ihr Bruder und die Freundin liefen ihr nach und riefen ihr zu: warum sie denn so laufe? Sie sagte: »Der Geist schwebt vor mir!« Da hörten es alle, wie es vor ihr, bald in der Luft, bald an der, bald an jener Wand eines Hauses, an dem sie gerade vorübersprang, hinklatschte. Es ging ihr wie Händeklatschen die Staffeln voraus. Sie ging in die verlassene Küche und betete da mit dem Geiste. Einmal ging sie nach Gronau mit ihren Eltern und Schwestern. Es war, als sie vor Gronau herauskamen, 7 Uhr vorüber. Da kam der Geist, und sie mußte mehr fliegen als laufen; man sah ihre Füße im eigentlichsten Sinne nicht mehr auf dem Boden, der Geist schwebte immer vor ihr her, hielt oft ein wenig stille und hauchte zu ihr hin: »Bete für mich! Bete für mich!« Keinem Menschen war möglich, ihr zu folgen. Sie mußte an jene Stelle zum Gebet mit dem Geiste. Er kniete mit gefalteten Händen neben ihr, sah ruhig aus und betete. Jedesmal nach diesem Beten sagte der Geist einige kurze Sprüche zu ihr, von denen aber leider keine aufgeschrieben wurden; oft auch nur Sätze wie: »Nun gehet eine Sonne in mir auf!« oder: »Die Sonne scheinet jetzt in mir!«

Einmal fragte sie ihn, ob er auch andre Menschen höre? Er antwortete: »Ich höre sie durch dich!« Sie fragte: »Wie?« Er antwortete: »Wenn du andre hörest, so denkst du, was du hörest, und die Gedanken von dir kann ich lesen.«

Einmal fragte sie ihn: warum er denn so klopfe und klatsche? Und er erwiderte: »Es ist mir dies eine Erleichterung und Erholung, weil man da wieder an mich denkt.«

Sobald sie am Klavier saß und sang, fing der Geist gemeiniglich vor allen Anwesenden an den Wänden zu klopfen an, und dieses Klopfen wurde besonders bei dem Gesang des Liedes »Wie groß ist des Allmächt'gen Güte!« stark.

Von den Hausgenossen sah den Geist keines, außer mehrmals der Vater, der Bruder und die jüngere Schwester. Einmal lief es wie eine silberne Schlange am Fenster umher, und als diese die jüngere Schwester greifen wollte, so war sie auf ihrem Rücken, und als Anwesende nach ihr schlugen, verschwand sie doch erst nach einigen Minuten. Am andern Tage zeigte sich die gleiche Erscheinung auf dem Bette der Mutter, und einmal die gleiche Silberschlange auf der Schwelle eines untern Zimmers vor einem Eintretenden. Die Mutter sah den Geist nie, wurde aber öfters von ihm angeblasen, und auf gleiche Art wurde er einmal der ältern Schwester fühlbar, aber nie sichtbar. Einmal ging die Kranke mit ihrer Mutter zum heiligen Abendmahl, da ging der Geist mit ihr in die Kirche. Er ging an der Stiftsdame von W., von dieser wie ein Schatten gesehen, vorüber, zu Frau H. hin. Abends sagte der Geist zu ihr: »Du hast es auch für mich genommen!« Er meinte das heilige Abendmahl. Ein Forstmann Böheim, der diese Erscheinung nicht glauben konnte, wollte sich dadurch überzeugen, daß er sich an das Bett der Kranken stellte, zur Stunde, wo der Geist gewöhnlich erschien. Er war allein bei ihr, und zwar kaum einige Minuten, so hörte man das Klopfen des Geistes, und später hörte man einen Fall. Böheim war in Ohnmacht gefallen. Als er wieder zu sich gekommen, erzählte er, es sei nach dem Klopfen an der Ecke der Wand eine graue Wolke entstanden, die sei immer näher zu ihm und der Kranken gerückt, und je näher sie gekommen, desto deutlicher habe er in ihr eine menschliche Gestalt erblickt. Diese habe sich gerade vor die Kranke und die Türe gestellt, so daß er nicht habe von der Stelle können; sowie aber die ihm zu Hilfe gekommene Person eingetreten, sei die Gestalt gewichen und habe ihr Platz gemacht. Er wunderte sich, daß die Person gerade auf die Gestalt zulief, ja, wie durch sie lief, und nichts bemerkte.

Ein schwarzer Dachshund, der im Hause war, fühlte immer die Annäherung und Anwesenheit des Geistes. Sobald der Geist im Zimmer erschien, lief er immer ängstlich auf die Menschen zu, oft mit heftigem Geheul, und nächtlich wollte er nie mehr allein sein.

Oft wurden die Gläser, selbst einmal eine Bouteille, wie von unsichtbarer Hand vom Tische genommen und auf den Boden gestellt. In der Schreibstube wurde sehr oft vor dem Vater Papier von unsichtbarer Hand vom Tische genommen und mit dem= selben nach ihm geworfen. Als Frau H. im November 1825 nach Kürnbach abreiste, ging ihr der Geist auch dahin nach. Er sagte: »Wo du bist, bin auch ich, aber bald werde ich nicht mehr so unruhig sein. Es kommt mir schwer, mit dir zu gehen.«

Jede Nacht von 11 bis 12 Uhr belehrte sie ihn auch dort immer wie ein Kind über Gegenstände der Religion. Auch dort hörten ihn die verschiedensten Personen durch sein Klopfen und Klatschen an den Bettstellen, in der Luft des Zimmers, an den Wänden usw. In einer Nacht sagte er da zu ihr: »Ich komme jetzt sieben Tage lang nicht mehr zu dir, weil jetzt dein Schutzgeist mit etwas anderem, Wichtigem beschäftigt ist und du mich ohne diesen nicht ertragen könntest. In deiner Familie geht jetzt etwas Wichtiges vor, das du am Mittwoch erfahren wirst.«

Sogleich am Morgen erzählte sie die Aussage des Geistes. Am bestimmten Mittwoch kam ein Brief mit der Nachricht, daß ihr Großvater, der Gatte ihrer Führerin, den man auch nicht entfernt krank wußte, gestorben wäre.

Nach sieben Tagen nun erschien der Geist wieder, da fragte sie ihn: warum sie ihr Schutzgeist in dieser Zeit verlassen habe, und er antwortete: weil er um den Verstorbenen sehr beschäftigt war.

Der Geist sagte da auch: »Ich bin schon so weit, daß ich den Verstorbenen durch ein schönes Tal gehen sah. Bald bin ich in ein schönes Tal aufgenommen.«

Während sie nun in Kürnbach war, ließ sich der Geist dennoch zu Oberstenfeld durch Klatschen und Klopfen hören, aber erst morgens, 1, 2 oder 3 Uhr, je nachdem er sich länger mit ihr zu Kürnbach beschäftigt hatte.

Als sie hierauf von Kürnbach nach Löwenstein reiste, ging der Geist mit ihr auch dahin. Er schwebte von Willsbach bis nach Löwenstein, immer von ihr gesehen, neben dem Gefährte her. Er war nun auch in Löwenstein bei ihr, und wurde, wie an den andern Orten, von den verschiedensten Personen durch Klatschen und Klopfen gehört. Aber dieses nahm nach und nach immer ab, je lichter der Geist selbst wurde. Am 6. Januar 1826 (es war der Tauftag ihres Kindes) erschien ihr der Geist zum letztenmal. Nachts zuvor kam er und sagte: »Bald bin ich das letzte Mal bei dir.« Er dankte ihr, daß sie sich seiner so angenommen, und bat sie, daß man morgen, am Tauftage ihres Kindes, wenn alles versammelt sei, das Lied: »Befiehl du deine Wege!« seiner Ruhe zulieb, singen solle. Wegen Anwesenheit vieler Fremden nahm man nach der Taufe des Kindes Anstand, dieses Lied zu singen. Als nun alles am Mittagessen saß, die Frau aber sich allein mit der Wärterin in einem andern Zimmer befand, öffnete sich die Türe dieses Zimmers hörbar und ging hörbar wieder zu. Die Wärterin verwunderte sich, sie aber verbarg ihr, daß der Geist eingetreten. Er hatte sich vor ihr Bette gestellt und sie er= mahnt, daß doch jenes Lied jetzt gesungen werden solle, dann verschwand er wieder. Sie ließ nun die Mutter holen und sagte ihr, was der Geist gesprochen. Diese meinte, man sollte warten, bis die Fremden das Haus verlassen, dann könne es ja noch geschehen. Aber nach zwei Stunden ging die Türe wieder sichtbar und hörbar auf. Es trat der Geist ein, stellte sich wieder vor sie und sagte mit kläglicher Stimme: »Es ist jetzt die höchste Zeit, daß man das Lied singt«; da verschwand er wieder. Hierauf ließ sie die Mutter abermals rufen, und diese sagte es endlich ohne Scheu allen Anwesenden, und alle fanden sich sogleich bereit, dieses Lied zu singen. Einer der Taufpaten setzte sich an das Klavier und spielte das Lied, während es alle Anwesenden sangen. Da sah während des Gesanges der Vater neben dem spielenden Paten den Geist licht und freudig stehen. Der Vater wurde gerührt und trat in die Kammer nächst dem Zimmer.

Da sah er das lange hagere Weib stehen, das ganz trauernd ein Kind auf den Armen hielt – den weiblichen Geist, den er sonst öfters auch schon gesehen hatte, und vor dessen Erscheinen meistens Töne wie von einem Triangel vorausgingen. Während des Gesanges lag Frau H. in Tränen. Man grub an einer von Frau H. bezeichneten Stelle, unweit jener Küche gegen den Hof hinaus, in der Stille nach, da fand man in der Tiefe noch Moder und Gebeine von einem kleinen Kinde.

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