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Die Seherin von Prevorst

Justinus Kerner: Die Seherin von Prevorst - Kapitel 3
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authorJustinus Kerner
titleDie Seherin von Prevorst
publisherJ. F. Steinkopf Verlag
printrun2. Auflage
year1963
correctorJosef Muehlgassner
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2. Geburtsort und erste Jugend

Seitwärts der württembergischen Stadt Löwenstein auf dem Gebirge, dessen höchste Spitze der 1879 Fuß über die Meeresfläche erhabene Stocksberg bildet, liegt von allen Seiten vom Wald und Klingen umgeben, in romantischer Abgeschiedenheit, das kleine Dorf Prevorst.

Die Zahl seiner Einwohner ist etwas mehr als vierthalbhundert. Der größte Teil derselben nährt sich mit Holzmachen, Einsammeln von Waldsamen und Kohlenbrennen.

Wie Bewohner von Gebirgen es überhaupt sind, ist auch hier der Volksstamm kräftig, und die meisten erreichen, ohne je an eigentlichen Krankheiten gelitten zu haben, ein hohes Alter. Krankheiten der Talbewohner, wie kaltes Fieber, zeigen sich hier nie, aber oft Nervenzufälle der früheren Jugend, die man bei diesem kräftigen Menschenschlage nicht erwartet. So zeigte sich auf einem mit Prevorst auf gleichem Gebirge gelegenen Ort, das man Neuhütte heißt, schon mehrmals unter den Kindern eine dem Veitstanz ähnliche Krankheit epidemisch, so daß alle Kinder dieses Ortes zugleich von ihr befallen wurden. Wie Magnetische bestimmten auch sie die Minute des Anfalles jedesmal voraus, und waren sie auf den Feldern, wenn die von ihnen vorausgesehene Zeit des Anfalles sich nahte, so eilten sie nach Hause und bewegten sich dann in solchen Paroxysmen, die eine Stunde und länger dauern konnten, taktgemäß wie die geschicktesten Tänzer in den sonderbarsten Stellungen, worauf sie jedesmal wie aus magnetischem Schlaf erwachten und sich des Vorgefallenen nicht mehr erinnern konnten.

Daß die Bewohner dieses Gebirges aber für magnetische und siderische Einflüsse sehr empfänglich sind, dafür sprechen, daß unter ihnen, besonders den Bewohnern von Prevorst, die Kunst, durch sympathetische Kräfte zu heilen und die Empfänglichkeit, vermittelst solcher geheilt zu werden, wie auch die Kunst, Quellen durch die Haselnußstaude aufzusuchen, sehr gemein ist.

Auf dieser Gebirgshöhe, und zwar in dem Dorfe Prevorst, wurde im Jahre 1801 eine Frau geboren, in der sich von früher Kindheit an ein besonders inneres Leben kundgab, dessen Erscheinungen der Gegenstand dieser Blätter sind. Frau Friederike Hauffe – deren Vater in dieser Waldgegend als Jäger (Revierförster) seinen Sitz hatte – wurde, wie schon die Lage und Einsamkeit des Ortes mit sich brachte, hier einfach und ungekünstelt erzogen. An die schneidende Bergluft, an die auf diesem Gebirge harte und lang dauernde Winterkälte gewöhnt, nie in Kleidung und Bett verzärtelt gehalten, wuchs sie auch als blühendes, lebensfrohes Kind heran, während ihre Geschwister alle (bei gleicher Erziehung) in der Kindheit mit Gichtern behaftet waren, bemerkte man ihr derlei Zufälle nie. Dagegen war es, daß sich bei ihr bald ein nicht zu verkennendes Ahnungsvermögen entwickelte, das sich in ihr besonders in voraussagenden Träumen kundgab. Griff sie etwas stark an, erlitt sie Vorwürfe, die ihr Gemütsleben aufregten, so wurde sie in nächtlicher Ruhe stets in innere Tiefen geführt, in denen ihr belehrende, warnende oder voraussagende Traumbilder aufgingen.

So als der Vater einmal einen ihm werten Gegenstand verloren hatte, und ihr, die unschuldig war, die Schuld beigemessen wurde, und dadurch ihr Gefühlsleben tief ergriffen ward, erschien ihr nächtlich im Traum Ort und Stelle, wo die verlorene Sache lag. Auch siderische Einflüsse wirkten auf sie schon sehr frühe, und es schlug ihr schon als Kind die Haselnußstaude auf Wasser und Metalle an. Da sich in späteren Jahren in dem einsamen Dorfe wenig Gelegenheit zur geistigen Ausbildung dieses Kindes fand, so gaben es die Eltern auf Ersuchen des Großvaters, Johann Schmidgall, zu ihm in das nur einundeinehalbe Stunde entfernte Löwenstein.

So wohltätig die Einfachheit und Klarheit, die Nüchternheit der biederen Großeltern auf dies leicht aufzuregende Kind wirken mußten, so sehr es auch nie durch ihre Schuld zu früh mit geistigen und übersinnlichen Dingen vertraut werden konnte, so geschah dies dennoch zu ihrem großen Bedauern: denn es lag ein solches nun einmal in der Natur dieses Geschöpfes, konnte so wenig zurückgehalten werden als sein leibliches Wachstum, und entwickelte sich immer mehr und mehr.

Bald bemerkte der alte Schmidgall, daß das Mädchen, ging es mit ihm auf einsamen Spaziergängen und hüpfte es auch vorher noch so vergnügt an seiner Seite, an gewissen Stellen auf einmal ein Wehesein und Frieren erhalten konnte, was ihm lange unerklärlich blieb. Erklärlicher wurde es ihm, als das Mädchen die gleichen Empfindungen in Kirchen, wo Gräber waren, oder auf Gottesäckern erhielt und in solchen Kirchen nie auf dem Erdgeschoß stehen, sondern auf die Emporkirche gehen mußte.

Aber noch bedenklicher wurde dies dem Großvater, als zu diesem Gefühl für Leichen, Metalle usw. sich bei dem Mädchen auch an gewissen Stellen das Gefühl für Geister gesellte.

So war in dem Schlosse zu Löwenstein ein Gemach (eine verlassene Küche), in die es nur schauen, aber wegen obigen Gefühls nie eintreten konnte. An dem gleichen Orte aber wurde nach Jahren von einer gewissen Dame zu ihrem äußersten Entsetzen (ohne daß sie zuvor von jenem Gefühl des Kindes nur etwas gewußt hätte) der Geist einer Frau erblickt.

Zu noch größerem Kummer der Großeltern aber ging dieses Gefühl für die Nähe von andern nicht gesehener geistiger Einflüsse bald in wirkliches Schauen über, und die erste Erscheinung eines Geistes ward dem Mädchen im eigenen großelterlichen Hause. Da ersah es in der Mitternacht in einem Gange eine lange dunkle Gestalt, die mit einem Seufzer an ihm vorüberging, am Ende des Ganges stehen blieb und zu ihm hinsah, ein Bild, das ihm bis in die reifern Jahre wohl im Gedächtnis blieb. Schon dieser erste Anblick eines Geistes erregte in ihm (wie auch später bei solchen Erscheinungen meistens geschah) keine Furcht, es sah die Erscheinung ruhig an und ging dann zum Großvater, ihm zu sagen: da draußen stehe ein sonderbarer Mann, er solle ihn doch auch sehen; aber dieser, erschrocken über dieses Sehen des Mädchens, denn auch er hatte die gleiche Erscheinung an gleicher Stelle, doch hatte er nie etwas davon geäußert, ließ das Mädchen von dort an nächtlich nie mehr aus dem Zimmer, und suchte ihm allen Glauben an die Wirklichkeit des Geschehenen zu benehmen.

Diese ernste, unglückliche Gabe brachte jedoch keine Störung in das kindliche Leben des Mädchens; es war mehr als irgendeine seiner Gespielinnen des Lebens froh, und nur eine außerordentliche Reizbarkeit seiner Augennerven (ohne Entzündungszustand), die sich ein Jahr lang bei ihm zeigte, und die vielleicht nur eine Vorbereitung seines Auges zum Sehen für gewöhnlichen Augen nicht mehr sichtbare Dinge war, die Entwicklung eines geistigen Auges im fleischlichen, konnte es dazumal auf längere Zeit im einsamen Leben des Zimmers zurückhalten. Langwierige Krankheiten der Eltern riefen es später wieder in das einsame Prevorst, wo durch Kummer und Nachtwachen an Krankenbetten sein Gefühlsleben in jahrelanger Aufregung blieb und ahnungsvolle Träume und jenes Gefühl für, anderen verborgene, geistige Dinge fortdauerten.

Als erwachsen finden wir es wieder im elterlichen Hause zu Oberstenfeld, das inzwischen der amtliche Wohnsitz des Vaters wurde, und vom siebzehnten bis ins neunzehnte Jahr, wo nun der Jungfrau nur Frohsinn Erweckendes von außen entgegentrat, schien sich auch ihr Inneres mehr zu verschließen, und sie unterschied sich nur durch geistigeres Wesen, was sich besonders in ihren Augen aussprach, und durch größere Lebendigkeit, ohne je Sitte und Anstand zu verletzen, von anderen Mädchen ihres Umgangs. Nie verfiel sie auch in die diesem Alter so gewöhnliche Empfindelei, und zu erweisen ist, daß sie auch nie (was ihr nur die stets fertige Lüge nachsagen konnte) wegen getäuschter Liebe (sie hatte nie eine Verbindung) in Schwermut geriet.

Nach dem Wunsche ihrer Eltern und Verwandten fand in ihrem neunzehnten Jahre zwischen ihr und Herrn H., der zur Familie ihrer Oheime gehört, ein ehelicher Verspruch statt, den sie, bei der Rechtschaffenheit des Mannes und der Aussicht zu einer sicheren Versorgung, wünschen mußte.

War es aber Ahnung der ihr nun bevorstehenden Jahre der Leiden durch Krankheit, waren es andre Gefühle, die sie in ihrem Innern verbarg (wo nur dies das Bestimmte ist, daß es keine Gefühle für eine andere Liebe waren), sie versank in derselben Zeit in eine ihren Verwandten unerklärliche Schwermut, weinte tagelang unter dem Dache des elterlichen Hauses, wohin sie sich schlich, schlief volle fünf Wochen lang nie mehr, und rief so auf einmal wieder das überwiegende Gefühlsleben ihrer Kindheit in sich hervor.

An dem Tage ihres feierlichen ehelichen Verspruchs war das Leichenbegängnis des sehr ehrwürdigen Stiftspredigers T. zu Oberstenfeld, eines Mannes von etlichen und sechzig Jahren, dessen Predigten, Lehren und persönlicher Umgang (er war das Bild der Rechtschaffenheit selbst) großen Einfluß auf ihr Leben hatten. An dem Tage seiner Bestattung ging sie auch mit anderen zur Begleitung der teuren Leiche auf den Gottesacker. War es ihr nun vorher noch so schwer ums Herz, so wurde es ihr nun auf einmal ganz leicht und hell auf diesem Grabe. Es ging in ihrem Innersten auf einmal ein besonderes Leben auf; sie wurde ganz ruhig, konnte aber von diesem Grabe fast nicht mehr scheiden. Endlich ging sie, es kamen keine Tränen mehr, sie war heiter, aber von diesem Augenblick an gleichgültig für alles, was in der Welt vorging, und hier fing die Zeit, noch keiner Krankheit, aber ihres eigentlichsten inneren Lebens an.

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