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Die Seherin von Prevorst

Justinus Kerner: Die Seherin von Prevorst - Kapitel 28
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authorJustinus Kerner
titleDie Seherin von Prevorst
publisherJ. F. Steinkopf Verlag
printrun2. Auflage
year1963
correctorJosef Muehlgassner
senderwww.gaga.net
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3. Äußerungen der Seherin über das Geistersehen

Das Sehen der Geister (so drückte sich unsre Seherin teils schriftlich, teils mündlich über ihr Sehen von Geistern aus) kann von Menschen, die im Gehirne, oder von solchen, die auf der Herzgrube leben, momentan geschehen, aber immer geschieht es mit dem geistigen Auge durch das fleischliche.

Der Mensch kann zwar wohl mit der Seele Ahnungen und Gefühle von geistigen Dingen haben, aber nie wird es zum Schauen kommen. Wird aber der Geist durch die Seele aufgeregt, so können Ahnungen und das Sehen der Geister hervortreten, welches dann bei Menschen, die nur im Gehirne leben, momentan ist und ihnen das Gehirn sogleich wieder wegstreiten kann.

Sieht man sie aber, wie ich sie sehe, oder hat man das Leben so auf der Herzgrube, wie ich es habe, so kann man sich weder selbst dieses Sehen wegstreiten, noch kann es von andern geschehen.

Gewiß male ich mir diese Gestalten nicht selbst aus, denn ich habe nicht die mindeste Freude an ihnen; im Gegenteil, dieses unglückselige Schauen ist mir ganz zuwider, auch denke ich nie an sie, außer ich sehe sie, oder man fragt mich über sie, welches mir aber immer leid ist: denn ich möchte so gerne von ihnen gar nicht sprechen. Leider ist mein Leben nun so beschaffen, daß meine Seele wie mein Geist in eine Geisterwelt schauen, die gleichsam auf unsrer Erde ist, und somit sehe ich die Geister nicht nur einzeln, sondern oft in großer Menge von verschiedener Art, je nachdem diese abgeschiedenen Seelen sind.

Ich sehe oft viele, mit denen ich in keine Berührung komme, und dann wieder solche, die sich zu mir wenden, mit denen ich rede, und die oft monatelang wie in meinem Umgange bleiben. Ich sehe sie zu den verschiedensten Zeiten bei Tag und Nacht, ob Menschen da sind oder nicht. Ich bin jedesmal ganz wach, fühle nicht, daß in mir etwas andres vorging, oder daß dies Sehen durch irgend etwas hervorgerufen würde. Ich sehe sie, wenn ich mich stark oder schwach fühle, wenn ich vollblütig scheine oder Blutverlust hatte, in Schmerzen und im Wohlbehagen, auch in den größten Seelenleiden oder Freuden, wenn ich zerstreut bin oder nicht, so sehe ich sie, kurz, ich kann ihnen gar nicht ausweichen. Nicht daß sie immer vor mir ständen, sondern sie kommen zum Teil zu mir, wie die Menschen, die mich besuchen, ich mag in einer geistigen oder körperlichen Lage sein, in welcher ich will. Selbst wenn ich den besten, ruhigsten Schlaf habe, so wecken sie mich, wie, das weiß ich nicht, aber ich fühle, daß sie mich wecken, und daß ich nicht erwacht wäre, hätten sie, die nun vor meinem Bette stehen, und die ich nun mit wachen Augen sehe, mich nicht erweckt.

Ich machte auch die Erfahrung, daß ein Geist, der vor meinem Bette steht, mich erweckt und mir fühlbar und sichtbar ist, andern, die in demselben Zimmer schlafen, oft (und selbst sein Begehren) im Traume kund wird; sie sprachen nach dem Erwachen von dieser Erscheinung, die sie im Traume gehabt, ohne daß ich eine Silbe äußerte, daß ich die gleiche wachend hatte.

Während ich die Geister sehe und sie mit mir sprechen, sehe und höre ich auch andre Gegenstände, die sonst um mich sind, vermag auch alles andre zu denken, aber meine Augen sind doch wie an ihr Bild gebannt (fixiert), so daß es mir schwerfällt, mich von ihnen mit den Augen zu wenden, ob ich es gleichwohl zu tun imstande bin; ich komme mit ihnen wie in magnetischen Rapport.

Ihr Aussehen ist mir gleich einer dünnen Wolke, die man zu durchschauen glaubt, was wenigstens aber ich nicht kann.

Ich sah nie, daß sie einen Schatten warfen. Im Sonnen- und Mondscheine sehe ich sie heller als im Dunkeln, ob ich sie aber auch in ganz finsterer Nacht sehe, weiß ich nicht, da ich das nie erproben konnte. Durch Gegenstände, die vor sie treten, können sie mir bedeckt werden. Mit geschlossenen Augen sehe ich sie nicht (auch nicht, wenn ich mich nicht nach ihnen umschaue), aber ich fühle ihre Gegenwart so genau, daß ich den Standpunkt, wo sie stehen, mit geschlossenen Augen, oder nicht nach ihnen schauend, angeben kann. So höre ich sie auch bei verstopften Ohren sprechen. Stehen sie sehr nahe an mir, so kann ich sie nicht ertragen, sie schwächen mich. Manche Menschen, die sie nicht sehen, fühlen sie, wenn sie in meiner Nähe sind, durch ein besonderes Gefühl auf der Herzgrube, Beengung, Anwandlung von Ohnmacht. Sie machen wie einen Gegendruck auf die Nerven. Auch Tiere fühlen ihre Nähe. Ihre Gestalt ist immer so, wie sie wohl im Leben war, nur farblos, grau; so ist auch ihre Kleidung, wie sie im Leben war oder gewesen sein mochte, aber farblos wie aus einer Wolke. Nur bei den hellern, bessern, sehe ich eine andre Bekleidung, immer ein langes helles Faltengewand wie mit einem Gürtel um die Mitte des Leibes. Ihre Gesichtsform ist auch wie bei Lebenden, nur auch grau und meistens traurig und düster. Die Augen sind hell, oft wie ein Feuer. Haupthaare sah ich noch nie bei einem solchen Geiste. Alle weiblichen Geister erscheinen mir in ein und derselben Kopftracht (haben sie auch über diese noch die Bedeckung, die sie im Leben trugen), in einer über die Stirne herlaufenden, alle Haare bedeckenden Verschleierung. Die bessern Geister erscheinen mir in hellerer, die bösern in dunkler Gestalt.

Ob sie sich mir nur unter dieser Gestalt sichtbar machen können, oder ob mein Auge sie nur durch diese Gestalt sehen und mein Sinn sie nur so auffassen kann, ob sie für ein geistigeres Auge nicht geistiger wären, das kann ich nicht mit Bestimmtheit behaupten, aber ahne es fast.

Ihr Gang ist mir wie der Gang Lebender, jedoch insofern verschieden, als die hellern, bessern, wie schweben, die dunklern, bösern, schwer auftreten, so daß man sie zuweilen hört, und zwar nicht allein ich, sondern auch andre Menschen.

Töne, außer der Sprache, bringen sie verschiedener Art zuwege, um die Aufmerksamkeit, besonders von solchen auf sich zu richten, die sie nicht zu sehen fähig sind, und was noch schwerer zu sein scheint, die ihre Sprache nicht vernehmen können.

Diese Töne bestehen hauptsächlich in Klopfen, in Tönen, als würfe man mit Kies oder Sand, im Rauschen wie mit Papier, in Tönen, als rollte man mit einer Kugel, in Schlürfen wie in Socken und Pantoffeln, in Seufzen usw.

Neben diesem sind sie aber auch imstande, selbst schwere Gegenstände zu bewegen, sie zu werfen, die Türen hörbar auf und zuzumachen.

Letzteres geschieht sehr oft, und auch von solchen, die wohl, ohne eine Türe zu eröffnen, durch sie oder durch die Wand kommen könnten.

Ich beobachte, daß je dunkler ein Geist ist, desto stärkere Töne er hervorzubringen und desto mehr spukähnliche Dinge er zu treiben vermag.

Diese Töne und dieses Bewegen bringen die Geister durch die Luft und den Nervengeist hervor, welchen letztern sie mit sich hinübernahmen.

Nie sah ich einen Geist in der gleichen Zeit, in der er irgendein Geräusch machte, so daß ich glaube, daß sie sich nicht sichtbar und hörbar zugleich (das Sprechen ausgenommen) machen können. So sehe ich auch keinen Geist, während er die Tür auf- und zumacht, sondern immer nur gleich nachher.

Ihre Sprache ist so verschieden wie bei den Menschen, jedoch der Ton der Stimme immer gleich, wie ein Hauchen. Bei bösern ist der Ton der Stimme stärker als bei bessern. Sie bewegen dabei wie Menschen den Mund.

Mit ihnen reden, was ich will, kann ich nicht, auch können sie mir nicht alles beantworten, was ich will. Bösere Geister würden dieses mehr tun; allein vor dem Ansprechen dieser hüte ich mich.

Diese kann ich von mir und auch von andern, durch das gesprochene oder auch geschriebene Wort (magisch), zum Beispiel in einem Amulette, entfernen.

Oft sogen Geister, besonders dunklere, sprach ich religiöse Worte, dieselben wie in sich ein, und ich sah sie dadurch wie heller und leichter werden, wodurch ich aber sehr geschwächt wurde. Das Erscheinen seliger, lichter Geister stärkt mich und gibt mir eine ganz andre Empfindung als das unseliger. Oft fühlt' ich, daß bessern Geistern auch daher schwerfällt, irdische Fragen zu beantworten, weil sie im Irdischen so gar nicht mehr sind, ihnen dieses so ganz fremd ist, wie es bösen Geistern schwerfällt, vom Himmlischen zu reden, ja, wie sie dieses gar nicht fähig sind zu tun, weil sie von solchem so weit stehen. Mit höhern, seligen Geistern bin ich nicht imstande zu sprechen, höchstens kann ich an sie nur eine kurze Frage machen.

Man sagte mir zwar, daß ich mit meiner Führerin, auch einem seligen Geiste, schon oft im schlafwachen Zustande gesprochen, was ich nicht weiß; ist aber dem so, so konnte dies nur mein Geist allein, in Momenten, wo er von der Seele getrennt war. Ist meine Seele mit dem Geiste vereint, kann ich mit seligem Geistern nicht so sprechen.

Diejenigen Geister, die meistens zu mir kommen, sind in den untern Stufen des Geisterreichs, das in unserm Lufträume ist, in einem sogenannten Zwischenreiche, wiewohl ich es, der Mißdeutungen wegen, nur ungerne mit diesem Namen benenne. Das sind Geister, deren Geist in diesem Leben, teils durch Hinziehen nach der Außenwelt, nieder blieb, teils sind es solche, die nicht im Glauben an die Erlösung durch Christum starben, oder solche, denen noch irgendein irdischer Gedanke an die Seele im Sterben anklebte, den sie mit hinübernahmen und der sie nun auch an diese Erdennähe bindet.

Viele Menschen, auch die nicht sogleich nach dem Tode verdammt, aber auch nicht sogleich nach dem Tode selig werden können, kommen in verschiedenen, oft hohen Stufen in dieses Reich, je nach der Reinheit ihres Geistes.

In den untersten Stufen sind diese Geister noch der Verführung des Bösen ausgesetzt, in den obern, wo sie schon zu viel göttlichen Genuß haben und die Reinheit der Seligen fühlen, nicht mehr.

Man glaube aber nicht, daß dort die Besserung leichter sei als hier, denn dort geht die Besserung einzig aus sich selbst. Der Geist ist sich nun selbst anheimgestellt. Seine Grundneigung mußte heraus. Da ist keine Zerstreuung, keine Weltbeschäftigung, das ganze sündliche Leben liegt dem Geiste klar in einem Zeichen vor Augen, und er hat nun die Wahl zwischen Himmel und Hölle. Die in den untern Stufen, die noch die größere Schwere haben, sind in einer immerwährenden schauerlichen Dämmerung, die aus ihnen selbst hervorgeht, wo nichts ist, an dem sie ihre Augen weiden könnten. Diese Dämmerung ist nicht die des Ortes, in dem sie sind, sondern sie geht aus ihrer Seele hervor; der Sonnenkreis verschwand ihnen bei ihrem Hinscheiden, und sie haben kein Schauen mehr für unsre Erde, obgleich sie in unserm Lufträume sind. Nur durch ihre innere Besserung nimmt ihr Schauen und ihr Licht zu. Haben sie wieder Licht in ihrer Seele, dann können sie aus unserm Raum, und sie schauen auch wieder Licht. Das sind diejenigen, die meistens zu mir kommen, weil ich leider so beschaffen bin, daß sie mich sehen und fühlen, wie ich sie sehe und fühle. Sie kommen, daß ich ihnen ein Wort des Trostes sage, und ihnen durch Gebet aufhelfe.

Oder sind sie auch der irrigen Meinung, daß ihnen noch jetzt das Aufdecken einer Untat, die auf ihrem Geiste lastet und die sie im Leben verübt, Ruhe bringen könne. In solchem Irrwahne beunruhigt sie oft mehr eine einzelne hervorspringende Untat in ihrem Leben, als die Schlechtigkeit des ganzen. Andre kommen auch aus diesem Reiche zu mir, denen sonst noch irgendeine irdische Angelegenheit, ein Gedanke, der ihrer Seele im Sterben noch anklebte, anliegt.

Die Geister könnten sich ebensosehr an andre Menschen, welche sie sehen können, wenden, als an mich, am besten aber würden sie tun, sich an bessere, selige Geister zu wenden; aber ihre Schwere zieht sie eher noch zu Menschen als zu seligen Geistern. Ohne meinen Willen geschieht es, daß sie sich zu mir wenden, und ohne mein eigenes Zutun erblicke ich sie.

Dieses kommt nun vielen Menschen allerdings sehr unglaublich, ja einfältig vor, besonders denen, die meinen, ein Geist wisse ja doch mehr als ein schwacher Mensch. Diesen sag' ich, daß dies bei diesen Geistern mitnichten der Fall ist, daß sie sehr nieder stehen und meistens in Irrtümern befangen sind, und daß es ihnen bei ihrer geistigen Schwere noch leichter ist, sich an sündliche Menschen (haben diese eine dazugehörende Nervenbeschaffenheit) zu wenden als an selige Geister. Jene Menschen sollen wissen, daß ein Geist, der sich im Leben hier oben so sehr verdunkelte, nach dem Tode nicht sogleich heller wird. So ein geschwächter Geist ist nach dem Tode, wo er die Unterstützung der Seele nicht mehr hat, die nun bloß ihm zur Hülle geworden ist, nur schwächer, oder vielmehr seine Schwäche kommt, bei seinem Alleinstehen, jetzt erst recht an den Tag.

Ein sündiger irdischer Mensch kann mit seiner Seele verständig scheinen, einen recht guten Weltverstand haben, und in dieser Welt leuchten: aber sein Geist ist nur desto schwächer und dunkler, und kann nie in sein Inneres dringen. Ist nun ein solcher Mensch gestorben, so ist die Seele, die ihn in der Welt allein noch hob, nur noch die Hülle von seinem Geiste, der schwache dunkle Geist ist nun der Herrscher und dann – welcher?

So kommt es nun, daß im Geisterreiche ein solcher Geist viel weniger ist, als er im Reiche der Sinne durch Vorschiebung seiner weltklugen, verdorbenen Seele zu sein schien.

Hat ein Mensch schon hier Geist und Seele gleich hoch ausgebildet (unter welcher Ausbildung aber noch Höheres verstanden wird, als was man gewöhnlich unter Bildung versteht), so kann er nach dem Tode als Geist nie in eine solche Lage kommen, nie so unmächtig und schwer werden.

Auch im unmächtigsten Geiste ist, wenn er nicht ganz zum Teufel geworden, nie der Funke Gottes völlig erloschen, er sucht immer die Seele an sich zu ziehen, die seine Sorge bleibt, bis sie völlig gereinigt ist; dann geht sie wie in ihn über und wird selbst zum Geiste. Dies geschieht aber nur, wenn sich der Geist zuvor aus sich selbst gehoben, was ihm oft sehr schwerfällt und lange ansteht. Solche Geister sind, wenn der Geist noch nicht die Reinheit eines höhern Geistes erhielt, zwar noch in diesem Zwischenreiche, aber schon in einem Grade von Seligkeit, in dem sie nur höher kommen, nicht mehr sinken können. Diese Geister erscheinen mir dann in lichten Gestalten, und mit höherer geistigerer Bekleidung, kurz, in geistigerem Bilde.

Zu diesen Äußerungen der Seherin über Geist ist noch zuzusetzen, was dieselbe auf mehrere Fragen und namentlich in Briefen an Eschenmayer eröffnete, und was sich noch auf das Schauen der Geister und das Wesen derselben bezieht.

Er fragte sie:

»Können alle Menschen Geister sehen oder nur diejenigen, bei welchen das geistige Auge durch das leibliche hindurchleuchtet?«

Hierauf antwortete sie:

»Das Sehen der Geister liegt wohl in allen Menschen, wird aber nur selten zum Schauen, indem immer ein Hervorrufen des innern Menschen stattfinden muß auf irgendeine Art, was aber alsdann von den meisten wieder durch ihre Vernunft weggestritten und unterdrückt wird, weil das Sehen der Geister bei den meisten nur momentan ist.«

Über das Wachstum der Kinder in der andern Welt äußerte Frau H.:

»Ich fragte einmal einen Geist, ob man nach dem Tode noch wachse? (Weil mir mehrere, die in zarter Jugend starben, in größerer Gestalt erschienen) und er antwortete:

»Ja, wenn man sich von der Erde trennen muß, ehe man ausgewachsen ist. Die Seele bildet sich allmählich eine größere Hülle, bis sie so groß ist, als man hier werden kann. Diese hat bei den Kindern eine undenkliche Klarheit, ebenso bei den ganz Seligen.«

Als man sie einmal fragte: wie es sich mit den noch unentwickelten Kräften früh verstorbener Kinder verhalte, sagte sie:

»Die unentwickelten Kräfte eines Kindes bilden sich allerdings noch nach dem Tode aus, vermittelst des Nervengeistes, der gleichsam in der Seele liegt. Die Kraft und Reinheit aber, welche Kinder haben, können wir uns nicht denken, nicht ahnen, Kinder haben weder durch Worte noch Werke ihre Seele und den Körper geschwächt und daher die volle Kraft, die der gute Gott ihnen schenkte.

Darum soll aber der Mensch dennoch nicht wünschen, daß er möchte als Kind gestorben sein, denn so er ein Gott wohlgefälliges Leben führt, erreicht er nach dem Tode doch eine höhere Stufe. Würden wir durch unsre Gedanken, Worte und Werke die Kraft unsrer Seele nicht so sehr schwächen – welche Schönheit, ja ich möchte sagen Erhabenheit, könnten wir nicht schon auf der Erde haben? Unser Fleisch würde sich verfeinern und alle Kräfte würden sich stärker äußern.«

Die Schwierigkeit, noch ein ferneres Wachstum anzunehmen, scheint nach der Theorie der Seherin nicht groß. Eine in ihren Anlagen und Vermögen noch unentwickelte Kinderseele muß sich jenseits noch entwickeln, denn dies gehört zur Seligkeit, und ebenso hat die plastische Kraft des Nervengeistes in einem Kinde seinen Typus noch nicht ausgebildet und wird auch dann noch parallel mit der Seele ihn ausbilden.

Über den Zustand der Heiden nach dem Tode äußerte sie sich so:

»Vor einigen Tagen fragte ich einen Geist, der eine ziemliche Klarheit hat, wo er sei und womit er und überhaupt alle die Geister am gleichen Orte sich beschäftigen? Da gab er mir die Antwort: ›Ich bin nicht im Zwischenreich, ich bin schon in einer Seligkeit, und zwar in derjenigen, wo die Heiden und überhaupt alle die Seelen sind, die ohne ihr eigenes Verschulden unsern Herrn und Heiland nie kennenlernten. Da werden wir von Engeln unterrichtet, bis wir reif sind zu einer höhern Seligkeit.‹«

Auf die Frage: ob Menschen die Geister erlösen können, antwortete sie:

»Nicht ich erlöse die Geister, sie müssen sich selbst aus ihren Banden losmachen. Viele, die auf Erden gebannt sind, suchen bei noch lebenden Menschen Hilfe, sie haben den Wahn, der Mensch könne sie erlösen, weil sie von dem großen Welterlöser keinen Begriff haben. Es kann der Mensch nur die vermittelnde Person sein, wie ich es bei diesen Geistern bin. Ich suche sie immer von dem Wahne abzubringen, daß ich oder andre Menschen sie erlösen können. Ich bete nur dringend und inständig mit ihnen, und führe sie so nach und nach zum großen Welterlöser zurück, aber es kostet unendlich viel Mühe, bis eine solche Seele sich wieder an den Herrn wendet. Wo kein Trieb zum Guten in dem Unseligen ist, da kann nur ein solches Gebet stattfinden, wie wir im allgemeinen für unsere Nebenmenschen und hauptsächlich für die auf Irrwegen beten sollen. Die Geister, welche ich sehe, können sich ebenso gut auch an andre Menschen wenden, welche Geister sehen, vorzüglich aber an bessere und seligere Geister. Es ist also nicht mein Wirken, und wäre es, wie die Geister sagen, daß ich zu ihnen blicke, so geschieht es ganz ohne mein eigenes Zutun. Es gibt der Anstalten genug, worin sich die Halbunseligen wieder aufrichten können. Sie bestehen darin, daß sie ihren freien Willen haben, an höhere Geister sich zu wenden, d. h. an Seligere, die sie mit Freuden unterrichten, da es dann weit schneller geht, als wenn sie sich nur an Menschen halten wollen.«

Aus diesen Äußerungen erhellt hinreichend, daß die Erlösung dieser Geister nicht von zufälligen Somnambulen abhängt. Sie können sich vielmehr auch an andre Menschen und vorzüglich an seligere Geister wenden, um die lange vergessene und vernachlässigte Christusreligion wieder aufzufrischen. Wer die in den tausend Lastern eingefleischte Welt sucht, und die in selbstgemachten und selbstverschuldeten Irrtümern eingewurzelte Selbstsucht ihrer psychischen Wurzel zu schätzen weiß, wird sich nicht mehr über Hartnäckigkeit wundern, womit diese sich selbst überlassenen Geister ihre falschen Neigungen und ihre Irrtümer festhalten und wie Böhme sagt, über Gottes Sanftmut ausfahren und die Hilfe verschmähen. Nur das Gebet, die Lehre und der Name Christi kann noch helfen, und dazu scheint ein vermittelndes Organ wenigstens so lange, bis der erste glimmende Funke des Guten angefacht ist, nötig zu sein.

Ebenso erhellt aus jenen Äußerungen der Seherin, daß tugendhafte Heiden und überhaupt alle rechtschaffenen Menschen ein seliges Los zu erwarten haben. Aber die Idee der christlichen Kirche ist eine ewige im Himmel und nur durch sie hindurch geht es in das Reich Gottes. Nur durch das den Glauben füllende Wort der Wahrheit kann der Geist sich freimachen und zu jenem Reiche befähigen. Darum müssen alle zu früh verstorbenen Kinder, alle Heiden und alle, die ohne ihr Verschulden den Erlöser nicht kennenlernten, noch jenseits im Worte der Wahrheit unterrichtet werden und werden auch von Engeln unterrichtet; denn ohne an dem Erlösungswerke teilzunehmen und durch das Wort der Wahrheit sich fähig und reifzumachen, können sie nicht in jenes Reich eingehen, in welchem Christus sich mit den Seinigen vereint. Wenn Christus sagt: »Ich werde alle zu mir ziehen«, so gilt dies auch den gestorbenen Heiden; wenn er sagt: »Es wird ein Hirt und eine Herde sein«, so gilt dies nicht nur für die Erde, sondern noch mehr für das Himmelreich; – wenn er das Evangelium zu den Heiden sendet und die Fülle derselben einsammeln läßt, so dürfen wir gewiß annehmen, daß er sie zu einer andern Seligkeit vorbereiten will, als sie für sich erlangen können.

Es war dieses Sehen der Geister in der Familie der Frau H. zwar allein ihr in diesem ausgezeichneten Grade eigen, weil sie allein von solcher außerordentlicher Nervenbeschaffenheit; doch haftete es im mindern Grade noch an andern Gliedern ihrer Familie, und besonders ist es auch ihrem Bruder gegeben.

Manche Erscheinungen der Frau H. sah dieser im Augenblicke, wo sie vor ihr standen, oder wenn sie zu ihr durchs Zimmer gingen: auch wurden ihm schon in früheren Zeiten, wo seine Schwester sich nicht um ihn befand, Geister sichtbar.

Einmal sagte er still zu mir: »Hier geht soeben ein Geist durchs Zimmer in die Kammer meiner Schwester«, und kaum hatte er es ausgesagt, hörte man Frau H. mit einem Geiste, der anscheinend nun vor ihr stand, sprechen.

Aber nicht immer hatte er diese Fähigkeit, die Frau H. immer hatte: denn als am andern Abend dieser Geist wieder bei Frau H. stand, und sie den Bruder mit mir in die Kammer rief, ihn nun wieder zu sehen, war er dies nicht imstande, während Frau H. den Geist immer sah, nur da nicht, als ich, ohne es zu wissen, zwischen sie und den Geist trat.

Auch das Kind der Frau H., ein Knabe von 3 Jahren, gab, leider nur zu oft, untrügliche Beweise, daß auch er mit diesem unglücklichen Sehen begabt sei.

Eine Schwester der Frau H. (ein ganz unbefangenes kindliches Mädchen) hatte für die Geister ein so feines Gefühl, daß es ihr zum völligen Schauen wurde. Sie fühlte, ohne ihn mit den wirklichen Augen zu sehen, doch die ganze Gestalt eines anwesenden Geistes, so daß sie, wie sie sagte, ohne ihn zu sehen, dennoch sein Aussehen (mit dem Sehen der Frau H. übereinkommend) meistens zu beschreiben fähig war.

Sie sagte: »Ich sehe ihn nicht mit meinem gewöhnlichen Auge, ich sehe ihn wie mit meinem Innern«; und doch war dieses Mädchen nie in einem somnambulen Zustande, und immer völlig gesund.

Novalis meint, daß bei Erscheinung eines Geistes wir notwendig inspiriert (momentan magnetisch erweckt)werden müßten.

Dies war auch bei Frau H. gewiß der Fall. Da Glas, auf die Herzgrube gelegt, sie sonst in einen mehr wachen Zustand brachte, so gab sie einmal ihrer Schwester auf, sobald sie bemerke, daß sie einen Geist sehe, ihr ein Glas auf die Herzgrube zu legen. Dies geschah, und als das Glas eine Minute lang auf der Herzgrube der Frau H. lag, sah sie das Bild des Geistes gröber, wie dunkel-schwarz, und es ergriff sie, was sonst nie geschah, vor ihm die größte Furcht.

Offenbar wurde da ihr Sehen zwischen Sonnengeflecht und Gehirn geteilt, daher das dunklere Sehen und die Furcht vor diesem Sehen. Daraus scheint auch hervorzugehen, daß einem geistigeren Auge die Geister unter hellerer, geistigerer Gestalt erscheinen und deswegen wohl kein Seher behaupten kann, es sehe ein Geist in der Wirklichkeit so aus, wie er ihn sieht; wie Frau H. auch selbst vermutete.

Ein sehr rechtschaffenes, wahrheitsliebendes Mädchen von Löwenstein, das bei der Frau H. mehrere Nächte lang wachte, konnte nicht lange die Wärterin derselben bleiben, weil sie alle Geister, die in dieser Zeit zu jener kamen, schon im äußern Zimmer, durch das sie zu ihr in die Kammer gingen, erblickte, wenn Frau H. darüber auch keine Silbe kundgab, so daß sie mit völliger Bestimmtheit deren Gestalt und Wesen mit den Aussagen der Seherin übereinstimmend, nur immer dunkler und roher als diese, beschrieb. Sie war auch die einzige mir bekannt gewordene Person, die diese Geister wie Frau H. sprechen hörte.

Manchen andern teilte sich die Anwesenheit und Nähe dieser Geister durch ein unheimliches Gefühl, durch ein Gefühl von Beklommenheit von der Herzgrube aus, die sich bei einigen bis zur Ohnmacht steigerte, mit.

Menschen, die im Zimmer der Frau H. schliefen, während ihr wachend Geister erschienen und zu ihr sprachen, teilte sich das Gefühl ihrer Anwesenheit im Schlafe oft wie ein Traum mit, den sie dann nach dem Erwachen erzählten. So scheinen Tod, Geisterleben, Schlaf und Traum miteinander verwandt zu sein und oft ineinander überzugehen.

Frau H. behauptete, daß Menschen, die nicht mit eigentümlichem Sehen der Geister begabt seien, dieselben im Winter noch eher als im Sommer zu sehen fähig seien, weil im Winter der Mensch mehr nach innen, im Sommer mehr nach außen lebe.

Hörbar waren diese Geister den verschiedensten Menschen, aber nicht wenn man auf sie paßte, man mußte zufällig anwesend sein. Diese Geistertöne bestanden (wie sich schon Frau H. aussprach) hauptsächlich in Klopfen oder vielmehr Klöpfeln, das man bald wie an der Wand des Zimmers, bald wie an einem Tisch, einer Bettstatt, bald wie in der Luft des Zimmers zu vernehmen glaubte. Hie und da bestanden sie auch in wirklichen, fast erschütternden Schlägen. Oft hörte man ein Gehen wie auf Socken, ein Tappeln wie von Tieren, oft Töne wie das Rauschen von Papier, das Rollen einer Kugel. Sehr häufig kamen aber auch, besonders bei der Erscheinung eines gewissen schwarzen Geistes, Töne vor, als würfe man mit Kies, Sand oder Speis, verbunden sogar mit wirklichem Werfen, welches besonders einmal, selbst mit großen Kalkstücken, auf die auffallendste Weise stattfand.

Die hier beschriebenen Töne ließen sich aber nicht bloß im Zimmer der Frau H. hören, sondern man hörte sie, solange dieselbe den untern Stock unsers Hauses bewohnte, auch sonst im Hause und namentlich in unserm Schlafzimmer im oberen Stocke.

So geschah es auch in den andern zwei Wohnungen, in denen Frau H. sonst noch hier war. Auch in diesen fand oft (was früher nie der Fall war), solange sie sich in ihnen befand, in Zimmern, die andre Menschen bewohnten, nämlich ein Klopfen, bald da, bald dort, ein Aufgehen verschlossen gewesener Türen, ein Gehen wie auf Socken, ein Werfen wie mit Kies, ein Erwecken der Schlafenden, wie durch ein besonderes Gefühl von Pressung usw. statt. Ja, jene Töne, als würde geworfen, gingen sogar in Häuser über, in denen Frau H. nicht wohnte, und wohin sie nie kam (wie sie ja hier überhaupt nur wenige Monate lang aus dem Bette kam, und nie in ein andres Haus gehen konnte), waren nur Personen in ihnen, die sie zur Zeit besucht hatten, als jener schwarze Geist sie oft belästigte.

So erzählte mir Herr Kaufmann Zenneck von Stuttgart, der Frau H. mit seiner Gattin an einem Abend besucht hatte, und der nicht eine Silbe von jenem schwarzen Geiste wußte, morgens als eine sonderbare Sache, daß es in seinem Zimmer (in einem von Frau H. nicht sehr entfernten Hause), dessen Fenster und Türen verschlossen gewesen, nach Mitternacht auf einmal getönt habe, als würfe man Kies oder Sand mitten ins Zimmer. Ich vermutete die Ursache, gab sie ihm aber nicht kund. So hörte auch Herr Maler Wagner von Heilbronn, als er Frau H. abends besucht hatte, in der Nacht im verschlossenen Zimmer eines von ihr entlegenen Hauses auf einmal jenes Werfen, durch das sich dazumal jener schwarze Geist so oft kundgab.

Während solche Töne gehört wurden, sah Frau H. keinen Geist, aber meistens jedesmal sogleich nach ihnen.

Ich selbst sah nur einmal einen Geist, wo Frau H. einen zu sehen behauptete. Ich sah ihn nicht in bestimmten Umrissen wie sie, sondern in Form einer grauen Nebelsäule von Menschengröße, vor ihrem Bette, auf die sie ihre Augen starr, und leise sprechend, gerichtet hatte, und die sie mir nachher als den Geist eines großen ältlichen Mannes beschrieb, der nun zum drittenmal bei ihr erscheine. Auffallend war, daß diesen Geist bei seinem ersten Erscheinen ihre Schwester (aber mehr wie durchs Gefühl) sah, und eine andre Person völlig klar wie Frau H.

Jenes obenerwähnte Mädchen von Löwenstein sah die Geister (wie gesagt) immer in dunklerer Farbe als Frau H., und eine andre Person einmal einen auch als graues Wolkenbild, aber mit viel bestimmtern Umrissen als ich.

Auffallende Übereinstimmung in jenen Tönen haben auch andre Erzählungen von Geistererscheinungen mit denen der Frau H. Auch diese sprechen häufig von Tönen, als würfe man mit Sand, Kies usw., von Tönen, als ginge jemand auf Socken, als rollte man mit einer Kugel, von Klopfen usw., vermutlich weil diese sich in unsern Sonnenkreis hereindrängenden Wesen in solchen Eindrücken auf die Sinnenwelt sehr beschränkt und es für sie nur mühsame, kindische Versuche sind, sich noch zu offenbaren.

Frau H. gab an, je finsterer, dunkler ein Geist sei, desto mehr vermöge er sich durch Töne und auch andern durch sogenannten Geisterspuk kundzugeben.

Da sie äußerte, dies seien die Geister imstande, durch den Nervengeist und die Luft zu tun, nach ihrer Annahme aber der Nervengeist hauptsächlich noch unseligen Geistern anhängt, so wäre die Folge, daß solche Geister (eben weil ihnen noch hauptsächlich jener Nervengeist anhängt) auch am meisten sich durch Töne, Werfen usw. offenbaren können, ganz konsequent.

Dieser Nervengeist ist zwar für unser Auge, etwa wie die Luftarten, unsichtbar, gehört aber doch als ätherischer Stoff zu den Potenzen der Natur, obgleich nicht der physischen, sondern der organischen.

Dieser Nervengeist hat die größte Energie oder höchste Intensität der Kraft in sich, was wir ja selbst in uns wahrnehmen. Die Muskeln an sich wären totes Fleisch, wenn sie nicht durch die organische Potenz des Nervengeistes zur Kontraktion angetrieben würden. Die Kraft, womit wir unsre ganze Masse gegen den Zug der Schwere wie beim Bergsteigen heben und große Lasten tragen, rührt doch zunächst nicht von den Muskeln, sondern von dem Nervengeiste her, der seine Kraft denselben mitteilt: denn die bloße Anlage der Fleischfasern zur Kontraktion ist noch keine Kraft. Erst wenn durch den Willen der Nervengeist in die Fleischfasern einströmt, äußert sich die Kraft der Kontraktion. Solange wir nun durch einen Leib mit der Objektivität vermittelt sind, kann die Energie des Nervengeistes sich nicht anders als durch ihn äußern, es kann aber wohl (nach der Frau H. Annahme) nach Abfall des Leibes diese höchste organische Potenz sich mit einem geistigen Prinzip in der Luft verbinden und dadurch auf die Welt der Sinne und die Materie einwirken, solche physische Wirkungen, wie jene Töne, hervorbringen und sich sichtbar machen.

Hiermit wäre die Frage des Zweiflers: wie es denn möglich sei, daß ein Geist klopfen, werfen, heben und tragen könne? – beantwortet. Doch Frau H. war eine Betrügerin! Alles war Betrug!

Ich besuchte Frau H. wohl dreitausendmal, verweilte öfters stundenlang bei ihr, kannte alle ihre Umgebungen besser als sie selbst, gab mir unsägliche Mühe, ausgesprengte Gerüchte zu untersuchen, und konnte doch die Feinheit dieses Betruges nicht entdecken! – Aber andre, die sie nie sahen, nie sprachen, die nichts hörten, nichts fühlten, nichts untersuchten, die von ihr wie Blinde von der Farbe sprechen, die werden diesen Betrug auswittern! –

Frau H. sprach unaufgefordert nie von diesen Erscheinungen, es machte ihr Schmerz, davon zu sprechen. Sprach sie, aufgefordert, aus Gefälligkeit gegen mich oder andre von ihnen, so geschah es mit einer solchen Unbefangenheit und innern Überzeugung, durch die sie selbst oft Ungläubige wankend machte. Sie fühlte sich durch dieses Sehen (auch wegen des Geredes der Menschen) so unglücklich, daß sie Gott oft auf das inbrünstigste bat, doch diese Gabe von ihr zu nehmen. In einem Brief an einen Freund schrieb sie darüber: »Und wäre ich nur imstande zu verhindern, daß diese Geister von mir wissen und mich sehen, könnt' ich sie doch ganz von mir wegbringen, oder wäre ich imstande zu machen, daß sie auch andre Menschen sähen (was ich aber keinem wünsche), so wäre mein Zustand um vieles erleichtert. So aber fühle ich mich oft recht allein und verlassen und von vielen Seiten mißverstanden. Doch ich denke: so ist es des Herrn Wille, und schweige.«

»Wenn die Vorteile und Nachteile ineinandergerechnet werden«, sagt Kant in den Träumen eines Geistersehers, »die demjenigen erwachsen können, der nicht allein für die sichtbare Welt, sondern auch für die unsichtbare in gewissem Grade organisiert ist, so scheint ein Geschenk von dieser Art demjenigen gleich zu sein, womit Juno den Tiresias beehrte, die ihn zuvor blind machte, damit sie ihm die Gabe zu weissagen erteilen könnte.«

Wer Frau H. näher beobachten und prüfen konnte, fand in ihr ein reines und frommes Gemüt. Das Außerordentliche der Tatsachen ging aus ihr ganz einfach, ungesucht, und ohne Neugierde und Wichtigkeit erregen zu wollen hervor.

Sie sagte bloß, was sie sah und hörte, und dies meistens nur gebeten, man untersuchte und fand es wahr. Diese Wahrheit besteht aber nicht bloß aus dem Munde eines oder zweier Zeugen, sondern aller derjenigen, die sie hier genauer kennenlernten.

Andre Menschen von der Realität dieser ihrer Erscheinungen zu überzeugen, lag der Frau H. nie an. Sie sagte: »Eine Überzeugung von solchem gehört nicht zur religiösen Überzeugung und hat der Mensch nicht nötig, um Gott gefällig zu werden, daher auch die Heilige Schrift davon nur wenig spricht. Hab' auch ich die völlige Überzeugung, will ich doch keinen andern zu ihr veranlassen, und auch nicht sagen, man solle oder müsse solch geistiges Leben glauben, und will mir gerne sagen lassen, es sei Vision oder Gesichtstäuschung. Leider ist nun einmal mein Leben so beschaffen, daß ich in diese Geisterwelt sehe und sie mich sieht, an diesem Außernatürlichen nehme kein andrer Mensch teil. Keinem ist der Glaube an sie zuzumuten: denn nichts streitet das Gehirn dem Menschen so leicht hinweg als dieses Geisterschauen, Fühlen oder Hören, was ich aus eigener Erfahrung weiß, weil es mir anfänglich damit selbst so erging.«

Es gab Menschen, welche behaupteten: »Durch diese meine Sucht, Geister sehen zu wollen, seien erst diese Geister in Frau H. gelegt worden«; und andre, welche sagten: »Alles kam aus dieser Wahnsinnigen in den Arzt und ihre Umgebung.« Denn Geister sollen nicht sein, weil sie nun einmal nicht in die Ideen jener Herren von Gott und Himmel passen.

Frau H. war allerdings für sich stehend und nicht im mindesten mit einer von dem Willen eines Magnetiseurs abhängenden Somnambulen zu vergleichen; aber sie wirkte dennoch nicht mit solchem Übergewicht auf ihre Umgebung, daß auch diese durch ihre Einwirkung in magnetischen Wahnsinn (wie die Scharfsinnigen den Seelenzustand dieser Frau zu nennen pflegen) verfiel und mit ihr dann ein und eben dasselbe Schauen und Glauben hatte. Sie erschien jedem, der sie kennenlernte, als eine ganz verständige Frau (so sprach sie auch von weltlichen Dingen, zum Beispiel von allen nur möglichen Geschäften einer Haus= frau, stets mit Verstand und Umsicht), die aber in einem außerordentlichen, in einem höhern Seelenzustande als der Alltagsmensch begriffen war, mit dem der Leib nicht gleichen Flug halten konnte, die aber dennoch immer noch im Leibe und dessen Hemmungen und Fehlern unterworfen war.

Schon aus der ersten Erscheinungsgeschichte, die sich hier ereignete, ist zu ersehen, daß ich diese anfänglich auch nur für eine Vision hielt, und in diesem Sinne machte ich der Frau H. auch Widersprüche gegen sie. Erst das große, durch keinen Kritikus geschwächte Resultat brachte mich auf die gleiche Meinung der Frau H., aber ohne daß ich die folgende Erscheinung und Geschichten, ohne ihr zu widersprechen, mit ihr auch sogleich in gleichem Glauben angenommen hätte.

Selbst als ich mich durch die auffallendsten Tatsachen überzeugte, daß hier mehr als Vision sei, unterließ ich doch nicht, der Frau H. alle möglichen Einwürfe gegen ihre Annahme einer wirklichen Realität ihrer Erscheinungen zu machen.

So hielt ich ihr, wie unten näher bemerkt ist, jene Theorie magnetischer Ansteckung lange vor, und man sehe unten, was sie darauf erwiderte. Aus der im Jahre 1826 zu Bonn von Herrn Professor Müller erschienenen Schrift: »Über phantastische Geistererscheinungen und Gesichtstäuschungen«, die ich ihr zulieb erkaufte, machte ich sie mit den Visionen von Nicolai usw. bekannt, bat sie, ihre Erscheinungen zu prüfen, sie mit den dort gegebenen zu vergleichen, sich belehren zu lassen – allein die Geister kamen nach wie vor, auch andern oft hörbar und fühlbar, und eine überzeugende Tatsache folgte der andern

Noch wenige Monate vor ihrem Tode schrieb mir Frau H., als ich ihr schriftlich meinen Zweifel über die in der Geschichte Bellons (siehe unten) vorgekommene Rechnung mit den 9 Groschen bei Durchgang dieser Geschichte äußerte: »Ich hätte darüber allerdings noch mehr Auskunft erteilen sollen, aber Sie wissen ja selbst, wie viele Widersprüche und Einwürfe mir immer entgegengehalten wurden, ich wurde da manches zu sagen müde, behielt es lieber für mich, und Sie erhielten wohl oft nur unzusammenhängende Bruchstücke.«

Aus dem Umstande, daß ich von Frau H. nach all den hörbaren Erscheinungen auch endlich einmal verlangte, einen Geist zu sehen, und daß sie bei der Geschichte jenes schwarzen Geistes sagte, als ich ihr eigentlich befahl, sich doch nicht mehr so mit diesen Geistern zu befassen: das hätte früher geschehen können, nun aber, wo ich so in sie gedrungen, zu bewerkstelligen, daß ich auch einmal einen Geist sehe, könne das nicht mehr sein – machen gewisse Herren mir das größte Verbrechen und ziehen daraus schnurstracks den Schluß: ich Geistersüchtiger hätte diese Frau H. erst zu diesem wahnsinnigen Sehen gebracht.

Aber abgesehen davon, daß Frau H., noch ehe sie hierher kam, Geister sah und jahrelang in ihrem Umgange war, gerade wo sie einen Magnetiseur hatte, der durchaus nicht an Geister glaubte, zum Beweis, wie wenig sie von jeher von dem Glauben andrer abhängig war, so resultiert aus jenen Stellen gar nichts, als daß ich noch nicht so geistergläubig als Frau H. war, von ihrem Glauben noch abwich, wie ich auch ihr Schauen nicht hatte, und ihr zu verstehen gab (was wenigstens ihren Glauben nicht wird unterstützt heißen), es können andre bei all dem Unbegreiflichen, was man durch andre Sinnen vernahm, noch nicht die völlige Überzeugung gewinnen, komme es bei ihnen nicht auch bis zum Schauen. Und ich frage: war dieses endliche Verlangen, da die Geistererscheinungen bei Frau H. ja doch durch keine Vorstellung von mir und andern, wie man unten sehen wird, aufhörten, ein Verbrechen? – Jene Worte: »das hätte früher geschehen können«, bezogen sich einzig und allein nur auf die Geschichte jenes schwarzen Geistes, durchaus nicht auf frühere Geschichten, wie man ihnen irrig unterlegt. Ich hatte Frau H. schon früher oft im schlafwachen Zustande gesagt: sie solle ein Mittel angeben, wodurch diese Erscheinungen von ihr abzuwenden seien; allein sie erwiderte: sie dürfe das nicht, sie könne das nicht, es wäre ihr Sünde; dennoch wiederholte ich oft, auch in ihrem Wachen, den Vorschlag, ihr selbst ein Amulett gegen diese Erscheinungen zu bereiten, sei sie es nicht zu tun imstande; aber sie lehnte es immer, wie mit einem innern Schauer, ab. War nun dieses endliche Verlangen bei jenen Geschichten, die mein ganzes Haus auf die beunruhigendste Weise betrafen, mir wohl ein Verbrechen?

In diesen Geschichten fand nämlich in meinem Hause, was die reinste Wahrheit ist, nicht nur jenes unbegreifliche Werfen, Klopfen, Gehen statt, sondern es wurde auch (siehe unten) ein kleiner Tisch, ohne äußere, sichtbare Berührung und Ursache, ins Zimmer geworfen, die Zinnteller in der Küche, dem ganzen Hause hörbar, untereinander geschleudert, und was dergleichen mehr war, was andern freilich lächerlich und albern ist und es mir auch wäre, hätte ich es nicht erfahren, jedesmal auf der Stelle mit gesunden Sinnen untersucht. Mitten im Gelächter und dem Spotte andrer kann mich das aber nur zum Ernst und Nachdenken stimmen, besonders, wenn ich es mit andern Erscheinungen der Art, bei denen kein Somnambules mit im Spiele war, vergleiche, deren ich manche unten anführe.

Als Frau H. und ihre Mutter und Schwester mir vieles von jenen so sehr hörbar gewesenen Erscheinungen zu Oberstenfeld erzählt, und auch hier schon so manches Auffallende der Art sich ereignet hatte, ersuchte ich den Herrn Prälaten v. Märklin zu Heilbronn, einen Freund der Wahrheit, von dem ich aber zuvor wußte, daß er an keine Erscheinungen von Geistern glaubt, Frau H. zu besuchen, sich die Geschichte ihrer bisherigen Erscheinungen erzählen zu lassen, und sie durch seine Ansichten und Einwürfe zu belehren. Herr Prälat von Märklin besprach sich mit Frau H. mit seiner gewohnten Menschenfreundlichkeit und Offenheit, ließ es auch an etwas kaustischer Lauge nicht fehlen, Frau H. brachte ihm Gegengründe vor, hörte ihn mit Vergnügen an – allein die Geister kamen nach wie vor.

Meine Gattin, die, besonders als Frau H. in unserm Hause wohnte, sehr oft in ihrem Umgange war, und ihr bei Tag und bei Nacht, was wohl selten noch die Frau eines Arztes tat, viele hundert Krämpfe mit Auflegen der Hände stillte, nährte in Frau H. den Geisterglauben nicht im mindesten, sie lag hierüber oft mit ihr in Widerspruch und freundschaftlichem Streit, ob sie gleich eine auffallende Geisterlehre (siehe die vierte Tatsache) erhalten hatte.

Von einem Freunde, der Frau H. oft besuchte, und der auch an keine Geister glaubte, wurde sie einmal auf die Probe gestellt. Er las mir und ihr aus einem Briefe vor, daß ein Bekannter von ihr, den wir krank wußten, und der ihr versprochen hatte, einmal auch nach dem Tode zu ihr zu kommen, vor einigen Wochen gestorben sei. Die Nachricht war ihr und mir ganz glaublich. Ich und der Freund, der mich auf meinem Glauben ließ, warteten alle Tage, um bald von Frau H. zu hören, der Bekannte sei als Geist zu ihr gekommen; es verstrichen aber Monate – er kam nicht, und jetzt erst tat der Freund uns seine Täuschung kund, die ihm Frau H. aber doch nicht ganz gut aufnahm.

Auf eine andre Probe wurde Frau H. durch einen Freund von mir in St. gestellt. Es kam schon seit langem der Geist eines Verstorbenen zu Frau H., den sie im Leben nie gesehen, von ihm auch nie etwas gehört hatte. Der Freund bat Frau H., den Verstorbenen um das Jahr seiner Geburt zu befragen, das weder er noch ich wußte.

Es geschah. Der Freund erkundigte sich bei den Verwandten zu St., ob das wirklich das Jahr der Geburt jenes Mannes gewesen, und erhielt »nein« zur Antwort. Der Freund schrieb es sogleich hierher, und ich las es Frau H. vor mit der Bemerkung, das wäre doch nun ein gewaltiger Beweis gegen die Realität ihrer Erscheinungen. Frau H. ließ sich aber nicht irremachen, sie sagte mir ganz ruhig: so frage ich noch einmal! Sie fragte noch einmal, und der Geist gab abermals die gleiche Jahreszahl an. Da schrieb ich wieder nach St., und als man bestimmter nachforschte, erkannten die Verwandten, daß sie sich geirrt hatten; die zuerst von Frau H. und der Erscheinung angegebene Jahreszahl war wirklich die richtige.

Solche und andre auffallende, unwiderstreitbare Tatsachen, deren viele, die in Privatverhältnisse zu sehr eingreifen, nicht öffentlich gegeben werden können, brachten in mir und andern Freunden den uns von der Welt so übelgenommenen Glauben an die Möglichkeit der Mitteilung verstorbener Menschen und die Realität dieser Erscheinungen der Frau H. hervor, der um (so stärker werden muß, wenn wir sie mit vielen unbestreitbaren, ihnen ähnlichen Tatsachen, wo keine Somnambule mit im Spiele war, noch zusammenhalten. Können andere nicht den gleichen Glauben gewinnen – so wird dadurch der unsre nicht geschwächt, und wir drängen ihn keinem auf. Frau H. konnte von ihrem Glauben nicht lassen, trotz der vielen Widersprüche, die sie stets erhielt, weil sie von dessen Wahrheit die völligste Überzeugung hatte. Jenes Sehen hätte ihr auch durch alle Widersprüche und psychischen Manipulationen nicht genommen werden können, weil es ihr von Kindheit auf eigentümlich, weil es mit ihr geboren war, wie es noch manche Menschen gibt, welche die gleiche Eigenschaft, ohne sich im magnetischen Zustande zu befinden, und bei ganz robustem Körper, haben. Es ist dies eine eigene Gabe, die noch nicht genug beachtet wurde, weil man, wo man sie bemerkt, sogleich nur von Wahnsinn spricht. Bei Frau H. erhielt die natürliche Gabe nur größere Ausbildung und Steigerung durch den Magnetismus. Hätte sie diese Gabe nicht gehabt, so hätte sie können magnetisch sein, ohne in diesem Grade Geister sehen zu können.

Diese Gabe, Geister zu sehen, ist zwar wohl selten einem sonst gesunden Menschen in dem Grade wie unsrer Seherin eigen; doch gibt es gewiß mehr Menschen, als wir vermeinen, die diese Gabe, wenn auch in geringerem Grade, besitzen, Menschen, die mehr oder weniger im Zustande des inneren Schauens sind, und dazu erfordert es nicht immer gerade einen krankhaften Zustand, diese Gabe ist gerade oft mit dem gesundesten Körper verbunden.

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