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Die Seherin von Prevorst

Justinus Kerner: Die Seherin von Prevorst - Kapitel 27
Quellenangabe
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authorJustinus Kerner
titleDie Seherin von Prevorst
publisherJ. F. Steinkopf Verlag
printrun2. Auflage
year1963
correctorJosef Muehlgassner
senderwww.gaga.net
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2. Eingang

Mein Lieber, der du diese Blätter ließest, wärest du auch erst in der Blüte deiner Jahre, siehe, das noch vor dir liegende Leben vergeht schnell, wie ein Traum, und dann – und dies ist eine Frage, die unsern Weltsinn und Weltverstand so sehr wie keine unterbricht – und dann – was wird aus dir werden? Wieviel wird dein Wissen, mit dem du so viel Ruhm und Ehre gesucht hast, einst auf der Waagschale wägen?

Du glaubst an eine Fortdauer des Lebens, aber gedankenlos bleibst du über die Beschaffenheit derselben. Ungerne lassest du dir bestreiten, daß dein Leben lange dauere, und widrig ist dir der Spiegel, der dir deine alternde Gestalt zeigt. Ja, du suchst durch Zerstreuungen der Außenwelt sehr gerne die Mahnung des geheimen Wächters in dir an den Schlag der ernstesten deiner Stunden, den deiner letzten, zu übertäuben.

Aber dieser Wächter in dir ist die allerbarmende Liebe, der nie zu erlöschende Funke Gottes, der, wenn wir auch noch so viel Asche und Staub um ihn sammeln, wohl unterdrückt, aber nie (weil er von Gott stammt) erlöscht werden kann. Stürze dich in alle Vergnügungen, verwickle dich in das geschäftsvollste Leben der Außenwelt – du kannst es durch alle Zerstreuungen wohl nicht dahin bringen, daß dir nicht oft mitten in ihnen jener geheime Wächter zuruft: »Du mußt sterben!«

Wie oft hört man die Redensarten: »Ich sterbe gerne, ich fürchte den Tod nicht, er komme!« und o wie wird bei solchen doch meistens so gar nichts gedacht!

Und droht dir der Tod nun einmal ernstlich, wie ängstlich, wie zutrauensvoll hängst du dich, Mensch, an die schwachen Künste der Welt. Ja, da kommt es, daß du dich oft mit all deinen Hoffnungen an eine Arzneiflasche mit einer Ängstlichkeit klammerst, wie du früher kaum den höchsten Gewinn deines Lebens umfingest.

Lieber! Und ergreift dich auch wirkliche Sehnsucht nach dem Tode, bist du wirklich des Lebens satt (freilich oft nur wie von einer Speise, von der du schnell und zu viel genossen), so treibt es dich, dieses Leben von dir zu geben, oft nur, weil in dir der Glaube ist, nach ihm nun schnell wieder ein frischeres, besseres einzunehmen.

Was mit dir war und was mit dir werden wird, wie ungerne, wie flüchtig denkest du hierüber nach, und wie vertraust du so gerne blindlings dem Glauben, es gehe deine Seele nach dem Tode, frei von allen Leiden der Erde (denn zur Hölle denkest du dich doch zu gut und deinen Richter zu gnädig), in die ewigen Wonnen himmlischer Seligkeit ein!

Diese Blätter, mein Lieber, von denen die Menge sagen muß: »Sie gefallen mir nicht!« denn sie sprechen zu sehr gegen die Wünsche der Menge, möchten sie in dir, wenn auch nach außen gegen sie Spott und Verleugnung, doch in deinem Innersten sei es auch nur ein stilles Bedenken erregen!

Wohl weiß ich, mein Lieber, daß man zu sehr die gewohnten Ansichten von Welt und Leben, Seele und Geist, Diesseits und Jenseits ändern muß, um das, was diese Blätter geben, für wahr zu halten. Ehe man dieses Opfer bringt, verwirft man lieber alles, und hat der Zufall den glücklichen Wurf getan. Unter solchen Umständen bleibt dem Forscher nichts übrig, als die gute Absicht und die Benutzung des Geschehenen zum Guten, und so kann er sich geruhig in seinen Mantel hüllen und dem Ungetüm Trotz bieten.

Betrachtest du, mein Lieber, auch nur oberflächlich, den Gang der Natur, so siehst du, wie in ihr alles eine zusammenhängende Kette bildet, wo das kommende Glied schon immer im vorhergehenden liegt, und überall, wenn auch oft nur leise Übergangsstufen und Verbindungen, nirgends schroffe Übersprünge, stattfinden. So siehst du schon im niedern Steine die Pflanze, in der Pflanze das Tier, in dem Tiere den Menschen, und in diesem den höhern, unsterblichen Geist. Und gleich wie in der Raupe schon die Flügel des Schmetterlings nachzuweisen sind, so werden dir im Menschen, besonders in gewissen Zuständen seines Lebens, die Flügel einer höhern Psyche offenbar, zu der er sich nach kurzem Erdenleben entfaltet, ja, du erkennst, mein Lieber, eine höhere, überirdische Welt, vor allem in dem über Zeit und Raum gesetzten magnetischen Menschen.

Schleier und Scheidewand, die im gewöhnlichen Leben zwischen uns und der Welt der Geister stehen, sind jenem schon mehr oder weniger niedergefallen, die Isolierung ist mehr oder weniger aufgehoben.

Der magnetische Mensch ist freilich, selbst in dem ausgebildeten Grade, wie ihn diese Blätter aufweisen, auch immer nur ein unvollkommener Geist. Im Polypen, der die Übergangsstufe von der Pflanze zum Tiere macht, siehst du ein unvollkommenes Tier, wie eine unvollkommene Pflanze, aber doch siehst du ihn, während er als Pflanze an die Erde geheftet bleibt, mit seinen Armen in die Tierwelt ragen und von dieser dir ein Zeuge sein.

Und so siehst du auch, mein Lieber, den magnetischen Menschen, während er noch immer an den Körper und somit an die Welt der Sinne gebunden ist, mit verlängerten Fühlsfäden hinaus in eine Welt der Geister ragen und von dieser dir ein Zeuge sein. Ein solches Bestreben, ein solches Hinüberragen in eine Welt der Geister, sehen wir auch mehr oder weniger in allen magnetischen Menschen, aber in diesem unserm Falle in einem so ausgezeichneten Grade, daß noch kein gleicher bis jetzt bekannt ist.

Du sahst, mein Lieber, in den vorigen Blättern, wie dem freigewordenen Nervengeiste jenes, gleichsam durch irgendeine Fixierung im Sterben aufgehaltenen, geisterhaften Wesens, der Geist aller Dinge fühlbar wurde, der Geist von Dingen, die uns bei gebundenem Nervengeiste völlig gleichgültig und unfühlbar sind. Du sahst, wie jenes Wesen, gleichsam selbst zum Geiste geworden, sich über Raum und Zeit setzend, aus loser Hülle zu treten und sich in Entfernungen hin kundzugeben vermochte, und warum solltest du dich dann, lieber Leser, noch verwundern, daß diesem Wesen durch das gleiche Verhältnis auch der Geist ihm so verwandter überirdischer Organisationen fühlbar wurde, für den wir, die wir für den Geist, selbst so vieler irdischer Dinge, kein Gefühl haben, isoliert sind, keine Sinne, wenigstens in dem Umfange, besitzen.

Überhaupt ist der Mensch nur ein Mittelglied zwischen einer höhern Potenz (selige Geister) und einer tiefern Potenz (unselige Geister), oder zwischen Engeln und Dämonen. Er steht aber nicht isoliert zwischen beiden, sondern auf mannigfache Weise in ihrer Wirkungssphäre, jedoch so, daß seine Selbständigkeit nicht dadurch verlorengeht. Freilich passen die Naturgesetze, soweit sie uns bekannt sind, nur mehr auf die Mittelsphäre, in der wir denken, fühlen und wollen, aber weniger auf die leise Verbindung mit der höhern und niedern Potenz. Wer von letztern keine Ahnung hat, leugnet sie gerade, und dies ist ja der Fall bei all den starken Geistern, welche nichts glauben, als was sie sehen und begreifen.

Bei H. hat der Nervengeist eine eigene Rolle, sie fühlt bei allen Menschen gleichsam in die Atmosphäre desselben hinein und taxiert sie nach dem Gefühl, das sie davon hat. Dieser Nervengeist ist nach ihr das Bleibende des Körpers, und umgibt auch nach dem Tode die Seele wie eine ätherische Hülle. Da er die höchste organische Kraft ist, und somit auch über allen physischen Potenzen steht, so kann er weder durch eine physische und chemische, noch auch durch eine andre organische Kraft besiegt und zerstört werden, er folgt daher, wenn der Leib sich löst, dem Zuge der Seele.

Wie er während des Lebens das einzige Band ist, das den Leib und die Welt mit der Seele vermittelt, so ist er auch nach dem Tode die einzige intensive Kraft, wodurch die Seelen derjenigen, welche in das Zwischenreich verbannt sind, sich manifestieren können.

Nach ihr bildet irgendein feines Vehikel der Luft das Werkzeug, dessen er sich wie eines Leibes bedient, wenn die Seele noch eine Rückwirkung machen will oder kann. In unserm gewöhnlichen Zustande sind unsre Sinne nicht geeignet, solche Erscheinungen aufzunehmen, so wenig als wir imstande sind, das Prinzip, welches das Sehen und Hören in uns hervorbringt, was eben der Nervengeist zunächst ist, selbst wieder zu sehen und zu hören, indem das Subjekt sich nicht zugleich Objekt sein kann. Aber in dem außerordentlichen Zustande des magnetischen Lebens können solche Bedingungen wohl eintreten. Der Nervengeist, der im wachenden Leben durch die Sinne und überhaupt in der objektiven Welt verbraucht wird, wird im magnetischen Leben mehr zusammengehalten und in sich selbst reflektiert, wodurch der innere Gemeinsinn (sensorium commune) eine ungewöhnliche Energie erlangt.

Es bilden sich nun Sinne aus, und wir sehen manche inneren Nervenherde zu Sinnen werden, während die nach außen führenden Sinne mehr und mehr sich verschließen. Ebenso wird das Gefühlsleben der Seele gesteigert, und das Erkenntnis- wie das Willensvermögen scheinen ihre Kraft an die Gefühlsseite abgetreten zu haben.

Ebenfalls nimmt auch der Geist seine Richtung gegen sein ursprüngliches Zentrum, und das Wissen erhebt sich zum Schauen.

In diesem Zustande mag es sein, daß nicht nur der Geist in die Mittelpunkte seiner Kreise sich versetzen kann, sondern daß auch das, was dem gewöhnlichen Auge verborgen bleibt, wie die Wesen des Zwischenreichs, dem magnetisch gesteigerten Sinn aufgeschlossen wird. Wenn wir das häufige Hinzudrängen jener Wesen zu Frau H., das allmähliche Aufhellen ihrer dunklen Gestalten während der Gebete, welche sie täglich mit ihnen hielt, und überhaupt alle die Momente, welche sie von einem Zwischenreich angibt, nicht für eine Schimäre halten, so scheint es der Sache angemessen, wenn wir annehmen, daß aus dem potenzierten Gefühlsleben nicht nur ein neues Auge, die Geister zu unterscheiden, sich erzeugte, sondern daß auch dieses Auge wie ein helles Flämmchen leuchtete, an dem sich jene finstern Wesen zu sammeln und zu sonnen suchten. Ja, vielleicht ist das magnetische Leben solcher Personen geeignet, daß eben diese verbannten Seelen durch sie hindurch einen Blick in die Gnadensonne, die für das finstere Reich gänzlich untergegangen ist, zu tun vermögen und dann eine Art Sehnsucht empfinden, sich an ihren Strahlen zu wärmen. Es ist bemerkenswert, daß Frau H. die Gnadensonne und die Wohnung seliger Geister, sowie auch das Erscheinen ihrer Führerin und andrer reiner Lichtgestalten in das Zentrum des Sonnenkreises setzt, während das Erscheinen der unseligen Geister in der Mittelregion des Sonnenkreises gewahr wird. Die erste Region gehört zur Übernatur, die zweite zur Unnatur; zwischen beiden liegt die Natur des Menschen, welche in einem solchen, magnetischen Leben, wie es nun in unsrer Seherin war, mit beiden in Berührung zu stehen schien.

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