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Die Seherin von Prevorst

Justinus Kerner: Die Seherin von Prevorst - Kapitel 26
Quellenangabe
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authorJustinus Kerner
titleDie Seherin von Prevorst
publisherJ. F. Steinkopf Verlag
printrun2. Auflage
year1963
correctorJosef Muehlgassner
senderwww.gaga.net
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Zweite Abteilung

Eröffnungen über das Hereinragen einer Geisterwelt in die unsere

1. Vorbemerkung

Dieser Abschnitt führt dem Glauben an das Hereinragen einer Geisterwelt in die unsre das Wort und sucht es mit Tatsachen zu beweisen; was Wunder, daß er derjenige ist, der ein Heer von Gegnern sich zuzog und die Seherin bei den Aufgeklärten in großen Mißkredit brachte? Der Mensch, je hartnäckiger er in einer Gehirneinrichtung lebt, die ihn von der Welt der Geister isoliert, vermag in solcher Einrichtung Dinge nicht zu erkennen und zu entscheiden, die nun einmal in solcher nicht zu erkennen und nicht zu entscheiden sind, und so mußte der großen Zahl solcher Menschen gerade der Abschnitt dieses Bändchens zum Anstoß und Verfolgung gereichen.

Diejenigen solcher Menschen, die nicht geradezu diesen ganzen Abschnitt für Lug, Trug und Täuschung erklärten, bildeten zur Erklärung seiner Tatsachen Theorien, die gewiß gewagter und phantastischer sind als die ganze einfache naturgemäße Annahme der Möglichkeit eines Hereinragens einer Geisterwelt in die unsre.

Ich bekenne, daß solche Theorienbildungen mir so wenig gefallen, als mir gefällt, wenn auf diese Erscheinungen in der Natur sogleich religiöse Theorien gebaut werden, und ich gestehe, daß von diesem Fehler dieser Abschnitt nicht frei ist.

Ich habe später eine Reihe ähnlicher Erscheinungen teils selbst beobachtet, teils von glaubwürdigen Personen mitgeteilt erhalten und auf naturforscherischem Wege (nicht auf religiösem) verfolgt. Dies geschah meistens in den inzwischen erschienenen zwölf Heften der »Blätter aus Prevorst« und in den zwei Bänden des »Magikons«, das noch immer in seiner Fortsetzung begriffen ist. Auch gab ich in der Schrift: »Eine Erscheinung in dem Nachgebiete der Natur, durch eine Reihe von Zeugen gerichtlich bestätigt. Stuttgart und Tübingen, J. G. Cotta'sche Buchhandlung, 1836«, den Naturforschern ein Bedenken, ohne alle Theorie, nur als Tatsache getreu und durch die glaubwürdigsten Zeugen bekräftigt –, aber noch bis jetzt erwartet es von solchen seine Lösung: denn die an diesem Phänomen auch schon hie und da versuchte elektromagnetische Theorie reicht zu dessen Erklärung noch lange nicht hin. Hier, wie auch in hundert andern ähnlichen Phänomenen, war auch keine Somnambule im Spiele (was man gegen die Realität der Erscheinungen unserer Seherin so oft aufführte), und ich mahne besonders an die Erscheinungen, die oft an gewissen Stellen, zum Beispiel an gewissen Häusern haften, Erscheinungen, die in der Natur vorhanden sind und nicht weggestritten werden können, wissen und erkennen wir auch noch nicht ihr eigentliches Wesen.

Ich wiederhole noch einmal: »Daß durch diese rationalistische Geisterfurcht, durch das fade Geschrei, im 19. Jahrhundert noch an Geister zu glauben, diese so merkwürdige Nachtseite der Natur bisher der Beobachtung gänzlich entzogen wurde, indem, wo sie sich der Beobachtung auch noch so sehr aufdrang, der Beobachter sogleich scheu vor ihr zurücktrat, oder aus Furcht vor jenem Geschrei die Beobachtung in sich verschloß, oder sich dieselbe am Ende selbst mit gläsernem Gehirne wegstritt. Man will nicht den Glauben aufdringen, als seien die Phänomene nichts andres als das Hereinragen Verstorbener in dieses Leben; es ist aber davon die Rede, solche Phänomene genauer, als bisher geschah, zu untersuchen, wo sie als wirkliche, objektive, für sich bestehende Realitäten in der Natur werden erkannt werden.«

Wenn sich nun aber die Naturforschung noch nicht nach Wunsch an die Beobachtung dieser Phänomene machte, so hat der Abschnitt dieses Buches doch inzwischen das Verdienst, reichlichere Anregung zur Besprechung dieser Phänomene in der Natur in den verschiedensten Kreisen gegeben zu haben; auch kam es dadurch soweit, daß hie und da auch Naturforscher sie mit ernsteren Augen zu betrachten anfangen und ihrer nicht mehr, wie früher geschah, nur mit verächtlichem Achselzucken erwähnen.

Herr Dr. E. W. Hagen zu Erlangen schrieb in dem zweiten Bande von R. Wagners »Handbuch der Physiologie« den Artikel: Psychologie und Psychiatrie.

Was er in solchem über das Nachtleben der Seele, vorzüglich aber über Geistererscheinungen, sagte, stimmt mit unsern An= sichten und mit dem, was wir in vielen unsrer Schriften aussprachen, aufs vollkommenste überein, so daß wir uns nicht enthalten können, diese wahren Worte auch den Lesern dieses Artikels mitzuteilen. Möchten sie die Naturforscher beherzigen! Derselbe schreibt also:

»Wir berühren einige weitere Erscheinungen, als das Doppelt» sehen, das zweite Gesicht, die Ahnungen, die Geistererscheinungen auch nur insofern, als wir unsre durch die Gewalt der Tatsachen uns aufgedrängte Überzeugung von der Realität dieser Phänomene hier offen auszusprechen uns veranlaßt fühlen. Es gehört in unsern Zeiten ein gewisser Mut dazu, dies zu tun, weil jeder, der sich zu dieser Ansicht bekennt, fürchten muß, man möge dieselbe entweder seiner Phantasterei oder seinem Mystizismus, oder seiner Unwissenschaftlichkeit und bornierten Leichtgläubigkeit zuschreiben. Wir trösten uns aber mit Kant, bei dem es sicherlich nicht Mangel an Wissenschaft oder Respekt vor Ammenmärchen war, wenn er die Möglichkeit dieser Dinge zugestand; auch hoffen wir, in den bisherigen Abschnitten gezeigt zu haben, daß unkritisches Annehmen oder mystische Spekulation nicht entfernt unsre Sache ist. Auch wir gehörten früher zu den hartnäckigsten Gegnern eines zuweilen sich vernehmenlassenden Verkehrs einer andern Welt mit der unsrigen, und sind noch jetzt der Überzeugung, daß eine große Anzahl von Visionen, ja der überwiegend größte Teil derselben in krankhaften Zuständen der Sinnesnerven und des Gehirns ihren Grund hat, und daß man immer erst nach einer strengen, die Möglichkeit subjektiver Entstehung völlig ausschließenden Kritik eine objektive Einwirkung annehmen dürfe. Wer sich aber mit den zahlreichen glaubwürdigen Berichten über solche Fälle bekannt macht, und sich nicht absichtlich gegen die evidentesten Beweise verhärtet, der wird sich zuletzt, wie wir, für besiegt erklären und gestehen müssen, daß viele Fälle jeder physikalischen oder pathologischen Erklärung und jedes Versuches, sie auf die Phantasie oder die Vorurteile der Beobachter, oder gar auf Betrug zu deuten, spotten. Vornehmes Absprechen und mitleidiges Heruntersehen auf die Leute, die sich so abergläubisches Zeug aufbinden lassen, ist freilich der bequemste Weg, der Sache los zu werden; wir aber halten es dem Geiste echter Wissenschaft schnurstracks zuwider, dergleichen Tatsachen a priori bloß deshalb abzuleugnen, weil sich dieselben aus unsern gegenwärtigen physiologischen und physikalischen Kenntnissen nicht genügend erklären lassen. Man ist ja doch in der Wissenschaft alle Augenblicke gezwungen, zu gestehen, dieses und jenes sei noch höchst dunkel, dieser und jener Punkt bedürfe noch vielfältiger Forschung, und namentlich vom Gehirne bekennen alle, daß sie noch blutwenig wüßten; wenn nun aber die Reihe an das Nachtgebiet der Natur kommt, so spreizt sich die ›Wissenschaft‹, und wirft sich in die Brust, und behauptet, sie wisse schon so unendlich viel, sie sei schon so vollständig in die Natur aller Dinge eingedrungen, daß sie mit unzweifelhafter Gewißheit jedermann versichern könne, an jenen Dingen sei nichts, gar nichts, es sei nach der von ihr erkannten Weltordnung ganz unmöglich, daß dergleichen existiere. Wir sind weit entfernt, aus diesen unsern Überzeugungen irgendeine, sei es medizinische oder psychologische oder religiöse Theorie zu ziehen, im Gegenteil räumen wir dem, was sich daraus ebenfalls, obwohl nur hypothetisch, folgern ließe, nicht den geringsten Einfluß weder auf unsre wissenschaftlichen Bestrebungen, noch auf unsre sonstige Weltanschauung ein, deren Prinzip nie den Geist in die Fesseln von Vorurteilen schlagen lassen wird; aber ebenso entschieden glauben wir gegen jenen Terrorismus auftreten zu dürfen, welcher eine Reihe von Erscheinungen ohne weiteres aus der Gemeinschaft der Erfahrungen exkommunizieren will, weil sie der zufälligen Richtung der Wissenschaft und einer dadurch gesetzten einseitig befangenen Anschauungsweise unbequem in die Quere kommt. Das mögen diejenigen bedenken, welche gegen dieses Gebiet immer nur anführen, daß dergleichen ja in der Erfahrung gar keine Analogie habe, und dann doch die Erfahrungen, welche dafür sprechen, mit ihren theoretischen Gründen niederschlagen wollen. Unsre Absicht bei dieser ganzen Erörterung ist nur, darauf zu dringen, daß man sich endlich einmal bequeme, die Tatsachen nicht mehr abzuleugnen. Die Wissenschaft versinkt dadurch keineswegs in Aberglauben, der Teufel kommt nicht mehr zurück und wir würden mit in den vordersten Reihen gegen seine Wiedereinführung fechten. Aber die Wissenschaft soll die Augen nicht vor diesen Phänomenen verschließen, sondern sie unbefangen betrachten, wie sie sich darstellen, soll aber dabei nicht wähnen, noch so wenig erforschte Dinge unter das Fachwerk der bisher gekannten Gesetze zwingen zu können, sondern damit anfangen, zu gestehen: Es gibt mehr Dinge im Himmel und auf Erden, als wir in unseren Schulsystemen träumen.«

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