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Die Seherin von Prevorst

Justinus Kerner: Die Seherin von Prevorst - Kapitel 25
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authorJustinus Kerner
titleDie Seherin von Prevorst
publisherJ. F. Steinkopf Verlag
printrun2. Auflage
year1963
correctorJosef Muehlgassner
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24. Der siebente Sonnenkreis

Schon einige Tage, bevor Frau H. den Tod ihres Vaters erfuhr, schon am 1. Mai 1828, sagte sie: daß am 8. Mai etwas Besonderes mit ihr vorgehen werde, was, wisse sie aber nicht, sie hoffe, es gereiche ihr zum Besten. Nach der Nachricht von dem Tode ihrer Vaters am 2. Mai (wie sie denselben voraussah, ist anderswo angegeben) hörten bei ihr die Krämpfe mehr auf, aber dessen ungeachtet trat ein stärkerer magnetischer Zustand ein, und sie wurde täglich zu öftern Malen tief schlafwach. Am siebenten Morgen sagte sie: Sie könne nun wieder in ihrem Sonnenkreis nicht weiter vor- und rückwärts, als nur wie der Tag sie schiebe, aber sehr oft könne sie in einem Striche in den dritten Ring gehen, wo es ihr dann wohl sei.

Durch die Verluste, die sie erlitten, und namentlich durch den schweren, den Tod ihres Vaters, laufe nun derjenige Strich, der in ihrem siebenten Lebensring im Dezember in das Zentrum hätte laufen sollen, schon am 2. Mai gerade hinein, er sei wie auf den 2. Mai vom Dezember herübergesprungen, und habe sie nicht so viel Kraft, ihn zurückschieben zu können, so befürchte sie, das sei ihr Tod. Dadurch sei ihr siebentes Jahr abgeschnitten, und was sie in diesem Kreis gelebt und noch hätte leben sollen, für sie verloren.

Sie befürchtete, sie werde morgen erwachen und in das Jahr zurückkommen, wo ihre Krankheit angefangen, so daß sie alsdann die Erinnerung an alles bis auf jene Zeit verloren habe.

Am 7. wechselte den ganzen Tag bei ihr ein Zustand von verwirrtem Traumleben und Erstarrung. Einmal erschien ihr ihre Führerin und deutete auf sie und auf einen halboffenen Sarg, welches sie, das Gesicht auf eine Lebensgefahr, die ihr bevorstehe, deutend, erzählte.

Abends verfiel sie in schwachen magnetischen Schlaf, war aber in ihm nicht zu sprechen fähig. Die ganze Nacht hindurch lag sie bald in einer Schwäche, bald in kataleptischer Erstarrung.

Morgens am 8., vor 7 Uhr, wurde sie auf wenige Minuten schlafwach und sagte, daß ich ihr Punkt 7 Uhr auf die Herzgrube rufen müsse: »Vergesse doch ja dieses Jahr nicht bis auf diesen Abend!« auch müsse ich ihr im gleichen Augenblicke ein Amulett um den Hals hängen, in dem geschrieben stehe: »Die Heilige Dreieinigkeit Gottes stärke dich und zerstöre alles, was nicht sein soll.« Geschehe dies nicht, so sei ihr die Erinnerung an alle die durchlebten Jahre bis zum ersten Tage ihres Krankwerdens zurück weggestrichen, welches Gefühl sie nicht aushalten könnte.

Schon vor 7 Uhr verfiel sie in völlige Erstarrung und Scheintod. Punkt 7 Uhr rief ich ihr jene Worte auf die Herzgrube, und sie fuhr aus diesem Scheintode mit einem Schrei des Entsetzens und der Miene eines Verzweifelten sich schauerlich schüttelnd auf, fiel aber sogleich wieder in dieselbe Erstarrung zurück.

Nach einigen Minuten erwachte sie, wußte sich aber in ihre Umgebung nicht recht mehr zu finden. Sie sagte: »Wüßte ich doch nur, wohin jener Strich gekommen, ich konnte ihn nicht zurückschieben, ich fiel wie unter ihn hinunter und muß nun unter ihm durchschlüpfen. Heute nachts 12 Uhr bin ich an diesen Strich gestoßen und jetzt (morgens 7 Uhr) kam ich unter denselben. Ich fiel in den Lebensring hinein, den ich nicht, wie den Sonnenring, zerrissen, sondern noch ganz, aber voller Zahlen. Was nach jenem Striche kommt (vom 2. Mai bis Dezember), das ist für mich jetzt bestimmt verloren, gehört mir nicht mehr an, ist weggeschnitten, und dieser ganze siebente Sonnenring fällt ab, und ob ein neuer beginnt, weiß ich nicht, denn ich sehe keinen Tag mehr voraus, ich sehe nur noch den heutigen Tag in ihm; denn der morgende Tag ist schon weggeschnitten. Ich muß mich auch ganz festhalten, um nicht die Erinnerung zu verlieren, und es scheint mir die Zeit meines frühern Eingesperrtseins nun immer die nächste zu sein.«

Den 9. gab sie schlafwach an: man müsse ihr nachts 11 Uhr, wo sie in den neuen Sonnenkreis trete, wenn sie schlafe, mit aller Macht zurufen: »Wache!« Sie war um diese Stunde völlig schwach und beinahe kein Pulsschlag an ihr zu fühlen, sprach auch kaum noch, und als sie Punkt 12 Uhr einschlafen wollte, schrie ihr Gatte, der anwesend war, ihr: »Wache!« zu. Sie kam dadurch wieder mehr zu sich und fühlte sich nun im Anfange eines neuen Sonnenkreises, aber wie sie sagte, wie in einer öden, leeren Gegend, es war ihr, als hätte sie jener Strich, der in das Zentrum des vorigen Sonnenkreises ging, wie in den neuen hinuntergedrückt und liege nun auf ihr. Zwei Tage lang hatte sie das Gefühl, als bliebe dieser Strich so auf ihr liegen, und würde mit jedem halben Tage mit ihr geschoben.

Am 11. ging er von ihr weg, aber nur so, daß er immer einen Tag vorauskam und sie alsdann nicht weiter als jenen Tag voraussehen konnte.

Am 15., am Himmelfahrtstage, abends 7 Uhr, verschwand ihr auf einmal das Gefühl von jenem neuen ganzen Sonnenkreise. Dagegen erhielt sie von da an auf Augenblicke, und wie stoßweise, oft wieder die Erinnerung an Dinge aus jener Zeit, für die sie das Gedächtnis verloren hatte. Sie sagte im halbwachen Zustande, daß dies daher komme, weil sie in diesen letzten Tagen vor jener Zeit etwas erwacht sei.

Das Letzte, was sie von jenem neuen Sonnenkreise fühlte, war jener in das Zentrum gehende Strich, den sie immer auf dem Mittelpunkt des unter dem Sonnenkreis liegenden Lebenskreises (also auf ihrem Geiste und so wie auf ihr selbst) liegend fühlte.

Von da an hatte sie von jenen Kreisen durchaus kein Gefühl mehr, und war ihr alles von ihnen wie ein Traum. Es war ihr auch die Zeit, in der sie jene Kreise machte, ganz fern gerückt und dunkel, und es schien ihr die Zeit, die aus ihrem Gedächtnisse verschwunden war, nach ihrem sogenannten Erwachen am 19. Oktober (die Zeit vom 25. November 1825 bis 19. Oktober 1827) nun näher als die letzte Zeit gerückt zu sein; doch hatte sie dennoch nur schwache Erinnerungen aus ihr, und es schienen überhaupt sechs Jahre und fünf Monate, also die ganze Zeit ihres magnetischen Zustandes, bis dahin, wo er anfing, aus ihrem Gedächtnisse mehr oder weniger verwischt zu sein, was sie ja selbst am 8. Mai befürchtete und sich dagegen jenes Amulett verordnete, was aber diesen Übelstand doch nicht durchaus zu heben schien.

Nach einigen Wochen glich es sich aber wieder aus, und sie bekam da auch wieder völlig die Erinnerung an die aus ihrem Gedächtnis verschwunden gewesene Zeit vom 25. November 1826 bis 19. Oktober 1827, und zwar so vollkommen, daß sie sich nun der allerunbedeutendsten Dinge aus ihr so lebendig erinnern konnte, als wären sie erst im Augenblicke geschehen. Sie waren wie ungebraucht, frisch in ihr erhalten worden.

Dem 2. Mai ging ein magnetischer Traum der Seherin voran; sie sprach ihn wie gewöhnlich, er wurde aber nur unvollkommen nachgeschrieben:

»Ich stehe auf einem Berge, rechts möchte ich hinunter, wo das schöne mit Blumen erfüllte Tal ist, über das goldene Wölkchen ziehen ... Links sehe ich nichts als Grab und Verwesung ... Vor mir sehe ich nichts als die Welt in ihrer Eitelkeit ... Hinter mir sehe ich Menschen, wie die Löwen und Drachen, sie streiten und kämpfen miteinander ... Ich stehe auf der Spitze dieses Berges, da ist kein Gras, kein Moos ... Um diesen sind noch sieben Berge ... Du, meine Führerin, mit dir will ich gehen, du Heilige! ... Es ist ein Fels, auf dem ich stehe, er hängt ja. Ha! Das ist der Abschnitt, die vier Monate ... Warum sagst du zu mir: ich soll links hinunterschauen? Da ist ja Grab und Tod! ... Rechts lächeln mir die Blumen freundlich zu – aber lieber will ich hin, wo Grab und Tod ist ... Soll ich denn hinunterstürzen unter den Strich? ... Du, führe mich, wohin du willst ... o banger Traum! ... Führe mich! ... Soll ich denn in den Abgrund stürzen? ... Mächtig bist du, stark genug ... Verstehe ich dich recht: oder nicht? ... Muß ich stehenbleiben auf diesem Berge? ... Ja! Ich muß stehenbleiben, bis die Stunde da ist, doch bist du bei mir Tag und Nacht ... Bist du nicht bei mir, so falle ich ... O laß mich erwachen aus diesem bangen Traum! ... Laß mich riechen, daß ich erwache – laß mich an diesem riechen, daß ich keine Ahnung habe und es vergesse.« Es war nun, als würde ihr etwas zum Riechen dargeboten, sie roch, erwachte, und hatte von diesem Traume, gegen die sonstige Weise eines magnetischen Traumes, durchaus keine Erinnerung mehr.

Am 2. Mai, abends 7 Uhr, verfiel sie in magnetischen Schlaf. Um diese Stunde fielen in ihr jene vier Monate ab und machten einem neuen Zyklus von sieben Sonnenkreisen Raum, von denen sie besonders den ersten fühlte.

»In diesem neuen Kreise«, sprach sie, »stoße ich ganz unten an der zweiten Linie an und fiel also in den magnetischen Raum dieses Kreises. Aber dieses neue magnetische Leben ist nur ein inneres tiefes Schauen für mich. Ich kann in diesem Kreise wieder hin, wo ich will, bin ich aber tief schlafend (wie kann man es aber doch schlafen nennen!), spreche ich mich nicht aus, wie früher; aber was ich da sah und empfand, geht als wie eine Ahnung mit mir in das wache Leben über, doch wird es auch da von mir selten ausgesprochen. Der ins Zentrum laufende Strich fiel mit den vier Monaten ab, ist nicht mehr auf mir. Habe ich aber eine heftige Gemütsbewegung, so springt der von diesen neuen sieben Kreisen ins Zentrum laufende Strich auf mich. Mein Körperliches bleibt, wie es ist, mein Körper ist lebendig tot, aber meine Seele ruhiger und freier, wie noch nie. Auf meinen Körper darf keine Rücksicht mehr genommen werden, kein Mensch darf sich darum eine Sorge machen, ich denke gar nicht mehr an dieses zerrissene Kleid und empfehle nur, o Vater, in deine Hände meinen Geist!«

Das war die Vorahnung ihres baldigen Todes!

Ihre sonst so ängstliche Sorge um ihren Körper fiel nun auch ganz hinweg. Zwar war dieser noch nicht fähig, organische Kraft aus sich selbst zu schöpfen, und ihr Zustand blieb, wie er es schon lange war, ein ins wache Leben getretener magnetischer; aber ihr Wesen hatte sich seit ihrem Aufenthalte hier günstig verändert, sie war hier mehr zu einer innern Klarheit und Ruhe gekommen, ihr Geist hatte hier oft Aufrichtung und Erheiterung gefunden, die in ihrem Innern fortwirkten, lag es auch nicht in ihrer Freunde Macht, vieles, das auf ihren Körper nachteilig in dieser Zeit einfließen mußte, von ihr abzuhalten.

Sie kehrte am 5. Mai 1829 zu den Ihrigen nach Löwenstein ihrer Vollendung entgegen.

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