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Die Seherin von Prevorst

Justinus Kerner: Die Seherin von Prevorst - Kapitel 24
Quellenangabe
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authorJustinus Kerner
titleDie Seherin von Prevorst
publisherJ. F. Steinkopf Verlag
printrun2. Auflage
year1963
correctorJosef Muehlgassner
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23. Görres über die Kreise der Seherin, besonders über den Unterschied zwischen dem Schauen Magnetischer und dem Schauen Heiliger

Dem Hellsehenden ist die innere Welt, die hinter dem Traume liegt, aufgeschlossen; er wandelt in ihr im vollen Tageslicht; in die Peripherie seines Daseins gestellt, schaut er hin gegen seinen verhüllten Mittelpunkt; alle Strahlen der Einflüsse, die von oben in denselben fallen und durch ihn hindurch sein Inneres durchströmen, schlagen gegen ihn, der mitten in ihre Strömung, das Antlitz gegen ihren Quellpunkt hingerichtet, sich gestellt, in scharfem Wellenschlage an; sein Inneres wird ihm objektiv, und er schaut es in allen seinen Tiefen an, und blickt aus demselben hindurch in jene Strahlen hinüber in eine andre geistige Welt, aus der sie herübergeschienen. Aber in demselben Verhältnis, wie die anschauende und jede andre Tätigkeit, indem sie aus dem höchsten geistigen Mittelpunkt in den untergeordneten des Lebens herabsteigend in den Umkreis eingetreten, für die geistige Welt in ihrer Würde und Bedeutung sich geniedert hat, ist sie dagegen ins gesteigerte Zentrum aller natürlichen Dinge, das im Leben des Menschen beschlossen ruht, versetzt, der Naturmitte selber nähergekommen, und indem sie sich in ihr zentriert und dadurch im Naturgebiete zu höherer Würde sich gesteigert, hat sie diese Würde in sich selber aufgenommen. Dem Hellsehenden steht alsdann die Welt nicht mehr gegenständlich gegenüber, sie ist vielmehr subjektiv in ihn eingegangen; nicht hereinschauend in ihre Natur strebt er von ihrem Äußern in ihre Mitte hereinzublicken, er schaut vielmehr wie aus ihrer Mitte heraus, und nur in die geistige hinein. Denn niedersteigend vom geistigen Zentrum ist er näher zum Weltzentrum hinangestiegen; den Blick gegen jenes gerichtet, hat er diesem gleichsam den Rücken zugewendet, und empfängt seine Einflüsse, als ob sie von hinten und innen heraus in diesem Zustande gesehen, verwandelt sich daher in eine geistige; denn hinter den Schleier getreten, erblickt die Anschauung unmittelbar die Naturkräfte und Tätigkeiten, die im Naturleibe die Mannigfaltigkeit der Erscheinung einwirken, und mit den Naturgeistern knüpft sich aller Verkehr des gesteigerten Sinnes; alle Naturkräfte aber wirken durch Gegensätze; mit ihrer gesteigerten Wirksamkeit beginnt daher das Spiel der Polaritäten, das man bei Hellsehenden wahrgenommen; es greifen die Metalle ein je nach der Stelle, die sie in der gegliederten Reihenordnung ihrer Gattung vermöge ihrer einwohnenden Kräfte eingenommen; ebenso ordnen sich je nach diesen Kräften die Erdarten, so daß die in sich Erstarrten erstarrend und nestelknüpfend wirken, die in sich Gelösten aber den in Krämpfen gebundenen Zauber wieder lösen; es befolgen die Strahlen des gefärbten Lichtes in ihrer Erregung die Ordnung, in der sie im Farbenbilde liegen, so daß der rote Strahl bindet und erweckt, der violette löst und tiefer in den Schlaf und die Nachwelt hinüberdrängt, ebenso die Töne, indem die Molltöne der dunklern Farbe, die Durtöne dem Rot entsprechen; es ordnen sich in gleicher Weise auch die Pflanzen, so daß der Lorbeer gegen die innere Welt, die Haselstaude gegen die äußere Welt hindeutet; es ordnen sich endlich selbst die Menschen der Umgebung in solche, die mehr der Außenwelt, und andre, die im nähern Rapport der innern angehören. (Man sehe die Einwirkung der Metalle, Pflanzen und Menschen auf die Seherin.) Und all diese Verhältnisse werden durch eine Art von Gemeinsinn wahrgenommen, in den alle andern Sinne aufgegangen, der dem Geistigen näher verwandt, weniger an Raum und Zeitverhältnisse gebunden ist, und weil er die Dinge nicht von außen hinein, sondern von innen heraus in ihren lebendigen Kräften und im Spiegel der geistigen Welt erschaut, durch die Undurchdringlichkeit der Materie minder gehemmt erscheint. Und da mit der geistigen Erregbarkeit und allen Sinnen auch die vitale Selbsttätigkeit sich umgewendet, daß sie nicht ferner von oben und von innen heraus ihre Anregung erhält, sondern mehr von unten herauf und von außen herein, und dafür, wie sie zuvor aus dem Geistigen in die Natur hinausgewirkt, so werden nicht bloß die eigentümlichen Lebensbewegungen jetzt enger in die Kreise der Naturbewegungen aufgenommen, auch selbst die willkürlichen werden, wie bei den Nachtwandlern, von außen bedingt, und die Bewegungsorgane folgen passiv, gegen die Gesetze der Schwerkraft, der Hand, die sich mit ihnen in Rapport gesetzt, oder auch metallische Massen, die ihnen nahen, ziehen ihrerseits diese Massen, wie sie von ihnen gezogen werden, und selbst der ganze Körper muß bei gesteigerter Wirkung diesem Zuge folgen; denn der erhöhte Affekt und in ihm die Natur beherrscht jetzt die Leiblichkeit. Nach innen zurück ist dem schauenden Sinn eine neue geistige Welt nun aufgegangen, und sie liegt vor ihm in derselben Klarheit, wie im wachen Zustande die äußere Natur. Wie in der äußern Anschauung der Leib sich in bestimmte Lebensgebiete teilt, und so auch die Sonnenwelt sich in geordnete Kreise löst, und diese Kreise mit jenen Gebieten in einem bestimmten Verkehr stehen: so teilt sich dieser innern Betrachtung nun auch die Seele in Gebieten und die geistige Welt in Kreisen ab, die ebenfalls in geordneten Beziehungen wechselseitig sich verknüpfen. Das sind diese Kreise, mit denen jene Hellseherin, deren Zustände J. Kerner in reiner, scharfer Beobachtung aufgefaßt und mit gewissenhafter Treue geschildert hat, ihr Inneres umschrieben: jener Sonnenkreis, in dem die sichtbare Naturwelt liegt; der Lebenskreis, der der Seele angehörend, einer höhern geistigen entspricht; zwischen beiden der Traumring mit der Mittelwelt, und im Innern des seelischen Lebenskreises die drei andern, die dem Geiste angehören. Es ist ihr aber der innerste dieser drei Kreise sonnenhell, sein Mittelpunkt aber selbst noch heller als die Sonne; in ihm sah sie eine nicht zu durchschauende Tiefe, je tiefer, um so heller, die sie die Gnadensonne nennen möchte, und von der es ihr schien, als bestehe alles, was da lebt und webt, durch Fünkchen aus dieser Tiefe. (Man sehe der Seherin Äußerungen hierüber.) Von dort gingen auch die Wurzelzahlen ihres Daseins aus, in denen sie die Rechnung ihres Zustandes führte; von dort und den nächsten Kreisen kamen alle Anweisungen für ihre Heilung: von dort aus bildete sich die eigene innere Sprache, in der sie dachte und innerlich verkehrte. Man sieht leicht, der Standpunkt in dieser Perspektive liegt im innersten Mittelpunkt des Lebens und seinem Sensorium; der Augenpunkt fällt in den Mittelpunkt des Geistes, in den jenes höhere Licht hineinleuchtet, indem er von der Schauenden aufgeglänzt; im Vordergrunde und den Mittelgründen liegen die untern und die höhern Seelenvermögen, und alles steht mit dem geistigen Kosmos ebenso im Verkehr, wie der Leib durch die Sinne mit dem natürlichen.

Das bisher Gesagte setzt uns das Verhältnis, das zwischen diesen Anschauungen und denen der Heiligen besteht, ins klarste Licht. Vom Mittelpunkt des Lebens bis zum Mittelpunkt des Geistes geht das Gebiet des magnetischen Hellsehens; dies ganze Gebiet wird dem innern aufgewachten und einwärts gewendeten Sinne objektiv, und wie er es in allen seinen Gründen und Abgründen durchforscht, so durchwirkt er die gleichfalls rückwärts gewendete Selbsttätigkeit; gerade wie im wachen Zustande umgekehrt, mit nach auswärts gewendeten Sinnen und Tätigkeiten der Leib ebenso durchforscht und durchwirkt wird. Wie aber nun im letzten Zustand ein aktiver und passiver Verkehr mit den Erdelementen und ihren Kräften sich vermittelt, und darauf eine Physik sich begründet, und ebenso ein optischer Verkehr mit den sichtbaren Himmelskörpern sich einleitet, auf den sich die Astronomie basiert: so erbaut sich in der andern Lebensform eine gleiche Physik im Bezüge zu den geistigen Momenten, die umher auf Erden noch lebendig wirksam sind, die dem sogenannten magnetischen Rapport ausgesetzt erscheint, und der physischen Himmelskunde tritt eine psychische gegenüber, ruhend auf jenen feineren Beziehungen, die zwischen der Seele und solchen Geistern bestehen, die, nicht mehr dem Diesseits angehörig, in die Welt jenseits abgeschieden: Beziehungen, die nun zur Wahrnehmung gelangen. Daran knüpft sich das Durchschauen der Menschen, die den Hellsehenden nahen; der unmittelbare Gedanken- und Willensverkehr, der sich zwischen ihnen und den Assonierenden schnell vermittelt, einerseits und anderseits das Sichselbstsehen und das Geistersehen, der Umgang mit den Schutzgeistern, das Sprechen mit den Abgeschiedenen, das Eindringen in die Zukunft, und ähnliches, was damit in Verbindung steht. Es öffnet sich daher in diesem Zustande allerdings ein andrer Hammel, aber dieser Himmel ist der unterste, der Hades und die Mittelwelt, dem Naturkreise am mittelbarsten und nächsten angehörig, weswegen eben auch die Schutzgeister durchgängig die Laren des Hauses sind. Die Anschauungen der Hellsehenden gehören daher ganz und gar dem wissenschaftlichen Gebiete an; ihre Psychologie ist nur eine subjektive, und als solche Ergänzung der gewöhnlichen objektiven; ihre Weltweisheit ergänzt in gleicher Weise die ordentliche der Schule, und in ihnen setzt sich nur eine Geistes» und Geisterphilosophie der Natur und Naturphilosophie entgegen. Das Tun der Somnambulen ist daher auch beinahe ausschließlich ein heilkundiges und am liebsten gegen sich selbst gewendet; darum rechnen sie und zählen sie immerfort, verordnen und fordern alle Naturkräfte gegen ihren Zustand auf, dem als einem krankhaften sie sich zu entziehen wünschen. Aber wo das Gebiet der Hellsehenden eben in ihrem tiefsten Augenpunkte seine Grenze findet, dort beginnt ein höheres, und das ist eben das der Heiligen. Jener Seherin von Prevorst war der Zugang zu allen Kreisen offen, aber in jene Tiefe, die sie die Gnadensonne nennt, kam sie nie; sie durfte nur hineinschauen, und es kam ihr vor, als schauten noch viele andre Geister mit ihr in die Tiefe; auch ihre Führerin sah sie in der Klarheit des ersten Ringes, aber noch nicht in seinem Mittelpunkt. Anderwärts setzt sie dem Gesagten merkwürdig und entscheidend hinzu: »Ein Somnambules kann kein andres Schauen aussprechen als dasjenige im Zentrum des Sonnenkreises, und das bezieht sich allein auf unsern Sonnenkreis, auf Sonne, Mond, Erde und sonstige Planeten, aufs Mittelreich, das in unserm Luftraum ist; das tiefere Schauen im Zentrum des Lebenszirkels aber hat noch kein Somnambules ausgesprochen.« Dieses Schauen im innern geistigen Kreise aber ist nun eben das Schauen der Heiligen, und ihnen allein ist es vergönnt gewesen, das dort Erschaute auszusprechen. Es sind bei ihnen keine innern und äußern Natureinflüsse, in deren Wirkungskreis sie wider Willen eingetreten und deren störende, verstimmende, einschneidende Tätigkeit die geforderte Polarisierung des untern Lebens herbeigeführt; es ist nicht die Welt, die, indem sie in scharfen Gegensätzen auf den in Harmonie geordneten Organismus angegangen, die krankhafte Zersetzung in ihm hervorgerufen, und nun mit den wachgewordenen Polen fortdauernd im Rapporte bleibt, und den Willen, dessen sie sich bemeistert, nur noch enger ans Band der allgemeinen Naturnotwendigkeit anknüpft. Nein, es ist die ernste, strenge, freiwillig übernommene Askese, aus der jene Scheidung hervorgegangen; nicht der Natur und ihren Einwirkungen hat der fromm Begeisterte notgedrungen sich hingegeben, aus freiem Willensentschluß ist er in sich selbst bis zur tiefsten Tiefe seines innern Lebens hinabgestiegen, und nachdem er zuvor durch jene Askese die Kraft der widerspenstigen Natur gebrochen, demütigt er sich vor Gott und öffnet sich in unbedingter Hingebung seinen Einwirkungen. Und nun ist es auch nicht die Natur, die sich, wie dort, mit ihm in Rapport versetzt; es ist die Gottheit selber; sie ist es, die in ihm jene ewigen Pole von Licht und Liebe hervorruft, die ohne Unterlaß auf ihr tiefstes und innerstes Wesen deuten, und die Krankheit, die sich an diese innere Scheidung knüpft, ist keine natürliche, sondern eine heilige, mit Freiheit als Kreuz und Prüfung übernommen, und eben darum nicht bindend, sondern befreiend und vom Naturbau lösend. Und in diesem Rapport mit Gott wird die Seele von Stufe zu Stufe mehr und mehr gesteigert, und schnell über sich selbst und alle jene Kreise der Hellsehenden hinausgehoben; was diesen als der tiefste, in sich beschlossene, leuchtende Mittelpunkt erschienen, das zeigt sich nun bald als einzelner Punkt in einer Peripherie höherer Ordnung, der im Innersten ein noch höheres Zentrum angehört, dessen Tiefen bei der Fortdauer der Gotteswirkung sich abermals erschließen und den Blick in eine noch höhere Mitte gestatten, bis endlich die Seele im engsten Verkehre, dessen sie empfänglich ist, nur Gott allein noch erkennt, und er Wohnung in ihr genommen, und seine Gedanken in sie denkt, und sie in allem seinem Willen gehorcht, der in ihrem Willen will, nachdem er ihn zuvor von allen Banden des bösen Zwanges befreit. Hier also erst öffnen sich jene tiefern Himmel, die der Naturhimmel in sich beschließt; jene drei Seelenkreise, die die Betrachtung in jenem tiefern Zustande gescheut, zeigen sich nun als die symbolischen Andeutungen jener drei höhern Zustände, in die sich uns das innere Leben der Heiligen aufgeschlossen. Alles wird zugleich kirchlich, was zuvor profan gewesen, und erhält kirchliche Weihe und Gewähr; ein andres Heil als das leibliche wird Gegenstand der Sorge; eine höhere Rechnung beginnt, weil die Wurzelzahlen des Lebens ihre Exponenten in Gott gefunden, und um alles mit einem Worte auszusprechen: es ist esoterische Mystik, die sich hier begründet; im Gegensatz der exoterischen, die im Hellsehen sich gestaltet.

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