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Die Seherin von Prevorst

Justinus Kerner: Die Seherin von Prevorst - Kapitel 20
Quellenangabe
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typetractate
authorJustinus Kerner
titleDie Seherin von Prevorst
publisherJ. F. Steinkopf Verlag
printrun2. Auflage
year1963
correctorJosef Muehlgassner
senderwww.gaga.net
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19. Trennung des Geistes im Sterben

Zur Zeit, als die Seherin jenen Strich nur einen Tag vor sich voraus hatte und dann auch nicht weiter als einen Tag vorausschauen konnte, kam sie hie und da in einen magnetischen Zustand, wo sie nachher sagte: »Ich ging durch den Sonnenring und den unter ihm liegenden Lebensring hindurch, unter dem Ringe heraus und dann auf der andern Seite jenes Striches, den ich wie einen Schlagbaum auf mir liegen fühle, wieder über dem Sonnenringe, wodurch ich den Strich umging, hinein, und dann konnte ich die Tage sehen, die nach diesem Striche liegen. Dieser mein Austritt unter dem Sonnenringe ist aber immer ein Sterben, und so ist es im Tode. Bin ich gesund und trete ich aus dem Ring einmal ins rechte Leben heraus, so trete ich über dem Ring, nicht unter dem Ring heraus.

Bei einem solchen Austritt von unten ist mein Geist weder in der Herzgrube noch im Gehirne, er ist dann geschieden von der Seele, und weiß gar nichts, als daß der Körper mit der Seele daliegt. In diesem Zustande sprechen Geist und Seele miteinander wie zwei verschiedene Personen. Von der ganzen übrigen Welt weiß aber da der Geist gar nichts, einzig nur von sich selbst, alles übrige geht ihn nichts an.

Der Geist kann sich da auch von gar nichts Geistigem unterhalten, sondern nur von dem ihn selbst angehenden Körper, weil er von allem andern nichts weiß. In diesem geschiedenen Zustande (und ich meine, daß in einem gleichen simpelhafte Personen seien) könnte der Geist zum Beispiel fragen: Was ist das: und die Seele antwortete: Mein Arm, mein Kopf und dergleichen.

Der Geist, der sich jetzt von Seele und Nervengeist geschieden, ist geschwächt und leer und ohne Einfluß, ohne die mindeste Verbindung mehr mit ihnen. Die Erfahrung einer solchen Trennung des Geistes von der Seele habe ich in Momenten dieses magnetischen Zustandes, aber ich weiß, daß die gleiche Lage, das gleiche Sterben des Geistes auch im Momente des Todes statthat. In diesem Momente tritt der Geist auch so heraus ohne Seele und Nervengeist. Er tritt da durchs Zentrum des Sonnenkreises, mitten durch den Lebenskreis, durch die Seele hindurch und heraus.

Dieses Durchgehen durch die Seele findet beim Geiste sonst nie bei seinem Heraustreten statt, als im Sterben und in jenem besondern magnetischen Zustande, den ich mit dem Sterben vergleiche. Durch dieses Durchgehen durch die Seele geht alsdann im Geiste etwas Besonderes vor, was macht, daß er dann so unmächtig ist. Was dieses ist, fühle ich, kann es aber nicht aussprechen. Tritt nun der Geist hinaus, so kann er nicht in sein magnetisches Zentrum, weil der Sonnenkreis abfiel, und ohne die Seele auch nicht in den andern Zustand. Der so herausgetretene Geist ist dem Sterbenden nah und ferne, es findet für ihn kein Raum statt. Er weiß nun wohl noch, daß die Seele zu ihm gehört, hat aber nicht das Vermögen, sie an sich zu ziehen, kann nichts dazu tun, muß nur warten. In diesem Augenblick weiß der Mensch auch nicht, was ferner geschieht. Das jetzt Kommende ist ihm verborgen, und in diesem Momente kann er sich auch nicht aussprechen. Der Geist steht nach dieser Trennung auch deswegen so unmächtig da, damit kein Weiterschauen desselben ins Künftige stattfinde, das er der Seele mitteilen und diese aussprechen könnte, was nun einmal nicht sein soll. Daß Menschen um die Zeit des baldigen Sterbens (aber nicht im Moment des Sterbens, von welchem hier allein die Rede ist) oft schon sagten: sie wissen nun gewiß, daß ein andres Leben sei und dergleichen, kommt daher, daß in dieser Zeit die Seele vom Gehirn und seinen Einrichtungen getrennt wird, welches ihnen im Leben, als die Seele noch in ihnen war, die in sie von der Natur eingepflanzte Hoffnung und Aussicht verdunkelte (wegstritt), welches Eingepflanzte aber nun nach der Scheidung der Seele vom Gehirne wieder klar in ihr hervortritt.

Hat nun der Geist sich losgemacht, so tritt in der Seele der unwiderstehliche Trieb ein, sich auch zu lösen, sie fühlt, daß sie ohne den Geist nicht mehr sein kann, sie muß heraus, und dies ist nun ihr einziges Geschäft. Der Mensch kann da sprechen, aber verwirrt. Alle Kräfte wollen nun herrschen, weil der Geist sein Reich verlassen. Dies ist ein Moment großer Verlassenheit; denn der Geist, bleibt er der Seele gleich nahe, kann auf sie nicht einwirken, und die Seele ist auch nicht mehr mit ihm, sondern nur mit dieser Ablösung beschäftigt. Dies ist der Moment des Todeskampfes, wo aber, statt des nun unmächtigen Geistes, selige Geister der Seele beistehen. Diese Lösung der Seele vom Leibe geschieht auch schneller oder langsamer (bei natürlichem Tode), je nachdem die Seele sich vom Irdischen schwerer oder leichter losmachen kann.

Im Momente, wo diese Lösung geschah, nicht früher, suchen und vereinigen sich nun Geist und Seele mehr oder weniger: denn wenn die Seele das Wüste, was an ihr ist, vollends ablegte, ist sie so rein wie der Geist, sie ist seine Hülle, aber als der allerreinste Lichtstrahl. In diesem Momente steht dann auch dem Geiste das vergangene Leben in einer Zahl und Wort da, und ist er am Orte seiner Bestimmung nach dieser Zahl und Wort.«

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