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Die Seherin von Prevorst

Justinus Kerner: Die Seherin von Prevorst - Kapitel 18
Quellenangabe
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authorJustinus Kerner
titleDie Seherin von Prevorst
publisherJ. F. Steinkopf Verlag
printrun2. Auflage
year1963
correctorJosef Muehlgassner
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17. Die innere Sprache

In ihrem halbwachen Zustande sprach Frau H., wie schon erwähnt, öfters eine Sprache, die einer orientalischen Sprache ähnlich zu sein schien. Sie sagte im halbschlafwachen Zustande, diese Sprache liege von Natur in ihr, und es sei eine Sprache, ähnlich der, die zu Zeiten Jakobs gesprochen worden, in jedem Menschen liege eine ähnliche Sprache. Diese Sprache liege in den innern Zahlen des Menschen; in ihr (da sie zur innern Zahl den Zehner und den Siebzehner habe) in diesen Zahlen Zehn und Siebzehn. Aus diesen gehe in ihr die Schrift mit den Zahlen hervor, weil Schrift und Zahl immer miteinander verbunden seien. So seien auch ihre Zahlen Zehn und Siebzehn zugleich Grundworte fürs äußere und fürs innere Leben.

Diese Sprache war äußerst sonorisch. Sie blieb sich in ihren Ausdrücken für das, was sie in ihr sagen wollte, ganz konsequent, so daß Menschen, die längere Zeit um sie waren, sie nach und nach verstehen lernten. Sie sagte öfters: in dieser Sprache könnte sie ihre innersten Gefühle ganz ausdrücken, und sie müsse, wenn sie etwas deutsch sagen wolle, es erst aus dieser ihrer innern Sprache übertragen; sie denke diese Sprache aber nicht mit dem Kopfe, sie komme ebenso aus ihr hervor, es sei keine Sprache des Kopfes, sondern eine des innern Lebens, das von der Herzgrube ausgehe. Daher konnte sie Namen, Würden usw., die sie in jener Sprache nicht fand, auch nur schwer oder gar nicht aussprechen, und sie mußte sich in diesem Falle jener nach der Außenwelt gehenden Zahlen bedienen, in die sie jene Worte übertrug.

Sie konnte sie nur im halbwachen Zustande sprechen und schreiben, im wachen wußte sie von dieser Sprache durchaus nichts. Auch nur während sie schrieb, wußte sie die Bedeutung der Worte, blieb sich aber in deren Schreibung immer völlig konsequent.

Sollte das Wort für eine Sache in dieser Sprache aus ihr hervorgehen, ohne daß es innere Anregung war, wenn man sie bloß danach fragte, so mußte sie die Sache vorher ansehen, und dann löste sich aus ihr das Wort. Sie sagte dann: »In diesem Wort liegt nun auch zugleich Wert und Eigenschaft dieser Sache, was im gewöhnlichen Worte nicht liegt.« So gab sie auch Personen in dieser ihrer innern Sprache Namen, in denen dann zugleich Wert und Eigenschaft der Person lag. So hieß ihr z. B. der Name Emelachan: »Dein Geist ist ruhig und still, deine Seele ist zart, dein Fleisch und Blut ist stark, leicht brausen die beiden wie die Wellen im Meer, dann spricht das Zarte in dir: komm und beruhige dich!«

Sprachkenner fanden in dieser Sprache auch wirklich hier und da den koptischen, arabischen und hebräischen Worten ähnliche Worte. Das Wort Elschaddai, das sie öfters für Gott gebrauchte, heißt im Hebräischen der Selbstgenügsame oder Allmächtige. Das Wort dalmachan scheint arabisch zu sein. Die Redensart bianachli, die sie allein auf ihrem Lebensringe noch auszusprechen wußte, und auf dem Sonnenringe mit widrigem Gefühl übersetzte, heißt nach dem Hebräischen: »Ich bin in Seufzen.«

Ich setze noch folgende Worte und Redensarten aus dieser ihrer innern Sprache hierher: Handacadi – Arzt. Alentana – Frauenzimmer. Chlann – Glas. Schmado – Mond. Nohin – Nein. Nochiane – Nachtigall. Bianna fina – vielfarbige Blume. O pasqua non ti bjat handacadi – willst du mir nicht die Hand geben, Arzt? O mia criss – ich bin. O mia da – ich habe. Un – zwei. Jo – hundert. Quin – dreißig. Bona finto girro – man soll fortgehen.

Girro danin chado – man soll dableiben. Optini poga – du mußt schlafen. Mo li orato – ich ruhe. O minio pachadastin – ich bin eingeschlafen.

Posi anin cotta – der Ring wird voll. Elohim Majda Djonem – gebrauchte sie in ein Amulett.

Die Schriftzeichen dieser Sprache waren ihr immer mit Zahlen verbunden. Sie sagte: »Will ich diese in mir liegende Sprache schreiben, ohne dadurch etwas Tieferes, etwas, das mich recht innig angeht, auszudrücken, so schreibe ich sie ohne Zahlzeichen, aber ich brauche alsdann längere Worte und muß mehr Häkchen machen. Das Wort, zu dem ich kein Zahlzeichen setze, ist mir von weniger Bedeutung, es drückt wohl das Wort aus, aber ohne tiefern Sinn. Gott ohne Zahlzeichen heißt mir schlechtweg nur Gott, aber mit Zahlzeichen drückt es mir das ganze Wesen Gottes aus, es wird durch die Zahlen gleichsam erleuchtet, man wird in seine Tiefe eingeführt. Die Zahlen ohne Schriftzeichen sind mir im Grunde heiliger als die Worte, aber zu unbedeutenderen Sachen braucht man keine Zahl, zum ganzen Vollständigen aber muß ich mich der Schriftzeichen in Verbindung mit der Zahl bedienen.«

Ein vollständiges Abc von dieser Sprache konnte sie nicht angeben. Sie sagte: es sei oft ein einzelner Buchstabe auch zugleich ein ganzes Wort. Jeder Buchstabe aber war ihr auch gleichsam eine Zahl, aber eine andre unbedeutendere, die erst durch andre darüber und darunter gesetzte erhöht werden mußte. Sie hatte öfters im schlafwachen Zustande gesagt, daß eine ähnliche Sprache auch die Geister sprechen, ja, sie sprach einigemal mit ihnen wider ihren Willen, als wäre sie im somnambulen Zustande in dieser Sprache. Sie sagte im ganz schlafwachen Zustande: »Obgleich die Geister die Gedanken lesen und keine Sprache nötig haben, so gehört diese Sprache doch zur Seele, die Seele nimmt sie hinüber, weil die Seele den Menschen regiert und dort seinen Körper bildet. Sie sprechen sie immer nur nach ihren Geisteskräften; denn es geht doch immer stufenweise auch dort. Mit der Seele geht diese Sprache über, wenn sie für den Geist einen schwebenden Körper bildet.«

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