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Die Seherin von Prevorst

Justinus Kerner: Die Seherin von Prevorst - Kapitel 16
Quellenangabe
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authorJustinus Kerner
titleDie Seherin von Prevorst
publisherJ. F. Steinkopf Verlag
printrun2. Auflage
year1963
correctorJosef Muehlgassner
senderwww.gaga.net
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15. Der Sonnenkreis und der Lebenskreis

Nach vielen Erschütterungen, die das magnetische Leben der Frau H. von der Außenwelt erleiden mußte, erklärte dieselbe am 18. Oktober 1827, als sie sich durch einundzwanzig Lorbeeren schlafwach gemacht hatte, daß sie am andern Tage abends sieben Uhr zum letztenmal in hellschlafwachen Zustand kommen werde, und da werde sie hierauf mehr fürs äußere Leben erwachen, es werde ihr dann die vergangene Zeit wie ein Traum vorkommen, wir werden ihr alle fremd sein, ihr Blick werde natürlicher werden. Ich fragte: »Erscheinen alsdann die Geister nicht mehr bei dir?« Sie sagte: »Das hängt nicht von meinem schlafwachen Zustand ab, sie erscheinen wie immer, aber sie werden mir neu sein, und ich werde über ihr Erscheinen erschrecken.«

In der Nacht bekam sie die heftigsten Kopfschmerzen, sie fühlte ein beständiges Zerren in Kopf und Brust und eine äußerste Schwäche im Magen. Sie sagte: »Es war die ganze Nacht wie ein Kampf in mir, als stritten zwei miteinander. Das eine sagte zu mir: du bist in Weinsberg, das andre: du bist in Löwenstein; auch wurden die Gegenstände um mich mir das eine Mal durchaus fremd, das andre Mal wieder bekannt.«

Am 19. morgens fiel es ihr äußerst schwer, in gewöhnlicher Sprache und nicht hochdeutsch zu sprechen, und nicht zu jedem du zu sagen. Sie sagte: »Es ist mir, als sollte ich meine Seele verlieren, oder als wollte jetzt etwas in mir absterben.«

Am 19. Oktober, abends sieben Uhr, verfiel sie, nach vorangegangenen sieben magnetischen Strichen, in völlig schlafwachen Zustand, und sprach nach stillem Gebet: »Ich fühle in mir, daß ich heute aus einem langen Traum erwache. Wie lange dauerte dieser Traum? Von dem Augenblick an, wo, als ich hierher kam, du so mit mir zanktest, und ich nun glaubte, es sei kein Mensch mehr um mich. Ich hatte immer meine Gedanken auf Menschenhilfe gesetzt, weil ich immer von Menschen und von bekannten und verwandten Menschen umgeben war. Nun sah ich mich von allen Menschen völlig verlassen, ich ging in mein Innerstes zurück, ich lebte seit dieser Zeit nie mehr, auch nicht eine Stunde lang mehr, auf der Erde, und schien ich auch noch so wach zu sein. Wie schrecklich wird es mir sein, wenn ich erwache, ich werde sogleich sagen: Ich habe von vielen Menschen geträumt. Alle diese Menschen stellen sich mir im Augenblicke der Reihe nach wie in einem Traume vor.«

»In neun Wochen, fünf Tagen, morgens halb fünf Uhr, werde ich wieder halbwach. Alles was ich um diese Zeit voriges Jahr fühlte, fühle ich jetzt wieder im mindern Grade auf den Tag hin. Die Erscheinung von Geistern hängt mit meinem somnambulen Zustande nicht zusammen, ich werde erschrecken, sehe ich jetzt die Geister im wachen Zustande, ich werde auch die, die jetzt schon lange kommen, um ihre Namen fragen, und alles wieder fragen. Ich werde Geister immer sehen. Ich fühle jetzt hauptsächlich in meinen angegriffenen Nerven so überhaupt, daß ich durch sie fähig bin, Geister zu sehen. So beschaffene Sehnerven haben aber auch Gesunde, die dann auch Geister sehen. Ist aber der übrige Körper vollends so gesteigert, wie der meinige, so sieht man sie leichter. Ich sehe mehr, als ich sage, ich sehe ganz in die Geisterwelt hinein. Man darf mir kein Wort sagen, daß ich so lange schlief, aber es ist notwendig, daß man mir etwas von den Geistern sagt, ich erschrecke zu sehr. Du kannst es mir jetzt nicht mehr so sagen, das soll mein Oheim tun. Er soll sagen: es sei doch ein möglicher Fall, daß auch hier Geister zu mir kommen könnten, und dann werden sie mir wie ein Traum einfallen. Ich fühle mich jetzt in der Nacht, wo ich hierher kam. Ich werde sogleich nach meinem Erwachen nach meiner Schwester Amalie, die dazumal bei mir war, rufen.« Sie machte sich nun noch Verordnungen und sprach dann: »Ich möchte mich jetzt gerne wecken, aber ich habe bange auf die Zeit, wo ich erwache.«

Sie betete nun, nachdem sie die Arme kreuzweise über die Brust gelegt hatte, und ließ sich dann durch den Bergkrystall erwecken.

Als sie erwachte, war es das erste, daß sie nach ihrer Schwester Amalie rief, um ihr einen langen Traum zu erzählen. Alle Umstehenden, gingen sie auch noch so oft in dieser Zeit mit ihr um, waren ihr unbekannt, sie erkannte nur noch diejenigen, die sie vor oder am 28. Oktober 1826 gesehen hatte. Sie verwunderte sich aber äußerst über ihren so gebesserten körperlichen Zustand, daß sie kräftiger sei, keinen Friesel mehr habe usw. Die Nacht über war es ihr sehr unheimlich zumute, weil sie sich in ihr Zimmer und die neue Lage gar nicht zu finden wußte. Morgens war sie beinahe gar nicht zu beruhigen. Jemand sagte ihr, sie habe durch ein Schlafpulver, das ihr der Arzt ihrer Heilung wegen gegeben, den Winter und Sommer über geschlafen. Dies machte sie aber noch unruhiger, sie weinte beständig und klagte, daß sie einen Winter und Sommer sollte hier gewesen sein, und daß dies nun alles ein Traum sei.

Sie erzählte auch klagend, daß sie heute nacht einen großen Schrecken gehabt. Nach ein Uhr sei auf einmal eine Gestalt ins Zimmer getreten und habe sich vor ihr Bett gestellt, es sei ein Mann gewesen, und der habe zu ihr gesagt: »Sage mir etwas Beruhigendes.« Sie sei äußerst erschrocken und habe gesagt: »Was er denn von ihr wolle?« Da habe er erwidert: »Er habe ihr ja dies schon gesagt, er sei ja schon öfters bei ihr gewesen usw.« Sie machte dann noch die fernere Erzählung, die in der Zusammenstellung der Geistererscheinungen zu lesen ist.

In den nächsten Tagen war sie immer sehr trauernd und oft wie in Verzweiflung, weil sie sich in ihr neues Leben gar nicht zu finden wußte. Es wurde der Fehler begangen, daß Unberufene ihr von ihrem magnetischen Leben zu viel gesagt hatten, es ergriff sie nun wie ein Heimweh und sie wollte durchaus nicht mehr hier bleiben.

Menschen, mit denen sie in diesem Jahre den genauesten Umgang hatte, erkannte sie, besonders der Stimme nach, gar nicht mehr, wohl aber stieg in ihr eine schwache Erinnerung an dieselben auf, blickte sie in ihre Augen. Sie sagte: »Das Sehen kommt mir geistiger vor als das Hören. Es scheint mir, als habe das Hören gar keinen Eindruck auf mich gemacht, wohl aber das Sehen. Ich kann mich aus diesem langen Traume keiner Sache erinnern, als hätte ich sie gehört, wohl aber, als hätte ich sie gesehen. Ich weiß es mehr durch die Augen, als durch die Ohren. Selbst bei dem, was ich hörte, kommt mir vor, als hätte ich es gesehen. Meine Ohren kommen mir in diesem langen Traume wie verstopft vor. Kommt mir der Gedanke, ich hätte etwas gehört, so wird es mir ganz bange, und ich muß denken: nein, ich habe es nur gesehen.«

Wie vom Hören hatte sie auch vom Fühlen, Schmecken und Riechen keine Erinnerung mehr.

Unter allen Blumen konnte sie sich nur noch des Eindrucks der Aurikeln erinnern, aber auch da war es ihr, als hätte sie diesselben nur durch das Auge gerochen.

Ihr Aussehen ist dem Blicke nach kein andres als vor ihrem Erwachen, ihr Auge hat den gleichen Stechblick, nur ihre Stimme ist schwächer, auch vermag sie weniger lang aus dem Bette zu sein als vorher, die Füße tragen sie weniger, Mineralien und Pflanzen haben dieselbe Wirkung auf sie wie früher, aber mein magnetischer Einfluß auf sie ist ganz verschwunden, ihre Hände folgen nun, streiche ich über dieselben, nicht mehr wie früher unwillkürlich den meinigen.

Von allen Gedichten, die ihr in der vergangenen Zeit vorgelesen wurden, erinnerte sie sich nur des Klagegesanges der Frauen des Asan Aga von Goethe.

Aus allem und auch aus der Erklärung, die sie von ihrem vorigen Zustande gibt, geht hervor, daß sie noch nicht aus dem zwar zerrissenen magnetischen Kreise getreten ist, und daß sie wohl noch einmal erwachen wird.

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