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Die Seherin von Prevorst

Justinus Kerner: Die Seherin von Prevorst - Kapitel 15
Quellenangabe
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authorJustinus Kerner
titleDie Seherin von Prevorst
publisherJ. F. Steinkopf Verlag
printrun2. Auflage
year1963
correctorJosef Muehlgassner
senderwww.gaga.net
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14. Die verschiedenen Grade des magnetischen Zustandes der Seherin

Der magnetische Zustand der Frau H. teilte sich in vier Grade:

1. In den, in welchem sie immer war, in dem sie wach zu sein schien, aber es doch nicht war, in den ersten Grad eines Lebens im Innern. Sie sagte, daß in diesem Zustande manche Menschen seien, bei denen man nichts Magnetisches denke, und die es selbst nicht wissen.

2. In den magnetischen Traum. In diesem Zustande behauptete sie, befänden sich manche Menschen, die man für wahnsinnig halte (siehe die obige Geschichte), aber in ihm dann in keiner freien Bewegung wie sie, sondern wie eingesperrt seien.

3. In den Zustand, den ich den halbwachen nannte, und der sich besonders dadurch zu erkennen gab, daß sie in ihm jene Sprache ihres Innern sprach und schrieb, von der unten noch besonders die Rede sein wird.

Sie sagte: »Ich schreibe und spreche diese Sprache dann, wenn mein Geist sich mehr an die Seele schließt, wenn ich freier bin, im halbwachen Zustande; wachend kann ich es nicht, mein Körper will wachend nichts davon.«

4. In den schlafwachen Zustand, wo sie in den tiefsten Kreis ihres Innersten trat, hell sah, Verordnungen machte.

Aber zwischen diesem dritten und vierten schien mir noch ein anderer magnetischer Zustand, und zwar der kataleptische, zu liegen, in welchem sie in Erstarrung fiel und Kälte empfand.

Früher sagte sie über dieselben folgendes: »Im halbwachen Zustande denke ich nur mit meinem kleinen Gehirne, vom großen fühle ich nichts, es muß schlafen. In diesem Zustande kann ich mehr mit der Seele denken, sie denkt heller als im ganzwachen Zustande, und der Geist hat auf sie zugleich mehr Einfluß, als wenn ich wachend bin, ich fühle ihn immer etwas von der Herzgrube aus. Im ganz schlafwachen Zustande hat mein Geist die Oberhand, ich fühle zwar auch die Seele, aber die Oberhand hat der Geist. Wenn ich ganz hellschlafwachend bin, denke ich ganz nur aus meiner Herzgrube mit dem Geist. Im ganzwachen Zustande fühlt man den Geist nur ganz wenig, nur etwas. Aber den Menschen, wie er in dieser Welt ist, muß die Seele am meisten regieren. Wenn die Menschen alle nur geistig sprächen, der Geist freien Spielraum hätte, was wäre das! Der Geist kann hinüberblicken, die Seele nicht so, und in dem Leben, das wir jetzt auf der Erde leben, darf der Mensch nicht hinüberblicken, nicht wissen, was künftig sei, daher muß die Seele im gewöhnlichen Zustande mehr wirken.« Dies sprach sie schlafwach.

Der magnetische Traum

Der magnetische Traum war bei der Seherin mehr ein Zustand des wirklichen Traumlebens. Sie sagte: »Er ist nahe am schlafwachen Zustand und daher gewiß nie ohne Bedeutung, aber er geht doch mehr vom Gehirn aus und zeigt mehr ein Wiederkehren zum Gehirn an.« Jedesmal nach dem Erwachen nach solchem blieb ihr gegenwärtig, was sie in ihm geträumt hatte, was im halbwachen Zustand und hellen Schlafwachen nicht der Fall war. Sie sprach in demselben meistens laut und hatte in ihm auch eine sehr ausdrucksvolle Mimik. Sie führte oft den Traum dramatisch selbst auf und sprach langsam und oft ganz rhythmisch. Oft lag zwischen ihren Reden die Antwort eines andern, wo sie dann innehielt.

Ein Traum magnetischer Art, den sie nach dem Erwachen mir erzählte, ist folgender:

»In der vorigen Nacht ging ich im Traume in einem Walde. In ihm waren viele Anlagen, Blumen und Lorbeerbäume. Sie gingen auch in diesem Walde. Sie entfernten sich von mir, um ein Kraut zu suchen, und ich befand mich nun allein in dem Walde. Nun zeigte sich mir ein Schaf, das ein hölzernes Kreuz auf dem Rücken trug, das ging vor mir her und sah mich oft an, als wollte es mit mir reden. Ich wand einen Kranz von Immergrün und Lorbeer. Auf einmal entstand ein Gebrüll und ich sah unter einem Baume sechs Wölfe, auf den Baum aber hatten Sie sich mit blutender Hand gerettet. Da nahm ich, um mich doch mit etwas zu verteidigen, dem Lamme das Kreuz von dem Rücken, da sprang das Lamm vorwärts und die Wölfe flohen.«

Magnetische Träume unterschieden sich von gewöhnlichen auch dadurch, daß sie immer ein sinniges, oft sehr poetisches Gemälde waren, und nie in ihnen ein Gewirre bunter Bilder, wie in gewöhnlichen Träumen, durcheinander schwebte, auch daß sie, wurden sie in einer Nacht abgebrochen, sie in der andern Nacht gerade da wieder fortsetzten, wo sie in jener Nacht geendet hatten, und daß die Träumende durch Rufen und Rütteln nicht aus ihnen zu erwecken war.

Äußerungen der Seherin über die verschiedenen Grade des magnetischen Zustandes

Über die verschiedenen Grade des magnetischen Zustandes sprach sich Frau H. wörtlich also aus: »Der sogenannte schlafwache Zustand ist das Leben oder die Wirksamkeit des innern Menschen, und in ihm liegt ein Beweis des Fortlebens und Wiedersehens. Es ist die innere Tätigkeit des Menschen, die beim natürlichen, gesunden Menschen gleichsam schläft. Hauptsächlich schläft dieses innere Leben bei solchen, die das Leben sozusagen im Gehirne haben, die nur selten von ihrem Gefühl oder ihrer inneren Stimme etwas annehmen, welche doch, achtet man recht auf sie, der richtige Leiter im menschlichen Leben ist. Der schlafwache Zustand, der durch die magnetische Bestreichung hervorgebracht wird, ist ein sicheres Heilmittel, denn im Hellschlafwachen tritt der innere Mensch ganz hervor und durchschaut den äußern, welches aber weder im Schlafe noch im Traume geschieht, denn das ist das hellste Wachen, weil der innere geistige Mensch da ungebunden und frei von dem Körper lebt. Daher möchte ich das Schlafwachen lieber Hervortreten des innern Menschen, oder des Menschen geistiges Wachsein nennen. Dieses geistige Wachsein findet aber nur in den Augenblicken statt, wo sich das Schlafende in sich verliert, oder aus sich geht. In diesen Momenten ist alsdann der Geist ganz frei und kann sich von der Seele und dem Leibe trennen und gehen, wohin er will, gleich einem Lichtstrahl. Dann ist das Schlafende gewiß auch zu nichts Ungöttlichem fähig, wäre auch seine Seele mehr oder weniger unrein, gewiß kann es dann weder lügen noch täuschen. Diesen Grad möchte ich den dritten Grad des Hellsehens nennen.

Der zweite Grad des Schlafwachens ist ein minderer. Es ist ein Hervortreten des ganz innern Menschen von Seele und vom Geist zugleich, nicht von Geist allein wie im dritten Grade.

Es ist aber ein niederer Grad, weil sich hier die Seele mit dem Geiste wieder vereinigt, also der Mensch auch nicht mehr in dem Grade des so rein geistigen Sehens ist, da die Seele doch mehr oder weniger unrein ist: denn ganz rein möchte wohl keine Seele zu finden sein.

Den niedersten, den ersten Grad des Schlafwachens möchte ich einen gesteigerten Zustand des Nervenlebens nennen, einen Zustand, der doch mehr oder weniger auch im gewöhnlichen Leben vorkommt. Es ist dem Ahnungsvermögen gleichzustellen, das doch gewiß viele Menschen haben. Aber bei einem Schlafwachen tritt dieser Zustand, hauptsächlich durch die magnetische Einwirkung, stärker hervor und wird dann geregelter.

Im ganz geregelten Zustande hat die Seele mehr ihren Sitzpunkt im Gehirne, der Geist mehr auf der Herzgrube. In den magnetischen Zuständen nähert sich der Sitzpunkt der Seele mehr oder weniger dem des Geistes. Die Seele hat aber bei Menschen, die nur im Äußern leben, das Übergewicht über den Geist. Im magnetischen Zustande, und wo der Mensch mehr im Innern lebt, ist der Geist überwiegender und freier, und wird auch die Seele ihm ähnlicher, ihm befreundeter, und gleichsam selbst mehr zum Geiste; wo aber der Geist sich von der Seele, die doch nie seine Reinheit völlig erlangt, ganz befreien kann, da tritt (wie oben gesagt) des Menschen höchstes geistiges Wachsein ein.«

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