Projekt Gutenberg

Textsuche bei Gutenberg-DE:
Autoren A-Z: A | B | C | D | E | F | G | H | I | J | K | L | M | N | O | P | Q | R | S | T | U | V | W | X | Y | Z | Alle
Gutenberg > Justinus Kerner >

Die Seherin von Prevorst

Justinus Kerner: Die Seherin von Prevorst - Kapitel 14
Quellenangabe
pfad/kernerj/seherin/seherin.xml
typetractate
authorJustinus Kerner
titleDie Seherin von Prevorst
publisherJ. F. Steinkopf Verlag
printrun2. Auflage
year1963
correctorJosef Muehlgassner
senderwww.gaga.net
created20120802
projectide755c0d9
Schließen

Navigation:

13. Heilversuche an andern

Auch an diese Schlafwache geschahen von Kranken aller Art Anforderungen, ihnen Heilmittel aus ihrem Innern zu verschaffen, aber ihre eigene Gesundheit erforderte, nur wenige zuzulassen, und auch bei ihr zeigte die Erfahrung, daß sie, wie ich das gleiche bei andern Schlafwachen erfuhr, ihr Mittel meistens auf einen gleichen somnambulen Zustand berechnete, auf einen Zustand, wo der Körper, bei mehr oder weniger entbundenem Nervengeiste, auch mehr oder weniger getötet ist und schon das innere eigene Schauen keine Störungen, namentlich durch keine fremdartigen, unnatürlichen Nahrungsmittel zuläßt.

Nur in solchen Zuständen des entbundenen Nervengeistes, im magnetischen Leben, kann das einfachste Mittel die ihm eingepflanzte Eigenschaft äußern und Wunder wirken.

Ein Fall physischer Art, wo durch Schauen eine Heilung erfolgte, ist nachstehender:

Ein Mann hier zu W. hatte schon zum drittenmal das sogenannte delirium tremens (einen Wahnsinn der Säufer), und als er selbst durch die stärksten Gaben von Opium, dem sonst einzigen Hilfsmittel, nicht mehr zur Ruhe gebracht werden konnte, verordnete ihm Frau H. im schlafwachen Zustande: fünf Löffel voll Lindenblüte mit siebzehn Löffeln voll siedendem Wasser anzubrühen, darunter, solange es noch warm ist, eine Drachme Castoreum mit fünf Löffel voll Birkensaft zu mischen und dies von morgens sieben Uhr bis abends sieben Uhr auszutrinken.

Dabei gab sie in ihrer pythischen Begeisterung folgenden Spruch:

»Er ist nicht der Herr mehr
von Händen und Füßen,
Sie zittern, sie wanken,
Wie Hirn und Gedanken.
Doch soll er nicht zagen,
Ich muß ihm was sagen:
Muß sagen, daß er dies trinke aus!
Dann wird es ihm besser,
Kann schlafen, kann essen
und geht aus dem Haus!«

Und es war auch dem so. Nachdem der Verwirrte diesen Trank getrunken, verfiel er in den lang entbehrten Schlaf, den kein Opium mehr in ihm hervorbrachte, erwachte nach einem Tag und war wieder gesund.

Für die Krankheiten andrer besaß Frau H. ein so außerordentliches Gefühl, daß sie bei Annäherung eines Kranken, schon ohne dessen Berührung, aber noch mehr nach derselben, sogleich die gleichen Gefühle an Ort und Stelle, wo sie der Kranke fühlte, ohne daß sich dieser vorher ihr mündlich mitgeteilt hatte, fühlte, und zum größten Erstaunen des Kranken ihm alle seine Leiden aufs genaueste sagen konnte.

Meistens fühlte sie neben der physischen Beschaffenheit eines Menschen auch die psychische, und namentlich auch die augenblickliche innere Stimme von Trauer, Freude usw.; das Physische ging auf ihren Leib, das Psychische auf ihre Seele über.

»Diese Tatsachen«, sagt Eschenmayer in seinen Mysterien, »können alle bezeugt werden. Auch ich bin Zeuge, denn sie erriet bei mir und einem Freunde durch bloße Berührung an der Hand den körperlichen Zustand genau. Diese Erscheinungen, so häufig sie auch bei Somnambulen vorkommen, bleiben immer merkwürdig. Denn da wir nicht annehmen können, daß an der Hand oder an irgendeinem Teil des Körpers sich der ganze Komplex einer Leibeskonstitution konzentrierte, um dann in dem erhöhten Gefühl der Somnambule das Mißverhältnis des Einzelnen zum Ganzen angeben zu können, so wird es sehr wahrscheinlich, daß es ein Durchfühlen ist bis in die Nervenmittelpunkte. Es entsteht gleichsam eine Nervenpolaritat, in welcher die Korrelate gleicher Organe sich suchen, so daß das schadhafte Organ des Befühlten sogleich sich in dem gleichen Organ der befühlenden Somnambule nachbildet, woraus diese den Zustand der Person jedesmal errät: das Gefühl ist der indifferente Leiter zweier sich mitteilenden gleichnamigen Pole.«

Hierüber wären Beispiele in Menge anzuführen, es mögen aber nur folgende eine Stelle finden.

Durch Auflegen meines Armes auf einen harten Stuhl schlief mein Arm bis an die Hand ein, und ich hatte in ihm die bekannte Empfindung von Ameisenlaufen. Während dieses Gefühls in meinem Arme gab ich Frau H., ohne etwas davon zu sagen, die Hand desselben Armes, und bat sie, mir nun zu sagen, was sie in meinen Arme fühle. Kaum nach Berührung desselben sagte sie: ich fühle nichts, als daß mir Hand und Arm einschläft und ich Stiche in denselben erhalte.

Frau H. berührte den Unterleib einer Frau, die am Bandwurm litt (ohne daß Frau H. es wußte), mit der linken Hand. Als sie dieselbe auf eine Stelle brachte, die hart und kugelförmig ausgedehnt war, so fühlte sie von ihrer Hand aus durch den Arm in den Magen und von da in den Bauch eine sonderbare, von ihr nicht zu benennende, widrige Empfindung strömen. Diese fühlte sie lange in der Herzgrube bis in den Hals, von da kam sie in den Kopf und verursachte ihr alsdann Trübsinn und düstere Gedanken. Diese Einwirkung verschwand erst, nachdem sie Tee von Johanniskraut getrunken und sich durch Steinmark künstlich einen heftigen Krampf erzeugt hatte.

Sie berührte einer Frau, die mit einem Kopfleiden behaftet war, den Kopf, und zwar auf dem Wirbel. Sie bekam hierauf ein betäubendes Gefühl, das sich von ihrem Oberkopfe über die Schläfe auf die Zunge erstreckte und ihr auf derselben eine Empfindung von Lähmung verursachte. Die leidende Frau sagte ihr ihr Leiden nicht ausführlich, sie hatte aber von demselben durchaus das gleiche Gefühl.

An einem Abend kam Frau Dekan Burk von Göppingen (sie war uns völlig unbekannt) zu uns. Die Frau stellte die Bitte an mich: sie von Frau H. in wachem Zustande wegen eines Schmerzes, den sie in der Gegend der Leber habe, befühlen zu lassen, aber sonst sagte sie mir von ihren Krankheitsumständen durchaus nichts.

Um nicht unfreundlich zu erscheinen, führte ich sie zu Frau H. Diese befühlte ihren Unterleib, wurde äußerst rot und sagte: sie fühle Herzklopfen und Schmerzen in der Lebergegend; was ihr aber sehr ängstlich sei, das sei, daß sie auf einmal aus ihrem rechten Auge fast gar nichts mehr sehe. Frau B. erstaunte und sagte: sie sehe schon seit vielen Jahren auf dem rechten Auge fast gar nichts mehr, ein Fehler, von dem sie mir nichts gesagt habe, da sie wohl wisse, daß dies ein altes, unheilbares Übel sei. Man sah ihrem Auge auch den Fehler ohne genauere Untersuchung, da er eine Lähmung des Sehnerven war, durchaus nicht an.

Frau H. aber behielt mehrere Tage lang eine völlige Verdunkelung in diesem Auge, und seine Pupille war, wie beim schwarzen Stare, ganz reizlos geworden. Sie erhielt die Sehkraft auf demselben nur dadurch nach und nach wieder, daß ihr Menschen mit gesunden Augen mehrere Minuten lang fest in das verdunkelte Auge sehen mußten.

Am 5. September (1827) abends gab ich Frau H. ein Band in die Hand, auf welchem der Name einer kranken Frau (mir aber, wie ihre Krankheit, völlig unbekannt) eingenäht war, wahrscheinlich von dieser selbst, und das dieselbe vor seiner Absendung berührt oder an sich getragen hatte: es war von einer Frau M. in U. Kaum hatte aber Frau H. dieses Band einige Minuten in der Hand gehalten, bekam sie große Übelkeit, Ekel, Würgen und das heftigste Erbrechen. Hierauf fühlte sie Schmerzen, besonders im Knochen des linken Fußes, Bangigkeit auf der Brust und einen besonderen Reiz im Zäpfchen.

Ekel und fürchterliches Würgen dauerten fort, man mußte ihr mehrmals die Hand, in der sie das Band gehalten, waschen; aber nichts fruchtete; sie zerfiel zuletzt in völlige Erstarrung und Scheintod. Nur durch viele Lorbeeren, die ich ihr in die Hand drückte, kam sie endlich aus dieser Erstarrung in halbwachen Zustand und verordnete sich in diesem ein Blasenpflaster über den ganzen Magen und reichlichen Trank von Kamillentee. Das Blasenpflaster, das dick aufgestrichen war und sogleich aufgelegt wurde, auch die ganze Nacht lag, rötete aber nicht einmal die Haut; sie brachte die ganze Nacht in Erstarrung und Todeskälte zu, und erholte sich erst nach einigen Tagen nach und nach wieder.

Abends um sechs Uhr, als ich den Schwäbischen Merkur erhielt, las ich die Todesanzeige von der Frau, der dieses Band angehörte, in dieser Zeitung. Nach dieser war Frau M. schon mehrere Tage, ehe der Frau H. jenes Band in die Hand gegeben wurde, zur Erde bestattet worden.

Frau H. wurde offenbar durch dieses von jener Frau getragene oder berührte Band noch in eine Verbindung mit ihrem Körper, der aber nun eine Leiche und im Grabe war, (durch den Nervengeist) gebracht, daher ihr Ekel und Scheintod; wäre sie im hellschlaf wachen Zustand gewesen, hätte sie wohl diese Frau wirklich als Leiche im Grabe gesehen.

Heilung der Frau Gräfin von Maldeghem durch die Seherin

Da hier nur die Tatsache in geschichtlicher Treue sprechen kann, so soll auch nur solche mit jener hier gegeben werden.

Am 28. März 1828 kam Herr Graf v. M. von N. zu mir, mit folgendem Brief seines Arztes, des Herrn Medizinalrates Dr. Endres von Ulm.

»Der Überbringer dieses Briefes ist der Herr Graf von Maldeghem von Niederstotzingen. Er hörte von einer schlafwachen Kranken, die in Ihrer Behandlung steht, und daß diese auch für andre Personen schon Heilmittel angegeben. Dies bewog den Herrn Grafen, diese Reise zu unternehmen, und einen Rat für seine Frau Gemahlin zu erbitten. Da der Herr Graf Sie selbst spricht, so berühre ich die Krankheitsgeschichte dieser Dame nur kurz.

Die erste Anlage zu ihren gegenwärtigen psychischen Störungen empfing die Frau Gräfin schon vor der Geburt noch im Mutterleib. Als ihre Frau Mutter, die noch jetzt lebende Frau Fürstin v. W., mit dieser ihrer Tochter schwanger war, hatte ihr Mann, der damalige regierende Fürst v. W., das Unglück, von einem österreichischen Streifkommando verkannt und vor seinem Schlosse zusammengehauen zu werden. Jedermann glaubte, die Frau Fürstin werde eine Fehlgeburt haben, allein zum allgemeinen Erstaunen erfolgte im achten Monate die Niederkunft zwar glücklich, aber das Kind, die jetzige Gräfin v. M., trug das Bild ihres getöteten Vaters in den Zügen ihres Angesichtes. Lange behielt das Kind diese Totenfarbe, und man hatte Furcht, daß sie bleiben möchte. Endlich aber verschwand sie, und man bemerkte an der jungen Gräfin keine weitere Spur mehr davon.

Dagegen entwickelte sich allmählich eine höchst reizbare Stimmung des Nervensystemes, und es scheint, daß das Gangliensystem bei dieser Dame von ihrer frühesten Jugend bis zu ihrer vollkommenen Entwicklung eine mächtige Rolle gespielt habe. Mit dem neunten Jahre ihres Alters kam sie in ein Kloster und wurde dort bis in ihr achtzehntes Jahr erzogen. In ihrem dreiundzwanzigsten Jahr vermählte sie sich mit dem Herrn Grafen v. M. Sie lebten mehrere Jahre glücklich miteinander, und ihr jetziges psychisches Leiden datiert sich von dem zweiten Wochenbette.

Die Frau Gräfin hat einen sehr gebildeten Verstand, ihre Urteile sind oft scharf und treffend. Sie ist sehr religiös und ihr ganzes Benehmen im hohen Grade edel und liebenswürdig. Ihr Gemütszustand ist ein wachendes Traumleben.

Sie hat drei fixe Ideen, die gleichsam den Kreis bilden, in dem sich alle ihre Traumbilder bewegen, nämlich 1. Zweifel an der Persönlichkeit ihres Mannes und ihrer Kinder, 2. Erwartung, oder vielmehr heiße Sehnsucht nach einer Umwandlung ihres Wesens, 3. Erwartung einer überirdischen Erscheinung, durch welche ihre Verwandlung bewirkt werden soll. Die ersten Grundbegriffe ihrer Phantasie haben aber indessen viele und mannigfaltige Modifikationen und Variationen angenommen, was Ihnen alles der Herr Graf v. M. mündlich mitteilen wird.«

Diese mündlichen Mitteilungen bestanden, neben der Bestätigung des angeführten, noch ungefähr in folgendem:

In ihrem sechsten Jahre schlief die Gräfin eines Tages in einem blühenden Mohnfelde ein, und lag in demselben, von ihrer Wärterin unbeachtet gelassen, einen halben Tag lang im tiefsten Schlaf. Als sie endlich mit Gewalt erweckt wurde, blieb ihr die Erinnerung so sehr getrübt, daß sie ihre Wärterin und Geschwister nur noch dunkel als ihr angehörend erkannte, auch lange an der Wirklichkeit ihr sonst ganz bekannt gewesener Personen und Dinge zweifelte. Obgleich dieser Zustand nur im minderen Grade länger andauerte, so wurde er doch bei Veranlassungen, wo das Gemütsleben mehr in Anspruch genommen wurde, bei einer wahrscheinlich schon von Geburt aus gegebenen Anlage immer wieder unverkennbar hervorgerufen, und dies geschah hauptsächlich, als die Gräfin im neunten Jahre von ihrer Heimat nach Wien, der Erziehung wegen, in ein Frauenkloster gebracht wurde. Auch hier konnte sie oft zu keiner klaren Überzeugung kommen, ob ihr ganzes Sein und Tun Wirklichkeit oder Traum, sei. Dieser abnorme psychische Zustand war noch in ihr, als sie schon zur Jungfrau herangewachsen mit dem Grafen v. M. eine Verbindung einging. Auch da wurde sie oft von dem Gedanken gemartert: »Es sei doch nicht gewiß, ob der vor ihr stehende Graf wirklich auch derjenige sei, der ihr zum Gatten angetraut worden.« Diese und andere Zweifel suchte sie aber vor der Außenwelt so viel als möglich zu verbergen und nur in sich zu tragen, bis am 31. Oktober 1827 in der vierten Woche einer Niederkunft, sie, nach einer psychischen Erschütterung aufs heftigste in ihr hervorbrachen und sie in ein Traumleben zurücktrat, das die Ärzte anfänglich Hirnentzündung und nachher Wahnsinn nannten. Ihre Hauptidee in diesem Traumleben war auch nun: sie sei gestorben und rettungslos verdammt, sie durchwandere finstere Klüfte, Bergwerke, unterirdische Gänge, wo sie Qualen aller Art erleide.

Ihr bekannte, sonst von ihr geliebte Menschen erschienen ihr in Gestalt von Tieren, namentlich der von Bären, und ihr Gatte und Kinder ließen sie völlig kalt, da sie ihr nur als Abbilder von der Wirklichkeit erschienen, die für sie nicht mehr existierte.

So konnte man ihr auch nicht begreiflich machen, daß das Gut N., auf dem sie lebte, und in das sie ehemals so große Freude setzte, noch ihr angehöre; sie behauptete, was sie sehe, sei nicht ihr N., es sei nur das Bild davon. Dabei hielt sie sich (sie, die so sehr lieblich ist) für ein Scheusal, vor dem alle Menschen zurückschrecken oder sich in Spott ergießen, wie sie auch immer sie schimpfende Stimmen zu vernehmen glaube, weswegen sie auch ihr Gesicht beständig vor den Menschen verbarg und allen Umgang mit ihnen floh.

Nachdem verschiedene Mittel gegen dieses Leiden vergebens gebraucht worden, machte der Graf mit seiner unglücklichen Gattin auf ärztliches Anraten eine Reise durch Deutschland; aber alle Gegenstände auf derselben gestalteten sich ihr in solcher Zerrüttung zum qualvollsten Traume. Merkwürdig ist, daß die Gräfin von Anfang der Krankheit in lichten Augenblicken immer äußerte, es müsse und werde ihr einst Hilfe auf einmal, wie durch einen Blitzstrahl kommen, und die könne ihr kein Arzt, sondern nur ihr Gatte bringen.

In diesem Glauben und mit diesen Erzählungen kam der Graf hierher und tat mir seine Wünsche in Hinsicht der Schlafwachen kund.

Ich äußerte mich frei, wie ich, wenigstens in körperlichen Leiden, und zwar aus den Gründen, die ich schon oben anführte, noch wenig Hilfe von Verordnungen Schlafwacher gesehen, daß aber das Leiden der Gräfin, das mir mehr zwischen magnetischem Traumzustand und Manie zu stehen schien, als daß ich es für wirkliche Manie halten könne, hier vielleicht eine Ausnahme mache, und daß in jedem Fall interessant wäre, wenigstens zu vernehmen, was das in so außerordentlichem Gefühlsleben und vielleicht in ähnlichen Kreisen des Innern begriffene Weib über diesen Zustand seiner Gattin äußere.

Der Graf begab sich nun mit mir zu Frau H. und erzählte ihr seine Angelegenheit, an der sie großen Teil nahm, und auch im wachen Zustande äußerte, daß sie die Gräfin mehr in einem regellosen Zustand als in wirklichem Wahnsinn befangen glaube.

Schlafwach, wo sie der Graf auch um Heilmittel bat, äußerte sie sich wörtlich also: »Ich fühle in ihr die Zahl drei, und aus dieser müssen die Verordnungen für sie hervorgehen. Neun Tage lang muß sie dreimal drei Lorbeerblätter in einem Amulett anhängen, es darf ihr aber nicht gesagt werden, woraus das Amulett besteht. Neun Tage mußt du ihr (sagte sie zum Grafen) dreimal des Tages, jedesmal eine Viertelstunde lang, die linke Hand auf die Herzgrube legen, und zwar so, daß die Fingerspitzen deiner linken Hand auf die Herzgrube kommen. Die rechte Hand muß auf die Stirne. Kommt sie in diesen neun Tagen in Schlaf, so ist es gut; ist es nicht, so ist sie immer nur beruhigend zu behandeln. In diesen neun Tagen hat sie sich von allem zu enthalten, was nur im geringsten arzneilich wirkt, besonders vor allen aufreizenden Nahrungsmitteln und Gewürzen. Täglich hat sie dreimal drei Eßlöffel voll Johannistee zu nehmen, der aus fünf Blumen und neun Eßlöffel voll Wasser bereitet wurde. Würde dieser Tee stärker gemacht werden, so würde er schwächer auf sie wirken. An keinem Mittwoch darfst du mit dem Auflegen der Hände anfangen, aber jedesmal muß es morgens neun Uhr geschehen. Um dieselbe Minute, wo du ihr die Hände auflegst, schlafe ich hier ein, da darf man mich aber um nichts fragen, ich werde auch nicht sprechen – ich bete für sie.«

Am 31. reiste Herr Graf v. M. von hier ab und fing mit seiner Gemahlin zu U., wo sie sich befand, und das dreißig Stunden von hier entfernt ist, am 3. April, morgens neun Uhr (wie ich erst nachher von ihm erfuhr) die Kur an.

Am 3. April, morgens neun Uhr, verfiel Frau H. auch, was sonst zu dieser Zeit nie geschah, in magnetischen Schlaf, sprach aber nichts, sondern hatte die Hände, wie sonst bei stillem, innerem Gebete, kreuzweise über die Brust gefaltet.

Von da fing auch in Frau H. ein besonderes Gefühl an, das sie immer auf die Gräfin v. M. bezog. Dies blieb sich gleich bis zum 7. Von da an steigerte es sich, sie konnte es aber nicht mit Worten näher ausdrücken, bis Mittwoch, den 9., wo es mittags an diesem Tage so hoch stieg, daß sie oft sagte: »Ich weiß mir gar nicht mehr zu helfen,« – An diesem Tage, sechs Uhr abends, rief sie laut: »Werfet alle Eure Sorgen auf den Herrn, denn er sorget für euch!« Sogleich nach diesem Ruf sagte sie: »Ich sah soeben einen Lichtstrahl, aus diesem trat ein Bild, bis ich es aber genau aufzufassen versuchte, war es wieder verschwunden. Ich weiß nicht, was das ist, aber ich mußte dabei aufs innigste an die Gräfin denken und meine, es sei eine Veränderung mit ihr vorgegangen.« – Dies Gefühl für dieselbe blieb ihr, jedoch mit mehr Ruhe, bis Freitag, den 11., an welchem Tage sie morgens noch einmal schlief. Abends hatte sie wieder das Gefühl, als sei eine Veränderung mit der Gräfin vorgegangen, dann aber nahm jenes Gefühl für dieselbe wieder ab.

Am 14. erhielt ich von dem Grafen v. M. folgende Zeilen:

U., den 11. April 1828

»Schreiben Sie mir doch so bald als möglich: ob am Mittwoch den 9. April, sechs Uhr abends, Sie bei der Frau H. nichts Besonderes bemerkt haben, oder was sonst mit ihr in Beziehung auf meine Frau geschehen ist. Ich frage nicht umsonst und erwarte mit Medizinalrat E. Ihre Antwort mit Sehnsucht.«

G. v. M.

Ich konnte dem Grafen nichts erwidern, als was ich am 9. April, sechs Uhr abends, von Frau H. in Beziehung auf die Gräfin in meinem Tagebuche notiert hatte, was ich oben angab, und von dem auch noch andre Zeugen waren. Am 18., morgens, behauptete Frau H. das Gefühl zu haben, daß die Gräfin noch heute komme. Abends kam auch Herr Graf v. M. wirklich mit seiner Gemahlin hier an. Er erzählte, daß er sechs Tage lang die seiner Frau vorgeschriebene Kur fortgesetzt, ohne daß sich in ihren Umständen etwas Merkliches verändert. Am siebenten Tage aber, Mittwoch, abends nach sechs Uhr, habe ihn seine Frau aus einer Gesellschaft, in der er gerade gewesen, berufen und folgendes eröffnet:

Schlag sechs Uhr habe sie auf einmal aufs innigste an jene Frau denken müssen, und sei von da an nun wie gezwungen, dem Grafen zu sagen, was sie eigentlich in diesen Zustand gebracht, was sie noch keiner Seele gesagt und was auch dem Grafen unbekannt war. Von nun an, und namentlich nach dieser Eröffnung an den Grafen, seien die vorigen Verwirrungen weg gewesen und die Gräfin wie aus einer Traumwelt in die Wirklichkeit versetzt worden. Sie habe nun den Grafen und ihre Kinder wieder als die wirklichen erkannt und auch wieder nach ihrem Gute N. zu reisen begehrt. Ein großes Verlangen habe sie dabei aber auch nach jener Frau ergriffen, weswegen der Graf nun mit ihr hierhergekommen.

Der sehr vortreffliche Arzt des Grafen schrieb mir dabei sehr wahr: »Der Schlagbaum scheint nunmehr niedergerissen zu sein, der die Gräfin von der wirklichen Welt trennte und in eine Welt voll Träume versetzt hatte. Ihre fixen Ideen sind größtenteils niedergegangen, nur die Nachklänge von ihnen sind noch im Bewußtsein vorhanden, diese aber kommen oft sehr laut, doch nicht anhaltend. Unter welchen Umständen diese Veränderungen (wie durch Zauber) erfolgt sind, wird Ihnen der Graf selbst erzählen ... Nur ein Stein liegt noch im Wege, und bevor dieser nicht hinweggeräumt ist, kann ich mich nicht entschließen, an die Vollendung dieser Kur zu glauben, dieser Stein ist die Religion, die in dem Herzen dieser verehrungswürdigen Dame noch nicht wieder aufgegangen ist; sie fühlt sich in ihrem Herzen noch zu kalt und glaubt, daß ihr Gemütszustand noch nicht diejenige Festigkeit habe, um von diesen heiligen Geheimnissen, wie sie in der katholischen Kirche vorgeschrieben sind, Gebrauch machen zu können. Dies Gefühl von Kälte habe sie auch in Beziehung auf ihre Kinder und Umgebungen. Da der Glaube, daß sie gestorben und rettungslos verdammt sei, eine der Hauptideen ihrer Verwirrung ausmachte, so finde ich es natürlich, daß dieser Wahn nur durch einen lebendigen Glauben an die Barmherzigkeit Gottes, an die Verdienste unsers Heilandes und unsre Erlösung durch ihn, und endlich durch den Gebrauch der heiligen Sakramente vollkommen ausgelöscht und zum Schweigen gebracht werden kann.«

Diese Ansicht war auch die völlig wahre. Die Gräfin sprach nun von ihrem früheren Leben als einer Verwirrung, in der sie gewesen, ganz klar, erzählte sehr häufig ihre bunten Träume in ihm und wie sie sich nun wieder in einem mehr wachen Leben befinde; allein oft noch konnte sie sagen: »Ich weiß doch noch nicht ganz bestimmt, ob dies mein Karl (der Graf) auch wirklich ist, und weiß es nur bestimmt, wenn ich ihn am Arme berühre und da seine Narbe fühle.« (Der Graf hatte von einer Hiebwunde eine Narbe am Arme.)

Oft sagte sie auch: »Ich hörte wohl, daß man mich soeben wieder schimpfte.« Auch hörte sie noch hie und da Stimmen, die ihren Namen riefen; und so fromme Gesinnungen sie auch äußerte, so vermochte sie doch noch nicht, sich zum Gebete zu wenden, und noch unmöglicher war es ihr, eine Kirche zu betreten.

Das Bestreben der Frau H., die von der Gräfin im wachen und schlafwachen Zustande häufig besucht wurde, ging nun auch hauptsächlich dahin, in dem Herzen der Leidenden wieder das Licht des Glaubens und Vertrauens anzufachen, welches nur durch Gebete geschehen konnte. Daher fragte sie dieselbe schon bei ihrem ersten Besuch im magnetischen Schlafe: »Wenn ich mit dir bete, willst du mit mir beten? Ich werde nie etwas gegen deinen Glauben mit dir beten, das fürchte nicht!« (Frau H. war lutherischer, die Gräfin katholischer Konfession.)

Was die Gräfin bisher keinem Geistlichen tat, versprach sie dieser Frau, an die sie auch, wie durch unsichtbare Bande, immer mehr geknüpft wurde. Die weiteren Verordnungen der Frau H. bestanden in fernerem Handauflegen durch den Grafen zu gewissen Stunden des Tages und in wohlberechneten psychischen Aufgaben; zum Beispiel solle die Gräfin von dreiviertel auf zehn bis zehn Uhr morgens kein Wort von sich sprechen, und dies vorderhand sieben Tage lang tun.

Ferner solle sie, sooft ihr »so ein Gedanke« komme, an sieben Tropfen Mandelöl, worunter ein Tropfen Rosmarinöl, riechen. Sooft sie vermeine, es rufe oder schimpfe eine Stimme, so soll sie bei sich sprechen: »Vater im Himmel, du hörest diese Stimme, nimm sie weg von mir«, und soll dann an das Gehörte durchaus nicht weiter denken. Oft soll sie beten: »Eröffne, o Vater, mein Herz, daß ich Glauben und Vertrauen habe!«

Als die Gräfin fragte: »Wie kann ich denn aber diese beunruhigenden Gedanken vergessen?« antwortete sie ihr: »Vergessen wirst du sie nicht, aber bald wirst du sie mit andern Augen ansehen.«

Sieben Tage lang betete nun Frau H. im schlafwachen Zustände mit der Gräfin Schlag sieben Uhr abends verschlossen, allein, während die obigen Verordnungen, worunter auch Gebrauch von Johannistee und Tragung eines Amuletts von Lorbeerblättern war, pünktlich befolgt wurden. Glaube und Vertrauen, und damit die innere Ruhe, wuchsen bei der Gräfin immer mehr, wiewohl noch nicht alles gehoben zu sein schien.

Dies geschah aber wiederum auf einmal wie durch einen Zauberschlag. Montag, den 28., früh halb fünf Uhr, erwachte die Gräfin im Bette, kleidete sich an und erweckte das ganze Haus mit der freudigen Erklärung, daß nun auf einmal auch die letzte Wolke in ihr verschwunden und sie nun aus einem viele Jahre lang mehr oder weniger in ihr geherrschten Traumleben getreten und jetzt völlig genesen sei.

Eine so schnelle, völlige Umwandlung war mir mehr verdächtig als erfreulich, und ich konnte mich nicht so verstellen, daß die Gräfin diese Zweifel nicht in meinem Innern las. Denn sie sagte: »Ich weiß, was Sie befürchten, aber es ist ohne Grund, ich bin und bleibe von nun an gesund«, und – so war es auch; keine Spur des früheren Leidens wurde mehr sichtbar. Frau H. ließ nun das Amulett von Lorbeer mit einem von Johannisblumen und Haselnußstaude verwechseln, verordnete der Gräfin stärkende Kräuter auf den Unterleib und gab ihr auch noch einige andre magische Vorschriften, die sie (um sie nicht unkräftig zu machen) nicht sagen durfte.

Am 29. sagte Frau H. im magnetischen Schlafe zu ihr: »Freitags kannst du wohl in die Frühkirche gehen, was willst du tun? Willst du nicht Gott danken, daß es in dir besser ist, das mußt du tun, das tust du auch gern.«

Die Gräfin fuhr am besagten Morgen zur Kirche, das erste Mal seit ihrem Erkranken, und fand sich durch Dank gegen Gott, den sie in vertrauensvollem Gebete ergoß, äußerst gestärkt und erheitert.

Das stille Beten mit der Gräfin setzte Frau H. jedesmal abends sieben Uhr in ihrem schlafwachen Zustande, wo ihr Gesicht wahrhaft wie in Verklärung leuchtete, bis zum 9. Mai fort und gab ihr am 10. noch folgende Verordnungen:

»Wenn du in dein Haus trittst, mußt du ein Amulett anhängen von drei Stückchen asa foetida, drei Johannisblumen und drei Messerspitzen voll Sand. Alle drei Wochen mußt du dieses frisch bereiten und das alte in ein fließendes Wasser werfen lassen. Alles, was dich hindert, mußt du von dir nehmen, und das kann nur durch Gebet geschehen, das aber wird von nun allein aus dir, aus deinem eigenen Innersten strömen.«

Am 12. Mai verließ uns die Gräfin völlig gesund, und ist es jetzt nach achtzehn Jahren noch.

»Schwerlich existiert seit der Zeit des Magnetismus«, sagt Eschenmayer in den Mysterien, »eine Geschichte, die in einem so reinen Fluß der Erscheinungen verlief, und uns eine so sehr magnetisch-psychische, ja magisch-religiöse Kraft darbietet.«

 << Kapitel 13  Kapitel 15 >> 






TOP
Die Homepage wurde aktualisiert. Jetzt aufrufen.
Hinweis nicht mehr anzeigen.