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Die Seherin von Prevorst

Justinus Kerner: Die Seherin von Prevorst - Kapitel 12
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authorJustinus Kerner
titleDie Seherin von Prevorst
publisherJ. F. Steinkopf Verlag
printrun2. Auflage
year1963
correctorJosef Muehlgassner
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11. Inneres Leben – Geistiges Sehen

Das Menschenauge

Sooft Frau H. in das rechte Auge eines Menschen sah (wobei der Geisterblick ihres Auges noch aufs höchste gesteigert wurde und sie zuletzt jedesmal wie von einem elektrischen Schlage zusammenfuhr), sah sie in ihm, hinter ihrem sich in ihm abspiegelnden Bilde, immer noch ein Bild herausschauen, das aber weder ihrem Bilde, noch vollkommen dem Bilde desjenigen, in dessen Auge sie sah, glich. Sie hielt es für das Bild des innern Menschen von dem, dem sie ins Auge sah.

Bei manchen erschien ihr dieses innere Bild ernster als das äußere, oder umgekehrt, und es entsprach dies auch immer dem Charakter des Menschen, in dessen Auge sie sah, bei manchen schöner, verklärter, als das äußere. Sah sie in das linke Auge eines Menschen, so stellte sich in diesem immer das innerliche körperliche Leiden desselben im Bilde dar, zum Beispiel Magen, Lunge oder was sonst in ihm krank war, und dabei zugleich das Heilmittel. In meinem linken Auge sah sie Verordnungen für sich. Bei einem Menschen, der nur ein linkes Auge hatte, sah sie in demselben den innern Menschen und zugleich noch ein körperliches Leiden desselben und Verordnungen dagegen.

In dem rechten Auge der Tiere (zum Beispiel eines Hundes, eines Huhns) erblickte sie ein blaues Flämmchen, gewiß das Unsterbliche im Tiere, die Seele, dasjenige, von dem Schubert sagt: »Öfters scheint eine dem Auge verborgene geheime Welt aus dem Auge des Tieres hervor, wie durch geöffnete, beide Welten verbindende Pforten, den Menschen, wenigstens auf Augenblicke, fragend und antwortend zu betrachten. Und es scheint öfters aus dem Auge des umsonst gemarterten oder unter den Händen des Menschen sterbenden Tieres der Strahl eines vorübergehenden, tiefern Selbstbewußtseins hervorzublicken, welches dein gedenkender Zeuge sein wird, aus dem Diesseits ins Jenseits.«

Sie sagte: sie meine, daß sie dieses zweite Bild im Auge des Menschen nicht mit dem gewöhnlichen Auge, sondern mit einem geistigen Auge sähe, das im fleischlichen Auge liege, wie sie dies auch vom Sehen der Geister sagte. Wie eine Seifenblase, wie ein Spiegel (siehe unten), wie bei Jakob Böhme das Anschauen einer polierten Metallfläche ihr inneres Leben magnetisch erweckte, so schien es hauptsächlich das Anschauen des Menschenauges zu tun.

»Durch den jähen Anblick eines zinnernen Gefäßes kam Jakob Böhme in den Zustand, wo er zu dem innersten Grunde oder Zentrum der geheimen Natur eingeführt wurde, und allen Geschöpfen gleichsam in das Herz und in die innerste Natur hineinsehen konnte.« (A. v. Frankenbachs Leben Böhmes.) »Solche Erkenntnis«, sagt Böhme, »sehe ich nicht mit fleischlichen Augen, sondern mit denen Augen, wo sich das Leben in mir gebäret; in ihm stehet mir des Himmels und der Hölle Pforte offen, und spekuliert der neue Mensch inmitten der siderischen Geburt und stehet ihm die innere und äußere Pforte offen.«

Glas und Spiegel

Auch diese glänzenden Gegenstände erweckten ihr geistiges Auge.

Vor zwei Jahren habe sie zufällig in ein Glas Wasser gesehen, das auf dem Tische gestanden, da sei ihr in ihm ein Gefährt erschienen, das sie, wie auch die Leute, die in ihm gesessen, ganz beschrieben habe, auch die Pferde und namentlich, daß eines eine Zeichnung am Kopfe, das andre keine gehabt. Nach zwanzig Minuten sei alsdann ein Gefährt ganz so, wie sie es beschrieben, mit den gleichen Leuten und Pferden die Chaussee von B. hergefahren. Sie habe dazumal öfter in ein Glas gesehen und in ihm immer die Menschen gesehen, die unten am Hause, wohin sie nicht habe schauen können, vorübergegangen.

Sehen mit der Herzgrube

Folgende Erscheinung ist wohl der gleich, wo schlafwache Personen Geschriebenes, das man ihnen auf die Herzgrube legt, zu lesen (oder wohl auch nur durchs Gefühl zu erkennen) fähig sind. Ich gab Frau H. zwei Zettelchen, die ich fest zusammengelegt und im Verborgenen geschrieben hatte, im anscheinend wachen Zustande in die linke Hand. Auf dem einen stand: »Es ist ein Gott!« auf dem andern: »Es ist kein Gott!« und bat sie, zu unterscheiden, ob sie von dem einen oder dem andern etwas fühle. Nach wenigen Minuten gab sie mir das, auf welchem stand: »Es ist ein Gott!« und sagte: »Von diesem fühle ich etwas, das andre läßt mir eine Leerheit.« Ich machte den Versuch noch viermal, und immer blieb er sich gleich.

Nun schrieb ich auf gleiche Art auf ein Zettelchen: »Es gibt Geister!« und auf ein andres: »Es gibt keine Geister!« Sie legte das eine auf die Herzgrube und sagte dann bald: »Auf diesem steht: Es gibt Geister!«

Nun schrieb ich wieder auf gleiche Art auf ein Zettelchen: »B–r, du sähest ihn.« Sie legte es auf die Herzgrube und sagte nach einigen Minuten: »Es macht mich traurig; würde ich es lange liegen lassen, so müßte ich weinen.« Sie fragte nun, ob sie es lesen dürfe; ich bejahte es, und sie sagte, als sie es gelesen, dies könne sie doch unmöglich traurig machen, sie wolle es wieder hinlegen. Sie tat es, sagte aber bald wieder: »Es ist doch so, es macht mich traurig.«

(Fast nach einem Jahre hatte ein Brief dieser Person, den ich der Frau H. in ein Papier gewickelt, ohne daß sie wußte, was es war, zum Nachfühlen gab, die gleiche Wirkung auf sie, die Ursache aber blieb ihr und mir rätselhaft. Das Gleiche in ihr erregte jedesmal die Anwesenheit dieser Person selbst.)

Ich schrieb auf ein Blättchen: »Dein liebes Kind Albert.« Als sie dies einige Minuten auf der Herzgrube hatte, lächelte sie ganz freundlich und sagte: »Das macht mich ganz fröhlich, das ist von meinem Kinde, ich muß es immer sehen.«

Ich ließ sie nun noch zwei ähnliche Zettelchen auflegen, und sie sagte, sie fühle nun nichts mehr, sie müsse, was bei den vorigen Zettelchen nicht stattgefunden, jetzt dies und jenes denken, was es wohl heiße; diese Kraft sei in ihr wie erschöpft worden, sie müsse mit dem Gehirne denken.

Sie sagte im Schlaf über dieses Gefühl: »Es geschieht dies durch das Ahnungsvermögen, das im Geiste, nicht in der Seele liegt.«

Es gab mir mein Freund T. (den sie im somnambulen Zustände, weil er ihr öfters Mineralien aus seinem Kabinette zu Versuchen brachte, nur den Steinmann nannte) heimlich an, auf ein Zettelchen, ihr verborgen, »Steinmann T.« zu schreiben, und es ihr zu geben, damit sie es sich auf die Herzgrube legen solle. Dies geschah, und nach kurzer Zeit verfiel sie in Krämpfe und durchging gleichsam eine Leiter derselben, wie bei den verschiedensten Steinen, und kam in halbwachen Zustand. Ich fragte sie in diesem, was sie in dem Zettelchen gefühlt, sie sagte: »Das weißt du so gut als ich, wecke mich, und ich will es sagen.« Als sie durch Bergkrystall erweckt war, sagte sie: »Ich fühle nichts als Steine, ich muß immer an Steine denken, ich muß es wegtun, ich erhalte sonst wieder Krämpfe.«

Ich schrieb nun wieder verborgen auf ein Zettelchen (es waren mehrere Neugierige anwesend) den Namen ihres Kindes und verschloß es. Einige Zeit, nachdem sie es auf der Herzgrube hatte, sagte sie freundlich: »Das ist von meinem Kinde.« Sie hatte aber, um dies zu fühlen, viel längere Zeit als früher nötig.

Ich schrieb, als sie wieder wach war, auf ein Zettelchen: »Dein Kind verschlingt eine Nadel!« Sie legte es auf die Herzgrube und sagte: »Ich muß immer traurig an mein Kind denken, es wird doch nicht sterben?«

Ich gab ihr ein verschlossenes Zettelchen, in welchem mein Name stand. Sie legte es auf die Herzgrube und mußte schlafen. Ein Zettelchen, in dem der Name einer Person stand, die ihr entgegen ist, erregte in ihr das Gefühl von Zorn.

Ein Zettelchen, in welchem stand: »Du mußt nach Kürnbach«, erregte in ihr das Gefühl von tiefer Wehmut. Dies ist deswegen merkwürdig, weil sie wach Sehnsucht dahin zeigte, im Schlafe aber Angst.

Ein Blättchen, auf welchem »tuo fratello« stand und eines, auf das »dein Bruder« geschrieben war, gaben ihr gleich das Gefühl von ihrem Bruder, ob sie gleich von der italienischen Sprache kein Wort versteht.

Ich schrieb verborgen auf ein Zettelchen: »Napoleon«. Sie legte es auf die Herzgrube und sagte nach einigen Minuten: »Ich fühle weiter nichts, als daß mir immer die Melodie eines Marsches im Kopfe herumgeht, und den muß ich singen.« Sie fing nun auch wirklich einen Marsch zu singen an. Wiederholte Versuche ergaben das gleiche Resultat, das völlig reine Tatsache ist.

Das Bild eines Baumes, eines Hauses, eines Garten, die ich mit der Feder auf verschiedene Zettelchen zeichnete und die sie auf die Herzgrube legte, erkannte sie augenblicklich.

Wer all diese Erscheinungen nicht selbst mit ansah, kann und darf sie durchaus nicht glauben, soll aber dabei nur immer sagen – daß er sie nicht mit angesehen.

Sehen innerer Teile

Das Sehen, besonders leidender Organe im Körper, im magnetischen Schlafe, war auch bei Frau H., wie bei allen Schlafwachen, etwas Gewöhnliches. Ich führe von dieser Art von Hellsehen nur folgende Beispiele an:

Einmal noch vor dem eigentlichen magnetischen Schlafe, anscheinend im wachen Zustande, fielen Frau H. die Augen zu, und sie vermochte sie nicht zu eröffnen. Sie sagte: sie sehe nun in der Magengegend eine Sonne, die sich langsam bewege, und wünsche nur, die Augen eröffnen zu können, damit sie diese Sonne nicht mehr sehe. Dieses Sehen einer sich langsam bewegenden Sonne in der Gegend des Sonnengeflechtes hatte sie auch später noch oft. Man sehe unten, was sie daselbst über jene sich in dieser Gegend langsam bewegenden Kreise sagt.

Oft sagte sie auch: sie sehe alle Nerven im ganzen Körper licht, und beschrieb von mehreren den Lauf ganz anatomisch richtig.

Bei Menschen, die ein Glied ihres Körpers, zum Beispiel einen Arm, einen Fuß verloren hatten, sah sie die ganze Form des verlorenen Gliedes, also das ganze Glied, noch immer im Bilde des Nervengeistes (durch den Nervengeist gebildet, man sehe auch unten ihre Äußerungen über den Nervengeist) am Körper, so wie sie zum Beispiel den verstorbenen Menschen (siehe die zweite Abteilung), ohne irdische Körperlichkeit im Bilde des Nervengeistes, als Geist in der Form sah, die er im Leben hatte.

Man könnte vielleicht aus diesem gewiß interessanten Phänomen folgern: daß bei Menschen, die ein Glied, zum Beispiel einen Fuß verloren haben, und immer noch das Vorhandensein desselben zu fühlen behaupten, diese Erscheinung daher kommt, daß dieses Glied im Nervengeiste noch immer unsichtbar vorhanden, noch immer im Zusammenhang mit dem andern sichtbaren Körper ist. Es ist dies auch der auffallendste Beweis, daß die Form durch den Nervengeist, nach Zerstörung der sichtbaren Hülse, noch immer beibehalten wird (siehe unten zweite Abteilung). Der alte Theosoph Oetinger sagt: »Die irdische Hülse bleibt in der Retorte, das bildende Öl geht als ein Geist mit völliger Form ohne Materie.«

Sehen der Schutzgeister

Einen ihr sichtbar geistigen Führer (Schutzgeist) hatte Frau H. mit allen Somnambulen und vielen im Innern lebenden Menschen.

Von der Erscheinung ihres Schutzgeistes (der in allem ein ihr sichtbarer Leiter war) konnte Frau H. nie ohne tiefes Wehgefühl sprechen, aber auch über andre Erscheinungen und Mitteilungen aus der Geisterwelt sprach sie stets sehr ungern, ja es kostete sie oft die größte Überwindung, davon zu reden, und unaufgefordert geschah es nie. Verriet sie nicht zufällig oder drang man nicht sehr in sie, so verschwieg sie oft das Auffallendste, das ihr widerfuhr.

Dieses Sehen gereichte ihr aber offenbar auch zu innerem Kummer und war auch für ihren körperlichen Zustand von Nachteil. Ihre völlige Unbefangenheit und feste Überzeugung können viele würdige Männer bezeugen, die sie kennenlernten.

In diesen Zuständen des Sehens von Geistern, und auch bei Erscheinen ihrer Führerin, ihres Schutzgeistes (ihrer Großmutter, Gattin des alten Schmidgall) behauptet sie immer, ganz wach zu sein, sie war aber, wie gesagt, immer in einem Zustände des Innern. Diese erschien ihr jedesmal in der Gestalt, die sie im Leben gehabt, nur heller und freundlicher, und in einem Gewande, das sie im Leben nie getragen, in einem weißen Faltenkleide mit einem Gürtel. Ihr Kopf war mit einem schleierartigen Tuche bedeckt, das gerade um die Stirne ging und alles Haar bedeckte und dann in der Gegend der Ohren wie ein Schleier herunterlief. Mit dieser Kopfbedeckung erschienen ihr alle weiblichen Geister ohne Ausnahme.

Es wurde schon früher bemerkt, daß sie einmal die Erscheinung hatte, als würde sie von ihrem Schutzgeiste magnetisiert, wobei, wie dort schon angeführt ist, sich das Unbegreifliche zeigte, daß Gegenstände, deren Berührung ihr schädlich waren, ihr wie von einer unsichtbaren Hand genommen und an eine andre Stelle frei durch die Luft getragen wurden.

Ersteres geschah auch hier noch einmal, drei Uhr morgens. Das Gefühl davon dauerte eine Viertelstunde. Sie sagte: »Es war mit allen Fingern. Die Daumen fühlte ich zuerst (wie Luft) an beiden Augen angesetzt und die andern Finger über Stirne und Schläfe in Strahlen ausgebreitet. Dann ging der milde Zug äußerst langsam abwärts, während sich da die Hände des Geistes so drehten, daß die Daumen nach außen auf die Arme und die als Strahlen ausgestreckten Finger nach innen zu stehen kamen und zuletzt alle Finger in meiner Herzgrube ruhten. Auf dieses Magnetisieren konnte ich die Augen nicht mehr aufschließen, ich lag ruhig und mich sehr wohlfühlend da. Da sprach die Stimme meiner Großmutter: ›Erhebe dich und schreibe!‹ Ich stand nun ganz gestärkt auf und setzte mich an den Schreibtisch. Die Großmutter sprach: ›Also wie du hier magnetisiert wurdest, soll dich dein Arzt ferner magnetisieren, und wenn du dieses lesen wirst, wird dir beifallen, wie du magnetisiert wurdest, und wirst du es ihm sagen können.‹ Ich sagte hierauf: ›Magnetisiere du mich selbst so immer!‹ Sie aber sagte: ›Hätte ich zu diesem die Macht, so würde es bald heißen: stehe auf, nehme dein Bett und gehe heim!‹«

Wie schon in einer ihrer früheren Perioden der Fall war, so geschah es auch hier zu W., daß sie oft hinter einem Menschen eine andre, aber geistige Gestalt sah. Oft schien es wie der Schutzgeist jenes Menschen zu sein, oft aber wie ein Abbild, ein Widerschein seines geistigen.

So erblickte sie einmal hinter einer Frau eine Gestalt (ein Wolkenbild), die sich in allen Teilen immerwährend zuckend bewegte und so gelenksame Glieder hatte, als wären sie nur mit Fädelchen untereinander verbunden. Diese Frau, die sie vorher nie gesehen und nie gekannt hatte, war auch von einem sonderbaren unruhigen Geiste.

Ein andermal ging eine ihr ganz unbekannte Person am Fenster, durch das sie sah, vorüber. Diese grüßte sie; sie aber sprang schnell vom Fenster zurück. Ich fragte sie um die Ursache und sie sagte mir, sie habe hinter einer Person, die soeben vorübergegangen, einen männlichen, widrig aussehenden Geist im grauen Wolkenkleide gesehen. Ich blickte nach der Person und erkannte in derselben ein auswärtiges, äußerst zänkisches und böses Weib, das aber der Kranken durchaus unbekannt war.

Hinter einem Mädchen aus meinem Hause sah sie sehr oft eine lichte Knabengestalt von ungefähr zwölf Jahren. Ich fragte das Mädchen, ob sie ein Verwandtes von diesem Alter gehabt, das sie verneinte. Bald nachher aber sagte mir das Mädchen, sie habe meiner Frage nachdenken müssen, und da sei ihr beigefallen, daß ihr Brüderchen, das im dritten Jahre gestorben, jetzt gerade zwölf Jahre alt sein würde.

Dieses Wachstum der Geister wird später berührt werden.

»Es wird künftig noch bewiesen werden (sagt Kant in den Träumen eines Geistersehers), daß die menschliche Seele auch in diesem Leben in einer unauflöslich verknüpften Gemeinschaft mit allen immateriellen Naturen der Geisterwelt stehe, daß sie wechselweise in diese wirke und von ihnen Eindrücke empfange, deren sie sich aber als Mensch nicht bewußt ist, solange alles wohl steht.«

Voraussagende Träume

Zu einer anwesenden sehr sensiblen Frau sagte Frau H. in wachem Zustande, nachdem ihr diese die Hand zum Abschiede geboten hatte: »Träumen Sie diese Nacht, was ich nehmen solle, daß es mir besser werde (sie deutete auf ihre stockende Menstruation), und ich will es nehmen.« Dieser Frau träumte es nun auch wirklich in der Nacht, sie habe von einem Zimmer, das wie ihr Schlafzimmer war, in ein größeres hinausgesehen, da sei Frau H. neben acht Sauerbrunnenkrügen gestanden und habe einen, auf dem »Fachinger Wasser« geschrieben gewesen, ihr gewiesen, als solle sie (die Träumende) diesen gebrauchen. Nun war aber das sonderbar, daß Frau H. in der gleichen Nacht den gleichen Traum hatte. Sie befand sich in einem mehr langen als breiten Zimmer (so ist das Zimmer neben dem Schlafzimmer jener andern Frau, das Frau H. aber nie sah), da waren acht Sauerbrunnenkrüge, von denen ihr jene Frau einen, der mit schwarzem Pech verschlossen war, als denjenigen bezeichnete, von dem sie zur Hebung jenes Übels trinken sollte. Sie tat es und es hatte den erwünschten Erfolg.

Es war das Traumbild hier umgekehrt, wie das Bild in Spiegeln.

In einer Nacht träumte ihr, sie habe das älteste Mädchen ihres Oheims zu B. mit einem kleinen Sarge auf dem Kopfe aus dem Hause gehen sehen. Nach sieben Tagen starb sein ein Jahr altes Kind, von dessen Krankheit man hier nicht das mindeste wußte. Den Traum hatte sie sogleich nach dem Erwachen mir und andern erzählt.

In einer andern Nacht träumte Frau H., sie sei durch ein Wasser gegangen und habe ein Stück faules Fleisch in den Händen getragen, da sei ihr Frau N. begegnet und habe sie ängstlich gefragt: was sie denn da mit dem Fleisch wolle? Sie erzählte diesen Traum, den wir nicht zu deuten wußten, morgens. Sieben Tage nachher kam Frau N. mit einem toten, schon in Verwesung übergegangenen Kinde nieder.

In einer andern Nacht träumte ihr: Frau L. (die sie nie kannte und nie sah) sei ihr mit einem toten Kinde auf dem Arme entgegengekommen und habe sie wie um Hilfe angefleht. Sechs Wochen nachher mußte diese Frau künstlich entbunden werden. Die Folge davon war ein totes Kind und große Lebensgefahr dieser Frau.

In einer Nacht, als sie noch in meinem Hause im untern Stocke wohnte, träumte ihr, bald nachdem sie Wasser getrunken hatte und eingeschlafen war: in der Wasserkufe, die sich im obern Stocke, wohin sie nie kam, befand, sei etwas, das nicht in dieselbe gehöre, weswegen sie sich die ganze Nacht im Traume abgemüht habe, diese Kufe auszuschöpfen. Morgens erzählte sie mir den Traum, und erst am Abend fiel es mir bei, diese Kufe ausleeren zu lassen, wo sich dann auf ihrem Grunde eine sehr lange, völlig verrostete schwarze Stricknadel befand. Es ist möglich, daß Frau H., da sie für Metalle so große Empfindlichkeit zeigte, durch das Trinken von jenem Wasser ein dunkles Gefühl von Eisengehalt in ihm bekam, als ihr alsdann im Traume als etwas, das nicht in dieses Wasser gehöre, fühlbar wurde.

In einer Nacht träumte Frau H., sie sei auf einer einsamen Insel gestanden und habe auf der andern Seite ihr verstorbenes Kind in himmlischer Klarheit mit einem Blumenkranze auf dem Kopfe und einem Blütenzweig in der Hand gesehen. Dieses verschwand, sie wandte sich weg und sah mich bei einem Menschen, der blutete und dem ich Hilfe leistete, stehen. Auch dieses Bild verschwand, und sie sah nun sich selbst in heftigen Krämpfen, und als sie aus diesem Traume zu sich kam, sagte ihr eine Stimme: man habe mich geholt – da erwachte sie aber und sah, daß es ein Traum war und ich mich nicht bei ihr befand. Diese Traumbilder hatte sie in der Nacht vom 28. Januar 1828. Das Traumbild ihres verstorbenen Kindes ist nicht weiter zu deuten, aber in der Nacht vom 30. Januar (die Traumbilder erzählte sie mir am 29. morgens) wurde ich zu einem Menschen gerufen, der in derselben Nacht mit einem Messer in die Brust gestochen wurde, was die Erfüllung des zweiten Bildes in diesem Traume war. Die Erfüllung des dritten Bildes in diesem Traume ereignete sich an diesem Tage nachts acht Uhr, wo ich wegen besonders heftiger Krämpfe, die an ihr ausbrachen, zu ihr gerufen wurde.

Ein Voraussehen, das sie nicht im Traume, sondern im hellschlafwachen Zustande hatte, führe ich hier noch an.

Am 6. Juli 1827 sagte sie im magnetischen Schlafe nach Erstarrung: »Ich sehe N. im Monde, aber er lebt noch auf der Erde, ich sehe ihn wie zum voraus dort. In einem Vierteljahre stirbt er, und mein Vater erfährt zuerst, daß er gestorben ist.« Diese von ihr benannte Person (die dazumal ganz gesund war) starb nach einem Vierteljahre, und ihr Vater erfuhr zu O. zuerst ihren Tod.

Das zweite Gesicht

Es ist bekannt, daß die Gabe des zweiten Gesichts sich an mehreren Orten endemisch zeigt, wie zum Beispiel unter den schottischen Inselbewohnern und in Dänemark. In Schottland haben die Menschen, die diese Gabe besitzen, den sogenannten Stechblick. Es ist dies der eigentümliche Blick, wo alles Geistige im Menschen wie auf ein Pünktchen im Auge konzentriert ist, das dann wie verlängert und leuchtend heraustritt, ein Blick, den ich an Frau H. in Momenten, wo sie sich selbst, oder wo sie Geister sah, oft beobachtete. Der schottische Seher ist im Augenblicke des Gesichtes starr, mit aufgerissenen Augenlidern, er sieht und hört (wie auch Frau H. beim Selbstsehen) nichts andres. Berührt der Seher im Augenblicke des Gesichtes einen andern, so entsteht dasselbe Gesicht auch in diesem, ja selbst in Tieren, die der Seher oder die Seherin gerade berührt.

Daß Pferde es sehen, zeigt sich durch ihr heftiges und schnelles Stutzen, wenn der Reiter oder Mitseher eine Vision irgendeiner Art bei Tag oder bei Nacht hat. Das Pferd geht dann nicht weiter, bis man einen Umweg macht, und ist voll Schweiß.

Oft sind aber Pferde einer Vision, auch der von Geistern fähig, und der Mensch, der auf ihnen sitzt, ist es nicht. Man weiß Stellen, an denen schon öfters Menschen Erscheinungen hatten, wo Pferde nicht ohne Scheu und Angstschweiß vorüber zu bringen sind. So haben auch Tiere, und namentlich Pferde, an Orten, wo schon seit Jahrhunderten Menschen begraben liegen, ein besonderes Gefühl von Unruhe. In dem Schlosse Schmiedelfeld (bei Gaildorf) wurde im Jahre 1823 Pferden ein neuer Stall gebaut; es ergriff sie in ihm die fürchterlichste Unruhe, und als man noch eine Veränderung an diesem Stalle vornahm, grub man aus seinem Grunde eine Reihe uralter menschlicher Gerippe aus.

In Schottland erbt sich diese Gabe des zweiten Gesichtes, wie einige glauben, in gerader Linie in einer Familie fort. Denn es gibt dort Eltern, die dieses Vermögen besitzen, während ihre Kinder nicht damit begabt sind.

Den 13. Januar 1827, in der Nacht gegen ein Uhr, verfiel Frau H. in magnetischen Schlaf und erklärte in ihm, daß sie innerhalb fünf Minuten einen fürchterlichen Krampf erhalten werde. Dieser brach auch aus, und sie kam in halbwachen Zustand. Ich frage sie: warum sie diesen Krampf zur ungewöhnlichen Zeit erhalten? Und sie antwortete: »Das will ich dir im nächsten Schlafe sagen; spreche ich jetzt davon, so erhalte ich wieder Krämpfe. Ich sah es im Abendschlafe voraus, sagte aber nichts, um die Leute nicht zu beunruhigen.«

Als sie erwacht war, fragte ich sie, ob sie nicht wisse, warum sie einen Krampf erhalten? Sie sagte: sie wisse es wohl, ich solle aber nur still sein, sonst würde sie wieder Krämpfe erhalten. Sie erhielt nun auch wieder starke Krämpfe, nach deren Hebung ich mich entfernte.

Als sie am andern Tag durch das Spiel der Mundharmonika in halbwachen Zustand gekommen, wollte ich von ihr die Ursache des nächtlichen Krampfes wissen, um so mehr, als sie den ganzen Tag über äußerst traurig war. Aber sie sagte: »Im halbwachen Zustande bin ich mehr zurückgehalten, die Ursache zu sagen, weil in diesem mehr die Seele als mein Geist wirkt, aber im ganz schlafwachen Zustande, wo ich freier denke, da sage ich es.« In diesem (abends) sagte sie nun: »Ich sage es, mein Geist denkt und spricht frei – ich sah eine Bahre und in ihr sterbend eine mich ganz nah angehende Person; die Person nenne ich nicht, darf sie nicht nennen, darf auch die Zeit nicht nennen, wann es geschieht. Noch zweimal muß ich diese Bahre sehen mit dieser sterbenden Person, morgen früh halb elf Uhr das zweite Mal. Dieses Ahnungsvermögen, was es ist? Es ist schauervoll! Würde ich diese Person nennen, sagen, wenn sie stürbe, o was wäre dies für ein Jammer!« Ich sagte ihr: sie müsse den Namen dieser Person sagen, denn es wäre ja wohl möglich, sie noch retten zu können, sie müsse durchaus darüber noch tiefer nachdenken und erforschen, ob das Gesicht von jener Bahre vielleicht nicht bloß als Warnung für jene Person erschienen sei.

Sie fiel hierauf in noch tiefern magnetischen Schlaf und sagte endlich ganz freudig nach langem Sinnen: »O wie danke ich dir, mein Gott und Vater, daß ich ein Mittel anzugeben weiß, wie diese mich so nah angehende Person zu retten ist! Mein Bruder würde diesen Monat am 18., eine Stunde von seinem Ort entfernt erschossen. Er soll nur von dem Orte aus zwei Männer in den Wald schicken. Wenn sie aus dem Orte gehen rechts in den Wald an die große Eiche, die nicht ganz mitten in dem Walde steht, da sollen sie nur eine halbe Stunde stehen und passen und hören, dann wird dieser Kerl hervortreten. – Es darf aber nicht vergessen werden, daß man es sogleich meinem Bruder zu wissen tut. Ich sehe auch nun, nachdem ich fand, was dieses Gesicht bedeutet, dasselbe nicht mehr. Mein Bruder soll sich an diesem Tage ruhig verhalten, im Orte herumgehen, sich zeigen und so tun, als ginge er in den Wald hinaus.«

Nach noch tieferem Zurückfallen in magnetischen Zustand und inneres Sinnen sagte sie: »Der, welcher den Anschlag auf meinen Bruder hat, ist ein Mensch von sechsundzwanzig Jahren, und er ist nicht in dem Orte, wo mein Bruder ist. Ich sehe nur wenige Häuser in dem Orte, wo er ist, links geht es hin, wo die Häuser sind, da ist er in einem zwei Stock hohen Hause, Aber es ist nun genug, und ich danke dir, mein Gott, daß ich weiß, daß nun mein Bruder gerettet ist.« – Hierauf betete sie leise. In der Nacht gegen ein Uhr bekam sie wieder einen starken Krampf. Am Morgen, als sie halb wach war, fragte ich sie um die Ursache, und sie sagte: »Ich habe keine Erscheinung von jenem Sarge und der sterbenden Person mehr, aber ich erwachte zur gleichen Zeit, wo ich die Erscheinung gestern hatte, da fiel sie mir ein, und ich geriet in Entsetzen und Krämpfe, weil ich wach meinen Bruder ja noch nicht gerettet weiß.«

Als sie ganz wach war, wo sie also von ihren Geständnissen im Schlafe durchaus nichts wußte, nötigte ich sie, mir die Ursache ihrer Krämpfe und ihrer Trauer zu sagen. Endlich sagte sie: »Ich sah, als ich völlig wach und nicht im Traume war, meinen Bruder sterbend im Sarge liegen, und das macht mir Sorge und Kummer. Der Sarg stand vor meinem Bette.« –

Ich suchte ihr die Sache als leeren Traum zu deuten, allein sie behauptete, sie sei bei dieser Erscheinung völlig wach gewesen. Ich sagte ihr, da ihr Bruder sehr friedlich sei, so werde ihm von keinem Menschen etwas zuleide geschehen, worauf sie sagte, sie behaupte ja nicht, daß ihm von einem Menschen etwas zuleide geschehe, er könne ja an einer Krankheit sterben. Ich unterließ nicht, ihre Eltern und durch sie ihren Bruder von diesem ihrem Gesichte in Kenntnis zu setzen, und der Erfolg lehrte auch, daß es nicht überflüssig war.

Ihr Bruder ging an demselben Tage, aber gewarnt, nicht in derselben Stunde, sondern erst in der Abenddämmerung in jenen Wald, und ein ihm feindlicher Holzdieb schoß da auf ihn, der Schuß verfehlte ihn, ließ aber noch Spuren im Schnee und an einem Baume zurück. Der Täter hatte seine Wohnung an der von H. bezeichneten Stelle.

Nach einiger Zeit hatte H. abermals ein ihren Bruder betreffendes warnendes zweites Gesicht. Es erschien ihr zu wiederholten Malen ein Fuchs, und im magnetischen Schlafe wurde ihr kund, daß ihr Bruder auf einer Jagd, wo das erste Tier, auf welches er schieße, ein Fuchs sei, durch falsche Ladung des Gewehres verunglücke. Sie ließ ihren Bruder warnen. Das Gewehr fand sich wirklich, wahrscheinlich von boshafter Hand, überladen, und er entging der Gefahr. Sie sagte, daß sie von ihrem Bruder die Vorausahnungen hauptsächlich deswegen habe, weil er ihr früher sehr lange durch Handauflegen die Krämpfe gestillt, und sie dadurch mit ihm in magnetischen Rapport gekommen sei. Auch als ich sie magnetisch behandelte, war neben meiner Frau nur dieser ihr Bruder imstande, ihr durch Handauflegen die Krämpfe zu stillen, oder überhaupt auf sie magnetisch einzuwirken.

Am 8. Mai, morgens sieben Uhr, als sich ihre Schwester ihrem Bette näherte, sagte sie, sie fühle, daß in der Nähe ihres Bettes immer etwas Unsichtbares sei, sie solle ihr nicht zu nahe stehen. Dieses Gefühl hatte sie eine Stunde lang, und als sie sich im Bette selbst das Frühstück einschenkte, stand auf einmal ihr verstorbenes Kind und neben diesem ihr lebendes entferntes vor dem Bette. Das verstorbene sah sie fest an und deutete auf das lebende mit dem Finger. Dieses hatte in der rechten Hand eine Nadel, die es im Munde hielt. Die Kinder standen ihr so lebendig da, daß sie die Hand ausstreckte, um nach der Nadel des einen zu langen. Sie schrie: »Um Gottes willen, was ist das!« da verschwand das Gesicht. Das verstorbene Kind, das drei Vierteljahr alt war, als es starb, war ihr in der Größe eines vierjährigen Kindes (in dem Alter, das es gerade gehabt hätte, als es ihr erschien) erschienen, aber licht und durchsichtig. Beide aber hatten keinen gewöhnlichen Anzug, es war ihr jedoch unmöglich, ihn zu beschreiben. Sie ward durch diese Erscheinung sehr angegriffen und weinte. Ich suchte sie durch die Vorstellung zu trösten, daß diese Erscheinung wohl nichts bedeuten werde. Sie sagte, sie wolle auch nicht behaupten, daß es etwas bedeute, aber ich solle mich selbst in diese Lage denken, wenn mir einmal meine Kinder so erschienen, ob mich das nicht angreifen würde!

Im magnetischen Schlafe sagte sie nach vorhergegangenem Seufzen: »Würdest du nach einer solchen Erscheinung dein Kind nicht warnen?« Ich sagte ihr: »Das würde ich gewiß tun.« Sie sagte: »Und wenn du es bei deinem Kinde nicht tun würdest, so muß ich es bei meinem tun. Von heute in sieben Tagen, morgens halb acht Uhr, würde mein Kind eine Stecknadel verschlucken, und dadurch sterben. Man würde nicht erfahren, woher sein Leiden käme und es Gichtern zuschreiben. Man muß meine Eltern (bei diesen war das Kind) davon benachrichtigen. Ich werde die Erscheinung noch dreimal, immer am hellen Tage, haben.«

Am andern Morgen erschienen ihr die Kinder noch zweimal in gleicher Lage. Jedesmal erfolgten auf das Gesicht heftige Krämpfe.

Man benachrichtigte ihre Eltern drei Tage vor dem vorausgesagten, für das Kind unglücklichen Tage davon, und sie schrieben: daß ihnen aufgefallen wäre, daß sie, sobald sie die Nachricht gelesen, an dem rechten Ärmchen des Kindes eine Stecknadel im Ärmel stecken gesehen, die sie nun auch sogleich entfernt hätten.

Drei Tage lang nacheinander vor dem Tode ihres Vaters, der am 2. Mai 1828, abends acht Uhr, erfolgte, und von dessen Krankheiten man damals hier noch nichts erfahren hatte, sah Frau H. zu verschiedenen Tageszeiten im wachen Zustande einen Sarg vor ihrem Bette stehen, der mit einem Leichentuche, auf dem ein weißes Kreuz lag, bedeckt war. Sie erschrak darüber sehr und bekam das beunruhigende Gefühl, daß ihr Vater krank sein müsse, oder gar gestorben sei. Ich tröstete sie damit, daß es auch eine andre Person bedeuten könne, und daß sie ja nur einen Sarg, aber nicht das Bild des Vaters in ihm gesehen, worauf sie selbst sagte: sie wisse dieses Gesicht allerdings selbst nicht recht zu deuten, indem dies das erstemal sei, daß ihr ein mit einem Leichentuch bedeckter Sarg erscheine, sonst sei ihr nur ein offener Sarg erschienen, in den die Person, die eine Krankheit getroffen, geschaut habe, oder habe sie vor dem Tode einer Person dieselbe als Leiche im Sarge liegen gesehen; was ein mit einem Leichentuche bedeckter Sarg bedeute, wisse sie nicht, doch habe sie das bange Gefühl, als betreffe dies Gesicht ihren Vater.

Am 2. Mai morgens kam die Nachricht hierher, daß ihr Vater an einer Lungenentzündung seit einigen Tagen sehr erkrankt liege. Abends acht Uhr an diesem Tage verfiel Frau H. in magnetischen Schlaf und sagte in diesem: »Soll ich nachfühlen, wie es mit ihm steht?« Dann machte sie mit den Armen die gewöhnliche Stellung, die sie macht, wenn sie im magnetischen Hellsehen aus sich geht, fuhr zusammen und sprach dann: »Heiliger Gott! soll ich sagen, was ich sah? Nein, ich will es unterdrücken, ich will es wach noch nicht wissen! Gott helfe mir! Man erwecke mich sogleich, und nach drei Minuten schlafe ich wieder.«

Dies geschah und während des zweiten Schlafes betete sie dann nur stille und sprach auch von ihrem Vater nichts mehr. Am 3. Mai kam die Nachricht, daß ihr Vater am 2. Mai abends gestorben sei, hierher.

Dreimal sah Frau H. auch im wachen Zustande ihre Schwiegermutter vor einem Sarge stehen und über den Sarg hinsehen. Sieben Tage nachher erkrankte diese Frau sehr, erholte sich aber wieder.

Zwei Gesichte derart sah Frau H. öfters. Sah sie Menschen gestorben in einem Sarge, so bedeutete das ihren Tod, wie dies früher bei ihrem Großvater der Fall war. Sah sie sie lebend in einem Sarge, so bedeutete das ihnen eine sehr gefährliche Krankheit, und sah sie sie neben einem Sarge stehen, so deutete dies auf baldige Krankheit überhaupt. Daß der Frau H. vor dem Tode ihres Vaters ungewöhnlicherweise ein mit einem Tuche bedeckter Sarg erschien, und sie nicht die Leiche selbst sah, erklärte ich mir damit: daß ihr der Anblick des Vaters als Leiche im wachen Zustande aus Schonung nicht werden sollte.

Heraustreten aus sich selbst

An dem gleichen oben erwähnten 2. Mai, gegen neun Uhr nachts, verfiel Frau H. ungewöhnlicherweise wieder in magnetischen Schlaf, in dem sie wieder aus sich hinausgeführt wurde. Da rief sie: »Ach Gott!« Dieses Wort: »Ach Gott!« aber tönte wie gehaucht. Sie erwachte wie unter dem Ausrufen dieses Wortes und sagte: sie habe sich wie doppelt gehört, als hätten zwei aus ihr gesprochen. Nach zehn Uhr, ehe sie in natürlichen Schlaf verfiel, sagte sie in schlafwachem Zustande: »Gott! du hast ihn nun an deiner Hand, er schläft sanft bei dir!«

Am 3. Mai mittags elf Uhr, kam, wie oben gesagt, die Nachricht, daß ihr Vater am 2. Mai abends acht Uhr zu Oberstenfeld verschieden sei.

Am 2. Mai abends neun Uhr, zur gleichen Stunde, wo Frau H. im schlafwachen Zustande gleichsam aus ihrem Körper getreten und jenen Ausruf: »Ach Gott!« getan hatte, hörte Herr Dr. Föhr von Bottwar, der als Arzt des Verstorbenen noch im Zimmer zu Oberstenfeld (vier Stunden von Frau H.) nächst der Kammer, in der die Leiche lag, mit einem Oheim der Frau H. anwesend war, in dieser Kammer der Leiche, in der sich keine Seele befand, die Worte: »Ach Gott!« einigemal vernehmlich tönen, so daß er sogleich in die Kammer ging und nachsah, aber da nur die stumme Leiche fand. Der Oheim der Frau H. hörte nichts. Herr Dr. Föhr schrieb mir hierüber folgendes:

»Nach meiner Ankunft zu Oberstenfeld fand ich den Herr W. bereits tot, hörte aber, als ich mich im Wohnzimmer befand, das an ein Nebenzimmer, in dem der Tote war, grenzt, gegen neun Uhr nachts ganz deutlich eine Stimme (wie mir zu sein schien, die Stimme des Verstorbenen) in jenem Nebenzimmer, wo niemand als dieser war, ›Ach Gott!‹ rufen. Erst auf das dritte Mal, wo ich diesen Ruf hörte, ging ich in das Zimmer, da ich vermutete, Herr W. sei vielleicht nur scheintot; denn ich konnte nicht anders glauben, als es sei dieser Ruf von ihm gekommen. Ich besichtigte deswegen den Toten ganz genau, weilte auch noch eine Stunde und versicherte mich von seinem Tode.«

Herr W. starb an einer Lungenentzündung und Lungenlähmung, wo auch im Scheintode von ihm kein Schrei mehr zu vermuten war, aber für denjenigen, der diesen Schrei nun einmal hörte, da sich sonst keine Person um ihn befand, nicht anders als von ihm ausgegangen angenommen werden mußte.

Auch aus einem andern Zimmer, etwa dem, wo der Sohn sich aufhielt, konnte dieser Ruf nicht gekommen sein, da die Kammer, wo die Leiche lag, von jenem Zimmer zu entfernt ist, der Sohn auch in diesen Stunden nur in tiefem Schmerze verstummt war, und sich in keine laute Klage zu ergießen vermochte.

Frau H. sprach sich später hierüber also aus: »Durch Gram und das Nachdenken über das Kranksein meines Vaters, durch die Ahnung seines Todes und den Wunsch, im Augenblicke zu wissen, wie es mit ihm wäre, wurde ich so angestrengt und augenblicklich in den Zustand versetzt, daß meine Seele mit dem Nervengeiste außer mir dahin gehen konnte, aber sie ging mit dem vom Geist gekommenen Wort: »Ach Gott!« dahin. Mit dem Hauche: »Ach Gott!« trat die Seele heraus, und dieser Hauch trat in die Seele und offenbarte sich dort durch den Nervengeist und die Luft wiederholt. Bei ihrem Zurücktreten hauchte die Seele noch einmal diesen Ruf aus, der dann auch hier gehört wurde, mir aber war es, als hörte ich ihn doppelt, weil er im Moment des Zurücktretens geschah. Jenen ganzen Tag war ich in den fernen Arzt meines Vaters aufs stärkste eingedrungen, daß ihm Gott ein Mittel zur Rettung des Vaters eingeben möchte, und war dies besonders der Fall, ehe meine Seele so hinaustrat, daher es wohl kam, daß auch er meinen Ruf allein vernehmen konnte.«

Da ich (und dies war schon ein Jahr vor dem Tode ihres Vaters) von ihren Eltern erfahren hatte, daß sie in ihrem früheren magnetischen Zustande fähig war, sich einer, zwar im Orte, aber in einem andern Hause wohnenden Freundin, während sie in ihrem Hause im Bette lag, nächtlich durch Anklopfen (wie man es von Sterbenden sagt) kundzugeben, so fragte ich sie im Schlafe (schon im Jahr vor obiger Geschichte), ob sie nicht auch imstande wäre, uns anzuklopfen, und wie weit sie dies tun könne? Sie sagte: »Ich werde es einmal tun, der Geist fragt nach keinem Räume, dies geschieht mit dem Geiste.«

Als wir nun einen Tag nachher, nachts elf Uhr, in unserm Hause, das von ihrer Wohnung (ihrer ersten allhier) mehrere Häuser entfernt war, zu Bett gegangen waren, und Dienstboten und Kinder schon fest schliefen, wir aber noch wachten, so klopfte es auf einmal wie über unserm Haupte in der Luft des Zimmers. Diesem Klopfer folgten noch sechs gleiche, jeder im Zwischenräume von einer halben Minute, so daß wir jeden einzelnen Klopfer genau hören und über dessen Art nachdenken konnten, bis wieder ein neuer Schlag geschah. Es war ein hohles und doch helles Klopfen, sanft und doch äußerst vernehmbar. Wir versicherten uns aufs bestimmteste, daß es von niemand geflissentlich hervorgebracht wurde, wie auch rings um uns niemand war und über uns ein geschlossener Boden ist, in dem sich kein Mensch befand. Auch steht unser Haus ganz einsam und frei, und hat kein andres Haus zur Nachbarschaft.

Im magnetischen Schlafe am nächsten Abend fragte sie uns, ohne daß wir gegen sie oder andre von jenem Klopfen etwas berührt, ob sie uns bald wieder anklopfen solle, was ich aber, da sie hinzusetzte, daß es ihr schade, ablehnte.

Sie versicherte mir später einmal: dieses Klopfen sei mit dem Geiste und der Luft, nicht mit der Seele geschehen, und zwar durch den festen Willen in tiefem magnetischen Zustande. Jener Ruf aber bei der Leiche ihres Vaters sei durch Heraustreten ihrer Seele mit dem Nervengeiste geschehen, welches durch Kummer und Sehnsucht veranlaßt worden.

Selbstsehen

Frau H. erzählte mir im wachen Zustande, daß sie sich vor einigen Jahren selbst gesehen. Sie sei in einem weißen Kleide auf einem Stuhle gesessen, während sie im Bette gelegen. Sie habe sich lange angesehen und schreien wollen, aber es nicht können. Endlich habe sie einen Schrei nach ihrem Manne getan, da sei das Bild auf einmal verschwunden.

Als sie in halbwachen Zustand kam, sagte sie hierüber folgendes: »Ich war dazumal sehr gesteigert, jeden Tag nahm mein Leiden zu, sieben Tage lang. Niemand erkannte meinen Zustand richtig, ich wußte mir nicht mehr zu helfen. Ich bat immer Gott, er wolle mir nur einmal wieder Ruhe geben. Nun verließ meine Seele die Nerven und bildete außer mir meinen Körper vermittelst der Luft, mein Geist nur war in mir, in meiner Herzgrube. Ich sah mich dann mit geistigen Augen. Die Seele ging aus meinem Körper, sie hatte gar keinen Anteil mehr an ihm, sie wurde geistig. Mein Geist und die Seele hingen aber immer noch zusammen, die Seele hätte sich doch nicht weiter vom Geiste trennen können. Aber dadurch, daß die Seele die Nerven ganz verlassen hatte, bekamen diese eine andere Stimmung, ich wurde ruhiger.«

Als sie völlig schlafwach war, befragte ich sie wieder um den Zustand, in dem sich damals, als sie sich selbst gesehen, befunden, und sie sagte: »Es ist bestimmt Wahrheit, daß meine Seele aus mir ging und einen Körper bildete. Der Geist blieb in mir, ich hing doch mit ihm zusammen. Ich konnte kein Auge wegwenden, konnte auch nicht reden. Als mein Geist dachte, ich will es nicht mehr sehen, da kam die Seele zurück, und ich ließ einen Schrei. Sieben Tage lang war ich damals nie einen Augenblick mit meinen Gedanken auf der Welt, ich war zu sehr angegriffen. Ich wollte immer sterben, das war mir eine Sünde; daß ich mir immer den Tod wünschte, das machte mein Leiden. So dringend konnte ich noch nie beten, wie in jenen sieben Tagen. Ich fühlte meinen Heiland so deutlich, als hätte ich ihn gesehen, ich fühlte seine Hilfe in jedem Gebet, seine Kraft, die er mir gab, um neu fortzuleben.«

Als ich am 28. Mai 1827, nachmittags drei Uhr, bei ihr allein im Zimmer war und mit ihr gerade nicht sprach, sah sie sich auf einmal selbst (wie sie mir nachher erzählte) in einem weißen Kleide, das sie nicht anhatte, aber so eines besitzt, auf dem von ihr gerade gegenüberstehenden Stuhle sitzen. Sie wollte schreien, konnte aber nicht, konnte sich aber auch nicht bewegen. Sie hatte ihre Augen weit aufgerissen, sah aber sonst keinen Gegenstand, als sich und den Stuhl, worauf sie saß. Sie hatte, während sie das Bild sah, nur einen Gedanken, den sie vorher nicht hatte, nämlich den:

»Einen Tag im Himmel leben
Ist mir mehr als tausend hier!«

Das Bild stand nun auf und lief auf sie zu, und erst als es fest an ihr war, fuhr durch ihren Körper wie eine elektrische Erschütterung, die ich sah, und nach dieser tat sie einen Schrei, und erzählte mir nun, daß und wie sie sich selbst gesehen.

Am 15. April, abends sechs Uhr, als sie allein im Zimmer war, sah sie wieder ihr eigenes Bild auf dem ihr gegenüber stehenden Stuhle sitzen, aber diesmal in einem schwarzen Kleide. Es hatte einen Arm, mit aufgehobenem Finger gegen sie deutend, ausgestreckt. Ich fragte sie, ob sie während dem Anschauen dieses Bildes nicht wieder nur einen Gedanken gehabt? Sie sagte: ja, aber sie könne ihn unmöglich sagen. Ich drang in sie, aber ich konnte sie nicht bewegen, mir diesen Gedanken zu sagen. Sie dachte dieser Erscheinung, die sie wegen der schwarzen Kleidung beunruhigte, nach, und wurde dadurch halbwach. In diesem Zustande sagte sie: »Ein solches Michselbstsehen bedeutet mir nie etwas Übles, und über die schwarze Kleidung will ich mich beruhigen, sie deutet wohl nur auf meine Schmerzen.«

Als sie sich einmal wieder selbst sah, und ich es bemerkte, trat ich zwischen sie und das Bild. Sie sagte nachher, daß ihr dieses die angenehmste Empfindung gemacht habe, denn sie habe sich in diesem Moment wie von ihrer Seele abgeschnitten gefühlt.

Von den sehr vielen Beispielen von Selbstsehen, selbst solchen, wo das Bild auch von andern gesehen wurde, führe ich hier keines an. Sie schließen sich alle mehr oder weniger auch an die oben angeführten Beispiele des zweiten Gesichtes an.

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