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Die Seherin von Prevorst

Justinus Kerner: Die Seherin von Prevorst - Kapitel 10
Quellenangabe
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authorJustinus Kerner
titleDie Seherin von Prevorst
publisherJ. F. Steinkopf Verlag
printrun2. Auflage
year1963
correctorJosef Muehlgassner
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9. Über diese Berührung mannigfaltiger Körper durch die Seherin, von Schubert

Die Geschichte des magnetischen Hellsehens und einiger mit diesem verwandten Zustände einer krankhaften Art eröffnet uns einige tiefe Blicke in das Geheimnis des beständigen, lebendigen Verkehrs unsers eigenen Wesens mit den Elementen der äußern, irdischen Natur. Wenn die Seele den Leib noch selber kräftig bewegt und beherrscht, dann vermögen die bewegenden Kräfte der äußern Natur kaum merklich auf diesen zu wirken; wenn jedoch die Seele den Zügel fallen läßt, womit sie sonst diese Rosse ihres leiblichen Wesens gelenkt, vielleicht weil sie, wie dies bei der Seherin von Prevorst erschienen, ihre ganze bewegende Kraft in die Tiefe einer andern, geistigen Region zurückgezogen, dann wirken an ihrer Statt die gestaltenden und bewegenden Kräfte der äußern Natur auf den verlassenen, noch lebensempfänglichen Leib ein; die Kräfte, welche den Stein gebildet oder der Pflanze und dem Tiere ihr Wachstum gegeben.

Die merkwürdigsten, hierher gehörigen Tatsachen geben uns die Versuche mit der Berührung der mannigfaltigsten Körper durch die Seherin von Prevorst, deren Geschichte Justinus Kerner, ohne Furcht vor dem unverständigen Urteile der sogenannten Verständigen, mit ernster Gewissenhaftigkeit erzählt.

Diese Versuche waren von der Kranken selber veranlaßt, welche durch sie das tiefgefühlte Bedürfnis des Leibes, nach einem bewegenden und belebenden Einflüsse, zu befriedigen oder zu täuschen schien; nach einem Einflüsse, welchen die in einer tiefern geistigen Region gebundene Seele ihrem Körper nur unvollkommen zu gewähren vermochte.

Die Krämpfe, sowie das Erstarren, welches die Berührung der verschiedenen äußern Körper bewirkt, erschienen jener heftig Leidenden in ihren Folgen öfters so wohltätig, daß sie selber nicht selten auf die Wiederholung der Versuche drang und diese veranlaßte. Wir heben hier als Beispiel nur einige aus:

Der hellglänzendste unter allen Steinen, welchem auf mehrfache Weise das Prinzip des Leuchtens innewohnt, der Demant, wirkte auf merkwürdige Art auf die Augen der Seherin ein. Als man ihr ein fast unwägbar kleines, ungefaßtes Steinchen in die Hand gab, wurden ihre Augen unwillkürlich und ungewöhnlich weit eröffnet, und es starrten die Augäpfel unbeweglich, wobei zugleich eine Steifigkeit der linken Hand und des rechten Fußes eingetreten. Als diese Wirkung durch das Berühren des Schwerspates gehoben worden, zeigte sich ein unwillkürliches Rollen der Augen. – Rubin erregte zuerst Schmerz im Arme, dann ein unruhiges, unwillkürliches Bewegen, zuletzt ein Gefühl von Kälte und Schwere an der Zunge, welche nur lallend zu sprechen vermochte. Diesem ganz entgegengesetzt, wirkte der kohlensaure Baryt oder Witherit, dessen unmittelbare Berührung, ebenso wie das Wasser, in welchem ein solcher Stein kurze Zeit gelegen, eine Aufregung des Zwerchfells zu unwillkürlichem, krampfhaftem Lachen und ein beständiges willenloses Bewegen der Zunge erregte. – Bergkrystall, auf die Herzgrube gelegt, bewirkte ein gänzliches Erstarren des Körpers, vom Nacken bis zu den Zehen. Bei diesem Zustande, in welchem die Kranke gleichsam wie versteinert dalag, war ihr jedoch wohl. – Die Berührung des Augits gab der Leidenden ein Gefühl, als würde ihr alle Kraft aus dem Arme gezogen; es erfolgte eine tiefe Ohnmacht, aus welcher sie jedoch, mittels der Annäherung des Witherits, sehr heiter erwachte. – Schwerspat gab durch alle Glieder ein ganz ungewöhnliches Gefühl von Leichtigkeit; im Doppelspat, so schien es ihr, sei ein eigentümliches inneres Wachsen, welches sie heller mache; Urkalk durchdrang alle Glieder mit unangenehmem Reiz zu einem beständigen Bewegen. Bei dem Angreifen von gelbem Flußspat fühlte sie im Munde einen säuerlichen Geschmack. Dieser Stein versetzte sie in magnetischen Schlaf, dessen sie sich bisweilen nur dadurch noch auf einige Zeit erwehren konnte, daß sie unverwandt nach Glas (nach den Fensterscheiben) hinblickte. – Lava erschien ohne alle Wirkung; dagegen erregte die Berührung von Kochsalz, welches sie doch ohne allen Nachteil an den Speisen genoß, Brennen im Halse und Krampf in Hals und Armen; Gold erregte keine Krämpfe (wie dies bei ihr die meisten andern Metalle taten), wohl aber ein ungemeines Dehnen der Glieder, dann, bei völligem Wohlbefinden, Steifigkeit der Muskeln; einem Magneteisenstein mit Flußspat schrieb sie einen erheiternden (lustigmachenden) Einfluß zu.

Unter den Pflanzen hatte der schon von den Alten dem Apoll geweihte Lorbeer durch seine Berührung vor andern den merkwürdigen Einfluß auf jene Kranke, daß er sie in den schlafwachen Zustand versetzte, und auf eine verwandte Weise wirkte auch die Vogelbeere. Das Anrühren einer unreifen Walnuß versetzte sie unter anderm in eine Seelenstimmung des Wohlbehagens, in welcher sie sich gegen alle Menschen von Wohlwollen erfüllt fühlte.

Bei dieser Klasse von organischen Körpern, deren Einwirkung auf den Leib, deren heilsame oder giftige Kräfte wir aus den Beobachtungen der alten wie der neueren Zeit genauer kennen, erschien es nun ganz besonders bemerkenswert, daß sich die an ihnen bekannte Wirkung insgemein bei der Kranken viel stärker zeigte, wenn sie dieselben nur mit der Hand berührte, als wenn sie dieselben (als Speise oder Arznei) unmittelbar in den Leib brachte. Das Halten von zwei Spargelstangen in der Hand wirkte schon nach einigen Minuten sehr auffallend auf die Absonderung des Urins; Spinat, dessen eigentlicher Genuß ihr nur die Vermutung gab, daß in ihm eine betäubende Kraft sei, bewirkte, wenn sie zwei frische Blätter desselben in die Hand nahm, eine ganz deutliche, wahrnehmbare Betäubung im Vorderteile des Hauptes (im großen Gehirne). Das Angreifen der Blüte und des Krautes von blaublühenden Kartoffeln erregte nicht bloß Betäubung und Neigung zum Schlaf, sondern auch jenes Sodbrennen und Gefühl von Schwäche (Schlaffheit) im Magen, welches öfters auf das Essen der noch nicht vollkommen gezeitigten Kartoffeln erfolgt. Die Berührung von Hopfenblättern betäubte sie, die von Wollblumenkraut reizte zum Husten; der Duft der Ringelblume war ihr ein wohltätiges Heilmittel gegen Kopfweh; der Dampf des Aufgusses gab die durch Krämpfe verlorene Sprache wieder. Die Berührung von grüner, geschabter Rinde des Holunders mit der Hand trieb ihr Schweiß ohne Erhitzung aus; die weiße Taubnessel, vormals gegen Milzkrankheiten gebraucht, regte Schmerzen in der Milzgegend auf; eine weiße Lilie kühlte angenehm und rief in der Seele Bilder und Gefühle des Traumes hervor.

Diese außerordentliche Wirkung der bloßen Berührung der Handfläche zeigte sich am auffallendsten bei den Giftkräutern. Ein Gran der Belladonnawurzel in die Hand gelegt, bewirkte Schwindel, Erweiterung der Pupille und Würgen im Hals, wie dies bei einem Gesunden kaum der Genuß der doppelten Gabe vermocht hätte; ein Blatt von Bilsenkraut machte Betäubung und Gefühl von Lähmung; Mohnkapseln Schlaf.

So zeigte sich in diesem allerdings krankhaften und außergewöhnlichen Falle, welcher hohen Empfindlichkeit und Beweglichkeit der lebende Menschenleib durch den sonst unbeachteten Einfluß der plantarischen Stoffe fähig sei, wenn der Finger, der sonst die Töne dieses vielbesaiteten Instrumentes weckt, wenn die Seele ihre gewöhnliche Einwirkung aufgegeben, und eine tiefe nächtliche Stille auch das leiseste Wehen über diese Saiten hörbar machet. Der Leib des Menschen, eine Welt im kleinen, empfindet alsdann, und durch ihn die Seele, in lebendiger Teilnahme alle Bewegungen, welche, aus unsichtbarem Mittelpunkt, durch das sichtbare Element gehen: eine Teilnahme, auch an sonst nie gekannten Schmerzen, wie an nie gekannter Lust.

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