Projekt Gutenberg

Textsuche bei Gutenberg-DE:
Autoren A-Z: A | B | C | D | E | F | G | H | I | J | K | L | M | N | O | P | Q | R | S | T | U | V | W | X | Y | Z | Alle
Gutenberg > Joseph von Lauff >

Die Seherin von der Getter

Joseph von Lauff: Die Seherin von der Getter - Kapitel 16
Quellenangabe
typefiction
authorJoseph von Lauff
titleDie Seherin von der Getter
publisherG. Grote'sche Verlagsbuchhandlung
addressBerlin
year1923
firstpub
correctorhille@abc.de
senderwww.gaga.net
created20100820
projectid06db558e
status1
Schließen

Navigation:

15

»Gemächlich in der Werkstatt saß ...«

Die alte Geschichte, die der seine Poet ersann, der immer vom Schlosse Boncourt träumte.

Das ist schon lange her, und nur wenige gedenken des zarten, spintisierenden Mannes. Allein seine kluge Erzählung lebt noch heute. Aber hier ... nicht die zitternden Sonnenkringel, die an der gekalkten Wand tanzten, brachten es an den Tag, nicht das Fragen und Drängen eines neugierigen Weibes hoben den Schleier. Von einer unsichtbaren Hand, unmerklich und geheimnisvoll, wurde die graue Gardine auseinandergescheitelt.

Nur ein unbestimmtes Ahnen und Sickern ging durch die Seele Hövelkamps. Nichts Gewisses, lediglich ein Suchen und Tasten, ein instinktives Fühlen durch einen Straminrahmen hindurch, und wenn er die Kornspeicher aufsuchte, nach den Raufen sah, die junge Winterfrucht besichtigte, dann traten ihm wohl die hübschen Verse in den Sinn:

»Alles, was auf Erden schwebet,
Ist die Taub' das schönste Tier,
Tauben, die gefallen mir.
Doch vor allem
Tut gefallen:
Sechs der Krüg' mit rotem Wein
Schenkt' der Herr zu Kana ein,
Zu Kana in Galäa,
'nem Städtchen in Judäa ...«

Er sprach sie jedoch mit einer verhaltenen Scheu,mit einer unerklärlichen Befangenheit, die ihm die Kehle eng machte und den Atem versetzte. Auch die Peitsche regierte er von Zeit zu Zeit, knallte regelrechte Figuren durch die Luft, ließ die scharfe Schnur sirrend über den Boden flitzen, doch nur behutsam, mit Überlegung, ohne viel Geräusch und Spektakel zu machen. Dafür Ohren und Lichter auf! Das Feuer glühte, der Haß hämmerte, auf Wache stand er, auf Posten blieb er. Das hatte er Frau Judith in die Hände gelobt und versprochen. Immer nur Ruhe, nicht gleich wie die sturen Hammel über Pferch und Hürde. Erst mußten die Zeichen sich mehren, sich verdichten, augenfälliger werden ... und wenn sie es taten, ja, dann war es noch fraglich, ob man mit der Peitsche allein durchkommen konnte oder ob die Umstände es geböten, mit rauher Faust in Unglück und Schicksal zu greifen. Vielleicht konnte es noch geschehen, daß man mit diplomatischen Kunststücken aufwarten mußte, um wieder Zucht und Ordnung in verkehrte und sündhafte Dinge zu bringen. Vielleicht auch – und das war das letzte – hatte er sich nach Hilfe umzusehen, war ein guter Hirt, ein Seelenberater, der die Nieren der Menschen zu ergründen vermochte, unbedingt nötig. Möglich, die Stunde erschien, wo er sich sagen mußte: »Ich habe mit dem Dechanten von Hiltrup zu sprechen.«

Aber das nur im äußersten Fall, in der schwersten Predullig, nur dann, wenn es in den Sparren knisterte, das Herdfeuer auslöschen wollte und die Pfosten des Hauses zu wanken begannen.

»Gemächlich in der Werkstatt saß ...«

Die alte Geschichte und doch nicht dieselbe. Keine Sonnenkringel, die an der gekalkten Wand tanzten. Die halfen nicht, wenigstens hier nicht. Er selber hatte mit klaren Sinnen zu handeln, als ehrlicher Knecht, treu wie die beiden Wolfspitze, die allnächtens mit hängenden Lefzen das ihnen anvertraute Gut umkreisten ... und so schnürte er denn, ohne viel Aufhebens zu machen, hinter dem rassigen Weib her, lautlos, ohne daß ein trockenes Zweiglein unter seinen Schuhen knarzte, spurig wie ein weidgerechter Jäger eine verschlagene Wildkatze angeht, die sich heimlich nach Minnelohn sehnte.

Er wachte.

Und ferner geschah es ...

Ahnungslos, des Vivathütchens mit der Spielhahnfeder ledig, war Ohm Gideon von der Getter gezogen. Bei den heimischen Penaten angelangt, schüttelte er sich noch immer wie ein begossener Pudel. Er triefte. Er triefte von oben bis unten unter einem närrischen Sprühregen von seltsamen Erinnerungen und Erlebnissen. Aber schön war's doch, schön vom Kopf bis in die Zehenspitzen hinein, so geduldet, gelebt und gelitten zu haben, ein Heros, ein Blutzeuge, ein Mann, der es durch seinen unbestrittenen Mut, seine energische Tatkraft verstanden hatte, sich und der Welt gegenüber den wohlverdienten Respekt zu verschaffen. Mit Lust und Liebe suhlte er sich in diesem frostigen Naß, in dem prickelnden Fall von Myriaden Tropfen und Tröpfchen. Sichtlich wuchs er unter dieser belebenden! Feuchte. Er gedachte der barbarischen Tätigkeit in der Hallüh und der Hohen Fuhr. Was waren Heyer und Hartig gegen ihn? Elende Stümper. Nichts weiter. Den ›Gediegenen und praktischen Waldwirt‹ und die ›Forstlichen Ertragstabellen‹ hätte er viel besser geschrieben. Jawoll, ja. Nur Zeit und Muße. Allerdings, die hätte er haben müssen. Aber woher nehmen und nicht zum Diebe werden? Er gedachte der Heimfahrt. »Eskadron – Te–r–a–a–a–ab!« und in schlanker Karriere ging es an den betrunkenen Ebereschenbäumchen vorüber ... auf die weißen Birken los ... immer schnurgerade aus ... ein Mazeppa im Sandschneider ... dem wilden Travelmann mit Haut und Haaren verschrieben ... aber treu und spurfest bis in den Tod. Kein Hangen, kein Bangen. Das Herz klopfte ihm dabei so ruhig wie bei einer Treibjagd. Und dennoch und trotzdem: Ave, Caesar ... tout est perdu, hors l'honneur ... und 'rin in den Trasimenischen See. Prachtvoll! Seine Erinnerungen arbeiteten wie das unerschöpfliche Ölkrüglein der Witwe von Sarepta. Er machte schöne Pläne für die kommenden Tage. In vier Wochen vielleicht war das Versäumte der Holzvermessung nachzuholen. Dann kamen Frühling und Sommer, der Herbst mit seinem anheimelnden Blätterfall, seinem Spinnen und Weben und der majestätischen Hirschbrunft. Den Waldkönig in der Hallüh mit dem niedagewesenen Aufsatz mußte er haben, unbedingt, hoch oben von der stolzen Kanzel herunter. Schnafdich! Er fühlte sich ordentlich vom rückschlagenden Rauch überworfen. Doch all diese Pläne wurden zunichte, gingen den Weg des Fleisches, denn vierzehn Tage nach der Fahrt auf Mord und Totschlag ...

Ohm Gideon saß gemächlich beim Frühstück im ›Dicken Stienen‹. Der behäbige Wirt, den man nicht ansehen konnte, ohne sich über die Lippen zu schlecken und Appetit zu bekommen, hatte sich mit zwei Stühlen an seine Seite geschoben, war sehr spendabel und wollte sich ausschütten über die Aventüren, die ihm von dem Paderborner aufgetischt wurden.

Als dieser ausgeredet hatte und ihn ansah, gewissermaßen um dessen Anerkennung und Meinung einzuholen, lachte der Chef los und bestätigte aus vollem Halse: »Hoho, sowas kann nur auf der Getter und Ihnen passieren. Heldentum! Ausgesprochenes Heldentum!«

»Meine ich auch.«

»Herr Baron, ich habe mal im ›Kleinen Welter‹ gelesen ... vor Jahren ... aus der römischen Geschichte ...«

»Mucius Scaevola ... Decius Mus ...« fiel ihm Ohm Gideon ins Wort. »Männer!«

Er schlug sich auf die Brust: »Wir!«

»Ähnlich so war es,« konstatierte der Pinguin mit den zweihundertfünfundsechzig Pfund klevisch Gewicht.

»Schon richtig, Herr Stienen,« und der Gefeierte streckte die Beinchen, warf den Kopf in den Nacken, ließ die Augendeckel herunter und so, daß nur ein dünnfadiger Schlitz die Winde absuchen konnte, blinzelnd und mit der tiefgründigen Andacht eines Spendierers.

Zwei Minuten vergingen.

Dann ein glückliches Aufatmen.

Mit dem Zeigefinger umschrieb er eine kreisrunde Linie, durchstieß das Zentrum und deutete auf eine kahle Stelle über der Anrichte.

Die Lider hoben sich wieder.

»Dort gehört's hin! Dort und nicht anders.«

Herr Stienen sah seinen Gast fassungslos an.

»Herr Baron ...!«

»Da fehlt was. Ohne das ist Ihr Lokal eine Kneipe, ein Altbierverzapf. Jawohl, ja. Mit 'nem noblen Restaurant nicht in einem Atem zu nennen.«

»Mein Gott! was meinen Sie denn?«

»Herr Stienen,« und der Paderborner legte sich bequem in seinen Rohrstuhl zurück, schlug die kurzen Beinchen übereinander, brannte sich eine Zigarre an und blies zarte Rauchwölkchen über das Tafeltuch ... »mein lieber Herr Stienen, haben Sie jemals in Ihrem Leben von einem kapitalen Sechzehnender gehört oder gelesen?«

»Allerdings.«

»Na denn: Generosität gegen Generosität, oder ich will verdammt sein, in der arabischen Wüste, dicht beim Sinai, Ziegel zu streichen. Auf Manneswort und Kavalierparole! So'n Viech hat Schale mit Stangen und Sprossen, 'ne Königskrone ist gar nichts dagegen. Lumperei! Und diesen Schmuck ...«

»Charles!« rief Herr Stienen.

»Hat Zeit, hat Zeit. Bis später. Nur keine Gazelleneile. Kurz und gut, ich bin gesonnen, Ihnen einen solchen Schmuck zu verehren!«

Seine Augen kullerten.

»Sie?! Aber wieso denn?«

»Herr Stienen,« und Ohm Gideon lächelte überlegen, freigebig, ungefähr so, wie der Radscha von Lahore oder Mirsapur lächelt, wenn er gesonnen ist, einem englischen Handelsjuden einen hundertfünfunddreißigkarätigen Diamanten in die Tasche zu schieben, »und das im Herbst schon, Herr Stienen.«

»Du meines Lebens!«

Der gesinnungstüchtige Bratensieder legte erwartungsvoll die Hände zusammen.

»Herr Stienen, im Herbst so herum, wenn die Tage schon kurze Gesichter bekommen ... Es lebe, was auf Erden ... ich auch ... der Freisasse hat mir offene Wildbahn gegeben ... Gott lohn's ihm! Ich also los ... in die Hallüh oder in die Hohe Fuhr ... Da hält er ... 'n Kapitalkerl im Nebel ... Dunst vor dem Windfang ... und in die Waldpracht hinein ein Röhren und Orgeln... durchs Brunftquartier hindurch, bis weit nach Amelsbüren und Hiltrup zu. Er selber – die Enden noch rot vom niedergeforkelten Nebenbuhler, schwarz wie der Satan und eben erst der Suhle entstiegen – wirft auf und zieht langsam dahin. Jetzt steht er wieder ... wie gemauert ... das Geweih ein Königreich wert ... da ... da ... heil'ger Hubertus! ... Und ich auf der Kanzel ...«

Herr Stienen hielt's nicht mehr aus. Er sah bereits die Trophäe über der Anrichte. Da mußte seinerseits etwas geschehen, denn Ohm Gideon hatte bereits den Ellbogen geknickt, das linke Auge eingekniffen, die rechte Faust angebackt und den Zeigefinger gekrümmt.

»Charles!« rief er dröhnend, begeistert, kaum Herr seiner selbst.

»Ich bitte, Herr Stienen. Wie können Sie nur? Unter keiner Bedingung. Davon darf keine Rede sein. Was ich gebe, geschieht aus freien Stücken heraus, Noblesse oblige, und Sie sind immer nobel gewesen.«

»Aber Herr Baron ...«

»Absolut nicht zu machen. Erst sollen Sie wissen. Also da steht er ... ein Bild ... die Drossel gezottet ... die Lichter blank ... das Kahlwild trollt ab ... Höchste Zeit! Ein letztes Orgeln und Röhren ... ein letztes ... Hilf, Sankt Hubertus! ... ein Blitz ... die Hallüh dröhnt ... ein Knacken und Brechen ... dann nichts mehr zu hören. Ich also hin, und wie zu erwarten: Blattschuß.«

Ohm Gideon schwieg, stülpte seinen neu erworbenen Hut auf, griff nach seinem Bülow Krawallo und traf umständliche Vorkehrungen, das Lokal zu verlassen, fand aber noch Muße, abermals einen Kreis zu ziehen, das Zentrum mit dem Finger zu durchstoßen und bedeutsam auf die betreffende Stelle über der Anrichte zu zeigen. Mit der gönnerhaften Haltung von Serenissimus, der einem wohlakkreditierten Untertan etwas ins Knopfloch zu verleihen hatte, wuchs er über sich hinaus und sagte mit der Fassung eines abgeklärten Peripatetikers: »Dorthin! Schale und Stangen gehören Ihnen, mein Gönner.«

Er klappte die Absätze militärisch zusammen: »A rivederci!«

Der Restaurateur schnellte wie ein Gummiball von den beiden Rohrsitzen.

»Sie werden doch nicht, Herr Baron? Nach diesem fürstlichen Präsent? Wo Sie alles hergeben. Ich denke nicht dran. Haus Stienen läßt sich nicht lumpen, beschämen. Charles« – und seine fette Stimme lärmte wie eine angeschlagene Kasserolle – »zwei Haut-Brion, mild temperiert, für mein Konto, zu Ehren des Herrn Baron von und zu Hasenklever, hochwohlgeboren!«

Was blieb da übrig? Erst Unschlüssigkeit und Ablehnen, dann aber wurde der Hut wieder über den Zapfen gestülpt, der Überzieher abgelegt, der wackere Bülow Krawallo fast widerwillig in irgendeine Ecke gestellt, und ... mit der Bedächtigkeit und dem Ernst eines Mannes, der sich nur schwer in der geschaffenen Situation zurechtfinden konnte, setzte sich Ohm Gideon wieder.

»Charles ...!«

Als er sich erhob, brannten die Gaslampen, hatten Chef und Paderborner Brüderschaft getrunken, spurfest bis in den Tod, Hand in Hand und solidarisch verpflichtet, gewissermaßen mit 'nem notariellen Siegel darunter. Fünf geschlagene Stunden hintereinander hatten die beiden westfälischen Recken und Bundesgenossen dazu gebraucht, den in der Hallüh gestreckten Sechzehnender nebst seiner, dem Herrn Stienen in aller Form und Feier überwiesenen Trophäe würdig zu begießen, als plötzlich, so gegen sechs herum ...

»Sapristi!«

Der weidgerechte Jäger zuckte zusammen.

In der rechten Schulter strammte es, bohrte es scheußlich, und durch die linke große Zehe stichelte ein Schusterpfriem. Hagel und Wetter! er wurde sich klar: ersteres war auf Konto der Heldenfahrt in den Trasimenischen See, vulgo Freisassenwasser, letzteres auf das der ungezählten Rotsponflaschen zu buchen, und diese betrübende Erkenntnis als sicher und verbrieft hinnehmend, verabschiedete er sich.

Auf seinen Bakel gestützt, humpelte er heimwärts. Dort angekommen, überblickte er erst die ganze Größe des Unglücks. Das befallene Glied, einer Gurke ähnlich, war grün und blau überlaufen, zart getempert, mit einem Netz von empfindlichen Äderchen umsponnen. Täglich nahm es wie die wachsende Mondsichel an Glanz und Rundung zu. Der zunächst verordnete Brunnen des heiligen Ludgerus in Billerbeck brachte keine Linderung. Auch Tinctura colchici, der wundersame Extrakt der Herbstzeitlose, Leinsamenbäder und die Teeaufgüsse aus den Blüten und Blättern des Faulbaums arbeiteten vergebens. Ohm Gideons Zustand trat in das Stadium des Kritischen. Er konnte sich nicht mehr drehen und wenden. Die untern Potentaten versagten den Dienst. Ein letztes mußte versucht werden. Bernd Travelmann streckte das hierzu Nötige vor, und so sah sich denn der Schwerblessierte in die angenehme Lage versetzt, Salzschlirf aufzusuchen, um sich in der Wasserkunst des gefeierten Bonifacius Sankt Urbans Pein und Plage unter Wehleidigkeit und Seufzern aus dem Leibe zu doktern. Aber bis dahin vergingen bittere Wochen und Monde. Das treffende Wort von der Wüste und dem Streichen von Ziegeln trat ihm dabei oft vor die Seele. Nur leider: seine schönen Pläne für das kommende Frühjahr und den wohligen Sommer gingen dabei jämmerlich in die Brüche. Allerdings, der Herbst war noch da, mit seinem Falben und Gelben, seinem Blätterfall und der hohen Musik der trenzenden Kronenträger. Allein auch diese Hoffnung gestaltete sich zu einem Lied ohne Worte, blieb Schall und Rauch, wenngleich der Kapitalhirsch auch zur Strecke gebracht wurde.

Aber nicht von ihm. Er kam zu spät.

Eine unlautere, nicht zuständige Kugel warf den stolzen Waldkönig auf Porst und Nadeln.

Bei einer traurigen Gelegenheit kam manches zutage; denn in dem properen Häuschen am Hasenfang, unfern von Hiltrup, wurde die Trophäe gefunden. Ungepflegt, noch mit Schweiß und Suhlschlamm bedeckt, lag sie unbeachtet in irgend einer verlorenen Ecke ... und wie es so kam: Herr Joseph Stienen, der großartige, splendide Herr Stienen, den man nicht ansehen konnte, ohne an Hummer, Trüffeln in der Serviette, gebratenen Poularden und Rheinsalm mit holländischer Sauce zu denken, hatte das Nachsehen.

»Betrüblich,« sagte Herr Stienen, »aber es ist nichts dran zu ändern. Charles, 'n Gläschen mit Portwein für mich selber, hochwohlgeboren,« und er sann über den Wandel und Wechsel der Zeit nach und dachte an ein Versprechen, das auf Krücken umherstolperte.

»Nichts mehr zu ändern.«

Auf Getter sangen die Merlen. Jetzt freier und offener, von Gottes schöner Morgenfrühe an bis spät in den sinkenden Abend hinein. Die struppige Heide verlor ihr eintöniges Braun, legte ihr Grünes an, strählte ihr Haar und ließ die gelben Sternchen des kriechenden Fingerkrautes darin aufleuchten. In den Buchenhecken war ein Drängen und Treiben, ein Werden und Aufbegehren. Die harten Knospen erinnerten an Schmetterlingspuppen, dunkel wie gebrannte Erde und mit einem glänzenden Lack überzogen. Die hellen Birken schienen weißer als sonst, ihre hängenden Ruten schwanker und feiner, über und über mit Glimmer und kleinen Smaragden behangen. In den Vorgehölzen blühten Windröschen und Leberblümchen. Im satten Getreide konnte sich bereits ein heuriges Häschen verbergen. An den Wald- und Uferrainen war es blau von Veilchen geworden, und hoch über den schwarzen Nadelwipfeln der Hallüh zog ein Falke seine geruhsamen Kreise. Ein zweiter gesellte sich ihm. Die stolze Gefährtin. Aus strahlendem Licht jauchzte der Liebesschrei auf die erwachende Erde herunter, die des Königs und der Königin im weiten Reich der Lüfte.

Die beiden Frauen waren schon längst von Darfeld zurück; Judith in ihrer alten Strenge und Herbe, wenn auch milder gesinnt und mit einem wehmütigen Zug um die Mundecken, Hille blühender und reifer denn sonst, verklärt durch das Geheimnis werdender Mutterschaft, aber auch abgekehrter, fremder, nicht mehr so heimisch zwischen ihren vier Pfählen und noch immer verzehrt von der unseligen Stunde, die sie beim Ausgang der vergangenen Weihnacht hatte erdulden müssen. Zu einer befreienden Aussprache kam es nicht, wenigstens jetzt nicht. Eine ungelöste Dissonanz zitterte in ihr nach. Sie war nicht ihr früheres Ich mehr. Nur verwehte Klänge des Alltags drangen ihr zu, und diese Klänge waren rauh, unduldsam, wie aus harten Gegensätzen gesponnen. Und wie schön hatten ihr früher die Glocken geläutet, die von Darfeld und die vom benachbarten Hiltrup und Amelsbüren! Osterfreude und Pfingstfreude! aber die Erinnerungen hatten ihr nichts mehr zu sagen, denn sie fühlte es deutlich: immer mehr glitten die auseinander, die zusammen gehörten, die bestimmt waren, Bett und Tisch zu teilen, um sich dereinsten hinzulegen und das große und feierliche Licht zu erwarten. Die Liebe stirbt, wenn man sie beschreit oder zu laut ihren Namen ruft. Daran dachte sie immer, blieb eigentümlich erregt, hörte auf fernes Raunen, das anderen nicht zugänglich war, und sehnte sich danach, just wie auf Darfeld, den Helweg aufzusuchen und wie die ›Blassen‹ im Lande in die Zukunft zu blicken, unwiderstehlich, mit einer zwingenden Gewalt, die sie sich selber nicht zu erklären vermochte. Das Gesinde rückte von ihr ab. So glaubte sie in ihren wehen Gedanken. Was wollten die Menschen nur? Hatten sie sich bereits ihre eigene Meinung gebildet? Kläger und Angeklagte. War sie die Beklagte? Hatte sie ihr Gesicht zu verhüllen, die Stunde zu fürchten und den andern Tag zu suchen, der längst dahin war, wegemüde, dem Tode nahe und mit offenen Augen, die nicht mehr sehen konnten? Sie lächelte bitter. Nein. Erhobenen Hauptes, reinen Sinnes durfte sie noch unter ihre Leute treten, ihren Blicken begegnen, ohne sich sagen zu müssen: »Du bist schuldig geworden,« und Frau Hille straffte sich in ihrer ganzen Ehre und Frauenschönheit, öffnete die ehrwürdige Truhe in ihrem Zimmer, entblößte die Schultern, legte sich den stolzen Schmuck um den weißen Nacken und trat vor den Spiegel.

»Hier mein Gelöbnis,« sagte sie zuckenden Mundes. »Ich bin eine Travelmann. Weh' dem, der daran rüttelt!«

Das war Hille, die geborene Darfeld.

»Wehe dem!«

Ihre Stimme war mächtig, fast drohend geworden, und als Johanna erschien, um ihr beim Auskleiden behilflich zu sein, wies sie diese zum erstenmal ab, ohne ersichtlichen Grund, schroff und unvermittelt, als scheue sie sich, ihren Leib von den linden Händen des sonst so wohlgelittenen Mädchens berühren zu lassen.

»Geh' auf deine Kammer, Johanna! Ich genüge mir selber.«

Unwillig, wenn auch tränenden Auges, ließ sie das Kleinod wieder in die Truhe gleiten.

Frau Judith harrte und hoffte.

Ihr Krückstock ging laut durch Ställe und Scheunen. Er klang wie Hammerschlag auf fünfzöllige Nägel, bestimmt, die eheliche Gemeinschaft ihrer Kinder aufs neue zu kuppeln und in Richte zu bringen, eine Mahnung für beide, ein Appell an ein überempfindliches Herz und an ein solches, das aus der Erbschaft der Travelmänner stammte und nötig hatte, mit einem eisernen Reifen gebändigt zu werden.

Sie verteilte die Schuldfrage nach Recht und Billigkeit, ohne ihrer Schwiegertochter zu nahe zu treten, ohne ihrem Sohne die ganze Last auf die Schultern zu bürden. Nur Ruhe im Hause, Friede auf Getter, stilles Herdfeuer, Gemeinschaft der Seele und des Leibes ... das war es, was eintreten mußte, bevor es zu spät war und sie sich genötigt sah, Gottes Wasser über Gottes Acker laufen zu lassen.

Gleich nach ihrer Rückkehr hatte sie Hövelkamp zu sich rufen lassen und ihn um Auskunft gebeten.

Sie dachte dabei an die Fuchshaarige, an den Knecht mit dem Antilopengesicht und an andere Dinge, aber nicht an das, woran Hövelkamp dachte, nicht an das, was bedrohlich unter den Sparren knisterte, geknistert hatte – damals, als die magere Lampe verlosch und die Stunde sündig wurde. Daran dachte sie nicht, das lag ihr so fern wie einem christkatholischen Menschen die Entweihung des Allerheiligsten. Aber Hövelkamp dachte daran, ohne Aufhören, mit der Hartnäckigkeit von Wassertropfen, die immer wieder auf ein und dieselbe Stelle platschen. Sein Gesicht blieb dabei verschlossen und undurchdringlich.

»Nun?« fragte Judith.

Er zuckte die Achseln.

»Frau Travelmann,« sagte er schließlich, »gute Wacht ist wie der Stern Gottes. Er sieht alles und leuchtet denen, die bestimmt sind, Augen auf und Ordnung zu halten.«

»Und das habt Ihr getan?«

»Von morgens bis abends.«

»Und kein Arges befunden?«

Der Gefragte sah wunderlich ernst ins Leere.

»So zu sagen das, was Sie meinen, ist der Satzung gemäß. Indessen, ich habe noch anderweitig auf Posten zu stehen. Ein Baum fällt nicht auf den ersten Hieb, und wer 'ne Füchsin auf den Balg legen will, hat lange auf der Hasenquäke zu spielen. Möglich, 'ne gute Peitschenschnur tut's auch. Aber darüber kann ich bis jetzt nicht befinden. Gute Wacht ist wie der Stern Gottes. Ich meine ... darf ich aussprechen, Madam?«

»Ja, sprecht nur! Ich höre.«

»Frau Travelmann, 'n richtiger Hof muß wie ein Königreich sein. Nicht so 'ne demokratische Sache, wo jeder glaubt, mitregieren und seinen Dämelkopp zeigen zu müssen. In so 'nem Staat wird alles über ein und den nämlichen Leisten gezogen. Das Volk als solches ist gar nichts. Dafür gebe ich kein rotes Kastemännchen. Bloß Hammel, kein Schäfer. In so 'nem Königreich aber, da ist militärische Zucht und Verfassung. Gewissermaßen ein Zentrum. Besonders in dem preußischen. Das Höchste bleibt immer die Fahne. Da steht sie ... und wenn sie auch manchmal was splissig und angekratzt wurde: sie bleibt immer die Fahne des Königs und drum auch die meine. Ein Hundsfott, wer die Fahne verplempert. Und wenn da noch 'ne Königin ist, und wir haben 'ne solche auf Getter, für die lege ich meine Hand ins Feuer, für die gehe ich über glühende Eisen. Mehr sage ich nichts nich.«

Eine vielsagende Geste deutete auf die nicht ausgesprochenen Worte, aber er wachte ... er wachte in Hof und Haus, während der Dämmerung, in stiller Nachtzeit, während das milchweiße Mondlicht durch die Zweige flatterte, beim ersten Frühlicht, ohne dabei Raufen und Streu zu vergessen und nach der Ordnung zu sehen ... er wachte, wie die geharnischten Männer den jüdischen Fürsten bewachten, dreitausend zur Rechten, dreitausend zur Linken ... wenn auch nur im verwaschenen Bauernkittel, ohne Waffenklirren, aber auf die Ehre und das Wohl der jungen Herrin bedacht, gefestigt in sich und seinen Heiland zwischen den Rippen, bis eines Tages – es war Samstagabend geworden und schon spät unter dem Monde – da sah er auf seinem verschwiegenen Patrouillengang ...

Es hielt schwer, dem lautlosen Flur ein Licht abzugewinnen, nur 'nen Finger vor Augen zu sehen ... und dennoch: ihr Gesicht stand wie ein weißer Fleck in der Dunkelheit, der Duft ihres Leibes erfüllte den weiten Gang, ihr leichtes Kleid raschelte ... und einer war bei ihr, der hatte den Arm um ihre Taille gelegt und sie an sich gezogen. Dann war die Türe gegangen, hatte sich wieder geschlossen, ohne Geräusch, nur so, als wäre eine Fledermaus vorüber gewuchtelt.

Hövelkamp spie aus, als hätte er Gift auf der Zunge.

»Zweites Buch Mosis,« sagte er heiser, »zwanzigstes Kapitel, vierzehnter Vers: Du sollst nicht ehebrechen. Aber geschrieben steht auch: Du sollst nicht die Hand wider deinen Herrn erheben. Königtum! Herr und Knecht sind verschiedene Menschen. Das kommt mir nicht zu. Da kann nur ein Höherer helfen, einer von denen, dem es vergönnt ist, als Richter zu sprechen und zu beurteilen: so kam es, so machte es weiter und so ist es Sünde geworden.«

Er ging.

Auf seiner Kammer brannte noch Licht.

Hinter seiner Bettstelle lehnte die Peitsche. Er nahm sie und brachte sie in seinem Schrank unter und riegelte ab.

»Nicht mehr nötig,« sagte er fahrig. »Auch die Hasenquäke – fort damit. Was jetzt kommt, ist das Amt dessen, der das Wort Gottes verkündet.«

Andern Tages, in der Morgenfrühe, läuteten die Glocken von Hiltrup die Verehrung des Herrn ein. Sie jubelten mit den Lerchen des Himmels und freuten sich mit den Halmen und Grannen, die die Feldmark mit einer grünen, leicht dahinwallenden Gaze bedeckten.

Heute war Sonntag, von dem geschrieben stand: »Du sollst den Sabbat heiligen.«

Die Arbeit ruhte auf Getter. Nur das Nötige wurde besorgt: die Pferde gestriegelt, das Vieh getränkt, Futtertröge und Raufen bestellt. Im übrigen war das Gebot des Ewigen in allen Kammern: »Ihr sollt meinen Namen feiern und ihn mit Andacht nennen.«

Alle dachten daran, alle kamen ihm nach.

Hövelkamp stand zuerst auf den Beinen. Die Nacht war ihm unter wirren Träumen, Gedanken und Erwägungen dahingegangen. Er hatte Vergleiche gezogen, ähnliche Fälle Revue passieren lassen und biblische Gestalten beschworen. Vor allen Dingen den fürstlichen Sänger, der mit seinem Psalterspiel vor der Bundeslade getanzet, begleitet von den Töchtern des Landes mit Pauken am Reigen, und die Worte traten ihm in den Sinn, die da lauten: »Da der König David alt war und wohl betaget, konnte er nicht warm werden, obgleich man ihn mit Kleidern bedeckte. Da sprachen seine Kämmerer: Laßt uns eine Dirne, eine Jungfrau holen, die vor ihm stehe, seiner pflege und schlafe in seinen Armen. Und sie gingen hin und fanden die schöne Abisag von Sunem.«

Paßte die Sache?

»Nein,« sagte sich Hövelkamp, »denn der Herr hat Wärme genug,« und er suchte nach einem andern Beispiel. Er gedachte Salomos, des Sohnes der Bathseba, des Erbauers des Tempels und wohlgefällig dem Schöpfer. Aber dieser gottdienliche Mann, obgleich er eine Krone trug, geschmiedet aus dem Golde von Ophir, und Jehova verehrte, liebte viele ausländische Schöne, die Tochter Pharaos, moabitische, ammonitische, edomitische und hethitische Jungfern. Siebenhundert waren seine leiblichen Frauen, dreihundert Kebse, die ihn salbten und streichelten und ihm die Nächte zu lieblichen machten.

Paßte die Sache.

»Nein, denn Salomo war ein jüdischer König und aß nur das, was die Klauen spaltete und wiederkäuete unter den Tieren. War somit kein christlicher Herrscher und konnte tun, was er wollte. Der Freisasse aber ... Außerdem: eine Kebse oder dreihundert von der nämlichen Sorte, bleibt in unsern Zeiten ein Greuel vor dem Herrn.« Mit den biblischen Helden war also nichts anzufangen. Sie entschuldigten nicht, gaben keinen Anhalt und waren daher in die Rumpelkammer zu verweisen.

Das tat auch Hövelkamp.

Sein Wille stand fest. Er hatte zu handeln.

Vor dem kleinen Spiegel, den er mit trockenen Eicheln und Fichtenzapfen umrahmt hatte, seifte er sich ein und schabte die grauen Drahtstifte sorgfältig aus dem rissigen Gesicht.

Wie der Mann, so die Schlafgelegenheit. Sie war proper, wenn auch puritanisch gehalten, ähnlich der eines Mitgliedes der Barmer Missionsgesellschaft: die Wände gekalkt, daran verschiedene Heiligenbilder aus der Offizin von Gebrüder Benziger in Einsiedeln, grelle Farbendrucke in Neuruppiner Manier, ein Schrank aus Kiefernholz, ein paar Binsenstühle und am Fenster das fleißige Lieschen, in braunglasierter Scherbe und mit Blüten beladen. Nichts Absonderliches; nur auf der mit einem Häkeldeckchen verschönten Kommode erhob sich ein altmodischer Zylinder aus den dreißiger Jahren, jetzt aussehend wie das Fell Meister Löffelmanns, der in seiner Todesnot vor den entsetzlichen Schroten sich durch einen eisenhaltigen Tümpel geflüchtet – ein Erbteil seines seligen Vaters, aus dessen Zeit, als er noch in Billerbeck den Tod angesagt, sich als Leichenbitter betätigt und seinen kleinen Acker umbrochen hatte. Auf Getter konnte sich nur noch der Gutsherr rühmen, einen solchen Schmuck zu besitzen.

Ja, dieser Hut! und Hövelkamp stülpte ihn mit einer gewissen Form und Feierlichkeit über, als er sauber rasiert, den langschößigen Rock angetan und die schwarzgebundene Handpostille unterm Arm, sich anschickte, das Haus zu verlassen.

So ausgerüstet erinnerte er an den Paten des Todes.

Ohne den Morgenimbiß einzunehmen, wortkarg, verschlossen, trat er ins Freie.

Am Krautgarten stieß er auf Judith, die eigenhändig und trotz des heiligen Sonntags die keimenden Erbsenrabatten mit Reisern besteckte.

»Was, Hövelkamp,« rief sie ihn an, »so früh schon bei Wege?«

»Ich mache nach Hiltrup.«

»Das seh' ich. Für gewöhnlich jedoch besucht Ihr das Hochamt.«

»Tu' ich auch sonst. Aber heute ... meine Sache hat Eile.«

»Weshalb denn so eilig?«

»Weil es mein Herr und Seligmacher gebietet.«

»Na, so was! Was wird Euch denn von Eurem Herrn und Seligmacher geboten?«

»Madam,« versetzte Hövelkamp, schob sich näher heran und legte die Hand auf den Lattenzaun, »daß ich's men sage: Ich bin jetzt aus der Biesternis heraus und kann für mich und meine Überlegung erklären: Die äußern Umstände tun es allein nicht – der Peitschenstiel nicht und die Handvoll Schwielen erst recht nicht, und wenn die Arbeiter kommen und immerzu renommieren: Wir sind die Kerle, wir machen's, so sage ich ihnen: Handlanger seid ihr. Nichts weiter, denn nur das Studiertsein, das Wort und die Anschauung Gottes haben Gewalt in den Knochen. Der Spiritus tut es.«

»Und da wollt Ihr ... und das im Zylinder ...? Wir haben heute kein Osterfest, und bis Pfingsten ist es auch noch weithin. Warum da so nobel?«

»Madam, ich bemerkte schon eben« – und seine Brauen schoben sich energisch zusammen – »ich habe mit meinem Herrn und Seligmacher, beziehungsweise mit seinem Vertreter zu sprechen.«

Judith wurde unruhig.

»Mensch,« fuhr sie auf, »Ihr wollt doch nicht etwa behaupten ...?«

»Ich will nichts behaupten, absolut gar nichts behaupten. Nein, Frau Travelmann, das mit dem Wasser, den Bouteillen und dem fidelen Ohm ist noch nicht das Schlimmste auf Erden. Aber das übrige, das, was bei Nachtzeit umgeht und mit den Kleidern raschelt, darüber wird der Herr Dechant befinden. Der Spiritus tut es, die Gottesnähe, Frau Travelmann.«

Frau Judith stierte ihn an.

Ihr Krückstock bohrte sich in eine Erbsenrabatte.

»Mir ist so, als wenn Ihr in 'nem Narrentum stecktet,« sagte sie heftig.

Der grobknochige Mann wurde bleich.

»Mag sein,« versetzte er schartig, »aber ich will gern in meinem Narrentum bleiben, wenn ich das Sanktum nicht weiter verschimpfieren und verunreinigen lasse. Das will ich hiermit festgelegt haben. Adjüs denn!«

Er zog die Hand von den Latten zurück.

»Dann geht in Gottes Namen!« sagte die Alte bedrückt vor sich hin.

»Tu' ich, Frau Travelmann, und wäre es für mich der letzte Tag auf Getter gewesen,« und langen Schrittes, in seinem breitschößigen Sonntagsrock, die Handpostille im Arm, ohne rechtwärts oder linkwärts zu schauen, den Blick sturgeradeaus, nahm er den Weg unter die Schuhe, gestärkt durch die ihm von Gott verliehene Mission, klar in seinen Anschauungen, wachen Geistes und von dem Gedanken beseelt, in wenigen Stunden einer schweren, unerträglichen Last enthoben zu werden.

Das junge Morgenlicht fiel hell über ihn her. Alles glitzerte und gleißte um ihn. Drüben im Kleeacker erhob sich ein grauer Pfahl, der Beine bekam und eiligst davonhoppelte, als die Schritte des Frühaufstehers fester und herzhafter wurden. Über der grünen Saat schaukelten singende Lerchen.

Der Insichgekehrte hatte dessen nicht acht.

Rechts von ihm, neben der Sandwehe, lag der Kotten mit den vereinsamten Kiefern, immer noch mit verschlossenen Läden.

Hövelkamp drückte die Augen ein, um nicht die Stätte zu sehen, wo die Sünde in üppiger Gestalt zuerst die vier Wände beschrien hatte. Mit dem letzten Glockenschlage betrat er die Kirche zu Hiltrup.

Er drängte sich dicht an den Bildstock, an den gekreuzigten Heiland.

Hier kniete er nieder.

Er betete, wie der Dulder gebetet, als er den Garten Gethsemane aufsuchte, da er kurz zuvor die Worte an Petrus gerichtet hatte: »In dieser Nacht, ehe der Hahn zweimal krähet, wirst du mich dreimal verleugnen.« Er betete, wie Christus es tat, als er mit dem schweren Marterholz aus dem Tore von Jerusalem wankte. Er betete, wie der Nazarener betete, als er zum letztenmal in die umdüsterte Sonne schaute und in die schmerzlichen Worte ausbrach: »Es ist vollbracht. Herr, in deine Hände empfehle ich meinen Geist.«

Eine halbe Stunde nach der Frühmesse, nachdem er alles nochmals erwogen, überlegt und wie Steine umgewälzt und aufgemauert hatte, begab er sich zum Pastorat.

Ludgerus Hölscher war zu Hause.

»Dann melden Sie mich: Bernhard Joseph Franz Friedrich Raban Hövelkamp von der Getter.«

Die Haushälterin kehrte zurück: »Hochwürden lassen bitten.«

»Merci!«

Er wischte sich mit dem blau und gelb gewürfelten Sacktuch den Schweiß von der Stirne und versenkte es in die Röhre seines abgenommenen Hutes.

»Bitte, Herr Hövelkamp.«

»Nochmals meinen gehorsamsten Ausdruck.«

Die Handpostille in der Rechten, den mächtigen Zylinder sorgfältig wie ein Weihbecken vor sich hertragend, um ja kein Tröpflein des heiligen Wassers zu verspritzen, trat er dem würdigen Kleriker entgegen.

»Gelobt sei Jesus Christus!«

»In alle Ewigkeit, Amen. Nun, mein lieber Hövelkamp, was verschafft mir die Ehre?«

Der also freundlich Begrüßte hörte über die gütigen Worte hinweg, als wären sie an Sankt Ludgerus gerichtet, der über dem Sofa auf einer Konsole thronte und mit seinen gipsernen Augen und gipsernen Händen das trauliche Heim des Dechanten benedizierte.

»Hochwürden,« holte er tief aus seiner Weste heraus, »daß ich hier stehe und den Mut gefunden habe, dies Haus zu betreten, ist um der Barmherzigkeit wegen und um Gottes Willen geschehen. Nichts für ungut, Hochwürden, aber ich rechne nicht zu den Schleichern und Leisetretern, die wie das Frett nächtlicherweile die Entenställe umschnüren. Ich meine indessen: es ist nicht gut, ein Weib unter den Sparren zu wissen, das bekleidet ist mit Scharlach und Rosinfarbe, trunken von dem Blut des Opfers und mit 'nem goldenen Ring durch die Nase.«

»Aber Hövelkamp ...!«

Der Angerufene stand da, wie Johannes, der Theologe, gestanden haben mochte, als er seine Gesichte hatte und anhub, die Offenbarung zu schreiben: »Wer Ohren hat, der höre, was der Geist den Gemeinen sagt. Wer überwindet, dem soll kein Leid geschehen von dem andern Tode.«

Der Zylinder machte eine sanfte Bewegung.

»Hochwürden, ich würde mir leid tun, sollte man mich zu den Zöllnern und Angebern rechnen. Dem Knecht, was des Knechtes, und dem Herrn, was des Herrn. Ich hebe nicht die Hand wider den Herrn, denn er ist gesetzt von der Ordnung und berufen, alles mit seiner Faust zu regieren. Er ist die Obrigkeit, und wer es wagt ... Aber wenn es trotzdem passiert ...«

Er tat einen tiefen Atemzug und preßte das schwarze Buch gegen die Weste: »Hochwürden, ich hab' 'ne Beichte, vielmehr ein Bekenntnis abzulegen.«

Ludgerus Hölscher erschauerte vor dem Ernst und der Hoheit des einfachen Mannes. Seine hervorgezogene Schnupftabaksdose drehte sich wie ein flirrendes Rädchen.

»Hövelkamp,« sagte er nach einigem Besinnen, »soll es in der Kirche oder hier in meinem Hause stattfinden?«

»Das Zimmer genügt.«

»Dann bitte!«

Er deutete auf einen Stuhl und machte das Zeichen des heiligen Kreuzes.

Hövelkamp, den Hut auf den Knien, begann leise zu sprechen: »Hochwürden ...«

 << Kapitel 15  Kapitel 17 >> 






TOP
Die Homepage wurde aktualisiert. Jetzt aufrufen.
Hinweis nicht mehr anzeigen.