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Die Seelen-Folter

August Gottlieb Meißner: Die Seelen-Folter - Kapitel 5
Quellenangabe
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typenarrative
authorAugust Gottlieb Meißner
titleDie Seelen-Folter
publisherHermann Luchterhand Verlag
editorHanne Kulessa
year1984
isbn3-472-68523-9
correctorreuters@abc.de
senderwww.gaga.net
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Französischer Justizmord

Von der ehemaligen französischen Kriminal-Justiz, ihren mannigfaltigen Gebrechen und vorzüglich ihrer allzu großen, allzu raschen, allzu buchstäblichen Strenge ist schon so manches geschrieben, so manches Beispiel gesammelt worden, daß man leicht mit dieser letztern Arbeit ganze Alphabete füllen könnte. Umsonst verhallte in diesem Punkte Voltaires sonst so allgeachtete Stimme. Seine Beredsamkeit konnte höchstens nur ein paar einzelne Unglückliche retten und noch gewöhnlicher ihrem Leichnam nur zu einem ehrlichen Begräbnis verhelfen. Im Ganzen blieb alles beim Alten!

Folgende Anekdote, die für eine Ballade und theatralische Bearbeitung vielleicht kein undankbarer Stoff gewesen wäre, ist, so viel ich weiß, noch nirgends gedruckt und ungezweifelt wahr, denn ich verdanke sie der Erzählung eines Augenzeugen, der den Unglücklichen selbst zum Tode führen sah. Des nun schon seit sieben Jahren gestorbenen Oberlandbaumeister Krubfacius in Dresden.

Im Jahre 1755 lebten unter den sieben bis acht Mal hunderttausend Menschen, die Paris bewohnen, auch ein junger Schlossergeselle und sein Mädchen. Er ein fleißiger, braver, geschickter und, nach Landessitte, recht herzlich in seine Schöne verliebter Bursche, sie eine feine ehrliche Dirne, die sich durch Nähereien recht artig ihren Unterhalt erwarb, die, trotz dieses oft zweideutigen Gewerbes und trotz ihrer Unabhängigkeit als elternlose Waise, doch völlig bei unbescholtenem Rufe blieb, von allen ihren Bekannten geschätzt wurde und ihren Joseph (so hieß jener Bursche) von ganzer Seele lieb hatte. Beide glaubten bereits dem Zeitpunkt ihrer Verbindung nahe zu sein, sahen sich alle Tage und hatten sich schon ziemlich zu ihrer Wirtschaft vorbereitet.

Eines Morgens ward der junge Mann in ein Haus, dicht an der Wohnung seines Mädchens, gerufen, um ein zugeworfenes Schloß wieder aufzusprengen. Er tat dieses und wollte wieder heim gehen, als ihm sehr natürlich der Gedanke befiel, hurtig ein paar Augenblicke zu seiner so nahen Geliebten hinaufzuschlüpfen und sich: wie sie geruht habe? zu erkundigen. Gedacht, getan! Sie wohnte im fünften Stockwerk; ihr Vorhaus pflegte verschlossen zu sein. Der junge Schlosser klingelte daher auch jetzt, aber er klingelte lange vergebens. Ein so früher Ausgang schien ihm verdächtig, und es erwachte bald die eifersüchtige Besorgnis: Wie? Wenn sie sich vielleicht mit Fleiß verschlossen, dich gesehen, wohl gar irgend etwas Unrechtmäßiges dir zu verbergen hätte?

Ein solcher Argwohn im Kopf eines Alt- oder Neufranken ist immer ein schlimmer Gast. Auch Josephs Verdacht ward mit jedem neuen Klingelzug stärker. Er legte sein Ohr dicht an ein paar Spalten der Tür und glaubte, nach der gewöhnlichen Art der Selbstquäler, wirklich darin ein Flüstern und Rascheln zu vernehmen. Natürlich, daß durch alles dieses seine Unruhe trefflich wuchs; er sann bereits hin und her auf Rache; und endlich fiel es ihm ein, daß er ja so eben durch ein günstig scheinendes Ungefähr sein Handwerkszeug bei sich habe.

Wie, dachte er, wenn ich mich nun dessen zur Eröffnung dieser Tür bediente? Ist meine Braut treulos, so verdient sie Beschämung, und unser Handel ist geendigt. Ist sie unschuldig, so bitte ich um Verzeihung, und sie vergibt meiner Eifersucht, um meiner Liebe willen. Aber wie? Wenn sie noch schliefe? Müßte doch wahrlich ein Totenschlaf sein! Und zudem wäre ja dem Bräutigam auch wohl solch eine Überraschung vergönnt.

Noch während dieses ungesprochenen Monologs bediente der Eifersüchtige sich bereits seines Handwerkszeugs, eröffnete ziemlich leise die Tür, fand das Zimmer offen und huschte hinein. Jetzt erkannte er seinen Verdacht unbegründet und fand, daß sein Mädchen wirklich schon ausgegangen sei. Er wollte sich daher sogleich wieder entfernen, als ihm auf ihrem Arbeitstische ein kleines, niedliches verschlossenes Kästchen in die Augen fiel.

Was ist das? setzte er seine Gedankenreihe fort: Noch nie sah ich dieses Kästchen bei ihr. Es ist so leicht; höchstens können einige Papiere darin verwahrt sein. Ich will einen Scherz machen, will es mitnehmen. Wenn sie es vermißt, auf wen wird sie wohl raten? Sicher wird sie zu mir kommen – wird mir es klagen. Ich lasse sie dann ein wenig in der Angst zappeln, zeige es ihr endlich, mache den Argwöhnischen, vermute Liebesbriefchen darin und so weiter, kurz, ich will es mitnehmen.

Auch diesen Einfall vollführte er, machte ganz geschickt die Saaltür wieder zu und entfernte sich, von niemanden im ganzen Hause, wie er glaubte, bemerkt.

Kurz darauf kam die Näherin heim; an der Saaltür spürte sie nichts, aber beim ersten Eintritt ins Zimmer vermißte sie sogleich ihr Kästchen, denn gerade dessentwegen kam sie wieder nach Hause; es waren Spitzen von einigen hundert Livres am Werte darin; sie hatte solche vorher schon zu der Herrschaft, der sie gehörten und von welcher sie dieselben zum Ausbessern erhalten, nach Hause tragen wollen, aber unglücklicherweise über andern Dingen sie vergessen. Jetzt, als sie verschwunden waren, erhob sie ein lautes Geschrei. Im ganzen Hause lief sie herum, erzählte jedermann, daß sie bestohlen worden sei, fragte, ob man keine Spur von den Dieben ihr geben könne? und überließ sich bei einem Verlust, der ihr so unersetzlich schien, der äußersten Verzweiflung.

Der Wirt, als er von ihrem Unfall erfuhr, schickte aus Mitleid sowohl gegen das arme Mädchen als aus Sorge für den guten Ruf seines Hauses sogleich nach einem Polizeikommissar; es ward die strengste Untersuchung in allen Stockwerken angestellt, aber man fand natürlicherweise das Kästchen nirgends. Bei den sämtlichen Hausgenossen ward nun nachgeforscht: Ob sie nicht irgend jemand kommen oder weggehen gesehen hätten? Aber auch hier wollte sich eben so wenig irgend eine Spur finden, und die Gerichtspersonen waren schon im Begriff sich zu entfernen, als eine Strumpfstrickerin, die diesem Hause gegenüber ihren Laden hatte, durch das Getümmel herbeigelockt ward und von dem Vorfall hörte.

»Je nun«, fing sie ganz in ihrer Unschuld an, »jemanden hätte ich doch wohl unterdes ins Haus hinein und wieder herausgehen sehen, jemand, der allerdings oben gewesen sein muß, aber unmöglich der Dieb sein wird.«

Man fragte sie: Wer das gewesen sei?

»Der Jungfrau ihr Bräutigam; er blieb ein geraumes Weilchen darin!«

Bei diesen Worten erblaßte das arme Mädchen und versicherte: daß der gewiß nichts ihr weggenommen habe. Aber der Polizeibeamte behauptete sogleich: daß auch bei ihm Nachforschung geschehen müßte. Man ging hin; er war abermals ausgegangen, doch man durchstöberte seinen Verschlag, und siehe da, das vermißte Kästchen, nur ganz leicht in seiner Wäsche versteckt, fiel bald in die Hände der Suchenden.

Sogleich folgte die Wache an den Ort ihm nach, wo er hingegangen war. Der arme Jüngling staunte nicht wenig, als er sich verhaftet sah; doch er schien wieder guten Mutes zu werden, als er hörte: warum dies geschehe? Er erzählte sogleich alles, was wir kurz vorher auch erzählt haben, gestand, daß er die Saaltür aufgemacht, das Kästchen mitgenommen und einen Spaß mit seinem Mädchen haben wollen; aber er erschrak schon ein wenig, als man ihm versicherte: daß vor Gericht ein solcher Spaß nicht gälte, sondern daß auf die Aufsprengung einer Tür in des Inwohners Abwesenheit und auf die Entwendung einer schon weit geringfügigem Sache nichts geringeres als der Strang stehe.

Er entschuldigte sich zwar, daß dies alles seiner Absicht halber für keinen Diebstahl gelten könne; er erbot sich zu dem feierlichen Eide: daß er jetzt erst erfahre, was in diesem Kästchen, dessen Schloß er nicht einmal angerührt habe, enthalten sei. Aber man erwiderte: daß dieses eine leichte Ausrede jedes Spitzbuben sein würde und ein falscher Eid bei einem solchen Fall gar leicht sich schwören lasse. Kurz, der peinliche Prozeß nahm in aller Förmlichkeit seinen Anfang.

Jetzt entfiel dem Ärmsten das Herz. Umsonst gab ihm sein bisheriger Meister, umsonst jeder seiner Bekannten das Zeugnis des unsträflichsten Lebens. Umsonst warf sich sein verzweiflungsvolles Mädchen zu den Füßen seiner Richter; umsonst schienen selbst diese, so wie ganz Paris, von seiner Unschuld überzeugt zu sein. Der tötende Buchstabe des Gesetzes ging aller andern Rücksicht vor, und wenige Tage darauf beschloß der Unglückliche am Galgen sein Leben.

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