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Die Seelen-Folter

August Gottlieb Meißner: Die Seelen-Folter - Kapitel 13
Quellenangabe
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typenarrative
authorAugust Gottlieb Meißner
titleDie Seelen-Folter
publisherHermann Luchterhand Verlag
editorHanne Kulessa
year1984
isbn3-472-68523-9
correctorreuters@abc.de
senderwww.gaga.net
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Auch Mordbrenner und Selbstverräter

Etwas Ähnlichkeit mit vorhergehender Begebenheit in Rücksicht des Verbrechens der Heuchelei, die dabei obwaltete, und der Freiwilligkeit des Geständnisses, hat, wie mich dünkt, die Geschichte eines Unglücklichen, den ich selbst in meinen Jünglingsjahren seine (fast möchte ich sagen, allzu harte) Strafe leiden sah. Es fehle ihr freilich das Ausgezeichnete in der Ursache der Entdeckung. Der Verbrecher kam hier auf einem weit gewöhnlichem Wege zur Gewissensunruhe und zur Selbstangabe. Dennoch dünkt sie mir auch insofern der Erzählung nicht unwert, als man aus ihr ersieht: daß der Anschein der Unschuld also eben so trügend, als der Anschein der Schuld sein könne.

Auf einem Dorfe in der Oberlausitz, unweit Budissin gelegen, verliebte sich im Jahr 1770 oder 71 ein junger Bauer in eine ebenfalls noch junge, ziemlich wohlhabende Witwe, warb um sie, erhielt aber abschlägige Antwort. So weh ihm diese letztere tat, so schreckte sie ihn doch nicht ganz ab. Er suchte vielmehr alles hervor, was er nur wußte und vermochte, um sich annehmlicher zu machen; vergebens! Endlich, als nichts anschlagen wollte, schickte er ihr einen Brief, dessen Anfang nochmals warb und dessen Ende – drohte. Ihre Verweigerung werde sie, versicherte er, einst, und zwar bald gereuen, werde sie noch um Haus und Hof bringen, wenn sie nicht eines bessern sich besinne.

Dies hieß freilich sehr nachdrücklich gesprochen, ward aber doch – nicht erhört. Die Witwe heiratete bald darauf einen andern, der ihr besser gefiel.

Acht oder zehn Tage nach dieser Hochzeit stand eines Morgens ihr Bauergut schnell in heller Flamme und verbrannte fast bis auf den letzten Span. Es fanden sich die allerdeutlichsten Spuren boshafter Anlegung, und der Verdacht davon fiel, sehr begreiflich, auf jenen unglücklichen Freiwerber. Er ward sogleich verhaftet, nach Budissin gebracht und verhört. Aber trotz der aller sorgfältigsten Untersuchung konnte man – außer jenen Drohworten, die er selbst eingestand, doch viel linder deutete! auch nicht den kleinsten Beweis gegen ihn aufbringen; vielmehr ergab sich ein Umstand, der sehr zu seinen Gunsten sprach. Das Feuer auf der Bäuerin Gute war, wie bereits erwähnt worden, des Morgens, und zwar an einem Sonntags-Morgen ausgebrochen. An eben diesem Sonntag nun hatte der Inquisit in einer fast vier Meilen von jener Brandstätte entlegenen Kirche vor der Frühpredigt gebeichtet und nach derselben das Abendmahl empfangen. Noch mehr in eben diesem so entlegenen Dorfe war er schon des Abends vorher befindlich gewesen und hatte sich zu gewöhnlicher Zeit schlafen gelegt. Über alle diese Punkte stellte er unverwerfliche Zeugen. Wollte man ihn auch für ruchlos genug halten, daß er einen solchen wichtigen (für Leute seines Standes zweifach ehrwürdigen) Tag durch einen so großen Frevel habe entheiligen können, so widersprach doch die Entfernung der Orte und die Gewißheit seines Nachtlagers aller Möglichkeit einer Anlegung durch ihn; und von irgend einer Mitgenossenschaft, wo andere in seinem Namen Rache verübt haben könnten, äußerte sich auch nicht die geringste Spur. Der Inquisit blieb daher zwar im Verhaft, aber in sehr leidlichem. Seine Sache ward verschickt. Man sah zum Voraus, daß auf den Schwur gesprochen werden und er damit loskommen würde.

Während dieses Zwischenraums und indem er sein Urteil erwartete, überfiel ihn eine ziemlich gefährliche Krankheit. Um ihn bei solcher gehörig abzuwarten, brachte man ihn in das dasige Arbeitshaus, welches bisher auch als Verpflegsort gebraucht wird. Hier genas er, ward aber absichtlich, als er schon wieder herum ging, um sich desto gründlicher zu erholen, noch einige Tage darin gelassen, und gerade jetzt ereignete sich ein neuer Zufall, der selbst den letzten Rest des noch übrigen Verdachts von ihm zu entfernen schien.

Jene abgebrannte Bäuerin hatte ihre Gutsgebäude von neuem zu bauen angefangen und war bereits damit fast bis unters Dach gekommen, als abermals Feuer bei ihr ausbrach, abermals mit den sichtlichsten Merkmalen boshafter Anlegung. Ihr ganzes Gebäude ward wieder Asche und sie selbst nunmehr völlig an den Bettelstab gebracht. Die Nachricht davon gelangte bald in die nahe gelegene Stadt. Man sprach überall, mithin auch im Zucht- und Arbeitshause davon. Der Inquisit, als sein Wärter ihm davon erzählte, fragte spottend: Ob er das vielleicht auch getan haben solle? Und ob man noch nicht einsähe, daß die Gutsbesitzerin, die von jeher ein stolzes böses Geschöpf gewesen sei, auch außer ihm Feinde, und zwar rachsüchtigere, besitzen müsse?

Allerdings schloß man so; allerdings tat ihm dieser letzte Vorfall, wenn auch nicht bei seinen Richtern, doch in den Augen des Publikums die ersprießlichsten Dienste. Man glaubte ganz gewiß: er werde nur ins Gefängnis zurückkommen, um desto förmlicher, desto rechtlicher daraus wieder entlassen zu werden. Höchstwahrscheinlich wäre auch dies geschehen, hätte er nicht gleich darauf alle diese günstigen Eindrücke – selbst vernichtet. Denn am nächsten Sonntage hielt der Geistliche, dem die Seelsorge dieses Zucht- und Armenhauses oblag, eine Predigt, in welcher er sehr lebhaft die größere Strafwürdigkeit derjenigen schilderte, die in jene Welt beladen mit Verbrechen übergingen, welche sie in dieser hartnäckig verschwiegen oder wohl gar abgeleugnet hätten. Mutmaßlich fiel ihm hierbei auch nicht ein Gedanke an unsern Inquisiten ein, sondern er hatte unter seinen Zuhörern noch weit andere und weit mehrere, die in Verdacht standen, manches auf ihrem Herzen und Gewissen behalten zu haben. Aber das Feuer seiner Rede, die Stärke seiner Beweisgründe fruchteten gerade da, wo er sich dessen am wenigsten versah. Unser Inquisit, dem doch Ermahnungen zum gütlichen Geständnis nicht so ganz fremd und neu sein konnten, fühlte sich von der jetzigen (er konnte es nachher selbst nicht sagen, wie?) ergriffen, ging gleich nach dem Gottesdienst zum Pfarrer hin, gestand – man denke sich dessen Erstaunen! – Anlegung des ersten Brandes, ja, gab sich auch, was allen anfangs ein Märchen schien, als den alleinigen Urheber des zweiten schuldig.

Mit einer Anstrengung, welche freilich die gewöhnlichen menschlichen Kräfte übersteigt, welche aber doch durch die entschlossenste Rachbegier zur Möglichkeit geworden war, hatte dieser Elende das erste Mal, nachdem er zuvor wirklich sich niedergelegt, aber sorgsam gelauert hatte, bis seine Kameraden schliefen, sich zum Fenster herabgelassen. Zwar war die Zeit, die er frei hatte, höchstens eine Frist von sechs bis sieben Stunden; er selbst war nur halb angezogen, die Nacht rauh, die Entfernung äußerst ansehnlich. Aber nichts von diesem allen hielt ihn auf. Schneller als ein gelernter Läufer war er hin und her geeilt, hatte mit schon vorher abgemessenen, bereit gehaltenen Lunten das Feuer so angelegt, daß er gewiß wußte, erst in einigen Stunden könne es ausbrechen, war gleich schnell und ganz unbemerkt zurückgekehrt, hatte sich, dem Schein nach, wecken lassen und dann – man kann leicht erachten, mit welchem Herzen! – in die Kirche begeben. Zu eben der Zeit, als er vor dem Beichtstuhl kniete, mußte, nach seiner Ausrechnung, die auch nur allzu richtig eintraf, das Gut seiner Feindin in vollen Flammen stehen.

Noch verwegener war er das zweite Mal zu Werke gegangen. Durch sein geduldiges Betragen, durch sein frommes Reden, durch willige Dienstleistungen und Kleinigkeiten mancher Art hatte er nach und nach das Zutrauen des Aufsehers vom Zuchthause erworben. Daß er zu entfliehen suchen solle, argwohnte kein Mensch, denn man hielt ihn noch für allzu matt von seiner letzten Krankheit, nicht gerechnet, daß es eine Torheit gewesen wäre, wenn er, der nicht viel zu befürchten hatte, durch eine Entweichung sich alles hätte verschlimmern wollen.

Mit wenigen Worten, man traute ihm allzu viel! Er fand Gelegenheit zu bemerken: wo des Nachts die Hausschlüssel hingelegt wurden, wußte sie glücklich zu entwenden, schloß auf, war aber nichts weniger willens, als zu entfliehen, sondern sein einziger Zweck blieb: Wiederholung seiner Rache. Dieses Mal hatte er nicht so weit wie das erste Mal. Nachdem er bewirkt, was er suchte, war er richtig zurückgekehrt und war beim Eingange so unbemerkt wie beim Ausgange geblieben.

Sein Prozeß ging nun von neuem an, und das Endurteil lautete: Hinausschleifung auf der Kuhhaut und lebendige Verbrennung. Ich gestehe, daß sein Verbrechen hart und die Umstände dabei erschwerend waren. Ob aber nicht sein eigenes Geständnis doch etwas von dieser Schärfe hätte mildern sollen? Darüber mag ich nicht entscheiden. Genug, der Buchstabe des Gesetzes ward beibehalten. Man verfuhr bei der Strafe ganz ohne einige selbst verdeckte Milderung. Das Leiden des Unglücklichen war einige Minuten hindurch fürchterlich.

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