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Die Seelen-Folter

August Gottlieb Meißner: Die Seelen-Folter - Kapitel 10
Quellenangabe
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typenarrative
authorAugust Gottlieb Meißner
titleDie Seelen-Folter
publisherHermann Luchterhand Verlag
editorHanne Kulessa
year1984
isbn3-472-68523-9
correctorreuters@abc.de
senderwww.gaga.net
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Mörder, nach Übereinstimmung aller Umstände und seiner eigenen Überzeugung, und dennoch unschuldig

Daß Zeugen und Richter durch den Anschein verführt werden können, einen Unschuldigen für schuldig zu erkennen, dieser Fall mag leider nur allzu oft sich zutragen. Aber wenn nun sogar der Angeklagte selbst einen solchen Urteilsspruch im Innersten seiner Seele für gerecht erklärt, wenn er sich mit vollster Überzeugung für den Täter einer Tat bekennt, die er – nicht beging, wenn er, ganz ohne Folter und Zwang, bereit ist, durch Aufopferung seines eigenen Lebens eine Blutschuld auszusöhnen, die – nicht auf seiner Seele lastet? Was soll man dann erst von der Ungewißheit menschlicher Gerichtsbarkeit denken?

In den meisten holländischen Festungen hatte man sonst (und vielleicht auch noch jetzt!) die Gewohnheit, der Besatzung alljährlich, wenn sie ihre sogenannten großen Exercitien gemacht hatte, einige Freiabende einzuräumen, an welchen sie, nach eigenem Belieben, durch Singen, Spielen, Zechen und Tanzen sich belustigen und von vollbrachter Arbeit ausruhen durfte.

Die Absicht dieser Einrichtung war recht gut, aber der Erfolg war es doch nicht immer. Das lebhafte Blut dieser Krieger verwandelte nicht selten jene Stunde einer allgemeinen Freude in Auftritte, die für manchen Einzelnen sehr ernstlich wurden. Vorzüglich war dieses schon einige Mal der Fall in Herzogenbusch gewesen, wo eine sehr gemischte Besatzung lag und wo das eine Regiment fast ganz aus Wallonen bestand, die sich noch nie – weder im Krieg noch Frieden! – durch eine genaue Mannszucht empfahlen. Fast nie verging dort ein solcher Abend ohne Händel. Fast nie waren des andern Morgens alle Stirnen so ganz, alle Körper so unverwundet, als sie es ungefähr sechzehn oder siebzehn Stunden früher gewesen waren.

Einst (es mag nun an die vierundzwanzig Jahre sein!), als man wieder an gedachtem Orte eine solche Tragikomödie begangen hatte, fand man gegen Morgen, mitten auf der Straße, unweit einem der besuchtesten Weinhäuser, einen Grenadier entseelt und ganz in seinem Blute schwimmend liegen. Eine tiefe, tödliche Halswunde hatte ihn dahingestreckt, und, um diesen Anblick noch gräßlicher zu machen, lag einer seiner Kameraden, mit welchem der Getötete schon eine geraume Zeit in Unfrieden gelebt hatte, die Quere auf ihm, gab sich durch seine wütende Miene, durch seinen gezogenen blutigen Säbel und durch den Ort, wo man ihn fand, augenscheinlich als den Mörder an, schlief aber auch zugleich, des Weines übervoll, auf diesem Leichname, dem Schlachtopfer seiner Wut, eben so sanft, als ob er auf dem weichsten Sofa ruhte. Man hob sie beide auf, versuchte fruchtlos, ob bei dem Erstem noch eine Hilfe möglich sei, und brachte den Zweiten, der jetzt ebenfalls einem Toten mehr als einem Lebenden glich, ins Gefängnis, wo er nach einigen Stunden sein Bewußtsein wieder erhielt und beim Erwachen nicht wenig staunte, sich hier zu befinden.

Noch mehr erschrak er, als er vernahm, wo man ihn angetroffen und was er angestellt habe. Er wagte es nicht, auch nur mit einer einzigen Silbe, die Tat selbst abzuleugnen. Er versuchte es ebenso wenig, ihr den Schein einer Notwehr oder eines ungefähren Zufalls zu geben. Sein wiederholtes, reumütiges Geständnis lautete vielmehr ungefähr also: Er erinnere sich leider nur allzu wohl, daß er im Taumel des gestrigen Rausches mit seinem Kameraden sich abermals, wie schon oft geschehen, heftig überworfen habe. Er erinnere sich nicht minder, daß dieser, ebenfalls berauscht, vor ihm aufgestanden und mit Schimpfen und Schmähen weggegangen sei. Hierdurch noch mehr ergrimmt, mit gezogenem Säbel und mit dem festen Entschluß des Mordes verfolgt. Nun müsse er zwar gestehen: so wie er vor die Haustür gekommen, habe ihn auch die äußere kalte Luft so rasch angefallen, daß er von diesem Augenblick an keine Silbe mehr von sich und seinem Zustande wisse. Doch, was er getan, wozu Zank und Trunk ihn verleitet hätten, das sähe er jetzt nur allzu deutlich, bitte auch um nichts als um eine etwas gnädigere Strafe, weil sein Rausch doch einen großen Teil seines strafbaren Vorsatzes wegnähme.

Mit dieser Aussage stimmte auch die Erklärung des Wirts und einiger anderer Gäste überein. Alle hatten den Zank mit angehört. Fast alle versicherten, daß der Inquisit selbst ihn angefangen habe. Daß der Ermordete sich diesen oder einen vorigen Abend mit sonst jemanden überworfen hätte, wußte man nicht. Den Mörder hatte man mit gezogenem Säbel dem Weggehenden nacheilen gesehen. Weiter war sich freilich nicht um ihn bekümmert worden.

Alles, was die Richter daher auf eine solche Aussage tun zu können glaubten, war: daß sie die Todesstrafe des Rades in Erschießung verwandelten. Der Inquisit selbst dankte ihnen für diese Milde und bereitete sich zu seinem Ende, so gut er konnte. Am anberaumten Tage ward er hinausgeführt und in den Kreis gebracht. Dort las man ihm nochmals sein Urteil vor; der Priester segnete ihn ein; er kniete bereits nieder; die Augen wurden ihm, nach gewöhnlicher Art, verbunden; sechs Mann, die auf ihn feuern sollten, standen schon zum Anschlagen bereit, und der Offizier, der das tödliche Zeichen geben mußte, griff nun so eben nach dem weißen, dazu bestimmten Tuche, als ein Soldat, der im ersten Gliede jener sechs Beorderten stand, plötzlich sein Gewehr wegwarf, seinem Nachbar zur Rechten und zur Linken gleichfalls ihre Flinten aus den Händen schlug und laut rief: »Nein, länger halt ich es nicht aus! Ich, ich selbst bin der Mörder! Dieser hier ist unschuldig!«

Ein allgemeines Erstaunen bemächtigte sich der Zuschauer. Wie eine solche Selbstanklage gegründet sein könne, begriff niemand und am allerwenigsten der Verurteilte. Es war ja alles schon eingestanden! Alles so klar und deutlich! Da indes jener Grenadier auf seiner Rede bestand, da er versicherte: daß bei einem ordentlichen Verhör sich alles aufklären würde, da sich bei ihm selbst auch nicht die geringste Spur eines Wahnsinns fand, so schob man sehr natürlich die Vollstreckung des Todesurteils auf, führte beide Soldaten in den Verhaft zurück, und, siehe da, zur unbeschreiblichsten Verwunderung aller leistete die Aussage des Letztern nur allzu treulich, was er versprochen hatte!

Er sei, gestand er, nicht nur Mörder, nüchterner Mörder, sondern sogar ein Bösewicht, der nach dem kältesten, überdachtesten Plane gehandelt habe. Schon seit zwölf Jahren sei er im Geheim des Erschlagenen (der ihn einst bei einem Liebeshandel ausgestochen) Todfeind gewesen, habe ihm oft genug im Herzen den gewissen Untergang geschworen; nur über die Mittel hierzu hätte er mit sich selbst nicht einig werden können. Ihn vorwärts, im offenen Streit anzugreifen, dazu habe er sich zu schwach und, frei gestanden, auch zu verzagt gefühlt. An anderer Gelegenheit, ihm unbemerkt beizukommen, habe es ihm stets gemangelt. Endlich sei ihm eingefallen: ob er nicht vielleicht seinen Feind bei der letzten Schmauserei zum Zank mit einem Dritten reizen und dann den Verdacht des Mordes auf einen Unschuldigen wälzen könne. Aufs vollkommenste sei ihm dies gelungen. Denn durch ihn heimlich angereizt, hätten Inquisit und jener Ermordete zusammen einen Wortwechsel angefangen, der bald bis zur höchsten Erbitterung fortgeschritten wäre. Wie der Zank im vollsten Gange gewesen, habe er sich fortgeschlichen, und draußen in einem Winkel der Straße aufgepaßt. Bald darauf sei sein Feind bei ihm vorbei gewankt; von niemanden bemerkt, sei er ihm nachgeschlichen, habe den tödlichen Streich gegen ihn geführt, und zwar so gut getroffen, daß jener Unglückliche sogleich, entseelt, ohne Schrei und Laut hingesunken sei. Gleich nachher wäre auch der Zweite sinnlos getaumelt hergekommen, über den Leichnam gestrauchelt, und – das Rückständige weiß man schon. Alles habe er nachher seinen ordentlichen Lauf nehmen lassen. Auf ihn sei auch nicht der entfernteste Verdacht gekommen. Doch da er jetzt, durch ein Ungefähr, ausersehen worden, auf eben denjenigen zu feuern, den er einzig und allein ins Unglück gestürzt, da habe ihn die geduldige Ergebung dieses Armen, der sich selbst für schuldig gehalten, unbeschreiblich stark ergriffen. Sein Gewissen sei erwacht, und er begehrte nun seine verdiente Strafe.

Die er wirklich einige Tage darauf durch das Rad erhielt!

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