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Die Seele Deines Kindes

Heinrich Lhotzky: Die Seele Deines Kindes - Kapitel 8
Quellenangabe
typetractate
authorHermann Lhotzky
titleDie Seele Deines Kindes
printrunEinundzwanzigstes bis dreißigstes Tausend
year1908
correctorJosef Muehlgassner
senderwww.gaga.net
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Kinder und Religion

 

Wenn Ihr nicht werdet wie die Kinder
könnet Ihr nicht ins Reich Gottes kommen

 

Was heißt Religion

Wir stehen hier am Schluß und haben manches ernste Wort über dein Kind miteinander geredet. Ich habe selbst als Vater gesprochen und glaube kaum, etwas anderes gesagt zu haben, als was du auch gedacht und empfunden hast. Nichts Besonderes. Nur Selbstverständliches, wie es das Leben so mit sich bringt.

Laß uns nun noch zum Schluß eine kleine Feierstunde gemeinsam verleben. Sie soll uns in unserer Kinderpflege die Weihe geben, die sie mit dem letzten Grunde des Seins verknüpft.

Ich suche die Weihe nicht in der Religion, sondern in Gott. Du wunderst dich über dieses Wort? Wundere dich nicht. Denke lieber einmal ganz unbefangen darüber nach. Ist dir noch nie aufgefallen, daß du auf dem Gebiete des Religiösen allerlei Doppelsinnigem und schwer Verständlichem begegnest?

»Religion« selbst enthält etwas Doppelsinniges. Man hört sie preisen als die tiefste Wahrheit der Menschheit, als das Ewige und Innerlichste. Man hört sie so rühmen, daß in uns das Verlangen nach dieser Tiefe des Erlebens geweckt wird.

Ganz gewiß bist du selbst schon voll heiligen Verlangens der Religion genaht. Vielleicht nennst du dich heute Atheist, Monist, Materialist oder ähnlich. Aber du warst's nicht immer. Du suchtest einmal die Wahrheit Gottes in deiner Religion. Da sahst du dich plötzlich hineingewoben in eine Summe von Formen und Äußerlichkeiten, Lehren und Unbegreiflichkeiten und fühltest, wie ferne die Wahrheit Gottes all diesen Dingen steht. Da verzweifeltest du an der Religion und an Gott, und wandtest dich von alledem ab. Du wußtest nicht, daß das Tiefe, Wahre, Innerliche mit der Religion als solcher nichts zu schaffen hat.

Aber reiße dich einmal heraus aus der Doppelsinnigkeit des allgemeinen Brauches und nenne Religion alles das, was sie in der Welt an Versuchen ausgedacht haben, das Wohlgefallen Gottes und eine sichtbare Gemeinschaft der Menschen untereinander zu finden.

Nenne das Andere, was sie nicht in Worte und Formeln fassen konnten, weil es zu hoch und unfaßbar ist, nenne dieses Andere, dieses zu Hohe und zu Tiefe, das Ewige und Wahre, das nenne Gott. Das letztere suche allein, und wenn du's mit ihren Religionen nicht kannst, so versuche es noch einmal mit Gott selbst. Du und dein Kind. Du für dein Kind.

Im Vertrauen will ich dir sagen, daß es in dieser Welt nicht eine einzige Religion gibt, die ihren Bekennern wirklich das Wesen Gottes zu offenbaren vermöchte. Glaub mir, die ganze Welt hätte sie im Sturme angenommen. Denn alles Fleisch sehnt sich nach dem wahren Gott.

Hast du je deine Bibel gelesen? Ja? Wenn du aufmerksam warst, muß dir aufgefallen sein, daß in der sogenannten Offenbarungsreligion des Alten Testaments Gott selbst seinem auserwählten Volke allewege überaus fern war, und die wenigen Propheten, die etwa Gott verstanden, waren stets sehr unzufriedene Schelter, wenn sie auf das Religionswesen ihres Volkes zu sprechen kamen.

Wie es im Christentume oder vielmehr in den Christentümern steht, denn ihrer sind viele, weißt du selbst sattsam aus eigenem, schmerzlichem Erleben. Trotz allen Christentumes haben immer nur einzelne wirklich Gott. Also ist Religion und Gottesgemeinschaft etwas sehr verschiedenes.

Es ist gut, wenn du dir das recht deutlich machst, denn wenn du dich auch selbst im Laufe der Jahre irgendwie mit deiner angestammten Religion auseinandergesetzt, oder dich über sie hinweggesetzt hast, so wird die Frage bei deinem Kinde gleich wieder brennend.

Kinder haben eine eigentümliche Art, nach Wahrheit zu fragen. Nichts ist für ein Kind verletzender, als wenn es an dir oder seinen Lehrern und Freunden Unwahres und Fehlerhaftes entdeckt. Man kann auch einem Kinde mit nichts so wehe tun, und es gilt auch in der Welt als die größte Roheit, wenn man seine Eltern vor seinen Ohren herabsetzt. Sie sind seinem natürlichen Empfinden der Inbegriff des Wahren, Echten, Reinen.

Darum sind Kinder auch so aufgeschlossen für alles Göttliche, was die Leute wieder mit dem peinlichen Doppelsinn das Religiöse nennen. Das Kind schreit aber nach Gott, und sie bieten ihm dafür eine Religion, mit der Gott selbst im Grunde nichts zu schaffen hat.

Was wirst du nun deinem Kinde bieten! Was hast du zu bieten?

— — — — — — —

Das Verhältnis der Menschen zu Gott ist ewig und unwandelbar. Wenn es überhaupt einen Gott gibt, so muß er so umfassend sein wie die Natur. Die Natur muß eine Offenbarung seines Wesens sein.

Du kannst unter keinen Umständen neben die Natur treten, und wenn du's könntest, so würdest du sie in dir doch mittragen. Es muß ferner Gott ein Geist sein, der alles und alle mit gleicher Liebe umfaßt, denn alles ist ein Teil von ihm selbst.

Schon daran sieht man, daß keine Religion Gott erreicht, denn alle sind eng und kleinlich begrenzt. Er umspannt alle Religionen und ihre Träger, ihre Freunde und Feinde mit gleicher Geduld und Langmut.

Es ist wahr, man kann Gott leugnen. Natürlich. Er ist ja zu groß, um bewiesen und von menschlichem Verstände erfaßt zu werden, und zu geduldig und barmherzig, um sich an seinen Leugnern zu rächen. Aber du weißt selbst im Herzensgrunde, daß Leugnen Torheit ist, und wenn du's dir fest eingeredet haben solltest, so wird dein Kind dich das Gegenteil lehren. Denn Kinder sind alle empfänglich für die Wahrheit Gottes. Ihr ganzes Wesen schreit nach Wahrheit, nach Gott.

Bist du nun mit deiner Religion zerfallen, oder merkst du, wie fadenscheinig und ungenügend ihr bißchen Wahrheit ist, so bist du damit noch lange nicht aus deinen Beziehungen zu Gott herausgetreten. Auch dann nicht, wenn du dich seit Jahren nicht im mindesten um Gott gekümmert hast. Es wäre ja eine Unmöglichkeit, aus seinen umfassenden Armen herauszutreten. Ein Mensch, der sich lebenslang nicht um die Natur kümmert, verliert dennoch nie seinen natürlichen Zusammenhang, höchstens sein Verständnis dafür. So steht er auch zu Gott.

Die Haltung Gottes zum Menschen bleibt immer gleich, seine Gesinnung ist unwandelbar voll Liebe, Freundlichkeit und Geduld. Jeder darf ohne weiteres zu jeder Zeit immer wieder anknüpfen und fragend suchen. Es gibt keine Entfremdung auch keine Sünde, die nicht verziehen werden könnte, verziehen würde.

Mit den Religionen ist's nicht so einfach. Bei ihnen gibt's in Wirklichkeit viel Unverzeihliches. Das schadet nichts und braucht dich nicht zu kümmern. Aber mit Gott ist's immer einfach, wahr und klar.

Versuch's einmal mit deinem Kinde, vor Gott zu treten. Denn es wird von dir eine Antwort heischen auf sein Fragen nach Gott. Gib du sie zuerst, ehe die Religionen sie geben. Aber wisse, du kannst nur dann eine Antwort geben, wenn du selbst eine hast.

Es gibt keine andere, als ich sie eben gab. Es ist aber ein Unterschied, ob sie als Lehre aus deinem Denken kommt. Dann ist sie kalt und wirkt erkältend. Oder ob sie als Leben aus deiner Seele quillt. Dann ist sie das Band, das euch beide untereinander und mit Gott verbindet.

Erst wenn ihr zusammen aus diesem Heiligtum heraustretet, dann beseht euch, was es mit eurer zufälligen, angestammten Religion für eine Bewandnis hat.

Die Vorstellungen von Gott

In diesen Ausführungen über die Pflege des Kindes ist überall der Hauptnachdruck gelegt auf die richtige Lösung der Gehorsamsfrage. Das geschah deshalb, weil das Ziel aller Erziehung Freiheit sein muß, und weil wahre Freiheit Selbstzucht ist.

Aber in der Gehorsamsfrage ist zugleich für das kindliche Empfinden die Gottesfrage mit gelöst. Die Gedanken eines Kindes über Gott gehen über die Eltern weg.

Der erste Mensch, den ein Kind in dieser Welt entdeckt, ist seine Mutter. Den Vater findet es über die Mutter hinweg, und wenn es diese Spur weiter verfolgt, findet es Gott als letzte Vormacht.

Die Deutlichkeit und Unlösbarkeit der Beziehungen zu den Eltern hängt unmittelbar zusammen mit den Gehorsamsfortschritten, die ein Kind macht. Denn der Gehorsam fließt aus dem Vormachtbewußtsein. Ist dieses nicht vorhanden, so wird die Beziehung zu den Eltern niemals fest werden.

Im Grunde prägt sich im Gehorsam das natürliche Schutzbedürfnis des kleinen Erdenwurmes aus. Man fühlt sich bekanntlich nur da geborgen, wo Macht ist, und stützt sich nur auf das, was Widerstand leistet. Also gehorcht man nur, wo man unbedingtes Vertrauen haben kann.

Darum stehen Vater und Mutter im Vorhof des Allerheiligsten. Durch sie hindurch führt der natürliche Weg zu Gott, dem höchsten und letzten Schutze, den ein Menschenwesen sucht und bedarf. Du kannst also mit deinem Kinde nur in das große Heiligtum der Natur, das wir Gott nennen, treten, wenn du ihm gegenüber die richtige Vormachtstellung zu behaupten vermagst.

Von da aus können wir über die Vorstellungen von Gott reden.

— — — — — — —

Eine richtige Vorstellung von Gott kann sich kein Mensch machen. Alles, aber wirklich alles, was darüber je gesagt worden ist, ist gewiß falsch.

Also Gott müßte eine allumfassende Persönlichkeit sein, in der jeder Geist, jedes Wesen überhaupt, Raum, Verständnis und Ursprung findet. Was heißt aber »allumfassende Persönlichkeit«? Das ist ein Wort, nichts mehr. Ein Wort, das einen fehlenden Begriff ersetzen soll.

Also versuchen wir's anders. Ich gebrauchte den Vergleich: Du kannst aus Gott nicht heraustreten, so wenig wie aus der Natur. Die Natur ist Gottes. Ja was heißt aber Natur? Das ist wieder ein Wort für etwas vollständig Unbegreifliches und Unfaßbares.

Wir denken, wenn wir von Natur reden, gewöhnlich an die Zusammenfassung alles Seins und Lebens auf diesem kleinen Sternchen, das uns gerade beherbergt. Wir wissen aber bei näherer Überlegung, daß das zu wenig ist, und beziehen das Sonnengefüge und alle Sterne mit ein, die wir sehen oder denken können, auch die, die uns in der Entfernung von etlichen tausend Lichtschnelligkeitsjahren umschweben.

Gut. Dann ist Natur der Umfang der ganzen Welt. Aber unsere Welt ist höchst wahrscheinlich nur eine von vielen. Vielleicht eine Zwergwelt, der Riesenwelten gegenüberstehen. Wir können nicht die unsere denkend umspannen, geschweige andere, die im Schoße des Alls verborgen sein könnten. Und wenn wir's könnten, so hätten wir noch lange nicht Gott, der in dem All lebt und webt und sich offenbart. Und wie willst du dir ein solches Wesen vorstellen? Kannst du das überhaupt? –

So geht's also auch nicht. Nun denke an dich selbst, an dein Ich, und denke dir den Punkt deines Ich als Scheitel eines Winkels und stelle dir ein unendlich erweitertes Ich vor und nenne dieses Gott.

Aber verstehst du überhaupt dein Ich? Weißt du, was das ist, was in dir Ich sagt? Es sind immer nur Worte ohne klare Vorstellungen.

— — — — — — —

Das sind alles falsche Wege. Es gibt aber einen Weg, der zwar nicht zu einer Vorstellung von Gott, wohl aber zu einem Verständnis Gottes führt. Dieser ist so einfach zu gehen, daß jeder ihn gehen kann, auch dein kleines Kind, und doch ist er erstaunlich hoch, daß auch der tiefste Geist nicht über ihn hinaus kommt.

Du liebst dein Kind, und dein Kind liebt dich. Siehe, so ist Gott! Wo Liebe ist, da ist göttliches Wesen. Wo Wahrhaftigkeit ist, da ist Gott. Das weißt du ganz genau. Dein ganzes Sein ist auf Liebe, auf Wahrhaftigkeit abgestimmt und ausgerichtet.

Du weißt auch, daß du viele Fehler machst, nicht die geringsten im Verkehr mit deinem Kinde. Es tut ja nichts so weh, als wenn man sich sagen muß, das man sein Kind verkehrt behandelt hat. Und dann weißt du: in diesen Fehltritten prägt sich das Göttliche nicht aus.

Du kennst dich also in zwei Bildern, im Bilde, wie du bist, und im Bilde, wie du sein möchtest. Auch dieses schwebt einem jeden deutlich vor seiner Seele. Das ist sein Urbild, das jeder in sich trägt, sein Wesen im Göttlichen.

Denke also für dein Kind die rechte Mutter, oder den rechten Vater, dann kannst du sagen: So ist Gott. Genau so empfindet auch dein Kind.

Demnach ist die beste Vorstellung, die du dem Kinde und dir selbst von Gott geben kannst, und die für das Kind ebenso wie für dich, verständlich und ausreichend ist, die Vorstellung des Väterlichen oder Mütterlichen, des Väterlichen und Mütterlichen zugleich.

Das Väterliche sieht etwa eine Not. Es ist voller Hilfe. Es sieht Fehler, und ist voll Verzeihung, sieht Irrtum, und ist voll Wahrheit. Es ist überall das Gegenstück der Schwäche, des Unliebsamen, Unliebenswürdigen, Falschen. Das ist Gott.

Zeige einem Kinde, einem Menschen das Wahrhaftige, das Gerechte, das Barmherzige: sogleich klingt in ihm der Ton wieder: So ist Gott. Das ist ganz unwillkürlich, oft ganz unbewußt, aber er fühlt deutlich: So ist Gott.

Gott ist unvorstellbar, aber überall verständlich, überall deutlich. Dein Kind glaubt an Gott, so lange es an dich glaubt, denn es glaubt nur an das Wahre in dir. Von dir aus gewinnt es seine kindliche Vorstellung und begreift: Gott ist Vater, Mutter, Vater und Mutter zugleich.

Jeder Mensch versteht den Begriff Vater, Mutter. Es mag sein, daß das Alter ihn tiefer faßt als die Jugend, der Denker ihn weiter nimmt als der Nichtdenker, der Wilde ihn anders auffaßt als der Gebildete. Aber jeder der Milliarden Menschen auf diesem Wandelstern, die sind und je waren oder je sein werden, hat den Begriff und versteht ihn ausreichend.

So weise dein Kind auf den Vater. Das versteht ihr beide. Religionen sind schwer verständlich. Man begreift sie nur durch lange Übung, langes Lernen, und dann findet man sich oft nicht drin zurecht. Sie reden über Gott, aber durchaus nicht immer in Gott und aus Gott.

Aber das Väterliche, Mütterliche, das erlebt ihr ja miteinander, das ist ja eure köstliche Welt, in der ihr euch fandet, du und dein Kind. Das begreifen und verstehen alle ohne Doppelsinn. In dieser, eurer Welt heiligt euch in eurer eigenen Wahrheit, und ihr findet und erlebt und verstehet – Gott.

Übertraget das dann meinetwegen auf eine Nebenperson, auf den Geist, der das All durchschwebt, auf ein Über-Ich. Das ist eure Privatangelegenheit, eure Krücke, wie ihr euch Gott vorstellt. Eure Schwachheit, um die der Vater sich nicht kümmert.

Da hat auch niemand das Recht euch hineinzureden und zu sagen, es sei falsch. Ihr brauchet es nicht einmal auszusprechen, wie ihr euch Gott denkt. Jeder mag's anders tun.

Genug, daß ihr sein Wesen ausreichend für euch verstanden habt. Und wenn ihr eine Ewigkeit immerfort zunehmet, so werden eure Erkenntnisse immer in dieser Richtung liegen, daß ihr tiefer eindringt in das Wesen Gottes, und daß eure Vorstellungs art völlig belanglos ist.

Also du kommst ohne alle religiösen Weitläufigkeiten aus und hast keine einzige Lehre über Gott nötig. Es brauchen eigentlich keine Worte zwischen euch gewechselt zu werden, höchstens kannst du kindliche Fragen kindlich beantworten, wie du's gerade verstehst. Beantworte sie nur immer ernst und nimm sie vollwertig. Du zerstörst ein Heiligtum, wenn du dem Fragen deines Kindes mit Ausflüchten ausweichst.

Durch den Eintritt deines Kindes in die Welt ist zwischen euch eine göttliche Lebensluft geschaffen, eine Ebene des Seins, auf der ihr göttliche Wahrheit unausgesetzt erlebt, ein Heiligtum, in dem wirklich der Vater wohnt. Bestehet ihr in dieser Wahrheit, so bestehet ihr in Gott, und seine Herrlichkeit bleibt auf euch ruhen.

Du wußtest nicht, wer dein Kind ist? Du wirst's nie wissen. Du weißt nicht, wer du selbst bist, und weißt nicht, wer Gott ist. Aber alles das lernst du verstehen, denn du erlebst es. Du kannst es vielleicht nie in Worte fassen, aber du begreifst es deutlich.

Heilige, selige Zeit des tiefsten Erlebens, daß offenbar werden kann Vater, Mutter, Kind, Gott. Es ist wohl wert, daß du jedes Opfer bringst für die Seele deines Kindes. Es gibt keinen größeren Gewinn als solche Opfer.

Religion als Erziehungsmittel

Bisher haben wir nur als Menschen geredet. Eigentlich müßte das völlig ausreichend sein. Wir stehen damit auf dem Boden der Natur, und das ist die Hauptsache.

Du bist aber vielleicht auch ein religiöser Mensch. Unter einem religiösen Menschen verstehe ich einen solchen, der es mit den äußern und innern Vorschriften seiner Religion ernst nimmt, der in seiner Religion mit ganzem Herzen ist.

Im allgemeinen ist das die Minderzahl derer, die in den Listen einer Religionsgesellschaft geführt werden. Solche Leute werden ihr Religionswesen aber in ihrem ganzen Hause ausprägen. Da wachsen die Kinder selbstverständlich hinein und eignen sich die Religion des Elternhauses an, wie alle Sitten daheim. Kinder tun es erst recht mit vollem Ernst und Eifer.

In diesem Falle vergeßt aber niemals eure natürliche Stellung zu Gott, die höher steht als euer ganzes Religionswesen, und lasset dieses verklärt werden durch eure Gottesgemeinschaft, die ihr habt, die gerade ihr so leicht haben könnt. Sonst gelangen eure Kinder leicht in ein Wesen von Wahneifer hinein, und dem folgt gar leicht ein plötzlicher Umschlag.

Gerade die Kinder aus ausgesprochen religiösen Häusern sind später in steter Gefahr, völlig umzuschlagen und alles, alles zu verlieren. Das folgende Geschlecht neigt immer zum Gegensatz gegen das vorhergehende.

Eure Kinder würden aber Gott nicht verlieren, wenn sie ihn an euch verstanden hätten. Aber da bei euch alles von Religion überwuchert war, verloren sie mit der überstiegenen Religion auch ihren Glauben an Gott. Das ist heute das Schicksal weiter Kreise, und es wird noch viel Not machen, die Wahrheit Gottes aus dem religiösen Zusammenbruch zu retten.

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Aber vielleicht bist du nicht sehr religiös und lassest dich so mitschleifen wie die Massenmenschen tun. In diesem Falle stelle dich mit deinem Kinde, für dein Kind, allein auf die Wahrheit Gott Und überlasse die Religionslehre berufeneren Geistern. Du kannst dein Kind keine Religion lehren, die du nicht völlig mit deinem ganzen Sein ausfüllst.

Stehst du also nicht so drin, so erwecke in deinem Kinde auch keine falschen Vorstellungen. Sie würden bald von dem peinlichen Empfinden abgelöst werden, daß du ihm unaufrichtig begegnetest. Wir können gegen Kinder gar nicht wahr genug sein. Kinder können Unaufrichtigkeit am schwersten verzeihen. Zum Verzeihen gehört überhaupt eine große Reife des Seins, die der Jugend im allgemeinen noch nicht eignet.

Wenn du also selbst deinen Haushalt ohne sonderlichen Religionsbetrieb führst, so halte dein Kind nicht anders. Ihr beide habt Höheres, was euch zu Gebote steht.

Erziehungsmittel darf die Religion nur in solchen Häusern sein, die wirklich in allen religiösen Vorschriften untadelig und mit ganzem Herzen leben. Auch da ist sie mit Vorsicht anzuwenden, damit es nicht plötzlich einen völligen Umschlag gibt.

Der eigentliche Ort der Religion ist die Schule. In ihr nimmt sie breiten Raum ein. Die Schule benutzt die Religion als Erziehungsmittel. Das ist ganz natürlich. Früher war die Schule abhängig von der Kirche. Ja die Kirche hat überhaupt die Schule gegründet zu keinem andern Zwecke, als religiöses Verständnis zu verbreiten.

Eigentlich schuf die protestantische Kirche die Schule, weil sie predigen wollte und ohne die Unterlage bestimmter Religionsbegriffe in ihren Predigten unverständlich bleiben mußte. Die andern Kirchen haben sich nur allmählich zur Schule verstanden und betrachten sie gerade um ihrer Begriffsbildung willen etwas mißtrauisch.

Um dieser Herkunft willen ist selbstverständlich die Religion in der Schule ein Hauptmittel der Erziehung.

Aber auch heute, wo die Schule mehr vom Staat abhängig ist, spielt die Religion ihre wichtige Rolle, denn der Staat benutzt sie auch als Erziehungsmittel. Gerade der Staat glaubt der Religion nicht entraten zu können.

Also kommt dein Kind in jedem Falle unter den Einfluß einer religiösen Erziehung, ob du's willst oder nicht. Demnach ist's nicht so wichtig, daß deine häusliche Pflege nun auch noch religiös bestimmt ist. Ja sie würde gewiß schädlich sein, wenn sie nicht der Ausdruck eurer häuslichen Wahrheit ist.

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Wir haben bisher nie von einer bestimmten Religion gesprochen, sondern von Religion im allgemeinen. Das gehört auch nicht in den Rahmen dieses Buches. Wir reden ja nur von dir und deinem Kinde. Alles andere können wir nur behandeln, soweit es in eure Beziehungen hineinragt.

Doch sage noch: Welcher Religion gehörst du eigentlich an? Der christlichen? Welcher wohl von den vielen? – Bekanntlich erkennen sie sich alle gegenseitig nicht an.

Aber das ist alles vor Gott unwesentlich, denn keine einzige ist der Ausdruck seiner Herrlichkeit und seines Wesens. Ihr habt in eurem gegenseitigen, natürlichen Lebensverhältnis mehr Gottesglanz als alle diese Religionsformen.

Aber natürlich hast du eine angestammte Religion. Es wird selbstverständlich sein, daß dein Kind eine Schule besucht, in der diese gelehrt wird. Religionswechsel ist im allgemeinen nicht ratsam. Denn man kommt Gott durch eine andere Form auch nicht näher. Wer aber einen Wechsel glaubt vornehmen zu müssen, mag es tun nach bestem Wissen und Gewissen. Da soll sich auch niemand ungebeten einmischen.

Wie sie dann in der Schule die betreffende Religion benützen und lehren, das mußt du denen überlassen, die sie vertreten. Auch hier gebietet die Schule über wohlerwogene Lehrweisen, in die ein Laie sich nicht zum Vorteil einmischt.

Gib der Schule, was der Schule ist, und Gotte, was Gottes ist. Je geduldiger du gewähren lassest, was du an deinem Kinde nicht hindern kannst, um so mehr wirst du's ihm selbst erleichtern.

Frühere Zeiten haben sich über solche Fragen entsetzlich aufgeregt, und der Religionskrieg lag infolgedessen immer mehr oder weniger offen in der Luft. Das war unerquicklich und unnötig. Gott hat ja mit Religionskriegen nichts zu schaffen.

Auch das ist oft schwer, daß die Schule den Kindern die Religion oft ganz unleidlich macht. Diese ewige Wiederholung derselben biblischen Geschichten mit immer neuer Auslegung und Verbrämung ist oft überaus schwer, und dein Kind seufzt vor dir, und du mit ihm.

Daher ist es nicht überall angezeigt, daß schon das Haus in die biblische Geschichte einführt. Das Natürliche wäre, daß jede Mutter ihrem Kinde diese Geschichten erzählte. Kinder hören sie sehr gern und begreifen sie leicht, besonders wenn Mütterchen erzählt. Aber wenn dann in der Schule wieder dasselbe kommt und immer wieder dasselbe, da weiß man wahrhaftig nicht, ob man dazu raten soll. Kinder haben nämlich die Art, sich zu merken, was sie einmal hörten, und was einmal ihre Anteilnahme hatte. Wenn man ihnen aber immer wieder dasselbe bringt, wird's ihnen ganz unleidlich.

Nun dann tröste dein Kind damit, daß auch das vorübergeht und mache ihm durch deinen vielleicht gerechten Unwillen die Sache nicht noch unleidlicher. Es ist aber schade um die biblischen Geschichten, wenn du so trösten mußt. Das sicherste Mittel, daß sie nach der Schule die Bibel ganz wegwerfen. Leider ist das heute allgemeines Zeiterlebnis.

Jedenfalls mußt du der Ort sein, an den dein Kind von aller Religion hinflüchten kann, wo es Gott erlebt. In den Religionen finden nicht alle Menschen einen Zugang zum Vater. In dir kann ihn dein Kind finden – wenn du ihn hast. Sorge, daß du ihn hast!

Dann kannst du auch getrost dein Kind durch alle Vorschriften gehen lassen, die sonst deine Religionsgemeinschaft vorschreibt. Es wird ja sehr viel nicht verlangt.

Es liegt in der kirchlichen Zugehörigkeit für viele Menschen beinah die einzige Möglichkeit, über den Alltag hinauszustreben. Vielleicht kannst du deinem Kinde wirklich nichts bieten von göttlicher Wahrheit und Erleben Gottes. Dann bist du ausschließlich angewiesen auf religiöse Einrichtungen, oder ihr versinkt und versumpft in einer Öde und Alltäglichkeit, die euch selbst zur Qual werden muß.

Findest du, daß die Kirchen selbst sehr wenig von dem haben, was sie vermitteln wollen, von befreiender Gotteswahrheit, so hilft es jedenfalls nichts, auszutreten. Wohin denn? In die Öde und Philisterei hinein? Da gibt's drinnen schon genug, aber draußen noch viel mehr. Oder in eine andere Religionsgemeinschaft? Wozu? Nicht Eine ist eine göttliche Einrichtung. Vergl. darüber ausführlich die Darlegung in Lhotzky, »Religion oder Reich Gottes, eine Geschichte.« Also fehlt überall gerade das, was du am nötigsten brauchst.

Durch einen Austritt würde überdies gerade die religiöse Frage bei euch brennend. Wäre es die Frage nach Gott, so könnte man sich drüber freuen. Aber es ist ja nur eine Frage nach der Religion. Es lohnt nicht, soviel Wesens drum zu machen, oder gar sich in einen Gegensatz und allerlei bitteres Parteiwesen hineinzusteigern.

Nein, gib auch den Religionsgemeinschaften was ihnen gehört, und gib Gotte, was Gottes ist.

Die Stellung, die seiner Überzeugung entspricht, möge dein Kind in reifen Jahren selbst einnehmen. Welche es dann wählt, da mische dich auch nicht hinein.

Viele sind unglücklich, wenn ihre Kinder sich religiös anders entwickeln. Mit Unrecht. In reifen Jahren muß Kindern als völlig freien Geistern so viel Selbstbestimmungsrecht zugebilligt werden, daß sie ihre selbsterwogene Stellung zu den Religionen einnehmen. Wie kann es da zu Erbitterung und Entfremdung zwischen euch kommen?

Fandet ihr euch bloß in einer Religion zusammen, so ist eine Änderung der Haltung eurer Kinder freilich schmerzlich. Suchtet ihr aber beide den Weg zum Vater, so kann eure religiöse Unterschiedenheit nur bedeutungslos sein.

Die Haltung Gottes zu den Menschen ist ewig und unwandelbar. Nur die Religionen wechseln mit den Zeiten. Fandet ihr euch im Ewigen zusammen, so steht ihr über dem Wandel der Zeiten und könnet getrost alle religiösen Schwierigkeiten und Nöte übersehen.

Die wahre Gemeinschaft

Es ist nicht Aufgabe dieses Büchleins, über religiöse Dinge im allgemeinen zu sprechen. Es handelt sich nur um die Frage: Du und die Seele deines Kindes. An dich tritt nur die Frage heran: Welche Beziehung gibst du deinem Kinde auch zu eurer angestammten Religion?

Darauf antworte ich: Trage sie, solange Gott sie zu tragen für gut befindet. Es wird einmal eine Zeit kommen, in der die Menschheit über ihre Religionen hinauswächst. Aber es mag wohl sein, daß wir diese Zeit der unmittelbaren Wahrheit Gottes für die Allgemeinheit nicht erleben. Aber ihr habt die Möglichkeit, eine wahre Gemeinschaft untereinander und in Gott zu finden, die auch heute schon höher steht, als alle religiöse Gemeinschaft.

Gewöhnlich sagt man in religiösen Kreisen, man bedürfe der Formen, Gebärden und Lehren, weil sich ohne dieses Sichtbare eine menschliche Gemeinschaft nicht denken lasse.

Das ist aber nur eine Halbwahrheit. Die Geschichte lehrt sattsam, daß allerdings alle Religionen der Erde gemeinschaftbildend wirkten. Aber alle waren es nur immer für eine sehr beschränkte Anzahl von Menschen. Für alle außerhalb ihres engen Kreises Stehenden wirkten sie abstoßend und feindselig.

Zahllose Kriege haben gerade die Religionen veranlaßt, nicht zum letzten die zahlreichen christlichen Religionsformen. Werden sie heute nicht gerade mit Waffengewalt ausgefochten, so mit Zeitungsartikeln und innerstaatlicher Gegensätzlichkeit. Die Geschichte aller Religionen ist mit Blut geschrieben, und Scheiterhaufen bezeichnen ihre düstere Fährte.

Mit diesem Wesen hat die Natur und hat Gott nichts zu schaffen. Vor Gott sind alle Menschen gleich. Gleiche Liebe, gleiche Erlösungsbereitschaft umspannt sie alle und wird sie ewig umspannen.

Du darfst einer Religion angehören. Gewiß. Du siehst ja auch, daß Gott sie trägt mit unendlicher Geduld. Du darfst es auch, ohne irgendwie ein schlechtes Gewissen dabei zu haben. Nur sollst du dich gerade mit deiner Religion nicht breit machen vor Gott. Sie stellt eine Wahrheit dar. Gott ist die Wahrheit.

Aber das sollst du auch wissen. Durch die eigenartigen Verhältnisse, in die du zu deinem Kinde durch die Natur gestellt bist, habt ihr zusammen die Möglichkeit einer höheren Gemeinschaft, als sie sonst die Erde bietet. Zwischen euch schwebt die Wahrheit Gottes, die sich auswachsen möchte zur wahren Gemeinschaft der Menschen.

Du und dein Kind, ihr seid zwei selbständige, verschiedenartige, freie Geister, die ohne ihr Zutun zu gegenseitiger Hilfe und Förderung berufen sind. Damit steht ihr unwidersprechlich in einer Beziehung, wie sie allen Menschen Gott gegenüber eignet. Die Natur gab euch einen Anschauungsunterricht der Tatsachen und dadurch die Möglichkeit, eine Gemeinschaft zu finden, die über allen Zufällen der Zeit und des Lebens steht. Du und dein Kind, ihr steht rein naturgeschichtlich in einem göttlichen Verhältnis.

Natürlich muß das Erbteil, das euch unbewußt zugefallen ist, erworben werden, damit es Besitz und Lebenskraft werden kann.

Dieses Erwerben stellt zunächst dich in eine sehr ernste, opfervolle Arbeit. Nicht nur leiblich, sondern auch geistig.

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Nun sieh! Leiblich hast du die Arbeit freudig auf dich genommen. Vom ersten Werden deines Kindes an trugst du willig alle Unbequemlichkeiten und Opfer, die der kleine Gast dir auferlegte. Die Arbeit des Tages und die Ruhe der Nacht hast du, seufzend vielleicht, aber schließlich doch willig, ja bis zu gewissem Grade freudig, deinem Kinde geopfert und bist auf alle Forderungen seines rücksichtslosen und ungestümen Heischens, die es in unbewußter Gewalttätigkeit geltend machte, eingegangen.

Das war ein Gottesdienst. Jesus hat einmal gesagt: Wer solch ein Kind aufnimmt in meinem Sinne, der nimmt mich auf. Du merkst das auch. Denn dieses Opfer ist dir lebenslang eine unerschöpfliche Quelle der Freude und Erquickung.

Denselben Dienst müssen wir der Seele des Kindes leisten. Dann wird unser Tun vollständig. Wie wir sie leiblich pflegten und mit dem Zunehmen ihres Verständnisses leiteten und in Zucht nahmen, so müssen wir für ihre Seele der Ort sein, der alle ihre Regungen sieht, aber auch alles verzeihen kann.

Im Sehen und Verzeihen liegt die wahre Zucht. Verzeihen bedeutet, das Unrecht voll würdigen, aber sich unbedingt drüber stellen. Die Verzeihung ist die Wahrheit in ihrem vollen Umfange.

Wer bloß züchtigen kann, tut nur die halbe Wahrheit, ihr Nein. Wer verzeiht, tut das Ja dazu, das sich nicht irre machen läßt durch Bosheit, Schlechtigkeit und Schwäche, sondern den Mut bekundet, über alles das hinweg an die Wahrheit und das Gute im Kinde zu glauben.

Das muß deinem Kinde die unumstößlichste Wahrheit seines Lebens werden, daß es nichts gibt, das du nicht imstande wärest zu verzeihen. Diese Wahrheit wird nicht durch Worte vermittelt, sondern nur durch euer Leben selbst.

Wenn dein Kind in dieser Beziehung Mißtrauen an den Tag legt und sich vor dir verbirgt, so frage dich zuerst, ob bei dir nicht die Schuld liegt, ob es nicht Dinge gibt, die dich so außer dir bringen und rasend machen, daß man sie dir einfach nicht anvertrauen kann.

Zur Herstellung des Vertrauens dient, daß zwischen euch volle Wahrhaftigkeit herrscht, und daß dein Kind merkt, auch du hast ihm nichts zu verbergen. Ein sehr wesentlicher Umstand dabei war, wie schon angeführt, die geschlechtliche Aufklärung, die du darum keinem andern, weder dem Kameraden noch dem Lehrer oder Arzt allein überlassen darfst.

Es ist nicht minder wichtig, daß du über deinen Glauben oder Nichtglauben in voller Offenheit mit deinem Kinde redest. Etwa vom 15. Lebensjahre ab darf zwischen euch kein Geheimnis über diese wichtige Lebensfrage walten. Den genauen Zeitpunkt im Sonderfalle deines Kindes wirst du selbst zu finden haben, weil die Entwickelung der Kinder verschieden ist.

Du magst dann an einen Gott glauben oder nicht, eine Religion bekennen oder nicht, jedenfalls stehst du tatsächlich durch deine Wahrhaftigkeit zu deinem Kinde in einer göttlichen Gemeinschaft, und hast euer natürliches Verhältnis zu einem geistlichen vertieft.

Auf dieser Wahrhaftigkeit ruht eure innere wahre Gemeinschaft.

Du bist dann auch unschwer stark genug, den ganzen religiösen Entwickelungsgang deines Kindes zu tragen. Namentlich Schule, Bildung und Wissenschaft haben es an sich, Zustimmung oder Widersprechen mit dem Glauben der Väter oft in buntem Wechsel auszulösen. Das alles schadet der wahren Gemeinschaft weiter nichts. Du hast nie nötig, deine Gedanken darüber zu verbergen, aber bist fähig, alle Anschauungen, die dein Kind vor dir auspackt, zu tragen.

Ihr steht damit über jeder religiösen Beziehung, habt also auch niemals nötig, über religiöse Fragen zu streiten. Alle Religionen haben bisher mehr Streit ausgelöst, als wahre Gemeinschaft. Ihr steht hoch über dem Streite.

Damit kommt ihr auf den Boden, auf dem Jesus stand. Nicht umsonst nannte er sich Menschensohn. »Menschensohn« bezeichnet eine bestimmte Stellung innerhalb des natürlich gegebenen Lebens. Er stellte sich damit voll auf den Boden der Natur, denn die Natur ist Gottes.

Es ist außerordentlich bezeichnend, daß keines der zahlreichen Christentümer wirklich Jesum in vollem Umfange für sich allein beanspruchen könnte. Er überragt jedes ebenso weit, wie Gott selbst alle Religionen dieser Erde.

Darum hatte er auch nicht eine einzige Lehre, oder eine Formel, oder eine Gebärde, die er den Seinen vorschrieb. Das haben alles nur die Christentümer. Jesus selbst steht diesen Dingen ferne.

Nicht einmal das Vaterunser hat die Bedeutung einer Formel. Das ist ein Mißbrauch dieses Gebetes. Es will nur über die Richtung unserer Wünsche, die wir vor Gott bewegen sollen, aufklären. Sollte es unumgängliche Formel sein, so hätte er die Schlußfolgerung ziehen müssen, daß er's auch selbst niederschrieb. Aber er schrieb nie. Er wollte keine Formel und keinen Katechismus, keinen heiligen Buchstaben schaffen.

Die Wahrheit, die Jesus brachte, war die: Gott ist Vater für alle Menschen, und jeder ohne Ausnahme und Unterschied hat das Recht, sich ohne Umstände und Weiterungen an Gott unmittelbar zu wenden: Lieber Vater im Himmel.

Das lehrte Jesus nicht etwa, sondern das erlebte an ihm jeder, der mit ihm in Berührung kam. Immer heißt es: »Das Volk lobte Gott.« Sie erfuhren an ihm: so herrlich, so groß, so barmherzig ist der Vater.

Wo es Menschen gibt, an denen Gottes Wesen deutlich wird, überall da sind die Jünger Jesu. Er konnte und wollte sich's gar nicht anders vorstellen, als daß immer nur so die Sache Gottes, das Werk der Erlösung weiter lief. Der Christus, Gott selbst, sollte immerdar Fleisch sein auf Erden, immer in Menschen erlebt und gesehen werden. Nur so würden die Menschen fähig sein, die Wahrheit zu begreifen.

Es gibt keinen andern Weg. Aber sieh, ihr beide, du und dein Kind, ihr seid von Natur schon drauf gestellt. Ihr braucht ihn nur zu wandeln, und ihr wandelt den Christusweg, ganz gleichgültig, was für eine Religionsform euch umgibt.

Wie sich der Mensch Gott vorzustellen hat, ist nicht vorgeschrieben. Der Geist des Väterlichen durchwaltet das All, und alles findet in der Beziehung zu ihm seine Wahrheit. Das genügt.

Im Christus liegt also nur die Erweiterung des Verhältnisses von dir zu deinem Kinde auf alle Menschen.

Folglich stehen alle Menschen ihrer wahren Natur nach in einer brüderlichen Gemeinschaft, und die einzige Wahrheit, die es überhaupt gibt, ist die: Behandle jeden als Menschen und nimm ihn als unbedingt zugehörig zu dem väterlichen Gottesgeiste, der das All durchdringt.

Sobald du mit deinem Kinde auf diesem Boden stehst, bist du auf, dem Boden der wahren Gemeinschaft zwischen Gott und Mensch, auf dem Boden der Natur und Jesu und der Wahrheit.

Du hast Jesum und hörst seine Stimme, denn du bist aus der Wahrheit.

Es lohnt sich darum zu ringen, und mit aller Kraft daran zu arbeiten. Denn es gibt keinen anderen Weg zum Vater, keine andere Wahrheit, kein anderes Leben.

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Kinder als Erzieher

Das ist das Gelungenste, daß die eigentlichen Erzieher in göttlicher Wahrheit die Kinder sind. Nicht die Eltern. Jesus hat sie als Erzieher hingestellt. Er hat unbedingt Recht darin.

Sein Wort lautet: Wenn ihr nicht werdet wie die Kinder, so könnet ihr nicht in das Reich Gottes gelangen.

Es beginnt also von dem Augenblicke an, in dem Kinder in unser Dasein treten, eine stille Erziehungsarbeit, die sie leisten.

Die Alleingewalt der Erziehung haben wir nicht, sondern wir teilen sie mit unsern Kindern. Das ist eine Bestätigung des Satzes: Kinder sind ebenbürtige, freie Geister. Eine Bestätigung durch keinen geringeren als Jesus.

So ist es auch in der Tat. Man muß nur die Menschen besehen, ehe sie Kinder haben und nachher. Sie sind anders nachher. Oft so sehr, daß man sie kaum wieder erkennt. Ebenso wie ihr Aussehen, verändert sich auch ihr ganzes Sein, die Richtung ihres Denkens.

Das Aussehen ist das Zeichen des inneren Seins.

Daraus folgt die Mahnung: Sei nicht erziehungswütig. Du erziehst allenfalls dein Kind für die Welt, aber dein Kind erzieht dich für das Reich Gottes.

Aber den Satz hat Jesus nicht aufgestellt und überhaupt niemand: Wenn ihr nicht werdet wie eure Eltern, so kommt ihr in der Welt nicht zurecht. Er ist auch augenscheinlich nicht wahr. Also ist die Erziehungsarbeit, die Kinder leisten, in jedem Falle bedeutsamer.

Wodurch leisten Kinder diese Arbeit für das Reich Gottes? Sie leisten sie offenbar unbewußt, denn sie kommen ja ganz erstaunlich unfertig zur Welt, namentlich mangeln ihnen alle Grundsätze.

Grundsätze sind für das Reich Gottes mindestens überflüssig. Vielleicht schädlich.

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Das Erste ist, daß Kinder so unbefangen sind. Unbefangenheit ist offenbar vor Gott die liebenswerteste Eigenschaft, die ein Mensch haben kann.

Denke dir folgenden Zustand, der vielleicht in manchen Häusern besteht. Hoffentlich bei dir nicht. Jedesmal, wenn dein Kind vor dich tritt, macht es ein besonderes Gesicht, legt gewisse feierliche Gebärden an und sagt dir womöglich irgendwelche eingelernte Redensarten her, die ihm Dienstboten beigebracht haben.

Würde dir das sehr gefallen? Ich hoffe, du wärest außer dir über dieses Gebaren. Das ist aber der Zustand, den sich Gott von den Menschen gefallen lassen muß. Wenn sie sich ihm nahen, so bekommen sie einen ihnen durchaus nicht gewöhnlichen, feierlichen Überzug und reden dann in Formeln, die sie sich irgendwo haben einlernen lassen. Gelegentlich wundern sie sich sogar drüber, daß dieses Wesen – sie nennen's Beten – eigentlich nichts hilft. Sie sollten froh sein, daß kein Donnerkeil hineinfährt.

Da kann man an den Kindern etwas lernen – Unbefangenheit. Am entzückendsten sind sie doch, wenn sie ihr ganzes Wesen in aller Schlichtheit vor uns ausbreiten, mit allen ihren Liebreizen und Fehlern; wenn sie keine herzlichere Selbstverständlichkeit kennen, als die Gegenwart ihrer Eltern.

Wie reizend sie in diesem Wesen sind, auch wenn es alle ihre Schwächen offenbart, davon haben sie natürlich keine Ahnung. Es ist aber nichts so schwer, als diesen herzig unbefangenen Wesen irgend etwas zu versagen.

Offenbar waltet im Himmel derselbe Geschmack. Wir sind doch Menschen, also Geister, deren Bestes ein Verständnis für den Vater hat. Es gibt kein Reich, keine Gemeinschaft Gottes ohne solche Unbefangenheit, die auch alle ihre Schwächen, Fehler, Sünden ebenso schlicht offenbart, wie ihre Liebe und ihr Vertrauen.

Seid also unbefangen und natürlich, nachher wollen wir über Gebetserhörungen u. dergl. wieder reden.

Überall, wo feierliche Gesichter und Gebärden aufgesteckt werden, oder irgend etwas anders gemacht wird, als unsere Natur ist, da ist ganz gewiß nicht das Reich Gottes. Lerne das an deinen Kindern.

Sei nur immer und überall du selbst, gleichviel ob du vor der Welt oder vor Gott stehst. Besonders aber im letzteren Falle. Hier wird's verstanden, wenn's die Welt vielleicht nicht immer versteht.

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Lerne noch ein Zweites. Kinder sind nicht nur im Verkehr mit uns, sondern überhaupt in der ganzen Welt ungesucht und urwüchsig. Darum haben Kinder überall einen Weg, auch da, wo er für Erwachsene verschüttet ist.

Gerade ihre Unmittelbarkeit bewirkt überall, daß ihnen die Herzen zufallen. Ein Kind ist bekannt, ohne vorgestellt zu sein, ohne Umstände und Überlegung, und jedermann empfindet das Recht, ohne weiteres ein Kind anzureden und ihm Freude und Zuneigung zu offenbaren. Es ist auf der Erde schon manche grimmige Feindschaft durch Kinder beigelegt worden, und mancher Menschenhasser ist durch ein Kind umgewandelt worden.

Woher kommt das? Weil Kinder keine Hintergedanken haben und einfach, klar und durchsichtig sind, also dem wahren Menschenwesen viel näher stehen als Erwachsene.

Kinder haben also die Schlichtheit und Wahrheit an sich, die notwendig ist, um unter den Menschen Gemeinschaft hervorzurufen.

Gemeinschaft unter den Menschen, wahres Menschenwesen, was ist das anderes als – Reich Gottes? Es ist die Sichtbarkeit des Reiches Gottes, der Herrschaft der Wahrheit auf Erden – nenn's, wie du willst! – die sich ausdrückt in der Vereinfachung der Verhältnisse unter den Menschen.

Den Sieg auf der Erde werden einmal nicht die Hinterlistigen, die Schleicher, die Rechner, auch nicht die Gewalttätigen und Ruhmredigen, sondern die Friedfertigen und Freundlichen, die Kindernaturen haben.

Jeder empfindet das heute schon. Es haben nur so wenige den Mut, durch alle Ränke des Daseins mit dem Kindersinn hindurchzugehen. Aber hätten sie ihn, so würden sie damit weit mehr gewinnen, als mit allen ihren Schleichwegen.

Also sind die Kinder unsere wahren Erzieher. An ihnen kann man das wahre Menschenwesen erkennen lernen. Man braucht's nicht aus Beschreibungen in Büchern zu ersehen. Das hilft ja nichts. Nein, du erlebst es an deinem eigenen Kinde ganz ohne Worte und Reden, im schlichtesten Sein. Laß dich nur belehren!

In der Kinderwelt ist ein Stückchen der Wahrheit des Menschen, ein Stückchen Paradies immerdar auf Erden gegenwärtig, nicht als Geist, sondern als Fleisch. So wie wir's brauchen.

Es bleibt ja in der Regel nicht lange. Unserer »Erziehung« gelingt es oft erstaunlich schnell, dieses Sonnenscheinchen zu verdüstern und Kindern ein Gebaren beizubringen, wie es auch Erwachsene verunziert.

Aber einmal war's doch da. Du brauchst nur diesem Kindersinn Recht zu geben wider den Unsinn des Lebens, und du bekommst einen Schimmer von dem, was Reich Gottes oder wahre Natur heißt. Es ist so ziemlich dasselbe.

So wirken Kinder als Erzieher, beglückend und siegreich auf Erden.

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Schliesslich gibt's noch etwas von ihnen zu lernen. Noch vieles. Daß du Geduld und Nachsicht, Opferfreudigkeit und Mitleiden mit den Schwachen gelernt hast, das alles dankst du fast ausschließlich deinem Kinde. Aber auf eines noch will ich besonders aufmerksam machen.

Kinder haben einen merkwürdig offenen Sinn für alle tieferen Fragen des Lebens. Es ist ganz eigentümlich. Für Gelderwerb und Reichtum geht Kindern oft recht spät der Sinn auf. Es hängt natürlich sehr von ihrer Umgebung ab. Aber für ernste Dinge, für Gott, haben sie oft ein Fragen, das schon manche Eltern in Verlegenheit gebracht hat.

Dann bekommen sie oft irgendwelche Antworten. So wie man sie Kindern in der Eile und Verlegenheit gibt. Ausflüchte, nicht Antworten.

Aber sie nehmen auch diese ernst, und denken über die Ausflüchte nach und fragen wieder und weiter, und man merkt, der kleine Geist hat sich im stillen viel tiefer damit beschäftigt, als man denkt.

Diese Offenheit für das Tiefste und die Verschlossenheit für das Gemeine, den Sinn, der über die große Alltäglichkeit hinausstrebt, den könntest du noch von ihm lernen. Wenn nicht an deinem Kinde – wo denn? –

Es hat schon mancher geglaubt, mit seiner Weltanschauung und seinen Ewigkeitsansichten fix und fertig zu sein, und hatte sich behaglich in einem unbeschreiblich seichten und bequemen Philistertum eingerichtet. Da kam sein Kind und stellte Frage auf Frage mit hungrigen Blicken, und war nicht zufrieden mit den seichten Ausflüchten, und brachte zum ersten Male wieder etwas Tiefe und Nachdenken in ein versumpftes Menschengemüt.

So lange Kinder auf Erden sind, ist die Frage nach Gott auf Erden lebendig. Die Religionen und Kirchen könnte man abschaffen, dadurch würde Gott kein Abbruch geschehen.

So sagte auch Jesus vom Tempel in Jerusalem, der zu seiner Zeit ein gruseliges Heiligtum der Jahrhunderte war. Aber wenn man die Kinder abschaffen würde, da würde der Frage nach Gott wirklich Abbruch geschehen.

Man schafft sie nicht ab. Gottes Natur hat dafür Sorge getragen. Aber das lerne an deinem Kinde, wenn du's schon verlernt hast, wieder fragen und denken nach Gott hin. Frage selbst so gerade und herzlich wie dein Kind fragen kann. Nimm es nur immer voll und ernst.

So habt ihr in eurem Heim ein Stückchen Reich Gottes, Gemeinschaft von Menschen, Liebe untereinander und Fragen nach ewiger Wahrheit.

Während sich draußen die Gelehrten die Köpfe zerbrechen über den Begriff des Reiches Gottes und dicke Bücher drüber schreiben; während man in der Welt drüber streitet, ob's überhaupt ein Reich Gottes gibt, oder geben könne, hast du's daheim.

Du hast's in der Seele deines Kindes.

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