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Die Seele Deines Kindes

Heinrich Lhotzky: Die Seele Deines Kindes - Kapitel 6
Quellenangabe
typetractate
authorHermann Lhotzky
titleDie Seele Deines Kindes
printrunEinundzwanzigstes bis dreißigstes Tausend
year1908
correctorJosef Muehlgassner
senderwww.gaga.net
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Kinder und die Welt

 

Wer die Welt verachtet, der verachtet Gott denn sie ist seine Offenbarung

 

Wozu sie da sind

Wer Kinder sind, wissen wir nicht. Wir wissen aber ein wenig davon, wozu sie da sind. Sie sind in der Welt und wollen für die Welt etwas leisten. Also müssen wir sie für diesen Weltberuf pflegen und ihnen dazu behilflich sein.

Freilich wissen wir nicht, im vollen Umfange wenigstens nicht, was die Welt ist. Welt ist ein so unendlich umfassender Begriff, daß unser Denken nicht ausreicht, ihn einigermaßen in uns aufzunehmen. Wir dürfen aber voraussetzen, daß unser Planet ein notwendiges Glied eines großen Ganzen ist, eine winzige Weltzelle und können uns ziemlich deutliche Vorstellungen machen von den nächstliegenden Aufgaben auf unserem Wandelstern.

Wir haben endlich die Einsicht gewonnen, daß wir uns mitten in einem langsam fortschreitenden Werden befinden, und dieses setzt jedem Wesen auf dem Planeten bestimmte Aufgaben, die ihm bewußt oder unbewußt zugeschoben werden.

Man kann den Grundsatz aufstellen: Je einfacher von jedem Wesen das Nächstliegende in Angriff genommen wird, desto weittragender sind die Folgen und Wirkungen seines Daseins. Je mehr dem Fernliegenden gedient wird, desto wirkungsloser wird es sein.

Das ist eine unerschütterliche und zugleich beglückende Weisheit des Seins. Wir brauchen demnach, um nützlich zu sein, kein umfassendes Verständnis des Alls, oder nur unseres eigenen Seins, sondern brauchen nur das zu erfüllen, was jedem am nächsten liegt. Damit geschieht der größte Dienst für die Gesamtwelt und werden die wertvollsten und sichersten Fortschritte in der Entwickelung erreicht.

Daher kommt's nun freilich, daß wohl die gesamte leblose Natur, auch die Pflanzen- und Tierwelt ihre Zwecke und Aufgaben erfüllt, denn sie ist willenlos darangebunden, daß aber viele Menschen ihren Beruf nicht erfüllen, weil ihnen die Möglichkeit des Abweichens anvertraut ist.

Der Mensch ist das Wesen, das auch anders kann. Darin liegt sein unendliches Glück aber auch sein schweres Unglück. Im Menschen kommt jeder Fortschritt, aber auch jeder Mangel zu Empfindung und Bewußtsein.

Ohne Zweifel gibt es sehr viele Eltern, die nicht wissen, wozu gerade sie in dem großen Gebiete der Allgemeinheit da sind. Man sagt dann unter den Menschen: Sie haben ihren Beruf verfehlt. Vielleicht ist dieses das Schicksal der größeren Menschheitshälfte. Die meisten gelangen schwer, oder spät, oder gar nicht an den Punkt, wo ihre Kraft zu beglückender Betätigung kommen konnte.

Aber nach dem Gesetz des Nächstliegenden darf jeder Vater und jede Mutter wissen, daß es zu ihren wichtigsten und bedeutsamsten Obliegenheiten gehört, der Pflege ihrer Kleinen zu dienen.

Vielleicht haben wir der Welt den weittragendsten Dienst geleistet, wenn wir wenigstens sie so leiteten, daß sie ihren rechten Beruf fanden.

Die Seele des Kindes will sich nun fraglos der Welt anschließen, und die Welt, die große, ungeheure Welt bedarf ihrer. Das sieht man schon daraus, daß jedes Kind anders gestaltet ist, andere Züge und Gliedmaßen hat. Folglich auch eine andere Seele, einen andern Geist. Beide sind erst recht verschieden. Sie müssen also in ihrer Verschiedenheit einen besonderen Beruf haben. Jedes einen einzigartigen, denn sie sind selbst einzigartig in Gestalt und Wesen.

Daraus folgt, daß Elternberuf außerordentliche Leistungen an selbstloser Aufmerksamkeit beansprucht. Du hast vielleicht selbst deinen Beruf verfehlt und willst und sollst nun dafür sorgen, daß dein Kind nicht das gleiche Schicksal hat. Es ist aber von dir grundverschieden. Wie wirst du's leiten? –

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Eines ist ganz gewiß. Der Hauptwert des Lebens ruht in der Arbeit. Nur durch Arbeit gewinnen wir Freudigkeit, Kraft, Zuversicht und Glück. Ohne Arbeit kann kein Mensch glücklich sein. Ja, je schwerer und ernster die Arbeit, desto größer ist schließlich das Lebensglück.

Also lehre dein Kind arbeiten. Es hat es dringend nötig, wenn nicht zum Essen, so ganz gewiß zum Leben.

Es fragt sich nur, wie du das machst, und was du arbeiten lehrst.

Auf diesem Gebiete sind manche Eltern ganz unsinnig. Ich glaube auch nicht, daß Eltern hier im allgemeinen verständig werden, aber sei du's. Wenigstens denke ein wenig mit drüber nach.

Ein Kind ist ein selbständiger, ebenbürtiger Geist. Folglich darf es unter keinen Umständen ein Betätigungsmittel unseres Ehrgeizes sein. Es gehört nicht uns, sondern sich selbst an.

Viele Eltern haben das brennende Verlangen, ihre Kinder über sich hinauszuheben. An sich wäre dagegen nicht allzuviel einzuwenden, wenn es mit Maß und ein wenig Verstand geschehen würde.

Aber die weitaus größte Zahl der verfehlten Daseinsformen kommt auf Rechnung elterlichen Ehrgeizes. Kinder sollten durchaus in der Welt etwas werden und vorstellen, was sie nicht konnten, und was nur in dem Wünschen ihrer Eltern lag. Da verkrachten sie natürlich. Das war noch ein Glück. Sonst hätte das unnatürliche Wesen noch weitere Kreise gezogen. Denn jeder Mensch, der seinen Beruf verfehlt hat, zieht eine Menge anderer in Mitleidenschaft.

Es ist immer besser, ein Kind bleibt hinter der möglichen gesellschaftlichen Stellung zurück, als daß es sie überschreitet. Augenblicklich sind, hauptsächlich infolge eines unnatürlichen Auftriebs, alle sogenannten höheren Berufsarten überfüllt, und in den sogenannten niederen fehlt es an tüchtigen Kräften. Elterlicher Ehrgeiz hat nicht wenig zur Vermehrung der Unzufriedenheit auf Erden beigetragen. Das Glück im Leben ist aber Zufriedenheit. Ehrgeiz ist ein nagendes Unglück.

Die Frage muß überhaupt ganz anders gestellt werden. Wir müssen sehr aufmerksam beobachten, was in einem Kinde steckt, und das zu entwickeln versuchen.

Ich hoffe, der Unsinn stirbt endlich aus, daß man meint, ein Kind sei ein unbeschriebenes Blatt, auf das man schreiben könnte, was Eltern oder Erziehern beliebt, gleichviel ob Hurra oder Halleluja. Das ist nicht wahr. Ein Kind ist ein fertiger Geist, wenn es zur Welt tritt, und hat bereits seinen Stempel. Unsere Aufgabe ist, zu beobachten, was in ihm liegt, und dem zur Entfaltung zu helfen. Die Frage ist also nie: Was mache ich aus dir? sondern stets: Was bist du, und was kannst du werden? Wir sind nur Dienende, nie Herrschende.

Kinder haben, heißt entsagen, nicht besitzen. Nur wer an ihnen alles eigene Wünschen verlieren will, der wird besitzen, was sie nur aus freiem Willen verschenken können, ihre Liebe und ihr Vertrauen.

Bei manchen Kindern ist eine ausgesprochene Neigung und Befähigung für eine bestimmte Arbeitsrichtung vorhanden und unschwer zu erkennen. Bei andern ist es sehr schwierig. Da gilt es aufmerken und so lange als möglich allerlei Berufsmöglichkeiten offen zu halten.

Aber ganz freie Arbeitswahl ist in den seltensten Fällen möglich. Sehr häufig wird ein Kind in einen bestimmten Beruf mit hineingeboren, wie in eine Familie. In solchen Fällen wird man immer gut tun, das Nächstliegende zu unternehmen und nur bei ausgesprochener Abneigung und andersartiger Begabung andere Wege einschlagen.

Immer die nächstliegende Arbeit – so für dich, so für dein Kind. Das Gebot des Nächstliegenden ist tief in der Natur begründet und reicht weiter, als die meisten ahnen.

Sorge nur, daß es eine ernste Arbeit ist. Nur wer ernst arbeitet, kann wahrhaft frei werden. Nicht Geld und Besitz macht den Menschen selbständig, sondern allein ernste Arbeit.

Willst du aber dein Kind zur Arbeit erziehen, so sei selbst nicht müßig. Wir werden mit Worten schwer etwas bei ihnen erreichen, sondern nur durch unser Beispiel. Ein Kind, das die Arbeit im Elternhause von klein auf gesehen hat, wird sich schwer dem Müßiggang ergeben. Nur was wir unsern Kindern vorleben, und sie mit uns erleben lassen, das prägt seine unauslöschlichen Spuren in ihnen ein.

Also Kinder sind da nicht für uns, sondern für die Welt. Sie bringen ihren Beruf mit, den Beruf zur Arbeit. Sie finden ihn am besten, wenn sie ihn an uns erleben.

Spielen

Die Spiele sind die Ernste des kindlichen Lebens. Die wichtigste Arbeit, die ein Kind leistet, ist sein Spiel.

Das wird von manchen Leuten viel zu wenig bedacht. Sie meinen, ein Kind könne nicht zeitig genug eingespannt werden in das, was sie Arbeit nennen. Und was nennen sie Arbeit? Nur das, was Geld einbringt.

Mit Geld wird aber die mindeste und oft minderwertigste Arbeit im Leben bezahlt. Eine große, schwere und unbezahlte Arbeit ist Leiden. Niemand bezahlt sie einem. Man muß noch froh sein, wenn die Leute nicht über uns murren, wenn wir leiden. Auch alle großen Gedanken und Fortschritte im Geiste werden nicht mit Geld gewertet. In der Regel verdienen nur die Handwerker, die die Gedanken und Erfindungen der Großen für die Menge nutzbar machen.

Sehr ernste Arbeiten sind die Spiele der Kinder. Sie kosten freilich und bringen gar kein Geld ein, aber dennoch sind sie für die Entwickelung des folgenden Geschlechts hochbedeutsam.

Das Spiel ist die Erinnerung an die Ausübung der Kunst auf einer bestimmten Entwickelungsstufe der Menschheit. Es ist die Arbeitsleistung weit zurückliegender Geschlechter, die sich im Kinde wiederholt. Darum ist das Spiel unendlich wertvoll und wichtig. Im Spiele offenbart sich auch am besten die Anlage des Kindes, die in ihm liegt.

Gib dir immer Rechenschaft darüber, was dein Kind spielt, und fange bei den Spielen deine dienende Aufmerksamkeit an. Es wird dir manchen späteren Mißgriff ersparen.

Niemals sollte man irgend ein Spiel, das Kinder sich ausgedacht haben, verachten oder belachen, sondern ihnen immer vollen Ernst und tiefes Verstehen entgegenbringen.

Bedenke doch, sie sind Erfinder. Sie bekunden sich in ihren Spielen als freie, denkende Geister. Kannst du überhaupt jemals beglückendere und köstlichere Entdeckungen an ihnen machen? Sie werden über diese Stufe der kindlichen Unvollkommenheit gewiß hinauswachsen, sehr bald sogar, aber mit ihrer Erfindungsgabe zeigten sie, welche Wege später mit ihnen eingeschlagen werden sollten.

Ebensowenig sollte man Kinder im Spielen stören. Die Spiele sind die Keimblätter der Lebensarbeit. Wenn die Keimblätter verkümmern, kann keine Pflanze wachsen, und Kinder, deren Spiele gestört werden, können nur schwer zu ernster Arbeit ausreifen.

Was sagen wohl Eltern, wenn sie mitten in ihrer Beschäftigung und Arbeit rücksichtslos unterbrochen werden? Sie werden zum Teil sehr unangenehm. Aber Eltern haben die Pflicht, sich von unverständigen Kindern unterbrechen zu lassen, ohne die Geduld zu verlieren. Kinder können nur mit unendlicher Nachsicht gewöhnt werden, das Tun anderer zu beachten. Darum sollen wir aber auch ihr Tun achten.

Muß man sie dennoch unterbrechen, so geschehe es mit aller Rücksicht, mit der Bitte um Entschuldigung. Sind sie dann nicht imstande, sich schnell loszureißen, so wecke man sie aus ihrem verträumten Tun nicht mit einem Scheltwort, sondern mit aller zu Gebote stehenden Freundlichkeit. Freue dich! Je eifriger dein Kind spielt, um so eifriger wird es später arbeiten.

Im Spiele zeigen sich auch schon die Leidenschaften. Auch hier muß beizeiten aufmerksame Pflege eintreten. Du mußt wissen, wo das Spiel zur Leidenschaft ausartet. Da mußt du ganz gelinde und behutsam eingreifen und dem flammenden Geist eine andere Richtung geben. Kinder sind so leicht abzulenken, und die Ablenkung beruhigt in der Regel das flackernde Feuer.

Aber Leidenschaften müssen sehr sorgsam und sehr geduldig angefaßt werden. Es ist nicht gut, wenn Kinder oft überschäumen. Die Selbstbeherrschung muß schon bei dem spielenden Kinde angebahnt werden.

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Sehr wichtig ist die Frage: Womit Kinder spielen? Unsere Spielwarenläden sind ja unerschöpflich in Beantwortung dieser Frage. Aber höre: Hast du ein eigenes Kind, so weißt du vielleicht schon, daß du dort wenig Brauchbares findest.

Spielwarenläden sind für Onkels und Tanten, die die Familie besuchen wollen und sich im letzten Augenblicke besinnen, daß sie doch eigentlich den Kindern etwas mitbringen möchten. Wo die rechten Spielbegriffe fehlen, da stellt sich der bunte Laden zur rechten Zeit ein.

Die besten Spielzeuge macht das Kind sich selbst. Glücklich die Kinder, die in Garten, Wald und Flur herumtummeln dürfen. Die brauchen kein Spielzeug. Außerdem sind ein paar Holzklötze ein ebenso wertvolles Spielzeug, als irgend eine zerbrechliche Kostbarkeit. Eine Flickerpuppe mit tintebemaltem Gesicht richtet unter Umständen dieselbe Freude an wie irgend ein kaum bezahlbares Engelswachsköpfchen oder ein Puppenkörper, der drei Tage lang schreien kann. Länger hält der Blasebalg in der Regel nicht.

Eine wahrhaft unerschöpfliche, immer neue Spielzeugquelle ist der väterliche Papierkorb, besonders wenn du eine Schere dazufügst, eine kleine mit abgeschliffenen Spitzen.

In meiner langjährigen Erfahrung hat der Papierkorb als Beruhigungs- oder Anregungsmittel niemals versagt. Es gibt an sich in keinem Haushalt, überhaupt im ganzen Leben, keinen wertvolleren Gegenstand als einen Papierkorb. In der Kinderpflege ist dieser Lethebecher der Großen das anziehendste Spielzeug. Es empfiehlt sich auch, gelegentlich einen Leckerbissen mit hineinfallen zu lassen. Dazu ein paar Endchen Bindfaden oder gar einen Bleistift, einen Buntstift – und du kannst versichert sein, es gibt im Zimmer nichts Schöneres und Interessanteres.

Der Papierkorb ist der treueste Freund des Menschen, unentbehrlich vom ersten Schritte in's Leben bis zum letzten. Auch nachher ist er noch unschätzbar für das sogenannte Beileid.

Warum spielen Kinder? Aus Tätigkeitstrieb. Ihre Spiele sind ernste Arbeitsversuche. Folglich müssen ihre Werkzeuge so sein, daß sie selbst etwas damit zustande bringen. Also ganz einfach, ganz unzerbrechlich, mit einem weiten Spielraum für die kindliche Vorstellungswelt. Nicht das Fertige regt das Denken und Schaffen an, sondern das Werdende.

Geht's uns nicht geradeso? Was ist uns im Leben das Liebste? Das, in dessen Werden wir unsere Kraft und unsern Geist betätigen konnten, die Umwelt, die wir selbsttätig aus uns heraussetzten. Unsere Kleinen sind ebenso eingerichtet wie wir, sie haben nur kindliche, urwüchsige Formen, die nicht beeinflußt sind von den unter Erwachsenen angenommenen metallischen Wertbestimmungen.

Also kann das Spielzeug nicht einfach genug sein, und die Betätigung damit muß immer neues Denken und Schaffen anfachen.

Von diesem Gesichtspunkte aus, wollen wir noch einmal selbst in den bunten Spielwarenladen gehen. Es gibt zuweilen im Leben Feiertage, wo auch wir seiner bedürfen.

Feiertage an sich bezeichnen kindliche Entwickelungsstufen der Menschheit. Überall wo sich der Geist nicht rein durchringen kann, müssen zu seiner Anfrischung Feste gefeiert werden. Diese Feste bedeuten die wertvollen Rastorte rückwärts liegender Entwickelungsneubildungen. Also dürfen sie nie im Leben der Kinder fehlen. Glauben die Großen ihrer nicht entraten zu können, so sind sie für die Kleinen unentbehrlich.

Man muß daher schon keine Geburtstagsfeier bei den Kleinen übergehen, noch weniger den allgemeinen Kindergeburtstag, das liebe Weihnachtsfest. Elterngeburtstage sind leicht entbehrlich, Kindergeburtstage nie.

Sorge auch womöglich, daß der Osterhase kommt und laß ihn nicht mit leeren Händen kommen.

Geld ist zu allen diesen Feiern nur wenig nötig, denn Freude ist nicht an Geld gebunden. Für Geld kann man sie glücklicherweise nirgends kaufen. Aber wenn dir auch eine bescheidene Ausgabe schließlich zu viel wird bei den heutigen Fleisch- und Gemüsepreisen, und dein Häuflein allmählich stark angewachsen ist, so schließe mit den älteren Kindern einen Vertrag, daß Geburtstage nur gefeiert werden sollen bis etwa zum vollendeten siebenten Lebensjahre. Sie werden's verstehen und um so fröhlicher mit den Kleinen mitfeiern.

Es gibt doch nichts Köstlicheres als einen Geburtstagsmorgen, den solch ein kleines Menschenkind entfernt nicht berechnen konnte, und der es plötzlich mit seinen wenigen Lichtchen und seinem großen Kuchen mit unvergeßlicher Freude überrascht! Oder das Weihnachtsfest, wo einem drei Meilen vorher schon allerlei zarte Erwartungen und Hoffnungen auf Unerhörtes begegnen.

Selige Kinderzeit!

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Nun zu solchen Gelegenheiten gehen wir in den Laden und freuen uns an seiner Feiertagsstimmung. Nun bedauern wir auch nicht so arg, daß sein Inhalt die Feiertage im allgemeinen nicht überdauert. Den Alltag mögen unsere Kleinen sich selbst schaffen. Sie können es auch.

Wertvoll sind vor allem die Baukasten. Leider hat die Neuzeit sehr teure, sehr umständliche und zerbrechliche Kunstwerke auf diesem Gebiete geschaffen. Schließlich sind sie in der Regel zu klein. Der alte, brave Baukasten war sehr groß und hatte sehr kräftige Bauklötze verschiedener Länge mit quadratischem Schnitt. Alles vom gleichen Maße. Vielleicht macht dir dein Tischler einen solchen auf Bestellung. Nur groß muß er sein und seine Hülle stoßsicher. Mit einem solchen kann sich die junge Seele am besten betätigen.

Für Mädchen wird ewig die Puppe das beste Spielzeug bleiben. Schon in den Pyramiden hat sich die Urpuppe als Spielzeug gefunden, die ihre Herrin bis in's Grab begleitete.

Die Puppe ist einzigartig befähigt, weibliches Empfinden unbemerkt zu entfalten. Der Wert der Puppe sinkt aber ungefähr in demselben Verhältnis, als ihr Preis steigt. Halte dich also an die unteren Preislagen.

Als drittes nenne ich das Bilderbuch. Das heutige Geschlecht muß sich an den Gebrauch des Buches gewöhnen. Und zwar des eigenen, nicht des geborgten Buches. Von klein auf sollte das Kind lernen, daß Bücherpumpen Aneignung fremden geistigen Eigentums ist!

Wir haben viel Kinderliteratur, aber wenig Kinderbücher. Sie ist mehr auf den Beifall derer berechnet, die die Bücher einkaufen, als derer, die sie gebrauchen. Stelle wenigstens an die Bilderbücher die Forderung der Deutlichkeit und womöglich der Farbe und lausche auf dein Kind und sein Werden. Suche nach dem Kinde die Bücher aus, du wirst gewiß nicht fehlen.

Was du sonst etwa an buntem Flitter dazufügst, mag dir überlassen bleiben; etwa den Gummiball, die Peitsche, Kreisel oder dergleichen nützliches. Im Vertrauen sage ich dir, daß ich in meinem Hause alle tönenden Marterwerkzeuge ausgeschaltet habe. Aber wenn du gesunde Nerven hast, so entscheide dich für Trommel, Pauke, Pfeife und Trompete.

Im allgemeinen macht man die Beobachtung, daß die weitaus meisten Spielwaren die Erwachsenen mehr ergötzen als die Kleinen, und wer heranwachsende Kinder hat, wird beobachten, daß sie mehr mit dem neuen Spielzeug der Kleinen hantieren als diese selbst. Damit ist auch ein stillschweigendes Werturteil über die Ware gefällt.

Kürzlich sah ich in einem Hause ein herrliches Dampfschiff. Es hatte eine richtige Maschine mit Spiritusheizung und konnte mit eigenem Dampfe auf dem See fahren. Die Kinder baten uns, es in Gang zu bringen. Sie selbst konnten es nicht. Aber bis wir's so weit hatten, war ihre Anteilnahme längst erlahmt. Sie fischten mit Stangen alte Flaschen aus dem See und patschten kräftig in's Wasser. Das Dampfschiff und seine kunstvolle Maschine hatten sie vergessen.

Also spare dir die Ausgaben für teure und umständliche Kinderkunstwerke. Die Freude ist ein Gottesbote. Das Kennzeichen des Göttlichen aber ist die Einfachheit. Die echte Freude ist für Geld überhaupt nicht zu haben, und wenn sie ja zuweilen Werkzeuge bedarf, wählt sie stets die billigsten aus.

Werdet selbst an den Kindern wie die Kinder!

Familienleben

Das schönste Erbteil, das einem Kinde werden kann, und der günstigste Boden für die Entfaltung der jungen Seele ist ein freundliches Familienleben. Das Leben bietet keine Gemeinschaft, die annähernd gleichwertig wäre.

Wer eine freudlose Jugend durchlebt hat, dem hat das Familienleben gemangelt. Nicht Armut bewirkt Freudlosigkeit, und Reichtum schafft nicht Freude, sondern der Unfrieden im Elternhause allein macht das Leben der Jugend freudlos.

Es wäre besser, ungünstige Ehen, die immer vorkommen werden, leicht zu scheiden, als daß ihr kaum lösbares Fortwickeln, das auf einem Mißverständnisse herausgerissener Bibelstellen ruht, S. darüber Lhotzky »Der Weg zum Vater«, S. 372 ff. zu einer unversieglichen Giftquelle für ein nachwachsendes Geschlecht wird.

Wenn sich schon Eheleute nicht verstehen – erzwingen läßt sich einmal die Sache nicht – sollte wenigstens eines seine ganze Aufgabe dreinsetzen, dem jungen Geschlecht Sonnenstrahlen in seinen Lebensfrühling fallen zu lassen. Ein kalter, unfreundlicher Lenz verdirbt oft die ganze Ernte.

Der Sonnenschein, von dem ich rede, kommt, ohne daß du's weißt und beabsichtigst, aus deiner Seele, wenn du dich dafür hergibst und der Jugend nach bester Kraft dienst. Dienen ist Vorrecht und Lebensbedürfnis des höherstehenden Geistes. Ein solcher bist du zunächst selbstverständlich für dein Kind infolge des Übergewichts an Reife und Erfahrung, das du vor ihm voraus hast. Also diene du deiner Jugend.

Es ist immer ein sehr schlechtes Zeichen, wenn jemand Fernerstehenden zu dienen bereit ist und die Eigenen vernachlässigt. Leider eine häufige Erscheinung.

Durch solche dienende Fürsorge, die die Jugend von Natur wegen als selbstverständlich beansprucht, ohne das mindeste Empfinden der Dankbarkeit dafür zu haben, wird in ihr das Bewußtsein gereift, daß ohne dich kein wahres Vergnügen möglich ist. In dieses Bewußtsein muß die Jugend einfach hineinwachsen, und sie tut's, ohne daß du besondere Anstrengungen und Überlegungen machst, oder Erziehungsbücher studierst, wenn du dein Dienen selbstverständlich findest.

Dadurch werden drei große Vorteile erreicht, die eine eigentliche Erziehung im Grunde überflüssig machen.

Wenn man von Jugenderziehung redet und soviel Wesens davon macht, ist in der Regel schon von vornherein etwas falsch, das durch den Erziehungswahn ausgebessert werden soll, aber kaum je ausgebessert wird. Es fehlt nämlich gewöhnlich ein dienender Geist, und dafür sollen die Früchte, die einem solchen mit naturgesetzlicher Notwendigkeit reifen, ersetzt werden, indem erziehungsmäßig künstlich Früchte aufgehängt werden.

Ich glaube, die echten Erzieher wissen überhaupt nichts von Erziehung, sondern wirken unbewußt und selbstverständlich nur ihre dienende Liebe aus, die selig ist, wenn sie dienen darf.

Der erste Vorteil, den ein Familienzusammenschluß gewährt, wenn er auch nur von einem Teile der Eheleute ausgeht, ist der, daß du selbst – wie soll ich's doch ausdrücken? – daß du selbst vor Vereinsamung und Altern bewahrt wirst.

Die Sache wird nämlich von wenigen in ihrem vollen Umfange verstanden. Durch deine beständige Beteiligung an den Freuden deiner Jugend von klein an wird in ihr unwillkürlich das Bewußtsein geweckt, daß du selbst die Quelle ihrer Freude bist. Sie wird sich dann gewöhnen, dich an allem teilnehmen zu lassen, was sie bewegt, denn sie weiß ja, daß du nie auf sie herabsiehst, sondern sie stets als ebenbürtige Geister behandelst.

Dann wirst du in den Jahren, wenn sie heranwachsen, auch ihr Freund und Genosse sein und nochmals mit ihnen jung werden. Du wirst Vertraute haben, wenn das Leben um uns her einsamer wird.

So kannst du selbst nicht altern und vereinsamen. Spielst du ihre Spiele als Kamerad mit, begleitest du sie auf ihren späteren Wanderungen, und wissen sie erst, daß ohne dich das Hauptvergnügen fehlt, so hast du für dich selbst ein unendliches Lebensgut gewonnen, das alle anfänglichen Opfer reichlich ersetzt.

Wenn sie dann voll erwachsen sind und zwischen ihrer Jugend und anderer Vergleiche ziehen lernen und ihres eigenen Lebens voll bewußt werden, wird sogar eine Dankbarkeit erwachsen, die sie ja früher gar nicht kannten, die aber immer mehr zunimmt, in deren Lichte sogar Großeltern im Jugendglanze wandeln können.

Viele verstehen diesen Vorteil in den entscheidenden Jahren nicht wahrzunehmen. Dann entwöhnt sich die Jugend in ihrem treibenden Leben ihrer gar schnell und sucht sich andere Freunde und Vertraute, und du hast sie verloren, wenn du selbst ihrer am nötigsten bedarfst. Wenn du dann anfängst zu maulen, wirft sie dir höchstens hier und da ein Almosen hin, das deine Armut nur um so drückender macht.

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Der zweite Vorteil ist der, daß du der Jugend einen Schutz gewährst gegen die Unbilden der Schule.

Es ist bei uns wunderlich eingerichtet, daß im zarten Kindesalter, wenn du hoffentlich eben die Gehorsamsfrage glücklich zur Entscheidung gebracht hast, plötzlich Staats- und Polizeigewalten in dein Heim eindringen und auf deine Jugend mit rauher Hand Beschlag legen, um sie – »zu erziehen«.

Es ist so. Wir wollen hier über den Wert oder Unwert dieses sonderbaren Zustandes nicht streiten. Es ist dadurch ja auch mancherlei Gutes gewirkt worden. Der bekannte elterliche Unverstand hat das wohl als eine Art Notwehr für die Jugend hervorgerufen, ebenso wie gelegentlich Vormundschaftsgerichte ihr Vermögen in Beschlag nehmen und für sie verwalten.

Aber ganz gewiß ist, darin stimmen sogar alle einsichtigen Schulgewaltigen überein, daß diese öffentliche Zwangserziehung einer häuslichen Ergänzung bedarf. Sie liegt in dir. Auch der beste Massenlehrer vermag dein Kind nicht so zu behandeln und zu pflegen, wie du es kannst. Es ist auch seine Aufgabe nicht.

Da mußt du das ergänzende, ausgleichende und – versöhnende Mittelglied sein. Es gibt Eltern, die rasend werden, wenn ihre Kinder in der Schule vermeintlich ungerecht behandelt werden, wobei sie sich nur auf sehr einseitige Berichte stützen. Weil sie aber gegen Lehrer und Schulgewalten nicht ankommen, schütten sie heimlich ihren Groll und Unwillen aus, natürlich vor den Ohren ihrer Kinder, und vergiften dadurch einen Zustand, der in keinem Falle unerträglich zu sein brauchte.

Das ist grundfalsch. Versöhnend mußt du wirken, auch wenn dein Kind offenbar ungerecht behandelt werden sollte. Lehre es mit Fassung und Geduld diese Unbilden des Lebens ertragen. In der Regel ist nämlich der Unverstand der Lehrer längst nicht so groß, wie es gemacht wird, meistens weit geringer als der übliche elterliche.

Aber fühlt sich dein Kind wirklich in der Schule unverstanden und bedrückt, öffne ihm in deiner Seele eine Heimstätte, wo es ausruhen und sich selbst finden kann. Du wirst sehen, am besten geraten im Leben die Kinder, die in der Schule keine glänzenden Muster waren, wenn sie nur als Gegengewicht daheim eine Ruhestätte für ihre Seele fanden.

Also die Schule kann und will gar nicht die Erziehung allein durchführen. Sie bedarf deiner ergänzenden, schützenden und versöhnenden Pflege.

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Endlich der dritte Vorteil des Familienzusammenschlusses. Das ist ein sehr bedeutsamer. Er mag heißen: Schutz gegen die Kameradschaft.

Hier ist's recht schwierig. Selten entspricht eine Schule ganz den geheimen Neigungen eines Kindes. Sie birgt zuviel Herbes und ist zu ernst. Aber sie gewährt zugleich die Wahl des Umgangs in breiten Möglichkeiten. Der Umgang füllt, wenigstens zeitweilig, leicht alles Wünschen einer Kindesseele aus. Er ist aber keineswegs immer wünschenswert. Da muß das Haus schützend eintreten.

Ja nicht verbietend, nörgelnd und beaufsichtigend. Dazu sind die Kinder dann schon zu groß und zu selbständig gerichtet. Es muß ein unbewußter Schutz ausgehen, und die eigene Geschmacksrichtung des Kindes muß am Elternhause bestimmt sein. –

Ist deine Gemeinschaft – ich will gar nicht einmal sagen dein Heim, denn das gibt's bei vielen einfach nicht – der Ort seelischen Behagens für dein Kind, so hat es zugleich seinen Wertmesser für seine Jugendfreundschaften gewonnen. Dann bist du sein bester Schutz, auch wenn du die unbewachten Gespräche der Jugend nicht mit anhörst, auch wenn dein Kind gelegentlich Fehltritte machen sollte. Wir machen sie ja alle, das ist Menschenlos – warum nicht unsere Kleinen?

Aber in uns müssen sie den Ort unendlicher Verzeihung finden, die keine Grenzen kennt, nicht einmal in der sogenannten Familienehre, den Ort, wo sie sich von der Kameradschaft erholen können und sie fürs Leben richtig einschätzen lernen.

Dieser Dienst wird dir nur gelingen, wenn deine Seele wirklich vom ersten Sein ab deinem Kinde erschlossen ist. Aber versuch's, wie du kannst mit aller dir zu Gebote stehenden Zartheit und Behutsamkeit, und sei gewiß: Kein edler Dienst, in den du deine ganze Seele legst, fällt nutzlos ins Nichts.

Selig, wenn das Elternhaus der Tempel der Jugend sein kann!

Die Gesellschaft

Wer seine Kinder für die Welt erzieht, muß ihnen die Möglichkeit geben, sich irgendwie und irgendwo der menschlichen Gesellschaft anzugliedern. Das ist für viele sehr schwer, denn aus den Zusammenhängen unter den Menschen fließt neben manchem Guten unendlich viel Schweres und Bitteres.

Der Eintritt in die Gesellschaft bahnt sich schon an mit dem Eintritt in die Schule. Du hast dein Kind nur so lange, bis es schulpflichtig wird, für dich. Von da ab findet es seinen Betätigungskreis immer mehr außer dem Hause in der menschlichen Gesellschaft und wehe dir, wenn du ihm hier aus falscher Zärtlichkeit oder irgendwelchen eigensüchtigen Gründen gangbare Wege verlegen wolltest. Wer sein Kind für sich behalten will, wird's gewiß verlieren, aber wer's hergibt, der wird's behalten.

Man sieht also, wie wichtig es ist, daß du dein Bestes in die Seele deines Kindes legst, noch ehe es den ersten Fuß aus deinem Heim gesetzt hat. Die Gehorsamsfrage muß dann schon ganz entschieden, die Selbständigkeit und Weltfähigkeit angebahnt sein.

Von dem Augenblicke an, wenn die ersten Wellen aus der menschlichen Gesellschaft in das Leben deines Kindes schlagen, ist große Aufmerksamkeit und Sorgfalt nötig.

Manche Kinder sind außerordentlich eindrucksfähig. Jede Bewegung von außen schwingt in ihnen nach. Solche muß man so vorsichtig zurückhalten, daß ihr Gleichgewicht nicht gestört wird. Das heißt aber nicht einsperren. Es gibt nichts in der Welt, das ein Kind nicht allmählich kennen zu lernen den Anspruch hätte; aber es soll ihm auch niemals die Aufklärung über den Wert und Unwert aller menschlichen Erscheinungen mangeln.

Solche Aufklärung zu geben, bist in erster Linie du berufen. Also hast du die Pflicht, mit größter Aufmerksamkeit alles zu verfolgen, was an dein Kind herantritt. Du hast sein volles Vertrauen, wenn du die Gehorsamsfrage richtig gelöst hast.

Dein Urteil wird für dein Kind in diesem Falle das entscheidende, jedenfalls ein sehr wichtiges sein. Also darf es nicht leidenschaftlich sein.

Je ruhiger und leidenschaftsloser du alle Dinge, die an euch herantreten, beurteilst, um so größeren Halt wird dein eindrucksfähiges Kind an dir haben. Es bedarf nichts so sehr als festen Rückhalt.

Andere Kinder muß man auf die Gesellschaft aufmerksam machen und sorgfältig hinleiten. Ich halte es nicht für sehr wünschenswert, wenn Kinder keinen Umgang mit Kameraden pflegen und Urbilder vollendeter Häuslichkeit sind. Solche sind in Gefahr, sich später in der Gesellschaft nicht gut zurecht zu finden.

Unser Ziel muß immer sein, mitten in der Welt, aber in innerer Unabhängigkeit von der Welt, Beruf und Arbeit zu finden. Wer aber mit der Welt nichts anzufangen weiß, wird sich schwerlich nützlich in ihr betätigen lernen.

Wir haben je und je sehr wertvolle Geister gehabt, die für die menschliche Gesellschaft verloren gingen, weil sie sich nicht hineinfinden konnten. Das ist ebenso sehr zu beklagen, als wenn sie in der Gesellschaft verloren gehen. Du kannst deinem Kinde hier sehr viel helfen.

Also laß deine Heranwachsenden der Kameradschaft pflegen, in dem Maße als es gerade für sie notwendig erscheint.

In der Gesellschaft begegnet ihnen auch viel sehr Gefährliches. Als erstes nenne ich den Alkohol. Ich setze voraus, daß dein Kind vollständig alkoholfrei erzogen ist. Das wird heute glücklicherweise von den Ärzten aller Heilbekenntnisse so einstimmig gelehrt, daß wir eine Erziehung ohne jeden Alkoholgenuß von dir voraussetzen dürfen.

Es schadet dabei nichts, wenn du selbst einem mäßigen Genuß geistiger Getränke nicht abhold bist. Ich möchte niemand binden an völlige Enthaltsamkeit, aber meine eigene Bewegungsfreiheit auch von keinem schmälern lassen.

Hast du dein Kind ohne Alkohol erzogen, so wird es in der Gesellschaft ganz allein an der Mäßigkeit Freude haben. Du hast dann gar nicht notwendig, auf völlige Enthaltsamkeit deiner heranwachsenden Jugend zu dringen, sondern kannst ihnen die Selbständigkeit anvertrauen, die ihrem Alter entspricht. Merke aber, daß ein Körper, der noch in seiner Ausbildung begriffen ist, bei Enthaltsamkeit besser gedeiht. Namentlich beeinflußt der Alkohol sehr die vorzeitigen Regungen des Geschlechtstriebs. Also Vorsicht!

Mit dem Tabak halte ich's für am besten, volle Freiheit zu gewähren, aber weder Tabak noch Geld dazu. Diese Ausgaben soll ein Jüngling nur aus Selbsterarbeitetem bestreiten.

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Das Wichtigste, was aus der Gesellschaft an dein Kind herantritt, und was im Leben die größte Rolle zu spielen pflegt, ist die Kenntnis des Du.

Die Zeit der ersten Zähne ist die Zeit des Ich. Die Zeit der zweiten Zähne die des Du. Sie ist länger. Das Du begleitet uns, bis sie ausfallen, und dann vergoldet es hoffentlich unsern Lebensabend.

Bis die letzten Backzähne erschienen sind, die sogenannten Weisheitszähne, hat sich das Du in irgend einer Form deinem Kinde genaht. Es war hoffentlich nicht unvorbereitet. Über die geschlechtlichen Verhältnisse hast du es aufgeklärt. Damit hast du dir sein Vertrauen ermöglicht, denn es bedarf deiner sehr in dieser Zeit.

Deine Aufklärung war natürlich nur der Grundriß, das Bild selbst malt das Leben. Das tut es ohne dich.

Das Du kommt im allgemeinen zuerst in einer ganz harmlosen Form, in der Form der Freundschaft innerhalb des Geschlechts.

Die Freundschaften deiner Kinder sind wichtig. Du kannst an ihnen die Richtung ihres Geistes kennen lernen, vor allem aber die Tiefe der Glut ermessen, deren sie überhaupt fähig sind.

Die wenigsten Menschen können wirklich tief lieben. Könnte man ein zuverlässiges Maß für Liebefähigkeit einführen, und würde man etwa 10 als Höchstmaß bezeichnen, so würde der Durchschnitt der Menschen ungefähr die Glutfähigkeit 3 haben, nur wenige würden sich über 6-7 erheben, aber eine Masse würde auch bis zum Nullpunkt heruntersinken. Die Beobachtung hat keinen wissenschaftlichen Wert. Es ist nur die persönliche Erfahrung, die ich in etwa einem halben Jahrhundert gemacht habe.

Es ist aber ein großer Unterschied zwischen Glutfähigkeit und Entzündbarkeit. Sie stehen im allgemeinen in umgekehrtem Verhältnis. Je entzündlicher, desto weniger tief pflegt die Glut zu gehen.

Es ist wichtig, daß du dein Kind einigermaßen richtig einschätzen lernst. Das kannst du an seinen Freundschaften tun.

Freundschaft ist, ohne daß es natürlich die Betreffenden ahnen, eine stille Äußerung des Geschlechtstriebs, der sich über den Rahmen des eigenen Geschlechts noch nicht hinausgetraut. Schon darum sind sie ein bedeutsames Merkmal der seelischen Entwickelung und verdienen volle Aufmerksamkeit. Man soll sie nie stören, aber wenn die Glut gar zu groß werden will, soll man irgend ein Ablenkungsmittel bereit halten. Das wirkt kühlend.

Die Erfahrungen, auch die bittern, muß die Jugend durchaus selbst machen. Wir sind nicht dazu da, sie ihr abzunehmen, denn wir können ihr Leben nicht leben. Aber wir müssen ihr Rückhalt sein, der sie immer aufnimmt, ihre Oberfreunde, die über der Glut schweben, ihre letzte Zuflucht, die allzeit offen steht.

Die Ehe ist in der Regel das Grab der Jugendfreundschaft. Das ist von Natur wegen so. Also nicht bedauerlich. Was man etwa im späteren Leben noch Freundschaft nennt, ist kaum mehr als eine gewisse Interessen- oder Gedankengemeinschaft. In der Regel sehr lockerer Art. Nur wenige, sehr feine Ausnahmemenschen sind dann noch einer tieferen Geistes- und Herzensfreundschaft fähig. Davon braucht man also hier nicht zu reden.

Das eigentliche Du, dem sich dein Kind unbewußt entgegensehnt und entgegenreift, liegt im andern Geschlecht. Diese Lebensjahre sind also gefährlich und entscheidend und darum auch köstlich.

Es ist gut, wenn du dafür gesorgt hast, daß das andere Geschlecht schon in deinem Hause im Geschwisterkreis vertreten ist. Ist das nicht der Fall, so sperre dein Kind um so weniger ab von dem Du, das herantreten will und wird. Aber wache drüber und sei Macht und Schirm um dein Kind her.

Du siehst, die Aufgaben werden immer schwerer und größer. Du wirst sie aber lösen können, wenn du die erste gelöst hast, die Gehorsamsfrage.

Ist dir das seinerzeit nicht gelungen, dann wirst du freilich in dieser ernsten Schwebezeit ausgeschaltet sein, aber dein Kind weiß sich in diesem Falle wahrscheinlich selbst ziemlich zu helfen. Sei dann womöglich nicht gar zu verständnislos und eigensinnig und sieh, daß es wenigstens dann an dir eine Rückendeckung findet, wenn es eine solche sucht und begehrt.

Gelegenheiten, in denen die jungen Geschlechter zusammenkommen und sich anstaunen, soll man nicht aus dem Wege gehen und sie benutzen je nach Stand und Verhältnissen.

Das Alter und die Erfahrung sollen aber die Zügel nicht aus den Händen verlieren, und wenn auch hier zu große Glut wird, die man nicht meistern kann, so halte man für alle Fälle eine Ablenkung bereit. Eine Luftveränderung irgend welcher Art oder eine Reise. Reisen ist kostspielig ja, aber lange nicht so wertvoll als die Seele deines Kindes.

Eine Mutter klagte mir einmal in äußerster Verzweiflung die unbezähmbare Glut ihrer Achtzehnjährigen. Ich riet zu einer längeren Reise. Zwei Monate, drei Monate, schließlich waren's sechs Monate. Das half vollständig. Sie ist später eine prächtige Hausfrau und Mutter geworden im Hause eines ganz anderen. Gott sei Dank, daß sie fähig war zu glühen.

Den Weg zum Du findet und geht dein Kind ganz alleine. Da darfst du dich nicht einmischen wollen. Du hast's bei dir auch nicht gewünscht. Aber du mußt da sein, wenn es dich braucht. Es darf überhaupt kein einziger Fall des Lebens denkbar sein, in dem deine Liebe versagt, auch wenn dein sogenannter guter Name durch dein Kind in den Staub gezogen wird. Deine wahre Ehre ist, unter allen Umständen für dein Kind da zu sein. Wer fähig ist, ein Kind dauernd zu verstoßen, ist nicht wert, eines zu haben. Oder ist dir das Geschwätz der Leute wertvoller als die Seele deines Kindes? –

Freiheit

Hast du dir schon einmal gründlich überlegt, wozu dein Kind heranwachsen soll?

Vielen schwebt dabei für die Söhne irgend ein gleichgültiger, aber womöglich nahrhafter Beruf vor, und die Töchter sehen sie als brave Hausfrauen in auskömmlichen, bequemen Verhältnissen, wo sie es besser haben sollen als die Mutter. Kinder sollen sie natürlich auch haben, herzige, goldige, weil du doch Enkelkinder brauchst.

Das sind alles keine Überlegungen, sondern Träume. Da du doch erwachsen bist, schmiede lieber Pläne als Träume. Den Lebensinhalt unserer Werdenden sollen wir wohl ernsthaft mit ihnen und für sie erwägen, aber schaffen müssen sie ihn selbst.

Ich schlage etwas anderes vor, was als Ziel vor unsern Augen stehen muß, wobei das Geschlecht deines Kindes keine Rolle spielen darf: Bereite deine Kinder vor zur Freiheit.

Der Mensch ist das einzige Wesen, das frei sein kann. Vollkommen kann jedes Tier und jede Pflanze sein, frei nur der Mensch.

Die Freiheit ist der beste Schutz im Leben und sichert das gewisseste Fortkommen. Eltern sind nur ein ungenügender Schutz. Die Natur fragt auch nicht viel nach Elternschutz. Ihr macht's nichts aus, wenn unter Umständen die Mutter über der Geburt des Kindes stirbt. Du mußt also nicht glauben, daß du so unersetzlich bist.

In einer mir befreundeten Familie starb die Mutter über der Geburt des zehnten Kindes. Der Vater, ein armer Beamter, war darüber so entsetzt, daß er sogleich ins Irrenhaus gebracht werden mußte. Vermögen war schlechthin keines da. Von diesen Kindern ist jedes etwas sehr tüchtiges geworden, ohne der öffentlichen Wohltätigkeit zum Opfer zu fallen. Alle haben sich in der gesellschaftlichen Stellung, die die Eltern hatten, behauptet. Also es geht auch ohne dich.

Aber es geht nicht ohne Selbständigkeit, ohne Freiheit. Freiheit ist Selbstschutz. Der freie Mensch trägt in sich sein Gesetz und Richtschnur und wird unter allen Umständen seinen Weg finden.

Zwei Dinge mußt du unerschütterlich fest wissen. Es reut mich nicht, es immer wieder zu sagen. Du mußt erstlich auf jedes Eigentumsrecht verzichten und dein Kind für sich selbst, für seine eigene Wahrheit pflegen. Aber ehe es seinem eigenen Gesetz gehorchen kann, muß es deinem gehorchen lernen.

Freiheit kann nur aus der Zucht erwachsen, sonst wird es Ungebundenheit, die haltlos in sich selbst zusammenfällt. Die vielen unglücklichen und zerfahrenen Menschen heute verdanken ihr Elend zum größten Teil der Zuchtlosigkeit.

Also sei sehr streng gegen das kleine Kind, den Läufling und Sprechling, und lehre es, was Zucht bedeutet, und daß es in der Welt eine Vormacht gibt, der man sich angliedern muß aber nicht widersetzen darf. Allmählich laß die Zügel immer lockerer, werde immer mehr gleichgestellter Freund, der alles, auch die Fehler, zu verstehen und schonend zu behandeln trachtet. Locke das eigene Pflichtgefühl und die selbständige Verantwortlichkeit des werdenden Geistes heraus.

Du hast's so leicht. Gewöhne es an Erfüllung kleiner und kleinster häuslicher Pflichten, Füttern von Tieren, Ordnung, Reinlichkeit, Geldgebrauch u. dgl.

Ein Kind tut ja nichts lieber als sich in den Arbeiten der Eltern nützlich zu machen, und fühlt sich gehoben durch ihre Anerkennung. Sie darf nur nicht überschwänglich sein. Ein Kind hat noch soviel natürliches Empfinden, daß ihm alles Übermaß, auch an Liebe, zuwider ist. Es weiß auch ganz genau, ob's dir Ernst ist, oder ob du nur so machst, und es haßt von Natur alles gemachte und gekünstelte Wesen. Dieses ist in der Regel erst eine üble Folge der Erziehung.

Die Treue deines Kindes muß aber belohnt werden. Die beste und einzig wirkliche Belohnung ist erweitertes Vertrauen, das sich auch durch Seitensprünge nicht irremachen läßt.

Du sollst nicht schweigen zu allen Torheiten der Flegeljahre, aber du mußt auskommen ohne Nörgelei und die alberne Verbieterei und kleinliche Beeinträchtigung bei jeder Gelegenheit.

Jeder Wille und Vorschlag des Kindes muß immer voll ernst genommen und erwogen werden. Wenn's irgend angeht, muß er bejaht werden, aber zwischen euch darf nie das Nein fehlen. Das Ja und das Nein zusammen bewirken den Fortschritt im menschlichen Leben. Jedes allein wirkt zerstörend.

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Welche äußere Form schließlich die Selbständigkeit deines Kindes für dieses Leben annimmt, das überlaß ihm selbst. Die Umstände und Lebensverhältnisse reden hier ein großes Wort mit, ebenso die eigenen Neigungen und Befähigungsgrade. Bei alledem hast du nur beratende, keine Ausschlag gebende Stimme. Es ist auch alles das nicht so wichtig, als es in der Regel gemacht wird.

Bismarck sagte einmal zum Battenberger, als er auf den bulgarischen Thron berufen war: Es wird Ihnen einmal eine ganz angenehme Lebenserinnerung sein, ein Weilchen Fürst von Bulgarien gewesen zu sein.

So ungefähr muß es dem Menschengeiste zumute sein, wenn er auf sein Planetendasein zurückblickt. Das Leben hier wird eine gar nicht uninteressante Erinnerung sein, gleichviel was wir nach dem bekannten Kinderverschen waren:

Schuster, Schneider, Leineweber,
Doktor, Kaufmann, Totengräber.

Das ist nämlich der Ernst, der dahinter steht. Gewöhnst du dein Kind an Freiheit, so wird es nie in seinem Beruf untergehen, sondern sein Schwerpunkt wird in seinem Menschentum liegen. Das ist sein ewiges Teil.

Die Sache ist wohl eingehendster Beachtung wert. In jedem Menschen steckt ebenso wie in den höheren Tieren ein großer Nachahmungstrieb. Der ist außerordentlich fördernd, aber man darf nicht drin stecken bleiben, sondern muß ihn überwachsen. Viele sind leider alles, was sie sind, in ihrem Arbeiten und Denken, in Worten und Gebärden nur die Verkörperung des Trieblebens der Nachahmung. Das ist eine sehr unvollkommene Stufe des Seins, man könnte es beinahe nennen: höheres Affentum.

Menschentum wird erst alles, wenn es in uns neu geboren und neu erschaffen wird in eigenartiger Selbständigkeit. Unsere Seele muß in allem drin liegen und alles Fremde, was wir übernommen haben, muß in uns zu Eigensein verdaut werden. Sonst liegt's schwer und belastend in unserem Wesen und erzeugt Verdauungsstörungen.

Darauf müssen wir die Seele unserer Kinder lenken. Überall muß Geist und Leben, nirgends nur die Form angestrebt werden. Die anfängliche und triebmäßig begründete Nachahmung muß auf Selbständigkeit ausgerichtet werden.

Es ist daher ein nicht unbedenkliches Zeichen, wenn man jemandem seinen Beruf gleich äußerlich ansieht, sei es daß er seinem äußeren Menschen eine bestimmte Verkleidung gibt, oder überhaupt die Runen seiner Tätigkeit in seinen Zügen oder Gebärden zum Ausdruck bringt. Ein solcher ist gewiß unfrei.

Die meisten sind's ja und die Zeit der wahren Freiheit ist noch nicht erschienen. Ich weiß es, und heute sehnt sich niemand so danach wie ich. Aber sorge du wenigstens dafür, daß du kein Hindernis der Freiheit wirst.

Wenn ich einen erziehenden Menschen treffe, sende ich ihm jedesmal den guten Gedanken zu: Richte du mit deiner Erzieherei nur kein Unheil an in der heiligen Natur. Wenn ich aber merke, daß er gar Erziehungsgrundsätze hat, dann zittre ich für ihn und mehr noch für seine Opfer. Aber dir will ich noch einmal die beiden Säulen nennen, auf denen alles Werden der Menschen ruht. Gehst du an ihnen achtlos vorüber, so werden sie dich zerschellen. Ihre Namen sind:

Gehorsam und Freiheit.

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