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Die Seele Deines Kindes

Heinrich Lhotzky: Die Seele Deines Kindes - Kapitel 5
Quellenangabe
typetractate
authorHermann Lhotzky
titleDie Seele Deines Kindes
printrunEinundzwanzigstes bis dreißigstes Tausend
year1908
correctorJosef Muehlgassner
senderwww.gaga.net
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Kinder und Körperpflege

 

Der Weg zur Seele des Kindes führt durch den Körper

 

Kindliche Lebenskreise

Bekanntlich durchläuft jeder einzelne Mensch eine Reihe von Entwickelungskreisen, in denen er seine Zusammengehörigkeit mit der ganzen Natur bekundet.

Wenn du ein Steinchen in's Wasser wirfst, so entsteht ein kreisrundes Wellchen, aber es wird aufgenommen von einem größeren und immer größeren. Alle haben genau die gleiche Form und sind in sich geschlossen, jedes gleicht dem andern genau, aber jedes folgende ist größer als das vorhergehende, bis Riesenkreise zuletzt ans Ufer anschlagen.

So ist das menschliche Leben, denn die Natur ist überall einheitlich, weil sie Einen Quell und Ursprung hat. Auch der Mensch.

Ein hereintretendes Kind ist eine völlig neue Erscheinung, die ihre eigenen Wellen schlagen wird, größere oder kleinere, alle gleichartig, jede folgende größer, alle in sich selbst geschlossen, bis sie aufgenommen werden von der großen Ewigkeit, in deren Schoße wir sind.

In jedem Menschen ist die ganze Menschheit in einer ganz einzigartigen Weise persönlich dargestellt. Nicht ein Wesen wiederholt sich völlig, und doch sind sie in all ihrer Verschiedenheit – Menschen.

In jedem wiederholt sich auch die Entwickelung, die die ganze Menschheit genommen hat, im Kleinen. Die großen Entwickelungsreihen spiegeln sich in den Lebenskreisen wider, von denen im kindlichen Alter eine ganze Reihe liegen.

Das Verstehen der Vorwelt und Mitwelt ruht darauf, daß wir ihre Werdestufen durchlaufen und uns darüber Rechenschaft geben. Wir verstehen bekanntlich nur, was wir selbst erlebt haben. Darum kann der Mensch die ganze Natur verstehen, weil er sie in ihrer Ganzheit in sich trägt.

Das Kind ist ein werdendes, einzigartiges und wahrscheinlich auch notwendiges Stück Menschheit, das aus uns wunderbar und wundervoll erwächst, und muß als Ausschnitt des großen Lebensflusses betrachtet werden. So wird dir auch am leichtesten gelingen, mit Ehrfurcht an deine hohe Aufgabe heranzutreten, und du kommst so schlicht und einfach dran, daß du das meiste als Selbstverständlichkeit tun wirst.

Darum kann man die einfachsten und ungelehrtesten Menschen zur Kinderpflege gebrauchen. Sie müssen nur einen Sinn für das Natürliche haben.

Was sind nun diese Entwickelungskreise? Es sind Stufen des Seins, von denen jede ein bestimmtes Zeitalter darstellt, das einmal auf dieser Erde gewesen ist. Es sind gleichsam die Jahresringe am Baume des Lebens, nur bedeutet jeder Kreis vielleicht Jahrtausende.

Demnach ist klar, daß bei weitem die meisten Entwickelungskreise durchlaufen werden, ehe das Kind das Licht dieser Welt erblickt.

Die Werdestufen des geborenen Kindes sind die eigentlich menschlichen Reihen. Jede bezeichnet ein Zeitalter der Menschheit, das nochmals im einzelnen Wesen wiederholt wird. Natürlich sind die weit zurückliegenden kürzer zusammengedrängt. Daher kommt die ungleiche Länge der Werdestufen.

Das ganze Kindesalter ist die Paradieseserinnerung der Menschheit Vergl. darüber die ausführlichen Darlegungen in Lhotzky »Die Zukunft der Menschheit«, S. 17 ff.. Jeder durchläuft noch einmal das Paradies, jeder wird ausgestoßen, aber jeder nimmt teil an den Kämpfen um die Vollkommenheit der Menschheit. Ob er das will oder nicht, ob er davon zerrieben wird oder nicht, danach fragt die Natur nicht. Sie probt jeden auf seine Tüchtigkeit. Die für sie brauchbaren stellen den Fortschritt dar.

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Der erste Lebenskreis des Kindes umspannt nur eine kurze Zeit von sechs Wochen. Für das Kind eine lange, bedeutungsvolle Zeit. Es lernt die ersten Urteile über die Welt abzugeben. Urteilen ist das eigentümliche Vorrecht des Menschen. Es bezeichnet seine Herrscherwürde.

Die junge Majestät lernt innerhalb von sechs Wochen Lachen und Weinen, freudig bejahen oder aus voller Seele verneinen. Das Neugeborene kann nur schreien. Nach sechs Wochen etwa erscheinen Tränen und Lächeln.

Du siehst, wie wichtig diese Zeit ist. Offenbar war der Mensch einmal ein Wesen, das weder lachen noch weinen konnte, sondern staunend oder schreiend der ganzen Unerklärlichkeit des Daseins gegenüberstand. Dann lernte er bejahen und verneinen, Freude und Schmerz selbstherrlich zum Ausdruck bringen. Dieses wichtige Erwachen der bewußten Seele durchlebt jedes Kind noch einmal in dem kurzen Zeitraume der ersten sechs Lebenswochen. Du durchlebst es mit ihm ganz allein und hast weiter nichts zu tun, als hier helfend und pflegend einzutreten.

Lachen und Weinen sind Äußerungen des Ja und des Nein. Als solche bedeutsam. Im Laufe des Lebens versiegen bei vielen die Bäche des Weinens, bei allen quellen sie geringer. Das Lachen bleibt uns bis zuletzt und muß zunehmen. Also ist die Erde doch nicht das Jammertal, zu dem viele es machen.

Die Erinnerung an diese weit, weit zurückliegende Menschheitszeit, die dein Kind in diesen Wochen verkörpert, ist natürlich die körperlich zarteste Zeit.

Die noch weiter zurückliegenden Erinnerungen sind so zart, daß die schützende Hülle das Kind noch ganz umgibt. Aber diese konnte nicht in die Hülle verlegt werden, weil das erste Werturteil über die Welt gebildet werden soll. Da muß das Kind schon auf der Welt sein und sie mit hellen Augen anblicken können.

Aber es ist wenigstens so von der Natur eingerichtet, daß die Mutter ihm in der Zeit ganz gehören muß und dem Arbeiten des Lebens völlig entzogen wird.

Diese heilig ernste, kurze Zeit öffnet dir den Weg zur Seele deines Kindes und legt den Grund zu allen euren Beziehungen. In zwei Worte lassen sich alle Pflichten gegen das Kind in dieser Zeit zusammenfassen: Reinlichkeit und Muttermilch.

Eines muß dazu kommen, und dieses Äußerliche, das die Fäden zum Innerlichen so wirksam knüpft, verklären: Sorge dafür, daß die erwachende Seele mehr Ursache findet zur Bejahung als zur Verneinung. Laß es mehr Gelegenheit finden zum Lachen als zum Weinen.

Freundlichkeit ist eigentlich das selbstverständliche Verhalten zu einem Kinde. Wenn ein Kind weint, so weint es nie ohne Ursache.

Ein bekannter Kinderarzt erzählte, ein Kind habe zum Entsetzen der jungen Eltern immer geschrieen und sich auf keine Weise beruhigen lassen. Schließlich rief man den Arzt. Er wickelte es aus, um seinen Körper zu untersuchen. Da fand sich, daß aus Versehen eine – Gabel mit eingewickelt war. Das Kind wurde nach ihrer Beseitigung schnell ruhig. Rücke also die Ursachen des Weinens tunlichst weg.

Es ist nicht gleichgültig, ob ein Kind mit Verbitterung durch die Pforte des Daseins schreitet oder mit Frohsinn. Nur der Frohsinn zwingt das Leben. Die Verbitterung muß ja unterliegen. Das Leben freudig bejahen und nicht weinerlich verneinen, ist die Kunst der Künste.

Du siehst, Körperpflege und Seelenpflege fällt zusammen. Das Ja und Nein sind die großen treibenden Kräfte im Dasein. Stelle dein Kind ins Ja und lehre es, dem Nein begegnen. Das ist die Weisheit der Kinderpflege.

Sechs bedeutungsvolle Wochen lang hat die Mutter weiter nichts zu tun, als diesem Dienst obzuliegen.

Bis es läuft

Mit dem Lachen und Weinen gehen allerlei bedeutsame Veränderungen in dem Kinde vor. Schon an seinem Schlafe bemerkt man das und an seinem erwünschten, wachsenden Verständnis für Nachtruhe. Aber auch sonst findet man oft in wenig Tagen, wie es Fortschritte in der Entwickelung macht, und ein Knoten nach dem andern reißt.

Die folgenden Kreise bedeuten, daß die Menschheit einmal Zeiten durchlebt hat, in denen sie wohl erwachtes Selbstbewußtsein hatte, aber auch äußerlich das Bedürfnis empfand, sich über die Welt zu erheben und den aufrechten Gang erlernte.

Dein Kind wird im Laufe der nächsten Monate sehr schwer werden. Lachend und weinend streckt es seine kleinen Glieder und führt Eigenbewegungen aus, die in steigendem Maße Aufmerksamkeit erfordern, daß es keinen Fall tut, der seinen zarten Körper vielleicht zum Krüppel werden läßt. Kinder müssen also viel getragen werden. Die Zeit bis zum Laufen ist die schwerste.

Kinder fallen viel. Sie müssen fallen. Es schadet ihnen in der Regel auch nichts. In jener Zeit, die diese Werdestufe nachbildet, muß der Menschheit eine fabelhafte Gesundheit und Gelenkigkeit geeignet haben. Daher überwindet der kleine Körper viele Gefahren spielend leicht.

Aber doch ist's ein zartes Körperchen, das nicht recht in unser heutiges Leben hineinpaßt. Tu jedenfalls alles, was du tun kannst, es vor Fall und Schaden zu behüten.

Es versucht bald aus dem Wagen zu fallen, denn es strebt dem Boden zu, wo es das Meisterstück dieses Lebenskreises leisten und laufen lernen soll. Also setze es soviel als möglich auf den Boden.

Hoffentlich hast du keine Wiege. Dieses entsetzliche Marterwerkzeug sollte nirgends mehr sein. Wiegen bedeutet Berauschung auf mechanischem Wege. Es beruhigt, weil es betäubt. Aber Berauschung jeglicher Art ist sehr schädlich.

Es gibt nur zwei Mittel, Kinder zu beruhigen. Das eine ist, daß es sich selbst findet und Zeit bekommt, still zu werden. Es geschieht am besten, wenn seine Gedanken heilsam abgelenkt werden.

Das andere ist der Frieden und die Freundlichkeit der Mutter, die über ihm ausgegossen werden müssen. Niemand kann so trösten, wie eine Mutter tröstet.

Sorgst du dafür, daß du der Ort des Trostes bist für dein Kind, so sind die Fäden zwischen euren Seelen für immer geknüpft. Bleibe dieser Trostquell, auch wenn im Laufe der Zeit kleinere, nachfolgende Kinder deine Kraft und Aufmerksamkeit noch mehr beanspruchen.

Dieses Sichselbst-finden und -sammeln eines Kindes ist viel wichtiger, als man gewöhnlich glaubt. Das ganze Leben bringt ja eigentlich keine andere Aufgabe, als immer nur die, sich selbst zu finden, und von diesem festen Punkte aus alles zu überwinden.

Wer das nicht in der Kinderstube lernt, hat's später sehr schwer. Viele Mütter glauben, ihren Kleinen diese Aufgabe abnehmen zu sollen. Sie schaden ihnen sehr. Nein, das schreiende Kind des zweiten Lebenskreises muß dauernd daran gewöhnt werden. Es ist zugleich die beste Vorbereitung für die Lösung der Gehorsamsfrage, die auch weiter nichts ist, wie ein Sich-finden und Zufrieden-geben.

Es gibt sehr viel Erwachsene, die sich im Leid gar nicht zu lassen und zu fassen wissen. Diese werden zerlebt und sind nicht imstande, siegreich mit den Aufgaben dieser Daseinsform fertig zu werden. Wahrscheinlich ist ihnen keine verständige Pflege in ihrem kleinen Werden zuteil geworden.

Man kann als Regel für diesen Lebensabschnitt aufstellen: Große Wachsamkeit, aber keine Überpflege. Da wir den ebenbürtigen Geist an Selbständigkeit und Freiheit gewöhnen wollen, müssen wir ihm Gelegenheit geben, seine kleinen Leiden selbständig zu überwinden. Sind sie für seine Kräfte doch zu groß, so müssen wir beruhigend und befreiend wirken.

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Ein zweites gehört auch hierher. Gerade für die Seele deines Kindes ist es ungemein wichtig, in was für Gedankenkreisen es aufwächst. Gedanken sind viel größere Kräfte als die meisten ahnen. Von Gedanken wird die Welt bewegt, und werden die Geschicke der Völker bestimmt. Die ganze Natur ist nichts als der sichtbare Ausdruck von Gedanken.

Es ist also nicht gleichgültig, mit was für Gedanken du dein Kind umstellst. Schon Erwachsene empfinden deutlich die Gedanken, mit denen du sie betrachtest, als Behaglichkeit oder Unbehaglichkeit. Für zarte Kinder sind sie ausschlaggebend.

Das gilt namentlich für die Körperpflege. Es gibt Mütter, die beständig für ihr Kind etwas fürchten und eine Ängstlichkeit um die Kinder her pflanzen, daß überhaupt keine Seelenruhe aufkommen kann. Diese fortwährend beunruhigenden Seelenschwingungen aber werden sich bald in dem zarten Körper ausprägen. Nervenleiden und allerlei körperliche Störungen sind die notwendige Folge, in denen die Angstbeunruhigung ihren Ausdruck findet.

Vielen Kindern werden Krankheiten und körperliche Nöte von übertriebener Sorgsamkeit geradezu angefürchtet.

Namentlich ist die törichte Ansteckungsfurcht geradezu eine neuzeitliche Krankheit in Mütterkreisen. Sie sehen jeden Begegnenden an, ob er nicht kranke Kinder daheim habe und vielleicht Ansteckungsstoff mitbringe, und wenn ein Kind erkrankt, wird irgend ein Besuch oder eine Begegnung beschuldigt.

Das sind Albernheiten, die Unbildung verraten. Die Luft ist voll Todeskeime, immerfort. Aber du sei voll Lebensfreudigkeit und stelle um dein Kind her lauter Gedanken des Frohsinns und des Vertrauens. Blicke froh und sicher auf jeden Begegnenden und laß die dumme Ängstlichkeit sein. Dann strömt von dir Frieden und Freude über deinen Liebling aus und erzeugt dort Kraft und Sicherheit.

Das Leben bringt unendlich viel Gefahren, denen gar nicht vorgebeugt werden kann, gar nicht soll. Es gibt nur Ein Mittel ihrer Herr zu werden, Eigenkraft. Wie aber soll diese sich entwickeln, wenn du jede Regung unterdrückst? –

Die Ängstlichkeit fließt aus einem falschen Eigentumsbegriff. Dein Kind gehört nicht dir, sondern sich selbst an. Also hast du weder die Pflicht noch das Recht zu solchem Angstwesen. Die Natur wollte gerade die größte Unbefangenheit und hielt diesen Zustand für dein Kind für am nützlichsten. Wenn du ihn durch deine törichte Angst durchkreuzest, so mußt du Unheil anrichten.

Vielen Kindern wird das ganze Leben verdorben durch die törichte Ängstlichkeit ihrer Kinderstube.

Noch mehrere gehen vor der Zeit zugrunde – nicht etwa durch Gefahren, sondern durch die Furcht davor.

Hätten wir etwas mehr Verständnis für die Natur, so müßten wir uns sagen, daß die Unwissenheit, mit der wir als zarte Kinder in ein überaus gefährliches Dasein treten, kein ungünstiger Zustand sein kann, um mit ihm fertig zu werden. Folglich hast du nicht nötig, nach allen Seiten nach entsetzlichen Möglichkeiten Umschau zu halten und dein Kind fortwährend zu beunruhigen, sondern mußt für dein Kind mutig und fröhlich blicken lernen.

Es kann ja gar nichts heran, wenn wir uns richtig dazu stellen. Kommt dann doch etwas Schweres, und vieles kommt, soll auch kommen, so begegne ihm, wenn es da ist, mit aller Kraft deiner Freudigkeit. Nicht vorher.

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Zu seiner köstlichen Unwissenheit gab die Natur deinem Kinde noch einen sichern Schutz mit. Das ist sein Selbsterhaltungstrieb.

Diesen muß man zu entwickeln suchen. Dazu ist fortwährend Gelegenheit gegeben. Ehe dein Kind es zum Läufling bringt, ist es unzählige Male gefallen und hat in zahllosem, kleinem Ungemach viele Tränen vergossen. Lehre dein Kind, alle diese Dinge gering ansehen. Tröste es in seinen Nöten und sag ihm: Es war nicht so schlimm!

So lernt es sich selbst aufrichten an deiner Kraft und lernt die große Kunst, im Leben zu allem Leid zu sagen: Es ist ja nicht so schlimm. Es lernt allmählich sich aus sich selbst zu beruhigen.

Wenn aber dein Kind sich an einer Ecke gestoßen hat, sollst du nicht die böse Ecke anklagen und schlagen, sondern sollst lieber deinem Kinde sagen: Paß ein ander Mal besser auf!

Wenn du Rachsucht auslösest, um den Schmerz zu beruhigen, so wirst du dieses Feuer später nicht löschen können. Die ersten Schritte sind die bedeutsamsten.

Laß nie dein Kind im Unklaren, daß das Leben voller Härten ist. Natürlich sollst du ihm nicht gruseln machen, aber was immer kommt, lehre es, ihm mit voller Kraft zu begegnen.

Schon körperlich gewöhne es an Luft und an kaltes Wasser. Vergiß natürlich nie, daß sein Körper zart ist. Aber Luft und Wasser kräftigen seine Natur, weil sie den Zusammenhang mit der großen Natur herstellen. Mit Luft und Wasser werden Kinderkrankheiten leichter überwunden als mit allen Apothekermitteln.

Dazu kommt, daß beide auch eine seelische Wirkung haben. Sie zeigen beide Härten und Schärfen. Also beleben sie den Mut und entwickeln Kraft.

Der ganze Erkältungsunfug, der ja meist nur eine Unart elterlicher Ängstlichkeit ist, kann durch verständigen Gebrauch von Luft und Wasser fürs Leben weggefegt werden. Bedenke, wieviel damit gewonnen ist!

Bekanntlich fürchtet der heutige Deutsche Gott wenig, den Zugwind sehr, aber außerdem noch vieles in der Welt. Sorge dafür, daß dein Kind Gott allein und sonst nichts in der Welt fürchten lernt, wie's einmal ein alter Recke kühn aussprach. Das wird natürlich nur gelingen, wenn du selbst alle Ängstlichkeit überwindest.

Erziehung ist Selbstzucht. Weiter nichts.

Der Läufling und Sprechling

Der erste Zahn und der erste Schritt, diese beiden bedeutsamen Anfänge, liegen zeitlich nahe beieinander. Das ist nicht zufällig. In diesen beiden liegen die Abzeichen der ganzen Hoheit des Menschen. Das Wort und der aufrechte Gang.

Für die Eltern beginnt eine Zeit der Freude und der Erleichterung. Das erste Jahr ist sehr schwer. Mit den eigenen Schritten wird vieles leichter. Es geht übrigens langsam. Noch lange, wenn der erste Schritt geglückt ist, macht das Laufen Not und Mühe und erfordert großes Aufmerken.

Das Laufen ist der erste Ausdruck der Selbständigkeit. Du wirst merken, wie sich das in der neuen Stufe der Entwickelung sichtlich im ganzen Wesen des Kindes ausprägt. Diese Selbständigkeit muß gepflegt werden. Hast du mit Luft und Wasser und mit Überwindung aller Furcht begonnen, wird's nicht schwer sein, auf diesem Wege weiter zu schreiten.

Die Kenntnis der Gefahren vergrößert sich nun. Ein Läufling tritt unbewußt vielem Gefährlichen nahe. Da muß der einfachste Anschauungsunterricht einsetzen.

In dieser Zeit muß das Kind bekannt gemacht werden mit Messer, Gabel, Schere, Licht, ihren Wirkungen und Gefahren. Der Gebrauch und Mißbrauch der einfachsten menschlichen Werkzeuge muß einem Kinde, seinem Verständnis entsprechend, verdeutlicht werden.

Das Mögliche und Unmögliche muß dem selbständig Daherschreitenden klar werden. Das Tragkind greift vergnüglich nach dem Mond und sucht das glänzende Ding zu fassen. Nunmehr muß erprobt werden, was das Mögliche ist. Dazu bietet der Tageslauf reichlich Gelegenheit.

Es gibt aber auch Unmögliches für den Menschen. Es gibt Gesetze des Unmöglichen. Von ihnen muß schon der Läufling Ahnungen bekommen. Er wird es an dir tun. Das erste Unmögliche für ihn muß sein, deinen Willen umzubiegen.

Mit dem erwachenden Selbständigkeitsbewußtsein muß die große Vormacht deutlich werden, die unser Leben umschwebt, und die sich nicht uns beugt, sondern der wir uns beugen müssen.

Du mußt die Pforte sein, durch die die Gewalt des Gesetzes, die ernste, freundlich in das Leben deines Kindes tritt. Kannst du das nicht sein, so geht dir die Seele deines Kindes mit der Sicherheit eines Naturgesetzes verloren. Ein rohes früheres Zeitalter hat den Spruch gemünzt: Wer seinen Sohn lieb hat, der straft und züchtigt ihn. Eine tiefe Wahrheit liegt dahinter verborgen, die für jene Zeit gelten mochte. Aber wir werden sagen: Wer sein Kind lieb hat, der bringt es zum Gehorsam.

Im Gehorsam liegt die Entscheidung für das ganze Leben. Kurz ist die Zeit, die seinem Werden zur Verfügung steht. Sie ist beschränkt auf die Zeit der Milchzähne. Je früher du ihn erreichst, um so leichter für dich und dein Kind.

Je stärker der Geist ist, dem du zum Leben halfst, desto gewaltiger werden seine Auflehnungsversuche sein. Freue dich an ihnen mit der edlen Freude, die man an einem Rassepferd hat, wenn man's zureitet und ihm den Herrn zeigen kann. Aber unter allen Umständen zwinge sie nieder. Man soll gewiß ein Kind nie schlagen, aber es ist ihm noch besser, es wird geschlagen, als daß es nicht zum Gehorsam kommt in der Zeit, wo es einzig möglich ist, ihn zu erzielen.

Gelingt es aber nicht, ihn zu erzwingen, dann gib den Kampf auf. Du bist besiegt und alle etwaigen verspäteten Versuche können nur Qual erzeugen. Qual für beide Teile.

Zuweilen kommt später ein Kind in die Hand eines tüchtigen Erziehers, der einiges mildern kann, was Elternschwäche versäumt. Aber die Kinder werden auch dadurch nicht mehr zum Gehorsam gegen die Eltern erzogen, sondern höchstens gegen die Gesetze, die sie sich selbst auferlegen.

Damit gib dich zufrieden. Sorge dafür, daß sie wenigstens in gute Hände kommen.

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Körperlich leitet der erste Schritt eine gewaltige Entwickelung ein, das eigentliche Werden des Menschen. Es ist das Zeitalter, das in der Erinnerung der Völker als paradiesisches oder goldenes Zeitalter lebt, das jeder Mensch noch einmal flüchtig durchläuft.

Der aufrechte Gang, die schuldlose Nacktheit und die werdende, umfassende Sprache sind seine entzückenden Kennzeichen.

Herrliches Elternglück, eigene Kinder durch den Garten des Paradieses zu führen und den Glanz des goldenen Zeitalters auf sich rückstrahlen zu lassen! Zu beschreiben ist's nicht. Dieses Glück kann man nur erleben, um es zu begreifen. Und siehe, du erlebst es mit der Seele deines Kindes! Gesegnet bist du!

Die Körperpflege bildet eine große Aufgabe in dieser Zeit. Den erwachenden Kräften muß Spielraum gegeben werden. Sie dürfen nie eingedämmt, aber auch nie überanstrengt werden.

Kleine Gefahren müssen mutig und fröhlich überwunden werden. Die Läuflinge suchen die Gefahr. Stelle dich da nicht händeringend und jammernd daneben, fürchte ihnen keine Niederlagen an. Offenbar folgen sie einem gesunden Triebe der werdenden Selbständigkeit. Horche also auf die Stimme der Natur und freue dich an deinen wilden Kindern. Sie bezeugen damit ihre Gesundheit.

Nur wache unbemerkt darüber, daß die Gefahren nicht zu groß werden. Du kennst das Maß ihrer Kräfte. Aber haben sie sich doch zuweilen überschätzt und sich ein Weh zugezogen, so bemitleide sie nicht zu sehr, sondern lehre sie, Tränen zu verschlucken und tröste sie wie eine rechte Mutter tröstet, ohne besondere Vorschriften, schlicht im Sinne der Natur.

Niemals darf die Ungeschicklichkeit eines Kindes von der Überlegenheit der Großen verachtet werden. Erstlich dauert es gar nicht lange, so werden dir deine Kinder an Kraft weit überlegen sein. Würde dir es gefallen, wenn die Beschwerden des Alters und Leidens dich überkommen, wenn dein vollsaftiger Nachwuchs dich verspottet? – Also sollst du sie auch in all ihren Werdeversuchen voll anerkennen und ihre kleinen Leistungen schätzen. Freilich laß sie auch nie darüber im unklaren, daß es noch größere gibt, als sie augenblicklich hervorbringen können,

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Was die Kost anlangt, so ist darüber viel Streit, den wir nicht entscheiden können, auch nicht wollen. Sprich, wenn du überhaupt sprechen mußt, mit deinem Arzt darüber.

Ich halte jedenfalls für das Richtigste, tunlichst auf die Stimme der Natur zu hören und würde nie einem Kinde aufzwingen, was es nicht mag. Ein Kind sollte nie essen müssen, wenn es nicht will. Viele Kinder, die in der Zeit der ersten Zähne nicht recht essen mögen, sind während des Einrückens der zweiten kaum zu sättigen und holen reichlich nach, was sie früher versäumten. Ich habe öfters gesehen, daß letztere fürs Leben kräftiger wurden.

Wenn jenes Alter überhaupt Paradieseserinnerung ist, so sollte man dem Körper jedenfalls viel Obst und Gemüse darbieten. Verlangt er aber Fleisch, so wirst du keinen Fehler machen, es zu gewähren. Nur soll es nicht vorherrschen, weil es zu sehr hitzt. Und was du gibst, soll gut und gesund sein.

Also vor allem nicht zu sehr gewürzt. Die meisten Gewürze sind schädlich und erregen die Schleimhäute und den Geschlechtstrieb. Ungewürzt heißt aber nicht völlig ungesalzen.

Das beste Getränk ist Milch oder Wasser. Von nährenden Flüssigkeiten und Präparaten ist nicht viel zu halten. Wären sie wirklich wertvoll, so würden sie nicht so maßlos angepriesen. Was man anpreisen muß, ist kein wahrer Wert.

Wahre Werte sind alle einfach und selbstverständlich. Das Kennzeichen des Göttlichen, Wahren und Natürlichen ist Einfachheit. Die Natur kommt aus ohne Präparate und Inserate. Vergiß das nicht!

Aber alle Speise muß mit Liebe bereitet und mit Freundlichkeit gereicht werden. Ein Kinderhaus muß Freundlichkeit durchfluten wie lauter Wellen von Sonnenstrahlen, denn es birgt kleine Sonnen.

Es kommt nicht so sehr drauf an, was gegessen wird, als wie es gegessen wird. Kinder müssen tunlichst bald an menschliche Tischsitten gewöhnt werden. Wie der Mensch ißt, so ist er. Da man täglich etwa dreimal am Speisetisch ißt, ist die beste Zeit zur guten Gewöhnung der werdenden Geister die Mahlzeit. Niemand sollte sich das entgehen lassen. Gesittetes Essen und Schweigen, wenn andere reden, sind zwei Tugenden, die man nie nachholt, wenn man's nicht an Vaters Tisch gelernt hat.

Der Tisch ist der Altar des Hauses, und auf den Mahlzeiten muß die Weihe der Gemeinschaft liegen, des Frohsinns und des Ernstes. Der größte der Menschen hat das Essen zum Gottesdienst erhoben, und die Mahlzeit für den Vater in Anspruch genommen. Darin liegt ein tiefes, heiliges Geheimnis verborgen, das auch eure Mahlzeiten umschweben soll.

Die Kinder sollen schweigen und hören lernen. Sorge aber, daß sie Rechtes hören. Die Mahlzeit darf nicht nur leiblich fördern, denn der Mensch lebt einmal nicht vom Brote allein. Dann müssen aber vor allem die Großen sich in Zucht halten, daß die Kinder an ihnen auch innerlich wachsen können.

Bei Tisch lernt ein Kind auch am besten, daß es nicht alles zu haben braucht, was es sieht. Es ist besser, es lernt es daheim im Elternhaus und seiner Liebe, als im Ernste des Lebens, das uns tausende Dinge täglich zeigt, die es uns verweigert.

Sei aber auch nicht ängstlich und karg den Kindern gegenüber. Reiche getrost auch Süßes und sonderlich Wohlschmeckendes. Gib's mit Maß und Verstand und fürchte nicht, daß die Kinder naschhaft werden. Es naschen in der Regel nur die, denen Wohlschmäcke verweigert werden.

Der edelste und beste Süßstoff ist Honig. Zugleich der gesündeste. Mit der Künstlichkeit fällt die Zuträglichkeit jeder Speise. In keinem Kinderhause sollte reiner Honig fehlen. Es ist wahr. Er erzeugt bei unreinem Blute leicht Ausschlag. Aber damit beweist er seine blutreinigende Kraft.

Honig ist der einzige Stoff, der ohne Rückstände in's Blut aufgenommen wird. Kaufe ihn aber nur von einem Imker, der seine Ehre drein setzt, Reines und Tadelloses zu liefern. Dann aber scheue keinen Preis.

In allen Stücken, im Essen und Trinken, im Körperlichen und Seelischen, lerne lauschen auf das Natürliche. Die Klänge eines verlorenen Paradieses werden in dir geweckt bei deinem Läufling. Lerne sie unmittelbar verstehen und lies nicht viel in Büchern herum. Erlebe noch einmal das Paradies und spiele nicht den Cherub, der seine Lieben roh hinaustreibt, noch die Schlange, die ihnen Verkehrtes anschmeichelt.

Um dein Kind her darf lauter Liebe und Sonnenschein lachen, wenn nur ein einziges ersteht – Gehorsam. Je strenger du sein kannst, desto mehr gewähre goldene Freiheit.

Das geschlechtliche Geheimnis

Zu einer verständigen Körperpflege gehört strenges Aufmerken auf die ersten Regungen des Geschlechtstriebs. Das ist zu bekannt, um ausgeführt zu werden. Es liegt mir aber sehr dran, daß die seelische Seite dieses Teiles der Körperpflege mehr gewürdigt werde als gewöhnlich geschieht.

Der Geschlechtstrieb leitet die große Zeit im Leben ein, wo das Ich mit Urkraft nach der Ergänzung im Du verlangt. Dieses seelische Bedürfnis ist so mächtig, daß es auch den Leib bis in die letzte Faser hinein erregt.

Ein heilig großes Triebleben, das mit unvergleichlicher Wucht und unaufhaltsamer Flut ein Menschenleben überwältigt. Es ist eine Flut, und es kommt wie die Flut. Welle auf Welle, langsam und sicher, aber immer weiter flutend, immer mächtiger brausend, unter Umständen alle Dämme zerreißend, so wird es in das Leben deines Kindes treten. So kam es auch zu dir.

Sorge für die Seele deines Kindes, wenn die Triebe wild und unverstanden, riesengroß und übermächtig erwachen wollen!

Das geschlechtliche Geheimnis ist der Prüfstein, an dem man Eltern erkennen kann. Vielleicht die meisten lassen ihr Kind unvorbereitet in die entscheidungsreichste Zeit des Lebens treten. Die Natur ist glücklicherweise auch hier viel verständiger als die Eltern, und läßt die steigende Lebensflut allmählich, im Laufe von Jahren, anschwellen. Aber sie erwartet doch vom Menschen, daß er auch in seiner Sprache ein Wort dazu rede, wie sie es in ihrer Sprache tut.

Das ist deutlich erkennbar an der wesentlich andern Art des menschlichen und tierischen Geschlechtslebens. Im Tiere erwacht der Trieb zu seiner Zeit und entschlummert wieder. Auch das junge Tier entwickelt sich anders geschlechtlich als der junge Mensch. Es überkommt plötzlich den Trieb und seinen Vollgebrauch, und ist damit ohne weiteres erwachsen und ausgereift. Dann vergißt es wieder den Sturm, der sein Innerstes durchtobte.

Nicht so der Mensch. Er vergißt nie. Seine Triebe sind immer gegenwärtig und bereit, und kaum gebändigt, stehen sie wieder riesengroß da. Träumende Riesen. Es ist gut, wenn es so ist. Starke Triebe bekunden starkes Wollen, starkes Denken, starkes Lieben. Die kräftigsten Geister haben mit dem stärksten Sinnesleben zu kämpfen.

Vom zehnten Jahre des Kindes an darf man die ersten Regungen des Geschlechtstriebs erwarten. Ist der Vollgebrauch allenfalls erreicht, so ist jedes Jahr des Nichtgebrauchs ein Lebensgewinn. Es besteht heute nirgends mehr ein Zweifel, daß die Ausübung des Geschlechtstriebs je später, je besser erfolgt. Er schlummert erst allmählich ein, aber nur bei völliger Enthaltsamkeit. Ohne diese bleibt er länger wach, als die meisten glauben.

Die Entwickelung hat übrigens das Alter wesentlich herabgesetzt. Bei den Griechen erklärten gewichtige Volksmänner noch: Ein Kind, dessen Erzeuger das dreißigste Lebensjahr noch nicht überschritten habe, müsse eigentlich als nicht ehrlicher Geburt gelten. Das hat sich bei uns wesentlich verschoben. Um so mehr aber müssen wir als Regel festhalten für beide Geschlechter: Lieber zu spät, wie zu früh!

Zwei Dinge stehen nun außer Zweifel. Erstlich ist dein Kind im allgemeinen bestimmt, seinen Geschlechtstrieb zu seiner Zeit unter eigener Verantwortung voll auswirken zu dürfen. Das ist sein Recht ans Leben. Ob es von diesem Rechte Gebrauch macht oder nicht, das muß allein ihm anheimgegeben werden.

Zweitens mußt du voraussetzen, daß nach dem zehnten Lebenjahre bei beiden Geschlechtern die ersten geschlechtlichen Regungen sich melden werden. Daraus folgt eigentlich mit unausweichlicher Notwendigkeit, daß du im gegebenen Augenblicke deinem Kinde ein Wort der Aufklärung und Beratung sagst.

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Und doch tun's viele nicht. Ich habe immer gehört und gesehen, daß Eltern für ihre Pflicht halten, ein gewichtiges Wort in die Eheschließung ihrer Kinder zu reden. Sie haben zweifellos das Recht dazu. Aber wie kommt's, daß sie über das geschlechtliche Geheimnis kein Wort fanden? Wer zu der großen Umwälzung in Leib und Seele, die der gewaltigste Trieb hervorrief, geschwiegen hat, der darf sich eigentlich nicht wundern, wenn er als Berater bei der Eheschließung nicht gewünscht wird.

Nein, du mußt reden. Das ist deine heiligste und köstlichste Pflicht zugleich. Ich wüßte gar keine Gelegenheit in diesem ganzen Lebenskreise des werdenden Menschen, bei der leichter eine gegenseitige Vertrauensstellung geschaffen werden könnte, als bei der Offenbarung dieses Geheimnisses. Es wird eine heilig ernste und keusche Stunde sein, dem Kinde lebenslang unvergeßlich, wenn Vater oder Mutter hier ihr Vertrauen öffnen.

Oder wer soll's sonst tun? – Sicher übernehmen es vorwitzige Kameraden. Aber wie! Wer's erlebt hat, denkt mit Grauen an die Stunde, eine unheilige, unkeusche, wo uns verbotene, ekelhafte Geheimnisse unflätig ins Ohr getuschelt wurden, die unsere teuersten und ehrwürdigsten Menschen in gemeiner Weise bloß stellten. Wir kamen uns vor wie Mitwisser einer heimlichen Schändlichkeit, auf der wir die anscheinend so ehrbaren Erwachsenen ertappt und belauert hatten.

Und es bleibt ja bei der einen Stunde nicht! Noch ehe sich ein Kind innerlich einigermaßen mit der entsetzlichen Tatsache auseinandergesetzt hat, versteht es auf einmal die Bedeutung der Zote, die ihm vorher verborgen war, und mit wahrhaft unheimlicher Gewalt wird von Stund an für lange das ganze Denken vergiftet, und dieses innere Verbrennen bricht sich oft genug in verhängnisvoller Weise Bahn. Dem heutigen Menschen begegnet die Gemeinheit überall. Vom Augenblick seiner Aufklärung an lernt er sie verstehen. Willfährige Kameraden helfen erforderlichenfalls nach.

Diesem Wesen willst du dein Kind wehrlos preisgeben? Oder willst du's in törichtem Wahne von den falschen Einflüssen absperren? Es gelingt nicht, kann nicht gelingen.

Ich erinnere mich deutlich, wie bei mir die Neugierde erregt wurde. Es geschah in der Kirche. Unser Pfarrer hatte die Gewohnheit, allwöchentlich die Geburten der Gemeinde anzuzeigen. Dann setzte er mit Grabesstimme dazu, daß auch das eine oder andere uneheliche Kind geboren sei. Darauf folgte regelmäßig ein Bußgebet für die verderbte Jugend. Also fragte ich, was das bedeute. Aber niemand gab mir eine Antwort. Ich verstünde das noch nicht. Also sehnte ich mich nach Älterwerden, wo man alles verstehen würde. Da kam ich auf das Gymnasium und fragte einen älteren Schüler nach dem Geheimnis der unehelichen Kinder. Denn davon war ich fest überzeugt, daß sie eine grundandere Ursprungsart hätten als die ehelichen. Sonst hätte unser guter Pfarrer, der selbst etwa siebzehn hatte, doch diesen Grabeston nicht nötig gehabt.

Der Schüler fragte mich verwundert, in welche Klasse ich eigentlich gekommen sei. »So, so«, sagte er auf meine Antwort hin, »dann brauche ich's dir ja nicht zu sagen. In 14 Tagen wirst du's wissen.« Und ich erfuhr's in der ganzen rohen Gemeinheit, die vorwitzigen Bengeln eignet.

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Und nun denke dir: solche Dinge, diese Erlebnisse der Gemeinheit, kannst du unschwer zu einem Heiligtum umgestalten. Du ganz allein. Sonst niemand auf der Welt. Sorgst du für die Seele deines Kindes? –

Ich kann mich nicht überzeugen, daß es richtig ist, wie neuerdings vorgeschlagen und geübt wird, dem Lehrer oder Arzt diesen Dienst zu überlassen. Es handelt sich doch hauptsächlich darum, der unerwünschten Aufklärung zuvorzukommen und sie, ehe sie überhaupt auftritt, dem Kinde zum Ekel zu machen. Diesen Augenblick können weder Lehrer noch Arzt richtig abpassen. Das kann nur Vater und Mutter.

Lehrer und Arzt gehören in ein reiferes Alter, in dem die geschlechtlichen Vorgänge vom naturgeschichtlichen Standpunkte aus erörtert und vertieft werden können. Da ist der Lehrer, oder der Arzt, oder beide sehr am Platze, und sie werden wertvolle Dienste leisten, Dienste, die wieder den Eltern in der Regel versagt sind. Aber das erste Wort sollten Eltern sich nicht entgehen lassen.

Es ist viel wichtiger, als du glaubst. Erstlich wird dein Kind deine Mitteilung als ein unerhörtes Vertrauen empfinden und würdigen. Es gibt überhaupt nichts, was ein Mensch so zu schätzen wüßte, und was ihn so veredelt, als Vertrauen.

Sodann ist zwischen euch etwas deutlich geworden, was für das ganze Sein von weittragendster Bedeutung ist. Dein Kind weiß, es wird niemals ein Geheimnis geben, das du ihm vorenthalten wirst. Alle Welt mag lügen und verstecken. Vater und Mutter werden's nicht tun. Da ist ein fester Punkt geschaffen, der unerschütterlich fest steht.

Darum wird auch das Kind im allgemeinen zum Vertrauen geneigt sein. Schwebt zwischen euch ein unausgesprochenes Geheimnis, so wundere dich nicht, wenn das Vertrauen deines Kindes andere Wege sucht, wo man offener Aussprache gewärtig sein kann. Sei versichert, nie wird ein Kind dir seine innersten Angelegenheiten offenbaren, wenn du in diesem Punkte schweigst.

Und wie viele Gefahren drohen gerade vom erwachten Geschlechtstrieb aus dem jugendlichen Körper und Gemüt, die so leicht vermieden würden, wenn zwischen Eltern und Kindern bedingungsloses Vertrauen herrschte! Soll das aber sein, so müssen die Eltern vorangehen.

Kinder haben überhaupt Anspruch, unbedingt alles zu erfahren, was ihre Eltern angeht. Sie müssen in solches Offenbarwerden allmählich hineinwachsen, ebenso wie sie in den Vermögensgebrauch der Eltern hineinwachsen müssen. Sie müssen auch wissen, wie ihre Eltern in religiösen Dingen denken, kurz, sie müssen das Vertrauen der Eltern haben, nur dann werden sie vertrauen.

Wir stehen vor der verschlossenen Pforte zur Seele unserer Kinder. Wir haben den Schlüssel in der Hand. Wollen wir öffnen? –

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Aber du kannst über geschlechtliche Dinge mit deinem Kinde nicht reden? – Ei warum denn nicht? – Weil du zimperlich und scheinsittsam bist? Ein sehr bedenkliches Zeichen. Zimperlichkeit offenbart immer heimliche Gemeinheit. Also laß dich erziehen von deinem Kinde zur Wahrheit, Offenheit und laß alles, alles klar werden zwischen euch.

Wann du reden sollst? – Den Augenblick kannst du leicht finden. Unter allen Umständen mußt du den Schulkameraden zuvorkommen. Feste Regeln kann man hier nicht aufstellen. Aber die Natur gibt selbst die Zeitpunkte an, und wenn du recht zu deinem Kinde stehst, merkst du allein, wenn es Zeit ist.

Wie du's machen sollst? – Nur recht einfach. Am besten weißt du's wirklich selbst. Knüpfe an, an das Geschlechtsleben der Pflanzen, oder eurer guten Schnurrkatze, oder des unvermeidlichen Dackels und seiner krummbeinigen Nachkommenschaft, oder an die Geburt eines kürzlich geborenen Kindleins, oder einen anatomischen Bilderbogen, oder an Fragen, die ein denkendes Kind vor dir in seiner ganzen Harmlosigkeit ausbreitet. Machst du dann Ausflüchte, und sagst du gar: Das verstehst du noch nicht – dann weckst du die schlafende Neugier und überlieferst selbst dein Kind der Gemeinheit.

Bedenke, daß sein junger Körper selbst redet, und daß gar nicht verschwiegen werden kann, worüber er Aufklärung heischt. Nein, heilige sein Fragen durch unverkürzte Offenheit und Wahrheit aus deinem Munde. Nie wirst du's bereuen und rettest damit vielleicht die teuerste Seele vor dem brennenden Verderben.

Ein alter Seher hat einmal gesagt, die Zukunft der Menschheit in Herrlichkeit müsse darin bestehen, daß die Herzen der Kinder zu den Vätern gewendet werden. Das geht aber nur, wenn die Herzen der Väter den Kindern sich öffnen und zuneigen. Der sicherste Prüfstein, ob alles recht steht, ist die Offenbarung des geschlechtlichen Geheimnisses.

An zwei Dingen erkennt man, daß Eltern ihrer Kinder wert sind. Vor dem sechsten Lebensjahre an der Herstellung des Gehorsams, nach dem zehnten an der Offenheit in geschlechtlichen Dingen. Beides sind die am tiefsten einschneidenden Fragen im ganzen Menschenleben.

Kranke Kinder

Unsere Kleinen kommen alle in merkwürdiger Gesundheit zur Welt. So berichten alle Geburtsanzeigen in seltsamer Einstimmigkeit. Es gibt glücklicherweise immer noch Menschen, die sich an der Geschmacklosigkeit öffentlicher Zeitungsanzeige von Familienangelegenheiten nicht beteiligen. Aber auch bei ihnen hört man immer nur von gesunden Kindern, die zur Welt kommen.

Kaum sind aber die Kinder in den Händen ihrer Pfleger, so beginnen die Erkrankungen. Das gibt zu denken. Jedenfalls wissen die meisten nicht mit Kindern umzugehen. Es ist auch wunderbar, daß so wenig Mädchen versuchen, es zu lernen. Es ist gar nicht so einfach, ein Neugeborenes nur anzufassen, zu wickeln und sonst zu besorgen. Die Grundzüge der Kinderpflege sollten einer Frau aus der eigenen Erfahrung gegenwärtig sein, ehe sie selbst Kinder hat.

Die vielen Kinderkrankheiten erklären sich aber nicht nur durch die Ungeschicklichkeit und Fahrlässigkeit der Pfleger, sondern auch durch die ganze Art der menschlichen Entwickelung.

Ein Tier, das zur Welt kommt, ist fertig und hat nur sein Wachstum zu vollenden, was ihm in kürzester Frist gelingt. Ein Mensch ist unfertig und hat viele Jahre nötig, um Entwickelungsreihen zu durchlaufen, die zum Teil vielleicht in einigen Jahrhunderttausenden in den Mutterleib verlegt werden könnten. Das wäre denkbar.

Man könnte auch, um es sich deutlich zu machen, etwa sagen: Zur Welt kommt ein Wesen, aus dem sich erst von der sechsten Woche an im Laufe der Jahre ein richtiger Mensch entwickelt.

Wir sahen schon, daß dieses langsame Werden des Menschen ein Durcheilen von Entwickelungsstufen ist, die die Menschheit im Laufe langer Zeiträume durchgemacht hat.

Daher sind Kinder so zart und allen möglichen Krankheitszufällen ausgesetzt, weil sie noch nicht recht in unsere heutige Entwickelungsstufe hineinpassen. Darum verstehen auch die meisten von uns nicht, richtig mit ihnen umzugehen.

Eines ist ganz gewiß, es stimmen auch alle Überlieferungen der Menschen damit überein, daß in früherer Zeit die Menschen kräftiger, gesünder und langlebiger waren, als heute. Folglich ist auch das Kindesalter, das diese Zeiten in sich darstellt, widerstandsfähiger gegen Krankheiten als jedes spätere.

Wir sehen also: Um unserer Unkenntnisse und Verständnislosigkeit ihrer Werdestufen willen sind die Kinder gefährdet; infolge ihrer Überlegenheit an Lebenskraft aber auch wiederum gegen Krankheit gekräftigt.

Man wird also im allgemeinen einerseits eine große Kindersterblichkeit, andrerseits eine wunderbare Widerstandsfähigkeit gegen schwere Leiden bei den Kindern erwarten müssen.

So ist's in der Tat. Viele von ihnen sterben. Manche Mutter bringt erstaunlich wenige hoch. Aber viele zeigen eine so gewaltige Lebenskraft, daß man sich wundern muß.

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Wenn dein Kind krank wird, so vertraue in erster Linie auf seine innere Kraft, deren es mehr in seinem kleinen Körper trägt als jeder Erwachsene. Sei vor allem in dir ganz ruhig und mache kein Jammern um dein Kind her. Laß keine ängstlichen Seelenschwingungen von dir ausgehen. Deine Ruhe muß über dein Kind ausströmen, wenn du es im Arme hältst. Du bist die einzige Zuflucht, die sein geängsteter Geist kennt. Geht aber von dir lauter Ängstlichkeit und Verzagen aus, so wird sich das dem zarten Fühlen des Kindes mitteilen, und die Sache wird schlimmer als nötig.

Bist du also zur Pflege deines Kindes schlechthin nicht zu brauchen, so miete lieber eine Wärterin, deren Herz nicht weiter beteiligt ist. Es ist dem Kinde besser. Aber erwarte auch nicht, daß es sich in guten Tagen an dich anschließt, wenn du in bösen versagst.

Zum Arzte sollte man in Krankheitsfällen tunlichst erst gehen, wenn man die volle innere Herrschaft über die Sache gewonnen hat und sich nicht mehr selbst helfen kann. Jeder Arzt weiß, welche Erleichterung für sein Tun eine aufmerksame Mutter ist, die Tag und Nacht ihren Liebling sorgsam pflegt. Er sieht es auf Augenblicke, du bist die Macht, die es immer umgibt.

Die starken Kräfte der Natur helfen, nicht der Arzt oder der Apotheker. Wir haben unsere Kinder erzogen in einer Gegend, wo ärztliche Hilfe eigentlich ausgeschlossen war und sind trotz schwerer Krankheiten doch recht gut fertig geworden. Es kostet freilich eine innere Kraft und innere Mühe, die bis aufs äußerste geht. Aber das kostet's in jedem Falle und – die Kinder sind's auch wert.

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Kinderkrankheiten überfallen unsere Kleinen in der Regel plötzlich wie starke Gewappnete. Im kleinen Körper wird im Fieberbrand aller Unrat herausgekocht.

In diesem Zustande können Kinder sich nicht erkälten. Sie kochen. Also öffne man vor allem Tag und Nacht die Fenster – auch im Winter – und erhitze den Körper nicht noch mehr durch Federpfühle und warme Decken. Man muß abkühlen, nicht einheizen!

In den hauptsächlichsten Fieberzeiten, gegen Abend namentlich, kühlen warme Bäder außerordentlich den inneren Brand, Kneippsche Wickel treiben oft allen Unrat nach außen, und man bezwingt den Aufruhr in der Natur in der Regel sehr schnell.

Nahrung erhöht die Hitzegrade. Also ist Fasten die beste Unterstützung zur Herabminderung des Fiebers. Es schadet einem Kinde nichts, wenn es während des Fieberzustandes gar nichts zu essen bekommt. Ist die Krankheit gebrochen, so wird der kleine Genesende reichlich das Versäumte nachholen.

Nur Ruhe, Sicherheit und Freundlichkeit in den Seelen der Pflegenden! Das ist die Hauptsache. Unter diesem Schutze vollzieht die Natur ihr wunderbares Heilwerk mit bewunderungswürdiger Leichtigkeit.

Eine sehr gefürchtete Krankheitszeit ist das Zahnen. Mit Recht. Indem die ersten Zähne kommen, bildet sich die ganze Natur des kleinen Körpers um. Die seelischen Umwälzungen und Vorwärtsbewegungen sind nicht minder groß in dieser Zeit. Es muß ein großer Unterschied sein, ob ein Wesen nur saugen oder auch beißen kann.

Also ist's kein Wunder, wenn dieser gewaltige Aufruhr im Sein von den tiefgreifendsten Folgen für das ganze Befinden des kleinen Menschen begleitet ist.

Aber du freue dich. Es soll ein mächtiges Vorwärts in deinem Liebling geben. Er weiß es nicht und klagt über die leiblichen Beschwerden, aber du sollst es wissen, daß Großes geschieht unter deinen Händen. Also bewache die schmerzlichen Erscheinungen mit freudiger Geduld. Es ist eine lange, schwere Zeit für dich, aber nur im Schweren bewährt sich deine Treue und festigt sich das Band zwischen euren Seelen.

Stellen sich trotzdem langsam schleichende Nachkrankheiten ein, die eure Kinderstube verdüstern wollen, so verliere dennoch nie den Mut. Ein kindlicher Körper kann die schwierigsten Dinge verarbeiten durch die Paradieseskraft, die in ihm wohnt. Der Baum des Lebens mit seinen heilkräftigen Früchten und Blättern steht noch heute deinem Kinde nicht fern und läßt manche Frucht für deinen Liebling heranreifen. Viel mehr als der Apotheker und Chemiker. Fahre du nur nicht drein und laß die Natur zu Atem kommen und verscheuche nicht durch täppisches Eingreifen ihr wundervolles Walten.

Kinder genesen, wo kein Großer mehr durchkommt. Masern, Scharlach, Lungenentzündung und solche Gäste sind für Große verhängnisvoll, für Kinder Heilübergänge. Verlieren sie Zähne, so bilden sie flugs neue, was kein Großer vermag.

Nein stehe anbetend und staunend stille vor den Kräften, die durch die Natur in einen jungen Körper gelegt sind und walte ruhig und freudig mit priesterlicher Treue um dein krankes Kind.

Die zartesten Fäden von Seele zu Seele spinnen sich gerade in Krankheitsnöten zwischen Mutter und Kind. Du siehst, der Weg zur Seele deines Kindes führt durch den Körper.

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