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Die Seele Deines Kindes

Heinrich Lhotzky: Die Seele Deines Kindes - Kapitel 4
Quellenangabe
typetractate
authorHermann Lhotzky
titleDie Seele Deines Kindes
printrunEinundzwanzigstes bis dreißigstes Tausend
year1908
correctorJosef Muehlgassner
senderwww.gaga.net
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Kinder und Eltern

 

Eltern, die nichts von ihren Kindern lernen, können ihre Kinder nicht lehren.

Baer.

 

Wer sind deine Kinder

Wenn ich nur das eine einzige wüßte, wer meine Kinder sind. Ich kenne sie nicht. Das heißt, ich kenne sie in manchen Stücken ganz genau. Ich weiß ihre Art und Unart, viele starke und viele schwache Seiten an ihnen sind mir deutlich. Ich kann sie auch annähernd richtig für diese Welt beurteilen. Vieles wird ihre Entwickelung noch deutlich machen. Aber etwas ist da, das kenne ich nicht. Ein unenthüllbares Geheimnis.

Das dreht sich um die Fragen: Was sind wir für sie? In welchem Verhältnis steht das Kind zu Vater und Mutter? Sind wir ihre Schöpfer, die ihnen ein Werde! gebieten, wenn wir ihnen, oft ohne Wissen und Willen, den Eintritt in dieses Dasein ermöglichen; sind diese wunderbaren Wesen also unsere Zufallsschöpfung – wer sind dann wir? Oder sind's unsere Kinder, die sich an uns, durch uns auf diesen Wandelstern hereindrängen, und waren sie vorher schon, was wir sind – freie, selbständige Geister? Steht niemand still vor diesen Fragen, die uns kommen müssen, wenn wir ihr zartes, wundervolles Wesen sich entwickeln sehen?

Nun, niemand wird diese Fragen lösen. Also kann niemand in vollem Umfange sagen, wer unsere Kinder eigentlich sind. Ein undurchdringliches Geheimnis hüllt die Wörter Vater, Mutter, Sohn, Tochter ein. Aber gewußt und bedacht soll es werden, daß hier tiefe, ernste Fragen verborgen liegen.

Aber was wissen wir wirklich? Eines wissen wir ganz genau, daß unsere Kinder ebenso freie, bewußte Wesen sind, wie wir selbst. Sie sind nur zeitlich ein weniges nach uns in diese Welt eingetreten, eine so geringe Zeitspanne, die kaum in Frage kommt, nämlich zwei bis drei Jahrzehnte.

Dieser kurze Zeitraum ermöglicht uns gerade, ihnen behilflich zu sein, sich hier einzurichten, um dann ihr Sonderleben in eigener, freier Selbständigkeit zu führen.

Sie sind also nicht »unsere« Kinder im Sinne eines Eigentums. Sie gehören uns nicht an, sondern zunächst sich selbst.

Die Rechte, die wir an unsere Kinder haben, sind zugleich unsere Pflichten, ihnen in möglichster Selbstlosigkeit zu ihrem Eigenleben zu verhelfen. Indem wir ihnen das Leben ermöglichten, verpflichteten wir uns stillschweigend, es ihnen zu erhalten und tunlichst zu erleichtern.

Das schönste Ziel aller Kinderpflege ist demnach, sie so zu halten, daß sie unsere Freunde und Kameraden werden können. Wollen sie's einmal aus irgend einem Grunde nicht sein, so haben wir uns auch zu bescheiden; denn Liebe ist ein ganz freies Geschenk, wenn sie echt sein soll. Es muß gänzlich dem anderen überlassen bleiben, ob er sich an uns anschließen will oder nicht. Aber wir müssen für ihn bereit sein.

Im allgemeinen werden Kinder die Unseren sein wollen, denn sie sind ja durch unsere Pforte in's Leben getreten und haben sich mit grenzenlosem Vertrauen unserem Schoße anvertraut, in einem Vertrauen, das sogar sogenannte schlechte Menschen überwältigt, und Vater- und Mutterliebe bei ihnen auslöst.

Ich glaube in der Beobachtung nicht zu fehlen, wenn ich sage: Kinder lieben und vertrauen uns so lange, bis wir es ihnen unmöglich machen, ihre Anhänglichkeit zu bewahren.

Hast du also Kinder, so laß dir nie das Ziel aus den Augen kommen, dir wirklich gute Freunde an ihnen zu erwerben. Der köstliche Lohn vergilt reichlich alle Entsagung, die Kinderpflege dir auferlegt hat. Der Grund dazu kann aber nur in den Jahren gelegt werden, wo sie noch unbewußt und unbefangen sind, wo sie Kinder sind. Wer erst anfangen will, um ihre Freundschaft zu werben, wenn ihnen die Überlegung kommt, hat sich hoffnungslos verspätet.

Es sind ganz wenige Jahre, in denen wir scheinbar mit ihnen frei schalten können. Sehr bald werden sie unsere Beurteiler sein und werden uns ganz genau kennen lernen und ein sehr gerechtes, aber sehr strenges Urteil über uns fällen.

Es tut mir immer unendlich weh, wenn Kinder entschuldigend über ihre Eltern reden müssen, und man ihnen anmerkt, wieviel Unvollkommenheit sie liebend verdecken; wenn wir sie zum Mitleiden zwingen, wo sie gern freudiger Dankbarkeit bewußt würden.

Der ganze Jammer der Menschheit liegt beschlossen unter der Überschrift Kinder und Eltern. Der ganze Jammer oder die größte Herrlichkeit. Nahe beisammen liegen die Gegensätze.

— — — — — — —

Wir wissen noch ein Zweites ganz genau. Bekanntlich steht alles, was auf diesem Wandelstern, und wahrscheinlich auch im Weltall überhaupt, geschieht, unter dem Gesetz der Entwickelung. Das Gesetz selbst umschließt ein tiefes Geheimnis, aber seine Wirkungen beginnen uns deutlich zu werden.

Eltern und Kinder stehen also auch unter diesem Gesetze, und zwar so, daß die Kinder im Vorzug sind, im Fortschritt nämlich.

Es ist ein winziger Vorsprung, den sie vor uns haben, ein Vorsprung von wenigen Jahrzehnten, während die Entwickelung selbst nur mit Jahrtausenden und mehr rechnet. Aber doch ein Vorwärts.

Die Kunst der Eltern muß sein, sich den Fortschritt deutlich zu machen und ihm zu dienen.

Hier liegt ein bedeutsamer Ausgleich. Die Kinder haben den Vorsprung in der Entwickelung, die Eltern in der Reife und Erfahrung. Damit ist ein köstliches Nebeneinander geschaffen, das ein Abhängigkeitsverhältnis ziemlich ausschließt.

Offenkundig ist, daß sie uns zur Pflege gegeben sind. Sie gehen hervor aus dem Schoße des Alten, um ein Neues zu werden, das gliedlich das Alte fortführt. Das Neue ist dem Alten anvertraut, aber auch das Alte dem Neuen.

Folglich müssen beide zueinander aufblicken. Niemals darfst du hinabblicken, wenn du auf deine Kinder schaust. Hörst du, niemals! Sie sind dein eigenes Vorwärts, auch dann schon, wenn sie's noch nicht verstehen und sich ungeschickt dabei benehmen.

Auch die Kinder dürfen nie herabblicken auf die Alten. Erschwere ihnen dieses Gebot nicht unnötig, denn das Alte prägte ihnen den Stempel auf, den sie nie verlieren werden. Kinder tragen unzweifelhaft unsere Art. Ihr Lebenszweck ist jedenfalls, über unsere Unart ein Schrittchen hinauszukommen.

Das Ziel ist folglich, zwischen Altem und Neuem Einklang zu schaffen. Es muß sich ergänzen wie Suchen und Finden. Also muß die Erziehung Strenge mit Milde paaren, Altes und Fortschrittliches.

Die Strenge gibt die Festigkeit, das Rückgrat. Sie muß ihren Willen stärken, daß sie streng werden gegen sich selbst. Die Milde muß ihre Freiheit achten, die zum Fortschritt befähigt.

Einklang zwischen Eltern und Kindern ist die Forderung, die deutlich wird, wenn wir nachdenken, was Kinder sind.

Es ist bemerkenswert, daß die menschliche Entwickelung anders läuft, bisher wenigstens gelaufen ist. Der Jammer der Menschheit prägte sich in der Regel darin aus, daß die Kinder regelmäßig anders wollten als die Eltern. Die Sittengeschichte lehrt unzweideutig, daß jedes folgende Geschlecht das Gegenteil wollte und erstrebte vom vorhergehenden. Als seien zwei Geschlechter die Betätigungsgebiete zweier paariger Urkräfte, des Ja und des Nein.

Offenbar war die Spanne Zeit zwischen Eltern und Kindern zu kurz, um der Entwickelung inne zu werden. Dagegen lag es den Kindern meistens näher, sich an das Großelterngeschlecht anzuschließen. Die Jungen verlachten immer die Alten, aber ihre Kinder sagten: Lachet ja nicht, sie meinten etwas ganz rechtes und setzten sich damit wieder in Gegensatz zu ihren eigenen Eltern. Paarige Kräfte der Entwickelung, die immer in einem Geschlecht um's andre ihr Wesen trieben.

Darum ist's die Hoffnung der Menschheit, die irgendwo einmal in das Wort zusammengefaßt ist: Die Herzen der Kinder müssen zu den Vätern bekehrt werden, und die Väter zu den Kindern.

So kommen die waltenden Entwickelungskräfte zum Einklang, und dann wird's erst schön, dann haben die Kinder gefunden, was die Alten suchten.

Stellst du dich recht zur Seele deines Kindes, so stelle dich heute schon so, daß du dem Werden des Einklangs nicht hinderlich bist. Wer unsere Kinder sind, weißt du nicht. Aber erlebe sie, und hilf ihnen zu ihrem Lebensrechte. Dann wird dir manches deutlich werden, was sich in Worte nicht fassen läßt.

Die Naturgeschichte der Erziehung

Kinder sind ebensolche Geister wie wir selbst. Eher mehr als weniger. Sie werden's nicht im Laufe ihrer Entwickelung, sondern sind's bereits. Was wir Entwickelung nennen, ist hauptsächlich seelische und körperliche Eingewöhnung in unsere Verhältnisse.

Wir haben das im Wesentlichen hinter uns. In den Entwickelungsstufen, in die wir als Eltern aufgerückt sind, geht alles sehr langsam vorwärts, bei vielen anscheinend gar nicht.

Die Kinder haben vor sich, was wir hinter uns haben. Sie müssen die Kräfte und Erfahrungen sammeln, ihr eigenes Leben zu leben. Wir haben bereits in der Hauptsache, was man hier erlangen kann.

Daraus folgt, daß die Kinder von der Natur so gebildet sind, vorwiegend an sich zu denken. Man darf also gar nichts anderes von ihnen erwarten als ungeschminkten Eigennutz.

Je mehr sie in einem bestimmten Entwickelungskreise erreichen müssen, um so entschiedener wird ihre Selbstsucht sein. Die Natur verlangt es geradezu so.

Je kleiner das Kind, um so erbarmungsloser ist seine Selbstsucht. Lange ehe ihm der Begriff Ich in Gedanken und Sprache kommt, ist es schon von einem einzigen erfüllt, vom Ich.

Im Laufe der Jahre verlangsamt sich die Entwickelung, folglich mindert sich auch der Ichsinn. Man tut aber gut, vor dem zwanzigsten Lebensjahre keine besondern Äußerungen des Füreinanderseins zu erwarten. Bei dem Jüngling kann man sogar noch etwas länger zuwarten, weil er sich langsamer entwickelt.

Das ist also naturgemäße, gesunde Selbstsucht. Die Seele deines Kindes ist ihr Sitz.

Diesem Urzustand steht aber entgegen eine Forderung der Gesittung. Diese heißt Füreinandersein. Je höher ein Geist steht, um so größer wird sein Bedürfnis – sein Lebensbedürfnis, nicht sein Pflichtgefühl – andern zu dienen. Der höchste Geist kann sich nur auswirken, indem er allen dient.

Indem ein Kind die seelischen Entwickelungskreise durchläuft, muß mehr und mehr sein Geist und seine geistigen Bedürfnisse zur Geltung kommen, es muß der Eigennutz überwunden werden.

Dazu zu helfen, ist Aufgabe der Erziehung. Diese kann aber nur erfüllt werden, wenn das Füreinandersein erlebt wird, denn es vermittelt sich einmal keine Wahrheit anders als durch Erleben.

Folglich müssen die Eltern der Sitz der Hingebung sein, denn sie sind die natürlichen Pfleger. Je größer die Selbstsucht der Kleinen ist, um so größer muß die Selbstzucht der Großen werden.

Wenn du bei deiner heranwachsenden Schar wider den Eigennutz predigst, machst du dich lächerlich vor der Natur. Tu das nicht. Wenn du aber immer mehr dienen lernst, hilfst du dem Kinde in sein richtiges Sein. Die Gesittung muß also bei uns sein, der Eigennutz ist bei den Kleinen.

Es ist in der ganzen Natur so. Alle Entwickelung wird bedingt durch das Walten zweier Kräfte. Man hat sie genannt Kampf ums Dasein und Hilfe im Dasein. Die Namen lassen zu wünschen übrig, aber du verstehst sie. Die Kleinen führen den Kampf ums Dasein, die Großen leisten die Hilfe im Dasein. Ihr Zusammenwirken schafft die richtige Entwickelung.

Daraus folgt die natürliche Regel: Alles was du willst, daß deine Kinder werden, das sei du ihnen.

Was du nun selbst nicht sein kannst, das erwarte auch nicht von deinen Sprößlingen.

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Zweitens. Das Wesen, vielleicht sogar die Ursache, unseres jetzigen Daseins ist Unvollkommenheit. Folglich hat es bisher noch keine Möglichkeit gegeben, eine vollkommene Erziehungsform zu schaffen. Es wird auch in absehbarer Zeit keine solche geben. Das deutlichste Anzeichen für diese Wahrheit sind die Erziehungsbücher. Gäbe es eine Erziehung zum vollkommenen Menschen, so wären sie überflüssig. Sie sind's aber nicht.

Hand aufs Herz! Wer sind wir selbst! Laßt mich ganz offen reden. Viele von uns sind noch nicht über den Zustand der Bestie hinausgekommen. Stehst du über diesem Standpunkte, so empfindest du vielleicht das Dienen als ernste, heilige Pflicht, die recht schwer zu erfüllen ist. Aber nur wenige haben erfahren, daß Dienen ein Bedürfnis ist, dessen Befriedigung unser tiefstes Sehnen und höchstes Glück ist.

Wer selbst weiter nichts kennt als den Kampf ums Dasein, soll vor allem von seinen Kindern nicht erwarten, daß sie vollkommene Wesen sind.

Das Höchste, was allenfalls in diesem Falle erreicht werden kann, ist, daß wir unsere und ihre Unvollkommenheit demütig auf uns nehmen und tragen lernen. Als auf Abbruch und Besserwerden.

Richte dich jedenfalls so ein, daß dein nachwachsendes Geschlecht nur ein winziges, kaum erkennbares Stückchen über dich hinauswachsen wird. Wundere dich nicht drüber und suche die Ursache nicht im folgenden Geschlecht, sondern in seinem ungünstigen Nährboden. Suche sie in dir selbst.

Trotzdem ist eine unleugbare Tatsache, daß uns Eltern, so tief wir auch stehen mögen, Kinder von der Natur nicht versagt werden. Bei der Fortpflanzung selbst findet keineswegs eine Auslese der Besten statt, kaum bei der Erhaltung der ins Leben Getretenen.

Im Gegenteil sehen wir mit Verwunderung, daß gerade oft den Edelsten der Kindersegen versagt bleibt. Wenn ich nicht irre, spricht es der große Menschenkenner Riehl irgendwo geradezu als Gesetz aus, daß die Menschheit zuweilen ihre ganze Kraft zusammennehme, um einen großen Geist werden zu lassen, sich in seiner Hervorbringung aber völlig zu erschöpfen scheine und ihm eine ebenbürtige Nachkommenschaft versage.

Demnach müßten sich die Menschentiere leichter fortpflanzen als die Auserwählten. Ist's so?

Etwas ist ganz gewiß dran. Was folgt daraus? Doch nichts anderes, als daß die Entwickelung nicht einzelne Herrenmenschen herauszüchten will, um die Massen der Minderwertigkeit und Unvollkommenheit zu überlassen, sondern im Gegenteil der Gesamtheit auf eine höhere Stufe zu verhelfen trachtet. Sie würde doch sonst bei den auffallend Vorgeschrittenen nicht abbrechen.

Es folgt ferner daraus, daß vom Standpunkte der Natur die Erziehungsfehler, die wir machen, gar keinen wesentlichen Aufenthalt der Entwickelung darstellen können. Sonst würde sie vorsichtiger sein in der Verteilung des Kindersegens. Bei rohen Naturvölkern ist Unfruchtbarkeit fast ausgeschlossen, bei Kulturvölkern ist sie eine Seuche.

Daraus ergibt sich die weitere Regel: Erziehe nur ruhig, so gut du irgend kannst, und glaube ja nicht, du müßtest es aufgeben, wenn du Fehler darin machst. So wenig eine Kraft in der Natur je zum Stillstande kommen kann, so wenig ist irgend etwas Gutes vergeblich. Die einzig brauchbare Reue ist Bessermachen.

Das Ziel der Kinderpflege

Ein schönes Ziel, das unschwer zu erreichen ist, haben wir schon gestreift. Es ist ein kleiner Lohn für die große Mühe und schwere Entsagung, die das Auferziehen von Kindern uns auferlegt. Es reut mich nicht, nochmals davon zu reden.

Die eigentliche Liebe und Fürsorge unserer Kinder wird sich einmal vorwärts wenden, auf das kommende, dritte Geschlecht. Das ist Naturlauf. Im allgemeinen hast du also kein Recht zu erwarten, daß dein Kind sich mit der Liebe, die du ihm zugewandt hast, zu dir zurückwenden wird. Vorwärts ist die Losung der Natur, nicht rückwärts.

Also rede nie von Undank der Kinder. Undankbarkeit gibt's nicht unter den Menschen. Davon reden nur Selbstlinge, die alles Gute für sich einsacken wollen und für jede Leistung Rückgabe mit Zinsen begehren. Sie ärgern sich, wenn etwas weiterfließt, und nennen Undank der Menschen, was im Grunde nur ihr eigener Verdruß ist.

Nein, deine Kinder sind gerade dazu da, dein Gutes weiter zu tragen, und dein Lohn ist zu sehen, daß sich ausbreitet, was du gesät hast.

Aber etwas kann werden, ich wünsche es dir, und du kannst selbst dazu helfen. Deine Kinder sollen dir zu Freunden erwachsen. Man sagt oft, die Jugend sei die Zeit der Freundschaft. Ja, ja, aber diese Jugendfreundschaften, die verrauchen alle. Wo sind alle unsere Freunde geblieben? –

Den meisten sind wir gleichgültig geworden. Weil sie Jugend waren, waren sie natürlich mehr mit ihren Angelegenheiten beschäftigt als mit unseren. Wir auch. Andere sind vielleicht Schädlinge geworden, vor denen man sich am besten sorgfältig in acht nimmt. Die Ehe wurde das festere Band, das die Freundschaften ablöste. Die Freundschaft ist die Verheißung, die rechte Ehe die Erfüllung.

Wenn aber das Leben nun einsamer wird, kann dir aus deinem Kinde Freundschaft erwachsen und deinen Lebensabend vergolden.

Folglich muß die Kinderpflege von vornherein auf gute Kameradschaft abgelegt werden. Diese ruht aber ausschließlich auf unbedingter Anerkennung der Gleichberechtigung des andern Geistes. Sonst züchtest du dir eine mehr oder weniger peinliche kindliche Ehrerbietung, die nur ein Zeichen innerer Entfremdung ist.

Laßt euch das kostbarste Gut im Leben, die herzliche Freundschaft eurer Kinder nicht so leichtfertig entgehen und euch mit Schalen abspeisen, wo ihr Anspruch auf den Kern hättet.

Freundschaft vom jungen Geschlecht will natürlich erworben sein. Einander gewährt's die Jugend verschwenderisch und leicht, uns nur nach ernstem Werben.

Aber wir haben sie ja in der Hand. Darum ist unser Weg dazu der: Nimm dein Kind vom Anfang an für voll und behandle es als ebenbürtigen Geist. Für sein entwickelungsmäßiges Unvermögen tritt ohne Zaudern und Zögern in den Riss. Dann sei versichert: unbegrenzte Dankbarkeit und herzliche Freundschaft wird dein Lohn sein.

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Aber das ist nur ein kleines Nebenziel. Es kommt nämlich vor, daß Kinder und Eltern grundverschieden sind und einfach nicht zusammenpassen. Nicht alle Menschen haben einen innern Weg zueinander, warum sollen's durchaus Eltern und Kinder haben? –

In solchem Falle müssen wir uns eben bescheiden und ohne Murren verzichten. Vielleicht erwächst uns sonst noch manches Gute im Leben. Ich schlage vor, wir warten auf die Enkel. Sie gewähren oft, was Kinder nicht geben können oder wollen.

Das große Hauptziel, das einzige, was Kinderpflege leisten soll, ist das Geleiten zur Freiheit und Selbständigkeit. Das ist zugleich das große Menschheitsziel.

Indem das Kind frei und selbständig wird, dient es mittelbar dem großen Ziele aller menschlichen Entwickelung. Es wirkt sich aus als Glied einer unendlich langen Kette des Werdens. Aber gleichzeitig dient es unmittelbar seinem eignen Lebenszwecke.

Jeder wird einsehen, daß alle Kinderpflege darin gipfelt, das Kind sein eigenes Leben führen zu lehren. Auch die treuesten Eltern können nicht darauf rechnen, lebenslang der Schutz ihrer Kinder sein zu können. Sie wollen's auch nicht. Sie würden gerade mit ihrer Überliebe für die Kinder selbst eine unerträgliche Fessel.

Demnach müssen wir den Kindern so helfen, daß sie möglichst unbeschwert und unabhängig ihr Leben nach eigenem Ermessen einrichten lernen im Maße ihres Reifwerdens. Sie sind, das dürfen wir nie vergessen, als Geister uns völlig ebenbürtig und werden zwei oder drei Jahrzehnte später als wir in der Vollkraft ihres Lebens stehen. Das ist eine Zeit, in der es mit uns voraussichtlich schon stark bergab geht, und der Durchschnitt von uns mit den Forderungen der werdenden Zeit kaum mehr Schritt zu halten vermag.

Wir haben demnach die heiligste Pflicht, unsere Kinder auch von uns selbst ganz unabhängig zu stellen. Wir sind ihre selbstlosesten, aber älteren Freunde und Kameraden. Suchen sie bei uns Rat und Hilfe, so muß sie ihnen jederzeit offen stehen.

Es muß selbstverständlich zwischen uns sein, daß wir ihre beste und gewisseste Zufluchtsstätte sind. Kommt dagegen ein Zeitpunkt, in dem sie unseres Rates nicht mehr begehren, so dürfen wir auch keine grollende Hinderung für sie sein. Wir übernehmen die Pflicht, ausschließlich ihnen zu dienen, nicht uns.

Sie müssen unbedingt wissen, daß wir ihre Freiheit in keinem Stücke binden werden, und daß unsere Liebe unabhängig ist von allen ihren Wegen und Entschließungen.

Nur der freie Mensch kann Vollkommenes erreichen, nur der unabhängige leistet Großes.

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Freilich ist leider eine unbestreitbare Tatsache, daß die meisten Menschen unselbständig und unfrei sind. Die Verhältnisse unter den Menschen bringen das so mit sich. Es wird auch noch lange währen, ehe es anders wird.

Es ist ferner jedem wahren Menschenfreunde deutlich, daß die weitaus meisten viel zu bequem, nachlässig und unentwickelt sind, um nur nach diesen hohen Gütern zu trachten. Sie lassen sich viel lieber von dem allgemeinen Strome tragen und verbergen im Massendenken ihre eigene Unselbständigkeit.

Dessenungeachtet aber müssen wir, denen es im Blute liegt, das Beste ihrer Kinder zu suchen, ihnen wenigstens die Möglichkeit offenhalten, diesen Weg, auf dem einzig das Glück der Menschen liegt, zu wandeln und zu finden. Damit haben wir ihnen und der Menschheit den wertvollsten Dienst geleistet.

Was wir sonst im Leben wurden und erreichten, das wird vielleicht alles verwehen, wie unser Name, aber das schadet nichts. Die Hauptsache bleibt immer, daß wir treu unsern Beruf als Glieder in der großen Kette der Entwickelung erfüllten.

Ich könnte mir auch keinen Vater und keine Mutter denken, in denen nicht der Wunsch brennen würde: Werdet mehr wie wir. Steige hinunter und halte in der untersten Verbrecherwelt Umfrage, ob sie ihren Kindern eine Verbrecherlaufbahn wünschen. Sie werden insgesamt aus vollem Herzen sagen: Nein, niemals.

Wir haben vielleicht alle nicht die Fähigkeit, uns diesem Wunsche gemäß zu verhalten, aber eines könnten wir doch. Wir könnten von vornherein in unsern Kindern die Ebenbürtigen anerkennen und sagen: Ihr steht uns als Geister ganz gleich. Dann ist's nicht mehr allzuschwer, sie so zu behandeln, wie wir selbst wünschten, behandelt zu werden. Wie wir kein beständiges Dreinreden lieben und unsere Eigenart nicht gestört zu sehen wünschen, so auch unsere Kinder.

In diesem Einen ruht aber die ganze Wahrheit der Menschen untereinander, daß jeder den andern so behandelt, wie er wünschte, daß es mit ihm gehalten würde.

Es ist nicht ganz leicht, hier fest zu stehen. Auf unsern Kindern lastet naturgemäß eine doppelte Unvollkommenheit. Die eine ist körperlich. Sie wird nur nach unendlichen Ungeschicklichkeiten siegreich überwunden. Aber alle ihre Versehen dürfen unsern Blick niemals trüben.

Die andere ist seelisch. Es ist für sie keine leichte Aufgabe, sich in unsere vielfach zerfahrenen und unnatürlichen Verhältnisse hineinzuleben, wie sie besonders auf höheren Kulturstufen ihrem unbefangenen Werden begegnen. Auch hier darf uns keiner der noch viel zahlreicheren Falschtritte unserer Kinder in der unerschütterlichen Gewißheit beirren: Ihr seid dennoch vollständig ebenbürtig. Vergessen wir nie, daß das Leben das Kind völlig unvorbereitet trifft, und daß es sehr langsam verstehen lernt, was dieses Dasein von ihm will.

Die Aufgabe für uns würde also sein, nie hinabzublicken auf sie, sondern bewundernd dem Walten der Natur an ihnen und in ihnen zuzuschauen. Nichts fördert so sehr die Erkenntnis des eigenen Wesens, dieser großen Dunkelheit im Dasein, als der herzliche und unbefangene Verkehr mit unserem nachwachsenden Geschlecht.

Der Weg der rechten Kinderpflege

Die Kinder gehören nicht uns, sondern zunächst sich selbst an.

Du willst dich der Seele deines Kindes annehmen. Das bedeutet, du willst ihr helfen, ebenso frei und vollständig zu werden, wie du bist oder dich wünschest. Frei sein heißt in Unabhängigkeit von außen handeln.

Das ist nur auf Einem Wege zu erreichen. Alle natürliche oder göttliche Wahrheit erkennt man an der Einfachheit. Der einzige Weg zur Freiheit ist die Gewöhnung an Gehorsam.

Das Kind, das zur Welt kommt, ist in jeder Beziehung unfrei. Ebenso körperlich als seelisch. Es soll aber frei werden.

Körperlich weißt du ganz genau, was zu geschehen hat. Du freust dich, wenn du es nicht mehr zu tragen oder zu führen brauchst, wenn es selbst auf seine Sauberkeit hält, wenn sich frische, frohe Lebenskräfte zeigen, die achtbare Kraftleistungen zuwege bringen.

Woher nimmt es die Kraft? Aus sich selbst heraus, im Maße seines natürlichen Werdens. Du behütest nur seine Unvollkommenheit, daß dieses Werden nicht gestört wird.

Genau so mach's mit seiner Seele. Ihre Kraft nimmt sie auch aus sich selbst im Maße des Vorwärtsschreitens seiner Entwickelung. Behüte es, solange diese noch unfertig ist.

Der natürliche Schutz dabei ist dein Wille, der das Beste deines Kindes sucht. An deinem Willen muß es erstarken lernen, um sein Bestes selbst zu suchen. Folglich muß es dir so lange gehorsam sein, bis die Vollendung, die es überhaupt erreichen kann, erlangt ist.

Es soll ja nicht – um Gottes willen nicht! – sein Wille gebrochen werden, wie alte Erziehungsregeln lauteten. Im Gegenteil. Sein Wille soll so stark werden als irgend möglich. Er kann gar nicht stark genug werden und muß völlig unverletzt erhalten werden. Aber zunächst muß er sich an eine Macht angliedern. Diese Macht bist du mit deinem starken Willen. Solche Angliederung heißt Gehorsam.

Die Gehorsamsfrage kann nur im zarten Alter entschieden werden. Als Zeitpunkt gebe ich auf Grund vielfacher Erfahrung und Beobachtung, der du glauben darfst, die Zeit an, in der die zweiten Zähne ziemlich vollständig da sind. Dann muß die Frage gelöst sein, oder sie wird's nie.

Achte auf jeden ausfallenden Milchzahn. Es ist nicht notwendig, daß du ihn in Gold fassen lassest, wenn es deine Mittel sonst erlauben, aber laß jeden die stumme Frage an dich richten: Bist du fertig oder noch nicht? –

Dann stärke deinen Willen, daß er eine Macht werde, auf die man sich stützen kann. Ist dein Wille eine schwammige Masse, so sei versichert, daß dein Kind sich nie darauf stützen wird.

Die Natur verhindert es dran, denn sie pflanzte den Selbsterhaltungstrieb in seine Seele. Wenn dein Wille schwächlich versagt, und du ihm keine Macht werden kannst, auf die es sich stützt, so ist es durch dieses Naturgesetz gezwungen, die Leitung seiner Seele in eigene Hände zu nehmen. Da es aber nach seiner ganzen Unfertigkeit dazu noch nicht reif ist, wird ihm aller Wahrscheinlichkeit nach durch deine Schwächlichkeit ein schwerer Schaden zugefügt, wenn es nicht zufällig selbst ein sehr starker Geist ist. Auch dann wird ihm lebenslang eine peinliche Härte zurückbleiben, wenn es sich nicht im Gehorsam an dich anlehnen konnte.

Wer sein Kind lieb hat, muß ihm den Gehorsam ermöglichen, ja ihn durchsetzen. Ungehorsame Kinder sind eine schwere Anklage der Eltern. Die erste. Das Leben wird eine Kette weiterer bringen, und wenn einst dein Kind alt und grau ist, dann wird es dich ganz erkannt haben und dich entschuldigen und bemitleiden.

Das Mitleid deiner Kinder ist eine schwere Last für dich. Die Urkunde einer verfehlten Lebensaufgabe.

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Die Sache ist nun so. Ihr seid ebenbürtige Geister, du und dein Kind. Daran ist nichts zu ändern. Das ist euer Naturboden.

Aber nicht alle Geister sind gleich stark. So wenig wie alle Körper. Wenn Geister zusammentreffen, sei es in einem Beruf, einer Gesellschaft, einer Ehe, oder im Kindesverhältnis, so wird selbstverständlich immer der stärkste die Herrschaft und Führung übernehmen.

Man kann darin ein Naturgesetz erkennen, das wir etwa nennen können: das Gesetz des stärksten Geistes. Das ist ein ewiges Weltgesetz und gilt ebenso wie jenes, daß die stärkere Masse sich überall durchsetzt. Die Natur ist ja überall einheitlich.

Es ist für dich noch kein Vorwurf, wenn im späteren Leben einmal dein Kind sich stärker und zur Führung befähigter erweist als du selbst.

Aber in der Zeit der Milchzähne – wir sprechen noch davon – hast du durch deine Erfahrung und Reife ein solches Übergewicht über deinen zarten Sprößling, daß es dir nicht allzu schwer fallen kann, deinen Willen durchzusetzen, damit an seiner Überlegenheit dein Werdender sich anranken kann. Wenn dir das nicht gelingt, dann bist du – verzeih schon! – sehr schwach, erstaunlich minderwertig. Wirst mit solch einem Bengel nicht fertig!

Du wirst gut tun, so wenig wie möglich von unartigen Kindern zu reden. Was man landläufig Unart nennt, ist in der Regel nichts anderes als die Unbequemlichkeit für die Erwachsenen, die durch die Art der Kinder entsteht. Gesunde Kinder sind unartige Kinder, artige Kinder sind in der Regel kranke Kinder.

Es gibt nur eine einzige echte Unart. Das ist die bewußte Auflehnung wider deinen Willen. Diese muß aber bei jedem Kinde – wir reden hier nur von kleinen Kindern – einmal zur Erscheinung kommen. Das ist die ernste Anfrage der Natur an dich: Bist du fähig, ein Kind zu leiten? Das Kind bringt sie unbewußt, triebmäßig zum Ausdruck.

Bei der Kinderverteilung geht die Natur anscheinend wahllos zu Werke. Bei der Kindererziehung tut sie das nicht mehr. Sie wird nie gestatten, daß einem schwächlichen Elternwillen ein starker Kindeswille unterworfen wird. Sie kann nicht.

Also mußt du siegen, wenn dein Haus nicht aus den Fugen gehen und, was noch schlimmer ist, deinem Kinde das Leben unnötig erschwert werden soll.

Und es ist nicht schwer. Aus zwei Kräften setzt sich der Gehorsam zusammen, aus Strenge und Milde. Eine ohne die andere ist Qual. Nur der Ausgleich beider gibt Glück und Befriedigung. Wie Mann und Weib nötig ist zum Werden des Kindes, so Strenge und Milde zu seiner Pflege.

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Tausend feine Fäden verknüpfen Eltern und Kinder. Die Natur des Verhältnisses bedingt, daß sie einander durchfühlen. Es bedarf eigentlich keiner Worte zwischen ihnen. Das Kind hat ja lange keine und kann auch dann die richtigen lange nicht finden. Aber sie empfinden einander.

Eine Mutter und auch ein rechter Vater weiß, was das Kind will und braucht, ehe es den Mund öffnet.

Nein, Worte bedarf es nicht, aber ganze Herzen. Wer ein Kind in die Welt setzt aus Vorsatz oder ohne Absicht, und setzt nachher nicht seine Seele für das Kind ein, ist ein Verbrecher.

Aber wenn du deine Seele einsetzest – gewiß du willst's – dann wird auch Gehorsam. Die Strenge setzt ihren Willen unerbittlich durch, und die Milde macht den Gehorsam zum köstlichsten Glück.

Aber einmal kommt ein Zeitpunkt, in dem die ganze Natur des Kindes sich wider dich auflehnt, wie ein Roß seinen Reiter probt und prüft. Dann siege, und dein Sieg wird dein Kind für sein Leben beglücken.

Wie du siegst, das hängt von deinen Fähigkeiten ab. Bist du mit ganzer Seele dabei, so brauchst du keine Worte. Wenigstens nicht viele. Wo Wortströme ausgegossen und Verhandlungen über Gehorchen oder nicht gepflogen werden, wird's den Eltern schwerlich gelingen. Wer viel Worte verliert, verliert in der Regel seine Machtstellung.

Eigentlich geht's auch ohne Schläge. Ich habe viel Rinder, Schafe und Schweine erzogen, habe aber nie gesehen, daß diese ihre Nachkommenschaft durch Schläge fürs Leben vorbereiteten, obgleich sie doch als Haustiere leicht menschliche Sitten hätten annehmen können.

Aber Schläge sind nicht menschliche Sitten, sondern Unsitten. Kinder sind ebenbürtige Geister. Wolltest du wohl Schläge bekommen? Verdient hättest du sie vielleicht zuweilen, aber wollte man dich schlagen, so würde man deine Ehre, deine Selbstachtung, dein ganzes Sein mit zerschlagen.

Außerdem hat der Mensch nicht einen einzigen Körperteil, auf den man ihn ohne Gefahr dauernder leiblicher Schädigung schlagen könnte. Am wenigsten ein zartes Kind. Erkundige dich bei deinem Arzt darüber, wenn's dir selber nicht einleuchtet.

Und noch eins. Weißt du, daß Schläge vorzeitige Sinnlichkeit auslösen? Geschlagene Kinder verrohen. Rohe Menschen haben in der Regel nicht zu wenig, sondern zu viel Schläge erhalten.

Ein früheres, roheres Zeitalter hat wohl geprügelt. Es wußte es nicht besser, und seine Nachkommenschaft war auch auf ihrer niederen Entwickelungsstufe nicht so gefährdet. Aber die Fortbildung unseres Geschlechts hat uns immer mehr verfeinert. Sie arbeitet ja auf Entfaltung von Geist hin. Da wird prügeln immer unangänglicher. Naturgeschichtliches Verstehen ist besser als alte Sprüche.

Hauptsächlich von Salomo stammen einige Prügelsprüche, die die Bibel überliefert hat. Aber gerade Salomo scheint kein guter Erzieher gewesen zu sein. Sein Sohn Rehabeam war ein unselbständiger und roher Mensch. Wahrscheinlich zuviel geprügelt. Also laß neue Wahrheit nicht mit alten Sprüchen verdunkelt werden. Es wäre ein Armutszeugnis.

Versuch's doch ehrlich, ob du nicht ohne Prügel zum Siege kommen kannst. Siegen mußt du.

Namentlich über einen Fehler sind viele Eltern mit Recht sehr entrüstet, das Lügen. Manchem Kinde ist die Neigung dazu angeboren. Das ist schwer. Es wird dann gewiß nicht durch Prügeln ausgetrieben. Da kostet es große Selbstzucht, daß hauptsächlich von dir aus das Beispiel der Wahrhaftigkeit und Offenheit gegeben werde. Das ist das beste Mittel.

Vieles Lügen ist aber die unmittelbare Folge rohen Prügelns. Wer prügelt, soll die Ursachen des Lügens seiner Kinder zuerst bei sich selbst suchen, und es vor allen Dingen lassen.

Machst du den groben Fehler, deine Kinder zu schlagen, so bereue ihn wenigstens, und mach's besser. Du kannst keinen Fehler machen, der nicht verziehen werden könnte.

Ich gestehe dir auch, daß ich selbst in jüngeren, unreiferen Jahren nicht glaubte, ohne einige Schläge auskommen zu können. Ein Klaps auf eine ausgestreckte, unartige Hand auf frischer Tat ist oft abgekürztes Verfahren. Ein verzeihlicher Fehler. Aber ein Fehler. Denn immerhin ist es die Herabwürdigung eines ebenbürtigen Geistes und ein Zeichen, daß wir uns nicht in der Gewalt hatten.

Aber ein kalt überlegtes, irgendwann nachwirkendes, ausführliches Prügeln, etwa wenn der Vater nach Hause kommt, auf Anklage hin – das ist doch eine Rohheit, eines Folterknechts würdig. Du bist Vater, nicht Nachrichter deines Kindes. Mit solchem Prügeln zerschlägst du alle Fäden, die dich mit der Seele deines Kindes verknüpfen. Alle. Es gibt kein sichereres Mittel, sie für immer zu verlieren, als dieses unbarmherzige, roh erwogene Prügeln.

Wir haben bald eingesehen, daß Kinder durchaus ohne Schläge aufwachsen müssen. Aber es gibt eine offene Empörung, die bei jedem gesunden Kinde gelegentlich ausbricht und auf beiden Seiten alle Fasern im Kampfeszorn erregt.

In diesem Falle, der durchaus eintreten muß, halte ich für das wirksamste und vernünftigste Mittel, ein Kind in ein einsames Zimmer zu führen und dort zu lassen, bis es sich in sich selbst beruhigt hat.

Schließe das Zimmer womöglich nicht ab. Auch einschließen erniedrigt einen freien Geist, laß aber das Alleinsein so lange währen, bis du ganz gewiß bist, daß es durchgeschlagen hat. Laß vor allem niemanden es durchkreuzen. Uneinige Eltern können keinen einheitlichen Gehorsam erzielen.

Inzwischen fasse und beruhige dich auch selbst und stärke deine eigene Seele. Wenn du dich ganz in die Gewalt bekommen hast, dann tritt vor dein Kind. Rede nichts. Worte sind hier Entweihung. Am wenigsten würdige dein Kind herab durch ein erzwungenes Versprechen der Besserung. Solches Zeug gehört nicht in diese heilige Stunde. Fasse es milde und ernst an der Hand und führe es schweigend in das gewöhnliche Leben zurück, in der unerschütterlichen Voraussetzung, daß du gesiegt hast, und daß das Kind gar nicht anders kann, als deine Überlegenheit anerkennen. Laß dann alle deine Liebe von heiligem Ernst durchwaltet sein. Du bist eine Macht.

Es mag sein, daß sich solche Zusammenstöße wiederholen. Je kräftiger du gesiegt hast, um so weniger ist es zu befürchten. Das ist gut und wünschenswert. Denn Wiederholung des Feierlichen ist eine schwere Gefahr für seine Wirkung. Ein oder zwei solche Siege müssen es für das Leben gewinnen. Es lohnt der Mühe.

Man darf überhaupt niemals ein Kind zu etwas zwingen wollen, solange man selbst erregt ist, auch nie, solange das Kind erregt ist. Ihr müßt euch durchaus beide beruhigt haben, ehe etwas Entscheidendes geschehen und wirkungsvoll sein kann. Die Überlegenheit zeigt sich in nichts so, wie in innerer Ruhe.

Du kommst dann mit einem Worte aus. Sage Nein! Aber so, daß dem Angeredeten die Lust vergeht, nach Gründen zu fragen. Wer kleinen Kindern Gründe sagt, verleitet sie zum Ungehorsam. Er wird keine Gelegenheit mehr haben, Erwachsenden Gründe zu sagen, denn sie werden nicht mehr danach fragen.

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Es gibt Eltern – ich kenne solcher nicht wenige – denen ist es nicht gelungen, in der entscheidenden Zeit zu siegen. Die Zeit ist sehr kurz, die zur Verfügung steht. Sie haben den Kampf verloren. Diese haben zwei Wege, die sie dann in der Regel gehen.

Der eine Weg ist der des beständigen Vergleichs. Sie werden lebenslang mit den Kindern den Ausgleich bei jeder Gelegenheit suchen und werden in der Regel jedesmal den kürzeren ziehen. Das heißt, die Kinder haben die Erziehung selbst in die Hand genommen. Die Eltern konnten es nicht. Dieser Weg ist der bessere.

Der andere ist der Weg der rohen Gewalt. Die Eltern empfinden ihre Minderwertigkeit und bilden sich zu Tyrannen aus. Sie werden die Qual ihrer Kinder lebenslang. Die schwerste. Die Söhne entziehen sich dieser rohen Gewalt in der Regel, die unglücklichen Töchter, die sich etwa nicht in die nächstbeste Ehe hineinretten können, bemitleide ich. Euer Vater im Himmel weiß, was ihr leidet.

Es ist eine furchtbar ernste Mahnung an die Eltern. Laßt kein Seufzen wider euch aufwachsen. Konntet ihr nicht siegen, so gebet wenigstens ehrlich nach. Die Verzeihung eurer Kinder wird zudecken, daß ihr unfähig waret, den einzigen Weg zu ihrer Pflege zu betreten.

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Elternpflichten

Über zwei Dinge mußt du dir von vornherein klar sein, wenn du überhaupt nach der Seele deines Kindes fragen willst. Ihr müßt euch gegenseitig wenigstens im allgemeinen verstehen lernen. Das könnt ihr aber nur im Rahmen der gleichen gesellschaftlichen Schichtung.

Es ist also selbstverständlich, daß du dein Kind auf der Ebene aufwachsen lassest, in der du dich selbst bewegst. Willst du mit ihm andere Wege gehen, so laß es über dich hinauskommen. Halte dich aber so, daß es durch deine Schuld nicht unter dich hinunter sinkt.

Je höher die gesellschaftliche Schichtung ist, in der du dich bewegst, um so größer wird sich der Drang nach Selbständigkeit in deinem Kinde entwickeln. Also muß die Pflege des Kindes so angelegt werden, daß es mit erlangter Volljährigkeit von seinen Eltern womöglich ganz unabhängig ist. Sein Zusammenhalt mit dir muß sein völlig freies Geschenk sein. Es wird die Quittung sein für deine Bemühungen um die Seele deines Kindes.

Das Bild würde sich so gestalten. Im Anfang der zwanziger Jahre etwa – eine Regel läßt sich nicht darüber aufstellen – muß dein Kind sein Geschick in eigene Hände nehmen dürfen. Du darfst ihm nicht mehr als nur noch Berater dabei sein wollen, und mußt dich sogar ohne Verbitterung darauf gefaßt machen, daß es auf deinen Rat verzichtet und sich erwünschtere Ratgeber sucht. Das hängt ganz von dem Maße des Vertrauens ab, das es zu dir fassen konnte. Es steht mit der Lösung der Gehorsamsfrage in engstem Zusammenhang.

Mit dem sechsten Jahre etwa muß die Gehorsamsfrage entschieden sein. So stehen 14 Jahre zur Verfügung, um an Freiheit zu gewöhnen.

Gehe im Anfang so langsam als möglich vor, aber in immer steigendem Maße. Freiheit ist geschenktes Vertrauen. Es ist die Rückgabe des kindlichen Gehorsams mit Zinsen. Nur so wird Liebe erzeugt als freie Gegenseitigkeit des Vertrauens. Wer das erleben darf, dem wird die Erde leicht.

In den gegebenen 14 Jahren muß also ein Kind seinen Beruf wählen und sich auf ihn vorbereiten, seinen Umgang aussuchen lernen, das andere Geschlecht richtig würdigen und zum Geld und Besitz die rechte Haltung finden. Es muß also schon selbständige Gelderfahrungen haben, wenn die Versuche auch in beschränktem Maßstabe angestellt werden.

Also viel ist zu tun in diesen 14 Jahren, viel Gelegenheit ist gegeben, Elterntreue zu erproben, und den Zugang zur Seele des Kindes offen zu halten. Es ist eine solche Fülle der verschiedenartigsten Aufgaben, daß sicher Eine dir liegt, und du wenigstens Einen Weg zum Vertrauen deines Kindes findest.

Hattest du mit sechs Jahren seinen Gehorsam, so hast du ganz gewiß mit seiner Volljährigkeit sein Vertrauen als sein eigenes, freies Geschenk. Hattest du seinen Gehorsam damals nicht, also nie, so hast du wenigstens noch 14 Jahre lang Gelegenheit, in einem oder dem andern Stücke dir ein gewisses Vertrauen zu erwerben. Aber sei kein Tor und zertrümmere nicht die letzten Beziehungen eurer Seelen, indem du den Tyrannen spielst.

In der Pflege zur Freiheit und Selbständigkeit darf kein Unterschied zwischen den Geschlechtern bestehen. Dein Sohn muß ein freier Mann, deine Tochter ein freies Weib geworden sein unter deiner führenden Pflege.

Eine frühere Zeit hat die Töchter darin unglaublich benachteiligt. Sie gewährte den Söhnen Bewegungsfreiheit nach Leib und Seele und engte die Töchter nach beiden Richtungen ein. Man hieß sie auf Männer warten. Kamen diese, so waren die Geschlechter von vornherein ungleich gestellt. Dem Weibe war es ungeheuer erschwert, wirklich ebenbürtig zu sein. Kamen aber keine Männer, so hatte man ungebildete, verbitterte alte Jungfern geschaffen, über deren Gräulichkeit alle Welt zu spotten sich herausnahm. Das Weib, dem der Schutz eines Mannes mangelte, hat Unendliches zu leiden gehabt. Wer hatte es dazu verurteilt? – Elternliebe! Arme Kinder!

Deine Tochter muß so aufwachsen, daß sie von einer Eheschließung unabhängig bleibt. Daß die Ehe ein freies Geschenk des stolzen, freien Weibes wird, das unbedingt versagt wird, wenn's nicht mit ganzer, voller Seele gewährt werden kann. Niemals darf eine Ehe zur Zufluchtsstätte vor elterlicher Gewalttätigkeit herabgewürdigt werden. Die Ehe ist an sich keine kleine Sache. Wenn sie aber nicht Selbstzweck wird, ist sie von vornherein eine verfehlte Sache.

Söhne und Töchter sind völlig gleichwertige, nur verschieden geartete Geister. Man darf ihnen eine verschiedene Ausbildung geben, aber sie muß durchaus gleichwertig sein. Ihr Ziel muß für beide Geschlechter Freiheit und Selbständigkeit sein fürs Leben.

Soll der Seele deines Kindes gedient werden, so muß diese Elternpflicht erfüllt werden. Vorbereitung zur Selbständigkeit auf der mindestens gleichen gesellschaftlichen Ebene bis in die zwanziger Jahre. Das ist die eine Pflicht.

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Die zweite Pflicht gehört eng dazu. Je höher die Schicht ist, in der du mit deinem Kinde zusammen lebst, um so weniger kann sie bei den Verhältnissen dieses Wandelsterns der Ausrüstung mit Geldmitteln entbehren.

Was ist Geld? Geld ist die großartigste Erfindung, die jemals menschlichem Geiste gelungen ist, denn Geld ist bis jetzt das umfassendste Werkzeug zur Beherrschung des Stoffes.

Es gibt abertausende von Werkzeugen, die der Geist erfand. Unter ihnen kaum ein ungefährliches. Natürlich ist das Umfassendste das Gefährlichste. Folglich muß das Kind während seines Heranwachsens daran gewöhnt werden.

Sage bitte eines. Schließest du Messer, Gabel, Schere, Licht vor dem Kinde ab, wie ein altes Sprüchlein riet, oder lehrst du dein Kind lieber damit umzugehen!

Die Neuzeit muß letztere Forderung stellen. Ich habe mich als Chemiker nicht veranlaßt gesehen, meinen Kindern die gefährlichsten Stoffe unzugänglich zu machen, wohl aber habe ich ihnen ihre Wirkung verdeutlicht.

Das gefährlichste und nützlichste und allgemeinste Werkzeug ist das Geld. Du hast die Pflicht, deine Kinder daran zu gewöhnen, wenn du sie nicht für's Leben schädigen willst. Es ist nicht ungefährlich, dieses Leben zu leben. Mit der steigenden Entwickelung steigt die Gefahr. Also müssen wir unsere Kinder lehren, sie zu beherrschen, nicht ihr auszuweichen.

Geld ist vorläufig der geistige Hebel für die Bewegung des Stoffes, wie sie uns einstweilen möglich ist. Ich hoffe und glaube, es wird einmal noch bessere Hebelkräfte geben. Einstweilen haben wir sie noch nicht.

Je näher ein Wesen dem rohen Stoffe steht und an ihn gebunden ist, um so mehr wird es mitbeherrscht vom Gelde. Freiheit und Selbständigkeit wird immer fraglicher. Sie wird heute mitbedingt durch den rechten Gebrauch des Geldes.

Bereitet deine Kinderpflege Freiheit und Selbständigkeit vor, so mußt du wissen, daß dein Kind auch in bezug auf seine Geldmittel von dir unabhängig gestellt werden muß.

Hast du es also im Genuß eines größeren Besitzes aufwachsen lassen, so hast du stillschweigend die Pflicht übernommen, ihm ein größeres Vermögen anzuvertrauen, sobald es das rechte Alter erreicht hat.

Es gibt Eltern, die teils aus Geiz, teils aus Gewalttätigkeit diese Freilassung ihren Kindern verweigern. Sie erhalten sich ihre Anhänglichkeit, indem sie sie durch Geldfesseln an sich ketten und sie, statt zur Selbständigkeit zu erziehen, zur Heuchelei verleiten. Solche Eltern heben durch ihr späteres eigensüchtiges Verhalten alles Gute und Dankenswerte auf, was sie in jüngeren Jahren ihren Kindern geleistet haben.

Natürlich ist nicht gesagt, daß sie den Kindern ihr Vermögen schenken sollen, daß sie womöglich umgekehrt von ihnen abhängig werden. Sie sollen ihnen aber so viel zur selbständigen Verwaltung geben, daß die Kinder, die sie an Reichtum gewöhnten, von ihnen frei werden, ohne darben zu müssen.

Wer nun das nicht kann, oder wer nicht hat was er gerne gäbe, der weiß das doch viele Jahre vorher. Folglich muß er seinen Kindern den besten Ersatz des Geldes geben, nämlich Können und Wissen. Er muß sie beizeiten wissen lassen: Geben kann ich euch nichts, aber in unserer gesellschaftlichen Ebene will ich euch wohl erhalten. Ich vermittele euch ein Können und Wissen, das euch frei macht und unabhängig stellt.

Auch hier ist kein Unterschied des Geschlechts. Dem heutigen Weibe stehen viele Wege zur Selbständigkeit offen und öffnen sich immer mehrere. Unsere Töchter sollen für die Ehe wohl vorbereitet werden, aber ihre Freiheit muß ihnen gewahrt werden durch eine unabhängige Stellung, die ihr Vermögen oder ihre Arbeit ihnen schafft.

Wer sich seine Kinder erhalten will, muß sie frei machen von sich selbst. Wer sie an sich zu ketten trachtet, wird sie für immer verlieren.

Wie man's nicht machen soll

Ehre und achte in deinem Kinde von vornherein den Menschen und behandle es so, wie du an seiner Statt behandelt werden möchtest.

Das ist das Geheimnis aller Pflege, die Wahrheit des Menschen überhaupt.

Demnach sollst du vor deinem Kinde weder deine Überlegenheit, die du durch deinen zufälligen zeitlichen Vorsprung hast, betonen, noch sie unnötig bewundern.

Manche Kinder müssen bis zum Überdruß hören, was sich alles für Kleine nicht ziemt, wohl aber Großen erlaubt sei. Sie müssen sich mit einer Verächtlichkeit behandeln lassen, die ihnen alles Selbstgefühl zerstört, statt es zu heben. Das ist ein fortwährendes Verbieten und Nörgeln und Herumbessern, daß ein armes Kind nie recht zur Ruhe und zu sich selbst kommen kann.

Wenn man sich einmal erlaubt, solchen Leuten nur anzudeuten, daß es möglich wäre, manches besser zu machen, als sie selbst, so begeht man eine unverzeihliche Sünde. Die armen Kinder müssen sich's gefallen lassen. Sie sind die Märtyrer unserer Eitelkeit.

Auch das ist eine sehr häßliche Art, daß viele Leute ihre Kinder in Gegenwart von Fremden beschämen und verspotten und alle ihre Fehler und Versehen aufzählen. Ich frage nur: Möchtest du das für dich? Auf solche Weise werden den Kindern die sogenannten Charakterfehler geradezu anerzogen.

Nein, was ihr zusammen zu handeln habt, das lasset unter vier Augen geschehen, als aus der Liebe, die mit dem großen Ernst gepaart ist. Eine Ermahnung wirkt nur, wenn sie eine Tat des Vertrauens ist, wenn sich Seele der Seele öffnet.

Andere Eltern ersterben in Bewunderung ihrer Kinder, wenn sie merken, daß sie ihnen in manchen Stücken überlegen sein werden. Ein kleines Mädchen meiner Bekanntschaft war einmal in Nachdenken versunken, legte die Hände flach zusammen und warf einen Blick nach oben. Unglücklicherweise hatte ihre Mutter dieses zufällige Mienenspiel beobachtet: »Kind, sieh noch einmal so aus – so! ganz recht so!« Dann mußte sie es auch dem Vater vormachen, den Vettern und Basen, und schließlich schleppten sie richtig einen Photographen herzu, die kleine Madonna im Bilde festzuhalten. Das Bild kam in die gute Stube über das Sofa. Diese Narrheit nahm ungefähr einen Quadratmeter Raum ein. Dorthin führten sie mich auch. »Kind, zeig's dem Herrn noch einmal« – und das arme Wesen mußte seine Madonnengrimasse wiederholen.

Also so sollst du's nicht machen.

Der Mensch muß doch göttlichen Geschlechts sein. Sonst könnten trotz unserer Erziehung aus Kindern nicht immer wieder so viel ordentliche Menschen werden.

Ein sehr häßliches Laster ist die Geschwätzigkeit und Klatschsucht unter den Menschen. Wir haben alle schon drunter gelitten. Manchem ist's angeboren.

Aber dann befördere es wenigstens nicht bei deinem Kinde. Falle ihm nicht lästig durch unnötige, salzlose Redefluten. Große können sie schon schwer vertragen. Bedenke, daß ein Kind viel zarter ist und möglicherweise dadurch verführt wird, auch so leeres Zeug zu schwatzen wie du selbst.

Laß auch dein Kind keine Klatschereien herumtragen über Dienstboten und allerlei Vorgänge im Hause oder außerhalb. Wer mit seinen Kindern einen Aufpasserdienst einrichtet, darf sich nicht wundern, wenn sie das Klatschen bekommen. Am besten ist's, wenn deine Kinder merken, daß dich Zuträgereien nicht interessieren.

Bist du zuweilen übellaunig und reizbar? Ja? Warum erlaubst du deinen Kindern nicht auch, es gelegentlich zu sein? Kinder sollen immer »artig« sein. Große sind's oft nicht. Kinder erlaubt man sich dafür zu schelten, wenn sie's nicht sind. Das ist sehr unrecht.

Jeder Mensch hat böse Tage und Stunden. Das ist der seelische Widerhall körperlicher Verstimmungen. Ein zarter kindlicher Körper kennt sie erst recht. Da gönne deinem Kinde Zeit, sich zu beruhigen. Je zarter es ist, um so mehr. Und hüte dich, in allen schweren Stunden deine Vorstellungen von Artigkeit womöglich mit Gewalt durchzusetzen. Ist die schwere Stunde vorüber, und dein Kind für deine Liebe wieder zugänglich, dann kannst du mit ihm drüber freundlich reden. Es ist aber unnötig, weil es das allein einsieht, und wird dir grenzenlos dankbar sein, daß du seine Übellaunigkeit zu tragen vermochtest.

Man sollte überhaupt nie ein Kind derb und grob behandeln. Es ist von vornherein ebenbürtiger Geist. Große lassen sich's nicht gefallen, aber doch würde es ihnen nicht sehr schädlich sein. Bei Kleinen ist's verhängnisvoll. Ihre Zartheit ist auf Grobheit schlechthin nicht eingerichtet. Wer weiß, ob nicht die meiste Nervosität in der Welt auf Erziehungsgrundsätze zurückzuführen ist!

Wie man's nicht machen soll? So wie's die meisten machen. Was du bei deinem Kinde durchsetzen willst, wirkst du am besten durch dein Beispiel.

Mache ferner dein Kind nicht zum Versuchsgegenstand irgendwo aufgelesener Erziehungsgrundsätze. Erziehe lieber gar nicht, aber laß dich erziehen. Du wirst immer das Rechte von selbst treffen, wenn du in deinem Kinde immer den ebenbürtigen Geist achtest und liebst.

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