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Die Sebalds. Zweiter Band. Exodus

Wilhelm Jordan: Die Sebalds. Zweiter Band. Exodus - Kapitel 5
Quellenangabe
typefiction
authorWilhelm Jordan
titleDie Sebalds. Zweiter Band. Exodus
publisherDeutsche Verlags-Anstalt
printrunDritte Auflage
year1904
firstpub1885
correctorreuters@abc.de
senderbruce.welch@gmx.de
created20150715
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Zweiundzwanzigstes Kapitel.

Im Nebel.

 

Vor bösem Wunsch nimm dich in Acht;
Als wärst du heimlich überwacht
In deinem Herzensunverstand,
Ist sonst Erfüllung bei der Hand.

 

Die Thür der Kabine ging auf. Hell kichernd erschien eine grotesk vermummte Gestalt, in der Linie quer über die Brust so unförmlich angeschwollen, daß sie einige Mühe hatte, sich seitwärts und in halb schiefer Stellung durch das schmale Pförtchen herauszudrücken. Ein schwarzer Regenmantel von feinem Kautschuktaffet umfaltete sie. Der aufgeschlagene Kragen reichte bis zur Mitte der Nase; die Kapuze, in die er sich hinten fortsetzte, war bis über die Brauen herunter gezogen, so daß vom Gesicht nur ein anderthalb Finger breiter Streifen sichtbar blieb, aus dem die großen braunen Augen Arnulf schelmisch anblitzten.

Nun schlug sie die Kapuze zurück, knöpfte den Kragen auf, schlüpfte aus dem Mantel und hängte ihn über die Wendelehne der bodenfesten Tischbank.

»Guten Morgen, Herr – Arnulf!« rief sie so neckisch freundlich, so spurlos frei von der vorausgesetzten Verstimmung, daß ihm seine ausgespitzten Grübeleien über die Motive ihrer langen Unsichtbarkeit jetzt recht einfältig vorkamen. Der verwickelte Kalkül der Störungen magnetischer Isogonen und Isoklinen dünkte ihm nun ein Kinderspiel verglichen mit der Ergründung dieses unberechenbaren Frauengemüths.

Eines aber verstand er sehr gut: die Mittheilung und den Wink in der eigenthümlichen Betonung seines Namens Arnulf. Es lag in ihr: »Mein Vater weiß noch nicht, daß Sie ein Sebald sind, und vorerst müssen Sie für ihn Herr Arnulf bleiben.«

»Hab' ich mich vorschriftsmäßig festgeschnürt in dieser korkgefüllten Riesenbretzel?« fuhr sie dann fort und wies auf den Schwimmgürtel, der sie, handbreit über der Leibesschlänke weit abstehend, umgab. »Wenn ich mich zusammenkugeln könnte wie ein Igel, müßt' ich ungefähr aussehen wie im Clark'schen Refraktor der Planet Saturn in seinem Ringe. Soll ich's Ihnen vormachen, wie schnell ich ihn ab- und wieder umthun und festbinden kann? Nein; jetzt nur ab. Denn ich bin hungrig und frühstücken könnt' ich kaum mit der Veranda von geölter Leinwand, die meinen Armen schon hier im Trockenen nur Schwimmbewegungen gestattet. Drum fort mit dir, plumper Gängelstuhlrahmen zum Wassertreten! Bin mittlerweil' auch eitel geworden und will mich nicht für einen Brummkreisel ansehen lassen von einem Astronomen, dessen Scharfsinn eben so sicher, als eine Kometenbahn aus drei Oertern, einen Frauencharakter vorausberechnet aus ihrer Fußspur im Sande. Nach dem Frühstück will ich hinauf. Sie dürfen mich begleiten, Herr Arnulf, wenn Sie geloben, keine Frage zu thun. Will sehen, wie wir benebelt sind. Dazu wird es harmoniren, wenn Sie mir aus Ihren Erberinnerungen verrathen, was die Entstehung der Welt verschuldet hat und warum den fliegenden Fischen noch immer keine Federn statt der Schuppen gewachsen sind. Aber keine Frage! Sonst verschwind' ich wie Undine auf Nimmerwiedersehen. Halb in eine Wassernixe verwandelt fühl' ich mich schon jetzt und bin verwundert, daß meine Schuhe noch nicht platzen von auskeimenden Schwimmflossen.«

Sogar ihr Vater schaute sie mit betroffen forschendem Blick an, wie noch uneinig mit sich selbst über die Erklärung dieser ausgelassenen Munterkeit. Sie bemerkte das und lächelte, ließ sich aber nicht stören, sondern plauderte, während sie mit anmuthiger Gewandtheit den Thee bereitete und einschenkte, lustig weiter in dieser Uebermuthslaune. Dann erst ließ sie den Redesprudel versiegen bis auf die kurzen, der aufmerksamen Frühstückswirthin geziemenden Fragen, als auch andere Passagiere, früher als gewöhnlich erweckt durch das Geläut und Gepfeife, aus ihren Kabinen in den Speisesaal traten.

Einer der ersten war der aus New-York zurückkehrende Herr Rosenberger. Durch seine Verbindung mit dem Bankhause Mendez und Söhne, die er demnächst durch Heimführung Cäciliens vollends innig zu schließen hoffte, wußte er um das Inkognito des Grafen, um seine Geschäftsreise und deren glänzenden Erfolg. Seinen wiederholten Versuchen, sich den Dreien zu näherem Verkehr als Vierter im Bunde anzuschließen, waren Vater und Tochter, nach ihrem Beispiel auch Arnulf, ausgewichen, anfangs mit kühler Höflichkeit, zuletzt mit lakonischer Kürze und selbst völligem Verstummen der Unterhaltung, ohne dadurch das reiche Maß seiner zähen Geduld schon völlig zu erschöpfen und ihn zu überzeugen von der Hoffnungslosigkeit seiner Anläufe, das Trio mit seiner Person in ein Quartett zu verwandeln. Unter vier Augen hatte er eines Tages den Grafen unter Glückwünschen zum amerikanischen Geschäft mit seinem Titel und richtigen Namen angeredet.

»Mein werther Herr Rosenberger,« hatte da der Graf erwiedert, »ich heiße Wallinger. Daß ich hier auf keinen anderen Namen höre, muß ich dringend bitten nicht zu vergessen, falls Sie es etwa noch einmal für unvermeidlich halten sollten, mich anzureden.«

Aber auch dieser deutliche Wink hatte nur halbes Verständniß und halben Gehorsam gefunden. Einen zuthunlichen Morgengruß bei der ersten Begegnung auf Deck, verbunden mit dem stets vergeblichen Bemühen, durch eine Bemerkung über Wetter und Seegang ein Gespräch einzufädeln, konnte Herr Rosenberger nicht unterlassen, wenn er sich auch nach einer Verbeugung und einer hinter dem Worte »Herr« angebrachten Kunstpause, die den untergeschluckten Grafentitel bedeutete, des befohlenen Namens Wallinger bediente, und zwar stets mit einem Accent, der zu verstehen gab: ich weiß es zwar besser, aber ich habe feine Lebensart und bin folgsam.

Blaß und verstört, einen Schwimmgürtel auf den Arm gestreift, trat er aus der Kabine. Schon der Anblick der drei sorglos Frühstückenden beruhigte ihn. Als ihm Arnulf auf seine hastigen Fragen schlicht und ohne den sonst gegen ihn angeschlagenen Ton der Zurückhaltung erklärte, weshalb sich die Schiffsglocke und die Nebelpfeife hören ließen, nahm er sogleich Platz dicht neben dem bisher so spröden Kleeblatt und bestellte sich die Morgenmahlzeit. Arnulf's Bereitwilligkeit, auch gegen einen minder angenehmen Reisegefährten seine Menschenpflicht zu erfüllen und ihn zu befreien von einer nicht grundlosen Angst für sein Leben, hatte flugs die Hoffnung in ihm aufsteigen lassen, daß es ihm jetzt endlich gelingen werde, mit diesen zugeknöpften Herrschaften ein Tischgespräch anzuknüpfen. Doch das war Täuschung. Erst eisig und einsilbig antwortend, dann ganz verstummend und hastiger speisend, beendeten die Drei ihr Frühstück in wenigen Minuten und erhoben sich.

Der Graf begab sich in's Rauchzimmer. Hildegard nahm den Arm Arnulf's und schritt mit dem immer noch etwas Verblüfften die Treppe hinauf.

Beim Hinaustreten schlüpfte ihm trotz der zweimaligen, zwar in scherzhaftem Ton, aber doch mit Nachdruck gesprochenen Warnung ein Frageansatz von den Lippen:

»Warum ...«

Sie gestattete keine dritte Silbe. Seinen Arm loslassend und mit erhobenem Zeigefinger gegen ihn Front machend, sagte sie leise, aber bestimmt:

»Untergeschluckt! Sonst werd' ich unsichtbar bis Liverpool, wohl gar noch weiter. Nehmen Sie mich zum Vorbilde. Mit Heroismus und spurlos unterdrückt hab' ich meine Neugier auf die Lösung des Räthsels, wozu Sie drüben am Gestade der Südsee meine Stapfen maßen. Erst wann ich in der Lage sein werde, diese Aufklärung zu verlangen – und kommen werd' ich in diese Lage, das weiß ich nun – dann soll auch Ihnen die Frage freistehen, welche Sie soeben thun wollten, obwohl ich vermuthe, Sie werden dieselbe dann überflüssig finden und sich längst selbst richtig beantwortet haben. Heut erzählen Sie mir weiter vom höllischen Feuerchaos in der Sonne, von magnetischen Ungewittern, vom Urnebel oder vom Hindernebel, in dem unser Dampfer stöhnend und bimmelnd hinschneckt, meinetwegen auch aus eurer unermeßlichen Häckelischen Allwissenheit von der Verästelung des Stammbaumes unserer Ahnen rückwärts der Neunaugen und des kopflosen Lanzettfischchens. Aber kein Wort von uns, oder gar« – hier sank ihre Stimme zum schwächsten Geflüster – »oder gar vom – Erbaumeister. Wie wär's,« fuhr sie fort nach einer Weile schweigenden Promenirens, »wenn Sie heute das Versprechen einlösten, das Sie mir neulich in der Nordlichtnacht gegeben haben?«

»Welches?«

»Auch Sie hätten es nicht lassen können, sagten Sie, sich Gleichnisse zu ergrübeln für das Unvergleichliche, Unsagbare, für das unfaßliche Wesen, das die Beschaffenheit unseres Geistes uns vorauszusetzen gebiete als Urgrund allen Daseins. Deren eines wären Sie bereit, mir gelegentlich mitzutheilen. Thun Sie das jetzt.«

»Gern. Nur vergessen Sie nicht, was ich hinzufügte: daß ich sehr wohl weiß, mir ein Kindermärchen gedichtet zu haben, um den angeborenen brennenden Durst nach Erkenntniß des Weltmysteriums, der wohl immerdar unlöschbar bleiben wird, wenigstens zu beschwichten mit einer Schale selbstgekelterten Saftes aus Erdenfrüchten, welchem, wenn es hoch kommt, ein Tropfen beigemischt sein mag aus dem Lauterborn der Wahrheit.

Sie haben wohl gehört von den wunderlichen Spielen, mit denen sich Gefangene die Langeweile der Einsamkeit erträglicher machten. Von einem solchen, der in seiner Zelle außer dem Wassertopf nichts hatte als einen Haufen Stroh zum Nachtlager, auch weder eine Fliege noch eine Spinne zur Zähmung entdecken konnte, erzählt man, daß er durch irgend einen Zufall in den Besitz einer Schachtel voll Stecknadeln gelangt war. Die zahlte er genau. Es waren gerade tausend. Nachdem er das Lagerstroh ausgebreitet, bis es den ganzen Boden der Zelle bedeckte, versäte er die Stecknadeln mit kräftigen Würfen nach allen Seiten und suchte sie dann wieder zusammen. Die Entdeckung der neun vorletzten kostete Monate rastloser Forschung. Ein volles Jahr war vergangen, als er endlich mit unsäglichem Fundvergnügen auch der tausendsten wieder habhaft wurde; denn die hatte sich bei seinem Herumwühlen in die Röhre eines Strohhalms hineingeschoben. Doch der Freude, seinen Schatz wieder beisammen zu haben, war ein Bedauern beigemischt, daß der beglückende Zeitvertreib nun zu Ende sei. Schon wollte er das Spiel von vorn beginnen, als die Thür aufrasselte und der Schließer ihm seine Entlassung ankündigte.

Wie mißlich es ist, für Unvorstellbares dennoch wenigstens ein Gleichniß zu erträumen, beweis' ich von vornherein, indem ich bekennen muß, daß meines unheilbar hinkt in der Hauptsache. Denn mein Stecknadelsucher veranschaulicht den Kampf mit der Langenweile der Einsamkeit in der Gefangenschaft, und wofür ich, wie er sein Stroh nach Nadeln, die ganze Welt nach einem besseren Bilde mit schlechterem Erfolg durchsuche, das ist die Langeweile der Einsamkeit in der allervollkommensten Freiheit.

Doch vielleicht ist eben diese, für uns wieder unfaßliche allervollkommenste Freiheit, wenn das ihrer theilhaftige Wesen sich allein sieht im All, der engsten und furchtbarsten Einzelhaft nicht so unähnlich zu erachten. Ich wenigstens, wenn ich Alles zusammennehme, was ich mir habe aneignen können von der ganzen Erfahrung und Wissenschaft des Menschengeschlechts, ich kann mir einen entsetzlicheren und qualvolleren Zustand schlechterdings nicht denken, als den eines bewußten Wesens, das sich völlig allein fände in der Unendlichkeit.

Gleichwohl haben wir keine dritte Wahl. Entweder müssen wir Denen zustimmen, die da sagen, die Welt habe weder Anfang noch Ende, sondern sei ewig gewesen und werde ewig dauern; nur unrichtige Auslegung der Erdenerfahrung, daß die Form der Erscheinungen wechselt, behafte uns mit der Täuschung, daß Alles einmal da zu sein beginne und wieder aufhöre, während in Wahrheit kein Stäubchen neu entstehend in's Dasein eintrete noch vergehend daraus verschwinde; auch verschulde nur dieselbe Täuschung die Wahnvorstellung von einem nicht allmälig gewachsenen, sondern ursprünglich vorhandenen Bewußtsein. Oder aber, wir müssen, wenn wir den Glauben an ein solches Wesen dennoch nicht aufgeben können, unausweichlich einräumen, daß es einst in grauenhafter Einsamkeit allein war im Weltraum, wie mein Gefangener in seiner Zelle, und wie dieser nur die Wände und sein Lagerstroh, außer ihm selbst Daseiendes nichts gewahrte, als etwa bewegungs- und empfindungslosen todten Rohstoff, wie er jetzt nirgend mehr vorhanden ist.

Mein Gleichniß, geboren aus dem Zwange dieser Alternative, läßt diesen Gott also reden:

›Ich ertrage mich so nicht länger. Ich will Abwechslung; ich will schlafen, träumen und erwachen. Ich will mich vergessen und mich meiner allmälig wieder entsinnen. Ich will mich vergnügen, indem ich mich selbst in die Unendlichkeit ausstreue und langsam wieder zusammensuche.‹

Er löste sich in tausend Billionen mal so viele Theile, als wir Sonnen am Himmel aufglimmen sehen. Wie die Stecknadeln des Gefangenen in das Stroh, so flogen, von seinem Willen beschwingt, die Gottesatome, deren jedes das rechte Maß aller seiner Eigenschaften enthielt, ausgesät hinaus in den Raum und hinein in die regungslos ringsum schwebenden Staubwolken todten Stoffes.

Da begannen sie belebt zu kreiseln in Schneckenlinien; da ballten sie sich zu Sonnen und umrollenden Planeten.

Draußen in Himmelsfernen gewahren wir wenig mehr von ihm, als den auch schlafgefangen noch wirkenden Willen. Wir nennen ihn das Gesetz der Bewegungen.

Etwas besser kennen wir das Aufkeimen und das Wachsthum nur von dem Tausendbillionstel, welches, wiederum tausendfach vertheilt, dem Staube einverleibt ward, aus dem sich unsere Erde gesammelt, dieser winzige, aber unzweifelhaft vor Hunderten anderer Weltkörper zur Muttergottesschaft ersprießlich veranlagte Himmelsstern. Wir fangen an, einige Abschnitte seiner Leidens- und Erlösungsgeschichte lesen zu lernen. Wir spüren sein Morgengeträum in der Formenannmth der Palme, im Duft und der Farbenpracht der Lilien und Rosen, sein Erwachen zu heiterem Kinderspiel und jauchzender Lebenslust in der flinken Behendigkeit des zierlichen Gazellengeschlechts, im meisterlichen Fluge der Schwalbe, im Geflöte der Amsel und im reich gemodelten Liede der Nachtigal. Hinter unserer Stirn endlich entsinnt sich der erdvermählte Gottestheil seiner Herkunft und erobert sich Kraft und Erkenntniß im Kampf mit dem Leide. Mit dem erwachten Bewußtsein urständlicher Allwissenheit und Allmacht arbeitet er sich in derjenigen großen Familie des Menschengeschlechts, der ihre Gotteskindschaft offenbar geworden ist, aus der freiwillig übernommenen Passion der Knechtschaft zur Freiheit empor und weiter auf der Bahn, an deren fernem Ziel er den Thron der Erdengottheit besteigen will. Doch damit wag' ich mich schon grenzverletzend in das Reich eines Andern, dessen zu erwähnen Sie mir verboten haben.«

»Ich wüßte kaum etwas einzuwenden gegen Ihre Parabel,« versetzte Hildegard, »wenn Sie hinzufügen wollten, daß jener Welteinsame nicht seine ganze Wesensfülle ausgestreut habe, wie der Gefangene den ganzen Inhalt seines Kästchens voll Nadeln, sondern genug von sich zusammenbehalten, um dem Drama der Allgeschichte, das seine Selbstaussaat in Szene gesetzt, auch genießend zuzuschauen.«

»Die Annahme, es sei so, wehrt Ihnen meine Parabel ganz und gar nicht. Aber ich bin mit ihr noch nicht fertig. Lassen Sie mich hinzufügen, daß wir uns, mit dem Gleichniß zu reden, ungefähr so weit vorgerückt befinden, wie mein Gefangener, als er etliche hundert Nadeln wieder beisammen hatte. Seine Wochen sind uns Jahrtausende, sein Suchjahr ist das Weltenjahr der Dauer unserer Gattung, seine Entlassung aus dem Gefängniß nach Findling der tausendsten Stecknadel das Ende des Erdenwallens Gottes in Menschengestalt.«

»Und wann, meinen Sie, werden wir die tausendste Nadel gefunden haben?«

»Nach erlangter Allmacht über die Erdnatur.«

Ein Krach erdröhnte, als berste das Schiff in Atome. Der Mittelmast stürzte gebrochen über Bord, zerschmetterte die Schanzkleidung und riß mit seinem Gewirr von Raaen, Spieren, Takelwerk und Wanten etliche Passagiere und Matrosen mit hinunter in die aufschäumende Flut. Der junge Prätendent auf die Allmachtkrone lag auf dem Rücken. Hildegard, von seinen ausgestreckten Armen aufgefangen, war quer über ihn gefallen.

Hinter der Schraube, durch den Nebel nur eben noch wahrnehmbar, versank eine Segelbark, fast in zwei Hälften zerschnitten. Die Hülferufe ihrer theils schon mit den Wellen kämpfenden, theils noch am Wrack festgeklammerten Bemannung übertäubte das Angstgeschrei der Passagiere des Dampfers.

Dieser hatte sich in der Wasserlinie unter dem Galeon einen thürgroßen Leck gerammt. Der vorn aufgepflügte Schwall strudelte so massig herein, daß ein Niedertauchen des Buges alsbald ersichtlich wurde. Es verlangsamte sich, ohne jedoch aufzuhören, als nach kurzem Stillstand die Schraube mit umgekehrter Rotation bohrend zog, statt abstoßend zu schieben, und das Schiff rückwärts Fahrt gewann. Erst als ein vorgelegter Baumwollenballen vom Wasser selbst hineingedrückt und mit getheertem Werg so dicht als möglich festgestopft war, dann auch die Dampfpumpen zu spielen anfingen, wurde das Sinken wenigstens unbemerkbar für den raschen Hinblick.

Unter Leitung der beiden Offiziere hatte die wohlgeschulte Mannschaft so rasch als besonnen ausgeführt, was der Kapitän angeordnet, um den unvermeidlichen Untergang wenigstens zu verzögern. Seinem Vorbilde mit musterhafter Disziplin nachzueifern, fühlte Jeder als Ehrenpflicht. Der wackere Mann stand so unangefochten ruhig auf der Kommandobrücke, als drohe nicht die mindeste Gefahr. Theils mit den Telegraphenknöpfen in den Maschinenraum hinab, theils durch das Sprachrohr, ohne zu schreien und doch den wüsten Lärm mit knappen, aber langgezogenen Worten siegreich übertönend, ertheilte er seine Befehle gerade so gelassen, wie bei glatter und sorgenfreier Fahrt.

Unterdeß hatten die Passagiere schon eine Fülle von Unheil angerichtet; denn in plötzlicher Todesangst wird eine Menschenmasse ohne Zucht und Gehorsam zur grausamsten und dümmsten vielköpfigen Bestie. Die sich schon beim Zusammenstoß auf Deck befunden, waren ohne Ausnahme niedergestürzt, und nachdem sie sich aufgerafft, sinnlos kreischend und händeringend umhergerannt, als hätten sie durch die Erschütterung den Verstand verloren. Die übrige Menge hatte sich aus den Kajüten und dem Zwischendeck die Treppen empor und hinausgewürgt, einander mitleidlos zerquetschend oder unter die Füße trampelnd. Auf den Stufen und in den Ausgängen wanden sich verendend oder Blut sprudelnd etliche Schwächlinge und mehrere Frauen, denen man das Genick abgetreten oder den Brustkasten eingedrückt. An die Dreißig waren in eines der Boote hineingeklettert, das noch an seinen Davits in der Luft hing. Ungestützt durch Wasser, konnten die daumendicken Planken diese Last nicht aushalten. Der Kiel brach mitten durch, und wie ein zerreißender Beutel die Münzen schüttete das zersplitternde Fahrzeug seinen lebendigen Inhalt in die Wogen, in den Tod. Ein zweites, regelrecht niedergelassenes und an die Schiffstreppe gebrachtes Boot war im Nu überfüllt. Unbekümmert um die Schulter- und Schädelbrüche durch ihre Absätze, waren zwei irische Zwischendeckpassagiere vom Bord aus mindestens fünfzehn Fuß Höhe dem dicht gedrängten Menschenhaufen auf die Köpfe gesprungen. Unter gräßlichem Gebrüll der Verletzten und wildem Gefluch Aller war auch dies Boot platt auseinander geborsten vom Druck der eingekeilten Insassen, die den zwei hineinfallenden Schuften auszuweichen versuchten oder von ihnen seitwärts gepreßt wurden. Diesen ganzen, unlöslich zusammengekrampften Knäuel von Menschengewürm hatte die Tiefe auf einen Bissen hinuntergeschlungen. Ein drittes Boot kenterte eben unweit des Schiffes. Um die kaum halb ausreichenden Plätze zum Anklammern rings um das mit dem Kiel nach oben hin und her schaukelnde Fahrzeug entstand ein Kampf ohne Schonung und Barmherzigkeit. Einer der Kämpfer war durch einen Schwimmgürtel vor dem Versinken geschützt, wann er von den umfaßten Planken abgedrängt wurde. Es gelang ihm immer wieder, sie zu erreichen, und endlich, als die meisten Anderen ertrunken, seinen Haltplatz unangefochten zu behaupten. In ihm glaubte der Graf Herrn Rosenberger zu erkennen.

Vom Leviathan aus hatten diese Gekenterten keine Hülfe zu erwarten. Dennoch blieb es ihnen vorläufig erspart, weiter abzutreiben und vom Dampfer, sobald er landwärts Fahrt gewann, im Stich gelassen zu werden. Auf einer noch mitgeschleppten Raa hatte sich ein von den Wanten mit hinabgerissener Matrose über Wasser gehalten. Er sah, daß der seitwärts schaumschlagend in der Flut geschleifte Mast mit seinem Gewirr von Spieren die Steuerung unmöglich machte. So mußte er jeden Augenblick fürchten, losgekappt zu werden. Eben wollte er längs dem Gestänge durch das verknäuelte Takelwerk die Haupttaue zu erreichen suchen, die den gestürzten Mast noch am Schiffe festhielten, um an ihnen empor zu klettern. Da bemerkte er in seiner Nähe das gekenterte Boot. Mit seinem nach Matrosenbrauch zwischen den Zähnen bereitgehaltenen Taschenmesser schnitt er flugs von einer neben ihm schwimmenden Stenge etliche Klafter dünner Leine los, warf das Ende geschleift den Angeklammerten zu und hieß sie, es unter Wasser an den Dollen festschlingen, wenn sie nicht alsbald verlassen und verloren sein wollten. So gelang es ihm, das umgestürzte Fahrzeug langseit einzuholen bis in die Nähe der Treppe. Hier entzog es sich dem Blicke des Grafen. Die Sorge für seine Tochter und sich selbst ließen ihm keine Muße, sich weiter darum zu kümmern, ob die einstweilen Geretteten wieder an Bord klommen oder sich begnügen mußten, angetaut und mit halbem Leibe im Wasser hängend mitgezogen zu werden vom Leviathan.

Erst die Einschiffung in die größere Barkasse und die zwei noch übrigen Boote ging mit einiger Ordnung von statten. Denn nachdem die allerdringlichsten Maßregeln gegen das Sinken getroffen waren, hatte sich der Kapitän auch der Bändigung der wahnsinnigen Menge gewidmet und die zwei Offiziere nebst dem Schiffsarzt mit Revolvern an die Treppe beordert. Wer nicht gehorche, verkündete sein Sprachrohr, werde sofort niedergeschossen. Ein junger Bursche, der sich dennoch gewaltsam vorgedrängt, zuckte bereits in einer Blutlache auf der Schiffsplanke.

Die drei Fahrzeuge verschwanden im Nebel in der Richtung nach der irischen Küste. Nach nochmaliger Verdichtung des Leckpfropfs ließ der Kapitän eben dahin wenden, und nicht mehr rückläufig mit dem Stern, sondern mit dem Bug voran. Die Lothung ergab nur fünfzehn, bald darauf nur noch dreizehn Faden. Er hoffte daher, das Schiff noch auf den Strand oder auf eine landnahe seichte Bank zu setzen, wo es bei bereits nachlassendem, wenn auch immer noch beträchtlichem Seegang die Brandung bis zum Erscheinen der Hülfe zu überdauern wohl stark genug war. Demgemäß befahl er die Ventile mit dem Vollgewicht zu belasten und die Dampfkraft bis zur höchsten von der Kesselstärke noch erlaubten Spannung anzuheizen. Bald pflügte der todeswunde, auch in den Eisennähten mehrfach undicht gewordene Leviathan einen Schaumberg vor sich her, dessen Spritzer dem Krokodilsrachen seines Galeonbildes Salzflut zu schlürfen gaben, und durchglitt die See und den allmälig klärenden Nebel mit einer Geschwindigkeit von sechzehn Knoten.

Unterdeß hatte Arnulf jedes Kraftatom feiner Muskeln zur äußersten Leistung gespannt und, gespornt vom Vorwurf seines Gewissens wegen eines frevelhaften, jetzt erfüllten Wunsches, seine Umsicht und Geistesgegenwart bis zu fast übernatürlichem Hellsehen gesteigert, um trotz der gebotenen athemlosen Hast nichts zu vergessen oder sein Werk nur stümperhaft auszuführen. Er war fast fertig mit einer längst bis in's Einzelne vorbedachten Arbeit. Mit seinem Beil hatte er die sämmtlichen Lattenbänke des Quarterdecks losgehauen und dieselben mit dem Bohrer, dem Hanfseil, den Nägeln und flink geschlagenen Holzpflucken zusammengezimmert zu einem Floß, dem es an zwei Seiten selbst an einer von den Banklehnen gebildeten Brüstung nicht fehlte. Anfangs allein thätig, hatte er bald erwünschte Hülfe bekommen. Obgleich selbst kaum eine Sekunde müßig und zum Beschließen und Befehlen eines Gedränges von Maßnahmen jede Faser seines Denkorgans aufbietend, hatte dennoch der Kapitän auch für ihn noch Aufmerksamkeit verfügbar behalten und ihm von der Kommandobrücke erst verwundert, dann beifällig nickend zugeschaut und schließlich den Schiffszimmermann, dessen Maten, einen Unterbootsmann und zwei Matrosen zur Mitwirkung nach ArnuIf's Weisungen beordert. Die hatten Bretter herbeigeschafft, damit das Lattenfloß bedielt, auch sechs leere Tonnen an den vier Ecken und je in der Mitte der Langseiten festgeschnürt, endlich sogar einen Mast mit angewickeltem Segel aufgerichtet und in der Mitte der hinteren Kurzseite eine zu großem Ruder zugehauene Eichenplanke mit einer bogenförmigen Eisenhaspe zum Steuern befestigt.

Alle von der Lage gebotenen Anordnungen waren ausgeführt und der Kapitän konnte sich's erlauben, die Kommandobrücke für etliche Minuten zu verlassen.

»Ruhen Sie jetzt aus,« sagte er, zu Arnulf tretend. »Was noch fehlt, machen meine Leute schon fertig. Sie sind roth wie der Kropf eines Türken, rieseln von Schweiß und keuchen, als wolle Ihnen die Lunge aus dem Halse springen. Dürfen so erhitzt nicht in's bald bevorstehende Wellenbad, sonst kostet Ihnen die Mühe, nicht zu ertrinken, einen Schlagfluß. Sollt' Ihnen,« setzte er flüsternd hinzu, »eigentlich böse sein. Sie sind schuld am Verlust meines Schiffs. Hatten Recht mit der Vermuthung wegen des Nordlichts. Waren an dritthalb Grad zu nördlich. Korrigirte heimlich unsern Kurs; hätte beim Alten bleiben sollen, dann nordwärts um Irland laufen. Hätte den Leviathan zwei Tage zu spät in den Mersey geliefert, aber doch hingebracht und keine in den Grund gefahrene Segelbark läge mir auf dem Gewissen. Aber hier meine Hand. Hab' Ihnen staunend zugeschaut. Mit so übermenschlicher Geschwindigkeit und doch klügster Ueberlegung hab' ich noch niemals arbeiten gesehen. Sind ein Vollmann, wie selten einer vorkommt unter den Landratten.«

Auch der Graf und seine Tochter, Schwimmgürtel umgebunden und ganz nach Arnulf's Rath ausgerüstet, standen schon eine Weile in der Nähe und hatten ihm bewundernd zugesehen. Bei den letzten Worten des Kapitäns überflog Hildegard's Antlitz ein Glorienschein von Freude. Sie trat zu Arnulf, gab ihm die Hand und sagte:

»Gehorchen Sie! Haben schon zu viel gearbeitet, und – ich weiß es – zumeist für uns. Hier, thun Sie den Mantel um.«

Sie trug das von Arnulf beim Aufstehen von seinem Fall weggeworfene Kleidungsstück unter ihrem Regenmantel auf dem linken Arm. Nun breitete sie es aus. Willig ließ er sich von ihr einhüllen, war aber so athemlos, daß er nicht antworten konnte. Jetzt, nach gelöster Aufgabe, nicht mehr vorwärts gepeitscht vom Pflichtgefühl, erlahmte sein Wille. Ihm schwindelte. An allen Gliedern zitternd setzte er sich auf eine der Tonnen, wäre aber umgefallen, wenn ihm nicht Hildegard und der hinzutretende Graf mit ihren Armen eine Rückenlehne gebildet hätten.

»Abernethy,« befahl jetzt der Kapitän dem zweiten Offizier, »Sie werden das Floß führen mit noch zehn Mann, die ich Ihnen heraufschicke; denn sechzehn bis zwanzig Personen trägt es sicher. Lassen Sie Trinkwasser, Proviant für drei Tage, etliche Ruder, einen Kompaß und den noch übrigen Chronometer herschaffen. Rowlandson,« wandte er sich darauf an den Schiffszimmermann, »das Floß ist noch zu kahl. Ohne mehr Widerhalle als die paar Banklehnen würden wenigstens die drei Passagiere leicht hinuntergespült werden. Deren drei Koffer da, die ich heraufbeordert, pfählen, pflöcken, und nageln Sie fest. Ich bleib' an Bord mit dem Rest der Mannschaft. Wir lochen nur noch acht Faden. Die zwei noch stehenden Maste werden mit halber Höhe über Wasser bleiben, wann der Kiel des Leviathan ans dem Grunde ruht. Auf denen erwarten wir Hülfe.«

Eine Viertelstunde später ließ die Maschine mit betäubendem Donnergerassel und Gezisch den Dampf zu dichtgeballter Wolke ausströmen. Maschinisten und Heizer erschienen auf Deck. Das Wasser steige schon auslöschend über die Roste der Essen. Rasch verlangsamte sich die Fahrt des Schiffes. Das Sinken wurde wieder merklich. Die zum Zurückbleiben bestimmte Mannschaft, zu hinterst der Kapitän, erklomm die Maste, nachdem sie sich hastig die Taschen gefüllt mit den unten bereitgelegten Vorräthen, auch zwei Tonnen Süßwasser mit je einem Blechbecher an langem Bindfaden hinaufgewunden. Auf dem Quarterdeck nahmen unterdeß die drei Passagiere und die Schiffsleute die Plätze auf dem Floß ein, die Abernethy Jedem genau anwies.

Schneller und schneller, bei stark vortauchendem Vordersteven, näherte sich das Deck der Meeresfläche. Schon lag das Floß so schräg, daß die Insassen sich liegend festklammern mußten, um nicht hinunter zu gleiten. Jetzt schöpften die Speigatte, jetzt auch die Bugborde. Ein hohl brausender Wasserfall stürzte die Stiege zum Zwischendeck hinunter. Aus den schnell gefüllten Räumen entweichend, bewirkte die Luft ein anfangs dumpf tiefes, dann bis zum Gepfeif erhöhtes Gegurgel, wie Schluchzen und letztes Verathmen eines sterbenden Giganten.

Bereits geneigt wie ein steiles Kirchendach, drohte das Floß mit der nächsten Zunahme seiner Schiefe die Angeklammerten unfehlbar abzuschütteln, als die Flut hebend das untere Ende erreichte.

»Nicht loslassen!« rief Abernethy, als es, nahezu wieder wagrecht, zu schwimmen begann und Alle sich zum Sitzen aufrichteten. »Der gefährlichste Augenblick kommt erst. Krallt euch fest an den Dielen, Lehnen und Koffern, sonst werdet ihr seitwärts hinausgeschleudert.«

Vom köpflings in die Tiefe schießenden Leviathan verschwand eben die Haubenspitze der Steuerhütte in der schäumigen Flut. Ellendicke Luftblasen burbelten herauf, schleuderten, wenn sie seitwärts an der Oberfläche explodirten, klafterhohe Garben von salzigem Gischt in die Höhe und gaben dem Floß, wenn sie darunter zersprangen, rüttelnde Heberucke wie Erdbebenstöße, daß die Sitzenden emporschnellten wie Klavierhämmer und die Dielenlage sich wellig ausbauchte, als wolle sie in Splinte zerreißen.

Ein zuerst gewiß drei Mann tiefer, an Umfang einem Knnstreitercirkus nicht nachstehender Trichter schlürfte das flache, gebrechliche Nothfahrzeug in seinen rasenden Wirbel hinein, wie sehr sich auch die Leute mit dem Steuer und den Haudrudern anstrengten, es dem Rachen dieser drohenden Charybdis fern zu halten. Nun begann ein Gekreisel von schwindelerregender Schnelligkeit. In jeder Zehntelsminute durch alle Striche der Windrose herumcaroussellt, mußten sich die Randsitzer die Finger blutig krallen, um nicht wie der Stein aus der Schleuder hinaus geschossen zu werden.

Rasch verflachend und seine Drehungsgeschwindigkeit vermindernd, hatte der Wirbel mit seinem Centrum glücklicherweise eine vom gesunkenen Schiffe südwestlich fortschreitende Bewegung gewonnen und so für das Floß die schlimmste Gefahr beseitigt, gegen einen der halb dem Wasser entragenden Mäste geworfen und rettungslos zerschmettert zu werden.

Die beiden Seeleute, die vorn zur Verhütung dieses Anpralls Bootshaken ausgestreckt hielten, konnten jetzt eine Rettung versuchen. Noch außerhalb des wirbelnden Trichters, doch nahe seinem Rande, trieb ein Mann im Schwimmgürtel. So oft er, auf den Kamm einer Woge gehoben, die Floßmannschaft erblickte, streckte er die Arme empor mit einem schon heiser kläglichen Hülferuf, der das Rauschen der Flut nur schwach durchklang und äußerste Erschöpfung verrieth. Eben griff er nach den ihm entgegen gereichten Schaften und hätte den einen zu fassen bekommen, wäre er auch nur eine Spanne länger gewesen. Gleich darauf hatte denselben die zwar verlangsamte, aber noch fortdauernde Drehung um einen Viertelskreis von ihm entfernt. Bevor die Stangen zurückkehren konnten in den nach ihm gerichteten Radius, war er mit hineingerathen in den Wirbel. Jetzt traf ihn die weit hinaus ragende Steuerplanke mit bedenklichem Schwung im Rücken, warf ihn seitwärts und machte ihn untertauchen trotz dem Schwimmgürtel. Dicht am Rande des Floßes, wo der Graf mit Hildegard und Arnulf kauerten, tauchte er wieder auf. Alle Drei griffen nach ihm und mit Abernethy's Unterstützung gelang es, den fast schon Bewußtlosen heraufzuziehen.

Von Arnulf, der sich nicht ohne schmerzhafte Anstrengung aus einem Zustande halber Ohnmacht aufgerafft, um ein Menschenleben retten zu helfen, und vom Grafen aufrecht gehalten, von Hildegard kräftig auf den Rücken geklopft, erbrach er sich des geschluckten Salzwassers. So sah sich nun Rosenberger, als er wieder zu sich kam und die Augen aufschlug, dennoch in allernächste Gemeinschaft aufgenommen und sogar liebreich gepflegt mit Cognak und Stangenchokolade von den drei bisher so unzugänglichen Reisegefährten. Der Reihe nach wußte er sich ihrer widerstrebenden Hände zu bemächtigen, um sie zu küssen, wobei ihm nicht blos Seewasser von den Wimpern troff. Dann zog er aus der Brusttasche seines rieselnden Rocks ein Ledersäckchen und aus diesem einen Riemen, band ihn sich so um den Kopf, daß ein darauf befestigtes Käpselchen auf der Mitte der Stirn zu stehen kam, setzte sich mit dem Gesicht ostwärts und murmelte unter Bücklingen einen ziemlich langen hebräischen Spruch. Als er, damit fertig, den Gebetriemen wieder verwahrt hatte, sagte er leise, aber mit ergreifendem Ernst:

»Der unbequeme Jud' hat auf die Thora geschworen, was er euch schuldig ist, nimmer zu vergessen. Was ihr von ihm begehrt, wird er thun, wenn's in seiner Macht steht, und sollt' es ihm noch so schwer fallen.«

Endlich hatten die Ruder auch den letzten Rest der Drehung zu überwinden vermocht. Sie zu unterstützen wurde das Segel entfaltet und an einer der als Borde dienenden Banklehnen straff geschotet. Das Floß begann dem Steuer zu gehorchen. Langsam hingleitend vor schwachem Nordost, sahen die Schiffbrüchigen die zwei dichten Menschentrauben auf den Masten des Leviathan hinter sich im Nebel verschwinden.

Nach vierundzwanzigstündiger Fahrt liefen sie durch das Gatt einer dünengekrönten Nehrung in ein Brackwasserhaff ein und landeten an der Mündung des Staney. Daselbst sahen sie die Barkasse des Leviathan ankern und erfuhren, daß ein Schleppdampfer ausgelaufen, um auch die auf den Masten des gesunkenen Schiffes Harrenden zu retten.

Gegen Abend erreichten sie die Stadt Wexford, bis auf den letzten Faden durchnäßt, aber Alle wohlbehalten bis auf Arnulf. Dieser war so steif geworden, daß er den Weg vom Landungsplatz nach der Stadt nicht mehr zu Fuß zurücklegen konnte. Als er im herbeigeschafften Wagen das Gasthaus erreicht, war er kaum noch im Stande, ein Telegramm an Ulrich zu kritzeln und mit schwacher, schon versagender Stimme Rosenberger um Aufgabe desselben zu bitten. Bald darauf verlor er das Bewußtsein und mußte mit Hülfe der Dienerschaft entkleidet und in's Bett gebracht werden.

Im Widerspiel zu seinem nur allzn bald erhörten Frevelwunsch sollte nun Hildegard seine Retterin werden. Der englische Arzt hätte ihn, wenn nicht umgebracht, so doch in langes Siechthum hineinkurirt mit der sogleich verschriebenen, siebenfach zusammengegossenen Medizin, die das unverschämt vertheuernde citissime auf seinem Rezept nach kaum einer Viertelstunde erscheinen ließ, aber noch gründlicher vielleicht mit dem »ergiebigen« Aderlaß und anderen vernunftwidrigen Mißhandlungen, die er als dringend nothwendig vorschlug. Hildegard aber hatte den Charlatan sogleich durchschaut. Kurz angebunden wickelte sie das schon ausgebreitete Besteck mit Schnepper und Lanzetten wieder zusammen, schob es dem blutdürstigen Quacksalber in die Tasche, verabschiedete diesen mit einem Sovereign und schüttete die stinkige Mixtur zum Fenster hinaus. Dann holte sie selbst aus der Apotheke ein Theekraut, Lakritzen und Salmiak, um eigenhändig in der Küche ein Hausmittel zu bereiten, das sie daheim schon oft mit bestem Erfolg in Anwendung gebracht gegen ähnliche Erkältungszustände überangestrengter Feldarbeiter.

Mit keuschem Heroismus verbannte sie alle zimperliche Mädchenscheu und überließ den Sitz am Krankenlager nur während weniger Nachtstunden der gemietheten Wärterin.

Nicht unzufrieden, aber zuweilen doch etwas verwundert, schaute der Vater ihr zu.

»Laß mich meine Pflicht thun!« sagte sie mit einem Anflug von Eifersucht, als er es ihr einmal abnehmen wollte, den betäubt Schlafenden ein wenig aufzurichten, um die Kopfkissen zu bequemerer Lage zu ordnen. »Was sich schickt für eine barmherzige Schwester, das schickt sich auch für mich.«

»Weißt Du,« bemerkte der Graf, »daß die Dienerschaft Dich für seine Frau hält?«

»Laß sie dabei; sie haben Recht!« versetzte Hildegard leise flüsternd, aber fest. »So lang er krank liegt und nichts davon merkt, ist er für mich schon, was er werden wird: mein Herr und Gemahl.«

Ihrer treuen Pflege verdankte es Arnulf, vierzehn Tage nach der Landung völlig hergestellt die Heimreise antreten zu können.

Vom Augenblick seines Erwachens bis zur letzten Station vor Odenburg verrieth keine Silbe, keine Miene, was sie dem Vater bekannt und zweifellos entschieden wußte. Wieder schien sie ganz nur die unbefangene, muntere, lernbegierige Schülerin, wie von Cliffhouse bis zur Nordlichtnacht.

So sah denn Arnulf in ihr noch immer nur die Zukünftige seines Bruders.

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