Projekt Gutenberg

Textsuche bei Gutenberg-DE:
Autoren A-Z: A | B | C | D | E | F | G | H | I | J | K | L | M | N | O | P | Q | R | S | T | U | V | W | X | Y | Z | Alle
Gutenberg > Wilhelm Jordan >

Die Sebalds. Zweiter Band. Exodus

Wilhelm Jordan: Die Sebalds. Zweiter Band. Exodus - Kapitel 3
Quellenangabe
typefiction
authorWilhelm Jordan
titleDie Sebalds. Zweiter Band. Exodus
publisherDeutsche Verlags-Anstalt
printrunDritte Auflage
year1904
firstpub1885
correctorreuters@abc.de
senderbruce.welch@gmx.de
created20150715
Schließen

Navigation:

Zwanzigstes Kapitel.

Nordlicht.

 

Vom obersten Wunder des Ewigwahren
Ist der sterbliche Geist nur zu fassen im Stande,
Was mit schwachem Glanze das Gleichniß umdämmert.

 

Der »Erbaumeister« war für Hildegard ein drittes Räthsel zu den beiden: warum Arnulf ihre Fußspuren gemessen, und welcher Art von Andacht er wohl fähig sei?

Reichliche Muße zum Grübeln bekam sie auf dem nach Liverpool bestimmten Ozeandampfer Leviathan. Denn bei schwerem Seegange lag sie auch manche Tagesstunde in ihrer Koje. Zudem saßen Arnulf und ihr Vater sehr oft im Rauchzimmer am Schachbrett. Unterdeß erging sie sich, am liebsten einsam, auf dem Balkondeck, das den erhöhten Speisesaal der ersten Kajüte umgab. Wenn sie dann vorwärts hinausschaute in die See, in der Richtung nach Europa, und nachsann, wen wohl Arnulf gemeint haben könne mit seinem geheimnißvollen Erbaumeister, dann drängte sich ihr wieder und wieder, – sie wußte selbst nicht, warum – das ihr am Klönsee und in Einsiedeln so bedeutsam gewordene Volkslied in's Gedächtniß:

»Es waren zwei Königskinder,
Die hatten einander so lieb,
Sie konnten zusammen nicht kommen,
Das Wasser war viel zu tief.«

Zugleich erinnerte sie sich jener beim ersten Erblicken in Cliffhouse gemachten Wahrnehmung einer schwachen Aehnlichkeit zwischen Arnulf und Ulrich, welche sie sich nachher selbst ausgeredet hatte. Aber immer noch konnte sie sich nicht entschließen zu unumwundener Frage, um ein eben aufdämmerndes Ahnen entweder zu verbannen oder in helle Gewißheit zu verwandeln.

Auf ihr sehr bestimmtes Anklopfen wegen der gemessenen Stapfen hatte er ja ebenso bestimmt aufzuthun abgelehnt. Seitdem that er nur um so mehr geheimnißvoll, je besser sie mit einander bekannt wurden. Daß er noch seine Mutter am Leben habe, war ihm gelegentlich entschlüpft, aber kein für sie verständliches Wort von einem Bruder, von seiner Familie, seinem Heimatort. In der Passagierliste stand er als Herr Arnulf aus San Franzisko. Der schien er auch für sie bleiben zu wollen, obgleich sie längst witterte, daß er seinen Familiennamen absichtlich verschweige. Wann ein Gespräch nur eben Gelegenheit bieten konnte, zur Anbringung einer Frage nach den Verhältnissen, die ihn in Europa erwarteten, wußte er demselben sogleich eine andere Wendung zu geben. Das ward ihm um so leichter, als ihm dabei Hildegard's gleich stolze wie feinfühlige Diskretion entgegenkommend behülflich war, wenn auch nicht ohne einen Ton künstlich kühler Gleichgültigkeit, der ihn einen Hauch von Verstimmung merken ließ.

Eines Abends, mehrere Stunden nach Sonnenuntergang, bei fast glatter See, aber nur theilweise klarem Himmel, da sich nordwärts vom Horizont bis zur halben Höhe des Polarsterns ein feiner Schleier von gefiedertem Streifengewölk ausbreitete, lehnten Arnulf und Hildegard an der Schanzkleidung des Achterdecks und ergötzten sich an dem heute auffällig starken Leuchten des Meeres. Wo die Bronzeflügel der Schraube das schwarzgrüne Wasser in ein rauschendes Schaumgebrodel zerquirlten, da meinten sie jeden Augenblick ganze Scheffel Diamanten in blitzendes Mehl zermalmt zu sehen. Hinter dem menschengeschaffenen Behemoth, der mit den glut- und flutbelebten stählernen Gigantenmuskeln seine metallene Riesenflosse schwang, um rastlos schnaubend die weite Wasserwüste zu pflügen, blieb die weiße Feuerfurche noch meilenweit erkennbar, um, allmälig schmäler und matter schimmernd, zuletzt wie ein dünner Lichtfaden am umnachteten Horizont zu verglimmen. Zuweilen ward auch seitwärts, im Vorüberschießen am Schiff, ein Tummlerdelphin, wenn auch nicht selber sichtbar, so doch angedeutet durch Umrißschnüre elektrischer Funkenperlen und einen kleinen ihm folgenden Schweif von solchen Schimmerpunkten, der die strahlende Schaumschleppe des Dampfers mit niedlichem Miniaturbilde nachahmte.

Jetzt aber wurde Arnulf's Aufmerksamkeit von einer andern Erscheinung gefesselt. Jenes gefiederte Schleiergewölk war verschwunden. Aber am nördlichen Horizont, ein wenig links von der Richtung nach dem immer noch sichtbaren Polarstern, wölbte sich ein dunkles Kreisstück empor, nicht wolkig, noch völlig undurchsichtig, und dennoch finster abstechend vom Himmelsgrunde, in der Farbe schwankend zwischen bräunlichem Violett und Rauchgrau, mit dem Scheitel seines Bogens etwa fünfzehn Sonnenbreiten aufragend. Ohne die anfangs hie und da noch durchblinkenden Sterne hätte man sich allenfalls vorstellen mögen, es beginne dort nahe hinter unserem Planeten die dunkle Kugel eines andern Weltkörpers aufzutauchen, dessen scheinbare Größe die des Mondes mehrhundertfach übertreffe, der aber nur mit einem schmalen Kreisschnitt seiner ungeheuern Scheibe über den Erdsaum rücke und so stehen bleibe.

«Schauen Sie dort hin,« sagte Arnulf. »Jenes flache Kuppelgebilde von bräunlichem Rauch ist die Knospe eines im Aufblühen begriffenen Nordlichts.«

Man stelle sich vor, das Wachsthum eines Gerstenfeldes vom ersten Aufgehen bis zum Wallen mit reifen Aehren dehne sich nicht über Monate, sondern dränge sich zusammen in wenige Minuten: dann hat man ein nicht ganz unzutreffendes Bild der nächstfolgenden Vorgänge. Ringsum aus dem Rande jenes bräunlicheu Kreisschnittes keimten feine, bald wie im Winde wallende weiße Lichthälmchen, verschmolzen rasch zu einer nicht mehr trennbaren Strahlenmenge, bildeten einen immer breiter wachsenden Glanzbogen um ihren dunkeln Wurzelgrund und nahmen, indem sie höher aufschossen, zugleich wie reifend, eine mehr strohgelbe, zuletzt an Orange streifende Färbung an. Unten zunehmend an blendender Helligkeit, streckte der Lichtbogen nach oben eine Art verschieden hoher, nickender, schwankender Aehren mit strahlenden Rispen aus, die in wechselndem Spiele, bald niedergebeugt, bald hoch aufgerichtet, in der That lebhaft erinnerten an das Gewoge eines Saatfeldes.

Dann aber hörte die Aehnlichkeit auf.

»Nur sicher geworden ist neuerdings eine andere Thatsache, die Ihnen recht verwunderlich dünken wird. Das eben genossene Himmelsfeuerwerk war ein irdisches, unausbleibliches Nachspiel eines ungeheuern, zwanzig Millionen Meilen von hier entfernt aufgeführten Naturdramas.

In der Sternwarte des Washburne College sahen Sie durch das kleinere Spektralinstrument dem Rande der Sonne feurig rothe Flockengebilde entragen, bald wie sturmzerpeitschtes Gewölk, bald wie windgeschüttelte Bäume oder Springbrunnen gestaltet. Das frappanteste irdische Ebenbild mancher derselben ist die sogenannte Pinie von Dampf, Rauch und Asche bei den Eruptionen des Aetna oder Vesuv. Diese Gebilde erscheinen im Fernrohr nicht viel größer, als etwa aufrecht an eine Kegelkugel geklebte Mooshälmchen. Sie sind Explosionen von glühendem Wasserstoff und Metallen in Dampfgestalt. Sie erreichen oft eine Höhe, hinter der zwanzig- und selbst dreißigtausend über einander gethürmte Chimborassos noch beträchtlich zurückbleiben würden. Vollends schwer ist es, sich von ihrer Ausdehnung und Gewalt eine Vorstellung zu machen.

Sie haben vielleicht in einer Schießbude auf dem federkieldicken Wasserfaden eines Springbrünnchens ein als Ziel dienendes versilbertes Kügelchen von dünnem Glase tanzen gesehen. Nun wohl; es ist von einer Uebertreibung eher das Gegentheil, wenn ich sage, daß von vielen jener Sonneneruptionen der aufspringende Gasstrahl breit und stark genug wäre, um wie jenes Glaskügelchen unsern Erdball auf sich tanzen zu lassen. Das furchtbare, oft zwanzig deutsche Meilen weit hörbare Gebrüll unserer Vulkane kann sich zum Ton, den diese Ausbrüche in der weit dichteren Sonnenluft erzeugen, nur etwa so verhalten, wie das feine Gezirp, das einer der langgehörnten Bockkäfer durch die Reibung seines Brustringgelenkes hervorbringt, zum Krachen einer mit Centnern Dynamit geladenen Mine. Auch trägt sich auf Grund dieser hochwahrscheinlichen Voraussetzung ein amerikanischer Forscher allen Ernstes mit der verwegenen Hoffnung, mittelst des Mikrophons diese Sonnenstimme noch zu Gehör zu bekommen.

Wie die immerhin, trotz der weit verschiedenen Maßverhältnisse, vergleichbare Dampfsäule des Vesuv, wann er im Ausbruch begriffen ist, blitzt und donnert, das haben Sie vielleicht selbst schon beobachtet. So sind sicherlich auch die Sonnenausbrüche begleitet von unvorstellbar kolossalischen Gewittern.

Noch wissen wir nicht, wie die Uebertragung durch den Weltraum erfolgt; aber die elektrischen Spannungen und Entladungen dieser Gewitter sind stark genug, um auf unsere eisenhaltige Erde trotz der weiten Entfernung ähnlich zu wirken, wie der galvanische Strom unserer Batterieen auf den Eisenstab des Telegraphen, den er im Nu magnetisch macht, sobald er bei Schließung der Kette die herumgewundene Drahtspirale durchläuft. So wird unser Planet zum Kugelmagneten, und bei sehr ausgedehnten und gewaltigen Sonnengewittern so hochgrädig, daß wir das Ausströmen der Ueberfülle an den magnetischen Polen wahrnehmen als Nord- und Südlichter, die wahrscheinlich immer gleichzeitig auftreten.

Man ist nämlich geneigt, alle elektrischen und magnetischen Erscheinungen zu betrachten als Ausgleichungen örtlichen Mangels und örtlicher Anhäufung eines noch sehr geheimnißvollen, überaus feinen, den ganzen Weltraum füllenden Stoffes, für den alle Substanzen so durchlässig seien, wie klares Glas für das Licht, des sogenannten Aethers. Daß uns dieser Aether Alles vermittelt, was wir sehen, ist anderweit erwiesen. Seinen Wellenschlag empfindet unser Auge als Licht, die verschiedene Häufigkeit dieser Wellenpulse als Farbenverschiedenheit. Wir wissen sicher, daß wir die Rose roth, das Stiefmütterchen violett sehen, weil die von ersterer zurückgeworfenen Strahlen unsere Netzhaut in der Sekunde mit vierhundert, die von letzterem mit siebenhundert Billionen Pulsen treffen. Ja, wir können sehr genau und zuverlässig für jede der Farbeunüancen des Regenbogens angeben, wie viel Millionstel eines Millimeters die betreffende Einzelwelle des Aethers lang ist.«

»Und das soll ich glauben?« fiel Hildegard kopfschüttelnd ein.

» Glauben nur vorläufig; daheim kann ich Sie davon überzeugen. – Einen Hauptschritt zur Herrschaft über die Natur hat der Mensch gethan, indem er den Luftdruck der Erdatmosphäre in seinen Dienst nahm. Denn dieser Druck war es anfangs allein, was den Kolben zurücktrieb in den leeren Cylinder, aus dem der Dampf ihn hinausgetrieben. Er ist unserem Schiffe, unseren Lokomotiven vorgespannt. Es scheint, daß wir im Begriff sind, den nächsten und noch größeren Schritt zu thun, indem wir statt der Erdluft die billionenfach feinere Weltluft anstellen. Denn ihr Druck, die abwechselnde Vertreibung und Freigebung der Wiederkehr des Aethers, setzt unsere elektrischen Maschinen in Bewegung, wenn sich, wie es den Anschein hat, jene Hypothese bewährt. So wird es denn wenigstens einigermaßen erklärlich, daß ein gedankenreicher, aber bei ungezügelter Phantasie des Hemmschuhs der Vorsicht entbehrender Forscher sich nicht begnügt hat mit der allenfalls annehmbaren Behauptung, der Aether sei die Urkraft des Weltalls, sondern sich dahin versteigt, diesen Aether geradezu für die allmächtige Gottheit des Universums zu erklären.«

» Ihr Gott ist er also noch nicht?« frug Hildegard so rasch als eifrig.

»Nein. Aber weilen wir noch einen Augenblick beim Nordlicht. – Da die Explosionen und Gewitter auf der Sonne niemals ganz aufhören, ist wahrscheinlich auch die Erde stets etwas polarleuchtend, unzweifelhaft und erweislich aber stets magnetisch. Die feinst empfindlichen magnetischen Instrumente zeigen, mit starker Vergrößerung beobachtet, ein unaufhörliches Zucken. Und diese Zuckungen, die sich an ihrer verschiedenen, genau gemessenen Ausschlagsgröße sicher unterscheiden lassen, treten für die Zeitmessung unserer besten Uhren genau gleichzeitig ein auf Beobachtungsstationen, die um den halben Erdumfang von einander entfernt liegen.

So weit stehen wir auf wissenschaftlich sicherem Boden. Aber fast unwiderstehlich ist die Versuchung, diesen Boden zu verlassen mit einem Vergleich. Die Willens- und Empfindungstelegramme in unserem Körper laufen zwar unvergleichlich langsamer, nämlich noch minder schnell als der Schall; gleichwohl aber auch durch Impulse, bei denen die Elektrizität mindestens mitbetheiligt ist. Kaum loszuwerden ist deßhalb die Vorstellung …«

Hildegard unterbrach:

»Daß unsere Erde eine Art lebendes Wesen ist, wollen Sie sagen, und Empfindungen hat, wann ein vom Aether übermittelter Sonnenwink sie im Nu bis zu den Antipoden durchzuckt?«

»Etwas der Art dünkt mir nicht ganz unmöglich; doch will ich das selbst für nichts Anderes ausgeben, als für eine Träumerei. Was übrigens wär' es allerhöchstens, was dieselbe zur vollen Wahrheit hinzuträumte? Nur eben noch die allgemeine Fühlbarkeit einer völlig unfraglichen Thatsache.«

»Und wie nennt sich diese?«

»Die Sonnenkindschaft der Erde mit allen ihren Bewegungen, Erscheinungen und Wesen. – Es ist hochbedeutsam, daß im Gegensatz zu allen anderen Kultursprachen unsere deutsche und die germanischen überhaupt (sofern ihnen die Geschlechtsunterscheidung nicht fast ganz verloren gegangen, wie der verkrüppelten englischen) die Sonne nicht als ein männliches, sondern als ein weibliches Wesen vorstellen. Aus dem Schooße der Sonne ist die Erde geboren, die anfangs selbst als ein kleines Sönnchen weithin durch den Weltraum leuchtete und unter ihrer verdunkelnden festen Kruste noch jetzt eine glutflüssige Sonne ist. Sonnenkraft erhält diesen Ozean flüssig trotz der Erstarrung drohenden Umarmung des über hundert Grade kalten Weltraums, der an den Polen das Meer in eine Wüste von Eisfelsen verwandelt. Sonnenodem ist es, was als Wind und Sturm dahinfährt und jede Welle schaukelt. Sonnenarbeit hebt die Meeresflut in die Wolken und läßt sie entsalzt als grünen Rhein unser Heimatland durchströmen oder als Niagara niederdonnernd in die See zurückkehren. Verdichtete Sonnenstrahlen schürfen wir zu Tage, um sie für uns arbeiten zu lassen, aus der unterirdischen Sparbüchse, welche längst vergangene Jahrmillionen mit Kohlenflözen gefüllt haben. Von der Sonne stammt's, womit Sie Ihren kleinen Finger bewegen; mit Sonnenenergie treibt Ihr schlafloses Herz den sonnebereiteten Saft zur Erhaltung des Lebens, das Blut, in den Adern um, ohne eines Momentes der Ruhe zu bedürfen.

Ich zeigte Ihnen den überhaarten, kaum stecknadelkopfgroßen Reststummel des Maulwurfsauges und die augenlosen Fische aus den unterirdischen Bächen und Teichen der Mammuthhöhle in Kentucky. Sonnenlicht also ist es, was das Auge erhält, wie Sonnenlicht dasselbe allmälig erschaffen hat, indem es die langsame Aufsteigung erwirkte vom Nervengewebe in der Haut, das dem Regenwurm die Empfindung der Wärme, aber noch nicht die des Lichtes vermittelt, zum schwarzen Pünktchen mit dem der Fühlerknoten der Schnecke hell und dunkel unterscheidet, zur vielhundertfachen Fassettenmosaik, durch welche die Fliege, die räuberisch umherschwirrende Libelle schaut, die Biene und der Schmetterling schon Blumenfarben wahrnehmen, zum erstaunlich vollkommen geschliffenen Nachtglase im Kopf der Eule und dem nie geblendeten Tagfernrohr des Adlers, bis zu dem Auge endlich, mit welchem Sie, Fräulein Hildegard, von der Veranda in Cliffhouse die Farallones und den Noondayrock erblickten, um nun da droben sogar viele tausend andere Sonnen denkend zu betrachten. Jeden unserer Athemzüge, jeden Moment der Fortdauer, Alles, was wir fühlen, was wir sind und können, verdanken wir der Sonne. Sie ist unsere große, für uns allmächtige himmlische Mutter.«

»Sagen Sie nur lieber gleich Himmelsmutter!« warf Hildegard ein mit einem Ausdruck, in dem ein letzter Versuch ironischer Auflehnung wie hoffnungslos kämpfte mit dem Eingeständniß, tief ergriffen zu sein und sich als besiegt ergeben zu müssen. »Ich merke schon,« fuhr sie fort, »wo Sie hinaus wollen. Wie Sie mir in Cliffhouse das Gekletter des Seehunds Falstaff gleichsam als Ariadnefaden in die Hand spielten, der mich arglos Folgende nach wenigen Schritten tief in das schreckenvolle Labyrinth Ihrer darwinischen Verwandlungslehre hineinführte, so kam Ihnen heute das Nordlicht zu paß, fast als wären Sie ein unheimlicher Hexenmeister und hätten sich's eigens bestellt, um mich hinaus zu leuchten aus dem letzten lieben Schattenwinkel meines alten Glaubens. Zu einer Art Madonna, einer allmächtigen Naturgöttin erheben Sie die Feuerkugel, die nach Ihren Schilderungen nur eine grauenvolle Hölle sein kann. Gilt etwa diesem Ungeheuer die Andacht, deren auch Sie noch fähig zu sein behaupteten?«

Sie schwieg eine Weile. Dann fuhr sie, tief aufathmend, fort:

»So! Es ist heraus, was mich lauge bedrückte. Ich habe mich geängstigt vor dieser Frage. Denn die Antwort, die ich vermuthen muß, wird mich sehr traurig machen, und diesmal untröstbar traurig. Aber auch darin, wenn es denn unvermeidlich ist, muß ich mich fügen. Geben Sie mir also ehrlich Bescheid. Ist Ihnen wirklich die Sonne Surrogat Gottes?«

»Keinesweges! Zwar von den Naturreligionen ist mir die göttliche Verehrung der Sonne und überhaupt des Lichtes die begreiflichste, ehrwürdigste. Auch hat sie im persischen Reich für die Sitte und die Ordnung des Lebens bewundernswürdige Früchte getragen. Wäre Religion wirklich weiter nichts als das, wofür sie von Vielen ausgegeben wird: die Verehrung der Weltmächte, von denen wir uns abhängig fühlen, dann wäre in der That der Sonnendienst die best berechtigte von allen Religionen. Denn auch nicht die leiseste Regung und das winzigste Atom unseres Daseins sind etwas Anderes als Sonnenwirkung und Sonnengabe. Durch die Sonne leben, weben und sind wir. Meine Naturgottheit ist daher die Sonne allerdings.«

»Haben Sie noch einen andern Gott?«

»Sogar noch zwei. Obwohl ich, was den einen betrifft, mich dieses Namens nur mit Protest bedienen darf für das unfaßliche und unnennbare Wesen, das die Beschaffenheit unseres Geistes uns vorauszusetzen gebietet als Urgrund aller Dinge. Schon diese letztere Bezeichnung ist nur eine nothbehelfliche und wahrscheinlich sehr verkehrte. Sie kommt zuletzt wieder hinaus auf eine schimmernde Bemäntelung unserer Unwissenheit. Sie ist ein Ausdruck der uns eingeborenen, zwar in ihren Folgen vielfach segensreichen, aber doch zugleich einem unheilbaren Gebrechen sehr ähnlich sehenden Eigenschaft, nach dem durchaus Unzugänglichen dennoch einen Anlauf nehmen zu müssen, als könnten wir es erreichen. Zuletzt haben wir allemal mit dem Gleichniß, das uns vorlügt, wir hätten wirklich einen schwachen Abglanz erlugt, doch nur eine kindische Formel gemodelt für das besser unumwunden und ehrlich abzugebende Geständniß unserer Unfähigkeit. Auch ich hab' es trotz dieser demüthigenden Einsicht nicht lassen können, Gleichnisse zu ergrübeln für das Unvergleichliche, Unsagbare, und werde ein andermal zur Mittheilung bereit sein, wenn Sie deren eines hören und mir versprechen wollen, nicht zu vergessen, daß schon das blödsichtige Vermenschlichung und Verzwergung ist, wenn wir sagen: aus dem Willen dieses Wesens sei das Universum hervorgeflossen.

»Wir lernen's nie, dies Wesen auszudrücken;
Bekleckst nur wrld's, wo wir's wie Kinder schmücken,
Erniedrigt nur vom Wahne, statt erhoben,
Gelästert nur, wo wir es menschlich loben,
Verkleinert, wo wir's würdenreich behaften
Mit bestem Auszug unsrer Eigenschaften.

Kein Wort kann je die seinen recht versammeln
Und meines auch ist nur ein blödes Stammeln,
Ein fernes Ahnen kaum der Räthselfrage
Des Urgrunds dieser Welt, indem ich sage:
Es gibt ein Wissendes, ein Denkendes,
Unmerklich alle Wesen Lenkendes …«

»Ja, Sie haben auch Andacht!« versetzte Hildegard nach einigem Schweigen. »Aber Sie bekannten sich ja zu einer neuen Art von Dreieinigkeit. Sie gestanden, außer Ihrer Naturgöttin Sonne und außer diesem unfaßlichen Urgeheimniß noch einen dritten Gott zu verehren …«

»Und zwar einen, dem ich diesen Namen ohne Vorbehalt beilege, einen uns Menschen durchaus faßlichen, ohne Trübung offenbaren.«

»Und er heißt?«

»Er ist auch der Ihrige. Er heißt Christus.«

»Wie?« rief Hildegard mit allerhöchstem Staunen. »Das ist mir von Ihnen vollends unfaßlich.«

»Glaub's! Muß Ihnen auch einstweilen unfaßlich bleiben. Ich verbiet' es mir, kümmerlich und vielleicht stümperhaft verderbend vorweg zu nehmen, was ein Anderer vorzüglich und siegreich leisten kann. Der soll es Ihnen begreiflich machen, wie der darwinistische Geolog und Astronom Arnulf dahin gelangt ist, sich von ganzem Herzen zum Christenthum zu bekennen.«

»Und wer ist dieser Andere?«

»Der Erbaumeister in Europa.«

»Wieder das Räthsel Nummer drei. Wer ist dieser Erbaumeister? Warum spielen Sie Versteckens mit mir? Warum ergreifen Sie allemal die Flucht nach einem neuen Gesprächsthema, sobald Sie kaum die Möglichkeit wittern, daß ich nach Ihrer Heimat, nach Ihrer Herkunft, nach Ihrer Familie, nach Ihren Freunden fragen könnte? Es ist doch sonst Alles so schön klar zwischen uns. Ich dächte, Sie könnten sich meiner herzlichen Freundschaft ebenso sicher fühlen, als ich mich, abgesehen von diesem einen Schatten, der Ihrigen sicher fühle. Als immerhin noch einigermaßen junges Mädchen hab' ich gleichwohl gute Gründe zu dem Entschluß, unvermählt zu bleiben. Ich vermeide deshalb den Verkehr mit jungen Männern am liebsten ganz. Wenn das nicht möglich ist, beeile ich mich, recht hohe und fühlbare Eisschanzen vor mir auszuwerfen, die jeden Versuch, mich zur Neigung zu erwärmen, von vornherein erkältend abschrecken. Da ist es mir denn ebenso neu, als vergnüglich, mich der Freude am Umgang mit einem feinen und klugen jungen Manne ohne solche Vorsichtsmaßregeln hingeben zu dürfen, nachdem es von unserer ersten Begegnung an keiner Silbe bedurft hat zur beiderseitigen Ueberzeugung, daß zwischen uns Zweien von Verliebniß nicht die Rede sein könne. Warum trüben Sie unser einzigartiges und schönes Verhältniß mit diesem Beweise grundlosen Mißtrauens? Daß der Name Arnulf mir bei Weitem nicht Alles sagt, das merk' ich längst. Wer sind Sie?«

»Von ferne geahnt haben Sie das schon einmal, aber die Vermuthung als eine gar zu unwahrscheinliche unterdrückt. Etwas der Art las ich, als ich in Cliffhouse durch die Glasthür auf den Altan hinaustrat, in den Zügen der Gräfin Hildegard von Sebaldsheim, genannt Fräulein Wallinger.«

Hildegard sank auf die Bank hinter dem Häuschen für das Steuerrad. Der schwache Widerschein des Meerleuchtens im Schraubenstrudel hatte genügt, Arnulf das tiefe Erröthen und unmittelbar folgende Erbleichen in ihrem Antlitz wahrnehmbar zu machen.

»Sie wissen …? – Von Wem?«

»Vom Erbaumeister.«

»Und wer ist es, den Sie so nennen?«

Arnulf schwieg geraume Weile, von ihr abgekehrt, über die Schanzkleidung hinausgebeugt und die leuchtende Kielfurche mit den Blicken verfolgend.

»Reden Sie endlich, Sie unheimlich allwissender Quälgeist!«

Langsam wandte er sich um und trat dicht vor sie. Dann sprach er, stimmungsvoll begleitet vom Rauschen der Meeresflut und in sanghaft getragenem Ton:

›Es waren zwei Königskinder,
Die hatten einander so lieb.
Sie konnten zusammen nicht kommen,
Das Wasser war viel zu tief.«

Hildegard war aufgesprungen. Jetzt rief sie, rasch forteilend:

»Gute Nacht, Herr Arnulf Sebald.«

 << Kapitel 2  Kapitel 4 >> 






TOP
Die Homepage wurde aktualisiert. Jetzt aufrufen.
Hinweis nicht mehr anzeigen.