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Die Sebalds. Zweiter Band. Exodus

Wilhelm Jordan: Die Sebalds. Zweiter Band. Exodus - Kapitel 18
Quellenangabe
typefiction
authorWilhelm Jordan
titleDie Sebalds. Zweiter Band. Exodus
publisherDeutsche Verlags-Anstalt
printrunDritte Auflage
year1904
firstpub1885
correctorreuters@abc.de
senderbruce.welch@gmx.de
created20150715
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Fünfunddreißigstes Kapitel.

Ausklang.

 

Merkt aus dargestellten Dingen
Das verschwiegne Führungswort,
Und als Märchenecho klingen
Hört es aus dem Schlußakkord.

 

Wie man das allmälige Wachsthum der Auster verzeichnet findet auf der Außenseite der Schale, so zeigt ein Blick auf die Plankarte der Stadt Odenburg ihre stufenweise Vergrößerung im Laufe der Jahrhunderte. Sie ist nicht, wie so manche andere Stadt, in Vollzirkeln von annähernd gleichen Radien um einen mittelsten Keimpunkt herumgewachsen, sondern in elliptischen Halbbögen nur nach Westen, Norden und Osten. Nach Süden wurde sie eingehemmt vom Strom, wenn auch nach dessen Ueberjochung mit fester Brücke ein jenseits gelegenes uraltes Dorf zuletzt städtisches Ansehen gewonnen hat. Wie jedoch über der Schloßecke der Auster von ihrem ersten winzigen Urschälchen der Umriß erkennbar bleibt, so verräth sich dem Beschauer als Urkern Odenburgs die Sebalduskirche.

Zwar weiß man sicher, daß deren jetzt vorhandener Bau mehrere Jahrhunderte jünger ist, als das urkundliche Stadtrecht; aber auch ohne die minder sichere Ueberlieferung, daß an demselben Platz schon vorher eine kleine Kirche gestanden, und ohne die ganz unverbürgte, wenn auch nicht unwahrscheinliche Sage, daß diese ein altheidnisches Heiligthum abgelöst habe, würde der Zug der Hauptstraßen die Stätte des Domes unzweifelhaft erweisen als den Nabelpunkt der Entstehung. Denn wie die nächste und nächstfolgende umlaufen dieselben insgesammt in vielfacher Wiederholung diese Stätte als ihren Focus in immer weiteren Bögen auf einem immer längeren Stück der vom Strom gebildeten Sehne.

Für jede dieser Hauptstraßen hat es eine Zeit gegeben, in welcher sie nur auf der Innenseite mit Häusern besetzt war und zur Außenseite die Stadtmauer hatte. War letztere zu eng geworden, dann wurde sie niedergelegt, um den vorliegenden Wall und Graben für Gebäude zu gewinnen, eine Strecke weiter hinaus, auf dem bisherigen Geglätt, neu aufgeführt und abermals mit Graben und Wall umschirmt. Noch jetzt sind von diesen verschiedenzeitigen Stadtmauern die Fundamente im Boden zu finden, in Höfen und Gärten sogar kurze Strecken stehen geblieben, um als Zäune oder Wände neuerer Gebäude zu dienen. Von einigen der vormaligen Gräben und Thore ist wenigstens die Erinnerung bewahrt im Namen der an ihrer Stelle entstandenen Gassen.

Genau so hat sich die Zunahme Odenburgs fortgesetzt, bis im ersten Jahrzehnt unseres Jahrhunderts ein Mann von vorblickender Einsicht und bemerkenswerther Kühnheit auf den Bürgermeisterstuhl berufen wurde. Mehrmals schon, zuletzt im Revolutionskriege, war die Stadt leicht erobert und ebenso leicht den Feinden wieder entrissen worden, ohne daß es dazu einer Belagerung bedurft. So mochte der neue Gemeinderegent erkannt haben, daß die alten Mauern, Graben und Basteien werthlos geworden gegenüber der neueren Kriegskunst, ja, die Beschießung herausfordernd, eine Handelsstadt nur mit schwerem Schaden bedrohten. Vielleicht sah er auch, trotz der damals in den Napoleonischen Kriegen leider noch allzuhäufigen Beispiele vom Gegentheil, schon voraus, daß die Zeit nahe sei, die selbst während des Staatenkampfes die Bewahrung des bürgerlichen Friedens, die Achtung und möglichste Schonung des Eigentums zur Regel machen werde.

Wie dem auch sei, er beschloß der Stadt den athembeklemmenden Panzer von Ringmauern auszuziehen, den häufigen Fiebern ein Ende zu machen durch Trockenlegung des Grabens und die gezackt im Flachbogen vom Stromufer an der Ostseite bis zur westlichen Wasserecke herumlaufenden Außenbastionen abzutragen und in einen Park zu verwandeln.

Die Besitzer der Häuser auf der Außenseite der Wallstraßen, meistens Bürger von großem Reichthum und überwiegendem Einfluß, halfen ihm, die hochweise, aber störrige Rathsversammlung endlich gewinnen für einen Plan, der ihnen gegen verhältnißmäßige Beiträge zur Herstellung der Anlagen, von den bisherigen Basteien und dem Graben die Breite ihrer Grundstücke zu Gärten hinzuerwarb. So energisch als rasch betrieb er dann die Ausführung; zum Entsetzen und lauten Jammer der übrigen Bürgerschaft, die mit der Niederlegung aller Schutzwehren den Untergang Odenburgs besiegelt wähnte.

Zwei Menschenalter verflossen ohne Gefährdung, ohne Schaden für irgend Jemand, mit alleiniger Ausnahme etwa der Apotheker, deren Absatz von Arzneien gegen das Fieber allerdings auf weniger als ein Zehntel des vorigen zurückging.

Mächtige Linden, zierlich gefiederte Akazien und prachtvoll blühende Zierbäume aus fernen Landen beschatteten den berühmt gewordenen Spazierweg. Dessen allseitige Nähe erlaubte jedem Einwohner in wenigen Minuten hinaus zu flüchten aus der immer noch mittelalterlichen Stadtenge in die frische, von der stummen Helferin der Menschenlunge, der Pflanzenwelt, mit Lebensodem gewürzte Luft eines wohlgepflegten Bürgerparks voll schmetternder Finken, flötender Amseln und liedreicher Nachtigalen.

Die weiland ob ihrer Häßlichkeit verspotteten Odenburger hatten sich zusehends verschönert. Die schwartig gelbe Gesichtsfarbe, die flache schmale Brust, die Säbelbeine waren immer seltener geworden. Breitschultrige, wohlgewachsene Gestalten bewegten sich in energischem Schritt durch die Straßen. Odenburger Turner und Ruderer gewannen weit und breit die ersten Preise. Die jetzt in den schulfreien Stunden draußen herumschwärmende, im Winter auf beflügelndem Stahlschuh graziös über die Eisflächen hinschwebende Jugend beider Geschlechter und mehr noch die herzigen, pausbäckigen Kinderschaaren, die auf den öffentlichen Spielplätzen herumkrabbelten und die freigiebig geschütteten Sandhaufen grabend, bauend und backend durchwühlten, ließen für die Zukunft eine ansehnliche Steigerung hoffen für den schon beginnenden Ruf Odenburgs, eine auch an schönen Menschen reiche Stadt zu sein.

Aber auch jetzt noch gähnten finster gewölbt und eng die mittelalterlichen Tunnelthore an ihren alten Stellen, seit mehr denn einem halben Jahrhundert nie mehr geschlossen und schwerlich noch schließbar, da sich die Angeln ihrer einwärts geklappten Thorflügel drei Finger dick mit Rost überkrustet hatten. Nur je einem Fuhrwerk gewährten sie Durchlaß und blieben deshalb oft mehrere Minuten gesperrt, wenn deren zwei einander erst bei der Begegnung mitten drin gewahr wurden und mühsam zurückkrebsen mußten. Selbst auf halbe Stunden wurden sie zuweilen verstopft von auswärtigen, ein wenig zu hoch geladenen Heuwagen, die, halb hineingezwängt, stecken blieben. So behinderten sie den Verkehr auf das Verdrießlichste, durften aber ihr schädliches Dasein dennoch fortsetzen, weil der Bürgerschaft auch nach Wegfall aller Befestigung eine thorlose Stadt undenkbar blieb und der hochweise Rath besorgte, daß ohne diese Engpässe ein Schinken, ein Brod den Accisewächtern leichter würden vorüberzuschmuggeln sein, ohne die betreffenden Heller an Mahl- und Schlachtsteuer eingebracht zu haben.

Als draußen die Bahnhöfe sich mehrten, das Netz der Schienenwege unsern Erdtheil immer dichter umstrickte mit seinen eisernen Maschen und den Waaren- und Personenverkehr vertausendfachte, da gab man zwar dem Drange der Nothwendigkeit nach mit dem Durchbruch einer neuen und breiteren Einfahrt, konnte sich aber auch jetzt nicht losreißen von der sinnlos gewordenen alten Gewohnheit. Statt sich zu begnügen mit der neu eröffneten Straße, verwendete man bedeutende Summen, um auch ihre Ausmündung wieder zu verengen mit stattlichen Seitengebäuden und drei hohen Pfeilern von gewaltigen Sandsteinquadern, um zwischen den letzteren breite Thorflügelgitter von armdickem Schmiedeisen einzuhängen.

So schien das »Neuthor« gebaut für eine Dauer von Jahrtausenden. Doch eben diese späte Nachgeburt mittelalterlicher Vorstellungen sollte zuerst der neuen Lebensordnung zum Opfer fallen.

Ob auch innerhalb der Stadt die für Neubauten durch Abbruch von Hofgebäuden und Straßenlegung durch bisherige Gärten gewinnbaren Plätze längst knapp und unerschwinglich theuer geworden waren, während sich draußen jenseits der Promenade fast unbegrenzte Baugründe zu billigen Preisen darboten: – immer noch spukte in den Köpfen dunkle Scheu vor Wohnungen außerhalb der Thore. Man wähnte sich da weniger sicher. Man kam sich in dieser Umgegend nur vor wie ein Beisasse ohne das Vollgefühl eines richtigen Odenburgers. So gab es im Weichbilde geraume Zeit nur bescheidene, über und über schiefergepanzerte Gartenhäuschen und Sommerwohnungen. In Ermangelung vorgeschriebener Baulinien gruppirten sich dieselben zu beiden Seiten der Landstraßen so zufällig und regellos, als hätten Enakskinder in Wolkenkukuksheim von ihrem Weihnachtstisch droben eine Schachtel voll Spielzeughäuschen heruntergestreut und die Menschen, die Gründlinge des Luftmeers, jedes nur eben aufgerichtet, wohin es gefallen. Fast nur »hergeloffene« Fremde hatten es gewagt, einer dieser Landstraßen entlang größere und zum Theil recht schmucke Villenhäuser inmitten ausgedehnter Gärten zu erbauen.

Da verschwand endlich mit der Mahl- und Schlachtsteuer auch der letzte Vorwand für die Erhaltung der Thore. Doch wer weiß, wie lange man sie noch würde geduldet haben, wenn nicht ein Bierbrauer Odenburg endlich befreit hätte auch von den wunddrückenden Knopflöchern und Knöpfen der mittelalterlichen Zwangsjacke. Ihm gelang es, zunächst den Sturz des Mittelpfeilers des jüngst gebauten Thores durchzusetzen.

Ein Kessel von riesigen Dimensionen, den er in einer benachbarten Maschinenfabrik bestellt, konnte selbst durch das Neuthor, das breiteste von allen, nicht in die Stadt hinein. Da ließ er die sechzehn Pferde ausspannen und allen Strafdrohungen zum Trotz das Ungeheuer auf dem eigens gebauten kolossalen Wagen verkehrsperrend stehen bleiben. Dies handgreifliche Argument bewährte sich bestens, wenn auch allem Vermuthen nach nicht ohne Unterstützung durch ein anderes, von dem ein bekanntes Sprichwort versichert, daß es zu gutem Fahren sehr förderlich sei. Binnen vierundzwanzig Stunden war der mittelste Pfeiler beseitigt. Ohne ihn und die mitverschwundenen Thorgitter sahen die beiden anderen so schauderhaft aus, daß man sie schon drei Tage darauf zum Abbruch verkaufte, und zwar zu verwunderlich hohem Preise an denselben Bierbrauer. Aus ihren Quaderblöcken hat er zu beiden Seiten seines Gartenthors zwei Obeliske errichtet. Die Herkunft dieser selbstgesetzten Denkmäler seiner Energie pflegt er mit gerechtem Stolz jedem Gaste zu erklären der ihn zum ersten Mal aufsucht in seiner »Schaumburg«. So nämlich hat der Volkswitz die schmucke Villa getauft, als erworben durch die in seinen Schankstuben üblichen, biersparenden Feldwebel.

Uebrigens wäre der Mann auch eines andern Denkmals werth, wenn er, was leider nicht behauptet werden darf, auch beabsichtigt hätte, was er bewirkt hat. Denn ihm verdanken die Odenburger den entscheidenden Anstoß zu einem so raschen als heilsamen Umschwung in ihrer Denkart über ein Hauptstück des Lebens, die Behausung.

Mit dem Neuthor waren auch die alten verurtheilt und binnen Jahresfrist aus dem Wege geräumt. Nun bewährte sich das Sprichwort: aus den Augen, aus dem Sinn. Rasch verschwand auch aus der Meinung der Odenburger der Unterschied zwischen Innen- und Außenstadt. Die Scheu vor der letzteren schlug um in Bevorzugung der Häuser mit Vor- und Hintergärtchen. Gefördert vom gleichzeitigen Aufschwung des Erwerbs in allen Geschäftszweigen, ergriff beinahe plötzlich ein starker Ausdehnungstrieb jede Haushaltung. Familien, die sich bisher beholfen mit drei bis vier Zimmern, fanden deren sechs oder sieben fortan unentbehrlich. Terrainspekulanten und Bauunternehmer verdienten Hunderttausende. Ein Ameisengewimmel von karrenden Straßenschüttern, Fundamentgräbern, Gartenarbeitern, Maurern und Zimmerleuten umgab den Promenadenkranz in breitem Ringe nach allen Seiten.

Wo noch im Herbst der Pflug seine Furchen gezogen, die Eisenzähne der Egge die Schollen zerkrumt und hinter dem Sämann her die gelben Körner bestattet, denen diesmal keine Auferstehung in wallenden Aehren mit verzehnfachter Nachkommenschaft beschieden war, da begannen schon im Frühjahr weite Stadtviertel aus der Erde zu wachsen. Die Baulinien, bald schnurgerade, bald angeschmiegt an altvorhandene und unentbehrliche Feldwege, waren alle nur geplant zu bester Verwerthung des Geländes und zeigten keine Spur mehr von jener Beziehung auf die Sebalduskirche, welche doch selbst im gezähnelten Bogen der Promenade noch so deutlich erkennbar ist. Auch schien man vergessen zu haben, bei der Anlage der Villenstadt, was unserer Altvordern ausnahmslose Regel war, wann sie Städte gründeten: mit einem Heiligthum als Kern zu beginnen. Nirgend sah man eine Kirche im Bau begriffen oder auch nur die Stätte für sie vorbehalten.

 

Um diese Zeit, ungefähr fünf Monate nach der Doppelhochzeit zu Sebaldsheim, hatten sich in der Wohnung des Doktor Mannheimer der Graf, Arnulf mit seiner Frau, Mottwitz, Frau Cäcilie Sebald und Herr Hassenrieth, Presbyter der Sebaldusgemeinde, zu vertraulicher Besprechung eingefunden.

Mottwitz und Hassenrieth theilten mit, daß es ihnen gelungen, einen größeren Saal zu miethen. Doch werde auch der für die schnell anwachsende neue Gemeinde höchstens ein Jahr oder anderthalbe nothdürftig ausreichen. Dann legten sie jeder eine Subskriptionsliste vor, Mannheimer eine dritte.

»Die zusammengerechneten Beträge,« sagte Arnulf, »dürften ungefähr genügen zum Ankauf des Terrains.«

Der Graf ergriff die Feder und verdoppelte die Summe mit seiner Zeichnung. Hierauf nahm Cäcilie das Wort:

»Ulrich's Stimmung war nach seiner Amtsentsetzung doch eine recht gedrückte. Seitdem sich die Zahl seiner getreuen und opferwilligen Anhänger über Erwarten mehrt, hebt sich sein Selbstvertrauen und seine Arbeitslust. Doch läßt sein leibliches Befinden immer noch viel zu wünschen übrig. Zu voller Gesundheit und Geistesfrische scheint ihm das Reden in weitem Raum unentbehrlich zu sein. Gemüthlich vollends krankt er mehr, als ich fürchtete, an Sehnsucht nach der Sebalduskirche. Du weißt es, lieber Schwager, was in ihm vorgeht, wann er an hellen Tagen eine halbe Stunde vor Sonnenuntergang seinen Spaziergang mit mir nach dem Pfarrwinkel richtet und sich auf der obersten Treppenstufe vor der Thür des verlassenen kleinen Ahnenhauses hoch aufreckt, sich aber begnügen muß mit einem kargen Bruchtheil des Anblicks, den er früher vom zweiten Fenster seiner Studirstube voll genießen durfte. Nimm diese zwei Rollen Gold und verwende sie, für eine getreue Nachbildung einen Meister ersten Ranges zu gewinnen. Erinnere Dich auch meines Versprechens am Tage Deiner Heimkehr aus Amerika. Ich lechze danach, es einzulösen als Erstgeweihte im neuen Hause. Wird das Erforderliche beisammen sein mit diesem Beitrag von meinem Vater und mir?«

»Mehr als halb!« entgegnete Arnulf, ihre Hand küssend und hoch erfreut nach einem Blick auf die sechsziffrige Zahl des Checks, den sie zu den Subskriptionslisten gelegt hatte. »Ich sorge für das noch Fehlende. Schienengerüst und Dampfkrahne fördern schnell. In anderthalb Jahren sind wir, meine Frau und ich, Deine Pathen.«

»Mir, lieber Arnulf,« sagte Hildegard, »erlaubst Du wohl, meinen Namen unter den Papas zu setzen, mit einer Zeichnung für einen ganz bestimmten Zweck: für ein Marienbild nach dem berühmten von Knaus.«

 

Zwei Monate später, am Vorabend des Pfingstfestes, hörte man etliche hundert Schritte nordwestwärts vom Parkringe die Sense klingen durch ein Weizenfeld. Aber die spärlichen Schwatte sanken fast lautlos. Der Schneideton war kein hart raschelnder, wie im Spätsommer, wann die oft geschärfte Stahlklinge des Friedensschwertes reife Halme von holziger Stoppel knirschend absäbelt, sondern der weiche, wie leise klagende Zischlaut der Wiesenmahd. Denn der Weizen war noch grün; die Windwiegen der keimenden Nachkommenschaft, die Aehren, verbargen sich noch sonnenscheu in den grasigen Mattscheiden; nur hier und da lugten aus diesen Windeln die obersten Spitzen ihres Rispenhaars.

Einen Sensenschwung breit ist ein Gang gemäht um ein Rechteck von hundertundachtzig zu hundertundvierzig Schritten. Von den vier Seiten aus, senkrecht auf dieselben, lichtet man eben gleiche Schneisen zu vorläufiger Theilung des Geländes in einzelne Bauplätze weiter hinein in das Saatfeld und hindurch bis zum unregelmäßigen, bald schräg bald in Krümmungen verlaufenden Grenzrain. In der Mitte der Bauplätze soll das Rechteck frei bleiben als fahrwegumrahmte öffentliche Anlage. Innerhalb der Querschneisen werden dann die Scheidelinien auch auf den Zoll genau bezeichnet mit Holzpflöcken, die man nach der Schnur in kurzen Abständen einschlägt. Ein Geometer leitet die Arbeiten. Vor sich auf hohem Dreifuß den Theodolithen, stellt er bald dessen Fadenkreuz ein auf den Hauptstrich der grell gescheckten Visirstangen seiner Gehülfen, bald notirt er die Winkel, die mit der Stabkette gemessenen Abstände, oder trägt die errechneten Flächenmaße ein in die Karte auf seinem Feldtisch und läßt dann auf jedem Bauplatz ein Täfelchen aufrichten mit der Angabe seiner Größe in Quadratmetern.

In der Mitte der nördlichen Langseite des Rechtecks verabschiedeten sich eben von einander zwei Männer mit kräftigem Handschlag. Der eine war der Eigner des Terrains; der andere, ein hochgewachsener junger Mann mit wettergebräuntem Gesicht in eleganter Reitjoppe und sporenbesetzten Kniestiefeln, der Käufer der drei mittelsten, je dreißig Schritte breiten und von fünfzig bis zu siebenzig Schritte tiefen Baustellen auf dieser Sonnenseite.

Erst nachdem er sich mit dem kleinen Kompaß von ciselirtem Platin, den er an ungewöhnlich massiver goldener Uhrkette trug, überzeugt, daß hier die Hausfronten fast genau die gewünschte Orientirung haben und nach Südsüdwest blicken würden, war er mit Fragen nach dem Preise vor einigen Tagen in die Verhandlung eingetreten. Dann hatte er sich die Erlaubniß erwirkt, auf der mittelsten Baustelle einen Schacht bis unter die Grundwasserlinie teufen zu lassen. Die nicht nur mit der Zunge, sondern auch mit chemischer Analyse angestellte Prüfung des Wassers war zu seiner vollen Zufriedenheit ausgefallen. Heut' erst war die Einigung erfolgt, auf dem Feldtisch des Geometers die Punktation unterzeichnet, mit einer Handvoll Banknoten die Zahlung des Angeldes geleistet und quittirt worden. Beide Theile waren zufrieden. Der Verkäufer hatte für die drei Plätze noch etwas mehr gelöst, als ihn vor etlichen Jahren das ganze Terrain gekostet, und der Käufer fand den gezahlten Preis unerwartet mäßig.

Vergnügt umschritt er den erworbenen Baugrund und sah im Geiste hier das umgitterte Vorgärtchen mit farbenreichen Teppichbeeten, dort das Haus, das er plante, dahinter die gelbbesandeten Gänge, den Sammetrasen, die Gebüsche, die trauliche Laube, die Zier- und Fruchtbäume des Gartens; dort endlich auf den zwei zusammengelegten westlichsten und tiefsten Plätzen das beabsichtigte weit größere Gebäude.

Aus Amerika hatte er Skizzen mitgebracht von einem dort fertig vorgefundenen Bau verwandter Gattung, der ihm theils nachahmenswerth erschienen, theils wenigstens lehrreich zur Vermeidung ähnlicher Mängel. Jetzt entfaltete er die Zeichnung, welche ihm ein bewährter Baumeister nach diesen Skizzen und seinen Aenderungsvorschlägen angefertigt hatte. Er versuchte sich diesen ersten Entwurf verwirklicht vorzustellen und sann, was an ihm ferner zu verbessern sei.

Dabei jedoch widerfuhr ihm, was auch dem entschlossensten Thatmann selten erspart bleibt, wann er nach reiflichem Erwägen aller für und wider sprechenden Gründe endlich den Schritt gethan hat, mit dem ein bedeutendes Unternehmen unwiderruflich geworden ist. Wie ein geschlagenes Heer sich vom Rückzugsgefecht nochmals aufrafft zu energischem Vorstoß, so erheben sich dann die niedergesiegten Bedenken und versuchen, den fertigen Beschluß mit einem letzten Angriff nochmals zu erschüttern.

So erlitt nun Arnulf einen Rückfall in jene amerikanische Nüchternheit, von der ihn das Geburtstagsgeschenk der Mutter, das photographische Album mit den Mahnsprüchen seines alten Freundes Mottwitz, begonnen zu befreien, doch erst Hildegard's Erscheinen ganz erlöst hatte. Denn der Vorsatz, der ihn zumeist über den Ozean getrieben und jenseits hineingespornt in ein rastloses Ringen und Wagen, war ihm im gefahrvoll gesteigerten Rausch der Dollarsucht fast schon vorgekommen wie eine Thorheit, nachdem er über Verhoffen rasch reich genug geworden, um ihn ausführen zu können. Gleicht er nicht – hatte er sich damals gesagt – einem Unterfangen, etwa aus Schwänen rückzüchtend einen Plesiosaurus der Vorwelt wieder lebendig zu machen? Plane ich – so dachte er jetzt – nicht dennoch Aehnliches, wie vor wenigen Jahren die hochweisen Stadtväter mit dem bereits wieder niedergelegten Bau des Neuthors?

Doch nicht allein der Gewissenszuruf, daß er ja schon auf Gemeinde- und Familienbeschluß zu handeln habe, ließ ihn diese nachzüglerischen Einwände sogleich unterdrücken. Auch er war ja keineswegs leer ausgegangen im ungeschriebenen Vermächtniß der langen Reihe seiner geistlichen Vorfahren. »Wär's auch nur um Bruder Ulrich eine Freude zu machen!« murmelte er vor sich hin. »Das ist auf alle Fälle Grund genug für mich, auch nach Humboldt und Darwin dasselbe zu thun, was die Porphyrtafel unter dem Chorfenster der Sebalduskirche berichtet von unserem Urahnen Udo dem Kreuzfahrer.«

Gerufen von dieser Vorstellung tauchten jetzt Familienerinnerungen, jüngste Erlebnisse und Zukunftsträume in ihm auf und weckten in seiner lebhaften Phantasie ein wogendes Bilderspiel. Er sah sich um nach einem Sitz, auf dem er seinen Gedanken zusammenfassend Audienz geben könne. Bestgeeignet schien ihm ein fünfkantiger Basaltschaft, der beim Teufen des Brunnenschachtes zu Tage gefördert war und der ausgeworfenen kleinen Kieshalde mit einem Ende in bequemer Bankhöhe entragte.

Die Grabenzieher hatten ihre Spaten und Schippen, die Schnitter ihre Sensen geschultert und waren heimgegangen, nach ihnen auch der Ingenieur und seine Gehülfen, beladen mit dem Feldtisch, der Meßkette, den bunten Visirstangen und dem zusammengelegten Dreifuß des eingepackten Theodolithen.

Arnulf sah sich allein, so weit er blicken konnte. Kein Arbeitsgeräusch, keine Gestalt mehr zog ihn ab von seinem Gegrübel. Einen Stich in's Gelbe gefärbt und immer weniger blendend sank die Sonne dem Horizont entgegen, in diesen letzten Maitagen bereits um einen beträchtlichen Winkel nordwärts vom Westpunkt. Ihr nachschauend flog er mit ihr zurück über den Ocean. Die Anschauungen der Meerfahrt erneuten sich in fast zeitlos geschwinder Folge. Er stand wieder im Bugkorb über dem Galeon, in Bögen von oft vierzig Fuß und mehr auf und nieder geschaukelt, und sah die Sturmwogen mit weißen Schaumkämmen, deren Höhe von der tiefsten Mulde bis zum obersten Scheitel er dort so oft zu schätzen und mit dem Taschensextanten zu messen versucht. Er sah bei blauendem Himmel die Tümmler zu zwölft und mehr in erstaunlich genau eingehaltener Frontlinie den Dampfer begleiten, nach regelmäßigen Pausen alle zugleich, wie auf ein Signal, an eine Reihe schwarzweißer Soldaten erinnernd, im Bogensprung aus der Welle schießen und ihre Augen mit unverkennbarer Neugier richten auf das dahinbrausende Ungeheuer menschlicher Kunst. Er schaute wieder das im Wirbelschaum hinter der Schraube blitzhaft sprühende Meeresleuchten, das in so mancher Nacht die Kielfurche meilenweit rückwärts bezeichnet hatte mit weißlich schimmerndem Nachbilde der droben am Himmel von Sonnenstaub gewölbten Milchstraße. Er landete drüben; er glitt in schwimmenden Palästen die Riesenströme hinunter; er hörte die dort nicht schrill pfeifende sondern stiergleich brüllende Lokomotive und sauste hinter ihr durch weglose Urwälder, unermeßliche Prärieen, schauerliche Salzwüsten und den Sommerschnee des Hochgebirges von Stadt zu Stadt, von der Versammlung salzloser Meere, die das welteinzige Wasserwunder Niagara speisen, bis zur Mündung des Vaters der Ströme, vom atlantischen Ocean nach den Bergwerken Nevadas und Kaliforniens bis zum goldenen Thor am Gestade des Stillen Meeres. Noch einmal durchmaß er alle Stadien des drüben jahrelang mitgemachten Wettlaufs nach Reichthum und erneute sich erinnernd seine oft bis zum Schmerz fieberhaften, aber dennoch mit ihrem dämonischen Reize so lebenfüllenden Spannungen. Er gedachte der beruhigenden Lust des schließlichen Gelingens, der wieder in den Vordergrund getretenen idealeren Vorsätze. Er sah Hildegard ihre Füße trocknen im warmen Sande und maß ihre Stapfen. »Gute Nacht, Herr Arnulf Sebald!« hörte er sie wieder forteilend ausrufen wie in der Nordlichtnacht. Er wiederholte endlich die jüngste Heimfahrt. Er gedachte der Gesellschaft an Bord und zuletzt der entsetzlichen Katastrophe im Sankt Georgs-Kanal, aus der seine Umsicht und Energie sich im Grafen einen verehrungswürdigen Vater, in Hildegard eine Braut gerettet, die jetzt als Gemahlin seine Freude am Leben verzehnfachte und ihm jüngst mit schamhaft geflüstertem Geständniß die neckische Prophezeihung am Morgen nach der Hochzeitsnacht zu erfüllen und sein berauschend reiches Glück nochmals zu verdoppeln verheißen hatte.

Solche Visionen der Erinnerung führten ihm das letzte Lustrum seines Lebens in wenigen Minuten vorüber.

Jetzt aber wurden sie abgelöst von fesselnden Wahrnehmungen des Kleinlebens der Natur, die sich seinen fast unerhört scharfen Augen in der nächsten Umgebung darboten.

Mitten im freigemähten Gang, unweit eines eingeschlagenen Holzpflockes, tauchte eine Maulwurfsgrille aus der Mündung ihrer Erdröhre. Lange zurückgehalten durch das Arbeitsgeräusch in ihrer Nähe, wagte sie sich nur vorsichtig langsam hinaus und erklomm zögernd den Wurzelstumpf einer Kornblumenstaude. Da reckte sie das breite, horngepanzerte Brustschild mit den darunter angegliederten, rechenartig bezahnten Grabscheeren in die Höhe und drehte den eingepfannten Kopf hin und her. Die fein zugespitzten zolllangen Fühler wirbelten in Trichterschwingungen herum und verriethen ihre Aufregung. Mit den glänzenden Augenperlen hielt sie verwundert Umschau in der veränderten Nachbarschaft ihrer Hausthür. Als aber, gelöst vom Druck des sitzenden Zuschauers, unter seiner Basaltbank ein Kieselchen von der Brunnenhalde hinabrollte, da war dies leise, für Menschenohren kaum vernehmliche Geräusch für den so feinhörigen als ängstlichen Erdkrebs laut genug, um ihn zu erschrecken und anzutreiben zu hastiger Rückflucht in die unterirdische Wohnung.

Da sah er eine Hummel geflogen kommen mit der für heute letzten Tracht Honig. Ihre kammbesetzten Beinschienchen waren dick umhost von dem gelben Pollen, den sie zusammengerecht von den Antheren des Frühjasmin und der Weißdornblüte. Lange suchte sie vergeblich nach dem Eingang ihres Baues, bis sie denselben zusammengedrückt entdeckte in der Spur eines Stiefelabsatzes und sich eifrig an's Werk machte, ihn gangbar zu erweitern. Noch im letzten rothen Randschein der Sonne klommen Ameisen auf die grünen Weizenstoppeln, um oben aus der Schnittwunde ein Schlückchen zu saugen von ihrem farblosen Blute, dem süßen Zuckersaft.

Jetzt erlosch hinter dem azurblauen Gebirgsrücken im Nordwesten auch der feine Sternpunkt des obersten Sonnenrandes. Rasch umzogen sich nach diesem Scheidegruß Himmel und Erde mit jenem Dämmergemisch aus erbleichendem Abendroth und jenem stahlgrauen Schatten, den sich die heraufschleichende Nacht vom östlichen Horizont voraufsendet.

Mit willkommenem Zauber lullt dies Zwielicht auch den Wachenden ein in eine selbstvergessene Schlummerstimmung. Auch in ihm dämpft sich das grelle Tageslicht des nüchtern urtheilenden Verstandes allmälig ab zum Halbdunkel der erfindsamen Phantasie. Ihre Bilder werden immer weniger überblendet und fortgeschreckt von den Bildern der zuvor so aufdringlichen, jetzt überflorten Wirklichkeit. Ohr und Auge melden nicht mehr unvermischt, was sie hören und schauen, sondern verweben es mit umgekehrt nicht von außen, sondern von der magischen Laterne der Erinnerung empfangenen Gebilden und verwandeln ihren sonst so getreuen Bericht in eine Erzählung wundersamer Märchen.

So erging es jetzt Arnulf. Er sah ein Gewimmel winziger Gestalten hervorkriechen aus dem Loche der Hummel, aus dem Höhlengange der Maulwurfsgrille, aus dem Kegelbau, den dort am Grenzrain die Ameisen fußhoch aufgeschüttet und versehen hatten mit einem Netze sternartig verlaufender Sträßchen. Sie versammelten sich zahllos unweit der Brunnenhalde auf der runden Lichtung, die er vom mittleren Gang aus in den jungen Weizen hatte hineinmähen lassen. Aber es waren nicht Grillen noch Hummeln, nicht Käfer noch Ameisen, sondern käfer- und ameisengroße Menschlein in Handwerkerkleidung.

Da führten Gärtner als Spaten die Grabscheere der Grille, als Rechen ein kammbesetztes Hummelbein. Als Hütchen hatten sie sich die gelben, hochroth umfransten Mittelschälchen der Narzissen auf den Kopf gestülpt. Da schritten Maurer mit Kellen von Glimmerplättchen und Mörtelmulden aus Hälften der Akazienschote. Die Mehrzahl bildeten bärtige Schmiede in Schurzfellen, geschnitten aus dem dunkelvioletten Bartblatt des Stiefmütterchens, Raspeln und Feilen führend von Gerstenrispe, in den Händen Hämmer mit Mäusezähnen zum Kopf, an Stielen von Schlehdornstacheln.

Dort, nahe dem Rande des Brunnenschachtes, brach jetzt der zollhohe Thurm von geringelten Erdwürstchen über einem Wurmrohr nach zwei Seiten auseinander. Heraus wanden sich zwei Regenwürmer, mit Geschirr von Spinnweb eingespannt vor einen Schlitten von der goldgrünen Flügeldecke des Puppenräubers auf Kufen von den Kielen zweier Daunfedern eines Zaunkönigs. Auf dem Polstersitz von gefilzten Spitzmaushaaren, über sich als Baldachin das Hütchen eines Pilzes, saß darin der Altmeister der Erdzwerge. Den zogen seine schlangengestaltigen Rosse mitten hinein in die Versammlung seiner ehrerbietig grüßenden Gesellen.

Einige von diesen brachten aus dem nahen, grünüberwachsenen Grenzgraben ein zirkelrundes Blättchen Entenflott. Dann lehnten sie neben eine der höchsten, glatt abgemähten Weizenstoppeln als Leiter die Fieder einer Schafgarbe, stiegen empor und breiteten das Schwimmblatt der Wasserlinse als Podiumteppich über die Oeffnung des Halmstumpfes.

Der grauköpfige Altmeister kletterte auf die bereite Plattform. Wie im waldigen Westen Amerikas der Stumpredner vom glatt abgesägten Stamm des Zuckerahorns, so begann er von der Höhe der Stoppel herunter zu reden:

»Ehrwürdige Meister, hochachtbare Altgesellen, wohlehrsame Burschen und löblich gehorsame Lehrlinge unserer uralten Gilde! Erschütternde Begebenheiten haben Uns bewogen euch herzuentbieten zu diesem Allgedinge. Während mehrerer Tausende von Jahresläufen haben wir auf dieser Stelle des Erdsterns unsere Arbeiten verrichtet in der hergebrachten Ordnung. Mit fügsamer Geduld warteten wir in der Tiefe, bis das zweibeinige Riesengeschlecht mit seinen vierbeinigen Sklaven, den gehörnten und ungehörnten Ungeheuern, die Tagschicht des Bodens für das Wasser des Himmels und die wärmenden Strahlen mit Pflug und Egge gelockert und geöffnet.

Erst wann der Sämann die Körner warf, stiegen wir höher um jegliches zu drehen und wenden, bis es gebettet war in gedeihlichster Lage. Wann sich oben der Keim und unten die Wurzel durch die Schale Löchlein gepickt, dann mischten wir staubfein zermalmtes Gestein und zerpulverte Blätter des Vorjahrs mit Thautropfen zur Pflegekost, um auch nach Verzehrung des Mehldotters das Pflänzchen nicht hungern zu lassen.

Doch ihr kennt ja unsere Künste von der ersten bis zu den letzten, der Markbereitung und der Schmiedung der Aehrenkrone aus glasigem Kieselsaft und leuchtendem Sonnengold. Ihr wißt auch, wie neidlos wir uns mitgefreut, wann hinter dem Schnitter die Binderin in rothem Kopftuch die segenschweren Hamfeln zu Garben band und in Hocken setzte; wie wir ausruhend vom rastlosen Fleiß aus unseren Kellerfenstern achtsam gelauscht auf den frohen Gesang der Männer und Mädchen, wann der letzte Wagen schwer beladen von dannen schwankte und an der Stange hoch über ihm die Erntekrone von Aehren schaukelte, von bunten Bändern lustig umflattert.

Dann hatten wir unsere Feiertage bis zur Wiederkehr des Pfluges. Vergnüglich schauten wir zu, wie unsere Weber, Seiltänzer und Luftschiffer von Stoppel zu Stoppel schimmernde Silberfäden spannten und in verliebten Spielen darauf herumgaukelten, bis der Herbstwind ihr Gespinnst zerzauste und zu Flockenkörbchen ballte. Da setzten sie sich verwegen hinein, befahlen uns mit dem Ausruf »los« auch das letzte Seidenseil abzuschneiden, das ihre umherwirbelnde Gondel noch festhielt an einem Halmstumpf, und segelten durch die blauen Lüfte von dannen auf Nimmerwiedersehen. Doch nach uraltem Brauch entließen wir sie willig, damit sie weit entfernten Brudergilden erzählen könnten von uns. Wußten wir doch, daß uns Erwiederung bevorstand, daß auch auf unserem Gebiet mancher Insaß eines Luftschiffs von fliegendem Sommer, hängenbleibend an einem Heckenzweig, an der Hächel eines Klettenhaupts, landen würde und auch wir dann ergötzt lauschen dürften auf des zugeflogenen Gastes Wunderbericht von entlegenen Landen und dortigen Werken unserer Sippe.

Hier ist es jetzt auf immer vorbei mit freudiger Arbeit wie mit Feiertagslust.

Niedergemäht noch eh' sie geblüht ist die grünende Saat, und das mitleidlos, bevor wir es halb vollendet, bereits vernichtete Werk unserer schaffenden Kunst ist in diesem Gebiet für unendliche Zeit das letzte gewesen.

Nutzlos fortan ist unser Marstall von vielen tausend schlangengestaltigen Rossen, mit denen wir unterirdisch pflügten und unseren Pfleglingen die feinste Speise bereiteten. Unverwendbar wird die Meisterschaft der Mehrzahl von euch. Nur für die Gärtner wird da und dort ein Fleckchen frei bleiben. Aber auch nicht zum ernsten Schaffen von Mark, das im Leibe der Erdengötter sehend werden soll als bewußte Weltfreude, sondern lediglich zu Spielwerk für eitle Augenlust, zu übermästeten Blüten, die niemals Frucht geben, sondern, kaum entfaltet, geschnitten werden, um hinsterbend ein Stündchen zu vergnügen mit rasch erblassendem Farbenprunk und dem Aushauch ihrer armen Seelen.

Ueberall sonst soll dieser gesegnete Fleck des Erdsterns nie mehr den belebenden Mütterkuß der Sonne zu fühlen bekommen, sondern verurtheilt sein zu kalter ewiger Nacht unter aufgethürmtem Gemäuer.

Wollet ihr euch fügen in das Schicksal, zugedeckt mit erdrückender Steinlast zu schlafen bis zum jüngsten Tage?

Lasset uns ausziehen! Senden wir Kundschafter in die Umgegend, um eine Stätte zu suchen, wo wir das altgewohnte Geschäft fortsetzen können und im Kornacker auch für uns neue Häuser finden.«

»Ehrwürdiger Meister, das geht nicht an!« rief ein Gärtneraltgesell ans der Mitte der Versammlung. »Auf gezäumter Hummel hab' ich einen Luftritt unternommen und weithin Umschau gehalten. Ohne Rast bis zum vierten Vollmond könntest Du fahren in Deinem Wurmschlitten und fandest überall die Aecker noch weit ärger verwüstet als hier, ja, zumeist schon übermauert. Hier bleibt's immer noch am besten für uns. Hier behalten wir Stätten genug für die Ausübung unserer Künste.

Müsset ihr denn durchaus nur Weizenähren schmieden? Den Stamm der Kastanie zu thürmen; ihre Zweige zu schmücken mit breiten Fünfblattfächern; wie die Menschen ihre Weihnachtstanne mit Wachslichtern, so ihre üppige Laubkrone regelvoll zu bestecken mit stolz aufrechten Kerzen weißer Blüten mit purpurnem Herzfleck; den Rothdorn mit hunderttausend Röschen, die Syringe mit Trauben violetter Näglein über und über zu behängen und aus Sonnengold die anmuthvoll gesenkten Dolden des Goldregens zu bilden: – das ist auch vergnügliche Arbeit.

Die erwartet man von uns dort auf dem langen Viereck in der Mitte. Ich sah es, da meine Hummel über ein bemaltes Papier hinsummte, das neben dem Mann mit dem blanken Sehrohr auf dem Tische lag.

Ich weiß noch mehr, viel mehr. Denn dort auf dem Gipfel der Halde, an welcher ihr den Zweibeinriesen mit geschlossenen Augen auf dem Basaltstück sitzen sehet, da stieg ich ab. Während mein Luftroß die zertretene Stallthür aufgrub, biß ich von diesem unterwegs gepflückten Enzianglöckchen die Trichterspitze ab, steckt' es mir ein als Hörtrompete, kroch dem Träumer behutsam in's Ohr und erlauschte seine geheimsten Gedanken.

Eine wunderschöne Frau mit goldig schimmerndem Haar und kohlschwarzen Sichelbrauen wird hier wandeln in buchsumsäumten Kiesgängen, über üppig grünen Rasen und sich ergötzen am Liede der Amsel. Sie wird sich freuen der Blüten, der keimenden, schwellenden und rothbäckig reifenden Früchte edelster Obstbäume. In lauschiger Laube wird sie sitzen mit ihrem Liebsten und andachtsvoll horchen, wann er redet vom ewigen Weltgeheimniß. Hier, wo wir versammelt sind, werden reizende Kinder spielen auf hochgeschüttetem Sandhaufen. Dort wird sich, frei blickend nach allen Seiten, ein Thurm erheben mit gespaltener Kuppel; den ersteigen sie zu Zweit, wann die heilige Nacht den Weltenabgrund aufschließt mit seinen Millionen von Sonnen.

Dort endlich, auf dem größesten Platze gen Westen, da wird mit sein gemeißeltem Steinschmuck, lindenumschattet und epheunmrankt, ein wundersamer Bau emporsteigen mit hohen Fenstern, die das Sonnenlicht roth, blau und golden färben, wann es hindurchscheint und drinnen ein dornengekröntes Dulderhaupt an großem Kreuze sichtbar macht.

Entzückt wie noch niemals zuvor werden wir dann majestätischen Tönen lauschen, die aus dem Innern hervorquellen, und anderen Klängen, die von oben herunter dröhnen, metallisch gewaltig, wie …«

Er vollendete nicht. Denn wirklich durchhallten jetzt die Lüfte metallisch gewaltige Klänge, ein tiefes Gedröhn, harmonisch verbunden mit helleren Lauten.

In die Erde versunken war die Versammlung der Alfen.

 

Arnulf fuhr sich mit der Hand über die Augen, sprang empor von der Basaltbank auf der Brunnenhalde und lauschte.

Die Glocken im Thurm der Sebalduskirche läuteten den Vorabend des Pfingstfestes ein.

Ihm aber offenbarte sein andachtdurchzittertes Herz, daß die lange Reihe seiner Ahnen vom Kreuzfahrer Udo bis zum Reformator Dietleib, von jenem vertriebenen Ulrich bis zu seinem Vater, ihm, dem Enkel für den fertigen Beschluß, dem abermals vertriebenen Bruder Ulrich das neue lichtere Heiligthum zu bauen, ihren Segensgruß zurief mit der ehernen Stimme des alten Gotteshauses.

Ende
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