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Die Sebalds. Zweiter Band. Exodus

Wilhelm Jordan: Die Sebalds. Zweiter Band. Exodus - Kapitel 16
Quellenangabe
typefiction
authorWilhelm Jordan
titleDie Sebalds. Zweiter Band. Exodus
publisherDeutsche Verlags-Anstalt
printrunDritte Auflage
year1904
firstpub1885
correctorreuters@abc.de
senderbruce.welch@gmx.de
created20150715
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Dreiunddreißigstes Kapitel.

An der alten Eiche.

 

Lasset nun zur letzten Krönung
Eurer glücklichen Versöhnung
Noch ein Festspiel euch erbauen.
Lernt vom Rückblick mit Vertrauen
Vorwärts in die Zukunft schauen.

 

Mehrere Tage nach dem Colloquium wandelten Hildegard und ihr Verlobter, begleitet vom alten Förster, vom Schloß zu Sebaldsheim landeinwärts auf dem Fußpfade, der jenseits der nächstliegenden Feldmark erst durch einen Lindenhain führte, dann über die Wiese zwischen dem Hochwalde und der ehemaligen Buchenschonung hinlief. Letztere war inzwischen dieser Benennung entwachsen zu einem Gehölz von hochwipfeligen und mehr als fußdicken Stämmen.

»Hier,« sagte Arnulf, »müssen wir wohl vom Fußsteig links ausbiegen, um zu der alten Eiche zu gelangen, bei der wir einander als Kinder zum ersten Mal gesehen haben. Doch ich fürchte fast, sie steht nicht mehr. Schon damals war nur noch ein einziger Ast belaubt. Von den anderen sah man einige verdorrte Stümpfe. Vom Stamm hatten sich etwa drei Viertel des Rindenmantels erhalten, inwendig schuhdick gefüttert mit vermorschten, torfig lockeren Holzresten. Diese ausgehöhlte Schale mit mehr als klafterbreiter Lücke bildete ein Gemach, wohl geräumig genug, um zehn bis zwölf Personen darin zu setzen, ja, vielleicht zwei Reiter mit ihren Rossen zu verstecken. Freilich hab' ich erst jüngst erlebt, wie kleingeschrumpft gegen das Erinnerungsbild man die Wirklichkeit finden kann. Indeß entsinn' ich mich, daß Mottwitz den Baum auf allermindestens siebenhundert Jahre schätzte. Der eine noch lebendige Ast war so dick und so weit ausgestreckt, daß man kaum begriff, womit das alterschwache Borkengerüst seine Last bei solcher Hebellänge noch tragen konnte.«

»Ist auch längst aus der Achsel gebrochen,« bemerkte der Förster. »Gegen den Tod aber wehrt sich der Waldgreis noch immer. Dicht über der Ausschwellung der Wurzel, die jenem letzten Ast den Saft zuführte, hat er einen Schößling getrieben. Der ist schon drei Finger dick und trägt auf hübsch ausgezweigtem Wipfelchen Blätter, gut dreimal so groß als die gewöhnlichen. Dem Alten geht's wie mir. Ihm gefällt's in der Welt. Will's nochmals ein halb tausend Jährchen versuchen. Werden's ja sehen, gnädigster Herr. Kommen's nur, führe Sie strack hin.«

Damit schritt er voran und hinein in den hier ziemlich lichten, in weiten Zwischenräumen von vereinsamten Veteranen bestandenen, von Unterholz und jungem Nachwuchs größtentheils freien Hochwald.

An Arnulf's Arm dem Förster langsam folgend, sagte Hildegard:

»Gesteh's nur, mein lieber amerikanischer Oberst und auferstandener Junker Franz! In Deinem überschlauen Tyrannenkopf, der Dich lehrt, uns Alle nach Belieben um den Finger zu wickeln, ehe wir's nur merken, hast Du mehr auf dem Korn mit diesem Spaziergang, als Du mir vorgespiegelt. Sagt mir der Schelm ganz unschuldsvoll, er wolle nur die Stätte unserer ersten Begegnung wiedersehen, und ich bin so gutmüthig, es auch zu glauben. Schwindel und Flausen! Es aufgängelte was in Deinem Gesicht, als der Alte des neuen Triebes erwähnte. Du willst einen Hauptschlag inszeniren an der hohlen Eiche. Errath' ich den? Hat Dir nicht soeben der junge Schößling die Schürzung der Komödie eingegeben?«

»O, Du gefährlichstes aller Frauenzimmer! Seit Du mich dummblinden Gesellen durchsichtig gefoppt hast auf dem Leviathan, sind die ungeborenen Vorsätze in meiner Seele nicht mehr sicher vor Deinen Farallones-Augen! Auf der Stelle sollen die mir's büßen. Ja,« fügte er hinzu nach eben so eifrig auferlegter als willig erduldeter Buße, »ja, Du hast es getroffen, weiblicher Ausbund in der Spiritistenkunst des Gedankenlesens.«

»Deine Verwunderung ist eigentlich beleidigend. Hast Du mir nicht bekannt, den Namen Onkel Ulf auch verdienen zu wollen? Hast Du mich nicht verleitet, Dir sakrilegisch in der Reliquienkammer Stoffpröbchen zu schneiden? Danach müßt' ich doch dummblind sein, um nicht zu merken, was Dein Gesicht verrieth bei der Schilderung des Försters. Weihe mich also ganz ein in den Zusammenhang Deines Anschlags mit der alten Eiche.«

»Warte, bis wir an Ort und Stelle sind. Da sollst Du mir helfen, das Stückchen reif zu planen.«

Das geschah unter Mittheilung des Geheimnisses an den Förster. Ueberglücklich und mit rührendem Eifer zeigte dieser sich bereit, alle Vorkehrungen treffen zu helfen. Auch stellte er sein ganz in der Nähe gelegenes Waldhaus zur Verfügung und versprach, seine beiden Kühe zweimal vierundzwanzig Stunden im Dickicht übernachten zu lassen, um in ihrem Stall die zu erwartenden vierbeinigen Gäste zu beherbergen.

Als Arnulf heimgeritten, nahm Hildegard ihr Nähzeug, ein Päckchen aus Odenburg bestellter Stoffe und einen langgefalteten Papierstreifen, den ihr Verlobter in seiner Brieftasche mitgebracht vom Inhaber des Konfektionsgeschäftes für Knaben: ein Schneidermaß mit verschiedenen Kerbchen, Querstrichen und daneben stehenden erklärenden Inschriften. Damit begab sie sich in ein weites Gemach im dritten Stock des Schlosses, die Kostüm-Reliquienkammer.

An rings die Wände umlaufenden Pflockleisten hingen da, zweimal monatlich auf das Sorgfältigste ausgeklopft und gebürstet, Anzüge aus mehreren Jahrhunderten, von Mitgliedern der Familie einst getragen bei besonders festlichen Gelegenheiten oder denkwürdigen Erlebnissen. Da sah man Hochzeitskleider von Urmüttern und Urvätern, Uniformen mit den Ehrenzeichen, die sich ihre Träger erkämpft, auch mehr denn eine durchlöcherte mit dunkelbraunen Blutflecken; so auf dem letzten Pflock vor den wenigen noch unbehangenen, die Lieutenantsuniform, in der Lothar gefallen.

Sie verschloß die Thür hinter sich, öffnete die Fenster, um durch frische Luft den bedrückend starken Geruch nach mottenwehrendem Kampher zu ermäßigen, hakte von dem vorletzten der behangenen Pflöcke den Knabenanzug, von dem sie schon vor einigen Tagen Stoffpröbchen für Arnulf geschnitten, breitete sowohl diesen, als das mitgebrachte Zeug aus auf dem großen Eichentisch in der Mitte des Gemachs, rückte sich einen Holzstuhl heran und blieb stundenlang emsig beschäftigt mit Schneiderarbeit.

Zwei Tage später führte dem Waldhause des Försters ein Einspänner zwei Gäste zu, einen großen graubärtigen, der sich Rittmeister tituliren ließ, und einen sehr jugendlichen kleinen. Vom Kofferbrett hinter dem Wagen ward eine Holzkiste losgeschnürt und aus dieser ein kleines Harmonium ausgepackt.

Bald darauf erschien ebendaselbst ein Reitknecht, einen gescheckten Pony am Zügel führend, er selbst reitend auf dem berühmten Ehrenmitgliede des Odenburger Stadttheaters, das im »Tell« den Geßler, in der »Stummen« den Masaniello zu tragen, und in der »Walküre« mit Brunhild in die Flammen zu setzen pflegte, der Schimmelstute »Lulu«, einem Wesen von unanfechtbarer Ruhe, unerschöpflicher Geduld und so vollendeter Bildung, daß auf ihrem Rücken der grünste Novize ohne alles eigene Verdienst völlig sicher saß und sogar meisterlich vertraut schien mit allen Figurenritten und Gangarten der Schule, falls nur der Rittmeister in Hörweite stand und ihr beim Vorüberkommen die Kommandoworte in die nach ihm hin gespitzten zierlichen Ohren flüsterte. Direktor Zalesky hatte dies Pferdejuwel verkauft, mit schwerem Herzen, aber gehorsam der unverbrüchlichen Tradition, auch das beste Roß niemals wieder auftreten zu lassen, wenn ein von ihm aus gewagter Saltomortale diese Benennung in schrecklicher Wörtlichkeit verdient. Wann Lulu, mit dem eigens für sie gebauten, mitverkauften platten Kunstreitersattel beschirrt, in die Rennbahn mit genau abgemessenem Cirkel geführt wurde, dann war es geübten Reitern schon mehrmals gelungen, ohne allen Vorunterricht für diese Leistung auf ihr sogar stehend herum zu galoppiren.

Nachdem noch ein Omnibus von Odenburg ein kleines Orchester von zwölf Musikern herbeigeführt, die man auf mehrere Tage in Dienst genommen, dann auch Arnulf, Hildegard, Ulrich und Cäcilie erschienen waren, fanden bei der alten Eiche Proben statt, die nicht nur heute bis zum Abenddunkel, sondern auch am folgenden Tage noch mehrmals wiederholt wurden.

Am nächstfolgenden saßen an der Mittagstafel des Grafen außer den beiden Brautpaaren auch Frau Sebald, Herr Fernando Mendez, Doktor Mannheimer und Mottwitz.

Wie sehr auch den Schloßherrn seine Tischnachbarin, die Pfarrerswittwe, bezauberte, das bewies er kurz vor Aufhebung der Tafel unverhohlen mit einem Ausspruch, den für die übrige Gesellschaft unhörbar zu halten er nicht im mindesten bemüht schien:

»Schade, schade, Frau Base, daß wir Beide schon gar zu weit vorgerückt sind im vernünftigen Alter! Noch niemals im Leben hat mich eine Frau so fest überzeugt vom sicheren Glück eines dauernden Zusammenseins mit ihr.«

»Das hör' ich gern, Herr Vetter, und muß doch sagen, es ist thörichte Rede. Warum schade? Mir gefällt die Matronenzeit so ausnehmend wohl, daß ich noch niemals etwas gespürt habe von der eiteln Sehnsucht nach rückwärts. Kann das Lied von der allein seligen Jugend nicht mitsingen. Sie haben ebensowenig Ursache dazu. Wir Zwei zum Duett vollends gar keine. Gehören wir nicht nah' genug zusammen als Vater und Mutter unserer Kinder? Ein eigenes Heim kann ich nicht entbehren, Sie dies Schloß auch nicht. Aber was hindert uns denn, uns an einander zu freuen, so oft es uns beliebt? Denn ich sag's ungescheut heraus, lieber Vetter, Sie behagen mir auch so gut, daß es weiland unter Umständen bedenklich hätte werden können. Doch Sie sehen,« setzte sie nach rechts deutend hinzu, »damit hab' ich mich schon verschnappt. Mein Nachbar zur Rechten hat's gehört und wird eifersüchtig. Beruhigen Sie sich, Herr Mendez. Hab' Ihnen ja schon ähnlich geantwortet auf etwas leiser für die Frau Weißkopf angeschlagene Noten aus derselben Tonart.«

Gleichzeitig führten der Graf ihre linke, Mendez ihre rechte Hand an die Lippen. Letzterer, aus dem vom Rabbiner um ihn herumgesponnenen Cocon längst ausgeschlofen zu voller Freiheit wie mit vormals ungeahnten Falterflügeln, bemerkte:

»Herr Graf, Sie müssen wissen, daß ich dieser einzigen Frau nicht nur eine Tochter und einen lieben Sohn, auf den ich stolz bin, verdanke, sondern obendrein auch noch eine – Tasse Chokolade.«

Die Neugier des Grafen auf die Erklärung dieser überraschenden Wendung blieb einstweilen unbefriedigt. Die Flügelthür ging auf und der Odenburger »Rittmeister« trat ein, kostümirt als Direktor einer Kunstreitergesellschaft:

»Die Herrschaften werden ergebenst eingeladen, sich in den Hochwald zur alten Eiche zu verfügen, um dort der Vorstellung einiger Mitglieder meiner Gesellschaft beizuwohnen, die mit einer Prologszene eröffnet werden soll.«

Unten auf dem Wirthschaftshofe fand die Gesellschaft einen Landauer, auch einen Jagdfourgon für die Dienerschaft und eine Anzahl von Körben mit Erfrischungen, fertig angespannt. Nachdem in den ersteren Cäcilie, Hildegard, Ulrich, Arnulf und der Rittmeister eingestiegen, dieser mit dem Bocksitz neben dem Kutscher vorlieb nehmend, eilten die beiden Fuhrwerke in schärfstem Trabe ihrem Ziele zu. Für einen leichten Omnibus mit seitwärts offenem Sonnenbaldachin wurden eben erst die vier trakehnischen Rappen aus dem Stall geführt und, wie der Graf zu bemerken glaubte, mit absichtlichem Zögern vorgelegt, so daß nahezu eine Viertelstunde verging, bevor in ihm der Schloßherr mit den anderen Gästen folgen konnte. Auch geschah das in einem Tempo, dessen Gemächlichkeit sich das feurige Viergespann vom langbärtigen Leibkutscher nur mit Ungeduld auferlegen ließ.

Auf dem freien Platz vor der alten Eiche war auf einem Gerüst von unentrindeten Buchenstämmen eine kleine Tribüne von zwei Stufen aufgeschlagen. Auf der Mitte der untersten stand nur ein Sitz, belegt mit einem Kissen von Moos und versehen mit aus Aesten geflochtener Arm- und Rückenlehne. Diesen ersuchte der Rittmeister den Grafen einzunehmen. Auf der gleichfalls mit Moos gepolsterten Bretterbank über und hinter ihm ließen sich Frau Sebald, Mendez, Mannheimer und Mottwitz nieder, während die beiden Brautpaare vorerst noch unsichtbar blieben. Kein anderer Zuschauer durfte nahen.

Dicht vor dem Sessel des Grafen, nur hier wie zum Tischdienst mit einer Holzplatte belegt, berührte die Tribüne die niedrige, von Pfählen und Planken gezimmerte Einfassung eines sorgfältig geebneten, mit Sand und Sägespänen bestampften Kreises. Der Eingang zu diesem Cirkus, statt mit einem Schrankenthor nur mit einem beweglichen, bogenförmigen Rundholz geschlossen, befand sich genau gegenüber der Tribüne, nur etliche Schritte entfernt von der jetzt durch einen Vorhang verdeckten Lücke in dem riesigen, noch etwa drei Klafter aufragenden Cylinder der hohlen Eiche. Vom Zuschauerplatz aus gesehen links neben der Oeffnung lehnte sich an den Baum eine winzige Bühne mit mannshoch über dem Boden befindlichem Podium. Die beiden Pfosten, zwischen denen eine faltige Gardine zu seitlichem Aufziehen hing, standen nur eine gute Thürbreite auseinander, als beabsichtige man immer nur eine, höchstens zwei Personen gleichzeitig auftreten zu lassen. Noch weiter links erblickte man das Stämmchen des jungen Eichenschößlings. Sein Laubwipfelchen mit saftstrotzenden übermäßigen Blättern, auch in diesen letzten Septembertagen noch unentfärbt, war geschmückt mit flatternden farbigen Bändern und auf der Spitze des Herztriebes mit einer Grafenkrone von Goldpapier. Rechts hinter der Eiche war eine Hütte von Tannengezweig theilweise sichtbar.

Während den Gästen auf der Tribüne Kaffee und Liqueur gereicht wurde, begannen, da es schon zu dunkeln anfing, der Förster und seine Gehülfen die buntfarbigen Ballons und chinesischen Papierlampen anzuzünden, die theils an stangengetragenem Draht rings um den Cirkus hingen, theils über der alten Eiche und auf benachbarten Bäumen angebracht waren.

Als man fertig war mit dieser milden, mitten im Waldesdunkel einer weihevollen Stimmung ungemein förderlichen Beleuchtung, ertönte aus der hohlen Eiche feierlich getragene Harmoniummusik. Frau Sebald und Herr Mendez erkannten sowohl die Choralmelodie als die unsichtbare Spielerin.

Die letzte Note war verhallt. Der Vorhang der kleinen Bühne wich auf die Seite. Auf ihr stand Arnulf, genau nach dem Bilde im gemalten Fenster des Schloßkorridors gekleidet und gerüstet, die hocherhobene Linke auf dem Kreuzgriff des echten Flambergs, mit dem Ritter Udo das heilige Grab erstreiten geholfen. Er sprach folgende Verse:

»Ich, der ich einst vor Ascalon
          euch Rang und Ruhm erstritten,
Der Gruft entstiegen hab' ich heut
          die Stätten rasch umschritten,
An denen ich mit Friedensfleiß
          für eure Zukunft baute,
Bis hier, wo meine Hand dem Grund
          die Eichel anvertraute.

Noch steht am Strom das Gotteshaus
          und in Porphyr gegraben
Verdanken gold'ne Leitern mir
          die reichen Stiftergaben.
Doch wehren will man's, daß in Uns
          Gott wachsend sich erneue
Und meinen Enkel treibt man aus
          für echte Glaubenstreue.

Erkennbar schaut von meiner Burg
          der Thurm noch in die Ferne,
So viel man auch hinzugefügt
          zum ersten kleinen Kerne
Doch ach! Die graue Sorge hör'
          ich schleichen durch die Säle
Und flüstern, daß dem stolzen Schloß
          ein werther Erbe fehle.

Erbangend muß ich hier nun schau'n,
          daß Jahre, Frost und Winde
Vom Gleichnißbaume des Geschlechts
          nichts ließen, als die Rinde,
Doch nein! Da seh' ich seinem Fuß
          das Stämmchen hier entsprungen
Und künde stolzes Aufersteh'n
          des alten Stamms im jungen.

Dich frag' ich, später Enkelsohn
          im Sitz mir gegenüber,
Warum ist wolkig deine Stirn,
          dein Blick ein gar so trüber?
Fast scheint es mir, du schaust mit Groll,
          wohl gar mit stummem Hohne
Auf diesen bunten Bänderschmuck,
          auf diese Grafenkrone.

Dem Ahnherrn und den Deinigen,
          sogar dir selbst erhören
Wirst du nun doch den liebsten Wunsch.
          Verstorb'ne herbeschwören
Soll dieser Stahl, daß dann dein Herz
          ihr Sendling sanft erweiche. –
Vernehmt den Weckruf meines Schwerts,
          erscheinet aus der Eiche.«
Er klopfte mit dem Kreuzgriff des Flambergs dreimal auf die Rinde des Baumes, die den alleinigen Hintergrund der flachen Bühne bildete. Während ihn selbst die Gardine den Blicken der Zuschauer entzog, wich der Portalvorhang auf die Seite. Ulrich erschien in der Uniform eines österreichischen Offiziers, jedoch zu Fuß, und trat nicht in den Cirkus, sondern blieb ein wenig seitwärts vom Eingang außerhalb an der Barriere stehen. Dann hob der Rittmeister den Schrankenbalken fort.

Ungefähr kostümirt wie weiland die verunglückte Arabella auf dem Sopha gelegen, sprengte Hildegard auf der Schimmelstute Lulu in den Cirkus und hielt, indem sie sich grüßend nach der Tribüne hin verneigte. Dann umritt sie die Bahn mehrmals im Schritt. Ulrich machte jedesmal, wann sie an ihm vorüberkam, Gesten eifrigen Werbens um Liebe, die aber von ihr mit denen kalter, zuletzt entrüsteter Ablehnung erwiedert wurden.

Jetzt gab sie dem Orchester einen Wink, worauf es in schnellem Tempo einen Kavalleriemarsch anstimmte. Das Pferd in Galopp setzend, schwang sie sich auf zum Stehen auf dem platten Sattel und machte so mit bemerkenswerther Sicherheit zehn oder zwölf Runden. Bei Beginn der letzten war Ulrich über den niedrigen Bretterzaun gestiegen. In seine Nähe gelangt, ließ sich Hildegard mit einem Aufschrei vom Sattel fallen und wurde von ihm aufgefangen. »Nun bin ich die Deine!« bedeuteten ihre Dankgeberden. Die Arme um seinen Hals geschlungen, ließ sie sich hinaustragen und der Vorhang rauschte wieder zu.

Nach kurzer Pause schmetterte eine Trompete das Signal zum Angriff. Dann folgte Schlachtmusik, die mehrmals mit Sologewirbel der Pauken Gewehrfeuer, mit vereinzelten Schlägen auf die große Trommel Kanonenschüsse andeutete und schließlich überging in den Trauermarsch Beethoven's.

Während der letzten Akkorde ging die kleine Hochbühne wieder auf. Nun stand auf ihr Cacilie in langwallendem weißem Faltengewande und purpurrothem Ueberwurf. Ihre nach der Schulter hinauf in den edelsten Linien zu maßvoller Fülle schwellenden Arme waren entblößt bis an die echt altgriechischen Achselspangen, die den malerisch geordneten Mantel tragen halfen. Sie hielt eine vergoldete Lyra. Ihr Haar war nach Muster antiker Frauenstatuen aufgeschneckt und geschmückt mit einem schmalen Kranz von großblätteriger Myrte. Diese Tracht und eine Pose von tadelloser Plastik verliehen ihrer Schönheit ideale Vollendung. »Hinreißend!« raunten einander Mannheimer und Mottwitz gleichzeitig zu. Frau Sebald drückte ihrem Nachbar Mendez die Hand und flüsterte: »Bin mit Ihnen stolz auf solch' eine Tochter.«

Ihre herzengewinnende Stimme nicht im mindesten anstrengend, fast leise und doch ausgezeichnet verständlich begann jetzt Cäcilie:

»Als Tonkunstmuse trat ich her,
          und meiner Unterthanen
Des Worts entbehrende Sprache ließ
          Begebenheiten ahnen,
Zu schmerzlich für dies traute Fest
          als vorgeführte Bilder.
Dich, Herr da drüben, bitt' ich nun,
          sei weise, richte milder.

Verachte Keinen, der mit Ernst
          die allerhöchste Stufe
Des Könnens zu erklimmen rang,
          auch wenn ihn zum Berufe,
Mit Leibeskraft und Leibeskunst
          der Augenlust zu frohnen,
Hinab vielleicht sein Schicksal zwang
          aus hohen Regionen.

Wer weiß, ob du nicht selber einst
          schuldlos und ohne Wissen
Das Werkzeug warst, mit dem die Noth
          sie tief hinabgerissen!
Vergiß auch nicht, was heute wir,
          die Schwachen, Wohlseinskranken,
Den starken Jüngern solcher Kunst
          an Hoffnungsrecht verdanken.

Du staunst mich an. So lerne denn
          den dunkeln Spruch verstehen.
Verkörpert sollst du den Beweis
          mit eig'nen Augen sehen
Und, froh der eig'nen Neugeburt
          zu fleckenlosem Glücke,
Es gönnen diesem jungen Stamm,
          daß ihn die Krone schmücke.

Genug des ungewohnten Worts.
          Des Vorhangs Faltenschleier
Bedecke mich nach einem Griff
          in meine gold'ne Leier,
Zum Zeichen, auch das letzte Bild
          alsbald zu offenbaren.
Ihr, meine Diener, fallet ein
          mit lustigen Fanfaren.«

Einen Akkord greifend verschwand Cäcilie. Das Orchester stimmte eine Galoppade an.

Auf dem gescheckten Pony, in eigens für ihn angefertigtem Sättelchen sitzend wie ein angewachsener Centaurenbrütling, setzte Loa in den Cirkus, bekleidet mit einer Nachbildung des Knabenanzuges, den sein Vater im ungefähr gleichen Alter getragen.

Entsetzt und eine Weile keines Wortes mächtig sprang der Graf empor.

»Bei Gott, ganz mein Lothar!« rief er dann aus, wandte sich aber sogleich rückwärts zu Hildegard und Arnulf, die inzwischen ihre Kostüme mit den eigenen Anzügen vertauscht und auf der Tribüne Platz genommen hatten. »Kinder, Kinder, ein gefährlich Spiel!«

Loa hatte sich durch die Szene auf dem Zuschauerplatze nicht stören lassen. Im Takte der Musik galoppirte er seine Runden und beachtete nur den in der Mitte stehenden Direktor und dessen Winke mit der Hand und der langen Stallmeisterpeitsche.

Jetzt gab der dem Orchester ein Zeichen. Es wechselte Takt und Tempo. Gleich fest und ruhig in der weit schwierigeren Gangart, ritt jetzt Loa in raschestem Trabe eine Acht, zuletzt sogar eine Doppelacht, ohne bei so kurzen und scharfen Wendungen etwas einzubüßen von der Gemächlichkeit und Anmuth seiner Haltung.

Die Musik verstummte. Alle Zuschauer auf der Tribüne, außer dem Grafen, riefen Bravo und applaudirten, und selbst die Musiker legten ihre Instrumente fort um zu klatschen.

Der Kleine hielt dicht vor der Tribüne. Der Pony kniete nieder. Loa ließ die Zügel fallen, zog aus der Brusttasche seines Jäckchens einen mit Papieren gefüllten Pergamentumschlag in Sedez und legte ihn auf das Tischbrett vor dem Sitz des Grafen. Dann streckte er bittend seine Aermchen aus und rief: »Großpapa!«

Den Cirkus durchschreitend, war Ulrich dicht neben ihn getreten.

»Herr Graf,« begann er feierlich, »da Sie jetzt nicht Alles lesen können, was dies Pergament einschließt, so glauben Sie, was ich mit heiligem Eide beschwören darf. Dieser Knabe, den schon Ihre Augen als Enkel erkannt haben, ist auch der Enkel des unglücklichen Mojenyi. Dessen Tochter, Karola von Mojenyi, genannt Arabella, dann vermählte und verwittwete Gräfin von Sebaldsheim, war ein edles, hochherziges und reines Weib. Nehmen Sie getrost als würdigen Erben an Ihr Herz den Sohn Ihres Lothar von einer Mutter, die mit bewundernswürdiger Tapferkeit echtesten Adel zu bewahren gewußt in den Gefahren eines Berufes, in welchen die Arme hinabzudrängen Sie selbst einst das schuldlose Werkzeug werden mußten. Erfüllen Sie nun ganz, was eine Vision mich vorahnen ließ, als zur endlichen Wiedervereinigung der lange geschiedenen Zweige unseres Stammes heilige Fügung uns zusammenführte in der Kirche zu Netstall.«

Der Großvater zog den Enkel zu sich herauf und an seine Brust.

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