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Die Sebalds. Zweiter Band. Exodus

Wilhelm Jordan: Die Sebalds. Zweiter Band. Exodus - Kapitel 15
Quellenangabe
typefiction
authorWilhelm Jordan
titleDie Sebalds. Zweiter Band. Exodus
publisherDeutsche Verlags-Anstalt
printrunDritte Auflage
year1904
firstpub1885
correctorreuters@abc.de
senderbruce.welch@gmx.de
created20150715
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Zweiunddreißigstes Kapitel.

Krachmann und Genossen.

 

Die neidische Nachtwelt war niemals müßig,
Das Wachsthum gen Walhall den Menschen zu wehren.
In die Pfleger des Heiligen pflanzte sie Herrschsucht
Und den Dünkel der Dummheit, die Deutung der Mären
Zu verbieten als Frevel, doch fraglosen Glauben
Für die Schale der Fabel schellend zu fordern.

Nibelunge.

 

Das hochgelegene Stadtschloß zu Meerfels, der älteste Stammsitz der landesherrlichen Familie, war seit Entthronung des letzten Fürsten Sitz der Provinzialregierung. Dem beigeordneten Konsistorium hatte man für seine Sessionen einen ovalen Saal überwiesen, der ehedem, wann der Hof sich hier aufhielt und die Einladungen zur Tafel sich auf den engsten Familienkreis beschränkten, als Speisezimmer gedient. Der Umfang war mäßig, die Höhe dagegen beträchtlich. Die Wände, früher mit Gobelins verhangen, waren seit Entfernung derselben mit nüchternem Hellgrau getüncht. Die Decke schmückten noch halbverblaßte Gemälde von bedenklicher Unangemessenheit für die Berathungsstätte einer geistlichen Behörde. Die dargestellten Szenen aus der antiken Mythologie gehörten alle zu einer sehr bestimmten Gattung. Da sah man eine Europa auf dem Stier, eine vom wolkenumhüllten Zeus geküßte Io mit wonnig verzücktem Antlitz, eine nackte Leda mit dem Schwan, eine im Versteck von tiefblau sie umthürmenden Meereswogen dem Poseidon hingegebene Tyro. Plastisches Geschnörkel im überladensten Rokokostil umrahmte die Bilder und die verschwenderische Vergoldung dieser Einfassung glänzte noch ziemlich unerblindet.

Hoch oben an einem Ende der Längsachse des elliptischen Raumes befand sich die Galerie für die Tafelmusik. Die weiland aus gediegenem Silber getriebene Brüstung hatte längst einer schwach übersilberten hölzernen weichen müssen. Gegenüber lag eine eben solche etwas geräumigere, früher bestimmt für die Getreuen vom Adel und der obersten Honoratiorenschaft, die man begnadigte mit einer Einladung zum – Zusehen. Denn selbst beim Solospeisen sich bewundern und beneiden zu lassen in ihrer Herrlichkeit, war einst der ziemlich allgemeine Brauch der Fürsten. Hier hatte man denselben bis in die jüngste Zeit fortgesetzt.

Auf dieser größeren Galerie stand heute in früher Vormittagsstunde als Fremdenführer der ehemalige »Oberschloßkastellan«. Ihm hatte die Regierung bei ihrem Einzuge zwar seine Kellerwohnung und seine mäßige Besoldung für den Dienst als Thürhüter und Besorger der Heizung und Säuberung belassen, dagegen zu seinem unverwindbaren Kummer den Gebrauch des alten Titels untersagt und den so klanglosen als nüchternen eines »Hausverwalters« aufgenöthigt. Das hinderte ihn jedoch keineswegs, den seines Erachtens der Person unverlierbar angeschmolzenen »Charakter« bei jeder Gelegenheit zu erwähnen. Nur seinen Vorgesetzten pflegte er auf die mißliebige Anrede stumm zu gehorchen. Jedem Anderen vergalt er dieselbe mit mürrischer Unwillfährigkeit bis zu geheuchelter Taubheit, die Beglückung mit dem alten Prädikat mit freudig hingebendem Diensteifer.

Der junge Mann und die beiden Damen neben ihm mußten sich hievon unterrichtet und ihn demgemäß in beste Stimmung versetzt haben. Nachdem er die Drei ehrerbietigst in den wenigen, noch zugänglichen Räumen des alten Schlosses umhergeführt, und das um so bereitwilliger, je spärlicher die Trinkgelder solcher Besuche seit Jahren flossen, hatte er seine stehenden Phrasen zur Erklärung der Bilder, der früheren Bestimmung des Saales und der beiden Galerien fertig aufgesagt, auch ausführlichst das letzte fürstliche Familienmahl geschildert, dem er als Oberschloßkastellan von hier aus zugeschaut.

»Jetzt, meine hochverehrten Herrschaften,« schloß er, seine dicke silberne Uhr ziehend, »jetzt dürfen wir uns hier nicht länger aufhalten. Es wird indem Zehn schlagen. Das Konsistorium hält heute eine außerordentliche Sitzung, ein sogenanntes Kolloquium mit einem widerspenstigen Pfarrer, wie das neuerdings öfters vorkommt. Der hohe Lehnstuhl am oberen Ende des grünen Tisches dort unten, uns gegenüber, ist für den Herrn Generalsuperintendenten, die beiden etwas niedrigeren Armsessel für die Konsistorialräthe, die vier Stühle mit Lederpolstern aber ohne Armlehnen für die Konsistorialassessoren, der Rohrstuhl am unteren Ende, uns zunächst, für den Angeklagten. Für den soll es allemal ein böses Zeichen sein, wenn der Herr Konsistorialpräsident höflich wird und ihm vom Pedellen das dort auf der Fensterbank bereit liegende Lederkissen anbieten läßt. Sehen Euer Gnaden, eben bringt der jüngste Konsistorialsupernumerarkanzelist das Schreibzeug für den protokollführenden Herrn Assessor und legt vor jeden der anderen Plätze etliche Bogen Papier nebst Bleistift. So wird es nun höchste Zeit, uns zurückzuziehen.«

»Sagen Sie, mein verehrtester Herr Oberschloßkastellan,« frug Arnulf leise flüsternd, »könnten Sie uns nicht vielleicht gestatten, hier, oder wenigstens in dem anstoßenden kleinen Gemach durch die halboffene, von unten gar nicht sichtbare Thür, die Verhandlung mit anzuhören?«

»Gnädigster Herr, wo denken Sie hin! Absetzung und ein halbes Jahr Gefängniß obendrein wäre das Wenigste, worauf ich dafür gefaßt sein müßte. Ja – in der alten guten Zeit, da hab' ich mehr denn einmal durch die Thür da Uneingeladene zuschauen lassen, wie Serenissimus speisten. Aber jetzt – eine geheime Sitzung des Konsistoriums, jetzt, unter dem neuen Regiment? Wenn jetzt der Aktenhefter Bindfaden, eine Nummer gegen Paragraph so und so im Kanzleireglement zu sein, oder ein Knäuel zu viel verwendet, oder ich vor dem fünfzehnten Oktober, und wären auch schon die Fenster mit Eisblumen bedeckt, wie das hier vorkommt, einen halben Stecken Holz verheize – wups, haben die Schikaneders im Rechenhof das aufgemutzt, und wir müssen blechen ohne Barmherzigkeit.«

»Es braucht's ja Niemand zu erfahren. Hängen Sie den alten Teppich da über die Brüstung. Wir versprechen lautlos still zu sitzen, wie die Mäuschen.«

»Gnädigster Herr, ganz, ganz unmöglich!«

»Ganz?« frug leise flüsternd die junge Dame in schwarzem, mit Schmelzperlen gesticktem Kaschmirkleide. »Auch wenn ich Ihnen, Herr Oberschloßkastellan, für alle Fälle ein einträglicheres Amt bei meinem Vater verbürge? Seinen Namen werden Sie gehört haben; er heißt Mendez.«

Dabei öffnete sie die Hand und ließ ihn vier oder fünf Doppelkronen erblicken. Diese und noch mehr der gehörte Name besiegten seine Bedenken. Doch führte er die Drei, den Teppich mitnehmend, durch einen langen und sehr niedrigen Gang auf die kleinere Musikantengalerie, die dem Vorsitzenden im Rücken lag, den übrigen Mitgliedern des Konsistoriums höchstens bei absichtlicher Wendung des Kopfes in die Augen fallen konnte und nur dem Vorgeladenen geradeaus in Sicht stand.

Nachdem unten der Generalsuperintendent, die Räthe und Assessoren ihre Sitze eingenommen, erschien auch Ulrich und ließ sich nieder auf dem ihm angewiesenen Stuhl gegenüber dem des Vorsitzers.

Letzterer war ein rundliches Männchen von weniger als Mittelgröße. Sein dünnes, noch durchweg schwarzes Haar trug er genau über der Mitte der niedrigen Stirn gescheitelt. Sein vollwangiges Antlitz ohne Spur von Bartwuchs war entschieden breiter als lang, etwa dem Vollmonde vergleichbar, wann ihm dicht über dem Saum der Erde die Strahlenbrechung den vertikalen Durchmesser zu verkürzen, den horizontalen zu verlängern scheint. Zur frauenhaft hellen und zarten, Wetter- und Sonnenscheu meldenden Farbe des Gesichts und dessen furchenlos unplastischer, fleischiger Glätte harmonirte ein stereotyp gewordenes süßliches Lächeln. Fromme Demuth und christliche Milde zu versichern bestimmt, ward es in dieser Aufgabe keineswegs unterstützt vom Ausdruck der kleinen, schmal geschlitzten, unstät beweglichen und listig lauernden Augen. Aus kurz und spärlich bewimperten Lidern lugten sie unter den noch weit dürftigeren, nahezu haarlosen und fast nur durch röthere Hautgrundirung angedeuteten Brauen so begehrlich verschmitzt und weltschlau hervor, daß ihr Eigner selbst sehr wohl wußte, den gewünschten Schein ascetischer Unempfänglichkeit für alle irdische Lust nur bewahren zu können mittelst der dafür angenommenen Gewohnheit, sie selten weiter als halb aufgeschlagen zu zeigen. Nur wann er eine besonders arge Auflehnung gegen einen Hauptparagraphen im Katechismus seiner Orthodoxie zu hören bekam, so namentlich gegen deren Rotationsachse, die Rechtfertigung allein durch den Glauben, dann pflegte er sein Entsetzen über die ruchlose Ketzerei und sein erschauderndes Mitleid, eine Seele so unrettbar auf ewig verloren zu wissen, in anderer Weise zu tragiren. Die Hände zum Zusammenschlagen über dem Kopf erhebend, riß er dann diese Aeuglein weit auf und drehte ihre Aepfel so weit nach oben, daß die Pupille und fast auch die Iris unsichtbar wurden.

Herr Sutor war der Sohn eines wohlhabend gewordenen Hofschuhmachermeisters. Schon auf der Universität hatte er die Mittelmäßigkeit seiner Begabung erfolgreich zu kompensiren gewußt mit auffällig zur Schau getragener Verehrung für den damals einzigen pietistisch hyperorthodoxen Professor der sonst noch durchweg mit Rationalisten oder duldsamen Anhängern Schleiermacher's besetzten theologischen Fakultät. Als er einst im Kolleg den Dekan einen bekannten Ausspruch des Zeloten widerlegen und derb verspotten gehört, hatte er sich von seinem Feuereifer für dessen strenge, jede freiere Richtung fanatisch verdammende Lehre zu zornigem Aufspringen, zu dem lauten Ruf, das sei ja ketzerisch und antichristlich, und zu demonstrativem Fortgehen – hinreißen lassen, wie man sich anfangs darüber ausdrückte, während es ihm bald darauf, und wohl mit besserem Recht, als schlaue Berechnung ausgelegt wurde. Mit der Dünkeldemuth und Büßerfreude eines Märtyrers erduldete er die dafür ihm auferlegte Karzerstrafe. Sie ward ihm versüßt durch Blumenspenden von zarter Hand und durch mehr leckere, von frommen Familien geschickte Mahlzeiten, als er zu bewältigen vermochte, ja, wie er selbst betheuerte, in einen Vorgeschmack der Seligkeit verwandelt durch den Besuch seines von Dank und Anerkennung überfließenden Leibprofessors und etlicher Pfarrer von gleich dunkelm Anstrich.

Fortan war seine Carrière gemacht. Mit feiner Vorwitterung hatte er den damals in der Luft liegenden, in den höchsten Regionen eben beginnenden Umschlag frühzeitig zu spüren gewußt und mit jener Pfiffigkeit, die nicht selten gerade den Talentlosen wie zum Ersatz in hohem Maße beschieden ist, »zu laufen verstanden«.

Sein Professor nahm ihn zum Amanuensis, ließ ihn aber aus keineswegs überflüssiger Vorsicht sein letztes Semester und das Kandidatenexamen auf einer andern Hochschule mit bereits purifizirter theologischer Fakultät absolviren. Da man dort den Mangel an Begabung gern übersah, wenn der fromme Eifer nur desto größer schien, und auf den Beweis gründlicher Kenntnisse weit weniger Werth legte, als auf die Schaustellung unerschütterlicher Festigkeit im Katechismus der Orthodoxie und eines unerschrocken aller modernen Philosophie und Naturwissenschaft trotzenden Schriftglaubens, bestand er mit einer glänzenden Censur. Bald darauf verschaffte ihm derselbe Professor eine Stelle als Mentor und Reisebegleiter des ältesten Sohnes eines mediatisirten Fürsten von hochgrädigem Pietismus. Mit diesem bestens empfohlenen Prinzen besuchte er die meisten Hauptstädte Europas, wußte sich in den Cirkeln der Diplomatie einen gewissen gesellschaftlichen Schliff anzueignen und sich bald einen Namen zu machen mit der oft wiederholten Beweisführung, daß nur mit der allerstrengsten Kirchlichkeit eine schattenlos loyale politische Gesinnung untrennbar und unerschütterlich verbunden sein könne.

Nach der Rückkehr von der großen Reise hatte ihn im Schlosse des Fürsten der genial angelegte, aber stark romantisirende Thronfolger auch persönlich kennen gelernt. Unmittelbar von seiner Tutorstelle ward er als Geistlicher und Lehrer an eine Kadettenanstalt berufen. Da fanden seine Leistungen als Dozent eines starren Dogmatismus die allerhöchste Anerkennung, während seine Predigten zu seinem Glück ziemlich unbeachtet blieben. Denn zum Kanzelredner fehlte ihm jede Anlage, vor Allem das Organ. Nur im Nahgespräch verstand er einen angenehmen und selbst gewinnenden Ton einzuhalten. Bei jedem Versuch, sich in weitem Raume verständlich zu machen, klappte seine wie fettbelegte Stimme in fistelndes Kreischen über und streifte dann so nahe an weibischen Diskant, daß man sich versucht fühlte, des glanzwangigen und bartlosen Sprechers unversehrte Mannheit anzuzweifeln.

Unmittelbar nach dem Regierungsantritt seines hohen Gönners erhielt er die Ernennung zum Pastor einer von jeher wenig besuchten Kirche der Hauptstadt und zugleich zum Assessor des dortigen Konsistoriums. Indeß auch als solcher war er zuletzt fast mißliebig geworden, seitdem mit einem abermaligen Regentenwechsel eine gesundere Richtung aufgekommen. Seine Berufung zum Generalsuperintendenten der neu erworbenen Provinz glaubten die Einen der Pietät des Monarchen für seinen Vorgänger zuschreiben zu sollen, wahrend Andere sie bezeichneten als »Hinausbeförderung treppauf«.

»Herr Konsistorialrath und Professor Kern,« wandte sich Sutor nach einigen Eröffnungsworten an den ihm links Zunächstsitzenden, »haben Sie die Güte, hier zu wiederholen, was Sie mir im Wartezimmer vorschlugen auf Grund der uns dort zu Theil gewordenen vertraulichen Mittheilungen des Herrn Hauptpastors Ulrich Sebald.«

»Meine Herren,« begann der Aufgerufene, »wir wissen jetzt, wie die Veröffentlichung der Osterpredigt unseres Herrn Amtsbruders in's Werk gesetzt worden ist: in gerichtlich verfolgbarer Weise. Sein Untergebener, vormals für einen Akt niederträchtiger Bosheit von der Universität in perpetuum und cum infamia relegirt, jüngst wegen versuchten Knabenraubes als Verbrecher flüchtig geworden, hat seine bedauerlicherweise nur zu lange geduldete Stellung als Küster mißbraucht, sie diebisch nachzuschreiben. Darauf hat ein Weltgeistlicher der katholischen Kirche, ein Jesuit, ein frecher Geschichtsfälscher und Verunglimpfer Luther's, diesen verworfenen Gesellen bestochen und die Drucklegung in Genf besorgt. Auch wonach wir zu fragen durchaus verschmäht, die infame Verleumdung der mitgedruckten Karrikatur, ist uns von Herrn Pastor Sebald freiwillig auf eine für ihn durchaus ehrenvolle Weise erklärt worden mit der Versicherung, daß binnen Kurzem die öffentliche Bestätigung seiner Angaben erfolgen solle. Ich nun erachte es so sehr unter der Würde dieser Behörde, einem gemeinen Racheplan und den dunkeln Absichten eines Feindes unserer Kirche mit Maßnahmen unsererseits dienstbar zu sein, daß ich beantrage, diese Predigt wie nicht vorhanden zu betrachten, obgleich der zum Colloquium Eingeladene die annähernde Uebereinstimmung des Pamphlets mit dem Inhalt seines Kanzelvortrages einräumt.«

»Ich,« entgegnete der Generalsuperintendent, »wenn ich auch das Verfahren nicht billigen will, ich kann die Motive des Geistlichen einer hochehrwürdigen Schwesterkiche weder so dunkel noch anfechtbar finden. Auch ist der Antrag des Herrn Konsistorialraths insofern bedenklich, als mit seiner Annahme schon ein Verzicht auf dies Kolloquium beschlossen wäre.«

»Dahin eben zielt auch mein Antrag,« bemerkte Kern.

»Ich bekämpfe diesen Antrag als kleingläubig und verwerflich!« rief mit dröhnender Stentorstimme der Pastor und Konsistorialassessor Krachmann, der weitberüchtigte Heißsporn der Orthodoxen. »Nicht uns steht es zu, der unergründlichen Weisheit des dreieinigen Gottes die Wahl seiner Mittel und Werkzeuge vorzuschreiben. Auch wenn er sich andere Verbrecher ausersieht, lästerliche Irrlehre an's Licht und zur Strafe zu ziehen, haben wir einfach zu gehorchen und zu richten.«

Nach ihm nahm das Wort der Geheime Oberkonsistorialrath von Weidenstamm, für den die Umwitzelung seines Namens in »Weit vom Stamm« landläufig geworden war; ein Mann, moralisch zerdrückt von dem Schicksal, der kleine Sohn eines großen Vaters zu sein, eines genialen und weltberühmten Gelehrten. Nicht edel genug angelegt für die stets schwierige Aufgabe dieses Looses, sich zu begnügen mit einer dunkleren Stellung und seines Namens auch bei mäßiger Begabung mit bescheidener Tüchtigkeit werth zu bleiben, war er einer wüthigen Verbitterung darüber anheimgefallen, daß man ihn auch als erwachsenen Mann immer nur beachtete und vorstellte als den Sohn seines Vaters. So mußte sein Hunger nach Auszeichnung, um auch Eigenbedeutung zu erwerben, schließlich ausarten in eine Art von Rachsucht gegen seinen Erzeuger. Wenn auch nicht Ruhm, so doch weite Genanntheit hatte er sich wirklich erworben, indem er sich in der Rolle eines intoleranten Finsterlings bei jeder Gelegenheit möglichst aufsehenerregend ausgespielt als Antipoden des längst verstorbenen Unsterblichen.

»Schlagen wir,« sagte er, »einen Mittelweg ein. Da der Herr Hauptpastor binnen Kurzem ohnehin zur Rechenschaft gezogen werden sollte wegen seiner unkirchlichen Amts- und Lebensführung, können wir davon absehen, seine sogenannte Predigt zum erklärten Leitfaden dieses Colloquiums zu nehmen. Prüfen wir unabhängig von ihr den Standpunkt, welchen der vorgeladene Herr innerhalb oder außerhalb der geltenden Theologie einzunehmen bekennt.«

»Demgemäß,« fiel Sutor ein, »beliebe der Herr Hauptpastor sich zunächst zu äußern über seine Auffassung des Gelöbnisses, mit dem er sich bei seiner Ordination auf die symbolischen Bücher und Bekenntnißschriften unserer Kirche verpflichtet hat.«

»Mit meiner Verpflichtung auf diese Schriften,« antwortete Ulrich Sebald, »habe ich gelobt, dem Grundgedanken der Reformation und der Richtung treu zu bleiben, in welcher sie unsere Kirche von der katholischen abgezweigt hat. Eben diese Treue verbietet mir, meine Predigt, Seelsorge und Amtsführung bestimmen zu lassen vom Wortlaut der Bekenntnißschriften. Ich befinde mich damit in Uebereinstimmung mit den Reformatoren selbst, die oft genug gewarnt haben vor solcher Mumifizirung des Glaubens; nicht minder mit den weltlichen Oberhirten unserer Kirche, so namentlich mit unseres Monarchen Vorfahren und Vorgängern im Regiment. ›In Gottes Sachen,‹ schrieb der Kurfürst Johann Sigismund an seine Landstände, ›gelten keine Reverse. Unverantwortliche Sünde wär' es, wenn wir dem heiligen Geist Thür und Thor sperren wollten, uns zu weiterer Erkenntniß in der göttlichen Wahrheit zu bringen. Der ehrgeizige Pfaff Jakob Andreae hat durch die formula concordiae nicht die Ehre Gottes zu befördern, sondern ein Primatum und lutherisches Papstthum einzuführen versucht.‹ Ein anderer, von demselben Hochmuthsteufel besessener Pastor, Simon Gedecke, wurde vom Bruder und Statthalter desselben Kurfürsten, Markgraf Johann Georg, ebenso kräftig abgetrumpft ›für sein anmaßliches Unterfangen, die Christenheit mit der formula concordiae zu blenden und ihr Menschentand aufzudrängen‹. Wer mich also binden will an den Wortlaut der Bekenntnißschriften, den klage ich meinerseits an der Rebellion gegen eine Grundordnung unseres protestantischen Staats, zugleich des Abfalls und der Rückkehr zu jener päpstlichen Anmaßung, von welcher Luther die deutsche Nation erlöste, als er unter Mitwirkung eines meiner Vorfahren die Bannbulle in die Flammen warf.

Doch es ist mir nicht unbekannt, daß auch Verfinsterungen jener heilvollen Erbweisheit unseres glorreichen Herrschergeschlechtes eingetreten sind. Die jüngste war dunkel und dauernd genug, um eben jene weiland so kräftig im Zaum gehaltenen herrschaftlüsternen Wiederanstreber der abgeschafften Hierarchie ihre Usurpation der Kirche fast vollenden zu lassen. Auch mußte die glücklich erneuerte Lichtzeit bisher so mußelos anderen Großthaten zum Heil der Nation gewidmet werden, daß die Festnagler des Menschengeistes immer noch geduldet sind in fast ausschließlichem Besitz einer Macht, welche sie jetzt um so hastiger ausnutzen, je besser sie wissen, wie bald ihre Frist auf immer abgelaufen sein wird.

Ich bilde mir daher nicht ein, mich vor dieser Behörde rechtfertigen und abwenden zu können, was sie längst beabsichtigt. Ich weiß ja, daß die Lehre der Geschichte die Leidenschaft der Gegenwart noch niemals fortgewarnt hat vom eingeschlagenen Irrwege. So lang' es einen zünftigen Priesterstand gibt, wird die tausendmal erfahrene Unmöglichkeit, einem Glauben Dauer zu erzwingen, die noch tausendmalige Wiederholung desselben Unterfangens nicht verhindern.

Nicht hier daher versuch' ich zu beweisen, wovon ich tief durchdrungen bin: daß mein Christenthum dem für die Gegenwart richtigen unvergleichlich näher steht, als das augenblicklich – vorschriftsmäßige.

Ich finde vielleicht Ihre Zustimmung für den politischen Glauben, dessen Kult ich begehe, und für die vaterländische Andacht, der ich Herz und Gemüth widme, wann ich hintrete vor ein Standbild der Germania. Da bin ich zweifellos überzeugt, sowohl vom wirklichen, lebendigen Walten des Wesens, das ich in Erz versinnbildlicht schaue, als von den heiligen Pflichten, die es mir als einem Sohn auferlegt. Fern aber bleibt mir natürlich der kindische Einfall, diese Göttin irgendwo in mir unsichtbarer Leiblichkeit als Einzelperson vorhanden zu wähnen.

Aber ich weiß, daß meine Herren Richter, einen, wie es scheint, ausgenommen, das Ansinnen genau derselben Zustimmung zu meinem Glauben an Gott und Christus entsetzt zurückweisen. Meine Versicherung, daß ich, im Gegensatz zu anderen sogenannten Freigeistern, keines unserer Dogmen für Unsinn, vielmehr jedes, sei es unserer Denk- und Redeweise auch noch so befremdlich, für den nothbehelflichen, einer vormaligen Stufe der Erkenntniß nicht unangemessenen Ausdruck einer Heilswahrheit halte, müssen Sie wohl für eitel Spiegelfechterei erachten. Mir war Jesus von Nazareth ein Mensch, geboren von einer Mutter und gezeugt von einem Vater wie wir. Der Glaube an einen in wachsender Herrlichkeit lebendigen Christus bleibt damit mir wohl vereinbar; doch nicht Ihnen. Sie dürfen ja keinen andern zugeben als den im Himmelsthronsaal leibhaft zur Rechten des Vaters sitzenden. Sie müssen ja mein demüthiges Einräumen, zur Erkenntniß des Allurwesens noch weit minder befähigt zu sein; als die Ameisen zum Begreifen der Menschheit, gleichbedeutend erklären mit einer Leugnung Gottes.

Eines aber kann ich: Ihnen erleichtern, was Sie für Amtspflicht halten. Das will ich thun, und mit Freude. Denn die es böse mit mir meinten, haben mir Wohlthat erwiesen. Ich hatte mich zu fest geklammert an ein altes Hans und eine Kirche, die mein Urahn gestiftet, in der meine Vorfahren Jahrhunderte als Geistliche gewaltet. Mit Wehmuth, aber dankbar gehorch' ich dem Zwange, anderwärts besser zu erfüllen, wozu ich berufen bin.«

»Was,« unterbrach Pastor Krachmann, »was meinen Sie mit Ihrem ironisch hochmüthigem Erbieten? Was wollen Sie uns erleichtern?«

»Ihr Urtheil, indem ich Sie mit bündiger Offenheit zwinge zu dem Spruch, gegen den in Ihnen allen heimliche Scheu vor der öffentlichen Meinung sich auflehnt. Auch Sie haben sich nicht ganz verschließen können vor der Weltkunde der Naturwissenschaften, die der sogenannten rechtgläubigen Theologie ihr Fundament unrettbar wegsinken ließ. Wiederholen Sie die alten Formeln und Sprüche noch so buchstäblich –: in Ihrem Bewußtsein flüstert dennoch eine unbeschweigbare Stimme, daß im gesetzmäßigen Kosmos kein Raum bleibt für das Wunder. Sei der Kopf noch so voll getrichtert mit Seminartheologie und noch so trunken gemacht mit Stolz auf ihre Unfehlbarkeit –: einige Tropfen sind doch mit hineingerieselt aus dem kühl ernüchternden Born der Erkenntnißlehre, die bescheiden die Unzulänglichkeit des menschlichen Geistes zum Begreifen des Unendlichen und Ewigen bewiesen hat und eingesteht, daß wir die unermeßliche Wirklichkeit nimmer auszudrücken vermögen und uns deßhalb in Betreff Gottes immerdar begnügen müssen mit dem schwachen Abglanz, den unsere Bilder und Gleichnisse von ihm spiegeln. Auch den Allerorthodoxesten, behaupt' ich also, ist ihre Bibelgläubigkeit schon erschüttert.«

»Rechnen Sie auch mich zu diesen Erschütterten?« frug Pastor Krachmann.

»Mit Ihrer gütigen Erlaubniß, ja. Sie werden, beispielsweise, schwerlich mit der Bibel behaupten, daß ein Esel hebräisch geredet, oder daß die Erde jemals eine Pause gemacht in ihrer Umdrehung, ohne nach augenblicklicher Ueberflutung selbst des Himalaya und der Kordilleren in tausend Splitter geborsten und verdampfend in den Weltraum hinausgestreut zu werden, – oder gar – falls Sie trotz Kopernikus noch dreist genug sein sollten, den ungeheuren Feuerball als Planeten um das von uns bewohnte Sandkörnchen laufen zu lassen – daß die Sonne, in diesem Umlauf mitten am Himmel stillstehend, ihren Untergang verzögert habe auf Josua's Gebet, um ihn den Sieg bei Gibeon ausnutzen zu lassen.«

»Ja, das thu' ich allerdings!« antwortete Krachmann laut und mit eherner Stirn. »Was wiegt mir euere Anatomie eines Eselskehlkopfes gegen die Allmacht Gottes, oder Kopernikus gegen des Schöpfers allereigenstes Wort in der heiligen Schrift! In der Bibel steht es; folglich hat Bileam's Esel geredet und die Sonne ist stillgestanden zu Gibeon und der Mond im Thal Ajalon.«

»Ebenso, Herr Kollega, meinen Sie natürlich,« warf Kern ein, »wie Homer die Rosse Achill's reden und Pallas Athene die Morgenröthe am Okeanos zurückhalten läßt für Odysseus und Penelope?«

»Diese Zwischenfrage,« versetzte Krachmann mit jenem Heldenmuth freiwilliger Beschränktheit, der sich auch das Erröthen siegreich abgewöhnt hat, »ersuche ich den Herrn Protokollführer verbotenus aufzunehmen für den hoffentlich nicht mehr fernen Tag, an welchem unser derzeitiger Kollege Kern auf dem Colloquiumrohrstuhl sitzen wird.«

Der Generalsuperintendent murmelte mit beschwichtender Handbewegung einige nur unten verständliche Worte. Er hatte Ulrich's Rede keinesweges mit Zeichen der Entrüstung begleitet. Vielmehr schien sein zufriedenes Lächeln beinahe Wohlwollen zu bedeuten in denselben Momenten, in denen er den Protokollführer durch Winke bestimmte, einen eben vernommenen Satz wörtlich niederzuschreiben. Es war seine Gewohnheit, bei solchen Glaubensgerichten dem Angeschuldigten mürrisch und selbst feindlich zu begegnen, so lang' er sich mit der Absicht, im Amte zu bleiben, gegen den Vorwurf der Unkirchlichkeit vertheidigte. Je deutlicher aber derselbe seinen Unglauben entweder aus ungeschicktem Redeeifer verrieth, oder absichtlich bekannte, desto freundlicher ward Herr Sutor. Schon hatte er den Pedellen bedeutet, Ulrich das Lederkissen auf den Rohrstuhl zu legen; denn dem geständigen Inkulpaten gegenüber pflegte er ausgesuchte Höflichkeit zu entwickeln.

»Haben Sie die Freundlichkeit, Herr Hauptpastor, mit Ihren höchst bemerkenswerthen Bekenntnissen fortzufahren,« sagte er jetzt verbindlich süß, und meinte: »Brich dir nun vollends den Hals!«

»Erlauben Sie mir,« hub Ulrich wieder an, »dem Wenigen, was ich noch zu sagen habe, eine Abbitte voranzuschicken. Sie, Herr Pastor Krachmann, hab' ich schwer verkannt. Ihr Bibelglaube ist unverwundbar gefeit gegen alle Wissenschaft. Sie haben heute ihrem Namen Unsterblichkeit erobert. Zur Buße meines Irrthums will ich Ihren Ruhm um so eifriger verbreiten helfen, je weniger ich ihn beneide. – Ich eile zum Schluß. – Daß mit meiner Gottesidee die bisherige Lehre von einer Erschaffung des Himmels und der Erde nicht vereinbar ist, brauche ich kaum noch hinzuzufügen. Ich glaube ferner zwar an eine stetige Menschwerdung Gottes und an die siegreichst entscheidende Förderung dieser Erlösung unseres Geschlechtes durch die gewaltige Persönlichkeit Jesu; aber ich kann seine wunderbare Geburt ohne menschlichen Vater nur gelten lassen als eine nachträgliche, ebenso schon oft vorher mit der Lebensgeschichte großer Männer vollzogene sagenhafte Verherrlichung. Meine Augen, meine Urtheilskraft bezeugen die Wiederkehr, die Verleiblichung, die Auferstehung Christi in der Christenheit. Aber das niemals Geschehene, die Wiederbelebung eines wirklich Gestorbenen, kann auch mit Jesu nicht geschehen sein. Ohne zu leugnen, daß auch damit einst erbauliche Gedanken, Gemüthserfahrungen und sittliche Wahrheiten ausgedrückt wurden, verwerf' ich ebenso die Niederfahrt in eine Hölle, die nirgend existirt und nirgend auch nur Vorstellungsberechtigung hat, als in Parabeln; ebenso die Auffahrt in einen Himmel, wie ihn sich nur die Weltunwissenheit über den Wolken auf einer mit Sternen bestifteten Krystallsphäre träumen konnte, wie ihn aber längst auch die allerdürftigste Kalenderkunde anzunehmen als sträfliche Ignoranz verbietet. Kurz, auch das sogenannte apostolische Glaubensbekenntniß erachte ich für längst unangemessen unserer Epoche, da es nur beleidigt mit der Zumuthung einer Heuchelei gegen besseres Wissen. – Ich darf nun wohl annehmen, für Ihren Bedarf genug gesagt zu haben.«

»Doch nicht ganz,« bemerkte der Geheime Oberkonsistorialrath von Weidenstamm. »Ich habe noch einige Fragen zu stellen. – Ist es wahr, daß der Herr Hauptpastor einem vornehmen Judenmädchen die verlangte Taufe verweigert hat?«

»Ja, nach dem Gesetz, da sie noch nicht mündig war und die Zustimmung ihres Vaters fehlte.«

»Ist es ferner wahr, daß er, der lutherische Geistliche, mit dieser Jüdin und ihrem Vater am Tage des jüdischen Passahfestes das Osterlamm gegessen hat?«

»Ja, ich habe nach dem Beispiel unseres Herrn und Heilandes, des Juden Jesus von Nazareth, das Osterlamm gegessen, und gleich ihm mit Juden, die ich hingeführt zur Erkenntniß, ungetaufte Christen zu sein.«

»Ist auch das wahr, daß der Nachkomme des Mitreformators Dietleib Sebald sich verlobt hat mit der ungetauften Jüdin und sich mit ihr zu verheirathen im Begriffe steht, ohne zuvor ihren Uebertritt zu verlangen?«

Ulrich sprang erregt auf, starrte den Frager an mit flammendem Blick und hatte schon ein heftiges Wort auf den Lippen. Doch er sank auf den Stuhl zurück und bedeckte sich die Augen mit beiden Händen.

Binnen wenigen Sekunden vollzog sich nun auch in ihm die Klärung, die sein vorgefaßter Plan für Arnulf und sein inniges, ihm auch hoffnungslos eine Art von Treuepflicht vorspiegelndes Gedenken an Hildegard so lange verzögert hatten. Er erinnerte sich des Gesprächs im Observatorium, zugleich der wie neckisch hingeworfenen Aeußerung des Bruders auf dem Wege zur Mutter. Er sah Cäcilie stehen vor dem Bettchen Loa's, hin und her blickend vom Gesichte des Knaben zu dem seinigen, und las jetzt nachträglich ihre Gedanken. Urplötzlich wußte er nun, sie zu lieben und von ihr geliebt zu sein. »Antworte die Wahrheit!« glaubte er sie sagen zu hören.

Hoch oben vor ihm, verborgen hinter dem Teppich, der die Brüstung der Galerie bedeckte, den Athem verhaltend bis zum Krampfgefühl, beide Hände gegen den Hals gepreßt, als fürchte sie, daß ihr Herz herausspringe, sagte sie das wirklich, wenn auch nur lautlos wünschend.

Ulrich erhob sich abermals und sagte ruhig, aber mit der ganzen Fülle seiner so mächtigen als wohllautenden Stimme:

»Ich hatte schon eine scharfe Antwort bereit auf die letzte, wohl kaum hieher gehörige Frage. Ich unterdrücke sie. Noch vor einer Minute durfte ich guten Gewissens mit unbedingtem Nein antworten. Ich darf es nicht mehr. Es ist nicht wahr, daß ich mich verlobt habe mit dem jüdischen Fräulein. Aber es kann wahr werden. Eben erst bin ich mir bewußt geworden, das innig zu wünschen, auch wohl hoffen zu dürfen. Und hier neben mir steht mein Ahnherr, der Mitreformator Dietleib Sebald, und befiehlt mir: ›Ja, führe heim das Weib, das Du liebst, ohne zu warten auf die symbolische Weihe ihres Uebertritts. Das bist Du Deinem Glauben schuldig als eine Beispielsthat von vielleicht ähnlich frommender Wirkung wie Luther's Ehebund mit einer Nonne.‹ – Bin ich nun entlassen?«

»Noch einen Augenblick bitt' ich zu verziehen, Herr Sebald,« rief der Generalsuperintendent. »Sie werden verstehen, warum ich Sie nicht mehr mit Ihrem Amtstitel anrede. Wir erwarten, daß Sie sich schon vor Empfang unseres Dekrets jeder Amtshandlung enthalten. Den ungefähren Inhalt unserer Entscheidung kann ich Ihnen schon jetzt mittheilen:

Völlig erloschen ist in Ihnen vom Christenthum das Grundbewußtsein: daß wir sündig sind durch und durch, unsere vielgepriesene Vernunft mitgerechnet; daß wir mit unserem eigenen Thun und Sein nichts Anderes verdienen, als die ewige Verdammniß; daß wir der Begnadigung theilhaft nur werden können, wenn wir die zürnende Gerechtigkeit der Ersten Person des dreieinigen Gottes auch für uns verwandeln in Barmherzigkeit und nachsichtige Vaterliebe, indem wir auch uns loskaufend zeichnen mit einem Sühnetröpfchen des kostbaren Opferblutes, das Er selbst in Zweiter Person als eingeborener Sohn und dennoch menschgewordener Jesus Christus für uns vergossen hat; daß es nur einen Weg gibt, aus diesem Blut auch für uns Rechtfertigung fließen zu lassen: den Glauben an die Offenbarung, deren Er uns in seiner Dritten Person als heiliger Geist gewürdigt hat. Diese Offenbarung mit der eigenen Vernunft begreifen zu wollen, ist der Grundirrthum, dem Sie unrettbar verfallen sind, diese Offenbarung zu verwerfen, weil das Sündeninstrument dessen gar nicht fähig ist, das schwere Vergehen, zu dem selbiger Irrthum Sie verführt hat. Die Offenbarung ist uns, soll uns nicht begreiflich sein. Unser einziges vor Gott erlangbares Verdienst besteht eben in der demüthigen Gefangengabe der Vernunft an den Glauben.«

»Credo, quia absurdum est,« warf Kern trockenen Tones dazwischen.

»So haben Sie,« fuhr Sutor fort, ohne sich beirren zu lassen, »in Ihren Ueberzeugungen völlig gebrochen mit der unwandelbaren Grundlage der Kirche Gottes auf Erden. Zu dem Unterfangen, diesen Glauben zu verdrängen mit einer entgegengesetzten Weltanschauung, darf Ihnen die Kanzel der evangelischen Kirche nicht länger zu Gebote stehen. – Jetzt ersuche ich Sie noch, das Protokoll zu unterzeichnen. Dann ist Ihre Anwesenheit nicht länger erforderlich.«

Als Ulrich nach vollzogener Unterschrift sich nochmals erhob, und nicht wie zum Fortgehen, rief Sutor mit scharfer Betonung des letzten Wortes:

»Sie sind entlassen.«

Mit gehobener Stimme entgegnete Sebald:

»Sie noch nicht, aber bald. Indem Sie zu richten glaubten, haben Sie selbst vor Gericht gesessen. Das Urtheil der obersten Instanz, der deutschen Nation, kann auch ich Ihnen vorhersagen: Eure Zeit ist um, der Beweis eurer Unerträglichkeit für die erwachsene Christenheit voll erbracht. Ihr wißt nicht mehr, was in der Welt vorgeht, noch wie weit die Erlösung schon gediehen ist. Ihr fordert Gefangengabe der Vernunft an die Offenbarung und merkt es nicht, daß eben Gottes Offenbarung es ist, was ihr zurücksperren wollt in Unvernunft. – Es ist mehr als ein boshafter Witz des Zufalls, was euch diese Stätte hier zugewiesen hat unter Deckenbildern, welche lauter antike Mythen von der Vermenschlichung der Götter in Göttersöhnen zur Darstellung sinnekitzelnder Szenen mißbrauchen. Dasselbe, was gegen die Kunst- und Naturreligion des jugendlich genialen Hellenenvolkes diese Gemälde verbrochen haben, indem sie umgelogen in aufdringlich derbe Wirklichkeit, was nur sinnige Gleichnißbehelfe sein sollten für dunkel geahnte Geheimnisse einer noch unerforschten Weltordnung: – dasselbe sündigt ihr gegen die bei Weitem tiefere und ernstere Symbolik, welche die Menschwerdung Gottes in der Christenheit forderte und vorahnen lehrte, als ihre Erfüllung noch nicht so weit erkennbar gediehen war wie in der Gegenwart. Ewige Glaubenswahrheit fälschet ihr um in einmalige unglaubliche Geschehnisse. Doch ihr selbst betreibet das schon mit Furcht und bösem Gewissen. Außer dem Schuldigen hab' ich euch Alle kopfschüttelnd erbleichen gesehen, als hier der Vernunft so dreist in's Gesicht geschlagen wurde mit dem redenden Esel und dem angehaltenen Uhrwerk des Sonnensystems. Aber Herr Krachmann ist nur noch konsequenter. Ihr thut dasselbe, indem ihr fortfahrt, das apostolische Bekenntniß vorzutragen, als glaubtet ihr mit Haut und Haar, was ihr längst nimmer glauben könnet. Nicht aufhören zu dürfen mit solchem Vorgeben ist euer tiefes Elend, ist Dante's außen vergoldeter, unablegbarer Mantel von erdrückendem Blei. Mich verurtheilen zu müssen für die verweigerte Heuchelei, ist eure Selbstverurtheilung. Das Achselzucken, mit dem die Besten der Nation sich von euch abwenden, sagt euch, wie die Hölle heißt, in der ihr euch heute schon befindet.«

Langsam schritt er hinaus. Kern folgte, nahm seinen Arm und hielt ihn in den Korridoren eine Weile fest zu freundschaftlichem Gespräch. So konnten Arnulf, Hildegard und Cäcilie unbemerkt von ihm den Gasthof erreichen.

Vor der Thür seines Zimmers sah sich Ulrich von seinem Bruder empfangen.

»Du hier?« rief er froh erstaunt, als ihm Arnulf glückwünschend die Hand drückte.

»Ich war Zeuge Deines Triumphs. Nicht allein. Komm' in unsern Salon. Dort erwarten Dich …«

»Wer, wer?«

»Komm' und sieh'!« sagte Arnulf, den wie Festgewurzelten fortziehend.

»Herzensbruder, ich befinde mich ohnedies in argem Geistesaufruhr. Bitte, keine Ueberraschung! Wer erwartet mich?«

Erst vor der Flügelthür zu den drei besten Gemächern im ersten Stock, indem er sie weit aufdrückte, gab Arnulf Antwort:

»Meine Braut und die Deinige.«

Ulrich sah eine hohe Frauengestalt in demselben hellgrauen Wanderkleide, in welchem er sie einst im Gletscherspalt in seinen Armen gehalten, gemessenen Schrittes, eine kleinere in schwarzem, mit Schmelzperlen besticktem Kaschmiranzug desto hastiger, fast springend und mit ausgebreiteten Armen auf sich zukommen.

Dann sah er eine Weile gar nichts. So fest Brust an Brust und Gesicht an Gesicht preßte den Umhalsten Cäcilie und so ungestüm schloß sie ihm nicht nur den Mund, sondern auch die Augen mit ihren Küssen.

Dann schob sie ihn, ohne seine beiden Hände loszulassen, auf doppelte Armeslänge von sich fort in bessere Sehweite und sagte durch Thränen lachend:

»Siehst Du, nun hat Dich doch trotz der schönen Stammcousine die kleine schwarze Dukatendame erobert. Nachdem Du selbst uns vor dem hochweisen Konsistorium proklamirt als Verlobte, brannt' ich vor Ungeduld, mein Brautrecht auszuüben. Nun aber laß ich Dich los. Denn sieh', da steht noch Eine mit Armen, weit offen für den Erbaumeister. Ihr zwei superkluge, aber so lange närrisch blinde Brüder nehmt euch hoffentlich ein Exempel an uns Frauenzimmern. Wisset, daß wir feierlichst alle Eifersucht verschworen haben. So leg' ich selbst Dich in Hildegard's Arme. Wie nun ich Deinen Bruder, so küsse Du seine Braut, unsere Schwester.«

»So gehören wir nun dennoch,« sagte Hildegard, »in Liebe für's Leben zusammen.«

»Und vier Königskinder,« vollendete Ulrich, »sind glücklich zusammengekommen über scheinbar unwegsame Tiefen.«

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